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Was hält eine Gesellschaft, die heterogen vernetzt und damit auch zunehmend "exkludierend" ist, noch zusammen? Was überhaupt stiftet noch gesellschaftlichen Zusammenhalt, wenn die Ideen und Dinge, an die wir uns bislang halten konnten, verschwinden? Die 'nächste Gesellschaft' folgt dem Differenzierungsprinzip der Vernetzung und erzeugt eine neue Dimension der Kontingenz. Dieser Prozess sorgt für Verunsicherung und Verwerfungen. Doch er eröffnet auch eine Fülle neuer Möglichkeitsräume. Je weiter die Ausweitung der Kontingenzzone voranschreitet, umso elementarer wird die Suche nach neuen Weichenstellungen für die Gestaltung gesellschaftlicher Verbundenheit. Christian Schuldt nutzt das Instrumentarium der Systemtheorie, um die gesellschaftlichen Veränderungsdynamiken und Gestaltungspotenziale der vernetzten Gesellschaft auszuleuchten. Das Themenspektrum reicht von Künstlicher Intelligenz und Innovation bis zu Liebe, Kunst und Religion; von Geld und Gemeinwohl bis zu Jugend, Politik und Klimawandel.
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2021
Christian Schuldt
Beobachtungen dernächsten Gesellschaft
E-Book (ePub)
© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021Alle Rechte vorbehalten.Coverabbildung: Elliott Hundley, There Is No More Firmament(2016, Ausschnitt)Covergestaltung: Christian Wöhrl, HoisdorfSignet: Dorothee Wallner nach Caspar Neher »Europa« (1945)
ePub:ISBN 978-3-86393-583-2
Auch als gedrucktes Buch erhältlich:© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021Print: ISBN 978-3-86393-124-7
Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unterwww.europaeischeverlagsanstalt.de
Vorwort
Einleitung
Systemtheorie: Soziale Komplexität verstehen
I.Kontrollverlust
Evolution I: Entropie
Sinnüberschuss: Die unordentliche Gesellschaft
Intransparenz: Lost in Transformation
Nichttrivialität: Die Potenziale der Künstlichen Intelligenz
Komplementarität: Mensch versus plus Maschine
II.Hybridisierung
Evolution II: Morphogenese
Wirtschaft: Mehr als Geld
Politik: Die Illusion von Kontrolle
Liebe: Pragmatische Passion
Kunst: Primat der Polykontexturalität
Religion: Von Konfession zu Meditation
Wissenschaft: Partizipation und Poesie
Massenmedien: Die Selbstbeobachtung der Gesellschaft
Serendipität: Sensibilität für Zufälle
III. Reflexion
Evolution III: Komplexitätskultur
Kybernet(h)ik: Einsicht durch Blindheit
Sinnovation: Die Kraft des Kreativen
Spielkultur: Der Mensch als Möglichkeit
Neo-Humanismus: KI und Kontingenzintelligenz
IV. Zusammenhalt
Evolution IV: Restabilisierung
Generationen: Die Konvergenz von Jung und Alt
Wirtschaft: Unternehmen als Treiber des Wandels
Gemeinwohl: Ein neuer Sektor
Teilhabe: Der Weg zur ökosozialen Wende
Synthese: Von Spaltung zu Gestaltung
Kontingenzvertrauen
Literatur
Kontingent ist etwas, was weder notwendignoch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, seinwird), sein kann, aber auch anders möglich ist.(Niklas Luhmann)
Unsere Gesellschaft befindet sich inmitten eines historischen Umbruchs – das hat spätestens die Coronapandemie unmissverständlich vor Augen geführt. Viele Veränderungsdynamiken, die bereits länger virulent gewesen sind, haben im Kontext der Krise eine ganz neue Kraft und Relevanz erhalten. Sie sind Ausdruck einer umfassenden Zeitenwende, die die Grundfeste unserer Gesellschaftsstrukturen aufbricht und neu zusammenfügt.
Dabei erfindet sich die Gesellschaft neu, indem sie einem neuen Differenzierungsprinzip folgt: dem Prinzip der Vernetzung. Es entsteht eine „nächste Gesellschaft“ (Peter Drucker), mit neuen sozialen, politischen und kulturellen Mustern – und einer neuen Dimension von Kontingenz. Denn in Zeiten steigender Konnektivität und kommunikativer Komplexität gilt zunehmend, dass alles immer auch anders sein könnte. Das Prinzip der Kontingenz prägt sämtliche Lebens- und Arbeitswelten, mit unmittelbaren praktischen Konsequenzen für Organisationen und Staaten sowie für jedes einzelne Individuum.
Nach welchen Gesetzmäßigkeiten vollzieht sich diese Metamorphose hin zu einer nächsten, hypervernetzten und hochgradig kontingenten Gesellschaft? Um diese Frage zu beantworten, bietet sich die soziologische Systemtheorie in der Prägung Niklas Luhmanns an. Aufgrund ihrer hohen Abstraktionslage ermöglicht die Theorie einen scharfen Blick auf die universellen Mechanismen sozialer Genese – und damit ebenso übergreifende wie tiefenscharfe Erkenntnisse. Zugleich aber erschwert gerade diese theoretische Flughöhe die Zugänglichkeit, schließlich gleicht die Theorieanlage „eher einem Labyrinth als einer Schnellstraße zum frohen Ende“, wie Luhmann selbst konstatierte (Luhmann, 1984, 14).
Die vorliegende Publikation will helfen, diese Rezeptionshindernisse zu überwinden – indem sie die konstruktiven Kräfte der abstrakten Theorie in den Mittelpunkt stellt. Das heißt vor allem: die Reflexion des Auch-anders-möglich-Seins, die schöpferische Kraft der Kontingenz. Denn der bewusste Fokus auf konkrete gesellschaftliche Veränderungsdynamiken erschließt zugleich künftige Möglichkeits- und Gestaltungsräume, legt die „possibilistischen“ Potenziale der nüchternen Theorie frei. Gerade inmitten eines historischen Umbruchs, der eine ganze Flut neuer Risiken und Unsicherheiten mit sich bringt, wird diese konstruktive Perspektive immer wichtiger.
Unter der Prämisse der Kontingenz versammelt dieses Buch Themen, die so divers sind wie die nächste Gesellschaft selbst. Das Spektrum reicht von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und Innovation bis zu Liebe, Kunst und Religion; von Politik, Geld und Gemeinwohl bis zu Jugend, Alter und Klimawandel. Hervorgegangen sind diese Perspektiven auch aus meiner Tätigkeit als Studienleiter und Autor für das Zukunftsinstitut (siehe die entsprechenden Verweise im Text).
Der rote Faden, der diese Vielfalt bündelt und zugleich eine neue Beobachtungsdimension eröffnet, besteht folglich in einer hybriden Perspektive: in der Kopplung der Systemtheorie an die konkreten Wandlungsdynamiken unserer Zeit. Und in der Frage: Was hält eine Gesellschaft, die heterogen vernetzt und damit auch zunehmend „exkludierend“ ist, überhaupt noch zusammen?
Der Untertitel des Buches ist dabei zugleich eine Reverenz an Niklas Luhmann, genauer: an seine Aufsatzsammlung „Beobachtungen der Moderne“. Im Vorwort schrieb Luhmann: „Der Titel ist bewusst zweideutig gefasst, denn es handelt sich um Beobachtungen der modernen Gesellschaft durch die moderne Gesellschaft.“ (Luhmann 1992, 8). Diese Ambivalenz prägt auch die „Beobachtungen der nächsten Gesellschaft“: Auch sie sind zugleich Selbstbeobachtungen der Netzwerkgesellschaft – die sich noch im Entstehen befindet. Eine systemtheoretische Perspektive, die diese selbstreferenziellen Schleifen miteinkalkuliert, kann dazu beitragen, dieser nächsten Gesellschaft Kontur zu geben.
Christian Schuldt
Hamburg, im Juli 2021
Es gibt nette, hilfsbereite Theorien und solche,die durch das Wahrscheinlichwerdendes Unwahrscheinlichen fasziniert sind.Die erstgenannte Variante hat die Traditionfür sich, die zweite drängt sich auf, sobald manexplizit fragt, wie soziale Ordnung möglich ist.(Niklas Luhmann)
Um die konstruktiven Erkenntnispotenziale des systemtheoretischen Beobachtungsansatzes zu verdeutlichen, ist es wichtig, zunächst einmal ihre theoretischen Grundzüge zu umreißen. Im Folgenden werden deshalb in aller Kürze die wichtigsten systemtheoretischen Prämissen in Bezug auf gesellschaftliche Wandlungsdynamiken zusammengefasst, mit besonderem Augenmerk auf die vernetzte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.
Wie ist soziale Ordnung möglich? Wie kann so etwas Unwahrscheinliches wie die Gesellschaft überhaupt entstehen? Die Antwort der Systemtheorie lautet: durch verschiedene Formen von Kommunikation, die sich voneinander abgrenzen und eigene Hoheitsgebiete bilden. Oberster Bezugspunkt systemtheoretischen Denkens ist dabei das Thema Komplexität: Soziale Systeme machen die unbestimmbare Komplexität der Welt „behandelbar“, indem sie eigenmächtig Komplexität reduzieren. Die Vermittlung zwischen der unbestimmten Weltkomplexität und der menschlichen Möglichkeit zur Komplexitätsverarbeitung macht soziale Systeme zu „Inseln geringerer Komplexität“ (Luhmann 1970, 116) im diffus-komplexen Weltmeer.
An der Grenze zwischen System und Umwelt herrscht also immer ein Komplexitätsgefälle: Die Umwelt ist stets komplexer als das System, und das System ist stets „geordneter“ als seine Umwelt. Um aber Komplexität reduzieren zu können, müssen Systeme zunächst selbst über Komplexität verfügen. Erst ein gewisses Maß an Eigenkomplexität erlaubt es ihnen, auf Veränderungen in ihrer Umwelt zu reagieren und den eigenen Fortbestand dynamisch zu sichern – und je komplexer ein System ist, desto mehr Reaktionsmöglichkeiten hat es. Soziale Systeme verfügen damit über eine dynamische Stabilität.
Auf Basis dieser dynamischen Stabilität sozialer Systeme vollzieht sich die gesellschaftliche Evolution – denn „nur die Differenz von System und Umwelt ermöglicht Evolution“ (Luhmann 1997, 433). In diesem Prozess bilden sich Strukturen heraus, mit denen die Unwahrscheinlichkeit gelingender Kommunikation wahrscheinlich gemacht wird. Auf Basis des Angepasstseins können dann immer radikalere Unangepasstheiten entstehen, Unwahrscheinliches kann immer schneller wahrscheinlich werden. Das Resultat ist „eine ungewöhnlich hohe, in der Lebenszeit der einzelnen Menschen sichtbar werdende Änderungsfrequenz in den Strukturen des Gesellschaftssystems“ (ebd., 495).
Alle evolutionären Errungenschaften gleichen sich deshalb darin, dass sie kombinatorische Möglichkeiten erhöhen, also höhere Komplexitätsgrade ermöglichen. Die vier Formen gesellschaftlicher Differenzierung, die die gesellschaftliche Evolution auf dieser Grundlage hervorgebracht hat, sind daher auch gestaffelt nach ihrer ansteigenden Komplexität:
•segmentäre Differenzierung (tribale/archaische Gesellschaft)
•stratifikatorische Differenzierung (antike/traditionelle Gesellschaft)
•funktionale Differenzierung (moderne Gesellschaft)
•vernetzte Differenzierung (Netzwerkgesellschaft)
Jede dieser Gesellschaftsformen ist direkt verbunden mit einem dominanten Verbreitungsmedium – Sprache, Schrift, Buchdruck, Computer –, das jeweils einen kommunikativen „Sinnüberschuss“ produziert. Das heißt: Jede einzelne Kommunikation kann und muss verglichen werden mit den sozialen Phänomenen, die durch die mediale Verbreitung ebenfalls in den Blick kommen. Die Gesellschaft reagiert auf diesen medialen Sinnüberschuss mit Strukturformen, die die Verteilung der jeweiligen Kommunikationsmöglichkeiten akzeptabel machen, und mit Kulturformen, die bestimmte soziale Phänomene in der Differenz zu anderen definieren. „Gelöst“ werden kann das Problem des Sinnüberschusses also nur durch neue Orientierungsmuster und Kulturformen beziehungsweise Semantiken (siehe III. Reflexion, S. 79).
Gesellschaft 1.0 bis 4.0: Evolution der Verbreitungsmedien sowie der Struktur- und Kulturformen
Die verschiedenen Medienepochen verdrängen sich nicht, sondern überlagern sich. Auch im Kontext der Vernetzung muss die Gesellschaft also neue und andere Lösungen finden für alle Probleme, die vorige Gesellschaften bereits gelöst haben. Die Netzwerkgesellschaft lässt sich deshalb nicht verstehen ohne ein Verständnis für die Dynamik früherer Gesellschaften.
Seitdem die Strukturform der funktionalen Differenzierung Mitte des 19. Jahrhunderts tonangebend wurde, ist die Gesellschaft nach Typen von Kommunikationen differenziert. Diese Kommunikationen werden von den einzelnen Funktions- oder Subsystemen der Gesellschaft geleitet: Subsysteme wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Religion oder Kunst entscheiden in ihrem jeweiligen Hoheitsgebiet eigenmächtig, welche Kommunikationen aneinander anschließen. Mithilfe binärer Codierungen (etwa Zahlung/Nichtzahlung in der Wirtschaft oder Wahrheit/Unwahrheit in der Wissenschaft) und Erfolgsmedien (etwa Geld in der Wirtschaft oder Wahrheit in der Wissenschaft) sorgen sie auf je eigene Weise dafür, dass auch unwahrscheinliche Kommunikation wahrscheinlich wird.
Das Versprechen der Moderne lautete dabei, dass alle Funktionssysteme für alle Personen zugänglich sind – allerdings immer nur unter partikularen Personenmerkmalen, in bestimmten Rollen, etwa als Politikerin, Verkäufer, Wissenschaftlerin, Künstler oder Angestellter. Die Netzwerkgesellschaft, die nun im 21. Jahrhunderts zunehmend Form annimmt, weicht diese Prämisse auf: Die neue Differenzierungsform schafft in allen Gesellschaftsbereichen neue Schnittstellen, an denen sich neuartige soziale, kulturelle und technologische Phänomene kristallisieren. Mit der gesellschaftlichen Komplexität steigt auch die Kontingenz rapide an und bringt das moderne Inklusionsversprechen ins Wanken.
In der Netzwerkgesellschaft werden die „vernünftigen“, klar konturierten Ordnungen früherer Gesellschaften abgelöst durch eine offene Ökologie: durch die Komplexität überraschender und potenziell flüchtiger Ordnungen. Überall in der Gesellschaft werden traditionelle Grenzen, Strukturen und Hierarchien beweglich und fluide. Unter vernetzten Vorzeichen ist somit eigentlich nur noch eines gewiss: die Ungewissheit. Zum zentralen Bezugsproblem wird damit die Bewältigung von Komplexität – und die Anpassung an eine neue Dimension von Kontingenz.
Die Systemtheorie fokussiert auf die Entdeckung des Unwahrscheinlichen im Gewöhnlichen, auf die Transformation von Notwendigkeit in Kontingenz. Anders als das Gros der westlichen Philosophen, die meist von einer normativen, rationalen oder „natürlichen“ Grundlage für soziale Realität ausgingen, setzt Luhmann auf das kontingente Auch-anders-möglich-Sein – allerdings nicht als postmodernistisches „anything goes“, sondern als Theorie der Kontingenz.
„Kontingenz“, so Luhmann, „heißt praktisch Enttäuschungsgefahr und Notwendigkeit des Sicheinlassens auf Risiken“ (Luhmann 1987, 31), sie bezeichnet „Gegenstände im Horizont möglicher Abwandlungen“ (Luhmann 1984, 152): Nichts, was passiert, ist zwingend. Dies ist die logische Folgerung, wenn die alten mechanistischen Steuerungsideen abgelöst werden durch die wechselseitigen Feedbackeffekte komplexer System-Umwelt-Gefüge. Die Erkenntnis, dass Systeme immer nur verstehbar sind in ihren Umweltkontexten, verabschiedet die Idee klarer kausaler Zusammenhänge und Verbindungen. An die Stelle des Kontrollierbarkeitsglaubens tritt das Operieren mit Wahrscheinlichkeiten.
Unter den Bedingungen der Vernetzung erfordert diese neue kontingente Realität von allen Akteuren der Gesellschaft eine Öffnung für das Unplanbare und Unvorhersehbare, eine Flexibilisierung mentaler und organisationaler Muster und Strukturen. In der Praxis hat sich unsere soziale, emotionale und rationale Intelligenz bereits auf diese neue, fluide Realität eingestellt. Unser Denken und Fühlen jedoch folgt großenteils noch immer den Konzepten vorheriger Epochen, wie es der Soziologe und Luhmann-Schüler Dirk Baecker beschreibt:
„Wir haben es immer noch, wenn nicht zunehmend, mit der Topologie von Stimmen (tribale Gesellschaft 1.0), der Teleologie verschiedener Korporationen und Dynastien (antike Hochkultur 2.0) und der Rationalität unruhiger Funktionssysteme (moderne Gesellschaft 3.0) zu tun. Aber diesen überlagert sich die Komplexität einer neuen Verschaltung von Mensch und Maschine, Körper, Bewusstsein und Gesellschaft, die im Fadenkreuz analoger und digitaler Verrechnung eher freigesetzt als gezähmt wird (nächste Gesellschaft 4.0).“(Baecker 2015a, S. 15)
Klassische soziale, politische oder ökonomische Modelle sind immer weniger in der Lage, die volatilen, paradoxalen und hochkontingenten Phänomene dieser Netzwerkgesellschaft zu erklären. Um die Komplexität der nächsten Gesellschaft umfänglich erfassen und deuten zu können, braucht es eine holistische, system(theoret)ische Perspektive.
Niklas Luhmann war hinsichtlich der konkreten Anwendbarkeit von Theorien äußerst skeptisch. „Ich habe nicht die Vorstellung, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die auf die Praxis angewendet werden könnten“, sagte er in einem Interview: „Die Praxis, zum Beispiel ein Ministerium, ist für mich ein nach eigener Logik funktionierendes System“ (Baecker/ Stanitzek 1987, 135). Dieser Praxispessimismus gründet vor allem darin, dass die Systemtheorie im Wissenschaftssystem operiert: Die Theorie beobachtet, wie sich die Gesellschaft selbst beobachtet. Sie liefert also keine Lösungsvorschläge, sondern „nur“ ein distanziertes Beobachtungsinstrumentarium.
Gerade aufgrund ihrer abstrakten Flughöhe hat sich die Systemtheorie aber zugleich als besonders anschlussfähig erwiesen für benachbarte wissenschaftliche Disziplinen – und sogar dezidiert „kritische“ Auslegungen erfahren (vgl. etwa Amstutz/Fischer-Lescano 2013). Ein zentraler Ansatzpunkt liegt dabei im „äquivalenzfunktionalistischen“ Ansatz der Theorie: dem Vergleich verschiedener möglicher systemischer Lösungen für ein und dasselbe Problem – und dem Aufdecken der blinden Flecken anderer Beobachtungen. Die Grundfrage der Systemtheorie (Wie entstehen und evoluieren soziale Systeme?) lässt sich deshalb immer auch ergänzen um die Frage: Welche alternativen Optionen tun sich dabei auf?
Diese komparatistische Komponente macht es auch plausibel, den Beobachtungsapparat der Systemtheorie dezidiert „konstruktiv“ zu nutzen: als analytisches Fundament für eine komplexere Beobachtung – und Gestaltung – möglicher Zukünfte. Dies gilt umso mehr, als dass wir heute in einer „unglaublich gegenwartsorientierten Kultur“ leben, wie der Soziologe und Systemtheoretiker Armin Nassehi sagt: einer Zeit, in der wir uns „enorm schwer“ damit tun, „kollektiv zu handeln und vor allem die Zukunft einzubeziehen“ (vgl. Illinger 2021). Der Soziologe Heinz Bude sieht darin sogar den neuen Auftrag der soziologischen Disziplin: „Die Aufgabe der Soziologie heute ist es, die Zukunft zu öffnen“ (Becker 2020).
Leitend ist dabei die Erkenntnis, dass die „nächste Gesellschaft“ nicht einfach passiert – sie ist nicht etwas, auf das man bloß reagieren kann. Nichts anderes impliziert auch Luhmanns Kontingenzverständnis: Kontingenz „setzt die gegebene Welt voraus, bezeichnet also nicht das Mögliche überhaupt, sondern das, was von der Realität aus gesehen anders möglich ist“ (Luhmann 1984, 152). Auch wenn die gegebenen Gesellschaftsstrukturen und -dynamiken also einen evolutionären Rahmen vorgeben: Die Gesellschaft ist und bleibt stets ein Möglichkeits- und Gestaltungsraum.
Das heißt nicht, dass eine Gesellschaft, die in verschiedene selbstferenziell-geschlossene Subsysteme ausdifferenziert ist, nach bestimmten Vorgaben „gestaltbar“ wäre, erst recht nicht im Übergang zum neuen Paradigma einer hyperkomplexen Netzwerkgesellschaft. Dennoch ist und bleibt Gesellschaft immer das, was wir aus ihr machen, indem wir unsere Wünsche und Vorstellungen umsetzen. Und je mehr Menschen, Organisationen und Institutionen eine gemeinsame Idee der zukünftigen Gesellschaft aktiv mitgestalten, umso wahrscheinlicher wird sie.
Gerade in einer Zeit fundamentaler globaler Umbrüche und zunehmender gesellschaftlicher Fragmentierung ist die Kultivierung eines solchen möglichkeits- und gestaltungsorientierten Gesellschafts- und Zukunftsverständnisses wichtig und wertvoll. Die Voraussetzung dafür ist nicht nur eine mentale Offenheit für Veränderungen, sondern vor allem auch ein umfassendes Verständnis der Strukturen und Kulturen der nächsten Gesellschaft – und ihrer möglichen Zukünfte.
Die systemtheoretische Perspektive ermöglicht eine solche Sicht auf die vernetzte Welt im 21. Jahrhundert: komplexitätsaffin, holistisch, possibilistisch. Gerade die nüchterne Analyse der „unordentlichen“ systemischen Dynamiken schärft den Blick für die neuen, komplexen Ordnungsmuster – und damit auch für alternative Möglichkeiten des Zusammenhalts in Zeiten des Kontrollverlusts. Von diesen Kontingenz- und Kohärenzpotenzialen handelt dieses Buch.
An die Stelle sachlicher Rationalität treten heterogeneSpannungen, an die Stelle der Vernunft dasKalkül, an die Stelle der Wiederholung die Varianz.(Dirk Baecker)
Die „nächste Gesellschaft“ ist eine vernetzte Gesellschaft. Aber was genau meinen wir eigentlich, wenn wir von „Vernetzung“ und „Digitalisierung“ sprechen? Allzu oft ist der Diskurs über den „digitalen Wandel“ vor allem eines: tendenziell hysterisch. Debatten über die „digitale Transformation“ sind häufig geprägt von Übertreibungen und Simplifizierungen, von überzogenen Erwartungen und diffusen Ängsten, gespickt mit Buzzwords wie „Disruption“, „Plattformökonomie“, „Industrie 4.0“ oder „Künstliche Intelligenz“ – ohne dass dabei die strukturellen Prinzipien, die diesen Phänomenen zugrunde liegen, in den Blick kommen.
Was ein aufgeklärter und emanzipierter Umgang mit den komplexen Phänomenen des medialen Wandels daher umso mehr braucht, ist eine theoretische Fundierung: ein reflektiertes Verständnis, wie sich der Prozess der Digitalisierung auf die Gesellschaft, auf ihre Organisationen und Individuen auswirkt. Die Systemtheorie kann dazu vieles beitragen. Niklas Luhmann selbst erlebte den globalen Siegeszug des Internets zwar nicht mehr, doch in seinem letzten Buch „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ (vgl. Luhmann 1997) thematisierte er an verschiedenen Stellen die künftige Entwicklung der damals erst breitenwirksam einsetzenden Digitalisierung – und legte damit den Grundstein für weitere systemtheoretische Beobachtungen der vernetzten Gesellschaft.
Einer der wenigen, die produktiv daran anschließen konnten, ist der Soziologe Dirk Baecker. Bereits 2007 nahm er in seinen „Studien zur nächsten Gesellschaft“ die neuen Muster der Netzwerkgesellschaft erstmals umfassend unter die Lupe (vgl. Baecker 2007), mit „4.0 oder Die Lücke die der Rechner lässt“ legte er 2018 eine Art Kartografie dieser nächsten Gesellschaft vor (vgl. Baecker 2018a). Luhmanns und Baeckers Beobachtungen schärfen das Bewusstsein für die Funktionsweise der vernetzten Gesellschaft – auch und gerade in der Unterscheidung zu den vorigen, nichtvernetzten Gesellschaftsformen, in denen wir mental immer noch zu Hause sind. Denn: „Verstehen kann man nur, wenn man das bislang Unverständliche mit bereits Verstandenem vergleicht“ (Baecker 2016, 5).
Diese Perspektive erklärt bereits, warum die Digitalisierung kontroverse bis panische Reaktionen hervorruft. Und sie öffnet den Blick für jene neuen Kompetenzen und Kulturformen, die Individuen und Organisationen heute und künftig brauchen, um sich in einer vernetzten Gesellschaft zurechtzufinden (siehe III. Reflexion, S. 79).
Grundlegend für eine systemtheoretische Perspektive auf gesellschaftlichen Wandel ist ein „ökologisches“, systemisches Verständnis von Evolution. Luhmann zufolge vollzieht sich Evolution stets, indem „die Differenz zwischen System und Umwelt durch strukturelle Kopplung überbrückt wird“ (Luhmann 1997, 74). Anders als Charles Darwin, der die biologische Evolution mit der Idee des „survival of the fittest“ als Fortschrittsgeschichte deutete, schreibt Luhmann der voranschreitenden gesellschaftlichen Differenzierung aber keine wertenden oder hierarchisierenden Momente zu.
Stattdessen betrachtet Luhmann Evolution aus der Perspektive selbstreferenzieller, autopoietischer Systeme – also Systeme, die sich aus ihren Elementen selbst erzeugen oder ermöglichen – und verabschiedet damit das Darwinsche Prinzip der „natürlichen Selektion“ durch die Umwelt. Stellt man die Evolutionstheorie auf die Co-Evolution strukturell gekoppelter, selbstreferenziell-geschlossener Systeme um, gibt es auch keine Garantie für Stabilität mehr – vielmehr „müssen diese Systeme selbst für ihre Stabilität sorgen, um weiterhin an Evolution teilnehmen zu können“ (ebd., 427). An die Stelle der Stabilität tritt das Prinzip der Restabilisierung, das gewissermaßen „nachgeschaltet“ ist und nur zum Einsatz kommt, „wenn Variation und Selektion ‚zufällig‘ zusammenwirken“ (ebd.).
Hier wird bereits die grundlegende Kontingenz gesellschaftlicher Wandlungsprozesse deutlich. Restabilisierung ist als dritter Faktor zugleich Voraussetzung und Ende einer evolutionären Sequenz – und führt daher nicht zu Anpassung, sondern, im Gegenteil, zu einer Abweichungsverstärkung: „Die unbeabsichtigt oder jedenfalls unbezweckt erzeugten Auswirkungen auf die Umwelt scheinen zu explodieren“ (ebd., 133). In diesem Sinne ist eine „postdarwinistische“ Evolutionstheorie eine „ökologische“ Theorie: Ihr erscheint Wandel weniger notwendig als kontingent.
Eine solche Perspektive auf Evolution verbindet den historischen Rückbezug mit Zukunftsoffenheit, ausgehend von einer Vielzahl koexistierender Alternativen sowie nichtarbiträrer Verbindungen zwischen dem, was ist, und dem, was war. Weil Evolution demnach ein dynamischer Prozess der kontinuierlichen Neuerfindung ist, bei dem der Faktor Umwelt eine entscheidende Rolle spielt, werden die modernistischen Konzepte von Intentionalität, Planung und freiem Willen gleichsam obsolet. So wie ein Ökosystem kein Zentrum hat, folgt Evolution keinen Richtlinien, die systemisch vorgegeben werden. Und natürlich spielt auch der Mensch keine übergeordnete Rolle, sondern fungiert als ein Element unter vielen innerhalb hochkomplex-verschränkter Systemumwelten.
