Auszeit vom Ich - Markus Wirth - E-Book

Auszeit vom Ich E-Book

Markus Wirth

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Beschreibung

Laurin Stromberger war viele Jahre lang ein beliebter Radiomoderator. Doch als ein neuer Chef den Sender übernimmt und seine Sendungen absetzt, er nach einer galligen letzten Moderation in die Nachrichtenredaktion strafversetzt wird, scheint sein beruflicher Niedergang besiegelt zu sein. Zudem hatte er zuvor eine Affäre mit einer Praktikantin begonnen, die später, als er Schluss mit ihr macht, aus verletztem Stolz an ihm Rache nimmt und ihm das Leben schwer macht. Gefrustet und desillusioniert verlässt er daher nach einem finalen Streit mit dem Nachrichtenleiter nach 18 Jahren den Sender. Diese Schmach von damals und andere unverarbeitete Ereignisse, die dem sensiblen nunmehr 50-Jährigen zunehmend zusetzen, lassen ihn kurz nach seinem runden Geburtstag das Weite suchen. Und so fährt er, ohne seine Familie einzuweihen, in einer spontanen Aktion mit seinem alten Benz nach Portugal. Dort, in seinem Lieblingsland, hofft er, jene Ruhe und Gelassenheit wiederzufinden, die er in den vergangenen Jahren nicht mehr vorfand und die verlorengegangen schien. Doch jene Levitation, die er sich erhofft, findet er zunächst nicht. Dafür erwarten ihn an seiner Destination, mehr als 2000 Kilometer von zu Hause, so einige Überraschungen, und auch die Vergangenheit holt ihn das eine oder andere Mal ein -- ob er es nun möchte oder nicht...

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Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Sämtliche Charaktere in diesem Roman sind frei erfunden, ebenso die Namen der Protagonisten. Namensgleichheiten mit real existierenden oder bereits verstorbenen Menschen sind somit rein zufällig und nicht die Intention des Autors.

Inhaltsverzeichnis

Dem Ziel nahe und doch suchend

Eine Botschaft in dürren Worten

Mitten im Leben

Wo das Land endet und das Meer beginnt

Von Alltagssorgen

Radioaktivität

Lissabons Schattenspiele

Risse an der glatten Oberfläche

Der Wind dreht

Der Diplomat von Umpach

Blick zurück im Zorn

Vom Luxus der Unerreichbarkeit – zur falschen Zeit

Ein Abschied auf Raten

Hasstiraden

Alte Wunden brechen auf

Immer westwärts

Das Lebenszeichen

Verhöhnung statt Versöhnung

Fruchtlose Erklärungsversuche

Freundschaftsdienste

Frühmorgendliche Blicke zurück

Unbeschwerte Jugendjahre

Normalisierung zu Hause?

Endlich Freiheit?

Überall auf der Welt zu Hause

Jonas ante portas

Erleichterung im Hause Stromberger

Edith Raufelder

Glück im Unglück

Im Hotel

Melancholische Anwandlungen

Charlotte

Die Kulissen des Lebens

Falsches Schweigen

Ein ausgeglichener Start in den Tag

Sturheit versus Prinzipientreue

Schule ist nur noch Geschichte

Antje, Ramona und all die anderen

Das Wiedersehen

Der Seelentaucher

Gefangen in den Klauen der 80er

Annette Dohrenkamp

Zweimal einsam

Die Versuchung

Gefühlschaos

Annettes Strategie

Unverhofft kommt oft

Wiederholungen gefallen nicht

Aus der Vergangenheit nichts gelernt?

Der Tritt auf die Notbremse

Trügerische Ruhe

Die heilende Kraft des Redens

Allein auf weiter Flur

Nummer fünf

Was du nicht willst, das man dir tu…

Das digitale Fotoalbum erzählt

Früher war nichts besser, sondern anders

Carpe tempus!

Entspannung

Die Rückkehr naht

Kontrollverlust

Die Heimkehr

1. Dem Ziel nahe und doch suchend

„I’ve been looking for freedom, since I left my home town“ (Marc Seaberg, „Looking for freedom“, 1978)

Da war zunächst Leere. Keine innere Ruhe. Keine Ausgeglichenheit. Keine Levitation. Gerade so, als sei sein selbst gestecktes Ziel noch in weiter Ferne, schaute sich Laurin suchend und orientierungslos um. Gerade so, als wittere er schon um die nächste Ecke Verrat, als entpuppte sich sein flüchtiges Dasein als Gast des altehrwürdigen Kaffeehauses „A Brasileira“ als Trugschluss, als Tagtraum, als unwirkliche Szenerie am Ende einer lange angestauten Sehnsucht und bislang nicht ausgelebten Flucht vor all dem Belastendenden, das ihn umgab und ihn zunehmend zu lähmen drohte. Nachgerade wie ein sich auf einer Reise ins Ungewisse befindlicher Mensch, der stets auf der Hut vor ihm nachstellenden Verfolgern sein musste, die nach ihm trachten und ihm seine Daseinsberechtigung würden nehmen wollen.

Doch hier nun kitzelte eine gleißend-mediterrane Sonne mit ihren mächtigen Strahlen wie unendlich lange Finger selbst entlegene Mauerritzen mit ihrer Wärme und lud die zwischen uralten uninspiriert an den Hauswänden angebrachten Aufputz-Elektroleitungen wuselnden Kellerasseln zu einem Bad in der vorsommerlichen Milde ein.

Laurin schob seine Sonnenbrille hoch in seine Stirn, eine Brille von Etienne Aigner hatte es sein müssen, passend zu seinem Lieblingsduft „No 2“, der ihm seit Jahren anhaftete wie ein unsichtbarer Schatten, wie ein zweites Ich. Ein zitrisches, stets etwas seifiges, vielleicht eine Spur zu selbstverliebtes, aber frisches, Empathie und Lebensfreude versprechendes Ich. Teuer waren die Gläser gewesen, sie hatten sein müssen, das war er sich schuldig. Er, ein Mann mittleren Alters, das war Laurin mittlerweile, einer, der meinte, mit einer Designer-Sonnenbrille seine Defizite und Schwächen tilgen und seine Sehnsüchte und Träume damit und dadurch kompensieren zu können. Ein die wankende Psyche streichelnder Trugschluss aus Kunststoff mit UV-Schutz und zwei kleinen silbernen Aigner-Hufeisen an den Enden der Bügel.

Laurin blinzelte in die Sonne und blickte abermals, nun vielleicht doch zumindest ein klein wenig zufriedener und geerdeter, umher. Einer der emsigen Kellner des „A Brasileira“ hatte ihm gerade mit gleichgültiger, vielleicht etwas arroganter, auf jeden Fall stets auf Distanz zu den Gästen bedachter Freundlichkeit eine weitere „Bica“ gebracht, jene portugiesische Version des italienischen Espresso, die so recht nach seinem Geschmack war – klein, schwarz, unendlich stimulierend mit dieser Aromenmelange, die nach Caramel, Bitterschokolade und, ja, vielleicht auch ein bisschen muffig nach feucht gewordenem Sackleinen duftete und schmeckte. Er betrachtete die Schlieren, die dieses wundervolle Getränk an die Ränder des kleinen braunen, inwändig jedoch weißen Tässchens malte und atmete, als sei er nun doch am Ende einer rastlosen Reise zum Ich endlich angekommen, erleichtet durch.

Der „Chiado“, dieses quirlige Quartier inmitten von Lissabons westlicher Oberstadt, dem Bairro Alto, war bereits gut von Touristen aus aller Herren Ländern bevölkert. Unbeeindruckt, als gehe ihn dies alles nichts an, sitzt Portugals Nationaldichter Fernando Pessoa, hier seit Jahrzehnten als Bronzeplastik auf einem Stuhl verewigt, neben dem Tisch, an welchem Laurin vor gut einer halben Stunde Platz genommen hatte, und lässt all die Fotos mit ihm, dem großen Literaten, gleichmütig und regungslos über sich ergehen. Das grelle Quietschen der antiken „Electrico“, der Straßenbahn der legendären Linie 28 hinaus nach Prazeres im Westen der portugiesischen Kapitale, vermischte sich mit dem Autogehupe, dem multilingualen Stimmengewirr und den einzelnen, unkontrollierten Schreien der Möwen, die vom Tejo, der sich hier, zum „Strohmeer“ werdend, auf seine Reise in den Atlantik vorbereitete, heraufflogen und helle Punkte in den makellos-azurblauen Himmel zeichneten.

In östlicher Richtung thronte das Castelo de São Jorge auf einem Felsen und grüßte herüber, das Castelo de São Jorge, ja, der trutzige, all die wechselvollen Lissabon-Jahrhunderte überdauernde Kronenkranz der Alfama mit ihren zahlreichen Aussichtspunkten -- den „Miradouros“ -- und ihren steilen, dunklen und feuchten Altstadtgassen.

Rastlos und vorwitzig segelten die Möwen hoch über den Köpfen der Gäste und der Einheimischen, die schon lange damit haderten, dass ihre Stadt, ihre geliebte „weiße Stadt“ mit ihren sieben Hügeln, zu einem weiteren Ab-, wenn nicht gar Zerrbild aller trubeligen Touristenmetropolen dieser Erde zu verkommen drohte. Viele der Bürger betrauerten den kommerzialisierten Ausverkauf dieser herrlichen, altehrwürdigen Stadt und befürchteten die „Ballermannisierung“ von Lissabon, das dennoch oder gerade wegen der dräuenden Okkupation alles Historischen durch die unbarmherzige Jetztzeit seine Würde zu bewahren schien und (noch) zu verteidigen wusste.

Eine Stadt, die nach dem verheerenden Erdbeben 1755, in ihrer machtlosen Rolle als unglückliche Keimzelle und als Zentrum des gestrengen Salazar-Regimes und nach der Altstadt-Feuersbrunst von 1988 schon weitaus größere Prüfungen und Herausforderungen hatte bestehen müssen.

„Tuk-Tuks in Lissabon“, dachte Laurin etwas grimmig, als hätte er die Gedanken vieler Einwohner der portugiesischen Metropole verinnerlicht, „das hätte es vor knapp 30 Jahren noch nicht gegeben.“ Tuk-Tuks, diese urigen Lasten- und Personenmobile, Lizenzbauten der italienischen „Piaggio Ape“-Baureihe, ja – auf den Straßen Bangkoks gerne, im fernöstlichen Verkehrsgewirr zur Hauptverkehrszeit mögen die knatternden Zweitakter ihre Daseinsberechtigung haben – nicht aber importiert und deplatziert auf mittelportugiesischen Straßen und Gassen!

2. Eine Botschaft in dürren Worten

„Freedom’s just another word for nothing left to lose“ (Janis Joplin, „Me and Bobby Mc Gee“, 1969)

Was wohl gerade Tina und Charlotte machen? Sich sorgen. Und sie werden unablässig der Frage nachgehen, wohin der Mann und Papa wohl gegangen ist, obwohl er doch nur eine dürre Nachricht hinterlassen hatte, dass er einen alten -- namentlich nicht näher genannten -- Freund besuchen wolle, da es diesem nicht gut gehe. Gedanken wie diese schossen Laurin nun wieder durch den Kopf. In den vergangenen Tagen dachte er immer wieder daran, von ihm, dem anfangs so befreit wirkenden Triumphator, war nur mehr ein Häufchen schlechten Gewissens übrig geblieben.

„Fünf Tage ist es nun her, dass ich unser Haus verlassen habe“, murmelte er in sich gekehrt. Und doch – diese temporäre Flucht, sie hatte sein müssen. Aber melden sollte er sich nun doch einmal. Oder etwa nicht? „Freedom’s just another word for nothing left to lose“ – Janis Joplins Refrain von „Me and Bobby Mc Gee“ kam ihm in den Sinn, tröstete in dennoch wenig bis gar nicht und war auch, merkte er, keine Antwort auf die soeben im Stillen gestellte Frage.

Er hatte Angst. Schlichtweg Angst, begleitet von einem scharfen Wachhund -- dem schlechten Gewissen. Eine diffuse und ebenso gerechtfertigte Angst, sich vor Tina rechtfertigen, seine Flucht erklären, sich entschuldigen zu müssen, dass er sich diese Auszeit genommen hatte, ohne erste Signale dafür zu senden, ohne in Anbetracht zu ziehen, seine Frau und die gemeinsame Tochter in die geheimen Wünsche mit einzubeziehen. Gerade so, als seien sie und Charlotte nicht da, als trüge er keine Verantwortung als Familienvater, als Ehemann. Sein Schweigen, das wusste er, war falsch.

Es war feige, sich bislang nicht gemeldet zu haben, um Entwarnung zu geben, dass nichts passiert war. Dass es ihm, nunmehr rund 2300 Kilometer von jenem mitunter abstrakten Konstrukt entfernt, das sich Heimat nennt, gut gehe und er schon bald wieder seine beiden Liebsten in die Arme schließen würde. Doch den Mut, nach dem Befreiungsschlag nun eine erlösende Nachricht zu senden, den hatte er, gestand er sich ein, (noch) nicht.

Ein älteres Ehepaar mit albernen Strohhüten auf ihren von der lusitanischen Sonne krebsroten Touristenköpfen und etwas zu engen und für ihr Alter zu farbenfrohen Oberteilen hielt auf Höhe von Laurin inne und riss ihn jäh aus seiner Lethargie, die langsam aber sicher der diffusen Gefahr anheimzufallen drohte, sich in den Tiefen unkontrollierten Selbstmitleids zu verlieren. „Entschuldigen Sie, sind Sie Deutscher? Dürfen wir Sie bitten, von uns beiden ein Bild zusammen mit Fernando Pessoa zu machen? Es wäre nett, das schicken wir dann gleich unseren Kindern und Enkeln in Wiesbaden und Daun“, wandte sich der untersetzte Mann mit einem nicht unsympathischen Vollmondgesicht, auf dessen Stirn sich unzählige kleine Schweißperlen abzeichneten, an Laurin.

„Gerne doch“, sagte dieser, erhob sich etwas umständlich und leise ächzend und tat den beiden Rheinhessen eilfertig den Gefallen, ihnen hernach noch einen schönen Aufenthalt in Lissabon wünschend. „Lieben Dank, morgen müssen wir früh wieder raus, der Bus holt uns am Hotel um 7.30 Uhr ab, dann geht es weiter nordwärts. Zunächst nach Coimbra, danach nach Guimarães, Braga, Viana do Castelo und Porto, bevor uns am Dienstag der Flieger wieder zurück in die Heimat bringt. Zehntägige Rundreise Portugal, wissen Sie? Ein Geschenk von unseren Kindern zu unserer goldenen Hochzeit vergangenen November!“, dozierte der Anfangssiebziger ungefragt und verabschiedete sich, seine Ehefrau vor sich herschiebend und in einer der Touristengruppen verschwindend, die soeben zügig den Largo do Chiado überquerte.

Froh, durch die beiden zwar sympathischen, aber eben doch biederdeutschen Reisenden aus seinen umwölkten Gedanken gerissen worden zu sein, ließ Laurin die vergangenen Tage nochmals Revue passieren. Immer wieder hatte er einige wenige Male angedeutet, „wenn mir hier alles zu viel wird, dann tanke ich meinen alten Benz voll und fahre mit meinem treuen Gefährten nach Lissabon. Dann können mich alle mal.“

Genau so hatte es Laurin, dabei schelmisch lächelnd, zuletzt bei seinem 50. Geburtstag seine Gäste wissen lassen, als sie bei Sekt und Häppchen mit ihm auf der Terrasse sein rundes Wiegenfest feierten. Ein Fest, ein schönes überdies, das Laurin zunächst gar nicht hatte feiern wollen, gemeinsam mit seinen Eltern, seiner Schwester Cornelia mit deren Familie, seinem besten Freund Jonas samt dessen Liebsten und vielen weiteren Wegbegleitern, die meist nur auf ein Glas vorbeischauten oder aber wenigstens zum Aperitif geblieben waren.

3. Mitten im Leben

„Jede andere hätt jesaat, et ess zu spät, dä Typ is ferdisch, nä, de Typ, den kriehste weeklisch nimmer hinn“ (BAP, „Do kanns zaubere“, 1982)

Trotz alledem -- im Mittelpunkt zu stehen, das war ihm stets zuwider. Nein, 50, sagte er immer und immer wieder, wenn ihn Tina in den vergangenen Monaten auf seinen „Runden“ ansprach, das sei eine Zahl. Nicht mehr, nicht weniger. Auch seine anderen „besonderen“ Geburtstage, den 20., den 30., sogar den 40., ja, all diese hatte er mit einer gewissen gespielt-arroganten Missachtung über sich ergehen lassen und sich trotzdem und immer – oder auch gerade deshalbüber all die guten Glückwünsche und Besuche der mehr oder weniger angemeldeten Gäste und Gratulanten gefreut und mit ihnen, zum Teil bis weit ins Morgengrauen des nachfolgenden Tages, gefeiert. Dies hatte er immer wieder und immer gerne erzählt, wenn die Rede auf das Für und Wider des Feierns wichtiger Jahrestage kam.

Und dann schließlich -- die Bilder, die vielen Bilder, die von diesen Feiern erzählten, untermauerten letztendlich doch, dass Laurin es ab und an gerne mal krachen ließ. Er im Frühsommer 1989. Noch rank und schlank, mit vollem Haar und mit seinen Schulkameraden im Partykeller seiner Eltern, die Jungs teilweise mit diesen schrecklichen Kassengestellen und den asymmetrischen Gläsern, welche die späten 80er Jahre ebenso verrieten wie die Aufmachung der Mädchen mit ihren pludrigen Frisuren, den raschelnden Kleidern mit den ausladenden Schulterpolstern, alles schön in Schwarz-Weiß oder wenn schon farbig, dann alles in Pastell getaucht.

Katja, Michi, Rita und Moni, wie sie auf dem einen Foto um die Wette lächeln, ihre Gläser mit dem hellorange leuchtenden, damals so angesagten „Kraftstoff“ für Mädchen gefüllt. Michi hält die Flasche in die Kamera. „Bliss“, ein Weinmischgetränk. Viel zu süß, aromatisiert, exotisch parfümiert, leicht alkoholisch. Die 80er in flüssigem Aggregatzustand. An den Wänden Poster von Depeche Mode, U2, von Kylie Minogue, den Simple Minds, Matt Bianco und sogar eines von „Alf“, dem Zottelmonster vom fernen Planeten „Melmac“. „Alf“, der damalige Publikumsrenner im ZDF-Fernsehen. Neben der Stereoanlage gut erkennbar die angesagten Alben des noch jungen Jahres 1989 – „Blast!“ von Holly Johnson, „Disintegration“ von The Cure, „Raw like Sushi“ von Neneh Cherry.

Wie oft hatte er in den vergangenen Wochen und Monaten all diese stummen, langsam etwas ausbleichenden Zeitzeugen von Tagen, die waren, angeschaut? Von Tagen, die, hätte man ihn gefragt, besser waren als das, was ihn derzeit umgab. 1989 gegen heute – das Jahr der Jahre gegen ein Jahr, das irgendwie austauschbar, beliebig, ereignislos war. Wie oft kamen ihm die Hits von damals in den Sinn? „Americanos“, „Lullaby“, „Buffalo Stance“. Hatte plötzlich, als seien seine Gäste gerade erst gegangen, „Aramis“, „Aigner Free Life“, „Davidoff Cool Water“ sowie „Lagerfeld“, „Loulou“ und „Armani pour femme“ in der Nase. Und nicht nur diese Impressionen, sondern auch die Fotos von den Partys zu den anderen, folgenden runden Geburtstagen zeugten von juveniler Lebensfreude. Ja, wahrscheinlich hatte Tina recht, und er würde auch und gerade zu seinem halben Jahrhundert ordentlich die Kuh fliegen lassen. So war es also auchseine Tina, seine, wie er sie immer und nicht ohne Stolz nannte „wesentlich bessere Hälfte“, hatte ihn letztendlich dazu bewegen können, einen ungezwungenen Empfang zu geben. Zu seinem 50. Wiegenfest. 50. Eine Zahl, nicht mehr und nicht weniger wert wie die 49 Jahre zuvor in seinem bislang durch nichts beanspruchten Leben. Der alte Brummbär stimmte zu, hadernd, abwägend, grummelnd und doch irgendwie gerührt auf Grund der Tatsache, dass einige ihm so wichtige Weggenossen schöne Stunden bereiten würden.

Einmal mehr hatte die Jetztzeit diesem ewig rückwärtsgewandten Nostalgiker etwas frech, vorlaut und ungefragt das Regiebuch in die Hand gedrückt. Ob er es wollte oder nicht, das war einerlei. Alsdann, alles auf Party -- an einem herrlich warmen Sonntag im April, in einem meteorologisch perfekten Rahmen, der genau so gut in Laurins Märchenland gepasst hätte: Portugal.

4. Wo das Land endet und das Meer beginnt

„Maybe she’s looking for you in Lisbon“ (Al Jarreau, „L is for Lovers“, 1986)

Sie waren jung, unternehmungslustig, die Welt stand ihnen offen und – sie hatten Zeit, viel Zeit. Laurin hatte, 1991 war das, gerade sein Studium der Germanistik und Journalistik begonnen, als er und fünf weitere junge Leute aus seinem Bekanntenkreis – sie Freunde zu nennen wäre vielleicht etwas zu hoch gegriffen gewesen – mit ihren betagten Autos zu einem dreiwöchigen Urlaub nach Portugal aufbrachen.

Bis auf Christine, die mit ihren Eltern bereits fünf Jahre zuvor dieses sonnengegerbte Land kennen- und lieben lernte, das just dort zu finden war, wo Europa, der gute alte, mitunter recht geschundene Kontinent endete und das weite, tosende Meer begann, konnte keiner was anfangen. Portugal war also, für Laurin, damals 22 Jahre jung, (noch) eine terra incognita. Somit ganz anders als der große Nachbar Spanien. Spanien, das weckte, selbst wenn Laurin auch dort noch niemals gewesen war, zumindest Assoziationen, es entstanden Bilder, wenn auch zuweilen klischeebehaftet-verzerrt. Spanien, das war gleichzusetzen mit unendlichen Olivenhainen, mit Flamenco, Sangria, Stierkämpfen, mit Paella und Zitrusfrüchten. Spanien, das war die Alhambra in Granada, das war Bizets Operette „Carmen“, das war König Juan Carlos, das war Montserrat Caballé und schwerer Rioja.

Und schließlich war Spanien – wenn auch metaphorisch gesehenfür Laurin das Ende seiner Unschuld gewesen, denn seine erste Flamme war zwar kein waschechtes iberisches Kind, aber doch eine Tochter kastilischer Gastarbeiter, die in der Region, woher Laurin stammte, Mitte der 60er Jahre eine neue Heimat gefunden hatten und wie so viele Menschen aus anderen Ländern dort geblieben waren.

Juana hieß sie und war Laurins Klassenkameradin. Zunächst. Nicht mehr und nicht weniger. Bis sie sich in den teilweise regnerischen sieben Tagen im Schullandheim in Südtirol näherkommen sollten. Laurin war damals 15, Juana schon fast 17 Jahre alt gewesen. Sie, diese geheimnisvolle Schöne mit den unendlich langen, braunen Haaren, brachte ihm in den folgenden Wochen – wieder zu Hause -- all das bei, was er zuvor nur vom Hörensagen und von den Aufklärungsartikeln der Jugendzeitschriften wie etwa „Hallo“ kannte. Zungenküsse, Petting und junge, miteinander verschmelzende Körper. Hochkonjunktur für pubertäre Lenden.

War es aber tatsächlich Liebe – oder doch nur irgendeine letztlich doch temporäre, ins Sexuelle gesteigerte und über den Schulalltag hinausgehende Affäre? Eine auf den Austausch von Körperflüssigkeiten reduzierte und zeitlich begrenzte Angelegenheit? Denn allzu lange hielt diese erste zarte Bindung nicht, es war eigentlich nur eine Sache, die sich auf gegenseitige Sympathie, meinethalben auch auf Schwärmen, gründete, und letztlich das Genießen körperlicher Nähe war. Juana zog es daher zu größeren Jungs hin, Laurin hingegen, der ihr noch viel zu kindlich war, wollte sich seine Freiheit bewahren und diese nicht schon einer ernsten Beziehung opfern.

Und doch blieben sie einander – als gute Bekannte, als mehr aber nicht -- verbunden in all den Jahren, die seither kamen und gingen und hatten bis zu heutigen Tag Kontakt -- wenn auch nur noch sporadisch auf „Facebook“.

Spanien, das sagte den sechs Unternehmungslustigen etwas, Portugal aber war für sie ein weißer Fleck auf Europas westlicher Karte. Portugal, das war wie ein Klassenkamerad, den man irgendwie schätzte, den man aber doch irgendwie, weil man ihn kaum kannte, ging es etwa in Sport um die Mannschaftszusammenstellung, nicht in der ersten Garde dabeihaben wollte und er sich daher als Auswechselspieler bewähren musste, sollte er zum Einsatz kommen. Man mochte ihn, wusste seinen Namen, mehr aber nicht.

Mit Portugal ging es ihm auch so, dachte Laurin damals. Irgendwie dazugehörend und doch etwas an den Rand geschoben. Ein Land in Europa und doch eine andere Welt. Ein Land in Europa wie alle anderen auch – und dennoch oder trotzdem ganz, ganz anders. Anders als beispielsweise Spanien.

Wie recht Laurin haben und wie schnell er dem Charme dieses kleinen Landes, dessen Märchenhaftem und dessen Anderssein verfallen sollte, konnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Auch nicht, wie sehr er die Portugiesen und ihr mildes, freundliches Naturell und ihre Tradition, bei jeder sich bietenden Gelegenheit sehnsüchtig auf die Vergangenheit zu stürzen, schon bald lieben und schätzen würde. Der Sommerurlaub 1991 mit den Destinationen Lissabon, Ericeira, Figuera da Foz, Porto und Praia de Mira sollte nur ein Auftakt, ein erster Weckruf sein, immer und immer wieder in dieses Land des Lichts zurückzukehren, um die salzige Luft am Cabo da Roca zu riechen und zu schmecken, die rustikal-deftige Küche zu genießen und die Kunst der Sehnsucht und der umwölkten Melancholie in Form der ungreif- und vor allem auch gerade für alle Nichtportugiesen so unbegreifbare Wesenslage wie jene der „Saudade“ zu zelebrieren.

Laurin und Portugal – das war wie Adam und Eva, wie Kain und Abel, wie Bonnie und Clyde, wie Laurel und Hardy, wie Mickey und Minnie und wie Simon and Garfunkel. Portugal und er, spürte er schon in jenem Sommer 1991, das war etwas, das zu etwas Wahrem und Großem werden könnte. Zu einer immerwährenden und starken Liebe fürs Leben.

5. Von Alltagssorgen

„Love hurts, love scars, love wounds and mars every heart“ (Nazareth, „Love hurts“, 1975)

Die Bügelwäsche schien, wie so oft, kein Ende zu nehmen. Tina befeuchtete ihren Zeigefinger mit Speichel und testete, ob das Bügeleisen schon Betriebstemperatur hatte. Ein leises Zischen. Sie seufzte. Dunkle Ringe unter den Augen eines immer noch schön anzuschauenden, ebenmäßigen Gesichts – sie waren stumme Zeugen dessen, welches Gefühlschaos in ihr herrschte. Das Glänzen ihrer hübschen Augen rührte von unzähligen vergossenen Tränen der vergangenen drei Tage. Von Tränen der quälenden Ungewissheit. Gaben Zeugnis ab, wie sie sich fühlte, in dieser nachgerade ohnmächtigen Melange irgendwo zwischen unendlicher Sorge, angestauter Wut und doch auch – und vor allem – der vagen Hoffnung, dass der Herr des Hauses vielleicht schon heute noch zur Tür hereintreten und „April, April!“ rufen würde. Zuzutrauen wäre es diesem Spinner. Diesem liebenswerten Spinner.

Wenn er doch wenigstens erreichbar wäre! Aber nein, der alte Trotzkopf weigerte sich beharrlich, sich ein Handtelefon anzuschaffen, „ich gönne mir den Luxus der Unerreichbarkeit“, sagte Laurin in diesem Fall immer wieder. Nur damals, als Charlotte noch klein und neu in der Kita war, hatte er für kurze Zeit ein Notfall-Mobiltelefon bei sich gehabt, falls etwas sein sollte mit ihr. Doch als bei diesem der Akku kaputt ging, war auch die zugegebenermaßen kurze Mobilfunkzeit des Laurin Stromberger vorüber.

Wie schön es doch wäre, wenn Laurin wieder hier wäre, dachte sie, ja, Laurin, ihr Laurin, dieser Melancholiker vor dem Herrn, andererseits dieser ewige Pausenclown, als der er sich immer wieder gerne darstellte, vor allem dann, wenn bei Charlotte, etwa an deren Geburtstag, Party mit Bespaßung angesagt war. Laurin, dieses Kind gebliebene Rätsel an ihrer Seite, in welches sie sich damals, vor vielen Jahren, so verliebt hatte.

Er fehlte ihr. Und er fehlte natürlich der Achtjährigen, der nicht entgangen war, dass der Papa in den vergangenen Monaten irgendwie anders war als sonst. Immer noch der Kumpeltyp, mit dem man Pferde oder, noch besser, zumal aus Charlottes aktueller Sicht, Einhörner stehlen konnte. Und doch blieb er immer mehr und immer wieder gerne für sich. Las viel, redete wenig, weniger noch als sonst schon und schien abwesend. Hörte seine alten Platten in seinem im Dachgeschoss liegenden Arbeitszimmer, das mehr und mehr drohte, zu einer – zugegebenermaßen durchaus charmanten -- Zeitmaschine des Gestern zu werden. Mit alten Möbeln, fast rührend von ihm gepflegten Antiquitäten aller Art und vielen Erinnerungsstücken an seine Kindheit und Jugend sowie an Orte, an denen er gelebt hatte.

Zudem mit einer nicht unbeträchtlichen LP-Sammlung. Laurins Welt. Eine Welt, die es nicht mehr gab, zumindest nicht in dieser Form, die aber das, was war, irgendwie glorifizierte, konservierte, vor dem Vergessen bewahrte. Die das, was war, als die wesentlich wenn nicht bessere, so doch zumindest entschleunigtere Option zum Heute erscheinen ließ. Ein Laurinsches Paralleluniversum. Ein irgendwie sehr portugiesisches Zimmer.

Trotzig, als würde dies – wenn es schon nicht alle Probleme dieser Welt mit einem Schlag löste – ihren Mann mit einem Wimpernschlag herbeizaubern, in das Gästezimmer beamen, das zur Gartenseite hin zeigte, rückte Tina ihrer Lieblingsbluse mit dem Bügeleisen zu Leibe.

Leinen! Wie konnte sie sich vergangenen Sommer nur eine Bluse aus Leinen aufschwatzen lassen! Vom Tragekomfort her das Nonplusultra, gewiss, aber Laurin, der sie in der kleinen Boutique in Wenningstedt auf Sylt gesehen und für gut empfunden hatte, dachte nicht an die Bügelprozedur dieses ewig knitternden Kleidungsstücks.

„Weißt du was, die steht dir so gut, ich kaufe sie dir“ – Laurins Worte hatte Tina auch fast ein Jahr nach dem schönen Urlaub auf Deutschlands größter, bestimmt aber bekanntester und zum Teil, zum großen Teil ungerechtfertigter Weise, auch berüchtigtster Nordsee-Insel im Ohr. Dankbar und voller Liebe dachte sie an diese acht schönen Tage zurück. Sie nahm die Bluse, drückte sie an sich wie einen Schild, der gegen all die Unbilden des Daseins Schutz zu bieten versprach. „Laurin, wo bist du nur?“, flüsterte sie, abermals mit den Tränen kämpfend und um Fassung ringend, zu sich selbst.

Tina schaltete das Bügeleisen aus. Die Bluse würde sie heute sowieso nicht mehr knitterfrei hinbekommen, fahrig, wie sie war. Sie fühlte sich in all der bohrenden Ungewissheit so schwach wie selten zuvor. Ausgebrannt, leer.

Sie ging runter in die Küche. Gleich würde Charlotte aus der Schule kommen und mächtig Hunger haben und sich auf die Salzkartoffeln und die Fischstäbchen stürzen. Wenn sie ihre Charlotte nicht hätte, dachte sie und briet die tiefgekühlten Leckereien in der Pfanne an. Hatte sie etwas Falsches gemacht in den vergangenen Wochen oder Monaten, weswegen Laurin nun die Sicherungen durchgebrannt waren, brauchte er lediglich ein wenig Distanz oder – Tina schluckte – steckte etwa eine andere Frau dahinter? Wer könnte wissen, wo Laurin war?

Seine Eltern, mit denen sie täglich telefonierte seit seinem Weggang, hatten auch keine Antwort parat gehabt. „Er hat doch noch nie viel von sich erzählt, das weißt du doch“, sagte Tinas Schwiegermutter immer wieder, gerade so, als wolle sie beschwichtigen, dass alles ganz normal sei und sie sich keine Gedanken machen müsse.

„Laurin wird schon bald wiederkommen“, sagte Britta Stromberger, die sich jedoch ebenfalls große Sorgen um ihren Erstgeborenen machte. Nur zugeben wollte sie es vor Tina nicht. Diese hatte, befand die sportliche und jung gebliebene Anfangssiebzigerin, die mit ihrem Ehemann Walter lediglich eine halbe Autobahnstunde von ihnen entfernt wohnte, mit Charlotte schon derzeit genug zu tun. Tina dachte einmal mehr an ihre eigenen Eltern, ja, ihre lieben Eltern -- Elli und Gregor -- die so gerne miterlebt hätten, Großeltern zu werden. Ihnen war es nicht mehr gegönnt, ihre Enkeltochter kennenzulernen. Sie waren knapp ein Jahr vor Charlottes Geburt im Urlaub bei einem Inlandsflug auf Haiti – es war ihr erster Übersee-Urlaub gewesen – ums Leben gekommen. Eine alte, scheinbar nur unzureichend gewartete Piper Navajo war ihr Ende. Das Ende zweier unternehmungslustiger Menschen, die sich schon so lange eine Reise in die Tropen gewünscht hatten!

Tina schluckte. Das dankbare Erinnern war die eine, doch die Jetztzeit, diese belastende Jetztzeit, war die andere Seite der Medaille. Heute Abend würde sie es einmal bei Jonas versuchen. Vielleicht wüsste dieser, was mit seinem besten Freund – die beiden kannten sich fast schon 40 Jahre und waren in all den Jahrzehnten, die das Land hatte kommen und gehen sehen, unzertrennlich geworden – los war und wo er sich aufhalten könnte. Ein weiterer Anruf, der wahrscheinlich auch hier ins Leere führte.

Und dass er einen kranken Freund hatte besuchen wollen, das, wusste sie bereits am ersten Abend, an dem Laurin nicht nach Hause gekommen war, stimmte hinten und vorne nicht. Tina seufzte abermals und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Die Türklingel schrillte. Charlotte. „Ringe dir ein Lächeln ab, reiß dich zusammen und stecke die Kleine nicht mit deiner Traurigkeit und deiner Verzweiflung an“, befahl sich Tina und öffnete die Haustür, an der noch – obwohl der Juni in vollem Gange war – vergessener Osterschmuck baumelte.

6. Radioaktivität

„We‘re lost in music, we’re caught in a trap, no turning back, we’re lost in music“ (Sister Sledge, „Lost in music“, 1979)

Viele tausend Menschen kannten seine markante Stimme, lachten über seine lockeren Sprüche und liebten seine stets im jovialen, aber nie allzu anbiedernden Plauderton abgehaltenen Moderationen. Laurin hatte beim Radiosender „Radio SVG: Songs von gestern – ihr ultimativer Oldiesender“ seit vielen Jahren seine eigene Sendung „Musik der 80er“, die immer donnerstagabends zwischen 18 und 22 Uhr lief und all das über den Äther sendete, was irgendwann zwischen dem 1. Januar 1980 und dem 31. Dezember 1989 einmal in den Hitparaden vertreten war. Die 80er Jahre, das war Laurins Jahrzehnt, die dazugehörige Musik diejenige, die er auch privat gerne hörte – sieht man von seiner Vorliebe für black music all der ganz Großen der US-amerikanischen Soulmusikszene aus den 60er und 70er Jahren, die bei Motown, Tamla oder Stax unter Vertrag waren, mal ab. Hinter dem Mikrofon sitzend, ja, das war seine Welt!

Seine Welt, sein Studio, in welchem er spannende Gesprächspartner zu Gast hatte: Herbert Grönemeyer, Wolfgang Niedecken, Nena, die Fantastischen Vier, Campino alias Andreas Frege von den Toten Hosen sowie Farin Urlaub und Bela B. von den Ärzten. Laurin interviewte Lisa Stansfield, Holly Johnson, Eros Ramazzotti, Robert Smith von „The Cure“, seiner Lieblingsband, und sogar – via Skype -- David Gilmour von Pink Floyd, David Bowie sowie Mike Rutherford, ehemaliger Gitarrist von Genesis und zudem seit vielen Jahren mit seiner eigenen Band Mike and the Mechanics erfolgreich unterwegs. Helden seiner Jugend, die – übrigens ausnahmslos absolut nicht arrogant und stattdessen freundlich bis herzlich – seine Interviewpartner waren. Und einmal bekam er sogar eine Audienz bei einem der ganz, ganz Großen – er war für ein Gespräch nach Hamburg gereist, 2009 war das, ins legendäre Hotel „Atlantic“ direkt an der Binnenalster, wo er die Ehre hatte, einen gewohnt aufgeräumt-freundlichen, liebenswerten, auf jeden Fall aber unendlich empathischen Udo Lindenberg interviewen zu dürfen. Ein Udo, der gerade dabei war, sich abermals neu zu erfinden. Ein Udo, besser denn je! Zweifelsfrei ein Ritterschlag in seiner Karriere als Radiomann!

Zur intern augenzwinkernd „Laurin Stromberger Radio Show“ genannten Sendung, die im April 1999 erstmalig über den Äther gegangen war, gesellte sich wenige Zeit später außerdem eine samstagvormittägliche Ausgabe, die alle Kinder des pastellbunten Jahrzehnts von 8 bis 12 Uhr vor den Radiogeräten versammelte und die den begreiflicherweise naheliegenden Titel „Musik der 80er am Samstag“ trug. Laurin war, obgleich privat eher introvertiert und wortkarg, dort angekommen, wohin es ihn schon seit ebendiesen besagten berühmt-berüchtigten 80er Jahren gezogen hatte – beim Radio, in einem engagierten Team, mit sehr guter Bezahlung und eigener Sendung und – sehr wichtig! – sogar eigener Kaffeemaschine.

Nun gut, mal abgesehen davon, dass er sie sich mit seinen Kollegen Rainer, Ingrid, Isabel, Annette, Katrin, Sabine, Ella, Hans, Andreas und Markus teilen musste. Nette Leute allesamt. Sein Team. Kinder der 80er Jahre, musikbegeistert und auch sonst etwas verrückt, aber harmlos. Wie er auch. Radio also, dieses nach all den Jahren und nach einigen technischen Fortschritten noch immer so faszinierende, ihn immer noch fesselnde Medium.

Dabei sah es zunächst so aus, dass Laurin, damals frisch von der Uni kommend, eine Karriere als Zeitungsmensch beginnen würde. Er hatte sich bei verschiedenen Blättern in der ganzen Region um ein Volontariat beworben und hatte schon bald eine Zusage bekommen – wenn auch nur zunächst für ein achtwöchiges Praktikum einer mittelgroßen Lokalzeitung in einer der Nachbarstädte. Die Arbeit in diesem ländlichen Gebiet machte ihm schnell Spaß, und so berichtete er über Hauptversammlungen ebenso wie über Gemeinderatssitzungen, besuchte Kabarett- und Konzertabende, verfasste Rezensionen und schrieb seine ersten Reportagen. Bei einem Konzert der „Ska Warriors“, die flotte Popmusik im Stil von „Madness“ machten, lernte er Richard Alsmann kennen, den alle auf Grund seiner frappierenden Ähnlichkeit mit dem Beatles-Drummer nur „Ringo“ nannten. Alsmann betreute nebenher die Musiker, öffneten ihnen die Türen zu den Plattenstudios und fungierte als deren Manager.

Vor allem aber war er – hauptberuflich -- der Musikchef und stellvertretende Boss von „Radio SVG“. Der Sender war händeringend auf der Suche nach einem Volontär, nachdem der letzte ohne Begründung jüngst das Handtuch geworfen hatte. Beim Hefeweizen in der Pause an der Bar vom „Kulturwerk“, einem stillgelegten Elektrizitätswerk und jetzt beliebten Veranstaltungsort mit Kleinkunstbühne, kamen die beiden Männer miteinander ins Gespräch. Alsmann fand Gefallen an Laurin, mit dem er sich leidenschaftlich über Soulmusik, Funk und Rhythm and Blues unterhielt und war von seinem Fachwissen beeindruckt. Sie schwärmten von den Giganten dieser Genres, glorifizierten Ella Fitzgerald und Etta James ebenso wie Smokey Robinson, James Brown, Aretha Franklin und die Temptations, die Commodores sowie Ray Charles. Am Ende dieser imaginären Reise weit zurück in die 60er und 70er Jahre stand das Angebot, dass er die vakant gewordene Volontärsstelle bekommen könnte.

Laurin schlug ein. Artig verabschiedete er sich anderntags, zuvor hatte er noch den Konzertbericht geschrieben, von dem Zeitungsteam und sollte zum nächsten Ersten bei „SVG“ beginnen. Ein verheißungsvoller Start, dem viele schöne Jahre folgten.

7. Lissabons Schattenspiele

„I drive on her streets, cause she‘s my companion, I walk through her hills, cause she knows who I am“ (Red Hot Chili Peppers, „Under the bridge“, 1991)

Laurin drosselte sein Tempo etwas. Obwohl er bergab lief, war ihm warm, zu warm. Der Schatten in einer der zahlreichen Altstadtgassen Lissabons verhieß kaum Abkühlung. Der letzte Schluck der „Bica“, da heiß getrunken, intensivierte das Gefühl aufkommender Wärme noch. Auch ein leichter Wind, der vom Tejo her wehte, vermochte keine Erfrischung zu bringen. Er hielt inne und sah sich die wundervollen Azulejos mit biblischen Szenen an einem jener unzähligen alten Häuser des Bairro Alto an, die, könnten sie reden, so viel zu erzählen hätten.

Etwa von Zeiten, als hier Eselkarren die Straßen bevölkerten. Von Zeiten, als Lissabon und somit das gesamte Land an die Kandare genommen worden war und jahrzehntelang unter der Knute des autoritären Diktators Antonio de Oliveira Salazar und seinen Schergen und Linientreuen stand. Von Zeiten, als der Ruhm Portugals als frühere Seefahrernation endgültig verblassen sollte und das Land am Rande Europas zu dessen Armenhaus, zum Vorzimmer der Hölle zu verkommen drohte. Und von Zeiten, als gerade diese Lähmung durch die Nelkenrevolution des 25. April 1974 unblutig beendet wurde. Hätten die Häuser wie jenes, das sich Laurin anblickte, die Gabe zu singen gehabt, weiß Gott, sie hätten ebenfalls in José Afonsos Revolutionslied „Grândola, vila morena“ mit eingestimmt und dem jahrzehntelangen diktatorischen Spuk ein friedliches Ende bereitet. Hätten auf die vielen roten Nelken geblickt, welche die Bürger den Soldaten in die Gewehrmündungen steckten. Die Nelke als Symbol der Sozialisten, gewiss, aber auch, zumal an jenem denkwürdigen Tag, ein Symbol des friedlichen Widerstands gegen eine Diktatur, die schon lange nicht mehr Herr ihrer Lage gewesen war. Es waren Geschichten wie diese, die Laurin so an Portugal mochte. Geschichten über das Verharren in der Vergangenheit, in der erfreulichen Vergangenheit, das Glorreiche hervorhebend und das Böse, das war, vergessend. Böig wehte der Wind durch die Gasse, zerrte an Laurins dunklen, in den vergangenen Jahren jedoch auch zunehmend ergrauten Haaren.

Irgendwoher knurrte Iggy Pop „I am the passenger, and I ride and I ride“ aus den Lautsprechern und vermischte sich mit den getragenen, ebenso seidenfeinen wie erdenschweren Fado-Klängen von Mísias „Paixões diagonais“ ein paar Fenster weiter in einer Wohnung auf der gegenüberliegenden Seite des Altstadtgässchens. Hier der sehnige „Stooges“-Chef und ewige Punk-Ikone aus den USA, dort die ätherisch wirkende Fadista aus dem äußersten Südwesten Europas. Die Musikwelt – ein Widerspruch. Lissabon – ein Widerspruch. Ein Mikrokosmos zwischen gestern und morgen, dabei zeitweilig noch nicht ganz im Heute angekommen und doch schon die Zukunft beschnuppernd. Lissabon – Laurins stadtgewordener Traum. Lissabon – du Unerreichte!

Laurin gefiel sich in Schwärmereien. In Schwärmereien, die das Hier und Jetzt auffüllten wie noch heißer, flüssiger Asphalt die Lücken und Spalten einer brüchig gewordenen Straßendecke.

Schwärmereien, die dazu dienten, ihn abzulenken und um das, was ihn bedrückte, somit wenigstens zeitweilig – wenn auch mühselig und nur provisorisch – zu verdecken. Gedankenschweife wie diese, die gestattete er sich, gerade auch und gerade, um die Zweifel zu vergessen, die Schuldgefühle, sich bei Tina und Charlotte bislang nicht gemeldet zu haben und wiederum die Angst vor ebendiesem Schritt, dem begreiflicherweise viele Fragen nach dem Warum folgen würden.

Mehr als 2300 Kilometer war er, nachdem er eilig seinen Koffer gepackt hatte, unterwegs gewesen, Tag und Nacht, ohne große Pausen, fast ohne Schlaf. Wie in Trance, dabei drei Länder und verschiedene Landschaften und Regionen durchfahrend. War auf Autobahnen, Schnellstraßen und Provinzrouten unterwegs, polterte über bessere Feldwege. Geriet in der Gascogne in einen heftigen Landregen. Wirbelte in der schon knochentrockenen Extremadura Spaniens den Straßenstaub auf. Schaute dort immer wieder auf die Silhouette des berühmten „Osborne“-Stiers. Trank an Raststätten bittere, überteuerte und säuerlich schmeckende Filterplörre, die an anderen Orten kaum als Kaffee durchgegangen wäre. Biss in belegte Brötchen, die an Pappkarton erinnerten. Trank nicht, weil es schmeckte, sondern um wach zu bleiben. Aß nicht, um zu genießen, sondern um den bohrenden Hunger zu stillen. Sah die Sonne unter- und den Mond aufgehen. Und umgekehrt.

Jetzt, am Ziel, fühlte er sich jedoch nicht etwa freier. Zumindest nicht so frei, so befreit, wie er es sich erhofft hatte. Er war auch hier sich selbst im Weg. Hatte den Menschen, den er wenigstens temporär hatte abstreifen wollen, eins zu eins mitgenommen. Mitsamt seinen Fehlentscheidungen, die ihn immer mehr zu einem Zauderer, einem Hinterfrager, einem kritischen Geist werden ließen. Laurin atmete durch. Doch Erleichterung, nein, die machte sich nicht breit. „Mist!“, fluchte er in sich hinein.

Dabei wollte er doch nur eine Auszeit nehmen. Alleine sein. Nachdenken, was in den vergangenen Jahren schief gelaufen, wo er vielleicht, beabsichtigt oder wider besseren Wissens, falsch abgebogen war. Freiheit spüren ohne Einengungen. So genannte Einengungen. Und temporär ohne jene Menschen, die ihm so wichtig waren, die ihm Halt gaben: seine Frau, seine Tochter, seine Eltern und sein Bekannten- und Freundeskreis. Gut, die meisten der Letztgenannten waren nur selten zu greifen, gerade die ehemaligen Schulkameraden, selbst Treffen mit seinem besten Freund Jonas, mit dem er ab und an telefonierte und ihm Mails schickte, waren eher rar gesät. Zu anderen Leuten hielt er über Facebook sporadisch Kontakt, gerade um zu sehen, dass es sie noch gibt und auch, dass er ihnen zeigen konnte, dass es auch ihm gut geht. All das war der Mörtel, der sein soziales Leben, seinen Schutzwall um ihn herum zusammenhielt. Aber vielleicht schnürte er ihn auch ein?

Wie zum Beweis für den gerne bemühten, sich selbst rechtfertigenden „Mein Haus, mein Auto, meine Familie“-Habitus – die sozialen Netzwerke ersetzten den Stammtisch ebenso wie die Klassentreffen -- grüßten er, Tina und Charlotte von Sylts nördlichstem Punkt, dem Leuchtturm am „Ellenbogen“ von List, winkten bei der Poolparty im eigenen Garten vom vergangenen Sommer in die Kamera und zeigten sich vor einer der antiken Straßenbahnen Lissabons.

Viele derjenigen, die auf Facebook ein „Gefällt mir“ unter diese Bildnisse heilen Familienlebens setzten, konterten mit Aufenthalten in Kanada, Südfrankreich, New York, San Francisco. Sendeten Grüße vom Snowboard-Kontest in Ischgl. Josch gab den Elefantenbezwinger auf Sri Lanka, Laura erklomm die Etschtaler Alpen: Stillleben auf der Alm mit Räucherspeck, Wurzen, Scheiben von wagenradgroßem Bauernbrot und einem Weißbier.

Und Steffen schließlich posierte – sozusagen als uneinholbarer „Like“-König -- mit seinem kleinen Severin mitten im australischen Outback vor dem Heiligtum der Aborigines, dem „Uluru“, international auch bekannt unter dem Namen „Ayers Rock“. Nett anzuschauen, und dennoch irgendwie geschönt, optimiert, perfektioniert, inszeniert, dachte Laurin immer wieder. Eine heile Welt, die nicht heil war. Wunderschöne Landschaften wie Potemkinsche Dörfer. „Wie unsere gesamte heutige Gesellschaft, auf tönernen Füßen stehend, auf Sand gebaut und mit Lug, Trug und dem Schein des Unwahren verputzt“, dachte er einmal mehr, wenn er dies alles im Internet betrachtete. Vielleicht, und er war gewiss kein Pessimist, waren gerade diese Bilder auf Facebook die eilig vorgeschobene Rechtfertigung dessen, dass es den Genannten nur allerhöchstens vordergründig gut ging, meinethalben nur für die Dauer des Urlaubs, für die Dauer dieser schönsten Wochen des Jahres, vielleicht auch nur allenfalls für die Dauer, bis der Auslöser der Kamera oder das Smartphone dieses doch brüchige Scheinglück für die Ewigkeit konserviert hatte.

„Shiny happy people“, kam Laurin in den Sinn – ja, dieser Song von R.E.M aus dem Jahr 1991, der passte. Mit diesem vordergründig optimistischen, aber doch irgendwie nachdenklich machenden und klugen Text voller Anspielungen auf das doch so zerbrechliche Glück. Immer und immer wieder, zu allen möglichen und unmöglichen Anlässen. Er passte wie ein Maßanzug auf die allzu gelackte, selbstverliebte Oberfläche der heutigen Gesellschaft.

Leise summte Laurin vor sich hin, kickte einen kleinen Kieselstein über das wellig-rutschige Kopfsteinpflaster gegenüber des Bahnhofs „Cais do Sodré“. Er erschrak, weil die Schiffssirene eines der hier Station machenden Ozeanriesen mit Wucht drei Mal ohrenbetäubend dumpf-dröhnend die ansonsten bislang nunmehr recht angenehme Stille durchbrach. Selbst der rauschende Mittagsverkehr rund um den „Praça do Comércio“ und die nach wie vor unablässig krakeelenden Möwen konnten dem nichts entgegensetzen.