Verlag: epubli Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Autumn - Kaitlin Spencer

Der Tod streckt die Hand nach den Lebenden aus ... Als der heilige Lebensbaum aus dem Schloss von Herbst verschwindet, droht dem Königreich höchste Gefahr. Prinzessin Leavia Autumn, die mit einer düsteren Gabe geboren wurde, zögert nicht lange. Gemeinsam mit dem geheimnisvollen Kerem macht sie sich auf die Reise in das Ferne Land, wo der Tod höchstpersönlich den Baum in seiner Gewalt haben soll. Doch kann sie Kerem wirklich vertrauen? Die Zeit drängt, denn fällt das letzte Blatt des Baumes, ist nicht nur das Königreich Herbst verloren, sondern die ganze Welt. Autumn ist das dritte von vier geplanten Jahreszeitenmärchen. Alle Geschichten sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Meinungen über das E-Book Autumn - Kaitlin Spencer

E-Book-Leseprobe Autumn - Kaitlin Spencer

Kaitlin Spencer

Autumn

Jahreszeiten-Märchen

Für Sabrina Z.

Es war einmal eine Prinzessin,

geboren mit der Gabe, den Tod vorauszusehen.

Zu retten, was gerettet werden muss:

Der Hoffnung winziges Pflänzchen.

Solange der Ahorn noch besitzt

ein goldenes Blatt,

das Königreich Herbst Hoffnung hat.

Fällt herab das letzte Laub,

Herbst wird versinken im ewigen Winter,

hoffnungslos.

Es war einmal…

… vor langer Zeit. Als die Jahreszeitenkönigreiche erschaffen wurden von der Magie der Märchen, begannen die Jahreszeiten und all das Leben darin. Doch eines der Reiche verharrte am Rande der Vergänglichkeit, und so schuf ein mächtiger Magier – berufen von der Magie selbst – ein Geschenk: einen goldenen Ahornbaum der Hoffnung. Diesen Lebensbaum überreichte er dem Königreich Herbst, um es vor dem Untergang zu beschützen, der alle anderen Jahreszeiten mit sich reißen würde in die Vergänglichkeit. So wuchs das Reich. Der Handel blühte und die Menschen waren zufrieden. Das Leben endete nicht in einem langen Schlummer und wurde zum Winter, sondern bestand fort, und so taten es alle Jahreszeiten mit ihm.

Jeden Morgen ging die Sonne auf und jeden Abend machte sie dem Mond Platz. So verging die Zeit. Tag folgte auf Tag, Monat auf Monat, Jahr auf Jahr.

Doch eine Prophezeiung sagte, würde der Ahornbaum mit dem Namen Marnas Dòrchas eines Tages seinen Platz verlassen, würde das Sterben beginnen. Denn nur an dem Ort, an den der Magier ihn vor all der Zeit gesetzt hatte, würde der Lebensbaum gedeihen, als Quelle seiner Lebenskraft, und das Königreich Herbst beschützen.

Nach und nach geriet der Baum in Vergessenheit, nur wenige konnten sich daran erinnern. Und einer von ihnen begann einen fürchterlichen Plan zu schmieden …

Kapitel 1 

Leavia Autumn lief den mit Fackeln beleuchteten Gang der königlichen Burg entlang und versuchte dabei nicht über die Röcke ihres Kleides zu stolpern, die sich ständig um ihre Beine zu wickeln drohten.

Sie war viel zu spät dran, um noch pünktlich zur wöchentlichen königlichen Audienz zu erscheinen, bei der ihr Vater ihre Anwesenheit wünschte. Nein, eigentlich bestand er darauf, dass sie bei diesen Audienzen zugegen war, in denen er sich die Klagen und Beschwerden seiner Bürger anhörte und bei Streitigkeiten und Verbrechen Recht sprach. Er galt als strenger, aber gerechter König, der jedoch Härte walten ließ, wenn er dies für nötig erachtete. Als Vater konnte er unerbittlich sein, sodass sich Leavia gelegentlich wünschte, als Tochter eines anderen Mannes geboren worden zu sein. Aber alles Klagen half nicht. Sie war nun einmal die Prinzessin von Herbst, die sich im Augenblick für den Zorn ihres Vaters über ihr Zuspätkommen wappnete. Unpünktlichkeit wurde nicht toleriert. Dabei konnte Leavia dieses Mal nun wirklich nichts dafür. Ihre Zofe hatte versehentlich das Kleid zerrissen, das sie hatte tragen wollen. Adna blieb damit an einem Haken am Pfosten des Bettes hängen, an dem der Baldachin befestigt war. Als Leavia das Reißen des Stoffes hörte und Adnas entsetztes Gesicht sah, wusste sie, dass dieser Tag nicht gut anfing.

Da der Riss auf die Schnelle nicht zu nähen war, musste ein anderes Kleid her. Doch in aller Eile ein passendes Gewand für die königliche Audienz zu finden, erwies sich als weitaus schwieriger als erwartet. Schließlich entschied sich Leavia für ein dunkelrotes Kleid mit goldener Stickerei, das gut zu ihrem dunklen Haar und den grünen Augen passte. Schnell hatte Adna ihr die Locken noch zu einem losen Knoten im Nacken festgesteckt, als sie auch schon davoneilte. In der ganzen Hektik vergaß Leavia allerdings ihre Handschuhe in ihrem Zimmer, wo sie fein säuberlich auf dem Bett bereitlagen. Unter normalen Umständen wäre sie zurückgelaufen, um sie zu holen, doch da sie bereits viel zu spät dran war und sich nicht noch größeren Ärger mit ihrem Vater einhandeln wollte, beließ sie es dabei. Sie würde diese Audienz wohl ohne sie ertragen müssen.

Als sie hastig den Thronsaal betrat, waren sowohl ihr Vater wie auch die eingeladenen Handelspartner aus verschiedenen Regionen des Königreiches Herbst bereits da. Leavia drückte sich so unauffällig wie möglich hinter den Anwesenden vorbei, immer dicht an der Wand entlang, um zum Thron zu gelangen, auf dem sich ihr Vater bereits niedergelassen hatte. Der mit rotem Samt bezogene Sessel neben ihm war leer, denn ihre Mutter würde heute nicht anwesend sein.

Ihr Platz war wie immer hinter ihrem Vater, und so schlich Leavia mit gesenktem Kopf dorthin.

Während sie unauffällig zwischen Mauer und Anwesenden hindurchhuschte, versteckte sie ihre Hände in den Falten ihres Rockes, um nicht Gefahr zu laufen, jemanden versehentlich zu berühren.

Seit sie ein kleines Kind war und begriffen hatte, was für eine Gabe sie besaß, versuchte sie jeglichen Hautkontakt mit anderen zu vermeiden. Selbst ihre Kinderfrau war dazu angehalten gewesen, sie nicht ohne Handschuhe anzufassen. Wenn jemand diese Anweisung vergaß oder sich gar absichtlich nicht daran hielt, wurde derjenige hart bestraft. Ihr Vater hatte das klägliche Weinen seiner kleinen Tochter nicht ertragen. Nicht weil er Mitgefühl für sie empfunden hätte, sondern weil er sich von ihrem Schluchzen gestört fühlte, das durch den Palast hallte. Besonders bei einer Partie royalem Herbstschach, die er zu gewinnen gedachte. Der König vermied ohnehin meist den Kontakt mit ihr, mit Ausnahme von Veranstaltungen wie diesen oder anderen repräsentativen Anlässen, bei denen ihre Anwesenheit unerlässlich war. Ihr Vater glaubte, dass Audienzen für sie lehrreich seien, was Verhandlungsführung und erhabenes Auftreten anbelangte.

Leavias Mutter hielt sich dagegen meist in ihren Gemächern auf, wo bis auf einer Dienerin und der Zofe Gertrud niemandem der Zutritt gestattet war, es sei denn, sie verlangte ausdrücklich danach.

Als Leavia gelernt hatte, sich klar zu den Dingen zu äußern, und detailliert davon erzählen konnte, was geschah, wenn sie jemanden berührte, hielten die Menschen noch mehr Abstand zu ihr als zuvor. Davor hatten alle um sie herum ihr Weinen und Jammern für die Folge einer blühenden kleinkindlichen Fantasie gehalten.

Sie war vier, als sie das erste Mal zu jemandem sagte, wann dieser sterben würde und welch schmutzige Gedanken er in seinem Kopf beherbergte.

Die Prinzessin war ein einsames Kind gewesen. Meist hatte sie allein in ihren Räumlichkeiten gespielt, gelesen oder musiziert. Manchmal war sie in den Stallungen bei den Pferden zu finden oder wanderte durch die Park- und Gartenanlagen des Schlosses. Tiere oder Pflanzen zu berühren, war nie ein Problem für sie gewesen, auch wenn sie voller Leben steckten. Mit ihnen spürte sie eine tiefe Verbundenheit. Eine Vertrautheit und Zuneigung, die sie Menschen nur schwer entgegenbringen konnte. Tiere waren die einzigen Geschöpfe, deren Tod sie nicht sehen und deren Gedanken sie nicht lesen konnte.

Als der Hofmeister dreimal mit seinem Zeremonienstab auf den Boden klopfte, um die Aufmerksamkeit aller Gäste zu gewinnen, riss er damit auch Leavia aus ihren Gedanken.

»Ihre Majestät König Pren wird nun allen Anliegen Gehör schenken«, verkündete der Seneschall.

Sie atmete tief durch, straffte die Schultern und hob den Kopf, so wie man es sie gelehrt hatte, wie sich eine Prinzessin bei offiziellen Anlässen zu benehmen hatte. Obwohl man ihr alles an höfischer Etikette beibrachte, was es zu lernen gab, war sie im direkten Umgang mit Menschen ungeübt. Da sich die meisten vor ihr und ihrer düsteren Gabe fürchteten, mied man sie. Es bekümmerte sie zwar, doch gleichzeitig verstand sie es auch. Ihr selbst wäre es wohl nicht anders ergangen.

Einzig ihre alte Dienerin Mod, die im vergangenen Winter gestorben war, hatte sich für sie interessiert. Ihr konnte sie erzählen, was sie beschäftigte oder worüber sie sich sorgte. Als es schließlich Zeit für sie war, in den Ruhestand zu gehen, hatte Mod sie gebeten, ihre Hand zu nehmen und den Tod vorauszusagen. Leavia war dankbar, als sie ihr mitteilen konnte, dass sie im Schlaf sterben würde. Die alte Frau hatte sie daraufhin mit Tränen in den Augen in den Arm genommen und ihr gedankt. Es war das erste Mal, dass dies jemand tat.

Sie hatte nur einen wirklichen Freund, den sie hin und wieder im Wald besuchte, wann immer es ihr möglich war, sich ungesehen aus dem Schloss zu schleichen. Sie hatte Ræv gefunden, als er ein kleiner, ausgehungerter Fuchswelpe war. Während einer ihrer Streifzüge in den mauerumgrenzten Parkanlagen des Schlosses, in denen es kleine Haine gab, hatte sie ihn unter einer Buche entdeckt. Seine Mutter war bei einer Treibjagd getötet worden, die vom Wald bis in einen Buchenhain geführt hatte. Etwas, das Leavia verabscheute wie jegliches Töten von Tieren. Ræv war erst ein paar Wochen alt gewesen, als sie ihn fand. Heimlich hatte sie ihn in den Palast geschmuggelt, ihn gefüttert und gehegt, bis er groß genug war, um in die Wildnis des Waldes zurückzukehren. Schwach war er gewesen, als sie auf ihn stieß, doch als Leavia ihn berührt hatte, spürte sie seinen Lebenswillen: stark und ungebrochen. Sie konnte ihn nicht sterben lassen. Niemals. Und so war aus ihnen ein Paar ungleicher Freunde geworden.

Vielleicht konnte sie ihn später besuchen, sobald die Audienz zu Ende war. Wie schön wäre es, mit den Fingern durch sein dichtes, glänzendes Fell zu streichen. Dies wirkte immer sehr beruhigend auf sie.

»Eure Majestät, glaubt Ihr wirklich, dass es der richtige Weg ist, Handelsbeziehungen mit Königreichen zu knüpfen, die weit entfernt von jenen der Jahreszeiten liegen? Sollten wir nicht erst einmal versuchen, unsere Verbindungen zu Frühling, Sommer und Winter zu verbessern, bevor wir einen solchen Weg einschlagen?«, fragte der Minister für Handel aufgebracht und mit sich beinahe überschlagender Stimme.

Auch ohne ihn zu berühren, konnte Leavia seine Gedanken lesen, die ihm förmlich im Gesicht geschrieben standen. Er hatte Angst. Wovor, das konnte sie nur raten. Aber die Vermutung lag nahe, dass er befürchtete, keine so hohen Zahlungen von den entlegenen Königreichen zu bekommen. Dieser Mann war ein kleiner, geldgieriger Wicht, dem die Menschen egal waren, solange er sich nur seinen Wanst vollschlagen und jede Menge Klunker tragen konnte. Jeder sollte sehen, wie reich er war. Seine eigene Großmutter würde er verkaufen, wenn es entsprechenden Gewinn versprach. Das wusste Leavia genau, denn ein einziges Mal war sie unvorsichtig gewesen und hatte den Minister berührt. Dabei las sie seine Gedanken und erkannte den dunklen Teil seiner Krämerseele. Jedoch würde er sich nicht mehr lange an seinem zusammengerafften Reichtum erfreuen können, denn in Kürze würde ihn ein grausamer Tod ereilen. Auch das hatte sie gesehen, als sie ihn berührte.

Dies war der düstere Aspekt ihrer Gabe: Sie sah, wie und wann die Menschen starben, sobald sie in Kontakt mit deren Haut kam. Jedes noch so kleine Detail ihres Todes.

»Die Länder jenseits der Jahreszeiten-Königreiche sind reich an Ressourcen, die wir für uns nutzen können«, erwiderte König Pren mit scharfem Ton. »Zum Wohle von Herbst werden wir uns um Handelsbeziehungen bemühen. Wir produzieren in großem Umfang Wolle und Stoffe, doch wir benötigen Rohstoffe wie Erze, zudem Lebensmittel und Gewürze, die wir selbst nicht produzieren können. Wir sind nur ein kleines Königreich und brauchen die Unterstützung von größeren Reichen.«

»Es sind Barbaren!«, protestierte der Minister. »Ihnen kann man nicht vertrauen.«

»Woher wollt Ihr das wissen? Ihr kennt diese Menschen doch gar nicht!« Die Worte waren Leavias Mund entschlüpft, bevor sie es verhindern konnte. Rasch senkte sie den Blick, konnte spüren, wie alle Anwesenden sie anstarrten. Immerhin hatte sie es gewagt, einem der Minister zu widersprechen, auch wenn dieser gänzlich im Unrecht war. Dennoch war es ihr gutes Recht als Prinzessin, dachte sie trotzig. Lehrte man nicht jede Prinzessin, sich gegen Ungerechtigkeit zu behaupten und sich für andere einzusetzen, als Teil dessen, einmal Königin zu sein und gerecht über das Reich zu herrschen? Also würde sie nun für diese Männer eintreten und sich nicht von dem Minister einschüchtern lassen. So wie man es ihr im Unterricht zum Thema der königlichen Etikette beigebracht hatte.

»Prinzessin, ich kenne den Ruf dieser Menschen«, erklärte der Minister in arrogantem Tonfall und warf ihr ein triumphierendes Lächeln zu, denn es schien ihm Freude zu bereiten, sie vor allen Anwesenden bloßzustellen. »Mehr brauche ich darüber nicht zu wissen. Vielleicht solltet Ihr Euch lieber darum bemühen, ein Tuch mit hübschen Blättern zu besticken, anstatt Euch in Politik einzumischen, von der Ihr als Frau keine Ahnung habt!«

Dieser … Leavia biss verärgert die Zähne zusammen.

»Und Ihr, Minister, scheint zu vergessen, mit wem Ihr sprecht. Hütet besser Eure Zunge, wenn Ihr Euren Kopf auf dem Hals behalten wollt«, drohte der König.

»Natürlich, Majestät.«

Sie konnte den unterwürfigen Tonfall in seiner Stimme hören. Selbstverständlich würde er sich für seine Beleidigung nicht bei ihr entschuldigen. Unter ihren langen Wimpern hervor warf sie dem Mann einen Blick zu. Sie konnte den unzufriedenen Ausdruck in seinem feisten Gesicht sehen. Die Rüge des Königs gefiel ihm wohl nicht. Wütend hatte er die fleischigen Lippen aufeinandergepresst, bis sie einem schmalen Strich glichen. Nie würde sie dem Minister auch nur einen Funken Sympathie entgegenbringen.

Sosehr ihr diese Audienzen auch widerstrebten, sie lernte viel über die Handelsbeziehungen zu anderen Reichen der Jahreszeiten. Eines Tages, in ferner Zukunft, würde sie dieses Wissen gebrauchen können, um Herbst eine gute Königin zu sein. Falls sich ihr Vater dazu entschließen konnte, sie trotz ihrer finsteren Gabe zur Erbin des Thrones zu machen und ihr das Volk anzuvertrauen.

Ihr Blick schweifte aus dem Fenster und über den Platz, der davorlag. Das Schloss von Herbst war auf einer Anhöhe erbaut, über die man von den Zinnen der Türme aus einen Blick bis hinunter zur Ebene des Flusses Nagare und die dahinterliegenden Wälder hatte. Eingebettet war der Palast von Gärten und Parkanlagen, die von einer großen Mauer umgeben waren. Für Leavia war es ein Ort größter Vertrautheit, wenngleich sie sich immer wünschte weite Reisen zu unternehmen und andere Länder zu sehen, wie das eine Mal, als sie noch ein Kind gewesen war. Damals hatte sie das Königreich Sommer bereisen dürfen. Ihr Vater hatte sie zu einem Staatsbesuch mitgenommen. Das war das schönste Erlebnis, an welches sie sich aus ihrer Kindheit erinnern konnte. Besonders die farbenfrohen Regenbogenrosen waren ihr im Gedächtnis geblieben. Zum Glück gab es keine unliebsamen Vorkommnisse während dieser Zeit, denn sie hatte stets ihre Handschuhe getragen und darauf geachtet, niemanden unabsichtlich zu berühren. Sie konnte sich auch noch gut an die Sonne entsinnen, die stets fröhlich vom Himmel gelacht hatte. Alles um sie herum war so lebendig gewesen. Sommerblumen blühten in den herrlichsten Farben, überall summten Insekten und zwitscherten Vögel. Eine Vielfalt an Flora und Fauna, die Leavia bis dahin nicht gekannt hatte. Und die Menschen waren fröhlich und feierten ausgelassene Feste.

Obwohl die Zeit in Sommer wunderschön war, überkam sie doch irgendwann Heimweh nach Herbst. Sehnsucht nach dem frühmorgendlichen Nebel, der vom Fluss heraufzog. Dem bunten Laub, das in der Sonne leuchtete, und den trockenen Blättern, die bei jedem Schritt unter ihren Füßen raschelten. Sie liebte den Herbstregen und die Stürme, die an den Fenstern rüttelten.

Während sie ihren Gedanken nachhing, beobachtete sie die Menschen um sich herum. Viele von ihnen schienen sich nicht für die Audienz zu interessieren, sondern unterhielten sich leise miteinander. Sie waren wohl gekommen, um gesehen zu werden, wie so viele an diesem Hof.

»Wenn es nichts weiter zu besprechen gibt, erkläre ich diese Audienz nun für beendet«, sagte ihr Vater irgendwann und erhob sich von seinem Thron. Bevor noch jemand etwas erwidern konnte, verließ er den Saal durch einen kleinen Seitenausgang, der nur ihm vorbehalten war.

Leavia brach jedoch nicht gleich auf, sondern wartete, bis alle den Thronsaal verlassen hatten. Im Gedränge war die Gefahr zu groß, dass sie jemanden versehentlich berührte, was sie nur allzu gern vermied.

Als alle fort waren, durchquerte sie rasch den Saal, stieß mit Schwung die Tür auf und eilte den Flur hinunter. Dieser Tag hatte eben erst begonnen und es gab einiges, was sie sich zu erledigen vorgenommen hatte. Der Gang lag im Halbdunkel, denn die Sonne stand noch nicht hoch am Himmel und die Lampen von der Nacht waren bereits gelöscht.

Als sie um die nächste Ecke bog, stieß sie mit jemandem zusammen. Eine Hand schoss vor, packte sie an ihrem Arm und verhinderte, dass sie stürzte. Als sie aufschaute, um sich bei ihrem Retter zu bedanken, blickte sie direkt in sturmgraue Augen, die in der Farbe eines unwettergepeitschten Ozeans erstrahlten.

»Es tut mir leid«, murmelte sie verlegen.

»Kann ich Euch loslassen?«, fragte ihr Gegenüber besorgt, und erst jetzt bemerkte sie die Finger, die auf ihrer bloßen Haut lagen. Warm und sanft, dennoch kraftvoll genug, um sie zu halten, sollte sie noch einmal ins Wanken geraten.

Überrascht starrte sie erst auf die Finger und dann den Fremden an, denn sie spürte – nichts.

Sie konnte weder seinen Tod voraussehen noch wahrnehmen, was in seinem Kopf vorging. Keinen einzigen Gedankenfetzen, der von seinem Bewusstsein in das ihre schwappte. Da war nur Leere und Stille. Etwas, das sie noch nie zuvor erlebt hatte, wenn sie mit jemandem Hautkontakt hatte. Absichtlich oder unabsichtlich.

»Geht es Euch gut?«

Benommen schüttelte sie den Kopf. Wie konnte das sein? In ihrem Geist war immer noch nichts, obwohl er hier vor ihr stand und sie nach wie vor berührte; das attraktive Gesicht von schwarzen Locken umrahmt und mit irritierter Miene.

Sie räusperte sich und zwang sich dazu, ihre Fassung wiederzuerlangen.

»Ich bitte um Verzeihung«, entschuldigte sie sich erneut. »Ich habe nicht darauf geachtet, wohin ich gehe.«

»Es ist nichts weiter passiert«, erwiderte der Fremde und nahm langsam seine Hand fort. Leavia wünschte, er möge es nicht tun, um dieses ungewohnte Gefühl der Ahnungslosigkeit noch einen Moment länger zu genießen.

»Ich danke Euch …«

»Kerem«, sagte er. »Mein Name ist Kerem.«

»Leavia Autumn.«

»Ich weiß, Prinzessin.«

»Oh« war alles, was sie herausbrachte.

»Wenn Ihr erlaubt, werde ich nun meiner Wege gehen.« Er verneigte sich leicht vor ihr. »Es war mir eine Freude.«

»Natürlich. Die Freude lag auf meiner Seite.« Sie trat einen Schritt zur Seite, ließ ihn passieren und blickte ihm nachdenklich hinterher, bis er am Ende des Ganges um die Ecke bog und aus ihrem Sichtfeld verschwand. Erst dann setzte auch sie ihren Weg fort.

Wer war dieser junge Mann mit den faszinierenden grauen Augen? Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Und warum war er für sie so leer wie ein unbeschriebenes Blatt? So etwas war noch nie zuvor geschehen. Das war so unerwartet, dass sie erst einmal Zeit brauchte, um darüber nachzudenken. Wo könnte sie es besser als in der Krypta, die unterhalb des Thronsaals lag. Dort war ihre Zuflucht. Niemand würde sie an diesem Ort suchen, denn kaum jemand verirrte sich dorthin. Dem Platz, an dem die kostbarste Reliquie von Herbst aufbewahrt wurde: Marnas Dòrchas – der goldene Ahornbaum. In den Schriften wurde er auch Lebensbaum oder Hoffnungsbaum genannt. Vor langer Zeit hatte ein Magier ihn dem Königreich Herbst geschenkt, um es zu beschützen. Leavia war oft dort unten, nicht nur wenn sie einsam oder traurig war. Bei dem Ahorn zu sein, gab ihr Kraft. Es half ihr, sich zu fokussieren. Und nach der Begegnung mit Kerem brauchte sie das besonders, bevor sie sich an die Erledigung der Dinge machte, die sie sich für diesen Tag vorgenommen hatte.

Langsam schob Leavia die schwere Eichentür zu einem unterirdischen Gewölbe auf, das von mehreren Petroleumlampen in warmes Licht getaucht wurde. Die goldenen Mosaiksteinchen an den Wänden waren zu großen Ahornblättern angeordnet.

Immer wenn sie hierherkam, wurde sie von tiefer Ehrfurcht und einem Gefühl von wahrem Frieden erfüllt. Sie trat näher an den Sockel in der Mitte des Gewölbes, auf dem eine gläserne Glocke aus Kristall stand, die den goldenen Ahornbaum wie eine schützende Kuppel umgab. Tageslicht wurde durch ein Oberlicht mit Spiegeln direkt auf den Baum gelenkt. Es ging ein warmer Schimmer von ihm aus. Schon als Kind war sie gerne hierhergekommen. Hier war die Hoffnung zu Hause. Denn das war es, was dieser Baum für Herbst bedeutete, so klein er auch war: Hoffnung.

Solange es ihn gab, würde es dem Königreich gut gehen. Herbst existierte am Rande der Vergänglichkeit, da es die Jahreszeit war, in der sich die Natur langsam auf den Schlaf des Winters vorbereitete. Marnas Dòrchas verhinderte, dass das Reich in ewigem Winter versank, aus dem es nie mehr erwachen würde. Ein fortwährender tiefer Schlummer. Herbst würde vergehen und mit dem Königreich Winter verschmelzen. Dies würde ein Ungleichgewicht erzeugen, das die Königreiche der Jahreszeiten in größte Gefahr brächte. Jedes einzelne von ihnen.

Die meisten hielten den Lebensbaum nur noch für eine Legende, denn kaum ein Mensch wusste von der Krypta und dem Schatz, der dort im Verborgenen aufbewahrt wurde.

Leavia trat noch näher, und der sanfte Schein erhellte ihr Gesicht. Natürlich würde sie hier keine Antworten auf ihre Fragen erhalten, die sie sich nach dieser unerwarteten Begegnung mit Kerem stellte, doch dafür eine Zeit lang Frieden und Hoffnung finden.

Kapitel 2 

Die streitenden Stimmen waren schon von Weitem zu hören, als Leavia den Korridor im Westflügel des Schlosses entlangging. Sie war auf dem Weg zur Anprobe eines neuen Ballkleides für die Feierlichkeiten anlässlich des Krönungsjubiläums ihres Vaters, das in wenigen Wochen stattfinden sollte. Auf dem Weg zur Schneiderin kam sie am Arbeitszimmer des Königs vorbei. Zu ihrer Überraschung stand die Tür offen, was für gewöhnlich nicht der Fall war, denn ihr Vater achtete sorgsam darauf, sie geschlossen zu halten. Der Disput, den sie vernahm, schien ernsthafter Natur zu sein, und so konnte sie nicht anders, als stehen zu bleiben und einen Blick in den Raum zu werfen. Der König saß hinter seinem mächtigen Schreibtisch, der auf einer niedrigen Empore stand, und starrte die Männer vor ihm zornig an. Seiner Miene nach zu urteilen war er voller Wut. Der Minister für Handel war ebenfalls anwesend und schwang gerade eine Rede über die mangelnde Vertrauenswürdigkeit der Länder jenseits der Königreiche der Jahreszeiten.

Neben ihm stand ein Mann in dunkler Kleidung, den Leavia noch nie zuvor gesehen hatte. Sein Haar war mit grauen Strähnen durchzogen und seine Haltung aufrecht wie die eines Soldaten. Die Hände hatte er hinter dem Rücken verschränkt und seine Kiefer fest aufeinandergepresst, als müsse er sich beherrschen, den Minister nicht am Hals zu packen und zu erwürgen.

»Legat Horan, Ihr müsst einsehen, dass wir keine Verträge mit irgendwelchen Dahergelaufenen schließen werden«, sagte der Minister gerade in abfälligem Ton, als ihr Vater aufblickte und sie entdeckte.