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In der 7. Klasse unterrichtete uns in Latein und Geschichte eine Lehrerin, die uns zwölfjährigen sagte, wir hätten den Krieg gewonnen. Allseits Stille, die Nicchi Rosenthal unterbrach, zwei Jahre älter, aus großbürgerlichem Hause: "Das stimmt doch nicht, wir haben den Krieg doch verloren!" Die Lehrerin darauf: "Politisch haben wir ihn verloren, militärisch aber gewonnen, wir standen bis zuletzt tief im Feindesland." Wir hörten, sehr jung, wie wir waren, zu, es gab keinen Aufstand.
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Seitenzahl: 656
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Meine Mutter Pauli Klebe schrieb vom IV. Quartal 2001 bis Ende 2005 ihre Autobiographie. Dabei behandelte sie nur ihre Lebensjahre von 1916 bis 1975. Seit ca. 2007 fühlte sie sich nicht mehr kräftig genug, sich ausreichend vorzubereiten und zu konzentrieren, um ihre Autobiographie handschriftlich fertigzustellen. Erst 2011 konnte ich sie animieren ein Diktiergerät zu verwenden. Aber auch das bereitete ihr zu viel Mühe, so daß sie nur einmal einen Anlauf nahm und in einem Diktat die Zeit ab 1975 kursorisch beschrieb (Kapitel 23). Zur geplanten Ausarbeitung fehlte ihr die Kraft.
Mein herzlicher Dank geht an alle Verwandten, die mit viel Geduld das Manuskript ihrer Großmutter und Großtante abgetippt und Korrekturfragen mit ihr persönlich geklärt haben: Basti, Jakob, und vor allem an Cordi, die den Löwenanteil an dieser Arbeit hatte. Herzlicher Dank auch an Corinna für die Gestaltung des Umschlags.
Alle Kapitelüberschriften und Fußnoten habe ich hinzugefügt, um die Lesbarkeit zu erhöhen.
Fischbachau, April 2015
Roland Klebe
1 1916 – 1920
2 1921 – 1922
3 1923 – 1932
4 1933 – 1936
5 1937 – 1939
6 1939
7 1940 – 1942
8 1943
9 1943 – 1944
10 1945
11 1945 – 1946
12 1946 – 1950
13 1950 – 1952
14 1952 – 1954
15 1955 – 1960
16 1961 – 1962
17 1963 – 1966
18 1967 – 1970
19 1970 – 1971
20 1972 – 1973
21 Turid
22 1973 – 1975
23 Nachtrag
Ich bin am Weihnachtsabend des Jahres 1916 geboren, mitten im Kriege, dem ersten Weltkrieg, der damals fast 29 Monate währte und noch 23 Monate dauern sollte. Es war ein Sonntagabend, ein »goldener Sonntag«, halb sieben Uhr, und meine Mutter lag, anders als bei den Geburten ihrer ersten drei Kinder: Hermine, 1901, Franz, 1903, Fritz, 1905, nicht in der eigenen Wohnung, sondern in der Würzburger Universitätsklinik, denn sie hatte schwere Geburten hinter sich und war, als sie mich zur Welt brachte, schon vierzig Jahre alt. Das galt als »alt«, und darum hatte ihr Vater, ein Arzt, gefunden, sie solle rechtzeitig, Anfang Dezember, zu ihren Eltern kommen und sich von ihm betreuen lassen.
Die Geburt war leichter als die früheren, doch dauerten die Preßwehen noch Stunden: Meine Mutter war eine überaus zierliche Frau, deren körperliche Entwicklung durch das Schnüren und Korsett-Tragen im letzten Viertel des 19. Jh. gelitten hatte, mit Bleichsucht und dergleichen. Das sollte sie aber nicht hindern, in ihrem Leben sehr tüchtig und belastbar und später den Anforderungen gerecht zu werden, die die erwachsenen Kinder sportlich an sie stellten.
Der Krieg hatte bis dahin die Familie ziemlich verschont: Mein Vater hatte sicher bei der Lösung schwieriger Fragen der Feldbestellung und der Viehhaltung mitzuwirken, wenn die Bauernburschen, unter Umständen auch die Bauern selbst eingezogen wurden, es gab im Bezirksamt Sammelstellen für Lebensmittel, die an die Städte geliefert werden mußten – auch meine Mutter lieferte Eier ab, nachdem sie Jahre davor bei einer Verlosung einen Hahn und zwei Hennen gewonnen hatte – im Bezirk meines Vaters machte sich auch Gandorfer bemerkbar, den der Revolutionär und erste Ministerpräsident des »Freistaates Bayern«, Kurt Eisner, dann als den zwar blinden, aber weitsichtigen Bauern pries. Doch war, natürlich, kein feindlicher Soldat ins Land gekommen, kein feindliches Flugzeug bis Niederbayern vorgedrungen, Lebensmittel und Brennholz reichten aus, ein Hausmädchen war noch selbstverständlich.
An Toten hatte die Familie wenige zu beklagen: Ein Vetter meines Vaters, ein königlich sächsischer Hauptmann, Hans Worff, war am 16.7.1915 in Rußland gefallen, ein Vetter meiner Mutter, Eduard Schwink, als Leutnant zur See mit dem leichten Kreuzer SMS Frauenlob in der Skagerakschlacht geblieben. Doch meiner Mutter jüngster Bruder, Anton Hofmann; »Toni«, Militärarzt, versah gesund seinen Dienst, drei andere Vettern standen im Felde, mein Vater selbst, bei Kriegsbeginn fast 44 Jahre alt, ungedient, war als höherer Beamter u.k.1 gestellt.
Daß der Weltkrieg nicht gewonnen werden konnte, sah außer Wirtschaftsfachleuten und eingeweihten Diplomaten noch niemand, denn trotz der Unfähigkeit, Verdun zu nehmen, standen die Truppen im Westen noch weit in Feindesland, im Südosten, Rumänien, waren die deutschen Truppen siegreich, und die Niederlage Rußlands bahnte sich an, zuerst mit Rasputins Ermordung, dann mit der erzwungenen Abdankung des Zaren, bis es schließlich zum Friedensschluß von Brest-Litowsk kam. Das hatte noch Weile.
Daß man eine »schwere Zeit« durchstehen mußte, war allen klar, aber schwere Zeiten hatte es immer gegeben, und im Grunde war man stolz darauf, mit Entbehrungen und übermäßiger Leistung fertig zu werden.
Ich wurde schnell, noch in der Klinik, getauft, wie das damals üblich war, denn weit mehr Kinder als heute starben bald nach der Geburt an dem oft unerklärlichen »Kindstod«. Als Taufnamen galten damals die Namen von Verwandten – bei Katholiken mußte ein heiliger Namenspatron dahinter stehen – und so hatte meine Schwester den Namen der früh verstorbenen Schwester meiner Mutter, Hermine, bekommen, mein älterer Bruder den Namen des mütterlichen Großvaters, der jüngere der Brüder den Namen eines Onkels – die Onkelbeziehung »Friedrich« setzte sich über mehrere Generationen bis zu einem meiner Söhne fort. Doch ich bekam einen Vornamen, der mir von Anfang an rein akustisch nicht gefiel und den ich heute noch meinen Eltern als einen blamablen Mißgriff anrechne: Ich wurde Paula getauft – immerhin ein höchst beachtlicher Namenspatron – aber nach dem damaligen »Helden«, dem GFM2 Paul v. Hindenburg, der seit 29.8.1916 der Obersten Heeresleitung vorstand, mit Ludendorff als Generalquartiermeister, nachdem der erste Chef des Generalstabs, der jüngere Moltke, nach dem Rückschritt an der Marne, dem französischen »Wunder an der Marne« abgelöst worden war und zwei Jahre später v. Falkenhayn, dessen Strategie des »Ausblutens« vor Verdun keinen Erfolg gebracht hatte. »Man« erwartete damals von Hindenburg, daß er den Krieg im Westen ebenso werde wenden können, wie er das in Ostpreußen fertiggebracht hatte, und »man« vertraute ihm offensichtlich sehr lange, obwohl der Versuch eines ernstlichen Neuangriffs sich bis zum März 1918 verzögerte. Damals müssen übermäßig viele Pauls und Paulas das Licht der Welt erblickt haben. Ich lernte in einem Kurheim um die Wende von 1961/62 einen Herrn Paul Brandi kennen, fragte ihn ein wenig aus: Er war 1917 geboren, und als ich erfahren wollte, ob er familiär in Beziehung stehe zu einem sehr prominenten Historiker aus Göttingen, Brandi, antwortete er mit dem lapidaren Satz: »Karl V.? Das ist mein Onkel«.
Mir gefiel von Anfang an nicht das »au« als Vokal – so dick und vollgefressen – darum drang ich spätestens mit drei Jahren darauf, »Hildegard« genannt zu werden, und ich besitze noch Postkarten, auf denen ich mit diesem Namen angeschrieben wurde. Später, noch elitärer, wollte ich Isabella heißen, denn damals verstand so gut wie kein Bürgerlicher etwas von Spanien – schließlich wäre Isabel viel eleganter gewesen.
Genannt wurde ich, als kleines Kind freilich nicht Paula, nur mein Vater hielt sich daran, sondern »Wumbo”, maskulin, als ein wohlgenährtes und selbstbewußtes kleines Wesen, oder »Slum«, »der Slum«, ein Phantasiename, von meiner Schwester erfunden, der sowohl Zärtlichkeit wie Achtung ausdrückte. Im Gymnasium nannten mich die Mitschülerinnen bald Stutzl oder Stutz, denn die meisten waren größer gewachsen. Das hatte aber nichts mit Mißachtung zu tun, dafür spielte ich eine zu wichtige Rolle, ich litt auch nie unter diesem Namen. Doch als ich die 11. Klasse, damals die siebente, die nach der »Mittleren Reife«, mit sechzehn besuchen und zugleich an der Tanzstunde teilnehmen sollte, schlug meine Schwester vor, ich solle mich »Pauli« nennen, und das hielt ich um so lieber durch, als ich dabei meinen Mann kennen lernte als »die Pauli« – So blieb es, abgesehen vom Paß oder Personalausweis, nur die Kasselaner Verwandten meines Mannes, wo man einem kleinen weiblichen Wesen gerne ein Neutrum anhängt, nannten mich manchmal »das Paulchen«.
Später nahm ich, voll Abscheu vor meinem Namen, den Eltern übel, daß sie mir den Namen eines lebenden Menschen gegeben hatten, dessen rühmliches oder unrühmliches Ende nicht abzusehen war, ebensowenig die Wertung nach seinem Tode, und daß sie sich einer Mode anpaßten. Wer von Charakter läuft bei solch wesentlichem Beschluß einer Mode nach? Wie steht es in der Bibel? »Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein« Jes. 45,4
Mein Vater hatte schon 1911 die Aufgabe des Bezirksamtmanns übernommen, so wurde es Zeit, ihn zu versetzen, – jeweils in einen anderen Regierungsbezirk. Daraus wurde für ihn ein ungeliebter Posten bei der Regierung der damals bayrischen Pfalz in Speyer, ab August 1917. Ich wurde mit acht Monaten umgezogen, was mich nicht tangierte, für die Familie änderte sich viel:
Meine Schwester, das älteste Kind der Familie, wurde im Seminar des Klosters Seligenthal zur Lehrerin geschult und blieb, so kurz vor Abschluß der Ausbildung, in Landshut. Meine Brüder aber hatten bisher das humanistische Gymnasium in Landshut besucht und zugleich im Internat gewohnt. Bestimmt durften sie nicht oft mit dem Zuge nach Hause fahren, meine Mutter besuchte sie alle vier Wochen, um, wie sie später erzählte, die »Buben« an den Stellen zu waschen, wo diese sich, wahrscheinlich aus Nachlässigkeit, zu waschen unterließen. Jahrzehnte später fragte ich einmal meinen Bruder Fritz: »Wart Ihr eigentlich gerne im Internat?«. Er darauf: »Natürlich nicht, aber es gab ja nichts anderes.« So geduldig, gehorsam, gelassen nahmen junge Leute damals widrige Umstände hin, ohne zu protestieren – dennoch sind aus ihnen viele selbständige, tüchtige Charaktere hervorgegangen. Nun besuchten die Brüder das Gymnasium in Speyer und wohnten mit den Eltern, dem Hausmädchen und mir in einem Hause an der Hauptstraße, die vom Dom nach Westen führt. An diese Wohnung, eigentlich dieses Haus, glaubte ich immer eine genaue Erinnerung zu haben: An eine breite, etwas geschwungene Treppe zum ersten Stock, wo in der oberen Diele ein Schaukel hing, auf welcher ich kleines Kind mich gerne schaukeln ließ, an ein großes Wohn- Speisezimmer mit vier Fenstern nach Osten, zum Dom, und zweien nach Süden zur Straße; an das Schlafzimmer der Eltern und das der Brüder erinnere ich mich nicht, ich selbst schlief in einem Zimmer, in welchem Porträts von Ahnen hingen, die jetzt im Besitze meines Patenkindes, Kristin Raab, sich befinden. Sie stellten gar nicht die eigenen Ahnen dar, sondern die Eltern der Pflegeeltern meiner elternlos gewordenen Urgroßmutter väterlicherseits, Amélie Beljean, 1812 in Bastia geboren, in der Schweiz zweisprachig aufgezogen. Auch von den Pflegeeltern selbst gibt es noch Porträts in meinem Besitz. Die unechte Großmutter meiner Urgroßmutter war abgebildet mit mittelblonden Locken, die aus einem weißen Spitzentuch quollen, hochgeschlossenem Spitzenjabot in einem grünen Damastgewand. Sie hatte eine lange, schmalrückige Nase, einen zierlichen, geschlossenen Mund, aber vorstehende dunkelblaue Augen – heute würde ich sie als Basedowaugen bezeichnen. Diese Augen ängstigten mich nachts, ich hielt sie für Würmer, die sich ringelten und mich näher und näher bedrohten: Meine arme Mutter mußte mich holen und zu sich ins Bett nehmen. Das geschah oft, aber die Bilder blieben hängen.
An die Küche unseres Hauses erinnere ich mich bruchstückhaft: Wahrscheinlich stand der Herd, der mit Holz oder Kohle zu heizen war, in der Mitte des Raumes, das Wasser floß aus einem »Spülstein« aus Granit, einem tiefen Becken, das aus dem Ende des 18,. Jh. stammte. Von ihm nahm man das Wasser, das zum Spülen des Geschirrs gebraucht wurde, erhitzte es auf dem Herde, goß es in zwei große Wannen, bedurfte für das Abtrocknen noch eines Holzgestells, von dem das Wasser ablaufen konnte. Der Spülstein nahm das schmutzige Wasser ebenso auf wie das Wasser zum Scheuern. Das Reinigen der Messerklingen war eine aufwendige Prozedur. Jeder Raum wurde gesondert beheizt, die Wäsche wurde in mehreren Arbeitsgängen, die sich über zwei Tage hinzogen. gewaschen, ausgewrungen und aufgehängt, Obst, das nicht wie Marmelade in Wecktöpfen – die gab es schon – konserviert wurde, wurde geschnitten und an einem Holzgestell an Schnüren aufgehängt – so wurde ein Teil der Äpfel über den Winter konserviert. An die Art des Bügelns in Speyer erinnere ich mich nicht, aber Stores wurden auf großen Holzgestellen aufgespannt. Wäsche zu stärken, war sehr wichtig, vor allem für Herrenhemden. Auch eine sehr tüchtige und arbeitsame Hausfrau hätte den Familienhaushalt ohne mindestens eine Hilfskraft nicht führen können. Doch glaube ich nicht, daß sich meine Mutter als Dienstmagd der Familie fühlte, sondern als Herrin des Hauses, nach deren Sinn alles abzulaufen hatte – diese Auffassung habe ich von ihr geerbt.
Meine Mutter pflegte in Speyer an Sonntagnachmittagen auf dem Klavier, das auf der Nordseite des großen Zimmers stand, zu spielen und sich selbst beim Gesang zu begleiten. Sie hatte eine schöne, ausgebildete Sopranstimme. Ich saß oft zu ihren Füßen neben den Pedalen und hörte zu, wie sie »Das Veilchen« von Mozart sang und spielte. Ich liebte es sehr, brach aber immer wieder in Tränen aus, das Schicksal des kleinen Veilchens, so wunderbar in Töne gesetzt, rührte mich tief. .
An mancherlei kann ich mich aus der Kinderzeit gut erinnern, so, daß die Hauptstraße nach Westen durch ein Tor abgeschlossen war, das heißt, daß die Straße durch ein Tor führte. Vor allem konnte ich mich an den Dom erinnern, den Kaiserdom der salischen Kaiser, die ihn zur Grablege machten. Davon später. In diesen hohen und weiten Dom nahm mich meine Mutter als knapp Vierjährige mit, zu »Rorate-Ämtern« noch vor der Morgendämmerung im Advent. Die Mystik dieses Erlebnisses ergreift mich noch heute, wenn »Tauet, Himmel, den Gerechten« intoniert wird.
Hinter dem Dom, durch parkartiges Gelände getrennt, floß der Rhein, ein breiter, mächtig wirkender Strom. In seinen Auen wurde ich oft von meiner Mutter, noch öfter vom Kindermädchen spazieren geführt
An sehr vieles Charakteristische in Speyer aber kann ich mich nicht erinnern, sah die Stadt im Frühjahr 1962 zum ersten Male wieder und erschrak: Über das »primitive« Kopfsteinpflaster, die Enge der Straßen, das bestenfalls Mittelstädtische in der Gestaltung der Fassaden, den Schaufenstern der Geschäfte, dem Mangel an städtischem Blumenschmuck. Ich übersah dabei aber die Noblesse des Bischofspalais. Besonders wunderte mich, daß ich, nach unserem Haus nach rechts abzweigend nie eine barocke Kirche im Hintergrund wahrgenommen hatte, so, als ob unser Weg aus dem Hause nur nach links zum Rhein, nie nach der anderen Seite geführt habe. Am meisten aber verwunderte mich eine Tafel an unserem Hause, die kundtat, daß Sophie von La Roche, die Mutter von Goethes Maximiliane, die Großmutter von Clemens und Bettina Brentano darin eine Reihe von Jahren gewohnt hatte, an ihren Jours fixes die geistige Crème um sich gesammelt hatte, zu denen auch der junge Schiller zählte. Ich möchte annehmen, daß dieses Schild nach unserer Zeit am Hause befestigt wurde, sonst müßten mir meine Eltern später einmal davon erzählt haben. Die ersten Monate verbrachte ich als Baby, das bis zu 21 Monaten gestillt wurde von der sehr lieben, sich aufopfernden Mutter, und mit solchem Erfolg, daß ich von Kinderkrankheiten bis zur Schulzeit verschont blieb.,
Was ich noch nicht wahrnahm, war das nahende Kriegsende. Es gab Fliegeralarme, die die Familie in den Keller zwangen: Die Brüder schliefen dort mit Wolldecken auf den Obstregalen, ich selbst wurde in einem Wäschekorb hinunterbefördert. Nur ein einziger Fliegerbombenabwurf erfolgte in Speyer, der ein Haus, jedoch keinen Menschen beschädigte, wenn ich nicht irre. Dennoch sprach meine Mutter später mit einem gewissen Schrecken von der damaligen Gefahr: Den ganzen zweiten Weltkrieg jedoch hielt sie in der Stadtwohnung in München aus und beschwerte sich niemals.
Eine große Umwälzung des Lebens erfolgte, bevor ich zwei Jahre zählte, mit dem Ausbruch der Revolution und dem Kriegsende. Mein Vater erzählte später, daß »man« erst nach dem »schwarzen Freitag« im August 1918 begriffen habe, daß der Krieg schlecht ausgehen werde, obwohl das Heer immer noch weit von den deutschen Grenzen im Westen stand. Die Revolution, die, ich möchte sagen, groteskerweise von München ausging – wenn man von der meuternden Marine absieht, wieviel mehr Zündstoff hatte sich in Berlin, in den Industriestädten der Ruhr und Sachsens gesammelt! – wurde in Speyer lediglich registriert. Der König resignierte nicht offiziell, entband aber die Beamten von ihrem Treueid.
Die Franzosen ließen die pfälzische Regierung weiter arbeiten, die französische Besatzungsbehörde, mit ihren Besatzungstruppen, wurde ihr übergeordnet. Natürlich wurden gewisse Restriktionen eingeführt. Die »deutsche Schrift« wurde verboten, nur die »lateinische Schrift« wurde erlaubt. Daher setzte meine Mutter, die als junges Mädchen begonnen hatte, ein Kochbuch zu führen, ihre Rezepte jetzt in lateinischer Schrift fort. Ob es zur Nachtzeit ein Ausgehverbot gab, das hätte ich als Kleinkind nicht gemerkt. Personen- und Postverkehr mit dem rechtsrheinischen Bayern und dem übrigen Deutschland wurde unterbunden und später lange kontrolliert. Das brachte Nachteile für die Verpflegung der Familie, die durch Pakete von den Großeltern in Unterfranken bisher zusätzlich versorgt worden war – in der Pfalz waren meine Eltern ganz ohne Kontakt zu nahrhaften Stellen – angeblich waren die rechtsrheinischen Bayern dort eo ipso unbeliebt. Eine echte Schwierigkeit ergab sich, als meine Schwester, im Internat in Landshut in Niederbayern, in den Ferien ihre Eltern besuchen wollte. Mein Vater, den, »nationalistisch«, wie »man« damals gesonnen war, die französische Besatzung empörte, verkniff es sich nicht, in sein Gesuch um Besuchserlaubnis zu schreiben, die französische Besatzung könne sicher sein, daß seine Tochter keine Gefahr für die französische Armee darstelle – oder so ähnlich. Ergebnis: Mein Vater wurde verhaftet. Ich weiß das Datum nicht, ich selbst war winzig zu der Zeit, aber ich merkte, daß etwas Schlimmes im Hause sich abspielte, es herrschte ungewohnte Unruhe, meine Mutter hatte tiefliegende Eulenaugen. Mein Vater kam selbigen Tages wieder frei, aber die bedrohliche Stimmung blieb in meinem Gedächtnis haften. Heute würde ich es als merkwürdig bezeichnen, daß darüber später in der Familie so gut wie nie gesprochen wurde – in meiner eigenen Familie hätte man solche Stories genüßlich aufgewärmt.
Nach dem Abschluß des Versailler Vertrages, den »man« nur das Versailler Diktat nannte, war die Misere im linksrheinischen Bayern um so näher zu spüren – es war keine gute Zeit für meine Eltern.
Meine Eltern waren monarchisch gesonnen aus naheliegenden Gründen: Mein Vater, promovierter Jurist, war seit 1899 bayerischer Staatsbeamter, auf Ordnung bedacht, sehr bescheiden bezahlt, aber einem angesehenen Stande angehörig. Auch der Vater meiner Mutter war lange Zeit Amtsarzt gewesen, im Kriege, trotz seines Alters von siebzig (1918), Generalstabsarzt. Unter den Wittelsbachern des 19./2o. Jh. gab es weder so brutale Gestalten wie im Mittelalter, noch Ganoven wie Max Emanuel, sondern um das Wohl des Landes bemühte Männer, abgesehen von der nicht recht zurechnungsfähigen Lichtgestalt Ludwigs II. Dessen Tod hatten beide Eltern von ferne, aus Franken, miterlebt, meine Mutter mit knapp zehn Jahren. »Man« hatte damals an den Selbstmord Ludwigs Il. in ihren Kreisen geglaubt, auch die Begründung der Absetzung akzeptiert, ohne Kritik zu üben oder nach möglicher Gewaltanwendung zu fragen. Ob dabei die Tatsache, daß der Ministerpräsident v. Lutz ein Franke war, eine Rolle spielte, könnte ich nicht sagen. Das schöne Lied, das in Altbayern aufkam, dessen zweite Strophe lautet:
«Der Doktor Gudden und der Bismarck,
wo man auch den großen Kanzler nennt
haben ihn in See neig'stessen
indem sie ihn vo hinten angerennt« –
das wäre beamteten Franken sehr ferne gelegen. Der Prinzregent Ludwig (1821–1912) war beliebt, galt als kunstsinnig, ein eifriger Jäger im Spessart, und gegen seinen Sohn, den König Ludwig III, wenige Monate vor Ludwig Il 1845 geboren, den »Millibauern von Leutstetten«, hatte man in Franken nichts einzuwenden. Der Kronprinz Rupprecht (1869 – 1955), genoß als General und GFM im ersten Weltkrieg hohe Achtung, die die Revolution weit überdauerte. Da er von den Nationalsozialisten mitsamt seiner Familie verfolgt wurde, blieb ihm die Verehrung erhalten. Als er starb, empfand mein Vater, obwohl fast 85 Jahre alt, das Bedürfnis, ihn in Nymphenburg aufgebahrt zu sehen, dafür lange Schlange zu stehen und sich ins Kondolenzbuch einzutragen. Mein Vater starb selbst zehn Jahre später, am 25.1.1965. Er hatte in seinen letzten Willen vermerkt, er sei im Herzen Monarchist geblieben, habe diese Staatsform am ehesten als »Rechtsstaat« erlebt und wünsche, in seiner königlichen Beamtenuniform beigesetzt zu werden. Seinen Zweispitz, der mit dem verblaßten weißblauen Flaggenband geschmückt ist, bewahre ich auf.
Aufregung, Lichtblick und Verantwortung auf einmal ergab sich 1920: Mutters jüngster Bruder Toni (1886–1944), Arzt, hatte 1919 ein bildhübsches Mädchen, Alice Mai, aus einer jüdischen Familie geheiratet. Ihr Vater war Getreidehändler gewesen, an ihre Mutter erinnere ich mich als Kind, war eine wirkliche Dame, ihr Bruder ebenfalls Arzt. Alice war katholisch geworden – damals gab die katholische Kirche nur Christen den Ehesegen –und lebte bei ihrem Manne, der (wohl) an einer Klinik in Erlangen arbeitete. An einer Hochzeit als Gast nach Kriegsende teilzunehmen, verbot sich sicher, doch mein Vater kannte die neue Schwägerin und nannte sie immer »ganz reizend«, was sich sowohl auf die Erscheinung wie den Charakter bezog. Das muß man so sehen: Mein Vater äußerte zwar Einwände selten, meinte sie aber durchaus, gerade gegenüber Mitgliedern der Familie, in die er eingeheiratet hatte. Nannte er jemanden dennoch »ganz reizend«, so war diese Person gewiß ein Goldstück. Doch das Glück währte nicht lange: »Liesel« starb zwei Wochen nach der Geburt des ersten Kindes, Walther, 30.4.1920, an den Masern. Wie viele Menschen haben im vergangenen Jahrhundert kurz nach einem verlorenen Kriege Krankheiten nicht überstanden, denen sie in behüteten Zeiten nie zum Opfer gefallen wären! Der kleine Bub wurde in ein Säuglingsheim gesteckt und wog sechs Wochen später weniger als bei der Geburt. Da wandte sich mein Onkel an seine Schwester und frug an, ob sie den Buben aufziehen wolle – ob dabei eine zweite Eheschließung des Vaters in Aussicht gestellt wurde, weiß ich nicht. Meine Mutter, deren Kinder 18, 17, 15 und 3 Jahre zählten, sagte ja. Doch sie erschrak. als sie das armselige Würmchen am Bahnhof in Speyer abholte. Ihre Sorge, den Neffen nicht durchzubringen, war so groß, daß sie das Gelübde machte, sie wolle nie mehr Schokolade essen, wenn sie den kleinen Buben am Leben erhalten und aufziehen könne. Sie hat das Gelübde 28 Jahre lang, bis zu ihrem Tode, gehalten
Obwohl die realen Verwandtschaftsverhältnisse allen Beteiligten klar lagen, empfand ich Walther als meinen Bruder, er nannte meine Eltern, wie wir, Vater und Mutter, sein »Mütterlein« war im Himmel, den Papa sah er nur selten, denn dieser heiratete – wann? – eine vermögende junge Dame aus Aschaffenburg, die wohl das nicht eigene Kind nicht aufziehen wollte. Davon später.
Walther blieb uns erhalten, bis er im August 1945 mit 25 Jahren heiratete. Für meine Mutter muß sein erstes Lebensjahr sehr anstrengend gewesen sein, das Speyerer Kindermädchen für uns zwei konnte ihr einige Arbeit, doch keine Verantwortung abnehmen. Ich selbst, das muß ich zu meiner Schande gestehen, fiel vorerst als »ältere Schwester« aus, denn mit jüngeren Menschen, Kindern, umzugehen, das lernte ich erst bei meinen eigenen Kindern. Schon in der nächsten Generation lernten ältere Geschwister, den Kleinen die Flasche zu geben, sie spazieren zu fahren, mit ihnen zu spielen – dazu wurde ich nie gefordert, das blieb Aufgabe der Mutter und des Kindermädchens, wahrscheinlich wäre ich innerlich dazu weder fähig noch bereit gewesen. Wenn ich Nabelschau betreibe, erinnere ich mich, daß ich als Kind und als Heranwachsende nie merkte, welche Vorstellungen und Wünsche ein kleineres Kind haben könnte, unter meinem »Niveau« zu spielen, war mir nicht gegeben, ja, ich brachte es noch als kinderlose junge Frau nicht fertig, mit dem Neffen und den Nichten, Kindern meines Bruders Fritz, 194o, 1941 und 1943 geboren, sinnvoll umzugehen.
Genau so wenig interessierte es mich, mit Puppen wie eine Puppenmutti zu spielen, obwohl ich hübsche Puppen besaß und mir auch eines Tages eine reizende Käthe-Kruse-Puppe geschenkt wurde. Auch Kuscheltiere konnten mich nie verlocken, einen großen weißen Steiff- Bären, den ich schon als Schülerin bekam – und mir heftig gewünscht hatte! – verwendeten Walther und ich nur als effektvolles Wurfgeschoß.
Woher kam dieses Defizit? Ist es ein Charakterfehler? Ist es ein angeborener Mangel an haptischer Sinnlichkeit? Oder wurde ich aus Vorsicht für kleinere Kinder von diesen ferngehalten? Blieb ich, elf Jahre nach meinen Geschwistern geboren, ein »Nesthäkchen«, und Walther eben ein weiteres Nesthäkchen, bis wir beide uns adäquat fanden und immer besser zueinander paßten? Jedenfalls soll ich, Anfang Juni 1920 mit an den Bahnhof von Speyer genommen – woran ich mich lebhaft erinnern kann – ein Baby im Steckkissen kam ja an! – geäußert haben, ich sei gespannt, was das Brüderchen, sechs Wochen alt, zu mir sagen werde.
In Speyer erlebte ich deutlich nur meine Mutter, die größeren Brüder noch kaum: Einmal stritten beide hitzig, gewalttätig, sprangen sich über einen Tisch nach, wobei einer einen Schlagring zückte, ohne zuzuschlagen – mag sein, daß Mutter das verhinderte. Das blieb mir als etwas ganz Ungewohntes und Schreckliches im Gedächtnis, denn körperliche Gewaltanwendung, ja Maßregel, war in unserer Familie verpönt und soviel Abneigung ganz unverständlich.
Furcht, außer vor den Basedowaugen meiner Urururgroßmutter, kannte ich in Speyer nicht, mich zu genieren, ebensowenig. Ein Gedicht zur Hochzeit in der Familie unseres Kindermädchens lernte ich mit drei Jahren schnell und trug es ohne Zögern vor, ich kann 's noch heute:
Gratulieren komm ich heut, bringe euch ein Sträußchen,
glücklich sollt ihr alle Zeit sein in eurem Häuschen.
Kleine Englein überall sollen euch umschweben,
und es soll mit lautem Schall »Hoch!« das Brautpaar leben.
Aber Glanzlichter im »besetzten Land« waren selten. Kurz nach dem Ende des Krieges, so glaube ich mich zu erinnern, setzte Mangelwirtschaft ein. In unserem Wohnhaus, vermutlich in staatlichem oder städtischem Besitz, mußte ein großer Raum für eine soziale Dienststelle bereitgestellt werden, wo zwei oder drei Sekretärinnen irgend etwas »verwalteten«, Lebensmittelzuteilungen oder etwas anderes. Meine Eltern nahmen die Verringerung ihrer Wohnfläche gelassen hin: Daß man sich in Kriegs- oder Nachkriegszeiten einschränken müsse, galt als selbstverständlich. Mir selbst gefiel der Raum mit den Schreibmaschinen, an denen die netten Sekretärinnen arbeiteten. Sie ließen mich oft ein, wahrscheinlich gestört durch das »Ariston«, das ich in der oberen Diele zum Lärmen benützte. Ein Apparat, auf den gelochte Karten gelegt wurden, die man durch Drehen einer Kurbel zum Klingen brachte: Offensichtlich eine Vorform von Grammophonen, die es jedoch damals schon gab. Das »Ariston« hat den Umzug nach München nicht mehr erlebt. Doch »unser« Haus wurde weiterhin als Bürohaus genutzt: Ich drang 1962 dort ein, erklärte dem Chef des Sozialamtes, daß ich da als kleines Kind gewohnt hätte, und er ließ mich durch die Räume wandern: Unser schönes großes Wohnzimmer war zweigeteilt worden, mit großbürgerlicher Noblesse war es vorbei.
1 unabkömmlich
2 Generalfeldmarschall
NNun bemühte sich mein Vater, eine Beamtenstelle in München zu finden. Dorthin zog es meine Eltern nicht, weil München eine schöne Umgebung im Süden zu eigen ist, nicht, weil es die »Landeshauptstadt« ist, nicht, weil es dort an Museen, Theatern, Konzerten keinen Mangel gibt, sondern einzig allein, weil es dort sowohl eine Universität als eine technische Hochschule – so hieß die TU damals – gab. Der ältere Bruder sollte 1922 Abitur machen, dann studieren, der jüngere wußte schon mit sechzehn Jahren, daß er an einer technischen Hochschule studieren wollte – so bot sich in Bayern München allein als Wohnort an, denn daß studierende Kinder, wenn irgend möglich, zuhause wohnen sollten, war selbstverständlich: Selbstverständlich, weil man jemanden erst aus dem Hause ließ, der sich selbst durch seinen Beruf erhalten konnte, selbstverständlich, daß für Mieten nur das unbedingt Notwendige ausgegeben wurde – wozu natürlich ein gutes Zimmer, ein »Salon« gehörte, die Küche ein Raum war, in dem nur Hausfrau und Dienstmädchen zu tun hatten und das Dienstmädchen aß, wo zwei Brüder oder zwei Schwestern ein Zimmer teilen konnten, selbstverständlich, weil nach einem Kriege Mangel an Wohnraum herrschte, so daß auch wir in München, nach einer Übergangszeit von sechs Wochen, in eine gute Wohnung einziehen konnten, in der wir die nächsten vierzehn Jahre verbrachten. Meine Eltern mußten den Umzug selbst bezahlen. Dazu brauchte man spezielle Umzugsfirmen. Es galt schon als ungewöhnlich tüchtig, das Geschirr selbst zu packen. Die Art, wie heute mit Hilfe eines gemieteten kleinen Lkws, Freunde zum Umzug zusammenhelfen, wäre undenkbar gewesen: Keine vermietbaren Lkws, keine Führerscheine der Beteiligten. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob »Akademiker« zu solcher Arbeit die Hand gereicht hätten.
Das beruflich Wichtigste war die neue Stellung meines Vaters als Oberregierungsrat: Es war eine Art Sozialamt, wo Behinderten, die man damals noch nicht so nannte, staatliche Zuschüsse bewilligt wurden – oder nicht. Dabei handelte es sich vermutlich hauptsächlich um »Kriegsopfer«, wie man heute sagen würde. Diese Tätigkeit – das weiß ich nur parlando von meiner Mutter – bedeutete für meinen Vater eine falsche Stellung: Er hatte den Anflug eines Hypochonders, und wenn er, medizinisch unbedarft, von Krankheiten hörte, bildete er sich leicht ein, er litte selbst daran. Diese Neigung muß ihn schon als Jungverheirateten gequält haben, und meine Mutter wird ihn, statt ihn leise oder laut auszulachen, versorgt haben wie einen Patienten. Ich erinnere mich, daß er, wenn auch nicht jährlich, zur Kur fuhr, daß er »Schwitzbäder« nahm, was damals für meine Mutter viel Arbeit bedeutete, daß er auf Diät hielt, an der die ganze Familie teilnahm: Täglich nur einmal Fleisch – welcher Genuß für Mehlspeisenesser! Welche möglichen Krankheiten er sich einbildete, erfuhr ich, kleines Kind, natürlich nicht, es blieb vieles im Unbestimmten, denn mein Vater war, vereidigter Beamter, gewohnt, wenig zu sprechen und fast nichts von seiner beruflichen Tätigkeit zu erzählen. Oft brachte er Akten abends mit nach Hause und saß nach dem Abendessen noch an seinem Schreibtisch – aber kein Mensch hätte in seinen Akten geschnuppert.
Um meinen Vater nicht ungerecht in schlechtes Licht zu setzen, muß ich, weit vorausgreifend, hinzufügen, daß er nach dem Tode seiner fürsorglichen, mit medizinischem Verständnis begabten Frau sehr wohl allein tüchtig wurde, seine Hypochondrie ablegte und in würdiger Art ein Alter von 94 Jahren erreichte.
Wir mieteten eine Wohnung in der Altstadt, im von Kaiser Ludwig dem Bayern (1314–1347) vergrößerten Urmünchen, dem Graggenauer Viertel. Die Prannerstraße besitzt ein Tor, das auf die Maximiliansanlagen führt, die im frühen 19. Jh. bei der Entmauerung und Entwallung Münchens angelegt wurden. Heute würde man sagen: Ihre Südseite bildet die Rückfront des Hotels Bayerischer Hof. Im 18./19. Jh. war sie eine vornehme Straße gewesen. Die Palais Portia und Holnstein lagen in der Querstraße, ein Palais der Grafen Preysing, jetzt Vereinsbank, bildete die östliche Ecke, in dem noch in den zwanziger Jahren Preysinge wohnten, z.B. der spätere Kardinal von Berlin, damals Kaplan an der Salvator-Volksschule. Das war das Haus unmittelbar östlich von unserem. Nach Westen trennten uns zwei oder drei kleine Häuser von dem Gebäude des »Landtages«, der aus der »Ständekammer« des 19. Jh. hervorgegangen war. Unser Haus schmückten zwischen dem 1. und 2., sowie zwischen dem 2. und 3. Stock zwei klassizistische Friese, ein Werk des Vaters Schwanthaler. Wir bewohnten den zweiten Stock, aber nicht mehr so, wie es zu Beginn des 19. Jh. geplant gewesen war: Nach Süden nahmen drei sehr große und ein mittleres Zimmer mit sieben Fenstern die Front ein, ein Tor, das gerade einem Wagen mit zwei Pferden Vorspann Zutritt gewährte, führte auf einen Binnenhof, in den viele kleine Zimmer, Küchen, Bäder hinunterblickten. Ich stelle mir vor, daß in den vorderen Räumen die »Herrschaft« wohnte, die kleineren Räume dem Personal und dem Haushalt dienten. Wenn man bedenkt, daß Thomas Mann noch in den zwanziger Jahren fünffaches Personal beschäftigte, ist das für den Beginn des 19. Jh. nicht unwahrscheinlich. Die Räume waren so hoch, daß die Treppe fünfundzwanzig Stufen zum höheren Stock brauchte. So bedurfte es pompöser Kachelöfen, um solche Räume zu heizen. Zu unserer Lebenszeit gab es diese vornehme Einteilung nicht mehr, wir hatten nur zwei sehr große Räume mit vier Fenstern, hinter den restlichen drei Fenstern und den kleinen Räumen nordwärts über dem Hofe mit einem langen Gang hausten andere Mieter. Unsere kleinen Räume dienten der Reihe nach als »Salon«, als Zimmer meiner damals fast zwanzigjährigen Schwester, als Zimmer der Brüder im Gymnasium, der Küche, Speisekammer und »Dunkelkammer« für die photographierenden Brüder, Zimmer für die Haushaltshilfe – ohne Heizung – WC und Bad.
Wir zwei kleinen Kinder, Walther einjährig, ich vierjährig, schliefen in dem sehr großen Schlafzimmer an der Süd- bzw. Nordwand, während das Ehebett meiner Eltern die Mitte einnahm. Der Raum war so groß, daß nicht das Gefühl von Enge aufkam. Im großen Wohnraum daneben stand der Schreibtisch meines Vaters schräg nahe dem einen Fenster – ein Gaslicht beleuchtete die Tischplatte! – nahe dem anderen Fenster stand das Klavier, auf dem meine Mutter selten, meine Schwester sehr gut spielte. Ich bekam Klavierunterricht mit acht Jahren. Wir Kinder spielten in dem vorderen Teil des Zimmers, fanden das ausreichend, der Platz für das Sofa, den großen Eßtisch mit den Stühlen, das Büffet wurde nicht tangiert. Diese Möbel, von den Eltern meiner Mutter bei einem Verwandten 1899 als Aussteuer gekauft, alle aus guten Hölzern und poliert, mit Schnitzereien und spitzen Ecken, waren deutlich unmodern geworden. Der Jugendstil war darüber hingegangen, das Bauhaus war nach dem Kriege in Weimar gegründet worden, die »Neue Sachlichkeit« kündigte sich an. Doch die Möblierung hatte Bestand, wie auch die Ehen Bestand hatten. Meine Eltern hätten sich nicht neue Möbel beschaffen können, nur der Bücherschrank meines Vaters, ganz schön stattlich und nie verschlossen, mußte durch einen größeren, natürlich Schreinerarbeit, ersetzt werden. Im Salon lag ein Aubussonteppich, Perserteppiche konnten sich meine Eltern nicht leisten. Doch waren schöne Kommoden und kleine Schränkchen des frühen 19. Jh. in den Besitz meiner Mutter gekommen, nötige Behältnisse, denn es galt, viel aufzubewahren. So konnte mir, als ich endlich das erste Kind bekam, meine Mutter noch mit Windeln und Strickjäckchen aushelfen. Ein großer Eichenschrank mit dezenten Schnitzereien, jetzt in meinem Besitz, zeigt in seinen Eingeweiden, daß meine Urgroßmutter, meiner Mutter Großmutter, damit nach 186o nach Salzburg umzog. Mit besonderem Amüsement schaue ich das »Vertiko« an, jetzt in meinem Besitz, das 1874 mein Großvater als junger Arzt kaufte, poliert und gedrechselt, mit Samt ausgelegt, mit Spiegelglas an der Rückfront, um darin seine Instrumente aufzuheben. Zu meiner Mutter Zeiten befanden sich darin, wie jetzt auch, Porzellan- und Silberdinge. Meine Mutter erzählte mir einmal, in ihres Vaters Haus – erste Praxis in Arnstein an der Wern, am Südausläufer der Rhön – sollte bei einem Manöver um Hammelburg ein bayerischer Prinz untergebracht werden. Das Ordinationszimmer wurde gestöbert für Seine königliche Hoheit, das Vertiko mit edlem Nippes gefüllt. Als die Großmutter hochatmend fragte, ob der Medikamenten- und Jodgeruch verschwunden sei, antwortete ihr Mann, daß es jetzt nur noch nach Kernseife und Putzmitteln röche.
Im Flur stand ein Garderobenständer mit einem ganzfigurigen Spiegel in der Mitte, der den Namen »Entrée« führte. Als kleines Mädchen klingelte ich einmal von der Straße aus und bat, mir einen Ball herunterzuwerfen. Wo der denn sei? Ich antwortete: »Am Andreh«. Es ging gerade jemand vorbei, ich schämte mich (und schäme mich noch heute).
So eine Wohnung erforderte viel Hausarbeit: Zum Heizen der einzelnen Zimmer, zum Kochen mit Holz am großen Herd in der Mitte der Küche, weniger am Gasherd mit Stadtgas – das war giftig und führte öfter zu Unfällen oder wurde zum Suizid benützt – zum »Abziehen« der Parkettböden, die nicht versiegelt waren, zu den Wäscheprozeduren in einer Waschküche im Erdgeschoß, wozu eine Waschfrau zugezogen wurde, zum Bügeln, wobei der Stahl am Gasherd erhitzt wurde und der Griff erst befestigt, um ihn vom Feuer zu nehmen, zum Ein- und Aushängen der Winterfenster. Ein frühes Stück der Elektrifizierung war für uns ein Staubsauger namens »Protos«, das wirklich erste Modell seiner Art, der die bescheidenen Teppiche sauber hielt.
So war für die kommenden Jahre ein Standard geschaffen, aber die Jahre, die kamen, sollten dem in keiner Weise entsprechen.
Denn es begann, zuerst schleichend, dann mit festen Schritten, galoppierend, um in einen Wettlauf zu rasen, die Inflation. Über vierzig Jahre lang war Deutschland im Frieden gewachsen, die kurzen finanziellen Zusammenbrüche der »Gründerjahre« von den Lebenden fast vergessen, Geldwerte, die der Industrialisierung als Aktien dienten, waren in der Kaiserzeit hoch angesehen. »Man« fühlte sich sogar seines Geldes sicher, wenn man Aktien für Eisenbahnbau am Balkan besaß. Daß ein Krieg Inflation hervorrufen müsse, wie es in der französischen Revolution geschah, wie es Amerika sowohl beim Unabhängigkeitskrieg wie beim Sezessionskrieg begegnete, dessen waren sich die Menschen, denen der Umgang mit Geld nicht den Hauptzweck des Lebens bedeutete, nicht bewußt. Es hatte im ersten Weltkrieg schon an strenger Bewirtschaftung gefehlt, so daß die Stadtbevölkerung, vor allem das Proletariat, sehr benachteiligt war; nach dem Krieg: Besatzung im Westen, Reparationen, Mangel jeglicher Konjunktur, wurde es viel schlimmer. Zuerst blieben die Nahrungsmittel aus: Ich habe es, obwohl sehr kleines Kind, noch im Ohr, wie gegen Abend, wenn frische Milch sollte eingekauft werden, entweder das Hausmädchen, oder meine Schwester, oder meine Mutter selbst nach vielleicht einer Stunde von dem Lädchen, etwa 100 Meter entfernt, zurückkamen mit leerer Milchkanne und dem Satz: »Bei drei Menschen vor mir war die Milch zu Ende.« Da diese Szene sich wiederholte, ist mir eigentlich unklar, wieso unsere Familie von acht oder neun Köpfen – die erste Zeit in München arbeitete bei uns noch das Kindermädchen, das uns aus Speyer gefolgt war – täglich satt wurde. Vermutlich wurde sie nicht satt, sondern die Eltern hungerten, damit es den Heranwachsenden an nichts fehle.
Dann begann die Geldentwertung, die Preise stiegen, die Löhne und Gehälter zuerst gar nicht, dann langsamer als die Preise. Schließlich mußte das Gehalt, das mein Vater monatlich auf die Hand erhielt – Löhne und Gehälter wurden bar ausbezahlt – am selben Nachmittag in Lebensmittel umgesetzt werden: Mehl, Zucker, Fett, Butter, Hülsenfrüchte, Marmelade, Äpfel nur im Herbst, Kartoffeln, damit es einigermaßen bis zum nächsten Monatsende reichte. Usuellerweise wurde in meiner Familie nicht über Geld gesprochen: »Über Geld spricht man nicht« – wozu es die Zusätze gab »man muß es nur haben«, oder: »Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt« – damals reine Theorie! – doch in dieser Zeit war der Absturz des Geldwertes ein Gesprächsthema bei Tisch. Zuletzt, im November 1923, war der US Dollar vier Billionen Mark wert – da hörte das Vorstellungsvermögen auf. Selbstverständlich waren die Geldwerte, die man seit der Kaiserzeit besessen hatte, vollkommen verschwunden. Das traf auch meine Mutter, doch davon später.
Die Inflation, und seit 1929 die Weltwirtschaftskrise, veränderte die Lebensweise ganzer Schichten vollkommen; man sagt griffig, sie führte zu einer Proletarisierung des Bürgertums. Ich selbst habe daran eine ganz andere Erinnerung: Wir mußten uns einschränken – hatten das wohl auch früher getan – aber wir behielten unsere Lebensweise bei. Wir – für mich begann das mit 10 Jahren – besuchten regelmäßig das Theater, Konzerte, gingen in Museen, kauften Bücher und lasen sie, die Kinder erhielten Musikunterricht, durften an Kindergymnastikstunden teilnehmen, liefen immer gut gekleidet herum, das Hausmädchen blieb, nötig wie eh und je. Darum widersprach ich vehement, wenn von der Proletarisierung des Bürgertums die Rede war. Doch als ich meinem Professor meine Erinnerungen schilderte, fragte er. »War das die Regel?« Und wenn ich von Schicksalen anderer Familien höre, wo u. U. Söhne aus dem Gymnasium genommen wurden, um durch eigenen Verdienst zum Familieneinkommen beizutragen, wo Schmuck verkauft wurde, damit es genug zu essen gab, dann verstehe ich, daß wir, dank der Tüchtigkeit unserer Mutter, dank der Bescheidenheit beider Eltern privilegiert waren, so daß wir sehr magere Zeiten ohne Einbußen überstanden.
Wenn es nichts Neues zu kaufen gab, wurde das Alte ausgebessert: Das mußte man können und die Arbeit nicht scheuen. Es gab z.B. ein Eisengestell raffinierter Form, mit dessen Hilfe man unter durchgelaufene Sohlen von Schuhen Lederflecke hämmern konnte – keine nassen Füße mehr. Die Fähigkeit unserer Mutter, billige Quellen zu entdecken, war unglaublich: Schuster im dritten Stock eines Hauses hinter dem Rathaus, – wo sich heute eine kleine Parkanlage befindet, denn der ganze Block wurde im Kriege zerbombt – geschickte Näherinnen, nicht Meisterinnen, die hübsche Kleider nach den Vorstellungen der Kunden schneidern konnten, Marktfrauen, die meiner Mutter drei Sträußchen Petersilie gaben, wo andere nur zwei erhielten. Das schien mir, oder uns, so leicht und locker, daß wir nicht wahrnahmen, mit wieviel Energie dies alles erkauft war
Zweierlei aber fehlte im Hause meiner Eltern: Sie »gingen nie aus«, sondern man aß zu Hause, auch bei Familienfesten, und sie führten kein gastfreies Haus. Doch dies muß ich einschränken: Wer immer kam, wurde mit allem Engagement empfangen und betreut, aber von sich aus einzuladen zu Damentees, oder zu geselligen Abendessen, das gab es nicht. Mein Vater pflegte, etwa einmal wöchentlich, »Bundesbrüder« in einer Wirtschaft zu treffen, die es, ebenso wie ihn selbst, von Würzburg nach München verschlagen hatte, meine Mutter lebte in der Familie. Ich bin versucht, zu urteilen, daß meine eigene Neigung, vor allem mit der Familie Umgang zu haben, mich auf sie zu stützen, schon damals in mir angelegt wurde. Wir waren wir, anders als manche andere, die Erwachsenen berieten sich gegenseitig, wir versuchten, unsere Sache richtig zu machen, wie es andere hielten, betraf uns nicht.
Die »Sozialisierung« von Kindern geschah zuhause, der Begriff selbst war damals unnötig. Nur Mütter, die unbedingt zum Lebensunterhalt der Familie beitragen mußten, arbeiteten außer Hause, gaben kleine Kinder in Kindergärten. Frauen, die studiert hatten und einen entsprechenden Beruf ausübten, waren alle ledig. Ich habe keine einzige Mutter von Mitschülerinnen erlebt, die, auch wenn sie studiert hatte, beruflich tätig gewesen wäre. Nur Künstlerinnen, Musikerinnen, machten davon eine Ausnahme. Als ich ein kleines Kind war, hielt man Kindergärten für eine »Keuchhustenstube«. Wir, Walther und ich, wurden als kleine Kinder täglich spazieren geführt, zum Hofgarten nördlich der Residenz ist 's ein Weg von fünf Minuten – für Erwachsene – Dort durfte man freilich nicht ins umzäunte Gras, aber die Blumenbeete, die blühenden Kastanien, den Grottenpavillon in der Mitte sahen wir gerne, wir betrachteten immer wieder auf der Südseite des Eingangstores die im 19, Jh. dargestellten »Heldentaten« der bayrischen Herzöge – Krönungen, Schweppermann und was weiß ich alles, noch lieber sahen wir die Italienbilder von Rottmann, die inzwischen in die Neue Pinakothek gewandert sind. Am liebsten turnten wir auf den Bronzekanonen, die vor dem Armeemuseum standen und zum Teil der Armee Max Emanuels zugeschrieben wurden. Ich brauchte Jahrzehnte, bis ich in Max Emanuel nicht mehr den Kriegshelden sah, sondern den markantesten Ganoven des bayerischen Absolutismus. Wenn man den Seitenwechsel vor Beginn des Spanischen Erbfolgekrieges noch als der Zeit entsprechend empfinden mag, so ist der Erwerb von großen Bildern der niederländischen Schulen – heute für uns kostbare Stücke unserer Gemäldesammlungen –, die erst von Max Emanuels Enkel endlich bezahlt wurden, doch ein starkes Stück. Das zu exerzieren, dazu gehört Talent. Vom Armeemuseum hat sich nur die Kuppel erhalten, so daß die bayerische Staatsregierung – Franz Josef Strauß! – größte Mühe hatte, seine Staatskanzlei unter einer Herrschaftskuppel dort unterzubringen. Der Inhalt des Armeemuseums wanderte nach Ingolstadt, ist dort im »Alten Kasten«, dem mittelalterlichen Herzogsschloß der Ingolstädter Linie der Wittelsbacher untergebracht, der neuere Teil des 1. Weltkrieges in einem alten Festungswerk auf der Südseite der Donau.
Zehn Minuten weiter begann der Englische Garten, mit weiten Rasenflächen, schönen Gruppen von Laubbäumen, verschlungenen Wegen, Lohe für Reitwege, zwei Bachläufen, in unserer Jugend Raum für Spaziergänge mit den kleinen Kindern, Raum für Spaziergänge der Familie an Sonntagnachmittagen, während unserer Gymnasialzeit Sportplatz »am Hirschanger«, wo wir nachmittags auf Sportabzeichen trainierten, mit dem Monopteros auf seinem künstlichen Hügel, wo man gut hätte Schlitten fahren können, was aber verboten war. Eine besondere Erinnerung an den winterlichen Monopteroshügel besaß Reinhold, der seit 1921 nahe dem Englischen Garten, gegenüber der Tierärztlichen Hochschule wohnte. Er hatte bei einem halbjährigen Kuraufenthalt in Partenkirchen mit zehn Jahren den Bauernbuben das Skilaufen abgeschaut und es selbst voll Begeisterung betrieben. Darum zog es ihn zum Hügel des Monopteros, wenn dort Schnee lag. Die Winter waren in den zwanziger Jahren kälter und schneereicher als heute. Zwar konnte er im Schuß glänzend landen, aber der »Aufi«, der Aufseher mit Uniform und Uniformmütze, wollte ihn zur Rede stellen. Reinhold gelang es zuerst, zu entkommen, doch als er aufatmend nahe dem Ausgang des Englischen Gartens stehen blieb, schlich sich der Aufi an, der seine Mütze abgenommen hatte, bezeichnete ihn als »Hurenbankert« und schleppte ihn zu seinen Eltern. Reinholds Eltern waren natürlich viel zu liebevoll und gütig, um ihren Sprößling zu tadeln.
Aber der Englische Garten barg noch mehr. Einen »chinesischen Turm«, ein rührendes chinesisches Mißverständnis, mit einem idealen Platz für einen Biergarten, in unmittelbarer Nähe ein standfestes Kinderkarussel mit künstlerisch geschnitzten Reittieren, auf denen wir selbst, aber auch noch unsere allerersten Kinder reiten durften, weiter nördlich den »Kleinhesseloher See«, ein künstlich angelegtes Gewässer, auf dem man im Winter Schlittschuh laufen , im Sommer rudern konnte. Auch Enten und Schwäne hatten den sehr flachen See gerne angenommen. An seiner Ostseite ein Restaurant, öfter umgebaut, an dessen Tischen im Freien ich gerne als Studentin Bücher las und Briefe schrieb, wo wir die Feier unserer grünen Hochzeit am 14.10.1939, schon im Kriege, aber noch ohne Lebensmittelmarken bei gutem Essen zelebrierten. Der Englische Garten setzte sich, und setzt sich, weit nach Norden fort, wo Walther und ich gerne in der Abenddämmerung radelten, Reinhold und ich unsere allerersten Kinder in einem Doppelkinderwagen spazieren fuhren.
Zu Beginn meines Lebens in München zählte ich 4 Jahre und drei Monate. Ich glaube mich sehr wohl an das Wesen der damaligen Mitglieder der Familie erinnern zu können, wenn mir auch Namen, Aussehen und Art der Hausmädchen und des Kindermädchens, das aus Speyer mitgekommen war und bis 1921 oder länger bei uns blieb, vollkommen aus dem Gedächtnis entschwunden sind. Für uns kleine Kinder war Mutter die wirkliche Bezugsperson.
Mein Vater, damals 50 Jahre alt, war ein Mann, der seine Familienpflichten, wie er sie verstand, sehr ernst nahm. Dazu gehörte zuallererst die gewissenhafte Arbeit als Verwaltungsjurist, womit er die Familie ernährte. Sein zweites Ziel war, seine Kinder zu tüchtigen, christlichen, ernsthaften Menschen zu erziehen, wobei möglichst gute Schulnoten ihm selbstverständlich erschienen. Sie sollten einmal Berufe ergreifen können, die ihnen Freude bereiteten und den Geist beschäftigten, die Höhe des Einkommens schien ihm nebensächlich. Sein privates Interesse, das die Politik einschloß, galt der Geschichte. Das Wort »Männer machen Geschichte« hätte er sicher bejaht. Obwohl er deutschnational dachte – als Franken, in Erlangen geboren, war ihm alles Altbayrische sowieso fremd – galt spaßigerweise Napoleon I. sein besonderes Interesse: Seine Großmutter väterlicherseits, Amélie geb. Beljean, war 1812 (gest. 1886) in Bastia geboren und lebte als alte Dame im Hause des zweiten Sohnes, meines Großvaters. Mein Vater kannte sie also gut. Zudem war mein Vater 101 Jahre jünger, aber 1 Tag älter als Napoleon: 15.8.1769 – 14.8.1870. Mein Vater besaß eine Menge Bücher über Napoleon, lästerte nie über ihn, obwohl es ihm Genugtuung bereitete, daß Deutschland 1813 »aus seiner tiefsten Erniedrigung« auferstanden war. Mein Vater selbst war während des Siebziger Krieges geboren, angeblich ein paar Tage zu früh, weil seine hochschwangere Mama es sich nicht hatte nehmen lassen, lange auf der Straße zu stehen, als die ersten französischen Kriegsgefangenen in Erlangen per Bahn ankamen. Daß damals Kriegsgefangene ordentlich und präzise versorgt wurden, davon konnte ich vor etwa 10 Jahren einen Eindruck gewinnen durch ein Aquarell aus dem Besitze der Witwe des preußischen Königs Friedrich Wilhelms IV., Elisabeth, Schwester König Ludwig I.: Darauf sieht man im Hochsommer 1870 französische Kriegsgefangene, gut ernährt und ordentlich gekleidet, in Ingolstadt an der Festung arbeiten. Freilich war die Zahl der Kriegsgefangenen 1870 leichter beherrschbar als die Zahl der gefangenen Sowjets 1941.
Meinem Vater, dem Erstgeborenen folgte bald eine Schwester Emilie, nach einem Jahrzehnt eine zweite Schwester Alwine. Er besuchte, wohl im Internat, zuerst das humanistische Gymnasium in Augsburg, dann in Nürnberg, und blieb in den Alten Sprachen so perfekt, daß es ihm ein Leichtes war, Kinder und Enkel zu »überhören«, wenn sie Vokabeln oder Grammatik büffelten. Er hatte, 18 Jahre alt beim Regierungsantritt Wilhelms II., große Neigung für eine militärische Karriere, zumindest als Reserveoffizier, doch wurde ihm der Dienst als »Einjährig-Freiwilliger« wohl durch die energische Schwester Emilie verdorben. Zur Infanterie paßte er nicht, dafür galten seine Füße als nicht gut genug – die ihm sein langes Leben lang ausgezeichnete Dienste leisteten – er hätte müssen Kavallerie oder Artillerie wählen, wozu er hätte auf eigene Kosten sich beritten machen müssen. Dies alles weiß ich von meiner Mutter, mein Vater sprach nie darüber. Ein wenig stelle ich es mir vor wie die wunderbare Geschichte von Ludwig Thoma über »Tante Frieda« aus den Lausbubengeschichten, wenn auch nicht so parterre. Emilie war nicht eine hämische, unterdrückte, sondern eine herrische Person, gescheit und nicht ungebildet, so setzte sie sich gegen Bruder und Eltern durch. Doch gegen den genuinen Familiensinn meiner Mutter kam sie nicht auf, die ihr Jahre lang das Haus verbot, weil sie Querschüsse in der Familie nicht duldete. Emilie war als junges Mädchen wohl Gouvernante in St. Petersburg, wovon mir eine ganz fein gearbeitete »Puppe in der Puppe« blieb, und wurde im 1.Weltkrieg als Dolmetscherin für russische Kriegsgefangene beschäftigt. Später gab sie Klavierstunden, aber es scheint mir kennzeichnend, daß sie nie heiratete: Welcher Herr mochte damals eine kluge und herrische Frau?
Mein Vater diente also nicht, behielt aber seine Neigung zu Militär und Uniform bei – während der Monarchie konnte auch ein Beamter Uniform tragen – liebte Marschmusik und hat sich wohl 1914 zum Wehrdienst gemeldet. Doch damals fast 44 Jahre alt, wurde er u.k. gestellt, denn die innere Verwaltung des Königreichs Bayern konnte nicht auf Beamte verzichten, schon gar nicht auf Bezirksamtmänner. Doch die Geschehnisse und der Fortgang des Krieges bewegten meinen Vater sehr, und das »Diktat von Versailles« traf ihn tief. Von den Ereignissen der Revolution in Bayern, lies: in München, hatte er in Speyer nur aus der Presse erfahren. Als er im März 1921 nach München kam, war Kurt Eisner längst tot, die Räterepublik eine »schauderhafte« Episode. Die Bücher, die er damals erwarb, nicht wenige, schilderten diese Zeit aus rechter Sicht, die acht ermordeten Geiseln der »Thulegesellschaft« waren für ihn, und für uns, schlicht unschuldige, unpolitische Opfer. Von Morden durch das Freikorps »Oberland«, z.B. die irrtümliche Tötung von jungen Männern der Kolpinggesellschaft, erfuhr er auf diese Weise nichts. Wie Bildungsbürger in München die kurze Revolution und »Räterepublik« empfanden, das kann man aus dem »Revolutionstagebuch« von Josef Hofmiller entnehmen, einem hochgeschätzten homme de lettres, Gymnasiallehrer am Ludwigsgymnasium (Lehrer meines Bruders Fritz), mit der geistigen Crème Münchens vertraut. Er beschreibt, wie er seiner Milchfrau die Ermordung Eisners schildert, worauf sie antwortet: »Heut früh hab ich ihn noch in mein Gebet eingeschlossen, daß ihn da Teifi holt.«
Mein Vater liebte seine Kinder, war auch stolz auf sie, aber auf eine so distanzierte Weise, wie das in heutigen Familien undenkbar wäre. Ich könnte mich nicht erinnern, jemals auf seinem Schoß gesessen zu haben.
Es war also – dies etwa 8, 9 Jahre vorausgeschickt – nicht verwunderlich, daß ich annahm, Kinder kämen sozusagen durch Parthenogenese zur Welt, ohne aktive Mitwirkung des Vaters. Ich bilde mir ein, mich erinnern zu können, daß meine Mutter sich wand, wenn ich meine spezielle Liebe zu ihr darauf zurückführte, daß ich ja aus ihrem Bauch geschlüpft sei – aber Aufklärung in großstädtischen Bürgerhäusern, wo man keine Kälbchengeburt sah, kein Rind auf dem Weg zum Bullen – das gab es erst, wenn man direkt danach fragte.
Was uns Kindern und speziell mir in unserer Familie geboten wurde an musischen Dingen, alle schönen Dinge, die nicht das Lernen und die Geschichte betrafen, das kam von meiner Mutter: Musik, Lyrik, gute Literatur, Theater, Konzerte, Museen, Ausstellungen, oder, von ihr begonnen, von meinen älteren Geschwistern.
Über meine Mutter so zu schreiben, daß der Leser es glaubt, ist sehr schwer, denn ich habe sie, und ich will ja ehrlich sein, als einen vollkommenen Menschen in Erinnerung, als ein Wesen, von dem andere sagen könnten, das gebe es nicht. Sie besaß lauter gute Eigenschaften und keine einzige schlechte. Zu uns Kindern war sie immer liebevoll, geduldig, hatte immer für uns Zeit, gleich, ob es sich um Arbeit handelte, die wir ihr aufhängten, oder um seelische Probleme. Sie war als »höhere Tochter« erzogen worden, 1876 geboren, sprach gut Französisch als einzige Fremdsprache: Da brauchte man noch, als ich klein war, den Hilferuf: »Pas avant les enfants!«. Sie hatte eine schöne Sopranstimme, zeichnete und malte – eine Zeichnung besitze ich noch –, aber alles, was sie im Leben zu arbeiten hatte, hatte sie sich selbst beigebracht, und auf perfekte Weise. Im 1. Weltkrieg hielt sie außer Hühnern auch Kaninchen, konnte Felle gerben und daraus einen Muff schneidern, denn damals gab es noch nicht wirklich warme Fäustel. Sie hatte sich auch, zum »Überhören« ihrer Söhne so viel Latein beigebracht, daß sie die verschiedenen Deklinationen beherrschte, und als wir heranwuchsen, ging sie mit uns auf Berge, vor denen sie eigentlich Angst hatte, war sie doch im sicheren Unterfranken aufgewachsen.
Meine Mutter entstammte einer Arztfamilie. Ihr Vater, Dr. Eduard Hofmann (1848-1922) war der älteste Sohn eines Lehrers in Unterfranken gewesen, hatte 3 Brüder und 2 Schwestern gehabt. Als ältester Sohn durfte er studieren, was damals Geld kostete, jüngere Söhne mußten sich vielfach mit dem Abitur zufrieden geben, wie auch der Vater unseres Vaters als zweiter Sohn. Eduards Brüder kamen im Forstdienst und im Post- oder Bahnwesen unter. Meine Mutter erzählte öfter von ihrem Vater, den sie sehr geliebt haben muß, wahrscheinlich ohne zu merken, daß er ihr näher stand als ihre Mutter. Von Bubenstreichen hörte ich was – Lehrersöhne, u. U. intelligenter als Bauernbuben, waren in einem Dorf besonders gefährlich – Dinge, die man heute als antisemitisch abtäte: Daß man die Juden des Ortes – in Unterfranken gab es viele Judenghettos – am Ende ihrer schärfsten Fastenzeit so in ihrer Synagoge verrammelte, daß sie, geschwächt, kaum mehr den Ausgang freibekamen; von seiner Jagdleidenschaft, von seiner Fähigkeit, quengelnde Söhne zum Schlafen zu bringen, wenn das Frau und Kindermädchen mißlang, von Kongressen in Berlin – Robert Koch –, von seiner Arbeit als Amtsarzt in Würzburg, wo er mit der Untersuchung der Nutten gut verdiente, denn damals war Lues noch hochgefährlich.
Der Vater meiner Mutter hatte mit 26 Jahren ein 18 jähriges Mädchen, Margarete, aus betuchtem Hause geheiratet, eine Halbwaise, deren Vater, Philipp Schwink, »rechtskundiger Bürgermeister« von Würzburg gewesen war, und mußte als blut-junger Arzt seiner Braut einen Hochzeitsschmuck schenken, der sich noch in meinem Besitz befindet: Eine Diamantenbrosche und passende Ohrringe dazu: sieht sehr prächtig aus, besteht aber nicht aus Brillanten, sondern aus viel ungeschliffeneren Diamanten und aus vergoldetem Silber! Wie ich das merkte, war ich erfreut und amüsiert, denn mein Mann, Reinhold, hatte mir zur Verlobung eine sehr schöne Topasenkette geschenkt – ich schätzte damals Topase sehr – die ebenfalls »nur vergoldet« war. So ging es eben im 19./20. Jahrhundert, wenn ein hoffnungsvoller junger Mann sehr früh heiratete.
Doch der »Großpapa« wurde wohlbestallter Amtsarzt in Würzburg, wie berichtet, und brauchte viel Geld, um seine Söhne, Fritz, geb. 1880, und Toni, geboren 1886, zu unterstützen, den einen als Premierleutnant bei der Artillerie in Würzburg, den anderen als Medizinstudenten. Da blieb für meine Mutter als »Heiratsgut«, 1899, nicht allzu viel übrig. Dies erzählte mir eines Tages ein jüngerer Vetter dieser Familie, Dr. Fritz Schwink. Ich wunderte mich, daß mir davon noch nie etwas zu Ohren gekommen sei. Dr. Schwink darauf: »Ganz Würzburg hat das gewußt, daß Dein Großvater die Schulden seiner Söhne beglich, bloß das Emmele nicht«. Das Emmele war meine Mutter, und es paßte so gut zu ihr, daß sie selbstlos war, nicht an Geld interessiert, und voller Vertrauen zu ihrem Vater.
Meine Großeltern bekamen fünf Kinder nach ihrem Eheschluß von 1874: 1875 eine Tochter, Hermine, die von Anfang an ernsthaft, fast streng gewesen sein soll, ein Jahr darauf meine Mutter Emma, das »Emmele«. Dr. Hofmann soll in den ersten Tagen bei den Honoratioren der Stadt Arnstein verleugnet haben, daß es »wieder eine Tochter« sei. 2 Jahre später wurde ein Söhnchen geboren, das nach 14 Tagen starb. Es scheint, als habe der Tod keine tiefe Wunde in die Familie gerissen, anscheinend rechnete man damals mit dem Frühtod eines Kindes – war die Mutter doch erst 22 Jahre alt! Zwei Jahre drauf wieder ein Sohn, Fritz, der zuerst ein richtiger Lausbub und dann ein sehr charmanter junger Mann gewesen sein soll. Doch 1909, mit 29 Jahren, starb er an Meningitis, kurz bevor er zu einer Generalstabsausbildung hätte kommen sollen. Das traf die Familie schwer, am schwersten seine Mutter, die unendlich stolz auf ihn gewesen war. 5 Jahre später brach der Weltkrieg aus – da scheint meine Großmama ihre Trauer niedergekämpft zu haben. Damals gab es das dumme, aber gerne geglaubte Wort, man werde Leutnant, »um seinen Männern voranzusterben«. Hat nicht Hitler, Jahrzehnte später, einmal dasselbe geäußert?
Der jüngste Sohn, Toni, geb. 1886, überlebte seine Eltern, wenn er auch schon 1944 sterben mußte, nachdem er sich in einem Kriegsgefangenenlager, für das er medizinisch sorgte, eine Infektion zugezogen hatte.
Das Emmele war als Kind lustig und wild – so wild man 1880/85 eben sein durfte – und kam gleichzeitig mit der ein Jahr älteren Schwester Hermine in ein Internat. Die berühmten Internate in der Schweiz standen damals nur Großbürgertöchtern offen, die kleinen Arzttöchter kamen zu Klosterschwestern – Salesianerinnen? – nach Beuerberg, ein in der Säkularisation aufgelöstes und 40 Jahre später wieder eröffnetes Kloster. Dort sprach man nur französisch, aber mit so putziger bayerischer Betonung, daß das Vaterunser, das ich von meiner Mutter lernte, zu Ende ging mit »mais délivre-nous du mal«. Meine Mutter erzählte wenig von Beuerberg, empfand diesen Katholizismus der »ultramontanen« Zeit, eineinhalb Jahrzehnte nach dem 1. Vaticanum mit dem päpstlichen Votum ex cathedra nicht als beengend, blieb ihr Leben lang eine ganz gesetzestreue Katholikin, aber voller Verständnis und Respekt anderen Auffassungen gegenüber, von absoluter Toleranz für ihr fremde Meinungen und Glaubensinhalte. Daß die Briefe, welche die jungen Mädchen nach Hause schrieben, zensiert wurden, paßte in das damalige Untertanenschema. Doch um dem vorzubeugen, hatte die Mutter der Mädchen verabredet, wenn es einer schlecht gehen sollte, sollte sie den ersten Satz mit einem Gedankenstrich abschließen. Hermine fühlte sich nicht wohl, machte einen Gedankenstrich – und die Mutter achtete nicht darauf. So kam es, daß sie 1890, schwer erkrankt, plötzlich von Beuerberg nach Hause geholt werden mußte, natürlich mit der jüngeren Schwester und sicher mit der Bahn – was sonst wäre möglich gewesen? – und daß sie in Würzburg starb. Ihr Vater schwankte in der Beurteilung der Diagnose zwischen »Miliartuberkulose« und Typhus. Aber selbst hier, bei einem fünfzehnjährigen Mädchen, das noch nicht in die Pubertät eingetreten war, könnte ich nicht sagen, der Tod habe die Familie sehr tief getroffen. So, wie unsere Godela durch den Tod ihrer Schwester Turid litt und leidet, so schien meine Mutter nicht durch den Verlust ihrer Schwester getroffen zu sein: Rechnete man damals anders mit dem Hinscheiden junger Menschen? Keineswegs ist es an dem, daß den Eltern der Verlust gleichgültig gewesen wäre, sie nahmen ihre Toten mit, so oft sie umzogen, von Arnstein nach Würzburg, von Würzburg nach Alzenau, wieder zurück nach Würzburg, dann an den Ursprung in Arnstein, wo jetzt alle begraben liegen. Ich glaube, im 19. Jh. gehörte der Tod, auch der plötzliche, weit mehr zum Leben als heute.
Daß meine Mutter als junges Mädchen nur an einer größeren Reise teilnahm, darf man wohl ihren Eltern nicht als Geiz anrechnen: Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts – da reisten nur Leute, die man als »Herrschaften« bezeichnen konnte, natürlich ohne Pässe: Wer reiste, war »wer« von vorneherein. Der Weg führte den Dr. Hofmann mit Frau und Tochter zuerst in die Schweiz. Ich bin fast sicher, daß der erste eindrucksvolle Berg, den die junge Unterfränkin sah, der Säntis war, denn irgendwann den wiederzusehen, bereitete ihr bis zuletzt Freude. Zürich war nicht wichtig, aber der Vierwaldstättersee und der Rigi. Von der Bahn, die von Andermatt aus den Gotthard erklimmt und in Airolo der Tunnelstrecke entkommt, erzählte meine Mutter gerne, wie sie überhaupt Eisenbahntunnelstrecken genoß, was man heute, so viele Jahrzehnte mehr an Bahnen gewöhnt, als langweilige Zumutung empfindet.
