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Zwischen roter Erde und goldenen Träumen … 1853: Unter der Hitze der australischen Sonne begegnet die junge Victoria Stewart dem attraktiven Goldgräber Jonathan Boyle. Schon bald erblüht zwischen den beiden eine zarte Liebe – doch ihre Familie verbietet die Verbindung. Auf den Goldfeldern von Ballarat will Jonathan sich Vicky als würdig erweisen – bis eine heimtückische Intrige das Paar auf schmerzhafte Weise entzweit. Verlassen und verzweifelt muss Vicky eine folgenschwere Entscheidung treffen, die ihr Leben für immer verändert – nicht ahnend, dass das Schicksal sie viele Jahre später erneut auf die Probe stellen wird, als sie Jonathan erneut begegnet … »Ein absolut genialer Australienroman, der mich sofort gefesselt hat.« Leserattes Bücherwelt Band 1 der bewegenden AUSTRALIA-Saga von Bestsellerautorin Laura Walden. Im zweiten Band, »Eukalyptusfeuer«, rettet die junge Scarlett Parker einem Fremden das Leben – nicht ahnend, wer er wirklich ist …
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Seitenzahl: 705
Veröffentlichungsjahr: 2026
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1853: Unter der Hitze der australischen Sonne begegnet die junge Victoria Stewart dem attraktiven Goldgräber Jonathan Boyle. Schon bald erblüht zwischen den beiden eine zarte Liebe – doch ihre Familie verbietet die Verbindung. Auf den Goldfeldern von Ballarat will Jonathan sich Vicky als würdig erweisen – bis eine heimtückische Intrige das Paar auf schmerzhafte Weise entzweit. Verlassen und verzweifelt muss Vicky eine folgenschwere Entscheidung treffen, die ihr Leben für immer verändert – nicht ahnend, dass das Schicksal sie viele Jahre später erneut auf die Probe stellen wird, als sie Jonathan erneut begegnet …
eBook-Neuausgabe März 2026
Copyright © der Originalausgabe 2015 bei EGMONT Verlagsgesellschaften mbH
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Dieser Roman erschien ursprünglich unter dem Pseudonym Mirja Hein.
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eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)
ISBN 978-3-69076-998-3
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Laura Walden
Roman - Die große Australien-Saga 1
dotbooks.
THE SONG OF AUSTRALIA
There is aland where summer skiesAre gleaming with a thousand dyes, Blending in witching harmonies,And grassy knoll and forest height, Are flushing in the rosy light, And all above is azure bright – Australia!
There is a land where honey flows, Where laughing corn luxuriant grows, Land of the myrtle and the rose, On hill and plain the clust’ring vine Is gushing out with purple wine, And cups are quaffed to thee and thine – Australia!
There is a land where treasures shine Deep in the dark unfathom’d mine For worshippers at Mammons shrine; Where gold lies hid, and rubies gleam, And fabled wealth no more doth seem The idle fancy of a dream – Australia!
There is a land where homesteads peepFrom sunny plain and woodland steep, And love and joy bright vigils keep, Where the glad voice of childish glee Is mingling with the melody Of nature’s hidden minstrelsy – Australia!
There is a land where, floating free, From mountain-top to girdling sea, A proud flag waves exultingly; And freedom s sons the banner bear,No shackled slave can breathe the air, Fairest of Britains daughters fair – Australia!
Caroline J. Carleton
Bearbrass lautete einer der zahlreichen Namen für die Ansiedlung am Yarra River und an der Port-Phillip-Bucht, bevor sie 1837 ihren heutigen Namen erhielt: Melbourne. Diese Kolonialstadt diente im Gegensatz zu anderen Orten auf dem australischen Kontinent nie als Straflager für britische Schwerverbrecher, sondern wurde zum Wohnen mit breiten Straßen und Parks angelegt.
Bereits damals sagte man Melbourne eine große Zukunft voraus. So hieß es 1839 im Cornwall Chronicle, einer Zeitung aus dem tasmanischen Launceston, dass Port Phillip das Zeug habe, eines Tages zur Königin der australischen Kolonien aufzusteigen.
Im Juli 1851 feierten die 29 000 Melbournians ihre Unabhängigkeit von New South Wales: Die neue britische Kolonie Victoria war aus der Taufe gehoben. Wenige Wochen zuvor hatte man Gold in Victoria gefunden, was der Bevölkerung aber erst nach den Feierlichkeiten bekannt gegeben werden sollte, um Tumulte zu vermeiden. Eine kluge Entscheidung, denn als die Goldfunde vier Tage später öffentlich gemacht wurden, war in Melbourne der Teufel los. Alles drehte sich nur noch um das gelbe Edelmetall. Aus der beschaulichen Kolonialstadt Bearbrass wurde innerhalb weniger Jahre die Handelsmetropole Melbourne. Die Bevölkerung der neuen Kolonie wuchs zu Zeiten des Goldrausches stetig an. Hatte Victoria 1851 noch 75 000 Einwohner, waren es zehn Jahre später bereits über eine halbe Million.
Das Gold machte die Stadt und die Kolonie reich, aber in dem Maß, in dem Goldsucher aus aller Welt in die Stadt strömten, stieg auch die Kriminalität in der Hauptstadt. Zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung wurden Richter und Polizisten aus dem Mutterland ins ferne Australien geschickt.
So auch Richter Samuel Stewart, der mit seiner Familie 1851 auf dem Auswandererschiff Parland von London nach Sydney und im Anschluss auf einem kleineren Schiff nach Melbourne gelangte, um am obersten Gericht der Stadt fortan Recht zu sprechen. Dieser Roman erzählt die Geschichte seiner Familie. Sie beginnt an einem heißen Februartag im Jahre 1853.
Sophie Victoria Stewart, die wegen ihrer Bewunderung für die englische Königin mit ihrem zweiten Namen gerufen werden wollte und von allen nur Vicky genannt wurde, hasste ihre neue Heimat Melbourne abgrundtief. Es gab nicht einen einzigen Tag, seit sie vor mehr als zwei Jahren mit dem Schiff aus London in der Bucht Port Phillip angekommen waren, an dem sie nicht über die Hitze, den Gestank oder die vom Regen und den Überschwemmungen schlammigen Straßen geschimpft hatte. Sie verabscheute den heißen Sommer, und besonders den Spätfrühling, an dem Wetterumschwünge, Temperaturstürze und Stürme an der Tagesordnung waren. Dann gebärdete sich das Wetter in dieser Stadt wie eine launische Diva. Wenn man Pech hatte, wechselte es binnen Sekunden von trocken und warm zu nass und kalt. Im Volksmund nannte man Melbourne deshalb auch die »Stadt der vier Jahreszeiten an einem Tag«. Melbourne war, seit man in Ballarat und Bendigo Gold gefunden hatte, zu einem regelrechten Hexenkessel geworden, in den es Glückssucher aus der ganzen Welt trieb. Davor sei es ein beschauliches, verschlafenes Städtchen gewesen, behaupteten die Einwohner Melbournes, die schon vor dem Goldrausch dort gelebt hatten. Doch die Geschichte dieser Stadt interessierte Vicky nicht, weil sie ohnehin nicht vorhatte, in Melbourne zu bleiben.
Am ehesten fand noch das kalte Winterwetter, das zuverlässiger war als die anderen Jahreszeiten, Gnade vor Vickys kritischem Auge, weil es sie entfernt an den Londoner Winter erinnerte. Aber nicht nur das Wetter glorifizierte Vicky, seit sie die alte Heimat hatte verlassen müssen, sondern alles an London geriet im Nachhinein zu einem romantischen Idealbild. Ob es die sauberen Straßen, die schönen Häuser, das großstädtische Ambiente oder der Nebel waren, Vicky schwärmte von London, wie sie es niemals auch nur annähernd getan hatte, als sie noch in der Stadt lebte.
Jedes Mal, wenn sie an den Tag dachte, an dem sie gegen ihren erklärten Willen mit ihrer Familie, zwei Hausangestellten und einem halben Hausstand auf einem Auswandererschiff die Themse flussabwärts gefahren war, und das in dem Wissen, für lange Zeit fortzubleiben, spürte sie nackte Wut in sich aufsteigen. Besonders auf ihren Vater, der sie dazu gezwungen hatte, ihr Zuhause zu verlassen, weil die Regierung ausgerechnet ihn für geeignet hielt, dieses hohe Richteramt in der Kolonie wahrzunehmen. Für ihn war das eine große Ehre und unbedingte Verpflichtung gewesen. Bei mir können sie sicher sein, dass meine Vorfahren keine Strafgefangenen sind, und sie brauchen jetzt dringend Männer wie mich ... Mit diesen Worten hatte er der Familie mit stolzgeschwellter Brust seine Entscheidung, nach Australien zu gehen, eröffnet. Verabschiedet euch von London, am besten für immer, meine Kinder, hatte ihr Vater verlangt, aber Vicky hatte seine Worte ignoriert, und tat das bis heute. Nein, sie würde zurückkehren, sobald sie einen heiratsfähigen Engländer gefunden hatte, den es so wie sie in die Heimat zurücktrieb. Das hatte sie sich an jenem grauen Tag geschworen. Aber das war keineswegs so einfach. Rückkehrwillige und überdies heiratskompatible Engländer waren in Melbourne eine Seltenheit.
Vicky ballte bei dem Gedanken an ihren ersten mutigen Vorstoß in diese Richtung, der allerdings in einem schrecklichen Fehlschlag geendet war, die Fäuste. Doch selbst diese kleine körperliche Anstrengung brachte sie mächtig ins Schwitzen, denn von Melbournes wolkenlosem Himmel brannte an diesem Februarnachmittag die alles versengende Sonne herunter. Sie hatte Angst, ihr Haar könnte in Brand geraten. So heiß war es auf ihrem Kopf, hatte sie doch in der Wut nach dem Streit mit ihrer Schwester vergessen, ihr Hütchen aufzusetzen. Dass Louise sich aber auch immer so aufspielen musste, dachte Vicky erbost, man könnte meinen, sie sei schon uralt und nicht erst neunzehn Jahre.
Ach, wie gern würde Vicky das alles hinter sich lassen. Ihrer Familie würde sie kaum eine Träne nachweinen. Jedenfalls bildete sie sich das ein, solange sie mit ihnen unter einem Dach leben musste und sie ihr mächtig auf die Nerven gingen, allen voran die Petze Louise.
Es ist wirklich verhext, dass sich keiner findet, der sich erbarmt, mich nach London mitzunehmen, ging es Vicky trübsinnig durch den Kopf. Der erste Vorstoß, ihre Rückkehr nach London in die Wege zu leiten, war jedenfalls zum Fiasko geraten. Wenn sie an ihren völlig unüberlegten Auftritt neulich in der Küche dachte, spürte sie sofort die Schamesröte in ihren Wangen aufsteigen. Sie hatte sich Richard regelrecht an den Hals geworfen. Er war ein Polizist aus London, einer der vielen, die die Regierung in Scharen ins Land geholt hatte, um der durch den Goldrausch explodierenden Kriminalität in Melbourne Herr zu werden. Richard war ein gutmütiger Hüne und der Verlobte von Mary, der Köchin. Vicky saß gern bei Mary in der Küche und schwärmte gemeinsam mit ihr von London. Die Köchin hatte mindestens so viel Heimweh wie sie. Und an jenem Tag, an den sie sich gerade erinnerte, obwohl sie ihn vor lauter Peinlichkeit am liebsten für immer aus ihrem Gedächtnis streichen wollte, war Richard vorbeigekommen, um mit Mary einen Tee zu trinken. Er war weit über dreißig, was der siebzehnjährigen Vicky bereits als steinalt galt. Außerdem war er übergewichtig und litt außerordentlich unter der Hitze. Sein Gesicht glühte in allen erdenklichen Rottönen, und er wischte sich ständig den Schweiß aus dem Gesicht. Doch als er an diesem Tag schnaufend preisgegeben hatte, er würde, sobald seine Pflicht in zwei Monaten getan wäre, mit dem nächsten Schiff in die Heimat zurückkehren, war Vicky hellhörig geworden.
»Du gehst wirklich nach London zurück?«, fragte sie neugierig-
»So sicher wie das Amen in der Kirche. Und zwar zusammen mit meiner Frau.« Er strahlte Mary dabei an, über deren Gesicht jenes dümmliche Grinsen huschte, das Vicky schon von ihrer Schwester Louise kannte, wenn Vaters Freund, der Gefängnisdirektor Archibald Cumberland, zu Besuch kam. Obwohl sie hoffte, dass sie einen Mann niemals so schwärmerisch anschauen würde, fasste sie blitzschnell einen Plan und versuchte, dieses Lächeln nachzuahmen.
»Richard?«, säuselte sie. »Kannst du dir vorstellen, mich zu heiraten?«
Der Polizist musterte sie fassungslos, während ihm der Schweiß aus allen Poren gleichzeitig tropfte, sodass er gar nicht mit dem Wischen nachkam.
»Sophie Victoria, schäm dich!« Marys Stimme überschlug sich beinahe vor lauter Empörung.
Vicky ignorierte die Schelte der Köchin und trat einen Schritt auf den sichtlich verwirrten Polizisten zu.
»Heirate mich!«, verlangte sie.
»Aber, aber, du bist viel zu jung, und ich ... ich liebe doch ...« »Bitte! Doch nur zum Schein. Wir werden uns gleich in London wieder scheiden lassen. Vater lässt mich niemals allein gehen! Wo denkst du hin? Ich will dich nicht wirklich zum Mann, sondern nur auf dem Papier, um dieses schreckliche Land zu verlassen.«
»Sophie Victoria! Schluss mit dem Unsinn!« Mary war außer sich.
»Aber was hast du denn? Natürlich kommst du mit, und dann heiratest du ihn. Und ich gehe zu meiner Tante Charlotte und wohne dort. Sie würde sich riesig freuen. Ich wollte doch ohnehin bei ihr bleiben, aber Vater hat es nicht erlaubt.«
Mary stieß einen tiefen Seufzer aus. »Genau, du sagst es. Einmal abgesehen davon, dass ich es nicht erlauben würde, wenn du Richard heiratest, dein Vater wäre entsetzt. Meine Tochter und ein einfacher Polizist.«
Mary hatte den Tonfall von Richter Samuel Stewart perfekt nachgeahmt und Vicky wider Willen zum Lachen gebracht. Doch das war ihr schon Sekunden später vergangen. »Du verpetzt mich doch nicht, oder? Wenn Dad erfährt, dass mir jedes Mittel recht wäre, nach London zurückzukehren, dann ...«
»... dann wird er sagen. Sophie Victoria! Wann benimmst du dich endlich wie eine Lady? Nimm dir ein Vorbild an Louise.«
Mary hatte den Ton ihres Arbeitgebers erneut so echt getroffen, dass Vicky zusammenzuckte. Mary hatte recht. Ihr Vater würde eine solche Verbindung niemals dulden. Er war streng und doch der Einzige in der Familie, der sie trotz ihrer wilden Art von Herzen liebte. Nach jedem Streit nahm er sie in den Arm und bat sie inständig, Besserung zu geloben. Nein, Richard, der Polizist, war keine Lösung. Aber es musste doch in dieser Stadt irgendwo ein Mann zu finden sein, der den hohen Ansprüchen ihres Vaters gerecht wurde, der sie heiraten wollte und mit dem sie nach England zurückkehren konnte!
Wie soll ich denn in dieser Stadt eine Lady sein? Dass ich nicht lache, dachte Vicky, während sie die lange, schmutzige Straße hinuntersah. Ihr Zorn nach einem bösen Streit mit ihrer Schwester hatte sie ohne Begleitung aus dem Haus und in das verbotene Viertel getrieben, in dem sich das berüchtigte Melbourner Gefängnis und auch das Oberste Gericht, der Arbeitsplatz ihres Vaters, befanden.
Sie konnte sich im Übrigen lebhaft vorstellen, wie die Familienmitglieder reagierten, wenn sie erfuhren, dass sie, jederzeit und ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, das nächste Schiff nach London besteigen würde, wenn man es ihr doch nur erlaubte. Das ein oder andere Mal hatte sie schon mit dem Gedanken gespielt, sich heimlich an Bord eines Schiffes zu schleichen, aber das wollte sie ihren Eltern dann doch nicht antun. Sie traute sich ja nicht einmal, ihrer Familie zu gestehen, wie unendlich groß ihre Sehnsucht nach London war, dass sie dafür nahezu alles in Kauf zu nehmen bereit war. Das schrieb sie nur heimlich ihrer Tante Charlotte. Ihr Vater würde ihr auf diesen Wunsch hin wahrscheinlich ordentlich den Kopf waschen und ihr deutlich machen, dass es ihre Pflicht wäre, in der Kolonie zu bleiben. Und dann würde er sie lange und traurig ansehen. Ihre Mutter würde nach ihrem Riechwasser verlangen, während Louise lästern würde, dass das mal wieder typisch für Vicky wäre.
Vicky fragte sich manchmal, warum sie so anders war als ihre Mutter und ihre Schwester. Die beiden waren einander zum Verwechseln ähnlich. Sie hatten feine rotblonde Löckchen, rundliche Gesichter mit roten Apfelbäckchen, grüne, große Augen und herzförmige Münder. Auch von der Figur her ähnelten sie einander wie Schwestern. Sie waren beide klein und zart, wobei sie durchaus weibliche Rundungen besaßen, dort, wo sie hingehörten. Das jedenfalls behauptete Vickys Vater manchmal mit einem wohlwollenden Blick auf seine Frau.
Vicky hingegen kam voll und ganz nach ihrem Vater. Richter Samuel Stewart war ein hagerer, hochgewachsener Mann mit blondem, dickem Haar und einem kantigen Gesicht. Vicky war groß, schlank und hatte blondes, glattes Haar. Schon in London hatte sie die gleichaltrigen Jungen der Knabenschule um Haupteslänge überragt. Das mit der Schule war auch so eine Sache, die Vicky an Melbourne ganz und gar missfiel. Es gab hier noch nicht einmal eine Mädchenschule, sodass Richter Stewart seine Töchter von einem Privatlehrer hatte unterrichten lassen. Doch auch der war jüngst nach England zurückgekehrt. Beim alten Mister Cook war Vicky allerdings gar nicht erst auf den Gedanken gekommen, sich ihm anzudienen. Mister Cook war ein alter Herr jenseits der sechzig, der aus Gesundheitsgründen zurück in die kalte Heimat gegangen war, nachdem seine Frau an einem Fieber gestorben war.
Und was wird mein Bruder wohl sagen, wenn er erfährt, dass ich lieber heute als morgen nach London zurückkehren möchte?, fragte sich Vicky, während sie die Häuser, die die Straße säumten, skeptisch betrachtete. Nein, sie wusste partout nicht, wo sie sich gerade befand. Nur eines war auffällig: Die Gebäude wurden immer einfacher, je weiter sie sich aus der Gegend entfernte, in der ihr Vater ihnen ein nobles Anwesen mit einem Prachthaus gekauft hatte. Ihr neues Zimmer in Melbourne war das Einzige, das Vicky an ihrer neuen Heimat zu schätzen wusste. Das Haus war viel größer als ihre Stadtvilla in London, und Vickys Zimmer doppelt so groß wie ihr Mädchenzimmer in England. Ihre Gedanken kehrten zu ihrem Bruder Steven zurück. Was würde ihr großer Bruder zu ihren Plänen sagen? Wahrscheinlich würde er dem Gespräch nur mit halbem Ohr zuhören, weil er wie meist mit den Gedanken woanders ist, wenn es nicht um ihn geht, mutmaßte Vicky.
Steven würde die Familie ohnehin bald verlassen. In einigen Monaten begann sein Studium der Rechtswissenschaft an der Universität in Sydney. Für ihren Vater war es gar keine Frage gewesen, dass sein ältester Sohn beruflich in seine Fußstapfen trat. Steven widersprach den väterlichen Plänen zwar nicht, aber Vicky ahnte, dass ihm die Aussicht, Richter zu werden, überhaupt nicht behagte. Steven war im Grunde seines Herzens ein verhinderter Musiker. Nur, wenn er am Klavier saß und Sonaten von Händel spielte, bekam er diesen gewissen Glanz in den Augen, den Vicky sonst gar nicht von ihrem Bruder kannte. Manchmal begleitete er sie auf dem Klavier, wenn sie Lieder von Henry Purcell sang. Sie besaß eine wunderschöne Altstimme und liebte den Gesang. Die Musikalität lag in der Familie, denn der Vater ihrer Mutter, Anne Stewart, war ein bekannter Kirchenmusiker gewesen. Trotzdem würde Samuel Stewart es niemals gutheißen, wenn sein Sohn in die Fußstapfen des Großvaters trat. Er hörte seinen Kindern wirklich gerne zu und schmückte sich mit ihren Talenten, wenn sie ihr Können zu Festlichkeiten vorführten, aber beruflich würde er eine Musikerkarriere bei Steven niemals akzeptieren. Und, was Vicky anging, kam der Richter nicht einmal auf den Gedanken, dass sie überhaupt einen Beruf ausüben könnte. Junge Damen gehörten schließlich an die Seite eines Ehemannes. Er verhehlte allerdings nicht, dass er sich um Louises Zukunft keinerlei Gedanken machte, während er Zweifel daran hegte, ob Vicky überhaupt eine Chance auf dem Heiratsmarkt hatte.
Genau um diese Frage war es bei dem Streit der Schwestern vorhin gegangen. Vicky hatte sich darüber lustig gemacht, dass ihre Schwester sich wie ein Äffchen vor dem Spiegel hin und her gedreht hatte, weil ihr Verehrer sie zu einem kurzen Spaziergang abholen wollte. Louise hatte ihrer kleinen Schwestern daraufhin an den Kopf geworfen, dass sie sich darum keinerlei Sorgen machen müsste, weil sie ohnehin niemals in ihrem Leben in die Verlegenheit kommen würde, dass ein Mann sie zu einem Spaziergang abholen würde, schließlich sei sie hässlich wie die Nacht. Vicky hatte sich nicht anders zu helfen gewusst, als ihrer Schwester kurz entschlossen das Hütchen von den wohlfrisierten Locken zu reißen und darauf herumzutrampeln. Daraufhin war Louise empört zu ihrer Mutter gerannt und hatte die kleine Schwester verpetzt. Die Mutter war natürlich wieder einmal auf Louises Seite gewesen und hatte Vicky eine Strafpredigt gehalten. Wie kannst du dich nur so kindisch verhalten?, hatte sie ihrer Tochter vorgeworfen. Das tat Vicky natürlich weh. Sie war alles andere als ein Kind, aber eben auch keine Lady, wie man das von ihr erwartete. Dabei wusste Vicky ganz genau, warum sich ihre Mutter so über ihr »kindisches Verhalten« aufgeregt hatte. Anne Stewart war selbst ganz vernarrt in Archibald Cumberland und geradezu darauf versessen, dass er alsbald um die Hand ihrer älteren Tochter anhielt. Vicky war es allerdings ein Rätsel, was alle an dem Gefängnisdirektor fanden. Er war so groß wie Vicky und hatte zugegebenermaßen schöne dunkle Locken. Aber sahen sie denn alle nicht, dass ihm die Falschheit geradezu aus den Augen blitzte und er einen brutalen Zug um den meist zusammengekniffenen Mund hatte? Vicky verstand überhaupt nicht, dass offenbar die ganze Familie darauf erpicht war, Mister Cumberland als neues Familienmitglied willkommen zu heißen. Sie konnte auf diesen Kerl gut und gern verzichten. Und nun hatte sie das Hütchen ihrer Schwester beschädigt, mit dem sie vor ihrem Galan eine gute Figur hatte machen wollen. Eine Todsünde, wie Vicky vorhin schmerzhaft hatte erfahren müssen.
Sie hatte nicht lange überlegt, sondern war aus dem Haus, in den Garten und dann geradewegs hinaus auf die Straße gerannt. Sie kannte die ungefähre Richtung, in der das Oberste Gericht der Stadt zu finden war, doch sie war noch nie allein in der Russell Street gewesen. Ihr Vater hatte sie ein paarmal in der Kutsche mit dorthin genommen und ihr strengstens untersagt, sich jemals auf eigene Faust in diese Gegend aufzumachen, denn dort befand sich nicht nur das Gericht, sondern auch das Gefängnis, das man an der Grenze zum Buschland errichtet hatte. Wieder einmal hatte sie die Verbote ihres Vaters missachtet.
Bis zur Elizabeth Street hatte sie sich noch orientieren können. Diese Straße war ihr so verhasst, dass sie sie nicht verfehlen konnte. Es gab in der ganzen Stadt keinen Weg, der bei Regen derart im Moder versank wie diese Straße. Neulich erst hatte sie mit angesehen, wie eine Kutsche regelrecht in einem Schlammloch verschwunden war. Das Pferd hatte dieses Unglück mit dem Leben bezahlt. Nein, das war nicht der Ort, an dem Vicky ihre Zukunft sah. Trotzdem hätte sie jetzt gern gewusst, wo sie sich befand. Hier hatten die Straßen jedenfalls nicht einmal mehr Beschilderungen.
Vater wird sicher fuchsteufelswild werden, wenn ich in seinem Büro auftauche, sollte ich das Gerichtsgebäude jemals finden, dachte sie, als sie aus den Augenwinkeln drei finstere Kerle wahrnahm, die sich ihr näherten.
Die Kerle hatten struppige Bärte, langes ungepflegtes Haar und trugen zerschlissene Bekleidung. Sie sind entweder entflohene Sträflinge oder Glückssucher, denen das Schicksal nicht hold gewesen ist, mutmaßte Vicky, und sie vergaß, den Blick züchtig zu senken. »Wenn du jemals solchen Strolchen allein begegnen solltest, was ich nicht hoffen möchte«, hatte ihr die Mutter eingeschärft, »dann tu so, als ob du sie nicht siehst. Dann werden sie erkennen, dass du eine Dame bist und dich ignorieren.«
Schon traf sich der Blick von einem der Kerle mit ihrem. Ein begehrliches Funkeln sprach aus seinen Augen. Er pfiff anerkennend durch die Zähne. Alle drei Männer glotzten sie gleichermaßen gierig an.
»Na, mein Vögelchen, was möchtest du dafür haben, wenn du uns allen dreien ein kleines Vergnügen machst?«, erkundigte sich einer von ihnen grinsend.
Vicky wusste, dass es besser wäre, die Angebote der Burschen zu ignorieren und schnellstens das Weite zu suchen, aber es war nicht ihre Art, Frechheiten anderer schweigend hinzunehmen. Voller Verachtung musterte sie die abgerissenen Gestalten von oben bis unten. »Ihr irrt euch! Die Frauen, die ihr sucht, findet ihr unten am Hafen. Wenn ihr es auch nur wagt, mich anzurühren, bekommt ihr es mit meinem Vater zu tun.«
Der eine Kerl, ein kleiner, hagerer mit einem chinesischen Einschlag, trat bedrohlich einen Schritt auf sie zu, obwohl sie ihn um einen halben Kopf überragte. »Da machst du uns aber richtig Angst! Wenn du halbwegs eine Lady wärest, würdest du dich nicht allein in dieser Gegend aufhalten, zudem züchtig den Blick senken und einen Hut tragen. Also, was kostet der Spaß? Oder sind wir dir zu dreckig? Aber du ...« Er sah ihr jetzt unverschämt auf den Busen. » ... du bist auch nicht gerade das, was wir uns nach den anstrengenden Wochen in Bendigo erträumt haben. Also zier dich nicht, Bohnenstange!«
Vicky war weiß Gott kein ängstlicher Mensch, aber als in diesem Augenblick auch die beiden anderen, die im Gegensatz zu ihrem Freund wahre Hünen waren, Anstalten machten, sie mit ihren widerlichen, schmutzigen Händen zu begrapschen, wurde ihr mulmig zumute. Die dachten doch nicht etwa wirklich, dass sie eines der käuflichen Mädchen war?
Sie versuchte, den gierigen Männern, die sie gegen eine Häuserwand drücken wollten, auszuweichen, indem sie sich duckte, aber der hagere Chinese griff ihr grob unter das Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. Ihr wurde speiübel, als er ihr seinen stinkenden Atem entgegenhauchte, aber sie saß in der Falle, wie sie mit klopfendem Herzen feststellen musste. Seine Lippen kamen näher, und Vicky musste würgen, aber das hielt den Kerl nicht davon ab, sich mit halb geöffnetem Mund ihrem zu nähern. Vicky konnte mit Schaudern erkennen, dass ihm mehrere Zähne fehlten und der Rest gelblich verfärbt war. In diesem Augenblick bedauerte sie zutiefst, dass sie von zu Hause abgehauen war, und spürte, wie ihr vor lauter Verzweiflung die Tränen kamen. Aber das erweichte die Herzen der drei Kerle mitnichten. Im Gegenteil, der Chinese hielt zwar kurz inne, aber nur um sie zu verspotten. »Oh, jetzt weint unsere kleine Hure!« Der eine Hüne schubste seinen chinesischen Kumpan daraufhin zur Seite und zerrte grob an Vickys Kleid. »Wir haben nicht ewig Zeit«, grunzte er, als er mit einem Mal seinerseits von ein paar starken Händen gepackt und zu Boden geschleudert wurde. Eine schneidende männliche Stimme sagte: »Wagt es nicht noch einmal, meine Braut anzufassen, ihr miesen Schweine. Sonst seid ihr schneller im Melbourner Gefängnis, als ihr denken könnt!«
Die Männer warfen einander unschlüssige Blicke zu, während der Fremde Vicky seine Hand reichte. »Komm zu mir. Sie werden dir nichts mehr tun.« Sie nahm die rettende Hand entgegen. Er legte beschützend den Arm um sie. Die drei Kerle glotzten ihn dümmlich an, besonders der, den er zu Boden geschleudert hatte. »Ich zähle bis drei. Wenn ihr mir dann nicht aus den Augen seid ...« Er drehte sich um und reckte den Hals. »Ach, da kommt ja ein Ordnungshüter des Weges ...«
Der Fremde hatte den Satz noch gar nicht zu Ende gesprochen, da hatten sich die Angreifer getrollt, und Vicky musterte mit großen Augen ihren heldenhaften Retter.
Es kam selten vor, dass Vicky sprachlos war, aber in diesem Moment war sie es. Vicky sah den Fremden an, als hätte sie noch nie zuvor einen Mann gesehen. Und das hatte sie bislang auch noch nicht, jedenfalls nicht mit dem Blick einer Frau.
»Oh, entschuldigen Sie bitte«, sagte er höflich und zog seinen Arm fort. »Ich wollte mich Ihnen nicht derart vertraulich nähern, aber mir fiel in dem Augenblick nichts Besseres ein, als mich als Ihr Verlobter auszugeben.«
Seine tiefe, wohlklingende Stimme ging ihr durch und durch. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte er sie gern noch länger im Arm halten können. Sie hatte sich unendlich beschützt gefühlt.
»Aber, das haben Sie doch wunderbar gemacht. Sie sind mein Held«, erwiderte Vicky, ohne den Blick von ihm zu lassen. Sie blieb an einem Paar graugrüner Augen hängen. Die Intensität, die aus ihnen sprach, fesselte Vicky derart, dass sie den Rest des Mannes erst musterte, nachdem er sich ihr mit den Worten vorsteilte: »Mein Name ist Jonathan Bowl.« Er streckte ihr seine Hand nun zur Begrüßung entgegen.
Jonathan war über einen Kopf größer als sie und schlank. Wie mein Zwilling, ging es Vicky durch den Kopf, während sie seine Hand nahm. Sein Händedruck war kräftig und angenehm. »Ich bin Victoria Stewart und danke Ihnen ganz herzlich, dass Sie mich vor diesen Strolchen gerettet haben. Die haben offenbar gedacht ...« Vicky unterbrach sich hastig. Es gehörte sich nicht für eine junge Lady, über die käuflichen Mädchen am Hafen zu sprechen.
Jonathan verstand, was sie hatte sagen wollen. »Sie müssen sich nicht wundern. In dieser Gegend treibt sich bekanntlich allerlei Gesindel herum. Und junge Damen, die offenbar keine Furcht kennen. So wie Sie.«
»Wie kommen Sie denn darauf?«
»Naja, nun, dafür, dass die Kerle drauf und dran waren, Sie in einen dunklen Hauseingang zu schleppen und sich an Ihnen zu vergreifen, waren Sie verdammt ruhig.«
»Was hätte ich denn tun sollen? Schreien? Zetern? Nein, ich musste doch überlegen, wie ich unbeschadet aus der Situation entkommen konnte. Und gerade, als sie mich gerettet haben, kam mir der Gedanke, dass, wenn er es wagen sollte, meinen Mund zu berühren, ich ihm die Zunge abbeißen sollte.«
Ein Lächeln erhellte seine Züge. Er hatte ein kantiges, bartloses Gesicht, was Vicky auf Anhieb gefiel. Noch nie war sie einem so gutaussehenden jungen Mann begegnet.
»Sie sind mir eine. Ja, in der Tat habe ich von einer jungen Lady erwartet, dass sie in einer solchen Lage um Hilfe ruft.«
»Dann hätten die Kerle mich geschlagen. Womöglich mitten ins Gesicht«, entgegnete sie ungerührt.
»Sie sind eine kluge junge Frau und nicht auf den Mund gefallen«, erklärte er lächelnd. »Aber was treibt Sie nur in diese unwirtliche Gegend?« Er musterte sie prüfend und blieb an ihrem Kleid hängen, das aus teurem Stoff gemacht war.
»Ich suche meinen Vater und habe mich verirrt.«
»Ihren Vater?«
»Ja, er ist Richter am Obersten Gericht, und ich wollte ihn in seinem Büro besuchen.«
Täuschte sie sich oder verdunkelte sich seine freundliche Miene?
»Soso, Ihr Herr Vater ist also am hiesigen Gericht tätig.«
Vicky nickte eifrig. »Ja, ich hatte einen hässlichen Streit mit meiner Schwester und war so aufgebracht, dass ich fortgelaufen bin und zu meinem Vater wollte.«
»Hm, und Sie meinen wirklich, dass er sich über Ihren Besuch freuen würde?« Das klang spöttisch.
»Das nicht gerade. Er wäre bestimmt einer Meinung mit meiner Schwester und meiner Mutter gewesen, aber er hätte mich wenigstens in den Arm genommen und mich dann erst gescholten. Außerdem hat er mir verboten, jemals zu Fuß in diese Gegend zu marschieren ...«
»Was haben Sie denn Schlimmes angestellt?«
Vicky stieß einen tiefen Seufzer aus. Eigentlich sollte sie diesem Fremden gar nicht ihre ganze Lebensgeschichte erzählen, aber er machte so einen vertrauenerweckenden Eindruck, wenngleich ... Ihr Blick blieb an seiner verschlissenen Kleidung hängen. So edel wie Louises Verehrer war er nicht gekleidet. Zur feinen Gesellschaft von Melbourne, auf die ihr Vater immer so viel Wert legte, gehörte er wohl eher nicht.
»Ich habe meiner Schwester den Hut vom Kopf gerissen und darauf rumgetrampelt«, gab sie zögerlich zu.
»Nicht gerade eine damenhafte Geste«, erwiderte er lachend. Sein Lachen war herzlich und kam aus voller Kehle.
Sie hatte sich niemals, wie Louise es so oft getan hatte, in allen erdenklichen Einzelheiten ausgemalt, wie der Mann, in den sie sich verlieben könnte, wohl aussehen müsste, aber wenn, so wurde ihr in diesem Augenblick klar, dann hätte es ein großer, hagerer Mann mit kantigem Gesicht und pechschwarzen Locken sein müssen ... Sie konnte gar nichts dagegen tun; seit Jonathan den Arm um sie gelegt hatte, vermochte sie an nichts anderes mehr zu denken als daran, dass er das bitte noch einmal machen möge.
»Was hätten Sie denn getan, wenn Ihnen Ihr Bruder gesagt hätte, Sie seien so hässlich wie die Nacht und würden niemals eine Frau bekommen ...«
»Ich habe keinen Bruder«, lachte er. »Aber, sollte Ihre Schwester Ihnen an den Kopf geworfen haben, dass Sie hässlich sind, hat sie keine Augen im Kopf. Sie sind wunderschön, und die Herren werden sich um Ihre Gunst reißen.«
Vicky sah Jonathan fassungslos an und spürte zu ihrem Ärger, dass sich ihre Wangen röteten. So etwas Nettes hatte noch nie jemand zu ihr gesagt. Kein Familienmitglied und schon gar kein junger Bursche. Ohne weiter nachzudenken, hörte sie sich da bereits fragen: »Sagen Sie, Jonathan, wollen Sie vielleicht demnächst nach London zurück?«
Nun war es an ihm, fassungslos zu gucken. »Äh, nach London? Mit Verlaub, was soll ich da? Nach England zieht mich gar nichts. Ich bin hier zu Hause, beziehungsweise drüben in Van Diemen’s Land geboren und nun auf der Suche nach dem großen Glück.«
»Sagen Sie bloß nicht, dass Sie einer von den Goldsuchern sind!« Das blanke Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben, denn sofort gingen ihr all die Sätze durch den Kopf, die ihr Vater für »dieses Gesindel«, wie er die Schürfer nannte, übrighatte. Sie sind arbeitsscheue Nichtsnutze, die früher oder später hinter den dicken Mauern des Gefängnisses landen, wenn sie nicht zu den wenigen gehören, die tatsächlich etwas finden ... Aber auch die sind Abschaum!
»Sie sehen mich ja an, als wäre ich der leibhaftige Beutelteufel«, lachte Jonathan.
»Beutelteufel?«
»Das ist ein Raubbeutler aus Van Diemens Land. Er hat ein pechschwarzes Fell, und bei Aufregung bekommt er glühend rote Augen und fängt zu kreischen an.« Jonathan hob die Arme und machte das Schreien des gefürchteten Tieres nach.
Statt sich zu erschrecken, brach Vicky in lautes Lachen aus. Was für ein unterhaltsamer Mann, der mit kindlicher Freude Tierlaute imitiert, dachte sie. Ihr Herzschlag beschleunigte sich merklich.
»Sie sind entzückend«, bemerkte Jonathan plötzlich ernst und blickte ihr intensiv in die Augen. »Und Sie haben das herzlichste Lachen, das ich je aus dem Munde einer jungen Dame gehört habe.«
»Mutter sagt immer, das ziemt sich nicht für eine Lady.«
Er legte den Kopf schief und betrachtete sie schmunzelnd.
»Ladys sind langweilig. Sie hingegen scheinen eine richtige Frau zu sein. Eine Frau, die ein Mann wie ich auf der Stelle küssen möchte.«
Das brachte Vickys Herz nur noch mehr zum Rasen, vor allem, als sich sein Mund ihren Lippen näherte. Er wollte sie doch nicht etwa wirklich ... in diesem Augenblick spürte sie, wie sie ein Schwindelgefühl ergriff. Ihr Kopf fühlte sich seltsam leer an, und sie kam ins Wanken. Allein die Vorstellung, er könnte es wagen und sie würde es zulassen ...
Wenn Jonathan sie nicht aufgefangen hätte, sie wäre wohl zu Boden gestürzt.
»Mir ist so schummrig«, flüsterte sie, als sie sich in seinen Armen in Sicherheit fühlte.
Jonathan strich ihr über den Kopf und rief entsetzt aus: »Ihr Kopf steht ja förmlich in Flammen. Kommen Sie, nehmen Sie den.«
Mit der einen Hand hangelte er nach seinem breitkrempigen Sonnenhut und stülpte ihn Vicky über ihr blondes Haar.
»Aber jetzt sind Sie doch völlig ungeschützt der Sonne ausgeliefert«, protestierte sie halbherzig. Obwohl ihr sehr flau im Magen war, fühlte sie sich in seinem Arm wunderbar geborgen.
»Keine Widerrede. Und jetzt haken Sie sich bitte bei mir ein. Ich werde Sie auf schnellstem Weg bei Ihrem Herrn Vater abliefern.«
Vicky tat, was er verlangte.
»Sie kennen den Weg?«, fragte sie zaghaft, während sie an seinem Arm die staubige Straße entlangeilte, denn er konnte es nun offenbar kaum mehr erwarten, sie loszuwerden.
Kurze Zeit später tauchte auch schon das Gerichtsgebäude vor ihnen auf. Vor dem Portal entzog er ihr seinen Arm. »Schaffen Sie es allein?«, fragte er besorgt.
»Ich glaube nicht. Sie müssen mich noch hineinbegleiten«, stöhnte Vicky, obwohl sie sehr wohl spürte, dass ihr kleiner Schwächeanfall vorüber war.
»Ungern«, seufzte er. »Ich glaube nicht, dass Ihr Vater über meine Begleitung sehr erfreut sein wird.«
»Sie irren sich, Jonathan. Ich muss ihm doch meinen Retter vorstellen«, entgegnete sie entschlossen, nahm ihn bei der Hand und zog ihn in den Eingang des Gerichtsgebäudes.
»Ich weiß nicht recht«, murmelte Jonathan.
»Doch, oder haben Sie was auf dem Kerbholz, dass Sie sich scheuen, das Gerichtsgebäude zu betreten?«, fragte sie scherzend.
Jonathan wurde blass. »Nein, ich glaube nur, dass Ihr Vater keinen Wert darauf legt, mich kennenzulernen«, entgegnete er.
Vicky blieb abrupt stehen. »Mein Vater beißt nicht. Und ich möchte, dass er den wunderbarsten Mann kennenlernt, der mir in dieser Stadt jemals begegnet ist«, flüsterte sie. »Oder mögen Sie mich nicht?«, fügte sie erschrocken hinzu.
»Sie sind bezaubernd, aber ich ... ich ... wir kommen aus zwei Welten, die nicht zueinander passen. Wir müssen uns ... also hier trennen sich unsere Wege«, stammelte er.
»Wollen Sie das wirklich?«, fragte Vicky und streichelte ihm zärtlich über seine glatte Wange.
»Ich, ich ... ach, ich ...« Und schon hatte er ihr Gesicht in beide Hände genommen und seinen Mund auf ihre Lippen gepresst. Vicky öffnete leicht den Mund und ließ sich auf das Spiel ihrer Zungen ein, als hätte sie schon hundertmal geküsst. Dabei hatte sie Louise gerade heute während des Streits noch voller Abscheu geschworen, dass sie allein den Gedanken, jemals einen Mann zu küssen, ekelhaft fände ... Sie hatte natürlich an Archibald Cumberland gedacht. Wie hätte sie ahnen können, dass ihr nur wenig später ein Mann begegnen sollte, bei dem sie sich wünschte, der Kuss würde niemals enden.
Als sie ihre Lippen voneinander lösten, hatte Vicky weiche Knie und blickte Jonathan beseelt an.
In seinen Augen aber konnte sie keine Spur von strahlendem Glück erkennen, sondern eher einen Ausdruck gequälter Zerrissenheit.
Vicky zuckte erschrocken zurück. »Oh, das hätte ich nicht tun sollen. Das macht eine Lady nicht, oder?«
Jonathan atmete ein paarmal tief durch. »Wir beide, du und ich, Victoria ...«
»Nenn mich einfach Vicky.«
»Vicky ...«, flüsterte er.
Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Noch nie zuvor hatte jemand ihren Namen so zärtlich ausgesprochen. Und trotzdem ahnte sie, dass ihr das, was ihm auf der Zunge lag, nicht gefallen würde. Sie schluckte.
»... es ist besser, wenn wir uns auf diesem Flur verabschieden. Ich komme aus einer ganz anderen Welt als du. Und glaube mir, dein Vater wird niemals dulden, dass ich auch nur einen Fuß über eure Schwelle setze.«
»Hab doch keine Angst. Mein Vater ist im Grunde seines Herzens ein gutmütiger Mensch, der mir keinen Wunsch abschlagen kann. Und außerdem wird es ihn beruhigen, dass es einen Mann gibt, der mich mag. Er glaubt doch, ich würde nie einen Mann zum Heiraten finden ...« Vicky schlug sich die Hand vor den Mund. »Das hätte ich niemals so direkt sagen dürfen. Junge Damen warten, bis der Mann ihnen einen Antrag macht, sagt meine Mutter immer. Und deshalb warten Louise und sie ja auch so fieberhaft darauf, dass ihr Verehrer endlich den Mund aufmacht.«
Zu ihrer Überraschung huschte über Jonathans Gesicht ein warmherziges Lächeln. »Weißt du eigentlich, wie bezaubernd du bist?«, sagte er. Die Qual aus seinen Augen war wie weggeblasen. Vicky konnte nur noch Zuneigung in ihnen lesen.
»Findest du wirklich? Du musst nämlich entschuldigen, ich habe keinerlei Erfahrungen im Umgang mit jungen Männern.«
»Du bist offen und unverstellt, und du glaubst gar nicht, wie herzerfrischend das ist.«
»Heißt das, du bringst mich zu meinem Vater?«
Jonathan rollte mit den Augen. »Gut, aber sei nicht enttäuscht, wenn er mich achtkantig hinauswirft.«
»Niemals!«, erwiderte Vicky voller Inbrunst, ergriff erneut seine Hand und zog ihn mit sich bis in die obere Etage. Vor einer großen Tür aus Eichenholz blieb sie stehen.
»Bist du bereit?«, lachte sie.
Jonathan nickte, aber glücklich sah er nicht aus.
Vicky klopfte energisch an die Tür, bis von innen die vertraute Stimme ihres Vaters »Herein!« rief.
Bevor sie die Tür öffnete, entzog Jonathan ihr seine Hand. »Es ist besser so«, raunte er.
Ihr Vater saß hinter einem Berg Akten am Schreibtisch. Als er aufsah, verhärteten sich seine Gesichtszüge.
»Sophie Victoria, was tust du hier?«
Vicky aber kümmerte sich nicht um seinen strengen Tonfall, sondern lief um den Schreibtisch herum und umarmte ihren Vater herzlich. »Schön, dich zu sehen, Vater«, säuselte sie. Jetzt erst schien der Richter auch den jungen Mann wahrzunehmen, der sich dezent im Hintergrund hielt.
»Und wer sind Sie?«, fragte er und musterte den Fremden voller Skepsis.
Bevor Jonathan antworten konnte, erzählte Vicky atemlos, wie er sie vor drei finsteren Kerlen gerettet hatte. Richter Stewart versuchte ein paarmal, den Redefluss seiner Jüngsten zu unterbrechen, aber sie ließ sich nicht beirren, sondern berichtete die Geschichte bis zu ihrem Ende. Dabei verschwieg sie natürlich, wie sehr es ihr der junge Mann angetan hatte. Das konnte sich Samuel Stewart aber offenbar selbst zusammenreimen, denn die Wangen seiner Tochter glühten, und sie strahlte in einer Art, wie er es noch nie bei ihr erlebt hatte.
»Schön«, sagte er knapp, nachdem sie ihre Schilderung beendet hatte. »Ich meine, schön, dass Sie im rechten Augenblick dazugekommen sind. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich es nicht gutheiße, dass du ...« Er wandte sich mit zusammengekniffenen Augen an seine Tochter. »... dass du einfach blindlings von zu Hause losgerannt bist. Darüber werden wir unter vier Augen zu reden haben.« Er griff nach seiner Geldbörse, holte einen Schein hervor, winkte Jonathan heran. »Das ist für Sie!« Mit diesen Worten drückte er dem verblüfften Jonathan das Geld in die Hand. Der blieb wie angewurzelt stehen, woraufhin der Richter ihm ein Zeichen gab, dass seine Anwesenheit nicht länger erwünscht war. Ganz so, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen.
»Aber Vater, du willst mich den langen Weg doch nicht ohne Begleitung zurückschicken?«, bemerkte Vicky empört, als sie begriff, dass ihr Vater Jonathan soeben loswerden wollte.
»Nein, das ganz sicher nicht!«, entgegnete Samuel streng. »Ich habe gleich noch eine Sitzung. Und du, mein liebes Kind, wirst brav in einem Zimmer warten, um anschließend mit mir in der Kutsche nach Hause zu fahren. Wir brauchen die Dienste des jungen Mannes nicht mehr.« Das verkündete er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.
Jonathan zögerte einen Augenblick, warf Vicky einen bedauernden Blick zu, bevor er sich zum Gehen bereit machte.
»Aber du kannst doch nicht einfach gehen. Ich weiß doch gar nicht, wo ich dich finden kann«, versuchte Vicky, ihn zurückzuhalten.
»Das ist auch gar nicht nötig. Siehst du nicht, dass der junge Mann gehen möchte«, fügte Richter Stewart unmissverständlich hinzu.
»Aber Vater, du kannst ihn doch nicht einfach hinauswerfen«, protestierte Vicky, stellte sich Jonathan in den Weg und sah ihn flehend an, als erwartete sie, dass er sich ihrem Vater offenbarte.
»Ich glaube, der junge Mann versteht mich«, sagte der Richter mit drohendem Ton, nicht ohne einen abschätzigen Blick auf Jonathans zerschlissene Hose zu werfen. »Oder?«
»Jawohl, Sir, ich denke, ich habe hier nichts mehr verloren«, gab Jonathan zurück.
»Aber Vater, das kannst du nicht machen. Ich dachte, du lädst ihn vielleicht zum Dank dafür, dass er mich gerettet hat, zum Essen zu uns ein.«
»Ich denke, der junge Mann hat einen ausreichenden Lohn für seine gute Tat bekommen«, ergänzte Mister Stewart.
»Ach, ja, das ist sehr großzügig von Ihnen«, entgegnete Jonathan mit versteinerter Miene, kehrte zum Schreibtisch des Richters zurück und legte ihm den Schein hin. »Das ist wirklich nicht nötig. Es war mir eine Ehre, der jungen Lady aus der Verlegenheit zu helfen.«
Samuel sah ihn irritiert an. »Nun nehmen Sie die Belohnung schon. Sie haben es sich verdient!«, befahl er mit Nachdruck, doch Jonathan drehte sich wortlos um und trat einen Schritt auf Vicky zu, die das Ganze mit großen Augen verfolgte.
»Habe ich es dir nicht gesagt? Zwischen unseren Welten gibt es keine Brücken«, flüsterte er und streichelte ihr liebevoll über die Wange, bevor er zur Tür ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Vicky blieb einen Augenblick wie betäubt stehen, nachdem die Tür hinter ihm geräuschvoll zugefallen war.
Erst das empörte Schnaufen ihres Vaters riss sie aus ihrer Erstarrung. »Was hast du dir denn dabei gedacht?«, schimpfte der Richter. »Dass du mir einen Kerl von der Straße anschleppst?«
Vicky lagen die Widerworte bereits auf der Zunge, aber sie schluckte sie hinunter. Was sollte sie ihrem Vater sagen? Nein, Jonathan ist ein junger Mann aus den besten Kreisen von Melbourne? Sie kannte die Meinung ihres Vaters über Goldsucher nur zu gut. Damit würde sie ihren Vater bloß noch mehr aufbringen. Deshalb versuchte sie es auf die sanfte Art. Sie ging zu ihrem Vater, legte ihm die Hände auf die Schulter. »Vater, er ist ein durch und durch guter Mann. Glaub es mir. Und was wäre denn schon dabei, wenn du dir in aller Ruhe ein Urteil über ihn bildest? Komm, gib deinem Herzen einen Stoß. Er kann ja auch nur zum Tee zu uns kommen und nicht zum Essen.«
»Ich habe ihm das da gegeben ...« Samuel Stewart deutete auf den Schein. »Mehr kann ich nicht tun. Ist das meine Schuld, dass er das Geld nicht nimmt?«
»Nein, Vater, natürlich nicht. Nur ist er zu stolz, um deine Almosen anzunehmen. Er möchte kein Geld, sondern deine Tochter näher kennenlernen ...«
»So weit kommt das noch, dass ich mir Schwiegersöhne aus der Gosse holen muss«, unterbrach er Vicky schnaufend.
»Aber wer redet denn gleich davon? Nur gibt es jetzt endlich einen, der mich wirklich gernhaben könnte, und da wäre es doch schade, wenn wir uns nicht einmal kennenlernen dürften ...«
»Papperlapapp! Ich habe zwar gesagt, es wird nicht einfach, für dich einen Mann zu finden. Jedenfalls nicht so einfach wie bei Louise. Aber mach dir in dem Punkt keine Sorgen. Ich habe da schon jemanden im Auge. Er wird demnächst zum Essen kommen. Und was hast du da überhaupt für einen lächerlichen Hut auf dem Kopf? Der gehört doch nicht etwa dem Burschen?«
Vicky ignorierte die Bemerkung ihres Vaters, soweit sie Jonathans Hut betraf. »Aber ich möchte nicht, dass jemand zum Essen kommt, den du im Auge hast. Ich möchte Jonathan Bowl wenigstens zum Tee einladen! Wir sind es ihm schuldig. Er hat mich vor den ekelhaften Kerlen gerettet!«, rief sie empört aus.
»Ach, du kennst also schon seinen Namen. Das ist ja nicht zu fassen. Und er weiß, dass du die Tochter von Richter Stewart bist. Hoffentlich treffe ich den Kerl nicht vor meinem Richtertisch wieder, und er pocht dann auf die Beziehung zu meiner ihm ach so vertrauten Tochter!« Richter Stewart hatte sich regelrecht in Rage geredet. Sein Gesicht glühte rot wie die untergehende Sonne. Er schnappte nach Luft. »Du machst uns nichts als Ärger, Sophie Victoria!«
Seine Worte rauschten jedoch ungehört an Vicky vorüber. Ganz gleich, was ihr Vater anstellte, um Jonathan zu einem hergelaufenen Nichtsnutz zu stempeln, sie würde um ihn kämpfen! Es konnte doch nicht rechtens sein, dass sie den Mann, der ihr Herz derart zum Pochen brachte, von dem sie sich nichts sehnlicher wünschte als einen zweiten Kuss, bei dem sie sich geborgen fühlte und der sie so mochte, wie sie war, und nicht ummodeln wollte, einfach ziehen ließ, nur, weil er ihrem Vater nicht gut genug war.
»Nein, Vater, das akzeptiere ich nicht. Ich möchte, dass du ihm eine Chance gibst. Und wenn du es nicht tust, werde ich ihn ohne deine Erlaubnis zum Tee einladen. Ich glaube kaum, dass du so unhöflich sein wirst, ihn vor die Tür zu setzen!«
Und schon war Vicky zur Tür gerannt.
»Sophie Victoria, du bleibst hier!«, brüllte ihr Samuel hinterher.
Vicky kümmerte sich nicht um die Stimme in ihrem Rücken. Sie war allein von dem Wunsch getrieben, Jonathan nicht tatenlos aus ihrem Leben verschwinden zu lassen, wo sie ihn doch gerade erst gefunden hatte. Nein, sie musste ihn um jeden Preis zurückhalten. Und wenn sich Sophie Victoria Stewart etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann gab es kein Halten mehr.
»Vicky, verdammt, komm sofort zurück!« Dieser Aufschrei ihres Vaters war das Letzte, was sie hörte, bevor sie seine Bürotür hinter sich zuschlug und den Flur entlangraste. Von Jonathan keine Spur. Kein Wunder, dachte Vicky betrübt, er muss ja glauben, dass ich mich dem Willen meines Vaters widerspruchslos füge.
Als Vicky aus dem Gerichtsgebäude ins Freie trat, wurde sie von der gleißenden Sonne geblendet. Jonathan schien wie vom Erdboden verschluckt. Er hätte doch wenigstens hier draußen auf mich warten können, dachte sie betrübt, während sie intensiv in beiden Richtungen die Straße hinauf- und hinunterblinzelte.
In dem Augenblick meinte sie, ihn in der Ferne an seinem pechschwarzen Schopf zu erkennen. Sie zögerte nicht eine Sekunde, sondern raffte ihr Kleid und lief los. Rennen war bei dieser Hitze eine Qual, aber es störte sie nicht, dass ihr der Schweiß in den Nacken und über das Gesicht ran. Keuchend holte sie ihn schließlich ein.
»Jonathan, warte!«, rief sie.
Er blieb stehen, musterte sie wie einen Geist.
»Vicky! Geh zurück!«, befahl er streng. Aus seinem Blick sprach das Gegenteil. Sie kümmerte sich nicht um seine Worte, sondern stürzte sich in seine Arme. »Hast du etwa geglaubt, ich würde nichts von dir wissen wollen, nur weil du ein Goldgräber bist?«, rief sie voller Empörung aus.
Er zog sie ganz fest zu sich heran. »Wenn das alles wäre, aber es gibt da noch etwas anderes, das ...«
»Es ist mir egal, vollkommen egal!«, unterbrach sie ihn leidenschaftlich.
»Wenn es doch nur so einfach wäre, aber dein Vater ...«
Vicky legte ihm sanft den Finger auf den Mund zum Zeichen, dass er schweigen möge. Sie wusste in diesem Augenblick, dass es verrückt wäre, sich über den erklärten Willen ihres Vaters hinwegzusetzen, aber sie konnte nicht anders. Nichts auf der Welt würde sie davon abbringen, Jonathan zum Tee einzuladen. Sie musste ihn unbedingt wiedersehen.
»Vater hat ein Einsehen. Es tut ihm leid, dass er so abweisend war«, stieß sie aufgeregt hervor.
Jonathan musterte sie skeptisch.
»Und ich kann es beweisen. Im Namen meines Vaters lade ich dich morgen Nachmittag zum Teetrinken in unser Haus ein«, erklärte sie feierlich.
Jonathan musterte sie mit ungläubigem Erstaunen. »Der Herr Richter lädt mich in sein Haus ein?«
»Ja, sage ich doch. Er hat eingesehen, dass ein Geldschein nicht der Lohn ist, den du verdient hast. Um fünf in der Spencer Street?« Vicky beschrieb ihm, wo sich das Haus ihrer Eltern befand. »Ich freue mich.«
Jonathan schien noch etwas auf der Zunge zu liegen, doch Vicky sagte streng: »Keine Widerrede. Vater ist gar nicht so schlimm. Du kennst doch sicher den Spruch: Hunde, die bellen, beißen nicht!«
Jonathans Miene war wie versteinert. Als Vicky das wahrnahm, fuhr ihr der Schreck durch alle Glieder. »Oder magst du mich gar nicht wiedersehen? Vielleicht ... weil ich mich so gar nicht wie eine Lady benehme?«
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. »Du kennst meine Ansicht, die sogenannten Ladys betreffend doch bereits. Ich meine es ganz ernst. Ich möchte gar keine von diesen englischen Ladys, deren Lächeln genauso steif ist wie ihre Röcke. Und wie gern ich dich wiedersehen möchte! Du bringst die Sonne in mein Leben.« Er nahm sie stürmisch in den Arm und drückte sie beinahe verzweifelt an sich.
Vicky konnte ihr Glück kaum fassen. Was für ein Mann, der ihr solche wunderschönen Dinge sagte!
»Dann ist doch alles gut.« Sie strahlte über das ganze Gesicht. »Bis morgen!«
»Bis morgen«, erwiderte Jonathan immer noch nicht annähernd so begeistert, wie sie sich das gewünscht hätte.
»Halt, bevor ich es vergesse.« Vicky nahm seinen Hut ab und setzte ihn Jonathan schräg auf die dunklen Locken.
Jonathan rang sich zu einem Lächeln durch und warf ihr zum Abschied eine Kusshand zu.
Wie auf Wolken eilte Vicky zurück zum Büro ihres Vaters. Kaum hatte sie, ohne zu klopfen, die Tür aufgerissen, sah sie in sein zorniges Gesicht.
»Ich wollte dich gerade suchen«, bellte ihr Vater, bevor eine wahre Schimpftirade auf sie niederging. Der Richter warf ihr vor, dass sie nichts als Unsinn im Kopf hätte, nie eine Dame werden würde und es das Allerletzte wäre, einem hergelaufenen Kerl nachzurennen, dessen pechschwarzes Haar den Verdacht nahelegte, dass es sich bei ihm um einen Mischling, einen Abo-Bastard, handelte.
Vicky verstand nicht, was er damit sagen wollte, denn das Wort hatte sie noch nie zuvor gehört.
»Was ist das, ein Abo-Bastard?«, wagte sie es, ihren Vater zu unterbrechen.
»Ach, das muss eine Dame aus deinen Kreisen gar nicht wissen«, sagte er und fuhr mit seiner Standpauke fort, die er mit den Sätzen beendete: »Tu das nie wieder! Du hast in diesem Viertel nichts zu suchen, es sei denn, du fährst mit mir in der Kutsche her.« Schnaufend hielt er inne. »Aber das ist ja noch mal gut gegangen. Ich glaube, der junge Mann hat begriffen, dass er sich dir nie wieder zu nähern hat.«
»Ich habe ihn ... « Vicky stockte. Nein, es war kein guter Zeitpunkt, ihren Vater mit der Wahrheit zu konfrontieren, nachdem er sich doch gerade etwas beruhigt hatte. Sie nahm sich vor, es ihm lieber morgen schonend beizubringen, denn sonntags war sein freier Tag, und da hatte er meist bessere Laune als an Werktagen.
Vicky senkte den Blick. »Es tut mir so leid, dass ich dir immer wieder solchen Kummer mache«, seufzte sie. »Aber Louise war so gemein zu mir. Da musste ich einfach fort.«
Und nun schilderte Vicky ihrem Vater in aller Ausführlichkeit, was zu Hause vorgefallen war.
Der Richter stöhnte ein paarmal missbilligend, das sichere Zeichen, dass er wieder einmal Anne und Louise recht gab.
»Ich denke, du entschuldigst dich bei deiner Schwester und deiner Mutter«, seufzte er, nachdem sie mit ihrer Erzählung fertig war. Aber in seinen Augen konnte sie jetzt jene Wärme erkennen, die ihr immer wieder bewies, dass er sie trotz allem von Herzen lieb hatte. Etwas, das sie im Blick ihrer Mutter kaum je zu lesen vermochte.
»Ach, wenn sich Mister Bradshaw doch nur für dich erwärmen könnte«, stöhnte er.
Vicky ging der Schreck durch Mark und Bein. Ihr Vater hatte doch nicht wirklich vor, sie an einen Fremden förmlich zu verscherbeln. Das war ja wie auf dem großen Markt, wo die Farmer ihre Tiere verkauften.
»Niemals, Vater, das schwöre ich dir. Du brauchst diesen Mister gar nicht erst einzuladen. Wenn du das tust, blamiere ich euch bis auf die Knochen. Ich schwöre dir, ich werde alles tun, damit mich dieser Mister abscheulich findet. Versuche es gar nicht erst!«
»Aber, Vicky, es wäre doch nur zu deinem Besten. Er ist ein angesehener Bürger dieser Stadt, wohlhabend und gebildet ...«
»Vater, ich will ihn nicht, und er wird mich nicht wollen. Also, gib dir keine Mühe!«
»Aber du willst doch nicht als alte Jungfer enden wie meine arme Schwester«, seufzte er. Auch diesen Vergleich kannte Vicky schon zur Genüge. Dabei war Tante Charlotte eine unterhaltsame, eigenwillige Person, von der man sich sagte, sie hätte sich einst vehement dagegen gewehrt, den Mann zu heiraten, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten. Vicky mochte ihre Tante, und es gab in ihren Augen weit Schlimmeres, als so zu leben wie Tante Charlotte. Bis gestern hatte sie so ein Leben ohne Ehemann sogar noch erstrebenswert gefunden. Bis heute Jonathan aufgetaucht war ...
»Ach, Vater, mach dir keine Sorgen!«, lachte Vicky und umarmte den Richter stürmisch. Ob sie die Gelegenheit beim Schopf packen sollte, ihm nun zu gestehen, dass morgen jemand zu Besuch kam, der sie vom Fleck weg heiraten würde?
»Schwöre mir, dass du mir nie wieder so einen Kerl von der Straße anschleppst!«, sagte der Richter in diesem Augenblick und musterte Vicky durchdringend.
Nein, das ist kein günstiger Moment, Vater zu offenbaren, dass ich den »Kerl von der Straße«, wie er ihn nannte, für morgen zum Tee eingeladen habe, ging es Vicky durch den Kopf. Ach, wenn es bloß schon morgen Nachmittag wäre. Sie konnte nur beten, dass ihr Vater Jonathan nicht aus dem Haus warf, ohne sich zunächst ein Bild von ihm gemacht zu haben. Vicky redete sich ein, dass er Jonathan, wenn er ihn erst einmal kennengelernt hatte, genauso schnell in sein Herz schließen würde, wie sie es getan hatte. Er ist doch ein richtiger Gentleman, auch wenn er nicht ganz zu der für ihren Vater so wichtigen feinen Gesellschaft von Melbourne gehörte, dachte Vicky schwärmerisch. So engstirnig konnte ihr Vater doch gar nicht sein, dass er einem Menschen wie Jonathan keine Chance einräumte!
»Schwörst du es?«, hakte der Richter nach.
Vicky nickte und kreuzte die Finger hinter dem Rücken.
Das Haus der Familie Stewart in der Spencer Street war das auffälligste Bauwerk weit und breit. Ein Regierungsbeamter hatte es sich vor ein paar Jahren im Stil einer italienischen Villa errichten lassen. Ins ferne Australien war diese Art von Architektur, die man Italianate-Stil nannte, noch nicht wirklich vorgedrungen, aber der Bauherr und vorherige Eigentümer hatte sich einen bekannten Architekten aus London geleistet, der das Modernste geschaffen hatte, was im Empire gerade im Kommen war. Das Haus war rechteckig, bestand aus zwei symmetrischen Flügeln und hatte ein flach abfallendes Walmdach, das rundherum von einer Balustrade gesäumt war. Die großen Fenster waren in Bogenform geschwungen. Das Haus stand auf einem parkähnlichen Grundstück, und vor dem Eingang waren zwei prächtige Palmen gepflanzt worden. Der Regierungsbeamte war dann allerdings gar nicht in sein Haus eingezogen, nachdem seine Frau bei der Geburt des ersten Kindes gestorben war. Samuel Stewart hatte das Haus auf diese Weise zu einem verhältnismäßig günstigen Preis erwerben können. Dass sich ein von Grund auf konservativer Mann wie der Richter für ein derart modernes Wohnhaus entschieden hatte, lag darin begründet, dass ihn die Symmetrie des Gebäudes begeistert hatte. Es ist ein Sinnbild der Waage der Justitia, soll er schwärmerisch ausgerufen haben, nachdem man ihm dieses Haus gezeigt hatte.
Auf der Rückseite befand sich eine überdachte Veranda, die auf den Wunsch seiner Frau Anne gleich nach dem Einzug der Familie angebaut worden war. Dort wurde sonntags der Lunch eingenommen und jeden Nachmittag der Tee.
Vicky war schon seit dem Aufwachen furchtbar nervös. Den ganzen Morgen lang war sie um ihren Vater herumgeschlichen, um ihm endlich zu beichten, dass sie Jonathan zum Tee eingeladen hatte. Ihr Vater aber war an diesem Sonntag schrecklich schlecht gelaunt, weil die letzte Verhandlung, die er am Vortag geführt hatte, nicht zu seiner Zufriedenheit verlaufen war. Es war ihm nicht gelungen, einen Goldgräber des Mordes an einem Ladenbesitzer zu überführen, weil es eine Zeugin gab, die beschwor, zur Tatzeit mit dem Glückssucher zusammen gewesen zu sein. Für Richter Stewart gab es keinen Zweifel, dass die Dame eine Falschaussage gemacht hatte, aber die Geschworenen hatten ihr geglaubt.
Den ganzen Morgen hörte Vicky ihren Vater über diese vermaledeiten Glückssucher schimpfen, die das beschauliche Melbourne in ein Sodom und Gomorrha verwandelt hatten. Keine gute Voraussetzung, um Vater schonend darauf vorzubereiten, dass ich einen dieser »vermaledeiten Glückssucher« hinter seinem Rücken und gegen seinen erklärten Willen in sein Haus eingeladen habe, dachte Vicky resigniert. Und ihrer Mutter konnte sie sich auf keinen Fall anvertrauen. Die war immer noch böse auf sie, weil sie ihrer Schwester das Hütchen vom Kopf gerissen und es dann mit dem Fuß unrettbar zerstört hatte. Dabei hatte sie sich ihrem Vater zuliebe, kaum dass sie mit der Kutsche zu Hause eingetroffen waren, bei Louise und ihrer Mutter entschuldigt. Offenbar hatten die beiden durchschaut, dass Vicky den tätlichen Angriff auf die Kopfbedeckung ihrer Schwester nicht wirklich bereute. Jedenfalls brachten sie ihr seit gestern nichts als vorwurfsvolle Blicke entgegen. Kein Lächeln, kein freundliches Wort. Sie sehen sich nicht nur ähnlich, sie verhalten sich auch gleich, dachte Vicky, als sie den beiden auf dem Weg zum Arbeitszimmer ihres Vaters auf dem Flur begegnete. Die anklagenden Blicke aus zwei Augenpaaren würden ihr normalerweise aufs Gemüt schlagen und sie in ihrem Entschluss bestärken, Melbourne und damit ihre Familie auf dem schnellsten Wege zu verlassen. An diesem Tag richteten sie keinen Schaden in ihrer Seele an, denn sie war in Gedanken allein mit der Frage beschäftigt: Wie und wann sage ich es meinem Vater?
Zaghaft klopfte sie schließlich an seine Tür.
»Herein!«, brummte er nicht gerade freundlich.
Vicky nahm all ihren Mut zusammen und betrat sein Arbeitszimmer.
»Vater, ich muss mit dir reden«, brachte sie gefasst heraus.
»Das trifft sich gut. Ich habe auch mit dir zu reden, und zwar darüber!«, entgegnete er in scharfem Ton und deutete auf einen Brief, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Vicky konnte sich allerdings keinen Reim darauf machen. Wer hatte ihrem Vater etwas geschrieben, das ihn dermaßen verärgern konnte? Dass er erbost war, bewies die steile Zornesfalte auf seiner Stirn.
»Vater, ich hätte da eine Bitte, ich meine ...«
»Ich weiß, was du sagen willst, und glaube mir, es missfällt mir zutiefst! Wie konntest du nur?«
Vicky verstand nicht. Wie konnte ihm jemand von einem Tag auf den nächsten einen Brief geschrieben haben mit der Nachricht, dass heute Nachmittag ein Goldgräber zum Tee kommen würde? Und wer konnte außer Jonathan überhaupt davon wissen? Sie hatte mit keiner Menschenseele darüber gesprochen.
»Vater, ich wollte es dir doch selbst sagen. Ich konnte nicht anders. Versteh doch, es ist mein größter Wunsch ...«
Richter Stewart machte eine abwehrende Geste. »Ich will nichts mehr hören. Hast du verstanden? Geh und schick deine Mutter her!« Er sagte das in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.
Mit gesenktem Kopf verließ sie das Arbeitszimmer und suchte nach ihrer Mutter. Sie fand sie stickenderweise mit Louise auf der Veranda sitzen. Vicky erschauderte bei dem Anblick. Sie verabscheute Handarbeiten und hatte zwei linke Hände, wenn es um die Sticknadel ging.
»Mutter, Vater bittet dich, in sein Büro zu kommen«, teilte sie ihr mit. Ihre Mutter ließ sofort alles stehen und liegen und verließ die Veranda, ohne ihre Jüngste auch nur eines Blickes zu würdigen.
