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Ein junger Mann hustet kanariengelben Schleim ab, spuckt Blut und führt sein Leben trotzdem weiter, als wäre nichts. Er trinkt, raucht, erforscht seine Sexualität, rebelliert gegen seine Eltern und die ganze Gesellschaft. Derweil verschlechtert sich sein Gesundheitszustand zusehends und setzt ihm hart zu – aus dieser fatalen Erfahrung heraus beginnt er, einen Roman darüber zu schreiben. Die finanzielle Abhängigkeit von seiner Familie quält ihn, also löst er sich, geht zum Studium nach Rom und versucht, dort als Korrespondent seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Doch die Krankheit lässt sich nicht abschütteln: In seinem Hals entwickelt sich ein tödliches Geschwür. »Austrocknen« ist Janko Polić Kamovs einziger Roman. Posthum veröffentlicht, beschreibt er – poetisch in alle Richtungen überschießend – die Freuden und die Dämonen eines jungen Mannes, der aufbricht, seinen Platz im Leben zu suchen, aber feststellen muss, dass die Welt nicht auf ihn gewartet hat. Kaum verhüllt autobiografisch erzählt Kamov von Rauscherfahrungen, sexuellem Erwachen, politischer und künstlerischer Bewusstwerdung und dem Aufbegehren gegen die erdrückende kleinbürgerliche Herkunft. Seine furiose Mitschrift aller Gefühlsregungen und Einfälle des getriebenen Protagonisten gewährt tiefe Einblicke in dessen aufgewühlte und sprunghafte Innenwelt. Brigitte Döberts Übersetzung kostet die Erzählfülle aus und verleiht dem Roman eine prachtvolle Sprache, mit der die Jugend, aber auch der Verfall und die Weltverachtung in glänzenden Bildern beschworen und gefeiert werden und die ihn zu einem Ereignis werden lässt.
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Seitenzahl: 620
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Janko Polić Kamov
Janko Polić Kamov
Aus dem Kroatischenvon Brigitte Döbert
Mit einem Nachwortvon Miljenko Jergović
In einem gründlich gespülten Fläschchen schickte Arsen seinem Arzt Speichel zur Analyse. Er hatte sich einen Lungenkatarrh eingehandelt und hustete jeden Tag Dutzende gelber Schleimbrocken ab. Arsen verglich sie mit Korallen oder Schwämmen, ihrer Struktur wegen. Und die Farbe brachte er mit Kanarienvögeln oder Polenta in Verbindung. Er maß all dem keine besondere Bedeutung bei und hatte sich schon mit dem Gedanken abgefunden, dass es ein chronischer Katarrh war, den auch die Frühlingssonne nicht austrocknen würde.
Denn der Frühling stapfte bereits auf jungen, übermütigen Beinchen in leuchtenden Kniestrümpfen heran. Und im Wäldchen trieben frische Blätter, als lugten lauter Frauennäschen durchs Fenster. Und Vögel überholten sich mit kindlichem Geplapper, den Flug durchs Geäst tragend wie Mädchen, die sich in ihre Röcke wickeln, obwohl alles an ihnen spricht: Heirate mich. Und schon glänzten die ersten Schweißtropfen wie ejakuliert auf der heranreifenden Jugend. Arsen betrachtete all die Vorboten vom Himmel bis zur Erde, heftete seinen Blick auf Wolken, die lockig über ihm dahinflogen, weiß wie die Unschuld, prall wie Tränen. Aber er spuckte nur Erde, ohne der Jungfern zu achten, welche in die Arme einer temperamentvollen Sonne rannten.
Arsen grinste. ›Frühling, Frühling, hieß es – jetzt ist er da, und alles bleibt beim Alten.‹ Im Winter hatte er sich mit Lesen, Geschmiere und Fluchen die Zeit vertrieben. Rauchen war ihm vom Arzt verboten, aber Arsen, der Behandeltwerden ohne Rauchen öde fand, zog eine Zigarette aus dem Versteck, und eine ist bekanntlich keine. Dann begann er auszugehen, die ersten Male schwankend wie eine bäuerliche Equipage, dann immer gefestigter, schließlich sicher wie ein Automobil. Den Stock nahm er mit, aber mehr aus Nervosität denn aus Notwendigkeit. Er traute sich sogar in Gaststätten und entdeckte, dass Alkohol wohltuend auf die Atemwege wirkte. Mit Feuereifer erläuterte er: »Schau, du schläfst dich aus und hustest am nächsten Morgen alles ab, wie aus dem Ärmel geschüttelt. Wichtig ist doch nur, dass man das Nutzlose und Schwärende vollständig loswird.« Die Zechgesellschaft nickte seine flammende Rede gutmütig ab, die in dem Diktum gipfelte: »Aber das Allerwichtigste ist: Beim Trinken kommt der Appetit, und der Appetit, Leute, der Appetit ist alles!« Tatsächlich entwickelte er den sprichwörtlichen Bärenhunger. Das Argument überzeugte seine Mutter. Mütter wünschen sich ihre Kinder eben als gute Esser, vor allem wenn sie selbst am Herd stehen.
Überhaupt betrachtete Arsen das ›entzündliche Geschehen‹ mit echtem Interesse, und da er sich als Schriftsteller versuchte, nutzte er es für so manchen Vergleich. Zum Beispiel: Dort türmte sich eine dichte, fette, weiße Wolke auf, bis auf die Farbe dem Auswurf eines Lungenkranken gleich. Oder: Die Glocke dröhnte wie ein ausgewachsener Katarrh. Oder: Matija Prugovečki hielt die Luft an, als hätte er in Gesellschaft einen Hustenanfall und dürfte nicht ausspucken. Arsen nutzte nicht nur den eigentlichen Katarrh, sondern auch sämtliche Begleiterscheinungen vom Durchfall bis zur Verstopfung, bezeichnete Gelegenheitsgedichte etwa als chronischen Dünnschiss und sprach lieber von hartleibiger statt wie üblich von steriler Literatur.
Doch eines Tages sah er – fast zufällig –, dass er Blut gespuckt hatte. Reines Blut. Schon vorher waren einzelne Schleimbrocken von rostroten Schlieren durchzogen gewesen, aber er hatte dem keine Aufmerksamkeit geschenkt. Jetzt also dunkelrotes, reines Blut. In der Brust kochte es, die Kehle brannte. Er sagte etwas, seine Stimme klang fremd. Ein Ton, wie er ihn noch nie gehört hatte. Brüchig, unentschieden wie das Schmatzen regensatter Erde. Das Husten hörte nicht auf. Arsen wollte Atem holen und rang nur noch heftiger danach, als würde sich sein Organismus gegen Licht, frische Luft und Gesundheit verwahren. Blut!
Er beruhigte sich, kroch ins Bett und schlief ein. Stand unter dem ›blutigen Anblick‹, der so zerstörerisch auf Menschen wirkt, und ohne die tröstliche Vorstellung, es könnte aus Kehle oder Nase oder vom Zahnfleisch kommen. Ihm war klar, dass die Lunge blutete; die eisige Luft setzte ihm zu und schwächte ihn. Überzeugt vom Fortschreiten der Krankheit dachte er an den Tod, fand ihn betrüblich und bemitleidete sich selbst. Im Fenster hatte sich längst die finstere Nacht verfangen, im Zimmer war es kalt und steif, nur in seinem Innern kochte und brodelte es.
Am nächsten Tag begab er sich zum Arzt. Er hatte keine Angst. Im Gegenteil, was er da Neues spürte, weckte seine Neugier. Der Arzt stellte bei der Untersuchung eine unversehrte Lunge fest: »Ein Äderchen ist geplatzt, Sie sollten darauf achten, das nicht erneut zu provozieren. Ruhe, schlafen, keine Aufregungen. Am besten bleiben Sie ein paar Tage im Bett, und versuchen Sie unbedingt, jedes Husten zu unterdrücken. Ein Schluck Wasser, alle zwei Stunden einen Löffel davon (er schrieb ein Medikament auf), keine plötzlichen Temperaturschwankungen, bleiben Sie bei so einem Wetter zu Hause. Warten Sie auf die Sonne …«
Die war tatsächlich seit zwei Tagen hinter Wolkenmassen verschwunden, aus denen gelegentlich Sprühregen fiel, wie wenn der Wind jeden Tropfen in lauter Tröpfchen zerstäubte. ›Auf die Sonne warten!‹ Arsen beschloss, auf die Sonne zu warten. Einen Moment lang glaubte er sogar, er hätte den Sinn des Lebens entdeckt. ›Darum kämpfen!‹ Er sah den Feind und spürte die Hitze des Gefechts. Da schaute er dem bärtigen Arzt direkt in die Augen und sagte mit Nachdruck: »Herr Doktor, seien Sie bitte ehrlich, ist es die Schwindsucht? Ich schicke Ihnen zur Untersuchung … Sagen Sie mir die Wahrheit, ich bin von der Küste, werde also nicht in Schwermut verfallen. Und ich halte mich erst dann strikt an den Behandlungsplan, wenn die Krankheit festgestellt wird. Verstehen Sie …« Arsen redete auf den Arzt ein, wollte Klarheit über seine Krankheit, wollte seinem Feind in die Karten schauen, und der Arzt gab sich geschlagen: »Schicken Sie’s.«
Er schickte wie versprochen, und der Arzt vermeldete, die Ansteckung sei da. Auch jetzt empfand Arsen keine Angst. Der Gedanke, sich angesteckt zu haben, steigerte nur das Gefühl des Neuen. Der Feind war nah, und solange er ihn sich nur vorgestellt hatte, hatte er sich bis zur Panik vor ihm gefürchtet. Doch jetzt durchschaute er ihn, und nichts Grässliches fasste ihn an. Der Tod wirkte so einfach und gewöhnlich, dass Arsen erstaunt die eigenen Gedichte belächelte, die nichts anderes waren als herausgeschrienes Angeödetsein, Dagegensein und Leben. Dem alles verschlingenden Gegner mit dem Abstand der Fantasie in den Schlund zu schauen – das hatte ihm Angst eingejagt. Der Atheist muss die Nichtigkeit von allem Eigenen anerkennen: von Blut, Denken, Fleisch. Er wollte leben und glaubte zu leben. Im keimenden Leben vergaß er den Tod, benahm sich wie das Vergessen im Sex, wie die Ekstase der Masse; war nicht tief, sondern weit; trieb an der Oberfläche, auf dem Ich; und tauchte er – selten genug, anfallsweise, zufällig – ins Selbst, kroch er sofort wieder nach oben. Aber jetzt wusste er von der Ansteckung, von etwas in ihm, das sich nicht aus seinen Gedichten, aus seinem Lachen und seinen Gesprächen beurteilen ließ. Ein Bazillus, ein tödlicher Bazillus, der seine Poesie, seine Ideen besudelte. Er war nicht mehr gesellschaftsfähig, durfte nicht mehr ausspucken, nicht mehr aus fremden Gläsern trinken.
Ungefähr diese Art von Blick warf er hitzig auf alles ringsum. Und zerstörte sich nicht. Er spürte die Kraft seines Inneren, die ihn um sich versammelte. Denn dort lag der Schauplatz seines Kampfes, seiner Gedanken, Erfolge und Niederlagen. Es war eine Krankheit, die Menschen ausgrenzt, aus der Gesellschaft stößt und auf sich selbst zurückwirft.
Erst später begann er, über das Ende nachzudenken. Denn seine Gedanken waren nicht harmonisch, eingehegt und logisch. Einer entspann sich aus dem anderen, war dem Vorherigen aber eben darum kein bisschen ähnlich. (Der Sohn ist nicht wie der Vater, und noch keiner hat sich so tief in die Vergangenheit vorgewagt, als dass er das Gesetz der Erbfolge hätte heraustragen können.)
Lang war die Vergangenheit. Dunkel, undurchdringlich. Eine Wolke in der Nacht mit seltenen Blitzen. Arsen hatte sich noch nie mit ihr befasst, er war noch zu unbesonnen und zu konfus. Seine Gefühle glichen seinen Gedanken. Nicht stürmisch. Still und undurchdringlich. Wie die Wolke. Die Zukunft, kurz wie der Lenz, lag heiter vor ihm. ›Ich werde sterben‹, dachte er, ›aber wie ein Mensch.‹ Und ähnlich rhapsodisch stellten sich weitere Gedanken ein: ›Das pralle Leben ist natürlich kurz, denn die Alternative heißt: Entweder das Glas in einem Zug leeren und die ganze Köstlichkeit des Weins genießen – oder maßvoll trinken wie gutmütige Greise und solide Mägen. Aber leben heißt, seine Zeit verstehen, und selbst wenn ich als Mönch hundert würde, ich hätte als Totgeburt gelebt.‹
Seine Mutter war wie alle Mütter. Seit zwei Jahren Witwe, lebte sie teils von der Unterstützung ihrer Brüder, teils von der des älteren Sohnes und fütterte damit auch Arsen durch. Der hatte vor einigen Monaten seine Vertretertätigkeit aufgegeben und war zurückgekommen, und weil er krank wurde, blieb es dabei.
Seiner Mutter war es recht. Der Vater hätte den Sohn lieber draußen in der Welt in Stellung gewusst, doch die Mutter hatte ihn lieber stellungslos bei sich zu Hause. Als Einziger brauchte er sie noch, und das erfüllte ihre sinnlosen Tage mit etwas Sinn. Eine ihrer Töchter war mit Studienrat Magdić verheiratet, alles andere im Lauf von dreißig Ehejahren abgestorben. Sie stellte sich in den Dienst ihres Jüngsten, wollte ihn für sich haben, eifersüchtig auf Frauen, Bücher, Freunde, die ihn ihr wegnahmen. Ihr Neid speiste sich aus einer niederträchtigen Tugendhaftigkeit, die aus Verleumdungen, Lästerreden und Lügen eine Liebe voller Hass gebar. Blieb er abends lange aus, kannte sie nur einen Feind: den, der Arsen Gesellschaft leistete oder, wie sie es sah, ihr die seine vorenthielt. Weder fragte noch überlegte sie, wer es sein könnte, ihr fiel ein bekanntes Gesicht ein, und schon spuckte sie selbstlos und altruistisch Gift und Galle.
Arsen spürte es und verstand sie. Sie hatte ihm das Leben geschenkt, sie war Vergangenheit. Heute behinderte sie sein Leben, störte seine Gegenwart. Er brauchte sie nicht, sie war überflüssig, bedeutete ihm nichts, er hingegen war ihr ein und alles und würde es immer bleiben. Täglich waren sie zusammen, und da hatte Arsen angefangen, etwas gegen die vergiftete Stimmung zu tun, weil er spürte, wie ihre Liebe nach seiner Existenz griff, weil er spürte, wie überflüssig sie war, und verwahrte sich gegen die Last. Es war ein verdeckter Kleinkrieg, der nur gelegentlich die Form offener Auseinandersetzungen annahm, was sie um- und ihn hochbrachte. Mutter und Sohn – Sohn und Mutter verhakten sich in brutalen Zusammenstößen voller Missgunst und Hass.
Julije, sein Bruder, war Kaufmann. Die unterschwellige wechselseitige Abneigung rührte aus der Unvereinbarkeit ihrer Gedanken und Interessen, auch wenn sich beide über Blut, Eltern und Tisch verbunden fühlten.
Jelka, die Schwester, sah er selten und war ihr deswegen zugewandter, drückte ihr mitunter die schaumweiße Hand, als fände er die Schönheit einer sterilen Frau erhebend, Gefährtin eines Ausländers, eines Gymnasiallehrers, ein studierter, eifersüchtiger Historiker mit stets zusammengezogenen Brauen.
Jelka war schön, füllig, schwarzhaarig, ihr Gang so fließend, als hätte sie keine Knochen. Der Geruch ihrer Kleidung mischte sich mit dem ihrer Haare, und ihr Fleisch zitterte wie Sülze. Rote Wangen hatte sie keine. Das Bronzene ihres Teints schien von den schwarzen Augen angeleuchtet; die vollen Lippen, dunkel wie Rotweintrauben, gespitzt. Am verführerischsten jedoch waren ihre Glieder; sie verstand sich wie eine geborene Kokotte darauf, die Beine übereinanderzuschlagen, zu knicksen oder den Rock zu raffen, ohne sich der Wirkung auf Männer bewusst zu sein – und gerade dadurch umso aufreizender.
Von Anfang an hatte er den Herrn Lehrer nicht ausstehen können. Der redete gern von Ethik, die dem Malstrom der Geschichte standhalte, und predigte noch lieber Vernünftigkeit, worunter er verstand, dass man bis zum Morgengrauen zechte, aber zu keinem Zeitpunkt betrunken war. Wollte er gelehrt wirken, hielt er es mit der Ethik, wollte er geistreich sein, versuchte er es mit der Vernunft, und in der Schule schließlich redete er über Vernunftethik. Deswegen, und um seine Hände zu schonen, züchtigte er die Jungen der unteren Klassen mit Fußtritten.
Der Bruder der Mutter war ganz anders. Von Beruf Baumeister, im Gespräch gern mal ausfallend, seiner Frau ein Feldwebel, politisch ein Zyniker, als Witzeerzähler humorlos und im Leben selbst ein einziger Witz hätte der Mann nicht zu sagen vermocht, warum er geheiratet hatte, wo er doch weder lieben konnte noch Kinder wollte und ihm seine Frau nach eigenem Bekunden eine Last war, die er zu tragen und obendrein zu finanzieren hatte.
Seine Frau, die Gnädige Gorup, wie er selbst sie nannte und von allen anderen genannt wissen wollte, war anämisch und mollig wie ein Krug Budweiser, lecker und weich wie ein Pfannkuchen und vom Liebreiz aller Frauen, die Männer lieben, die sie im Weinrausch verprügeln, die sie nüchtern jedoch und vor anderen Leuten liebevoll tätscheln.
In diesem Kreis mied Arsen sämtliche Themen jenseits von Essen, Zirkus und Politik. Er sprach nie über sich, und trotzdem hatte jeder einen Begriff von ihm. Als die Krankheit festgestellt wurde, versorgten ihn alle mit Ratschlägen, alle gleichermaßen beflissen und einer Meinung. Er schüttelte nur den Kopf, achtete auf eine gewisse ›häusliche Hygiene‹ und in der Annahme, man müsse ›dem zerstörerischen Treiben des Bazillus gut vorbereitet und entschlossen entgegentreten‹, aß und lebte er fürs Erste ganz ordentlich.
Weiter unten im Haus arbeitete ein pummeliges, ewig grienendes Stubenmädchen mit feuerroten Händen. Heiß wie ein Soldatenflittchen schämte sie sich in ihrer Stellung dafür. Im Frühling zog sie ein rotes Kleid an, das vor Aufregung an ihr flatterte. Traf Arsen sie darin, ging er nie ohne eine halbwegs konventionelle Bemerkung an ihr vorbei. Damals hielt er es für seine Pflicht, die Pflicht eines jungen Mannes, Frauen mit dick aufgelegter Schminke beim ersten Mal anzusprechen, beim zweiten Mal anzufassen und beim dritten Mal zu küssen. Mindestens.
»Sie sind aber fröhlich!«
»O nein.«
»Wo fehlt’s?«
»Mein Lieber …«
So antworten Stubenmädchen gewöhnlich im Frühling. Der Hausflur war schummrig, durchs Schummerlicht säuselten die Satzfetzen. Arsen trat näher und legte seine Arme um ihre Schultern, glaubte ihr Zittern zu spüren. So nah bei ihrem Gesicht entdeckte er feine Linien um den Mund, Zeichen vorzeitigen Alterns und ein dümmlicher, ungeschlachter Anblick. Er berührte ihre Brüste, große, hochgeschnürte Säcke, empfand aber keine Lust. Sie gab widerstrebend nach, ließ den Kopf zur Seite fallen. Doch Arsen drückte ihr nur einen Kuss aufs Haar und verließ, wütend auf seine Lauheit, das Treppenhaus.
Die Luft war schneidend kalt, der Himmel gläsern, eine letzte Röte im Westen. Arsen schlug den Mantelkragen hoch und lief rasch die Straße hinunter. Er hatte nicht mehr gewollt, trotzdem war der Kuss eine Schmach. ›So ein Kuss! Habe ich eine Frau oder einen Mann geküsst? Dabei waren wir allein … wenn man bedenkt … hab den ganzen Winter nicht … Ist das Impotenz? Oder wirkt sich da schon die Schwindsucht aus? … Schwachsinn. Aber was dann? Intellektualität? Alles Schwachsinn! Reiner Schwachsinn! Hat mit Impotenz nichts zu tun, was rege ich mich auf.‹ – Unvermittelt blieb er stehen und betrachtete die Passanten. Er dachte an seine Schwester und hörte sofort auf zu denken. ›Was ist es denn? Was?‹ Und lenkte seine Gedanken bewusst auf Nikšić, seinen Freund, überlegte, ob der zu Hause war. ›Um sechs, hat er gesagt, und jetzt ist halb sieben. Wenn ich ihn daheim nicht antreffe, schaue ich im Löwen nach, vielleicht ist er dort, dort isst er meistens zu Abend, er hat mir ein paar Bücher versprochen. Moment … ich werde …‹ Seine Gedanken schossen dahin wie Geschwätz. ›Und das Mädel vom Trafik? Warum regt die mich eigentlich auf, genau wie die Schwester …‹
Voller Ingrimm knallte er pfeifend die Spazierstockspitze aufs Pflaster. Er war überzeugt, dass er weder an seine Schwester noch an das Mädel vom Trafik dachte, und begann sich dafür zu interessieren, wie ein Mensch denken konnte, was ihm beliebte, und gleichzeitig behaupten konnte: Daran denke ich nicht.
Hinter der Straßenbiegung geriet er in eine Menschenmenge, die lautstark »Abzug!!« forderte und langsam vorbeizog. Beim Anblick der aufgerissenen Mäuler beschlich ihn Unbehagen. Er wartete das Ende des Zuges ab, betrachtete unterdessen jedes Gesicht genau, merkte sich aber keines. In Gedanken war er woanders, wo, wusste er selbst nicht. Die Menge war längst weitergezogen, da stand er immer noch da und rührte sich erst vom Fleck, als ihn ein Wachtmeister anherrschte.
Arsen trollte sich nicht ohne lautstarken Protest: »So eine Frechheit! So eine Frechheit!«
Hätte ihn der Wachtmeister für diese Worte verhaftet, er hätte im Brustton der Überzeugung behauptet: Das habe ich nicht gerufen. Doch der ließ ihn ziehen, blieb auf seinem Posten und schnaubte nur … Arsen schimpfte trotzdem weiter. Ein Herr hielt ihn auf: »Was war denn?«
»Frechheit! Ganz einfach eine Frechheit! Die Leute bringen ihr Missfallen zum Ausdruck und die Polizei ihre Gemeinheit. Darf man nicht mal mehr schreien? Was darf man denn noch? Schlucken, oder was?«
Ein paar Schaulustige sammelten sich um ihn.
»Ich stand an der Ecke, ruhig natürlich, und hab geschaut. Ach was, ich habe nicht einmal geschaut, warum ich da stand, ist meine Sache, oder darf man nicht mehr stehen bleiben? Nicht stehen bleiben, nicht schreien, ja, was darf man denn noch?«
»Nur dagestanden sind Sie?«, sagte einer. »Das ist doch keine Frechheit!«
»Natürlich nicht. Aber einen einfach mit einem ›Weg da!‹ wegzuschieben, das mag für einen Hund durchgehen, aber nicht mit mir.«
»Aber was wollen Sie denn? Es hat doch keiner behauptet, dass das in Ordnung wäre.«
»Beiseite schieben, also wissen Sie«, schrie ein anderer, »mir kam er mit dem Säbel!«
»Aha«, erwiderte ein Herr mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Aber, aber«, kreischte Arsen hitzig, und sein Publikum schrie mit.
Einige lachten, und schließlich lachte Arsen mit und ging weiter; es war, wie er einsah, das Vernünftigste, was er tun konnte.
In einiger Entfernung wurden Schreie laut, dann kamen unzählige Hüte und Unterschenkel ins Sichtfeld, ein fliehendes Knäuel. Dahinter Uniformierte. Im Nu löste sich die Menge auf. Die Straße wie leergefegt, während sich die Menschen in Hauseingängen und Fenstern drängten.
»Was war das denn? Was war denn?«
Arsen wedelte aufgekratzt mit einem Arm: »Was soll gewesen sein, einer steht nie mehr auf, und wie viele Verwundete es gab, wird man nie erfahren.«
»Da ist also Blut geflossen, ja?«
»Blut, jawohl. Und ein Pferd ist zusammengebrochen.«
»Mitsamt Rittmeister?«
»Nö, der blieb in der Luft sitzen.«
Er hatte die Lacher auf seiner Seite, aber der, der gefragt hatte, hakte stur nach: »Wie, in der Luft?«
»Na ja, in der Luft halt.«
Dann erst fiel beim Frager der Groschen: »Idiot!«
Arsen redete noch mehr, gestikulierte heftig, erzählte lauter Lügen und entfernte sich erst, als das Publikum ausdünnte. ›Warum habe ich gelogen?‹, fragte er sich, hielt sich aber nicht lange damit auf. ›Dieser Kuss! Pfui!‹
»Arsen! Arsen!« Jemand rief ihn.
Er schrak zusammen und merkte, dass er nicht stehen bleiben konnte.
»Arsen!«
Zwei Mal riss er den Mund zum Gähnen auf und blieb immer noch nicht stehen. Dabei waren die Schritte schon ganz nah, trippelnde, eilige Schritte, begleitet von der Stimme, die ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ und die Kehle zuschnürte. Er hatte seine Schwester längst erkannt. ›So ein Zufall!‹, hätte er zwei Stunden später gedacht, aber im Moment war sein Kopf leer, willenlos, unfähig zu Entscheidungen.
»Bist du taub? Mein Gott! Allein bin ich verloren, wenn die sich schlagen …«
»Was treibt dich auch allein aus dem Haus? Ich habe keine Zeit«, sagte Arsen ruhig und reichte ihr trotzdem den Arm.
»Mach dich nicht lächerlich! Wen sollte ich denn mitnehmen?«
»Du hast einen Mann«, versetzte Arsen spöttisch und ließ sie stehen.
Die Schwester schwieg. Arsen, das wusste sie, wusste ganz genau, was das für ein Mann war. Sie hatte ihm einmal erzählt, dass sie sein professorales Gehabe nicht ertrug. Mit dem Bruder konnte sie so reden. Sie hatten sich volle sechs Jahre nicht gesehen. Arsen war natürlich nicht zur Hochzeit gekommen (und bei der Beerdigung des Vaters hatte sie gefehlt): Früh von zu Hause weggegangen, als Handelsvertreter umhergezogen, mit allen zerstritten, weil er die Schule vorzeitig verlassen hatte. Es war etwas vorgefallen, weswegen er nicht mehr über die Türschwelle des Elternhauses treten durfte. Bis er dann krank wurde und die Mutter ohne Not verkündete: Entweder er kommt her, oder ich gehe. Vorgefallen war damals eine große Kleinigkeit: Eine geringe Summe, die Arsen eines Nachts auf den Namen des Vaters anschreiben ließ, weil ihm im Bordell das Geld ausgegangen war. Als geschassten Sohn mochte Jelka ihn lieber als die Mutter oder den älteren Bruder, denn sie sah in ihm einen Mann, der, weil selbst ein Sünder, eine aus der Not geborene Sünde wohl verstehen würde. Deswegen verbarg sie ihm gegenüber nicht den Hass auf den Gatten, schwelgte eher in ihren Tiraden. Die Übertreibung hatte Arsen sofort gespürt, aber nie begriffen oder vermerkt.
»Ein wunderbarer Gatte!«, rief er und fragte ungeniert: »Und du hast seine Liebe also satt?«
Sie antwortete nicht.
»Sag schon«, raunte er ihr zu. »Du kennst mich, weißt, dass ich auf die Moral deines Gatten noch weniger als auf seine Ethik gebe. Denn mich hat nicht die Schule, sondern das Leben erzogen. Und das Leben versteht den Menschen, die Schule kennt nur das System.«
Er redete voll Wärme.
»Du weißt, was ich von der Ehe halte. Wenn irgendeine, dann kenne ich deine so weit, dass ich sagen kann: Sie ist weder heilig noch eine Pflicht, sondern scheinheilig und verlogen. Dein Gatte hätte eine Köchin gebraucht und ist an die Falsche geraten.«
Zorn packte ihn, er verachtete Magdić wegen der Ethik, wegen des Schnauzbarts und wegen seiner Schwester.
»Er ist ein Lump, der im Namen der Ethik einem Schüler den Hüftknochen gebrochen hat und dein Leben ruiniert!«
Sie blieb stehen und umklammerte seinen Arm: »Arsen! Dir kann ich alles sagen … Wenn also was wäre …«
Sie wiederholte: »Also wenn was wäre, sag, was du …«
Arsen klatschte in die Hände: »Wenn was wäre, wäre es!« Und übermütig: »Wenn was wäre, stünde ich zu dir, verstehst du, und dann … dann wäre ich fähig, das Leben eines anderen zu ruinieren.«
Er verschluckte sich fast an den letzten Worten, die ihm unwillkürlich entglitten waren. Der Gedanke frappierte und fesselte ihn, so dass ihm ihr Flüstern entging und wie sie zitterte und seinen Unterarm drückte. Ob sie sich an ihn drängte, ihr angstvoller Atem sein Gesicht streifte, ihr Blick über seine entstellten Züge leckte – er merkte nichts. Als könne er selbst nicht fassen, was er da gesagt hatte, presste er die Lippen fest aufeinander, wie um weitere verheerende Auslassungen zu unterbinden.
»Was hast du gesagt? … Du bist so dumm!«, zischte sie und zog ihn weiter. »So dumm! Wie kannst du! Wie kannst du nur!«
Seine Stimme war so rau, als hätte er die letzte Nacht durchgesoffen: »Du denkst schon wieder Gott weiß was … Ich wollte sagen: Wenn dir einer ein Haar krümmt … Du bist frei, denk dran …«
Er reichte ihr die Hand zum Abschied, hielt sie wie üblich nur kurz. Seine Hände zitterten, ihre glitten herab, wie von Müdigkeit gefällt.
Nikšić hatte vor einigen Jahren zusammen mit Arsen die Schule abgebrochen. Damals wussten sie nicht, warum sie das getan hatten, also schoben sie es auf die Langeweile, die aus dem Mund der Lehrer strömte und in den Ohren der Schüler widerhallte. Sie waren gewissermaßen frühreif und den Altersgenossen entwachsen. Sowohl Arsen als auch Nikšić tummelten sich vorzeitig in einem Leben, das andere erst nach der Matura begeisterte; ihre Mitschüler rochen sämtlich noch nach Milch, Tinte und Staub. Die waren noch in der Phase von Apologetik, Homer und Ästhetik, während Arsen und Nikšić nach dem Schulverweis in die Phase von Politik, Kneipen und Gottlosigkeit wechselten. Man merke es an jeder Äußerung, und in der Kirche ließen sie sich auch nicht mehr blicken, konstatierte der Katechet bedauernd, Arsens Taufpate und der hassenswerteste Mensch, den er kannte.
Ein Mann mit priesterlichem Schmerbauch und Dienstmädchenaffäre, religiösen Schauermärchen und Bespitzelungen, patenonkeligem Geiz und Salbadern. Ob er auch etwas Menschliches hatte, hatte Arsen nie interessiert, denn Tugendhaftigkeit war, wie er zu sagen pflegte, bei so manchem ein Makel.
Nikšić hatte sich vom Schreiber zum Kassierer und Kontoristen hochgearbeitet, denn er war einfach geschickter als Arsen. Von kleiner Statur, kräftig, ein Schwerenöter und begabter Lügner. Schon in der Schule schlug er die Augen nieder wie eine barmherzige Schwester und seufzte wie ein Mönch. Vor allem aber bewahrte er, obwohl längst vom Gymnasium geflogen, seiner Familie den Glauben an schulische Erfolge, so dass sie ihn der Dorfjugend immer noch als Vorbild hinstellten.
Nach dem Abschied von der Schwester suchte er Nikšić im Löwen, traf ihn aber nicht an. ›Schade‹, dachte Arsen, wo er doch gerade richtig gute Laune hatte. Seine Familie, fiel ihm auf, mischte sich gern ein, so wie seine Schwester eben. Er fand ihr Leben viel zu ruhig; es war so eintönig, dass alle Farbe daraus gewichen war und es unangenehm roch – wie abgestandenes Wasser. Das war der Grund für seine jetzt gute Laune. Er konnte unmöglich Ruhe bewahren oder tiefer graben und vergaß das Trüb-Schwarze, das ihn eben noch in den Klauen gehabt hatte. Arsen beschloss zu warten.
Im Löwen waren mehrere Tische eingedeckt. Er ging an ihnen vorbei und blieb genau vor der Wirtin stehen. Sie war korpulent und zu dick, was bösartig wirkte. Arsen konnte sich nicht vorstellen, dass sie je in Tränen ausbrach oder einen Funken Mitleid empfand. Solche Bilder drängten sich ihm vor allem in letzter Zeit häufig auf. Jeder, der gesund und wohlgenährt aussah, erschien ihm gleichgültig und unsympathisch. Er mied solche Menschen, überzeugt, dass er in ihrer Gesellschaft unerwünscht war. Selbst wenn einer Mitleid hätte, wäre es doch nur das Mitleid eines Zynikers. In der Gaststube ging es ruhig zu. Zwei Männer redeten über Politik und ließen den Blick dabei unablässig durch den Raum schweifen, aber keiner schenkte ihnen Beachtung. In einer Ecke saßen zwei junge Kerle, unendliche Langeweile in den langen Gesichtern.
Die Wirtin wandte sich Arsen zu: »Sie wünschen?«
»War Nikšić hier?«
»Nikšić?«, sie dachte nach, musterte Arsen scharf, und entgegnete dann: »Der war nicht hier.«
›Der nicht‹, echote Arsen in Gedanken, ›es ist schon acht, gewöhnlich kommt er kurz nach sieben. Bestimmt war er hier, die ungehobelte Tante hat’s nur vergessen.‹
Sie stand immer noch vor ihm, seinem Eindruck nach hämisch grinsend. »Also was?«
»Nichts«, sagte er und drehte sich um.
Er hatte Wut auf sie, ihren Vorbau, ihr Hinterteil, die dicken Backen. In seinen Augen tanzte sie ihm auf der Nase herum. Er betrachtete ihre kräftigen Unterarme, die eisernen Fäuste, den schiefen Mund. ›Die ist stark und scheußlich, gesund und widerwärtig.‹ Der Reihe nach ging er sämtliche Begebenheiten durch, die er mit ihr verband. Sie war gemein, servierte Hungerportionen, verrechnete sich systematisch zu ihren Gunsten, schnitt das Brot in möglichst dünne Scheiben, schrie Gäste an, wenn sich diese beschwerten. Arsen sah darin pure Geilheit, eingedenk der Art, wie sie ganz allein Betrunkene hinauswarf, oft selbst angeschickert, glucksend, die Arme in die Taille gestemmt, ein Bein angezogen, bereit zum Fußtritt: ›So halt ich’s mit jedem!‹ Noch einmal betrachtete er ihre Ellbogen und die provokant geballten Fäuste. Arsen war schwach. Ein paar Stunden Laufen, und er war so müde wie nach vierzig Kilometern Gewaltmarsch. Die Füße brannten nicht, zugegeben, es hatte sich auch kein Fußnagel ins Fleisch der Nachbarzehe gebohrt, aber seine Beine zitterten, und der Kopf war schwer. Dazu ein Völlegefühl, die Bauchdecke gespannt wie eine Trommel. Er ließ sich auf einen Stuhl plumpsen und den Kopf hängen, versuchte, möglichst lange auszuatmen. Im Brustraum Enge, er durfte nicht einatmen, sonst hätte er angefangen zu husten, er durfte sich erst recht nicht prügeln. Die Muskeln kraftlos, welk und lau. ›Und die Beine machen nicht mehr mit!‹ Der Gedanke störte ihn nicht, denn im Augenblick arbeitete er viel und fand, er begreife immer leichter und urteile immer schneller. Eine solche Gedanken- und Wortfülle hatte er früher nicht gekannt. Vor allem aber war ihm erst jetzt beim Denken wohl und behaglich zumute. ›Seltsam. Je schwächer, desto stärker. Dabei heißt es: Gesunder Geist im gesunden Körper.‹ Er hielt seine ganzen gesunden Bekannten für ausgemachte Dummköpfe, und wenn er an sein früheres Leben dachte, hatte er nur noch Spott für sich übrig.
Unterwegs traf er Jurić, seines Zeichens Rechtsanwalt. Der kam auf ihn zu, redete über die jüngst erlassenen Verlautbarungen und wollte ihn zu einem ›vertraulichen Treffen‹ mitnehmen; Nikšić sei auch dort.
Zwei Jahre lang hatte Jurić mit Arsen die Schulbank gedrückt. Naiv und wichtigtuerisch vertrat er anderer Leute Standpunkte und belächelte die Meinung gewisser Personen, darunter auch Arsens. Was immer Arsen sagte, Jurić zog den Mund breit wie ein Frosch und schlug sich erhobenen Hauptes, damit ja auch alle Welt seine dämlich verzogene Visage sehen konnte, auf den Oberschenkel. In den ersten Semestern hatte er Deutsch gelernt und auf Deutsch Renans Vie de Jésus gelesen, das selbst das Faktotum der Hochschule schon kannte. Älteren Kommilitonen gegenüber war er stets höflich, fragte sie um Rat und was er lesen solle, obwohl alle wussten, dass er schon sieben Monate an dem Renan las. Auch Arsen behandelte er sehr zuvorkommend, weil er ihn für einen Journalisten hielt, denn er sah ihn häufig müßig beim Bier sitzen. Arsen hielt Jurić für einen Langweiler, unterhielt sich aber trotzdem gern mit ihm, weil er an ihm seinen mitleidigen Spott auslassen konnte, worüber Jurić, der sich nicht gemeint fühlte, lächelte und die Gemeinheiten auf einen bezog, dessen Name aus Anstand verschwiegen wurde.
Die Tische waren inzwischen gut besetzt. Einer hielt eine Rede, unterbrochen von Zustimmung, Protest und Applaus. Plötzlich brüllte einer aus der Menge: »Genug! Lass sie doch machen! Wenn in Russland Hunderte Bomben explodieren, kann in Kroatien auch eine hochgehen.«
Der Redner hob die Stimme: »Unsere Waffe ist unser Gewissen!«
Aber der Zwischenrufer ließ nicht locker. Arsen konnte ihn nicht sehen, hörte nur eine derbe, weinerlich-besoffene Stimme und dachte ihn sich verhutzelt, hungrig und abgearbeitet. ›Der dürfte völlig verbraucht sein, obwohl so viel Kraft im Klang seiner Stimme liegt.‹
»Nein, Brüder! Wir Arbeiter werden so ruhig wie unser Gewissen kämpfen. Und wer unser Gewissen stören will, wird schnell einsehen, dass unser Gewissen das Gewissen von Millionen ist.« Da wurde geschrien und akklamiert, und Hände streckten sich ins rauchgeschwängerte Licht. Die Hände beeindruckten Arsen nachhaltig, erregt wie er war, unfähig, der in ihm hochkochenden Gefühle von Angst und Begeisterung Herr zu werden. Sie ragten schwarz und mager auf, ausgefahren wie die Krallen einer Bestie, welche die Welt in Stücke reißen und alles Leben vernichten will. Der Zwischenrufer von eben krakeelte aufs Neue, als flösse die Geschichte vom verzweifelten Trinker über seine Lippen.
Plötzlich stürzten Polizisten mit gezückten Säbeln herein und forderten ›im Namen des Gesetzes‹ die Auflösung der Versammlung. Arsen hörte nicht, was dann geschah. Stühle fielen um, Gläser gingen zu Bruch, die Gaststube leerte sich, während drinnen die Säbel blitzten und ein paar Glatzen, die es nicht rechtzeitig hinaus geschafft hatten. Arsen spürte einen harten Stoß in den Rücken, dann schob ihn die vor Zorn und Angst zitternde, bleiche Masse aus dem Saal. Draußen angekommen sah er auf der anderen Straßenseite zwei Polizisten auf eine Frau eindreschen und lief unartikuliert schreiend hinüber. Die beiden ließen von ihr ab, um Kollegen beizuspringen, die gegen eine mit Stöcken bewaffnete, kreischende Menschenmenge vorrückten.
»Fräulein«, stotterte Arsen, »gestatten Sie …«
»Danke.« Sie stand unter Schock, packte seine Hand und sagte rasch: »Gehen wir, schnell, bei Gott, beim lieben Gott, schnell weg …«
Eilig laufend ließen sie vereinzelte Rufe, das Klirren der Säbel und den mit wachsender Entfernung immer dumpferen Tumult hinter sich, der anklagend durch die Stille der Nacht gellte. Ihr Kleid war zerdrückt und zerknittert wie Papier, ein Ärmel abgerissen, das Haar fiel auf die hochgezogenen Schultern.
»Diese Rüpel«, sagte Arsen und sah ihr ins Gesicht. Es war ganz nass, aber in der Dunkelheit waren weder ihre Tränen noch ihre Augen zu sehen, nur die zuckenden Lippen und zitternden Hände. Nur mit Mühe hielt er Schritt. Sie rannte panisch vorneweg, und so dauerte es, bis Arsen sagen konnte: »Wir bringen sie vor Gericht. Ich hab es gesehen, das war Nötigung, Tatbestand Körperverletzung, kein Grund vorhanden, das weiß ich nur zu gut, kein Grund vorhanden, Sie waren allein, ganz allein. Und warum Sie, warum …«
»Die kennen mich«, widersprach sie leise.
»Sie sind also eine von denen?«
»Freilich.«
»Ach!« Er blieb stehen und hielt sie fest, betrachtete sie. Ihr Gesicht war hart, der nackte Arm braungebrannt. ›Eine Arbeiterin, die Frau oder Tochter eines Arbeiters‹, überlegte er, denn er wusste nicht so recht, ob er eine Frau oder ein Mädchen vor sich hatte. Sie ließ keine Regung erkennen, wollte aber nicht stehen bleiben. Arsen suchte nach Worten, aber ein Gefühl, überbordend von Leidenschaft und Bewunderung wie der üppige Sommer oder der Triumph der Sonne bemächtigte sich seiner Gedanken. Er hätte sie gern auf den Mund oder ihr wie ein Kavalier die Hand geküsst. Neben der Frau hätte er liegen, neben der Genossin kämpfen mögen, Seite an Seite. Und sofort wickelte ihn etwas ein, zupfte an Zunge, Händen und Verstand. Sie spürte wohl, dass er ihr zu nahe trat und ihm so einiges durch den Kopf ging, jedenfalls sagte sie ›danke schön!‹ und hielt ihm zum Abschied beide Hände hin.
»Ihr krepiert für das«, sagte Arsen, »was sich die Kultur auf die Fahnen geschrieben hat. Und während die Literatur Freiheit predigt, kriegt ihr die Dresche ab und die Ärmel heruntergerissen und müsst leiden, ihr Frauen!«
Sie hörte nicht mehr zu, wollte weg, doch er holte sie wieder ein, nahm ihre Hand und sagte mit bebender Stimme: »Sie wurden geschlagen, Sie!«
»Mein Gott, hören Sie auf!« Die Worte pfiffen ihm um die Ohren, als würde sie seine aufkeimende Leidenschaft unbewusst abwehren. »Leben Sie wohl!«
Arsen wollte ihr mit fliegenden Fahnen folgen, ihre Geschichte hören, ihren zerschlagenen Körper und das zerzauste Haar an sich drücken. Trotzdem wechselte er die Straßenseite, aber weil eine Menschenmenge aus der nächsten Straße gerannt kam, suchte er Schutz in einer Gaststube. An deren Eingangstür hatten sich viele Gäste versammelt, die die Menge neugierig beäugten und die Vorstellung offensichtlich unterhaltsam fanden. Arsen vergaß augenblicklich seine Leidenschaft und saugte sich an den feinen, bis zur Inhaltslosigkeit verfeinerten Gesichtszügen fest.
»Das sind Arbeiter«, erläuterte jemand.
»Und was wollen die?«
»Wahlrecht und Pressefreiheit«, erwiderten mehrere unter Gelächter.
»Jawohl«, warf Arsen zornig ein, »die Sansculotten fordern ihren Anteil an der Kultur, während unsere führenden Intellektuellen sie mit Polizeisäbeln traktieren lassen oder dem Spott sensationslüsterner Gaffer ausliefern.« Keiner antwortete, und Arsen ließ sie stehen, gallige Ironie in der Seele. ›Ich verachte alles und alle, die Sansculotten genau wie diese Denker, Literaten und Gelehrten!‹ Denn um solche hatte es sich gehandelt, davon war er überzeugt, ohne jeden Anhaltspunkt. Sein Zorn schlug in eine geradezu absurde Ungerechtigkeit um. Er heftete ihnen bekannte Namen an: Das war bestimmt der und der … Lebhaft standen ihm der noch nicht getrocknete Schweiß und die unbezahlte Arbeit vor Augen, die der Stimme des Mannes, der Stimme des Lichts, der Stimme der Kultur Adel verliehen hatten. So wie die von Polizisten geschlagene Arbeiterin mit ihrem Auftritt die Emanzipation der Frau repräsentierte, auch wenn sie vermutlich weder lesen noch schreiben konnte und es höchstens zur Volksschule gebracht hatte. Der Ansturm von Ideen auf sein Gehirn hatte endlich nachgelassen, heute Abend hatte er genug gehört und neigte wohl am ehesten den Ansichten dieser Herren zu, doch nun bedrängten ihn Menschen, bedrängten ihn Fleisch und Blut, das Leben von Millionen, die ganze Menschheit. Voll solcher Gefühle ging er die Straße hinunter und merkte, wie das neue Etwas aus einer schwarzen, abgründigen Tiefe immer näher kam. So viele widersprüchliche, gemischte Gefühle an einem einzigen Tag, lauter Backpfeifen für seine Seele. Sein Versuch, sie zu ordnen, scheiterte. ›Das ist der Wahnsinn‹, dachte Arsen, ‹der ruft mich in Gestalt der Erinnyen in den Tod, und ich bin ihnen ausgeliefert.‹ In ihm tobte und krachte es: die Schwester, der fade Kuss, die verprügelte Frau, die sensationslüsternen Gaffer, die schwarzen Hände, die Tuberkulose, die stämmige Wirtin, der Wissensdurst. Nimmermüde, endlose Wogen schlugen über ihm zusammen. Und das Etwas aus einer schwarzen, abgründigen Tiefe hatte sich in ihm, in seinem Leben, seinem Körper und seinem Geist eingenistet. Nachdenklich stellte er den Mantelkragen hoch.
Wovon Nikšićs Vermieterin lebte, wusste nicht einmal ihr Mieter, Nikšić. Ebenso wenig hätte er sagen können, warum er bei ihr wohnte. Sie besaß zwei sogenannte Zimmer, zwei provisorisch abgeteilte, unansehnliche Verschläge unterm Dach, beide jeweils Wohnraum und Küche in einem. Den vorderen, kleineren, fensterlosen Bereich hatte eine Frau gemietet, die nur zum Schlafen herkam. Im zweiten, größeren Raum mit einer Dachluke wohnten die Vermieterin und Nikšić, und gelegentlich übernachteten dort zwei weitere Geschöpfe, von denen er nie erfuhr, wer sie waren und wie sie lebten. Überhaupt war es schwer, das Leben dieser Frauen einzuschätzen. Und es kamen noch andere, mit zerfurchten, gelblich-papierenen Gesichtern unter schäbigen Hüten, um gemeinsam zur ›Jungfrau‹ zu beten. Von der Vergangenheit war ihnen sporadisches Flüstern und meistenteils Schweigen geblieben, was jedes Kratzen an der traurigen alten Zeit verbot. Die Vermieterin selbst war eine gebrochene Figur, nichts Menschliches war an ihr außer zwei blauen Augen und Leid. Die Frauen lebten offenbar überwiegend von Mildtätigkeit, denn Nikšić sah sie häufig beim gemeinsamen Schnörkeln von Bittschriften, und die Hausherrin ging ihn immer wieder um neue Packen Papier an, die er doch bitte aus dem Kontor mitbringen möge. Überreichte er ihr einen, dankte sie ihm mit einem entzückten, ehrfürchtigen Blick aus ihren blauen Augen, was im Gestank der Armut nicht lächerlich sein kann.
Lustiger Kerl, dieser Nikšić! Voller Geschichten von nächtlichen Kämpfen mit Wanzen, die sich ungesehen anschlichen und in der Schulter verbissen, von Flöhen, die mit halsbrecherischen Sprüngen vom Bauch der Vermieterin auf seine Nase wechselten, aber er blieb bei ihr. Man tuschelte darüber, ohne die Frau zu kennen; leicht Verdauliches für den Kneipengebrauch, was Nikšić säuerlich lächelnd mit einem Nicken kommentierte. Nur Arsen besuchte ihn gelegentlich dort, um behagliche, kultivierte Empfindungen mit Ekel und Dreck zu würzen und ein, zwei Blutsauger mitzunehmen, die den Glücklichen daheim Nachtruhe und Gewissen schwer machten. Der Teufel weiß, woher er kam, aber einmal sorgte so ein kleiner Floh für großen Aufruhr. Er hüpfte auf den Tisch, als sie beim Abendbrot saßen. Arsen, Mutter, Onkel und Frau. Zuerst spitze Schreie, dann wechselseitige Schuldzuweisungen.
Die Mutter behauptete aus Liebe zum Sohn, der Onkel hätte ihn mitgebracht, die Gnädige Gorup sagte aus Liebe zum Gatten: »Nur Arsen und niemand sonst! Wir wissen ja, was er von der Reise mitbrachte!«
»Eine Laus«, rief Arsen genüsslich. »Und das war gut für euch, damit ihr mal was von der Welt seht. Ihr, ihr seht sonst immer nur Schaben (hier verließ die Mutter das Zimmer)! Ihr braucht das, ihr alle braucht das.«
Die Gorup wurde fuchsig: »Kein Wort davon! Nicht in dieser Runde!«
Arsen prustete los, der Onkel lachte mit, aber Arsens Lachen war anders. Er kannte Nikšićs Vermieterin, Knochen in Haut gewickelt, kaum noch Haare, deren welke Reste strähnig ins Gesicht fielen, nicht enden wollender Hunger. Da richtete er das Wort an sie, die Gnädige Gorup, ihren Widerwillen, der vom pausbäckigen, hellhäutigen Gesicht, vom empört zurückgeworfenen Kopf Besitz ergriffen hatte und das ihr ach so liebe Sommerkleid knistern ließ.
»Ich würde euch nur zu gern mehr solcher Gäste ins Haus bringen«, sagte er, »denn wenn schon die Literatur euer Gewissen nicht erschüttern kann, Flöhe schaffen es bestimmt!«
Der Onkel kicherte, hatte genau zugehört und leerte nun den zweiten Krug Bier gewohnheitsmäßig bis auf den letzten Tropfen. Sie aber war böse. Arsen nehme sich zu viel heraus, beschwerte sie sich oft bei ihrem Gatten, ließe jeden Anstand vermissen und habe – natürlich – keine Religion. Selbst eine fromme Frau, grämte sie sich, wenn sie das sonntägliche Hochamt verpasste, auf die Zwiesprache mit dem lieben Gott verzichten musste und die Bettler nicht mit dem, was ihr vom Kleiderkauf übrig blieb, bedenken konnte. Der immerzu grinsende Onkel sah sich gelegentlich zu der Feststellung genötigt, das Fehlen von Religion sei wahrhaftig bedauerlich.
»Gäbe es keine Religion, würden die Leute morden und stehlen.«
»Und warum morden und stehlen sie heute?«
»Weil sie keine Religion haben.«
»Und warum haben sie sich früher umgebracht?«
»Weil sie auch keine hatten.«
»Und wann sollen sie eine gehabt haben?«
»Noch nie!«
Diese absehbare Schlussfolgerung quittierten Arsen und der Onkel gewöhnlich mit einem Lachen.
Nikšić wusste nicht, ob seine Vermieterin Fräulein oder Frau war, deswegen nannte er sie ›die Alte‹. Aber er mochte sie, vielleicht aus Mitleid, und sie mochte ihn, obwohl er nur unregelmäßig Miete bezahlte.
Anderntags, ein Sonntag, wollte Arsen ihn besuchen, traf ihn aber nicht an, und so setzte er sich zu der ›Alten‹. Sie klagte über das Wetter, dessentwegen sie nicht vor die Tür könne, und über das Zimmer, es sei zu groß, als dass es im Winter warm würde. Den letzten habe sie nur mit knapper Not überlebt. Wiederholt erklärte sie: »Meine Rippe brennt« und legte die verkrampfte, zitternde Hand auf die Stelle. Fiel Nikšićs Name, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, und die großen, naiv lebhaften Augen strahlten. Von ihm redete sie wie von einem lieben, verwöhnten Kind; es war berührend, wie einsame Krankheit und niederdrückendes Alter, ein Bein schon im Grab, nach mutwilliger, ausgelassener Jugend griffen. Sie war allein. Ganze Tage und viele Abende saß sie im dämmrigen Zimmer, in jener zermürbenden Stille, die von allein anfängt zu knarren. Sie sah Gespenster, schon weil sie als Frau vereinsamt und abergläubisch und ihr ganzes Leben irgendwie gespenstisch war. Der Himmel, den sie durch die Dachluke sah, hing oft voll grauer, schwerer Wolken, Wolkengebilden wie Vogelschwingen oder Monsternestern. Das ganze Haus war so mysteriös wie die Hilferufe von Wiedergängern, war wie die Alte gezeichnet von Einsamkeit, die nicht das Echo lebender Menschen sein kann und deswegen – ein Echo ihrer selbst ist. Laut Nikšić kletterte seine Vermieterin trotz ihrer Gebrechlichkeit nachts oft zur Luke hoch und scheuchte Geister weg, als wären es Spatzen. Überzeugt wie ein Kind, närrisch mit dem Kopf wackelnd, erzählte sie Arsen vom ›Budlaj‹, dem Werwolf, der nachts hinter Nikšić her sei.
»Steine wirft er nach ihm, so, werter Herr … Nikšić musste so, so Streichhölzer anzünden.«
»Weil sonst was passiert wäre?«, fragte Arsen mitfühlend.
»Der reißt alles in Stücke, so, so!« Bei jedem »So!« zog sich ein breites Grinsen über ihr Gesicht, von einem Ohr zum anderen, und ihre hohe, kreischende Stimme hallte in dem Raum wider wie ein Quietschen, das einen nervösen, aufgeregten, dünnhäutigen Mann hochschrecken lässt. Draußen stapelten sich graue, uniforme, endlose Wolkenmassen, als hätte die Sonne den Himmel verbrannt und nichts als hart gestampfte Asche übriggelassen. Es war windstill, und trotzdem schien kalte Luft aus der Asche zu strömen. Im allgemeinen Schweigen erzählten brandige Wände, niedrige Decken und schlammbedeckte Böden mit der Sprache fauler Gerüche und verschrammter, aus der Mode gekommener Farben die wunderlichen Märchen der Vergangenheit. Wer weiß, wie viele hier ihren Fußabdruck hinterlassen, wie viele Tränen, Flüche und schwarze Magie sich zwischen den rußgeschwärzten Mauern angesammelt hatten, wie viele Menschen sich auf diese Bretter niedergelegt und was für Winternächte sie hier verbracht hatten, wo Feuchtigkeit und die scharfen Klauen des Frostes ungehindert eindrangen. Schwarz und abweisend flackerte etwas durch die Räume, das einmal gewesen war, und die hässliche Greisin trug in ihrer Stimme bittere, scharfe Untertöne und in ihren Augen den Schrei, mit dem man zur Welt kommt und sie verlässt. Arsen konnte sich der dreckigen, rot-schwarzen Leidenschaft im Spiel von trüben Augen und stockendem Atem nicht entziehen, weil ihm der Duft von Chimären, Scheusalen und Wutausbrüchen in der Nase steckte. Er sah die Alte an, und es war, wie wenn man Hunger hat und nichts essen will und sich ein Stück aus dem eigenen Fleisch beißt und die Finger abschleckt. Vor ihn traten jetzt auch all die anderen Frauen hin, die Geheimnisse der Vergangenheit, schäbig gewordener Hüte, papierner Farbe und abgerissener Unterhaltungen; speckige, schlaftrunkene, knallrote Gesichter, starke Arme und Hasstiraden, krusseliges Haar, zerdrückte Kleidung, Brutalität, Fratzenschneiderei und der Gestank nach Schmalz und Fäulnis; und durch die Tür zum vorderen Zimmer drang nun ein Schnarchen, und sie lag zum Knäuel gekrümmt da, während das Schnürmieder Brüste und Hüften zusammenpresste, Schweiß das Haar verklebte und die Röte des Höllenfeuers das aufgedunsene Gesicht peinigte.
Aber Nikšić kam und brachte Kirschen mit.
»Ein Glas Wein«, seufzte die Alte, »das hätt ich gern. Das täte mir gut, ein Glas oder zwei, das gäbe Kraft. Für Euch ist das nichts. Ihr seid zu dick.«
Nikšić war nicht dick, nur untersetzt und muskulös. Deswegen fand sie ihn dick, zumal sie selbst nur Haut und Knochen war. Dabei warf das Jochbein Schatten, so eingefallen waren Nikšićs Wangen. Eine Kirsche nach der anderen verschwand in ihrem Mund, ohne dass sie die Arme groß bewegte, während er mit zusammengekniffenen Augen in seinen Hosentaschen kramte und grinsend sagte: »Sehen Sie, ich vergesse Sie nicht … ich vergesse Sie nie …«
Die beiden Freunde brachen zu einem Spaziergang auf. Auf dem Hauptplatz querte ein Leichenzug ihren Weg, eine lange Prozession von Männern, Frauen und einer Handwerkervereinigung. Eine Kapelle folgte langsam ihrem tristen, öden Schreiten unter dräuenden Wolken, am unerträglichen Sonntag, der die Geschäfte schließt, den Markt leergefegt, Menschen zu Spaziergängen nötigt und andere ans offene Fenster ihrer Wohnungen saugt. Es war Nachmittag. Am Rand standen Leute, die den Zug dumpf beobachteten. Bunt gekleidet, beide Geschlechter, klein und groß, und in allen Gesichtern derselbe Blick, einer ohne Trauer oder Neugier, vielmehr ein langer Blick, zerstreut und starr, der nichts wahrnimmt, aber alles sieht. Das Geläut flog wie abgerissene Rufe über den Platz, brüllte und verstummte wie ein Schiffbrüchiger. Arsen sah zum Sarg. Hinter dem heulte eine junge Frau, von irren Weinkrämpfen geschüttelt, mit bebenden Schultern, als wolle sie eine Last abwerfen. Ein Herr versuchte sie zu beruhigen, aber ihr Kopf knallte immer unkontrollierter ins Taschentuch, und abgerissen wie das Geläut stürzten sich Stimmen auf den weißen Sarg und den stinkenden Torso darin. ›Sie weint.‹ Augenblicklich wünschte sich Arsen, auch hinter seinem Sarg möge eine junge Frau, ganz in Schwarz, die Wangen flammend rot, den Kopf ins Taschentuch werfen und mit der Nase die eigenen Tränen fühlen. Gerührt sah er ihr nach, ihr liebes, süßes, volles Schluchzen in den Ohren. ›So weinen … Derweil liege ich in der Feuchtigkeit von Brettern, deren Anstrich noch nicht trocken ist. In Gold: Arsen Toplak – die Leute werden’s lesen, und wer sich erinnert, dass er den Mann gekannt hat, dem wird der junge Kerl leid tun und die schwarze, entflammte Frau, die um ihn heult … Auch sie ist jung …‹
Eine halbe Stunde später saßen Nikšić und Arsen in einer Gartenwirtschaft und beobachteten die anderen Gäste. Die hatten etwas Lächerliches. Man sah den Leuten an, dass sie, Männer wie Frauen, sechs Tage die Woche arbeiteten, um am siebten ein Lachen zu lachen, das nichts als ihre bedauernswerte Dummheit bewies. Denn worüber sie auch lachten, es war nicht zum Lachen. Die Kerle gaben die Spaßvögel, was ihnen so wenig stand wie ihren Gefährtinnen das Gekicher. Geistlos, nichts dahinter außer dem Wunsch, Spaß zu haben, sechs Tage lang gehegt, nur um eins für immer zu bleiben – ein Wunsch, ein nervöser, hungriger Wunsch. Es bedeutete ihnen alles: der freie Tag, die Gesellschaft, der Wein, ein Stück Speck. Und der Kater am Montag erstickte ihre dummen Zungen, die schwatzten: Mann, haben wir uns amüsiert.
»Wenn alles zu ist und keiner arbeitet, lässt sich die Norm am besten beobachten«, sagte Arsen. »Geh sonntagmorgens raus: Die Straße ist voller Leute. Da findest du die unmöglichsten Gestalten; da siehst du alles, was mit Buckel, Hinkefuß und Krücken herumläuft, und all das im Gewühl von Schreibern, Handwerkern, Schneiderinnen, Händlern und Damen … Alle wollen schön sein, schön angezogen und glücklich, aber das Glück flimmert ironisch in ihren blöden Blicken. Für viele ist der Tag ›großartig‹, der große Tag, auf den sie mit gewaltigem, endlosem Palaver, Vorbereitungen und Plänen warten – und Ironie schwebt über allem; in, über und unter, vor und hinter und rechts und links von ihnen. Geh nachmittags noch mal los und schau in die Fenster: Die Leute sehen dem Treiben auf der Straße zu, trinken im Familienkreise Kaffee und im Wirtshaus Bier. Keiner überblickt ihn, keiner durchschaut den Tag, keiner fragt: Das sollen Glück und Glanz sein – so groß, außerordentlich und gewaltig wie erwartet? Die sind so aufgeblasen und hohl und glitzern wie bedeutungsschwangere Sentenzen, die aus Büchern kommen und wieder in Büchern verschwinden. Sie entziehen sich. Kaum einem fällt die Ironie auf, und der seufzt dann: Abgebrannter, abgehärteter, abgearbeiteter, verhärmter, leidgeprüfter Mensch – wie erwärmst du dich in deiner Naivität dafür, wie lässt du deine an Dunkelheit gewöhnten Augen davon blenden! Und die Leute da«, Arsen unterbrach sich kurz und rückte ein Stück näher an Nikšić heran, »schau sie dir an, und du begreifst, wie bedauernswert Menschen sind, die sich vergnügen wollen. Nein? Hör nur die Witze, schau dir genau an, wie die Begeisterung so unpassend wie unbeholfen über die Gesichtsmuskulatur stolpert, geradezu tölpelhaft. Der da, der jetzt mit der Kette spielt, der überlegt garantiert, was er als Nächstes sagen könnte. Das Mädel daneben schielt zu uns rüber und denkt, wir beneiden sie, weil sie lacht. Und der, der die Salami aufschneidet, nimmt ganz aufgeregt und dummdreist Anlauf, um mit ihr anzubändeln. O Mann, die sind einer wie der andere geistlos und miserabel in ihrer Feierlaune. So ist jede Amüsiergesellschaft, die heute nichts im Kopf hat und morgen nichts im Portemonnaie.«
Eine Stunde später saß Arsen mit zerknautschtem Hut und auf der Stirn verklebten Haaren da und paffte aus Nasenlöchern und Mundwinkeln. In Nikšićs gerötetem Gesicht tanzte ein rotes, dunkles Etwas um die Nase. Arsen schrie fast: »Was soll ich da? Was? Die verstehen mich nicht, zu Hause bin ich ein Fremder. Nur mit dir und Marko und ein paar anderen kann ich reden. Aber das dort, das dort, das halte ich nicht aus, es erdrosselt meine Worte, zwingt mir Lügen auf die Zunge, in die Augen, in alles. Versteh doch, Nikšić! Versteh –«
Er wollte sich die komischen Gefühle von der Seele reden, die ihn seit gestern umtrieben, seit dem faden Kuss, der ihm immer noch den Mund zusammenzog. Und da plötzlich brach es aus ihm heraus, zu Nikšić vorgelehnt, mit hochgezogenen Brauen: »Wie oft habe ich mir gewünscht, ich wäre ein uneheliches Kind, wäre illegitim von Geburt an! Meine Legitimität quält mich, sie ist einfach scheußlich! Wäre doch meine Herkunft unklar, wäre ich doch völlig ungebunden, wäre meine Vergangenheit so schwarz wie meine Seele. Schwarz wie die Seele … Dann wäre ich in diesem Land frei … So aber packt mich der unbändige Wunsch abzuhauen, weit weg, in andere Länder, zu anderen Völkern, zu Menschen, die nicht wissen, woher ich komme, wer ich bin, was ich bin …«
»Fortgehen«, seufzte Nikšić und breitete die Arme aus. »Weit fort … ganz weit fort …«
Wieder eine Stunde später stieß Marko dazu und würzte ihre Trinklieder nüchtern und trocken mit noch größeren Dissonanzen.
Marko Božić musste selbst für seinen Unterhalt sorgen. Anfangs verdiente er sein Geld mit Nachhilfe, dann mit Adressenschreiben; die Fabrik zahlte für tausend adressierte Briefumschläge drei Kronen. Weil die Eltern den Nachhilfeschüler wie üblich für begabt hielten, musste Marko das ganze Elend dieser Begabung auskosten. Denn der Junge war strohdumm. Er nickte, wenn Marko ihm etwas erklärte und »Verstanden?« fragte, aber er begriff gar nichts. Im ersten Halbjahr schaffte er ein Ausreichend, was nicht für Begabung sprach, denn er hatte wie verrückt gelernt. Und natürlich stürzten sich alle auf Marko. Der Vorhaltungen überdrüssig, quittierte er die Stelle, verfluchte die drei ›Säulenbegabten‹ und widmete sich den Adressen.
Heute Abend war er furchtbar wütend. Kaum hatte er sich zu ihnen gesetzt, polterte er mitten in ihre bierseligen Lieder: »Hört mal, ich geh wieder heim, bevor ich hier vor die Hunde gehe. Gestern Abend wurde mir klar, wer mich umbringt und mir gleichzeitig mein Brot gibt, nur um die Prügel schön in die Länge zu ziehen. Also Folgendes. Ich hatte die Tausend fertig, zum Teil von Pleše geschrieben. Ich wollte schnell fertig werden und heute Geld holen, weil ich keinen müden Heller mehr habe. Der Hilfsverein rückt auch nichts heraus. Pleše half mir, und gestern Nachmittag trug ich alles zur Fabrik. Der Grünschnabel im Büro sah die Briefumschläge durch und stieß auf Plešes Handschrift, stutzte, starrte das Kuvert an und zerriss es. Während er weitere Umschläge zerriss, erkannte ich an seinen Lippen, dass er sich insgeheim das Lachen verkniff. ›Moment mal‹, sagte ich, ›warum zerreißen Sie das?‹ ›Weil es nicht Ihre Handschrift ist.‹ ›Was ist daran falsch?‹, fragte ich, und meine Hände zitterten dabei und die Stimme auch. ›Die Handschrift taugt nichts‹, sagte er. Ich hob ein zerrissenes Kuvert auf, setzte es zusammen, legte es zum Vergleich neben eins mit meiner Handschrift. ›Schauen Sie‹, sagte ich, ›die andere Handschrift ist besser und schöner, lesbarer als meine.‹ Unwillkürlich schaute er hin, drehte den Kopf dann wieder weg. ›Schauen Sie‹, wiederholte ich so ruhig wie möglich. Er sah nicht noch mal hin. ›Und wenn schon‹, sagte er, ›ich will es so. Sie bekommen trotzdem Ihren Lohn, aber was sein muss, muss sein.‹ ›Was muss‹, brüllte ich: ›Wieso muss!‹ Der Grünschnabel war ein dummer Stutzer, ein Kind mit Koteletten und Protektion, und in meine Augen schlich sich der blanke Hass, weil ich es endlich kapiert hatte. Dieser Kleingeist tritt meinen Stolz und meine Person mit Füßen – einfach so. Es gibt solche Leute, die brauchen Untergebene, Menschen unter sich, die sie brechen können, an denen sie ihre niederen, sadistischen Neigungen auslassen können. Unerträglich! Ich schnappte mir die Umschläge, zerriss sie, schleuderte ihm die Fetzen ins Gesicht und ging türschlagend hinaus. Hinter mir hörte ich: ›Anarchist!‹, aber ich war noch viel fanatischer, ein Hungerleider, ein Bettler, der Humanität erfuhr und erkannte, dass es für ihn weder Arbeit noch Almosen gibt.«
Die beiden anderen sahen Marko an, derselbe Hass, derselbe Schrei und derselbe Fluch war ihnen ins Gesicht geschnitten. Marko fuhr fort: »Ich hab’s wirklich kapiert. Das Gekritzel«, eine von aggressivem Selbstmitleid durchzogene Verachtung ließ ihn den Kopf schütteln, »versteht ihr das? Ich habe mich voller Elan zum Schreiben an den Tisch gesetzt und gedacht: Ich schreibe das runter und kassiere das Geld. Was sind schon tausend am Tag und drei Kronen in der Tasche, zwei Bücher in der Bibliothek, und wenn ich heimkomme, bezahle ich alles. Ich setzte mich hin. Fing an zu schreiben, die Feder flog lustig übers Papier, und dann – setzte sich eine Wolke auf meinen Scheitel. Eine Wolke, nichts weiter. Die ist leicht und trotzdem unerträglich. Und da, Freunde, brennt und juckt und zwackt es, und die Augen versagen. Hundert! Ich rauchte eine Zigarette und betrachtete trunken die restlichen neunhundert. Bei zweihundertfünfzig warf ich stöhnend den Stift hin. Was soll das werden, fragte ich mich, und der Magen dreht sich mir um. Selbst die Haare standen mir zu Berge! Ich stöhnte und spuckte aus, hatte aber keinen Speichel. Die Hand tat nicht weh, aber ich war ganz krank. Ketzerisch fragte ich: Was war das denn? Den ganzen Morgen hatte ich Adressen geschrieben und erinnerte mich an keinen einzigen Namen. Ich wusste nicht mehr, was ich geschrieben hatte. Das Hirn war erschöpft und tot, hatte aber gar nichts getan. Nichts. Gearbeitet hatten Hände und Augen, nicht der Kopf, und trotzdem war er hin. Ich wollte etwas lesen, aber es ging nicht. Die Zeitung blieb als einzige Geistesnahrung.«
»Ihr kennt mich«, brummte er noch bitterer. »Ihr kennt meine Geistesnahrung und meine intellektuelle Ausdauer, wenn ich mich in die verwickeltsten Probleme einlese. Die Tage waren angefüllt mit Adressenschreiben und Zeitunglesen und der Angst, selbst bei philosophischen Diskussionen am Tresen intellektuell den Kürzeren zu ziehen. Und da, also da wurde mir die Seichtheit unserer Gesellschaft klar, in der die Intelligenz die Rolle des Schreiberlings ausfüllt. Denn da arbeiten nur Hände und Augen, und getötet wird – das Gehirn! Die Hände werden geschickter, das Hirn trocknet aus. Wo bleiben da Kenner und Leser. Man denkt durch die Augen, arbeitet mit der Hand, und das Gehirn stumpft ab. Oder meinetwegen verkümmert es, aber das ist Fakt! Das ist meiner Meinung nach das wahre Gesicht unserer Gesellschaft. Vernichtet Existenzen, vor allem aber den Verstand. Leere Köpfe und – Gläser!!«
Arsen hob finster, unzufrieden an: »Verurteile ruhig den Menschen!«, redete aber nicht weiter, weil ihm der ›Grünschnabel‹ wieder einfiel und undeutlich ein Gefühl zwischen Zorn und Trauer in ihm aufstieg. Er begann zu summen, um es zu vertreiben.
Aber Nikšić unterbrach ihn: »Du, hör mal, hört mir zu! Als ich damals die Schule abbrach, trat ich in ein Kontor ein. Von halb acht morgens bis halb acht abends. Zieh zwei Stunden Mittagspause ab, bleiben zehn Stunden. Zehn Stunden«, wiederholte er und sah beide an. »Und dafür zahlten sie mir zehn Forint im Monat. Zum Wohl!« Er winkte ab und leerte sein Glas.
»Zehn Forint«, auch Marko trank aus.
Arsens Blick irrte über die Tischplatte, während Nikšić weiterredete: »Hat der Mann eine Seele? Wenn er eine hat, sagt, wie kann es sein? Von ihm habe ich nichts gelernt, und ich habe genau dasselbe getan, was ein Minister oder Doktor an meiner Stelle getan hätte. Und als Handlungsreisender, als ich mit leerem Magen für dieselbe Firma arbeitete, bekam ich manchmal keinen Kreuzer. Im Gegenteil: Als ich kündigte, betrogen sie mich um fünf Scheine.«
Arsen sprang auf und schrie: »Du hast gehungert! Ruhm dir! Ich hab auch gehungert und verstehe dich.«
Seine Worte rieselten durch Weindunst und Rauchschwaden, glänzende Schatten auf seine Kameraden werfend. Der Lärm in der Kneipe vom Toben und Singen und Streiten der Gäste war ohrenbetäubend. Guslas quietschten wie übers Leder gezogene Fingernägel und fuhren den Leuten in die Beine, die tanzende Menge war wie die Gischt, wenn die Bora mit ihren Fingern über die endlosen Tasten des Meeres braust. Auch da brüllt es aus Tiefen voller Blut und Galle, Hohnlachen und Tränen.
Anderntags in der Nacht, gegen elf, als im Haus Ruhe eingekehrt war, schloss sich Arsen im Zimmer ein, holte ein verschnürtes Papierbündel vor, löste die Kordel, strich die Blätter glatt und fing an zu lesen. Es waren Briefe, die Vater und Mutter untereinander gewechselt hatten. Vergilbt, eingerissen, manche Stellen wegen eingetrockneter Tinte unleserlich, die ältesten vor dreißig Jahren geschrieben. Er hatte sie schon früher lesen wollen, aber nicht auf dem Dachboden, bei all dem Staub, der mit feuchten Beißerchen an der verschriftlichten Vergangenheit nagte, aus drei Jahrzehnten, von denen Arsen hoffte, sie würden vor seinen Augen in Klarheit und Wahrheit erstehen. Er suchte etwas, das Neue, Besondere, etwas, das seine Vorstellungen von Mutter, Vater und seinem Leben aufwirbeln würde: Der Mond schneite die Blässe naiver Wehmut über den Himmel. Der war klar, übergossen von einem milchigen, sich zart ausdehnenden und verlierenden Schimmer. Es sah aus wie blitzendes Silber, und durchs offene Fenster drang kühle Luft herein, als würde Luna ausatmen, als sei es ihr fahler, silbriger, kalter Atem, der in der Ferne blass und blasser wurde und sich schließlich wie Rauch auflöste. Ein schwerer Atem wie von einer jungen, blutarmen Frau, die bergauf gerannt ist. Denn sie seufzte die blumigen, duftigen Seufzer weiblicher Naivität und blickte mit den verträumten, schreckhaften Augen einer Jungfrau. Und Arsen sah weiter hinaus in die Nacht, während ein sanftes weibliches Gesicht in dem Blondschopf aus dem Traum mit gelösten Haaren und allen Anzeichen der Melancholie erschien, die schwarze Ringe unter die Augen und dünne Falten um den Mund malte. Er begann zu lesen, als er die nötige Ruhe zu Erkundungen hatte.
Und begann mit den frühesten Briefen. Der Vater hatte zuerst an die Mutter geschrieben, Briefe eines verliebten Mannes. In denen er mit allem prunkte, was ihm an Zitaten von großen Schriftstellern in den Sinn kam. Arsen überlegte, wie die Mutter als Zwanzigjährige ausgesehen haben mochte. Bestimmt schön – ins graue Haar mischten sich noch immer sehr dunkle, glänzende Strähnen. Schwarzhaarig also. Den Vater konnte er sich beim besten Willen nicht als jungen Mann vorstellen. Ihn hatte er nie anders als grau, bärtig und korpulent erlebt.
