Australia: Eukalyptusfeuer - Laura Walden - E-Book

Australia: Eukalyptusfeuer E-Book

Laura Walden

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Beschreibung

Zwischen dunkler Vergangenheit und leuchtender Hoffnung Australien, 1895: In den weiten Eukalyptusfeldern der Blue Mountains rettet die junge Scarlet Parker einem attraktiven Fremden das Leben. Schon bald entfacht die Begegnung zwischen ihr und Daniel eine Liebe, wild und unbändig wie die Natur ihrer Heimat. Aber ihr Glück steht unter keinem guten Stern, denn Daniels Vater ist niemand Geringeres als William Bradshaw, der Scarlets Familie einst unsägliches Leid zufügte. Als auch noch Scarlets eifersüchtige Schwester Ava alles daran setzt, die Liebenden zu entzweien, scheint bald jede Hoffnung verloren. Doch inmitten des Umbruchs in Australien mit all seinen Gefahren und Chancen ist Scarlet fest entschlossen, ihre große Liebe nicht kampflos aufzugeben … Der zweite Band der fesselnden Familiensaga »Australia« von Laura Walden. Im dritten Band, »Traumgesang«, drohen die beiden Cousinen Klara und Alice an Eifersucht und Missgunst zu zerbrechen – können sie wieder zueinander finden? Alle Bände der Reihe: Band 1: Australia – Goldzeit Band 2: Australia - Eukalyptusfeuer Band 3: Australia – Traumgesang Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.  

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Seitenzahl: 716

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

eBook-Neuausgabe April 2026

Dieses Buch erschien bereits 2015 unter dem Titel »Eukalyptusfeuer« bei LYX, verlegt durch EGMONT Verlagsgesellschaften mbH,

Gertrudenstr. 30-36, 50667 Köln

Copyright © der Originalausgabe 2015 bei EGMONT Verlagsgesellschaften mbH

Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die AVA international GmbH Autoren- und Verlagsagentur, München.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (ah)

 

ISBN 978-3-96898-388-2

 

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people . Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

 

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Laura Walden

Australia: Eukalyptusfeuer

Roman

 

THE BLUE MOUNTAINS A SONG OF AUSTRALIA

 

Over the Blue Mountains

The sun at evening went;

And there was nought beyond them,

And we were well content.

 

Yet, over the Blue Mountains,

As birds at evening may,

Though there was nought beyond them,

Our dreams began to stray.

 

The Southern Cross came riding,

Like Gabriel overhead,

Up to the shining summits;

We followed where it led.

 

We left the world behind us –

The mists of time unfurled.

And over the Blue Mountains

ee found a greater world.

 

Musik: Sir Edward Elgar,

nach einem Gedicht von

Der Duft von Eukalyptus, ...

 

... der durch die Wälder der Blue Mountains weht, ist einzigartig auf der Welt. Genau wie der feine blaue Nebel, der durch die ätherischen Öle erzeugt wird, die die Blätter der Eukalyptusbäume ausdünsten. Dieser Nebel hat dem Gebirge seinen Namen gegeben.

Einst abgelegen und unerreichbar lebten auf diesem malerischen Flecken Erde die Aborigines, bis es den weißen Entdeckern gelang, die bis dahin als unpassierbar geltenden Blue Mountains zu überqueren. Danach ging alles sehr schnell mit der Erschließung der einstigen Barriere vor dem Inneren des roten Kontinents: Straßen wurden gebaut, Weiße angesiedelt, und mit der Fertigstellung einer Eisenbahnlinie wurden die Blauen Berge auch für die wohlhabenden Bürger aus Sydney eine beliebte Gegend, in der sie sich Ferienhäuser errichten ließen. Dies bot sich geradezu an, beginnen die Ausläufer der Blue Mountains doch bereits sechzig Kilometer westlich von Sydney. Auf diese Weise konnten die Städter vor der brütenden Sommerhitze der Stadt in die angenehme Luft der Berge flüchten.

Die traumhaften Wälder der Blue Mountains können indessen zur tödlichen Falle werden, wenn sich die Eukalyptusbäume entzünden. Nach besonders heißen Tagen in den Bergen bedarf es nur eines Blitzschlags, um ein rasendes Inferno auszulösen. Denn die ätherischen Öle, die für den einzigartigen Duft sorgen, heizen ein Feuer erst richtig an. Sie wirken wie ein Brandbeschleuniger. Dann überrollen heiße Feuerwalzen, vor denen weder Mensch noch Tier sicher sind, die Blue Mountains. Doch schon wenige Monate nach einer solchen Katastrophe zeigen sich die Bäume wieder in alter Schönheit, und die Wälder sind grüner denn je. Ein Wunder der Natur, das man sich lange nicht erklären konnte. Inzwischen ist das Geheimnis des Eukalyptusbaums gelöst: Die Bäume verlieren bei den Feuern zwar einen Teil ihrer Rinde, aber sie sterben nicht, sondern das Gegenteil ist der Fall. Die unter der Rinde am Inneren des Stammes schlummernden Keimlinge erwachen überhaupt erst zum Leben, wenn sie durch Hitze aktiviert werden. Auf diese Weise werden junge Knospen produziert. Das scheinbare Verderben durch die Eukalyptusfeuer schafft also gleichzeitig neues Leben.

Von den Häusern der Städter bleibt indessen nicht mehr übrig als ein Haufen Asche, wenn sie einem solchen Feuer zum Opfer fallen. Deshalb ist die Angst vor dem alles verzehrenden Feuer ein ständiger Begleiter der Sommerfrischler. Wie für die Familie Parker, die sich alljährlich zum Weihnachtsfest in ihrem Haus nahe bei Wentworth Falls trifft, um die Ferien gemeinsam in der Abgeschiedenheit auf »ihrem Berg« zu verbringen. So auch in diesem Jahr, 1895, in dem die Geschichte ihren Lauf nimmt.

Wie immer freuen sich Annabelle, ihr Mann Walter und die beiden Töchter darauf, bis weit ins neue Jahr hinein mit ihrer ganzen Familie in dem kleinen Paradies beisammen zu sein. Von überall reisen sie zu diesem Anlass an. Aus Melbourne und Sydney kommen sie, um gemeinsam die freie Zeit zusammen in der Bergluft zu genießen. Es sind stets friedliche und geruhsame Tage. Tage, die ihnen Kraft geben für die Anforderungen, die das neue Jahr für sie bereithält. Wer kann ahnen, dass die Idylle in diesem Jahr schon bald ein jähes Ende finden soll?

1. TEIL

Kapitel 1

 

Es war ein ungewöhnlich heißer Dezembertag. Die Sonne brannte vom stahlblauen Himmel herunter und tauchte das Ferienanwesen der Parkers in gleißendes Licht. Wentworth Paradise, wie Annabelles ältere Tochter Scarlet das weiße Holzhaus mit den blau gestrichenen Balken und den drei Veranden getauft hatte, lag zwei Meilen außerhalb des kleinen Ortes Wentworth Falls auf einem Berg, von dem aus man eine traumhafte Sicht bis zu einem gigantischen Wasserfall auf der anderen Seite der Schlucht hatte. Annabelle und ihr Mann Walter hatten sich vor nunmehr zehn Jahren entschieden, dieses Grundstück zu kaufen, weil Wentworth Falls an der Blue Mountain-Eisenbahnlinie lag, die von Sydney in die Berge führte und den Ingenieuren bei ihrem Bau einst wahre Kunststücke abverlangt hatte.

Annabelle hatte die anderen Familienmitglieder bereits nach dem Frühstück aus der Küche gescheucht, weil sie es sich nicht nehmen ließ, den Truthahn für den heutigen Abend nach ihrem eigenen Rezept und ohne Hilfe ihrer Töchter, ihrer Mutter oder ihrer Schwiegermutter zuzubereiten. Dabei war sie ansonsten alles andere als ein Hausmütterchen. Im Gegenteil, Annabelle Parker war eine streitbare Kämpferin für die Rechte der Frauen und ein Gründungsmitglied der Womanhood Suffrage League, deren Mitglieder sich besonders für das Frauenwahlrecht in New South Wales stark machten. Ihre Jugendfreundin und Schwägerin Myriam, die Frau ihres Bruders George, war ebenfalls eine glühende Kämpferin in Sachen Frauenrechte geworden. Das schweißte die alten Freundinnen nur noch enger zusammen. Annabelle und Myriam hielten Vorträge zu dem Thema und waren unermüdlich auch in der Praxis damit beschäftigt, Frauen das Leben in der männerdominierten Gesellschaft leichter zu machen.

Es machte Annabelle wenig aus, von einigen männlichen Bekannten ihres Mannes und deren Ehefrauen hinter ihrem Rücken als Blaustrumpf verspottet zu werden, solange Walter sie in ihrem Engagement unterstützte. Er war Kongressabgeordneter im Parlament von New South Wales und sehr einflussreich. Sie konnte jederzeit auf seine Unterstützung zählen. Ihr größtes Ziel war es, das Frauenwahlrecht zu erkämpfen, wie es ihre Mitstreiterinnen in der Kolonie South Australia gerade sehr erfolgreich versuchten. Dort schien es nur noch eine Frage von Monaten zu sein, bis sie am Ziel ihrer Wünsche waren.

In der Kolonie New South Wales würde es nach Annabelles Einschätzung noch eines längeren Kampfes bedürfen. Der Weihnachtsbraten aber war seit Jahren schon ihre Domäne, und sie zelebrierte die Zubereitung dieses Festmahls mit großer Begeisterung. Zu Hause in Sydney hatte sie eine Haushaltshilfe und eine Köchin, aber die bekamen jedes Jahr zu den Weihnachtsferien frei, um zu ihren eigenen Familien zu reisen. Im Urlaub war die streitbare Annabelle Hausfrau mit Leidenschaft. Walter sah dies mit gemischten Gefühlen. Er fand, sie könnte zumindest ihren Töchtern eine gewisse Mithilfe abverlangen, aber das war ihr viel zu anstrengend. Für die siebzehnjährige Scarlet war es eine Selbstverständlichkeit, ihrer Mutter zur Hand zu gehen, ganz im Gegensatz zu der ein Jahr jüngeren Ava, die es als unter ihrer Würde betrachtete, sich im Haushalt nützlich zu machen. Annabelle hatte wenig Lust, in diesem Punkt erzieherisch auf ihre Jüngere einzuwirken. Um für ein wenig Gerechtigkeit zu sorgen, ermutigte sie stattdessen lieber Scarlet, die freien Tage ebenfalls zu genießen und ihren Interessen nachzugehen.

Unterschiedlicher können zwei Töchter gar nicht sein, dachte Annabelle mit einer gewissen Wehmut, während sie gedankenverloren aus dem weit geöffneten Küchenfenster auf die Veranda und den Garten hinausblickte, wo es sich die Familie nach dem Frühstück bequem gemacht hatte. Scarlet war in ein intensives Gespräch mit ihrer Großmutter verwickelt. Die beiden verstanden sich blendend. Kein Wunder, Scarlet kam von ihrem Äußeren ganz nach Granny Vicky, wie die Mädchen Annabelles Mutter nannten. Sie war groß, schlank, blond und hatte manchmal etwas Wildes und Ungestümes an sich. Es hieß, genauso wäre Vicky in ihrer Jugend gewesen. Wenig damenhaft und überhaupt nicht kapriziös, sondern eher burschikos und sehr mutig. Schon in ihrer Kindheit hatte sich Scarlet so manche Kämpfe mit den Nachbarjungs geliefert und war schließlich vollwertiges Mitglied einer eingeschworenen Freundesclique von Jungen geworden. Ganz im Gegensatz zu Ava, die sich bereits in frühen Jugendtagen gern darin gesonnt hatte, von sämtlichen Burschen angeschwärmt zu werden. Sie war eine außerordentliche Schönheit mit ihrem vollen, dicken schwarzen Haar und dem bronzefarbenen Teint, den sie von Annabelle geerbt hatte.

Als sie selbst noch ein Kind war, hatte sich Annabelle oft gefragt, woher ihr exotisches Aussehen stammte, bis sie eines Tages erfahren hatte, dass ihr leiblicher Vater gar nicht der Ehemann ihrer Mutter, der hellhäutige Frederik Bradshaw, war, sondern der dunkelhaarige Jonathan, die große Liebe ihrer Mutter, der Mann, den Vicky erst nach Frederiks tragischem Tod geheiratet hatte. Mit einem zärtlichen Gefühl betrachtete sie die Silhouette ihres Vaters, der in einem der Liegestühle lag und las. Sein einst dunkles Haar war mittlerweile ergraut, aber er war immer noch eine imposante Erscheinung. Es erschien ihr immer noch wie ein Wunder, dass sie diesen Mann noch hatte kennen und lieben lernen dürfen, obwohl die Hochzeit zwischen ihrer Mutter und ihrem einstigen Liebhaber die Familien unwiderruflich entzweit hatte.

Seufzend wandte sich Annabelle wieder ihrem Truthahn zu und würzte ihn mit ihrer speziellen Mischung. Die Kräuter hatte Scarlet für sie in den Bergen gesammelt. Ihre ältere Tochter brannte für die Naturwissenschaften und wollte am liebsten Forscherin werden. Sie besuchte eine höhere Töchterschule in Sydney und hatte durchweg gute Noten. Ganz im Gegenteil zu Ava, die nur in den musischen Fächern glänzte und dafür eine unvergleichliche Stimme besaß. Annabelle hoffte, dass sie den Schulabschluss schaffen würde, um danach nach Adelaide zu gehen und dort Musik zu studieren.

Walter war gar nicht begeistert von der Aussicht, dass seine Tochter zur Ausbildung aus Sydney fortgehen wollte, aber Annabelle förderte sie bei ihren Plänen, denn ihr war der akademische Abschluss ihrer Tochter wichtig. Und dies war nur in Adelaide möglich, während Walter meinte, sie könnte privaten Gesangsunterricht in Sydney nehmen, zumal sie bestimmt früh heiraten würde. In diesem Punkt waren sich Mutter und Tochter allerdings so einig wie selten. Es musste die Universität sein, auf der sie einen anerkannten Abschluss machen konnte.

Noch einmal ließ Annabelle den Blick zu ihren Lieben schweifen. An einem Tisch im Schatten saß ihre Schwiegermutter Martha, die beste Freundin ihrer Mutter, mit ihrem Mann Edward. Sie spielten Karten mit ihrer Tochter Myriam und mit Annabelles Bruder George. Mit dabei war auch Victoria, die ihre Mutter Vicky adoptiert hatte, nachdem Victorias Mutter Meeri, eine junge Aborigine-Frau, bei der Geburt gestorben war. Sie war nur ein Jahr älter als Scarlet. Wenn man nicht wüsste, dass Victoria Aborigine-Gene besaß, man hätte ihr nicht angesehen, dass sie ein »Mischling« war, wie man solche Kinder zu bezeichnen pflegte. Annabelle mochte diesen Begriff nicht gern, weil er sie an Hundewelpen erinnerte, aber es gab kaum eine sprachliche Alternative. Bei Victoria waren jedenfalls die Gene des Vaters durchgeschlagen. Immer wenn Annabelle an diese gruselige Geschichte dachte, fröstelte es sie trotz der Hitze, die sich auch in der Küche langsam ausbreitete. Meeri war einst von einem weißen Farmer vergewaltigt worden, aber davon ahnte Victoria nichts. Vicky war der Meinung, dies sollte der jungen Frau besser verschwiegen werden. Das Einzige, was Victoria über ihre Herkunft wusste, war die Tatsache, dass ihre Mutter Meeri eine Aborigine gewesen war und der junge Mann, der sie angeblich geschwängert hatte, kurz danach spurlos verschwunden war. Annabelle hegte zwiespältige Gefühle gegen diese Art der Lügen, selbst wenn sie dem Schutz eines Menschen dienten. Hatte sie nicht am eigenen Leib erfahren, wie schwer Familiengeheimnisse auf der Seele lasten konnten? Es war damals nicht einfach gewesen, als sie ungefähr in Victorias Alter hatte erfahren müssen, dass Frederik Bradshaw gar nicht ihr leiblicher Vater und Amelie und George nur ihre Halbgeschwister waren. Doch hatte es nicht auch etwas Erleichterndes gehabt, endlich die Gewissheit zu bekommen, dass ihr Gefühl, es gäbe da irgendein dunkles Geheimnis um ihre Herkunft, sie nicht getäuscht hatte? Wie oft hatte sie sich während ihrer Kindheit mit der Frage gequält, ob sie nicht in Wahrheit womöglich eine adoptierte Aborigine war.

Annabelle versuchte, die schweren Gedanken abzuschütteln. Um in düsteres Grübeln zu verfallen, sind dieser Tag und die Tatsache, dass wir alle gemeinsam und so friedlich in Wentworth Paradise zusammengekommen sind, viel zu schade, sagte sie sich entschieden. Doch dann blieb ihr Blick an Ava hängen. Die junge Frau saß allein ganz hinten im Garten unter einem großen Baum und träumte vor sich hin. Sie scheute jeden Sonnenstrahl, denn ihre wunderschön schimmernde Haut, die sie für die Herren der Schöpfung unwiderstehlich machte, war ihr ein Gräuel. Sie achtete peinlich genau darauf, in der Sonne nicht womöglich noch dunkler zu werden. Was ihr wohl gerade durch den Kopf geht, fragte sich Annabelle, denn ihrem verkniffenen Gesichtsausdruck nach zu urteilen dachte sie nicht an etwas Schönes.

Annabelle zwang sich, den Blick abzuwenden und sich stattdessen erneut dem Truthahn zu widmen. Wenn sie ihn mit den Kräutern eingerieben und die Füllung zubereitet hätte, würde sie sich zu ihrer Familie gesellen. Das Essen würde es erst am Abend, wenn es draußen kühler geworden war, geben. In der Zwischenzeit konnte der Truthahn die Würze der Kräuter annehmen.

Annabelles Gedanken schweiften kurz zu ihrem Mann Walter ab. Er hatte die letzten Tage noch an Sitzungen des Parlaments in Sydney teilnehmen müssen und würde erst gegen Mittag wieder in Wentworth Falls eintreffen. Er arbeitet zu viel, dachte sie seufzend, als die Tür vorsichtig geöffnet wurde.

»Störe ich?«, fragte Vicky ihre Tochter. »Ich werde auch nicht fragen, ob ich helfen darf«, fügte sie hastig hinzu.

»Setz dich nur. Ich bin gleich fertig. Du hast dich ja anregend mit Scarlet unterhalten, wie ich von meinem Beobachtungsposten aus gesehen habe.«

Vickys Miene erhellte sich. »Ach, ich fühle mich ihr so nahe, dass ich immer achtgeben muss, unsere große Vertrautheit Ava nicht zu stark spüren zu lassen. Ich habe im Gespräch mit Scarlet manchmal das Gefühl, ich höre mich als junge Frau reden.«

»Kein Wunder, ihr habt die gleiche Stimme. Und seht aus wie Schwestern.«

»Ach, meine Süße, willst du einer alten Frau schmeicheln? Das letzte Mal, dass ich so ausgesehen habe, war ich noch keine zwanzig. Schau mich nur an: grau, wohin das Auge blickt.« Sie schüttelte zur Bekräftigung ihr immer noch volles Haar.

»Du bist das, was ich als alterslos bezeichnen würde. Die Falten in deinem Gesicht muss man mit der Lupe suchen. Ich frage mich immer, wie du das machst. Ist das die späte Ehe mit meinem Vater, die dich jung hält?«, lachte Annabelle, doch Vickys Miene hatte sich merklich verdüstert.

»Ist was mit Vater? Du schaust so besorgt.«

Vicky wand sich. »Nein, nein, alles gut, er ist nur manchmal ein wenig müde in letzter Zeit, und du kennst ihn ja. Niemals würde er zum Arzt gehen.«

»Ja, vielleicht nicht zu einem fremden Arzt, aber doch zu George.«

Vicky hob die Schultern. »Er tut so, als würde ich das nicht merken. Vielleicht spreche ich George mal diskret darauf an, aber es ist ... also, ich möchte unbedingt vermeiden, dass Vater das zu Ohren kommt, damit er sich nicht unnötig aufregt. Ich weiß nur nicht, wie ich das vor ihm verheimlichen kann ...«

Annabelle setzte sich neben ihre Mutter und streichelte ihr aufmunternd über die Hand, die immer noch aussah, als würde sie zu einer jungen Frau gehören. »Du sprichst in Rätseln. Willst du nicht wenigstens mir sagen, was du vor Vater zu verbergen versuchst?«

»Nur, wenn du es für dich behältst«, entgegnete Vicky.

Annabelle verdrehte genervt die Augen. »Mutter, Mutter, du mit deiner Geheimnistuerei. Ich weiß ja, du meinst es gut, willst uns alle wie eine Glucke beschützen, aber manchmal ist es besser, offen mit der Wahrheit umzugehen ...«

»William Bradshaw und Claire sind zurück aus Neuseeland. Sie haben sich in der Nähe von Melbourne eine Farm gekauft.«

Annabelle schlug vor Schreck die Hände vors Gesicht. »Oh Gott, nein, das bringt ihn um, aber es ist doch nur eine Frage der Zeit, wann Vater davon erfährt.«

»Ich weiß, aber ich kann es ihm nicht sagen. Nicht jetzt, wo er so schwach ist.«

»Wie kann diese Ratte William es wagen, je wieder einen Fuß auf australischen Boden zu setzen? Nach allem, was er verbrochen hat!«, stieß Annabelle empört hervor. Sofort kam ihr die Erinnerung hoch an den Tag, an dem sie den leeren Sarg zu Grabe getragen hatten, weil Frederik Bradshaw auf seiner Rückkehr von Neuseeland nach Australien bei Sturm über Bord des Schiffes gegangen war und es keine Leiche gegeben hatte. Damals, als sie noch geglaubt hatte, der Mann, der ihr so viel Liebe geschenkt hatte, wäre ihr leiblicher Vater. Und als solchen hatte sie ihn auch geliebt, und er würde immer einen Platz in ihrem Herzen behalten. Dass er von Anfang an gewusst hatte, dass sie nicht sein Kind war, und ihre Mutter gerade deshalb geheiratet hatte, damit sie einen Vater bekam, weil eine Ehe mit Jonathan damals nicht möglich gewesen war, würde sie ihm nie vergessen. Sosehr sie Frederik geliebt und verehrt hatte, sosehr hatte sie seinen Sohn William aus erster Ehe verabscheut. Er war zehn Jahre älter als sie und ein durch und durch niederträchtiger Mensch. Annabelle ballte die Fäuste bei dem Gedanken daran, wie William sich damals als Alleinerbe präsentiert und Vicky, George, Amelie und sie aus Frederiks Haus geworfen hatte. Und sofort stand ihr vor Augen, wie dieser grausame William sie ihre gesamte Kindheit und Jugend über drangsaliert und seine Stiefmutter Vicky mit seinem unversöhnlichen Hass verfolgt hatte. Und wie er seinen Triumph ausgekostet hatte, als er ihnen das offensichtlich gefälschte Testament zu seinen Gunsten präsentiert hatte. Am schlimmsten aber war dieser schreckliche Verdacht, dass William seinen Vater über Bord des Schiffes gestoßen hatte, als der ihn wegen seines schwierigen Charakters nach Neuseeland hatte fortloben wollen, indem er ihm die Leitung der dortigen Handelshausfiliale antrug. George und Vicky waren fest davon überzeugt, dass er es getan hatte. Annabelle aber hatte es nie ganz glauben wollen, dass ein Mensch, selbst wenn er derart boshaft war wie William, nicht davor zurückschreckte, seinen eigenen Vater aus dem Weg zu räumen.

»Weiß George es schon?«, fragte sie mit bebender Stimme.

Vicky schüttelte den Kopf. »Ich habe Sorge, er tut etwas Unüberlegtes.«

Annabelle teilte die Angst ihrer Mutter. George hatte William nämlich damals gedroht, er würde ihn vor Gericht zerren und nicht ruhen, bis man ihn hinter Gitter gebracht hatte. Daraufhin hatte ihr Stiefbruder alle Zelte in Australien abgebrochen und war mit seiner jungen Frau nach Neuseeland geflüchtet. Für Vicky und George ein klares Schuldeingeständnis. Und nun traute er sich nach über zwei Jahrzehnten wieder nach Melbourne. Warum? Mord verjährt nicht! Ach, wie gut Annabelle verstehen konnte, dass Vicky danach trachtete, George und vor allem ihrem Vater Williams Rückkehr nach Australien zu verschweigen, war doch Williams Ehefrau keine Geringere als Jonathans Tochter Claire, die den Kontakt mit dem Vater seit ihrer Hochzeit mit William vollständig abgebrochen hatte. Annabelle wusste, dass dies ein weiterer Grund war, warum Jonathan sie mit Liebe geradezu überschüttete, hatte er doch damals fast gleichzeitig eine Tochter verloren und eine gewonnen.

»Verflixt, was machen wir jetzt?«, seufzte sie.

»Ich weiß auch nicht. Es lässt sich auf lange Sicht nicht geheim halten, aber ich habe kein gutes Gefühl, dass der Mistkerl zurückgekehrt ist. In all den Jahren habe ich versucht, die Sache zu vergessen und mein Bedürfnis nach Rache zu zügeln.

Und nun ist alles wieder so präsent, als wäre es erst gestern gewesen. Ich darf es nicht zulassen, dass William Bradshaw erneut Unglück über meine Familie bringt!« Vicky war von ihrem Stuhl aufgesprungen und rannte aufgebracht in der Küche umher.

»Störe ich den Plausch der Damen?«, hörten sie plötzlich eine Stimme verschmitzt spotten. Die beiden Frauen wandten sich um und starrten George wie einen Geist an. »Victoria ist ein ganz ausgekochtes Biest. Sie hat uns beim Kartenspielen regelrecht abgezockt«, lachte er, aber dann erstarb sein Lachen, als er in die verschreckten Mienen seiner Mutter und seiner Schwester blickte.

»Ist was passiert?«, fragte er.

Annabelle und Vicky sahen einander hilflos an.

»Sollen wir ihn nicht einweihen?«, fragte Annabelle schließlich zögernd.

Vicky stöhnte laut auf. »George, du musst mir versprechen, keinen Blödsinn zu machen. Wir müssen das alles ganz vernünftig angehen.«

»Tja, wenn mir mal jemand sagt, worum es hier geht, dann gern«, entgegnete der sonst so sanftmütige George in ungewöhnlich scharfem Ton.

»Bitte versprich mir, ganz besonnen zu handeln«, flehte ihn Vicky an.

»Mutter, was ist los?«

»William Bradshaw und Claire sind nach Australien zurückgekehrt und haben sich in der Nähe von Melbourne niedergelassen.«

George wurde blass und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Dieses Schwein, dieser Mörder, dieser ...«

»Aber dafür gibt es doch keine Beweise«, wand Annabelle zaghaft ein.

»Das werden wir sehen. Ich habe ihm einst geschworen, ihn vor ein Gericht zu zerren, und den Schwur werde ich halten. Worauf ihr euch verlassen könnt.«

»George, bitte, das meinte ich, tu nichts, was du bereuen könntest!«, sagte Vicky mit Nachdruck.

»Keine Angst, ich werde mir nicht die Hände an dem Drecksack schmutzig machen. Ich kenne sowohl in Melbourne als auch in Sydney einige einflussreiche Richter. Die Unterstützer unseres neuen Krankenhauses für werdende Mütter sitzen überall. Und ich werde mich nicht scheuen, alle Verbindungen auszunutzen, um diesen Kerl hinter Gitter zu bringen.« George hatte sich regelrecht in Rage geredet. Seine Wangen brannten vor Zorn.

»Nicht so laut!«, fauchte Vicky. »Ich möchte dich inständig bitten, erst einmal abzuwarten und besonnen an die Sache zu gehen. Und ...«

»Was findet denn hier für eine Geheimkonferenz statt?«, fragte Jonathan, der einen belustigten Blick in die Küche warf.

»Gar nichts, mein Liebling. Wir diskutieren nur, ob Rosmarin an den Truthahn gehört oder nicht«, flötete Vicky. »Wir kommen gleich wieder zu euch nach draußen.«

»Willst du mich loswerden, mein Schatz?«, scherzte Jonathan.

»Aber nein, wo denkst du hin?«, schwindelte Vicky und warf George, der offenbar darauf brannte, seinem Stiefvater die Neuigkeit brühwarm zu berichten, einen warnenden Blick zu.

»Na gut, dann verschwinde ich wieder. Hat jemand Lust, nachher eine kleine Wanderung mit mir zu unternehmen?«

»Sicher, nach dem Mittagsschlaf gern.«

»Eure Mutter behandelt mich neuerdings wie ein Kleinkind«, lachte Jonathan und verschwand.

»Sag bloß, er weiß es noch nicht«, stieß George entgeistert hervor.

»Nein, ich habe es von einer Freundin erfahren, und die Neuigkeit ist in Melbourne noch nicht rumgegangen. Sie sind wohl erst seit ein paar Wochen wieder im Lande.«

»Und warum sagst du es ihm nicht? Soll er das in seinem Herrenclub erfahren, oder wie stellst du dir das vor, Mutter?«

Vicky musterte ihn flehend. »George, ich habe das Gefühl, Jonathan ist gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe. Ich verspreche dir, dass ich es ihm sage, sobald du ihn untersucht hast.«

»Mutter, ich bin auf Frauenleiden spezialisiert. Warum schickst du ihn nicht in Melbourne zu einem kompetenten Fachkollegen?«

»Du kennst ihn doch. Er will immer Stärke zeigen und würde nie freiwillig einen Arzt aufsuchen. Bitte überrede ihn, sich von dir untersuchen zu lassen, solange wir hier alle so schön beisammen sind. Und wenn du zu dem Ergebnis kommst, alles ist gut, werde ich ihm die Nachricht schonend beibringen. Und dann kannst du meinetwegen ein Gericht einschalten.«

»Du tust ja geradezu so, als wäre dir nicht mehr wichtig, ob der Kerl seine Strafe bekommt oder nicht.«

Vicky stieß einen tiefen Seufzer aus. »Ach, mein Junge, ich bin zwiegespalten. Jahrelang habe ich davon geträumt, dass William dafür büßen muss, heute würde ich am liebsten gar nicht mehr daran erinnert werden, was er uns damals angetan hat.«

»Mutter, er hat meinen Vater umgebracht. Willst du ihn etwa davonkommen lassen?«

»Nein, natürlich nicht, aber wenn ich mir vorstelle, es gäbe wirklich einen Prozess und alles würde wieder aufgerollt und dann käme am Ende mangels Beweisen nichts dabei heraus, was hätten wir davon? Es würden nur unnötig alte Wunden aufgerissen.«

George schüttelte verständnislos den Kopf. »Nun gut, ich bin einverstanden. Solange ich Jonathan nicht untersucht habe, werde ich nichts unternehmen, aber wenn er gesund ist, werde ich nichts unversucht lassen, dass William seine gerechte Strafe bekommt für den feigen Mord an meinem und seinem Vater.«

»Ach, mein Junge, ich bin doch auf deiner Seite, aber lass mir noch ein wenig Zeit. Ich muss erst wissen, was mit Jonathan ist.«

»Und was meinst du, Schwesterchen?«

Annabelle zuckte die Schultern. »Wenn er das wirklich getan hat ... natürlich darf er dann nicht ungeschoren davonkommen«, seufzte sie.

»Du willst es nicht wahrhaben, oder? Es ist mir ein Rätsel, wie du noch immer an das Gute im Menschen glauben kannst nach allem Elend, das du durch dein Engagement im Dienste der armen Frauen miterleben musst.«

Annabelle wusste genau, worauf er anspielte. Wie oft begleitete sie Frauen ins Hospital, die von ihrem eigenen Ehemann böse misshandelt und manchmal halb totgeschlagen worden waren. George hatte dafür gesorgt, dass diese armen Frauen in der Klinik kostenlos behandelt wurden.

»Du hast ja recht, aber in der eigenen Familie will man so etwas nicht wahrhaben. Ich habe es ja am eigenen Leibe gespürt, was für einen widerlichen Charakter William Bradshaw besitzt, aber den eigenen Vater umzubringen – dazu muss einer doch der Teufel in Person sein.«

»William Bradshaw ist der Teufel in Person«, entgegnete George ungerührt. »So, ihr beiden, jetzt setzt mal wieder eure Festtagsgesichter auf, damit der Rest der lieben Familie nicht merkt, dass uns die Rückkehr dieses Mistkerls die Stimmung verdorben hat.«

»Da fang mal lieber bei dir selber an«, spottete Annabelle und knuffte ihren Halbbruder liebevoll in die Seite. »Du siehst nämlich aus, als würdest du gleich einen Mord begehen.«

»Ach, steht mir meine Mordlust wirklich ins Gesicht geschrieben?« George zwang sich zu einem künstlichen Lächeln. »So besser?«

»Bezaubernd!«, neckte ihn Annabelle. »So, und jetzt lasst mich für einen Augenblick die Füllung in den Truthahn stopfen, damit ich endlich auch zu euch auf die Veranda kommen kann«, fügte sie in einem Ton hinzu, der keinen Widerspruch duldete.

»Komm, Mutter, das war ein glatter Rausschmiss«, sagte George, hakte Vicky unter und verließ mit ihr zusammen die Küche.

Annabelle versuchte, sich auf das Würzen des Festtagsbratens zu konzentrieren, was ihr nicht recht gelingen wollte. Sie konnte es nicht leugnen: Die Neuigkeit hatte ihr tatsächlich die Stimmung verdorben, denn sie teilte die Sorge ihrer Mutter, dass Williams Rückkehr dazu angetan war, den Familienfrieden empfindlich zu stören. Außerdem behagte es ihr gar nicht, was Vicky über den Gesundheitszustand ihres Vaters sagte. Und jetzt, wo es ausgesprochen war, musste sie zugeben, dass er bereits bei seiner Ankunft in Wentworth Falls für seine Verhältnisse sehr blass gewirkt hatte. Natürlich würde ihn die Tatsache, dass sich seine verlorene Tochter Claire mit einem Mal ganz in seiner Nähe niedergelassen hatte, über die Maßen aufregen. Trotzdem war es nur eine Frage der Zeit, wann er davon erfahren würde. Da half die ganze Geheimniskrämerei ihrer Mutter gar nichts. Im Gegenteil, wenn er es von Dritten erführe, würde ihn das womöglich noch mehr aufregen.

Annabelles Grübelei wurde durch die Stimme ihrer Jüngeren unterbrochen.

»Mom, darf ich dich was fragen?«

Annabelle wandte sich zu Ava um. »Natürlich, meine Kleine.«

Ava rümpfte die Nase. Annabelle wusste sofort, was ihre Tochter störte. Sie wollte nicht länger »Kleine« genannt werden, weil sie ohnehin schon darunter litt, mindestens einen Kopf kleiner als Scarlet zu sein, die nur ein Jahr älter als sie war.

»Warum lebt Victoria eigentlich nicht in einem Reservat, sondern bei Granny Vicky?«

Diese Frage kam vollkommen überraschend für Annabelle.

»Wie kommst du darauf? Granny Vicky und Großvater Jonathan haben sie adoptiert. Warum sollte sie in einem Reservat leben?«

»Weil ihre Mutter eine Aborigine war. Deshalb. Und die leben doch im Busch.«

»Wie kommst du auf den Blödsinn?«

»Unsere Lehrerin, Miss Pritches, hat gesagt, dass die Aborigines in die Reservate gehören, weil sie dumm und unzivilisiert sind.«

»Aha, na dann werde ich mit der Lady mal ein ernstes Wort reden müssen. Das ist nämlich Unsinn, mal abgesehen davon, dass Victoria einen weißen Vater hat und, wie du weißt, in Melbourne immer Klassenbeste war. Von Dummheit kann wohl kaum die Rede sein. Und was soll sie im Reservat? Sie sieht aus wie ein weißes Mädchen.«

»Das ist ja die Gemeinheit!«, stieß Ava wütend hervor. »Warum hat sie hellere Haut als ich?«

»Kind, nun beruhige dich.« Annabelle versuchte, ihre Tochter in den Arm zu nehmen, aber die trat einen Schritt zur Seite, sodass ihre Mutter ins Leere griff.

»Nein, das ist ungerecht!« Ihre Tochter ballte die Fäuste und brach in Tränen aus.

»Um Himmels willen, was ist bloß in dich gefahren?«

»Ein paar Jungen haben mir gestern in Wentworth Falls ›Abo-Mädchen! Abo-Mädchen!‹ hinterhergerufen, als ich mit Victoria einkaufen war. Dabei ist sie die Abo, nicht ich! Das ist so ungerecht!«

»Aber Ava, das kannst du Victoria doch nicht übelnehmen, wenn sich ein paar dumme Bengel aus den Bergen danebenbenehmen.«

Ava sah ihre Mutter aus ihren tränennassen Augen verzweifelt an. »Ich weiß, aber ich habe zurückgebrüllt, dass Victoria das echte Abo-Mädchen ist, nicht ich! Und seitdem spricht sie nicht mehr mit mir.«

»Ava! Das war nicht nett von dir. Und du darfst nicht Abo- Mädchen sagen! Das ist hässlich und abwertend. Ich denke, du solltest dich bei ihr entschuldigen für diese Bösartigkeit.« Annabelle warf einen prüfenden Blick aus dem Fenster. »Schau, sie sitzt hinten auf der Schaukel im Garten ganz allein. Geh hin zu ihr, sag, dass es dir leidtut!«

Ava stöhnte genervt auf. »Gut, aber nur, weil morgen Weihnachten ist«, knurrte sie und verschwand.

Annabelle hatte große Mühe, ihren Truthahn zu füllen, weil sie immer wieder aus dem Fenster blickte, um sich zu vergewissern, ob Ava ihr Versprechen auch einhielt. Erst als sich ihre jüngere Tochter zögernd der Schaukel näherte, brachte sie ihre Essenszubereitungen zu einem Ende und wollte die Küche gerade verlassen, als ihr eine gut gelaunte Scarlet entgegenkam. Was für ein Gegensatz, durchfuhr es Annabelle, die eine verbreitet stets gute Stimmung, die andere macht sich und anderen das Leben schwer. Aber war es nicht normal, dass Schwestern derart unterschiedlich waren? Wenn sie nur an Amelie und sich selber dachte: Ihre Halbschwester Amelie war immer schon kapriziös gewesen und geblieben, mit dem Ergebnis, dass sie, wenn überhaupt, nur Kontakt über ein paar lapidare Postkarten hielten, denn Amelie lebte in Brisbane. Sie hatte damals, als sie erfahren hatte, dass ihre Mutter Vicky vor Frederik Jonathan geliebt hatte, mit Vicky gebrochen und war auf eigenen Wunsch bei Emma, der Witwe von Vickys Bruder Steven, aufgewachsen. Jedes Jahr versicherte sie auf einer Weihnachtskarte, sie werde nächstes Jahr versuchen, nach Wentworth Falls zu kommen, größer war ihr Interesse an der Familie nicht.

»Träumst du, Mom, oder ist was?«, erkundigte sich Scarlet mit besorgter Stimme.

»Nein, nein, alles gut, ich musste nur gerade an Tante Amelie denken.«

»Was für ein Zufall. Gerade ist ihre Weihnachtskarte gekommen.«

Wider Willen musste Annabelle lächeln, weil sie sich nahezu wortwörtlich den knappen und nichtssagenden Text vorstellen konnte: Frohe Weihnachten, und vielleicht komme ich nächstes Jahr zum Fest nach Wentworth. Gruß an Mutter und George. Und genauso war es, stellte sie amüsiert fest, als sie den Text der mageren Botschaft überflog. Kein Gruß an Jonathan, denn Amelie hatte es ihrer Mutter bis heute nicht verziehen, dass sie nach Frederiks Tod ihre alte Liebe geheiratet hatte.

»Ich gehe ein wenig in die Berge und sammle ein paar Pflanzen«, erklärte Scarlet vergnügt.

»Allein? Das gefällt mir gar nicht«, erwiderte Annabelle besorgt.

»Ach, Mom, wen soll ich denn mitnehmen? Ava etwa?« Sie lachte frech.

Nein, das konnte sich Annabelle wahrhaftig nicht vorstellen, wie ihre Jüngere den Waldboden nach seltenen Pflanzen absuchte.

»Aber bitte bleibe nicht so lange. Wir wollen um achtzehn Uhr essen. Und du musst dich noch umziehen«, ermahnte die Mutter sie mit einem kritischen Blick auf ihre sportliche Kleidung, eine weiße Bluse und einen schwarzen langen Rock. Auf ihrem langen blonden Haar, das sie zu einem Zopf geflochten hatte, trug sie einen Strohhut.

»Wo denkst du hin? Ich werde mir doch deinen Truthahn nicht entgehen lassen«, entgegnete Scarlet und umarmte ihre Mutter stürmisch. »Ich werde so früh zurück sein, dass ich dir noch beim Tischdecken helfen kann«, fügte sie hinzu.

Annabelle sah ihrer Tochter eine Weile nach, auch als diese schon fröhlich pfeifend das Haus verlassen hatte. Um dieses Kind machte sie sich nicht die geringsten Sorgen, denn sie war davon überzeugt, sie würde ihren Weg gehen, während ihr der Gedanke an Ava förmlich die Brust zuschnürte. Natürlich hatte sie sich selbst in ihrer Jugend so manches Mal gefragt, warum ihr Teint dunkler als der ihrer Geschwister war, und sie würde nie im Leben vergessen, wie William sie einmal als hässliches Abo-Mädchen beschimpft hatte. Erst als sie ihren leiblichen Vater kennengelernt hatte, hatte sie eine Antwort auf das Warum bekommen. Sie hatte ihren Teint von ihm geerbt. Manchmal allerdings fragte sie sich selbst heute noch insgeheim, woher er diese dunkle Hautfarbe haben mochte, obwohl seine Eltern doch angeblich weiße Farmer gewesen waren.

Erneut ermahnte sie sich, den heutigen Tag nicht mit weiteren Grübeleien zu beschweren, rang sich zu einem Lächeln durch und gesellte sich eilig zu den anderen auf der Veranda. Nur eine steile Falte zwischen ihren Augenbrauen verriet, wie aufgewühlt sie in ihrem Inneren war. Die Ankunft ihres Mannes, der gerade bepackt mit Geschenken aus Sydney zurückkehrte, ließ sie für einen Augenblick all ihre Sorgen vergessen.

Kapitel 2

 

Scarlet kannte jeden Winkel, jeden Baum, jeden Strauch und jeden Pfad, der hinter dem Haus hinunter in die Schlucht und von dort zu dem großen Wasserfall führte, der mit enormer Kraft den Berg hinabrauschte. Links von dem tosenden, in sämtlichen Grüntönen schimmernden Wasser gab es einen verschlungenen Weg, der hinauf in den Eukalyptuswald führte. Scarlet liebte es, allein und mit einem wachen Blick für alles, was die Natur an Wundern bereithielt, durch die Wildnis zu streifen. An diesem Tag hatte sie vor, ihrer Mutter für die Festtafel einen besonders riesigen Strauß der exotischen, in allen Farben schillernden Blumen zu pflücken. Sie wollte sie später trocknen und mit nach Sydney nehmen, um sie anhand ihrer schlauen Bücher zu bestimmen. Einige Namen waren ihr mittlerweile geläufig, aber bei jeder ihrer Wanderungen entdeckte sie neue Pflanzen. Ihr Ziel war eine Lichtung im Eukalyptuswald, auf der besonders bunte Blumen wuchsen.

Schon von Weitem wehte der erfrischende Duft zu ihr herüber. Es roch nach dem Öl aus der Apotheke, das Annabelle ihnen von Kindheit an auf jede kleine Wunde aufgetragen hatte, um Entzündungen zu vermeiden. Scarlet mochte diesen Geruch auch, weil er, wenn man ihn tief einatmete, für ein freies Gefühl im Brustkorb sorgte. Über dem Wald lag feiner blauer Nebel. Scarlet wusste sogar, warum die Luft über dem Eukalyptuswald blau wirkte. Es war die Brechung des Lichts, das die Öle, die aus den Blättern der unzähligen Eukalyptusbäume entwichen, in dieser Farbe erscheinen ließ.

Scarlet lauschte zudem gern dem Konzert, das von den Bäumen ertönte. Die bunten Vögel zwitscherten, piepten, flöteten und zirpten um die Wette.

Sie war nun bei der Lichtung angelangt und ließ ihren Blick entzückt über die bunte Pflanzenvielfalt schweifen. In solchen magischen Momenten träumte sie davon, wie einst der Botaniker Ludwig Leichhardt Forschungsreisen bis ins Outback zu unternehmen. Im Gegensatz zu ihm wollte sie natürlich nicht spurlos im Inneren des roten Kontinents verschwinden. Sie hatte erst jüngst in der Schule einen Vortrag über den Forscher gehalten, aus ihrer glühenden Bewunderung kein Geheimnis gemacht und verkündet, sie würde später in seine Fußstapfen treten. Da hatte ihr die Lehrerin Miss Pritches allerdings einen Dämpfer verpasst. »Ein Forscher zu sein ist nur etwas für Männer!«, hatte sie barsch verkündet. Das konnte Scarlet nicht wirklich entmutigen. Ihrer Mutter hatte sie diesen kleinen Vorfall indessen lieber verschwiegen. Nicht auszudenken, Annabelle wäre sofort in die Schule gerannt und hätte die altmodische Lehrerin zur Rede gestellt, denn in diesem Punkt verstand ihre Mutter keinen Spaß.

Gerade als sie sich bückte und an dem Blumenparadies bedienen wollte, zerriss ein mörderischer Schrei die Stille des Waldes. Sogar die Vogelstimmen waren schlagartig verstummt. Scarlet richtete sich auf und sah sich erschrocken um, aber es war niemand zu sehen.

»Hallo!«, rief sie, so laut sie konnte. Sie verspürte nicht einen Hauch von Angst, denn es war zweifelsohne ein Mensch in großer Not gewesen, keiner, der ihr etwas anhaben wollte.

»Hilfe!«, rief da eine männliche Stimme. »Hier bin ich.«

Angestrengt ließ sie den Blick schweifen, bis sie hinter einem Strauch einen in die Höhe gestreckten Arm erkannte. Nun begann ihr Herz doch schneller zu schlagen. Was war das und vor allem, wer war der Mensch, der dort um Hilfe schrie? Scarlet zögerte nicht, sondern rannte zu der Stelle und fand einen auf dem Boden liegenden Mann vor, der sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Wade fasste.

»Um Himmels willen. Was ist? Haben Sie einen Krampf?«, fragte sie außer Atem, während sie sich zu ihm hinunterbeugte.

»Eine Schlange! Es war eine Schlange. Sie hat mich erwischt«, stöhnte der Mann, den Scarlet nur wenig älter als sich selbst schätzte.

Mutig packte Scarlet das Bein des Fremden, schob die dünne Hose hoch und legte die Wade frei.

»Oh weh, sie hat gleich zweimal zugebissen. Haben Sie die Schlange gesehen? Können Sie sie beschreiben?«

»Braun, sie war braun. Und hat sich merkwürdig gekringelt, ich wollte weg, aber da hat sie schon blitzschnell zugebissen. Gott, ist mir schlecht!«

»Oh, Mist! Hören Sie mir gut zu. Ich zerreiße jetzt Ihre Hose und mache Ihnen einen festen Verband oberhalb der Wunde. Und dann bringe ich Sie zu unserem Haus. Mein Onkel ist Arzt. Wir haben immer ein Gegengift gegen die Braunschlange vorrätig.«

»Verdammt, ist sie giftig?«

»Geht so ...«, log Scarlet, um den armen Mann nicht völlig zu verunsichern, denn die Eastern Brown war eine der Schlangen, deren Biss meist tödlich ausging, wenn man nicht rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch nahm. »Trotzdem müssen wir sofort los. Wenn Sie erbrechen müssen, tun Sie das, wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie ohnmächtig werden, bitte nicht anhalten. Kommen Sie!«

Sie reichte ihm ihre Hand und zog ihn hoch. Er war gut einen Kopf größer als sie, und wenn er nicht in einem derart erbarmungswürdigen Zustand gewesen wäre, hätte er richtig gut ausgesehen mit seinen dunklen Locken. Aber jetzt ist bestimmt nicht der richtige Augenblick, sich über seine Attraktivität Gedanken zu machen, dachte Scarlet erschrocken.

»Stützen Sie sich auf und beißen Sie die Zähne zusammen. Auch wenn’s schmerzt.«

Der junge Mann folgte zunächst klaglos ihren Befehlen. Er hatte offenbar begriffen, dass sie ihm den ganzen Ernst der Lage vorenthalten hatte und es doch um Leben und Tod ging. So hielt er Schritt mit ihr und stöhnte nur leise vor sich hin.

»Ich muss mich hinlegen«, jammerte er plötzlich und blieb abrupt stehen.

»Nein! Auf keinen Fall!«, schrie sie ihn an und zerrte ihn weiter.

»Ich bin so müde. Lassen Sie mich. Bitte!«

»Nein!«, fauchte Scarlet ihren Schützling an. »Sie reißen sich jetzt zusammen!«

Sie hatten bereits den Regenwald verlassen und stolperten den Pfad hinunter. Scarlet schnaufte unter seinem Gewicht, denn er hatte den Arm um ihre Schulter gelegt und stützte sich ganz auf sie. Es verlangte ihr schier übermenschliche Kräfte ab, diesen zwar schlanken und durchtrainierten, jedoch großen Mann beinahe zu tragen, aber sie machte ungeachtet der Schmerzen mit zusammengebissenen Zähnen weiter. Am Wasserfall blieb sie für den Bruchteil einer Sekunde stehen, um sich den Schweiß aus den Augen zu wischen, der ihr die Sicht raubte. Der Fremde wollte die Gelegenheit nutzen, sich fallen zu lassen, aber sie herrschte ihn an: »Wir sind gleich da. Sehen Sie, dort oben. Das Haus auf dem Berg.«

»Ich schaffe das nicht«, stöhnte er.

»Verdammt, Sie machen jetzt mit! Kapiert?« Sie war sich ihres barschen Tons sehr wohl bewusst, aber sie hatte keine andere Wahl. Ein höfliches »Bitte« und »Danke« war fehl am Platz, wo es um Leben und Tod ging.

Dass sie nun bergauf steigen mussten, machte die Sache nicht einfacher. Als sie in Rufweite des Hauses angekommen waren und Scarlet die Sinne zu schwinden drohten, schrie sie laut um Hilfe. Sie hatte Glück, wenige Augenblicke später kamen ihr Onkel George und ihr Vater angerannt.

»Ihn hat eine Braunschlange gebissen«, keuchte Scarlet mit letzter Kraft, bevor sie sich am Stamm eines Baumes zu Boden gleiten ließ, während die beiden Männer den stöhnenden Fremden unter den Achseln packten und mehr oder minder hinter sich herschleiften.

Scarlet blieb eine ganze Weile sitzen, weil ihr jedes Mal, wenn sie aufstehen wollte, schwarz vor Augen wurde. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit rappelte sie sich auf und schleppte sich bis zum Anwesen. Dort herrschte helle Aufregung wegen des Mannes mit dem Schlangenbiss.

»Meine Süße, alles gut? Du siehst aus wie der Tod«, stieß Granny Vicky entsetzt hervor und bot ihrer Enkelin einen stützenden Arm.

»Wo ist er?«, fragte Scarlet.

»Auf dem Sofa im Salon«, entgegnete ihre Großmutter.

»Ich will zu ihm«, stöhnte Scarlet und ließ sich von ihrer Großmutter ins Haus begleiten.

Bleich wie der Tod lag der Fremde auf dem Sofa, während ihr Onkel George auf der Kante saß und ihm den Puls fühlte.

»Ich glaube, es ist gerade noch mal gutgegangen. Er ist über den Berg!«, flüsterte ihr Onkel, als er seine Nichte erblickte. »Aber ich denke, er braucht jetzt Ruhe. Ich bleibe bei ihm, bis sich sein Zustand stabilisiert hat. Du musst dich auch hinlegen«, fügte er besorgt hinzu.

Scarlet aber rührte sich nicht vom Fleck, sondern starrte wie gebannt auf den Fremden, der leise vor sich hinstöhnte und die Augen geschlossen hatte. Doch, er sieht wirklich gut aus, ging es Scarlet durch den Kopf. Was hat er nur für wunderschön dichte Wimpern, was für eine wohlgeformte Nase und was für ein entzückendes Grübchen am Kinn. Sie war darüber selbst ein wenig verstört. Noch nie zuvor hatte sie sich über das Aussehen eines jungen Mannes solche detaillierten Gedanken gemacht.

»Scarlet, hörst du, was dein Onkel sagt? Du musst dich hinlegen«, hörte sie wie durch einen Nebel ihre Großmutter mahnen.

Es fiel ihr schwer, sich vom Anblick des Fremden loszureißen, doch Granny Vicky nahm sie am Arm und zog sie fort.

»Er gefällt dir sehr, oder?«, fragte ihre Großmutter, als sie das Zimmer erreichten, in dem die beiden Schwestern während der Ferien schliefen.

»Wie kommst du darauf?«, entgegnete Scarlet erschrocken.

»Ich war auch mal jung und kenne das Gefühl, plötzlich Gefallen an einem jungen Mann zu finden«, erklärte Granny Vicky verschmitzt.

»Aber ... aber das kann man doch nicht sehen, oder?«

»Schau mal in den Spiegel. Was siehst du da?«

Scarlet sah ihre Großmutter verunsichert an, bevor sie sich ihrem Spiegelbild zuwandte.

»Oh nein!«, stieß sie entsetzt hervor. »So guckt meine Freundin Mary immer aus der Wäsche, wenn wir auf dem Schulweg Peter begegnen. Ist das peinlich! Kann man das abwischen?« Sie begann, ihre rosig schimmernden Wangen mit den Fingern zu bearbeiten.

»Das lässt sich nicht wegreiben«, lachte Granny Vicky. »Und ich muss zugeben, er erinnert mich entfernt an deinen Großvater, als er jung war. Der hatte auch so dunkle Locken und war genauso stattlich gebaut.«

»Ach, Granny, bitte verrat mich nicht. Ich werde mich schnell umziehen, und sorg du dafür, dass er das Haus nicht verlässt, bevor ich mein schönstes Kleid angezogen habe.«

»Keine Sorge, der junge Mann wird so bald nirgendwo hingehen. Das würde George gar nicht erlauben. Du kannst dich also ruhig noch ein wenig ausruhen, bevor du dich ihm in ganzer Schönheit zeigst.«

»Ach, Granny, du bist die Beste«, stieß Scarlet gerührt hervor und umarmte ihre Großmutter stürmisch. Niemals würde sie so vertraut mit ihrer Mutter reden. Jedenfalls nicht über solche Dinge wie ihre aufwallenden Gefühle für diesen jungen Mann.

»Er wird doch wieder ganz gesund, oder?«, fragte sie bang.

»Aber sicher. Dazu haben wir ja das Gegengift im Haus. Damit keiner von uns an einem Schlangenbiss stirbt. Außerdem hast du alles richtig gemacht. So wie George uns das immer gepredigt hat. Auf keinen Fall die Wunde aussaugen, sondern einen Druckverband oberhalb der Wunde anlegen und dann sofort ärztliche Hilfe holen«, versicherte Granny Vicky ihrer Enkelin beruhigend. »Wenn du eine halbe Stunde ruhst, dich dann umziehst und in den Salon kommst, wird er wieder munter und dir vor allem unendlich dankbar sein, dass du ihm das Leben gerettet hast. Wo hast du ihn überhaupt getroffen?«

Mit Feuereifer berichtete Scarlet ihrer Großmutter in allen Einzelheiten, wie und wo sie auf den Fremden aufmerksam geworden war. Während ihrer aufgeregten Schilderung glühten ihre Wangen förmlich.

Da flog die Tür auf, und Ava stürmte herein. Ihre Miene verfinsterte sich, als sie ihre Großmutter und ihre Schwester in derart vertrauter Umarmung auf der Bettkante sitzen sah.

»Störe ich?«, fragte sie spitz.

»Aber Kind, wie kannst du so etwas sagen?«, beeilte sich Granny Vicky, Ava zu beschwichtigen. »Deine Schwester hat gerade einem jungen Mann das Leben gerettet.«

»Ja, ich hab schon davon gehört. Der Kerl, den die Schlange gebissen hat. Ich durfte ja nicht mal in den Salon, um zu proben«, erklärte Ava in schnippischem Ton.

»Genau, und da deine Schwester wirklich Heldenhaftes geleistet hat, sollten wir sie etwas ruhen lassen«, entgegnete ihre Großmutter und stand auf. »Komm, Ava, lass sie schlafen.«

»Schon gut, ich wollte nur meine Noten holen, damit ich noch ein wenig im Pavillon üben kann für heute Abend. Ich werde mich wohl mal wieder selbst am Klavier begleiten müssen. Das kann ja keiner außer mir.«

»Ach, wie schön. Du wirst uns wieder etwas vorsingen. Das freut mich«, sagte Granny Vicky und überhörte den leisen Vorwurf in der Stimme ihrer Enkelin.

Ava warf einen kritischen Blick auf ihre Schwester. »Du siehst ganz schön mitgenommen aus«, bemerkte sie mitleidlos und nahm sich ihre Noten vom Tisch.

Granny Vicky runzelte die Stirn, aber sie unterdrückte das, was ihr auf der Zunge lag, und schob ihre Enkelin zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um.

»Versprich mir, ein wenig zu schlafen«, bat sie Scarlet, bevor sie die Tür von außen leise schloss.

Doch kaum war ihre Großmutter aus dem Zimmer, sprang ihre Enkelin vom Bett auf. Sie war von einer solchen inneren Unruhe erfüllt, die sie mit Sicherheit keine Sekunde würde schlafen lassen. Stattdessen näherte sie sich dem Kleiderschrank, den sie sich mit ihrer Schwester teilte, den sie aber nur zu einem Drittel benutzte, weil sie in Wentworth Falls meist nichts anderes trug als Rock und Bluse. Doch Annabelle hatte darauf bestanden, dass sie für das Weihnachtsfest ihr neues Abendkleid mitnehmen sollte, was sie unter Murren getan hatte. Nun war sie froh darüber, als sie das bodenlange Festkleid dort an der Stange hängen sah. Es war weinrot und von einer Schneiderin in Sydney aus edlem Satin gefertigt worden.

Scarlet holte es vorsichtig aus dem Schrank und strich mit den Fingerspitzen über den kühlen glatten Stoff. Sie legte es über einen Stuhl, um vor dem Umkleiden noch ein Bad zu nehmen. Doch auch das warme Wasser in der Wanne konnte ihre Sinne nicht wirklich beruhigen. Immer wieder wanderten ihre Gedanken zu dem Fremden und der Frage, wer er wohl war, was ihn am Tag vor Weihnachten allein in die Einsamkeit der Blue Mountains getrieben hatte, und ob er ihr auch noch gefallen würde, wenn er wieder genesen war. Letzteres bezweifelte sie allerdings kaum, denn sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie anziehend er erst sein würde, wenn er nicht mehr so in Panik war, wie sie ihn erlebt hatte, und sie nicht mehr gezwungen war, ihn wenig damenhaft anzuschnauzen.

Als sie sich schließlich in ihrem festlichen Kleid und mit hochgestecktem Haar auf den Weg zum Salon machte, begegnete ihr Ava, die abrupt vor ihr stehen blieb und sie staunend von Kopf bis Fuß musterte.

»Du bist ja gar nicht wiederzuerkennen. So habe ich dich noch nie gesehen. Hat das vielleicht etwas mit dem jungen Mann zu tun? Wenn man Granny Vicky Glauben schenken darf, sieht er wirklich gut aus. Ich habe ihn ja noch nicht zu Gesicht bekommen, denn sie haben ihm inzwischen eines der freien Gästezimmer zur Verfügung gestellt, damit er dort wieder zu Kräften kommt. Onkel George besteht darauf, dass er über Nacht zur Beobachtung bleibt. Da bin ich ja mal gespannt.«

Scarlet ließ den Redeschwall scheinbar ungerührt über sich ergehen, während sich ihr Herzschlag merklich beschleunigte.

»Dann muss ich mich ja ranhalten, wenn ich dir heute Konkurrenz machen will«, lachte Ava, während sie ihren Weg fortsetzte.

Scarlet atmete ein paarmal tief durch. Sie liebte ihre Schwester von Herzen, aber diese kokette Art, wenn es um männliche Wesen ging, und ihre ständige latente Eifersucht gingen ihr manchmal erheblich gegen den Strich. Für Scarlet war es doch überhaupt gar keine Frage, wer die Schönere von ihnen beiden war. Ava natürlich! Aber musste sie, kaum dass ein fremder junger Mann im Haus war, gleich derart übertrieben auf seine Anwesenheit reagieren?

Gerade als sie die Tür zum Salon öffnen wollte, hörte sie hinter sich eine raue männliche Stimme sagen. »Warten Sie, Miss ... ich kenne doch noch nicht einmal Ihren Namen. Dabei bin ich Ihnen zu ewigem Dank verpflichtet.«

Scarlet wandte sich um und blickte in ein Paar blauer Augen. Sie war etwas irritiert, hätte sie doch schwören können, dass sie vorhin braun gewesen waren, aber dieser kleine Irrtum bewies ihr, dass sie sich auf der Lichtung nicht mit solchen Dingen wie seiner Augenfarbe hatte aufhalten können. Vor allem machte ihn dieser Kontrast zwischen dunklem Haar und hellen Augen nur noch attraktiver, zumal er plötzlich so vital und lebendig wirkte.

»Ich heiße Scarlet. Sollten Sie nicht noch das Bett hüten?«, fragte sie, ohne den Blick von ihm zu lassen.

»Eigentlich ja, Scarlet. Übrigens ein schöner Name. Ich bin Daniel, und ich wollte meiner Lebensretterin unbedingt meinen Dank aussprechen. Ich hoffe, Sie können vergessen, in welch elendigem Zustand Sie mich zu Ihrem Haus bugsiert haben.« Er reichte ihr seine Hand, Scarlet nahm sie. Sein Händedruck war warm und kräftig. Außerdem hielt er ihre Hand einfach weiter fest, während er sie interessiert musterte. Er hatte gar nichts mehr von dem jammernden Todgeweihten, sondern erschien ihr sehr selbstbewusst.

»Ich habe vorhin gar nicht gesehen, was für wunderschöne graugrüne Augen Sie haben«, bemerkte er schwärmerisch und ließ zu ihrer Enttäuschung ihre Hand los.

»Kein Wunder, Sie hatten andere Sorgen«, lachte Scarlet und überspielte damit ihre Verlegenheit über das Kompliment.

»Allerdings! Danke übrigens, dass Sie mich angelogen haben. Es ging um Sekunden, hat der nette Doktor zu mir gesagt, nachdem alles vorüber war.«

»Hätte ich Ihnen auf den Kopf zusagen sollen, dass ich nicht dafür garantieren kann, Sie lebendig bis nach Wentworth Paradise zu schaffen?«

»Nein, Sie waren großartig, wenngleich Sie wie ein Farmer geflucht haben. Wie kann ich das jemals wiedergutmachen?«

»Indem Sie mit uns heute Abend Truthahn essen und sich in Zukunft vorsehen, wenn Sie so allein durch die Blue Mountains wandern. Oder wohnen Sie in der Nähe und müssen nach Hause?«

»Nein, das würde ich heute wohl nicht mehr schaffen. Ich komme aus der Nähe von Melbourne und wollte einfach mal die Berge kennenlernen. Also, ich bleibe gern, beziehungsweise der Doktor hat mich sogar dazu verdonnert. Und ich muss sagen, jetzt beginnt mir der Gedanke zu behagen. Ich muss Ihnen doch beweisen, dass ich kein jammernder Todgeweihter mehr bin.«

»Das ist Ihnen bereits gelungen«, entgegnete Scarlet lächelnd, weil er genau die Worte benutzte, die sie gerade gedacht hatte. Sie wunderte sich selber darüber, dass sie so locker mit ihm scherzen konnte, klopfte ihr das Herz doch bis zum Hals, aber merkwürdigerweise war er ihr bei aller Fremdheit auch seltsam vertraut. Vielleicht liegt das in der Natur der Sache, wenn man einen hilflosen Mann bergauf und bergab bugsiert, dachte sie, als ihr Onkel George aus dem Salon trat und stutzte.

»Eigentlich habe ich Ihnen strenge Bettruhe verordnet, aber wie ich sehe, sind Sie wieder wohlauf. Dann können Sie ja getrost mit uns speisen.«

Daniel sah kritisch an sich herunter. Sein Blick blieb an der zerrissenen Hose hängen. »Ich trage nicht gerade die geeignete Kleidung, um mit Ihnen Weihnachten zu feiern. Und mein kleines Köfferchen ist im Wald geblieben, aber darin habe ich auch keinen Abendanzug versteckt.«

Onkel George maß ihn mit prüfendem Blick. »Die Größe kommt hin. Vielleicht sind Ihnen die Sachen etwas weit, denn ich bin nicht mehr ganz so schlank wie früher. Kommen Sie mit. Ich leihe Ihnen etwas aus meinem Schrank.«

Daniel zwinkerte Scarlet verschwörerisch zu, bevor er ihrem Onkel zu seinem Zimmer folgte. Scarlet stieß einen tiefen Seufzer aus. Er war nicht nur wahnsinnig ansehnlich, sondern hatte auch eine überaus gewinnende Art. Und wie er ihr geschmeichelt hatte! Es waren ja nicht nur seine Worte gewesen, die Scarlet berührt hatten, sondern die Art, wie er sie dabei angesehen hatte. Der Gedanke, ihn heute Abend näher kennenzulernen, verursachte ihr ein leises Prickeln im Bauch. In diesem Augenblick kam ihre Mutter mit einem vollen Tablett den Gang entlang.

»Ach, Scarlet, was du geleistet hast! Ich wäre längst bei dir gewesen, aber Granny Vicky sagte, ich soll dich schlafen lass ...« Sie unterbrach sich und musterte ihre Tochter ungläubig. »Du siehst bezaubernd aus. Das Kleid steht dir so gut, und wie nett du dein Haar gemacht hast. Und überhaupt ...«

»Ach, das ist doch nichts Besonderes«, wiegelte Scarlet verlegen ab. »Aber nun lass mich dir beim Tischdecken helfen.«

Scarlet hielt ihrer Mutter die Tür zum Salon auf und half ihr, die Tafel festlich zu decken.

»Dann bin ich mal gespannt, woher der junge Mann kommt, dem du das Leben gerettet hast. Es ist ja schon ein wenig seltsam, dass wir gerade heute Abend einen Wildfremden zu Besuch haben. Ich hoffe, er benimmt sich gut. Wir wissen ja gar nicht, wer er ist und woher er kommt.«

»Mach dir keine unnötigen Sorgen, er ist wohlerzogen und sehr höflich«, erwiderte Scarlet hastig und ärgerte sich, als sie spürte, wie ihr eine verräterische Röte in die Wangen schoss.

»Wenn du es sagst ...« Annabelle hielt inne und betrachte ihre Tochter lauernd. »Kann es sein, dass du dich seinetwegen so hübsch gemacht hast?«

»Blödsinn, warum sollte ich? Ich kenne ihn doch gar nicht näher«, erwiderte Scarlet schroffer als beabsichtigt.

Annabelle wollte etwas erwidern, doch sie hielt sich zurück und wechselte rasch das Thema. »Ob du noch die guten Gläser aus der Vitrine holen könntest? Wenn ich richtig gezählt habe, sind wir neun Personen, ich meine zehn. Mit unserem Gast.«

Scarlet tat, was ihre Mutter von ihr verlangte, und fragte sich, während sie die Gläser aus dem Schrank holte, was sie bloß unternehmen könnte, damit nicht auch die anderen Familienmitglieder ihr nach wenigen Sekunden an der Nasenspitze ansähen, was in ihr vorging. Sie fühlte sich wie ein offenes Buch, in dem jeder ungehindert lesen konnte. Vielleicht sollte ich mich heute Abend hinter einer mürrischen Miene verkriechen, so wie Ava es hin und wieder tut, dachte sie und wusste doch schon in demselben Augenblick, dass sie gar nicht in der Lage wäre, sich so gekonnt zu verstellen, wie sie es sich in diesem Augenblick sehnlichst wünschte.

Kapitel 3

 

Annabelles Truthahn fand die ungeteilte Begeisterung der kleinen Festgesellschaft. Auch Daniel überhäufte die Köchin mit Komplimenten. Er saß bei Tisch neben Scarlet, die bemüht war, ihm nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken, weil sie sich von ihrer Familie beobachtet fühlte. Ihr entgingen keineswegs die verstohlenen Blicke ihrer Mutter und ihrer Großmutter.

Daniel hatte sich vor dem Essen mit einer herzlichen Rede bei seiner Retterin und der Familie Parker, insbesondere bei George, bedankt und dabei keinen Zweifel daran gelassen, wie intensiv er Scarlet zugetan war. Mehrmals hatte er seine Rede unterbrochen und ihr bedeutungsvolle Blicke zugeworfen. Er hatte sich der Familie mit seinem Vornamen vorgestellt und sich ausdrücklich nicht nur für die Rettung, sondern auch für die Gastfreundschaft der Familie bedankt.

»Er ist wirklich ein selten höflicher junger Mann«, hatte ihr Granny Vicky, die an Scarlets anderer Seite saß, zugeraunt, nachdem Daniel seine Danksagung beendet hatte. Scarlet hatte die Worte ihrer Großmutter ignoriert, ja, sie hatte nicht einmal gewagt, sich ihr zuzuwenden, aus Angst, ihre geröteten Wangen würden Vicky verraten, wie sehr es ihr der junge Mann angetan hatte.

»Leben Sie schon lange in Melbourne, Daniel? Wir wohnen ja selbst dort. Vielleicht kennen wir Ihre Familie«, fragte nun Jonathan, der ihm gegenübersaß.

»Das glaube ich kaum«, erwiderte Daniel höflich. »Meine Eltern sind erst kürzlich von Auckland nach Melbourne gezogen. Ich bin eigentlich Neuseeländer, jedenfalls dort geboren und aufgewachsen.«

Vicky spürte bei seinen Worten ein unangenehmes Kribbeln im Magen, weil sie sofort im Stillen die Verbindung zu William und Claire zog, aber dann sagte ihr der Verstand, dass es sicher noch andere Menschen gab, die von Neuseeland nach Australien umsiedelten. Trotzdem hakte sie nach. »Und in welchem Stadtteil leben Sie?«

»Wir wohnen nicht in der Stadt. Meine Eltern haben eine große Farm außerhalb der Stadt gekauft. Mein Vater hatte genug vom Stadtleben, er hat sein Handelshaus in Auckland verkauft und wollte sich unbedingt den Traum verwirklichen, Schafzüchter zu werden.«

Vickys Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie wollte ihrem Gast auf keinen Fall zu nahetreten, aber eine Frage brannte ihr noch auf der Seele.

»Aber ist nicht Neuseeland ein wahres Paradies für Schafzüchter? Warum Australien?«

Scarlet warf ihrer Großmutter einen kritischen Blick zu, weil sie es ein bisschen peinlich fand, dass Granny Vicky Daniel so ausfragte, musste sie doch glauben, sie tat es, weil sie mehr über den jungen Mann erfahren wollte, der ihrer Enkelin den Kopf verdreht hatte. Doch Daniel antwortete artig, wie es sich gehörte.

»Meine Eltern sind beide Australier, und es hat sie sehr zum Kummer von meinem Bruder und mir zurück in die alte Heimat gezogen. Wir beide fühlen uns nämlich als Neuseeländer, aber ich glaube, ich ändere gerade meine Meinung. Die Blue Mountains bieten derart wunderbare Überraschungen, dass ich mich glatt in dieses Land verlieben könnte.«

Scarlet senkte verlegen den Blick, denn es gab keinen Zweifel, dass er nicht nur das Land meinte, in das er sich verlieben könnte ... Deshalb entging ihr auch, dass ihr Onkel George Daniel daraufhin wie einen Geist anstarrte und Granny Vicky ganz hektisch auf ihrem Stuhl hin und her rutschte.

»Wie heißen Sie mit Familiennamen?«, fragte Jonathan, der offenbar auch nichts von der Aufgeregtheit seiner Frau und deren Sohn mitbekam.

»Ach, Jonathan, das ist doch nicht so wichtig«, fuhr Vichy schroff dazwischen. »Wir wollen den armen Daniel doch nicht mit neugierigen Fragen löchern, sondern uns auf das Dessert freuen. Gibt es wieder deinen unvergleichlichen Apple Crumble, Annabelle?«

Annabelle warf ihrer Mutter einen irritierten Blick zu. Wieso kam sie gerade jetzt auf die Nachspeise zu sprechen? Ihr Vater hatte Daniel doch nur nach seinem Nachnamen gefragt. Was war denn dabei?