Spring - Kaitlin Spencer - E-Book
Beschreibung

Einst legte die böse Zauberin Thyria einen Fluch über das Land … Als Prinzessin Blossom vom Königreich Frühling erfährt, dass ein mysteriöses Pflanzensterben das Land und seine Menschen bedroht, macht sie sich gegen alle Widerstände auf den Weg, um Rettung zu finden. Einzig begleitet von Sir Cajus, der ihr unerwartet bei ihrer Suche zur Seite steht. Diese Reise verlangt Blossom mehr ab, als sie hätte ahnen können. Ist sie bereit, ihr Leben zu geben, um Frühling zu retten? Spring ist das zweite von vier geplanten Jahreszeiten-Märchen. Alle Bände sind in sich abgeschlossen und können getrennt voneinander gelesen werden.

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Seitenzahl:211

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Sammlungen



Sterben soll, was blüht und lebt.

Verdorren, was grün und saftig.

Schmerz wird folgen diesem Zauber,

Leid und Tod.

Verbannt soll sein das Leben aus dem

Königreich Frühling.

Fluch von Thyria, böse Zauberin

Es war einmal vor langer Zeit im Königreich Frühling …

Es fiel ihr schwer, die Augen zu öffnen, so als hätte jemand ihre Lider mit Blei beschwert. Sie versuchte zu blinzeln, doch es gelang ihr nur mit großer Mühe.

Bewegte sich der Boden unter ihr?

Schließlich schaffte sie es, die Augen aufzuschlagen. Es dauerte einen Moment, bis sie im Dämmerlicht klar sehen konnte, und noch einen weiteren, um sich etwas aufzurichten. Der Schwindel und das Dröhnen in ihrem Kopf waren beinahe unerträglich.

Wo war sie? Ihre Finger strichen über raues Holz, und sie blickte nach unten. Schiffsplanken? War sie an Bord eines Schiffes? Das würde das Schwanken und Schlingern erklären. Sie schaute sich um. Tatsächlich, sie befand sich im Lagerraum eines Schiffes. In einer Ecke waren schwere Eichenfässer aufeinandergestapelt sowie einige Truhen und Kisten. Dem Schwanken nach zu urteilen, waren sie auf hoher See, deren Wogen das Schiff auf und ab bewegten. Sie hob den Blick. Die Einstiegsluke über ihr ließ das spärliche Licht herein, das den Raum kaum zu erhellen vermochte, sodass alles im Halbschatten lag. Die Luke war mit einem eisernen Gitter versperrt, und eine Leiter war nirgends zu entdecken. War sie etwa eine Gefangene? Sie fühlte das Reiben von Fesseln an der zarten Haut ihrer Handgelenke. Rasch sah sie hinab auf ihre Unterarme und versuchte sich zu befreien. Doch je mehr sie daran zerrte, desto enger schienen sich die Schnüre um ihre Gelenke zu schlingen. Dann entdeckte sie das leichte Schimmern eines Zaubers, der mit den Fesseln verwoben war. Erneut schaute sie zur Luke hinauf. Auch dort sah sie den Schein, der von der Magie ausging, welcher in das Eisen der Gitter eingebracht worden war. Der Bann war stark und dicht gewoben. Von hier würde sie ohne Hilfe nicht entkommen.

Wie war sie hierhergelangt? Wer war dafür verantwortlich und hatte sie entführt? Das Erinnern fiel ihr schwer. Sie hatte nur einen seltsamen Schwindel gespürt, nachdem sie von dem Wein getrunken hatte, der ihr angeboten worden war, und wenige Wimpernschläge später war es schwarz um sie geworden. Erst hier war sie wieder zu sich gekommen.

Erneut sah sie sich um. Nicht weit von ihr entfernt lag ein mit Wachs gesiegelter Brief auf einer Truhe. Ihr Name, Thyria, stand in schwarzer Tinte darauf geschrieben. Mühsam erhob sie sich auf unsicheren Beinen und ging schwankend hinüber. Jeder ihrer Schritte ein Kampf um ihre Balance und gegen ein dumpfes Gefühl von Übelkeit. Thyria hatte bereits ihre aneinandergefesselten Hände nach dem Brief ausgestreckt, zögerte dann jedoch, danach zu greifen. Was mochte darin zu lesen sein? Der Grund, warum sie hier war? Warum sie eine Gefangene war? Ihre Situation verhieß nichts Gutes, und so fiel es ihr schwer zu glauben, dass dieses Schreiben eine erfreuliche Botschaft enthielt.

Ein weiteres Mal streckte sie die Hände aus und ergriff den Brief. Furchtsam brach sie das Siegel und entfaltete das Papier.

Zauberin Thyria,

nach königlichem Willen seid Ihr auf Lebzeiten aus Frühling verbannt.

Eine Rückkehr ist Euch untersagt.

Kehrt Ihr dennoch zurück, wird man Euch finden, richten und mit dem

Tode bestrafen.

Thyria ließ das Pergament sinken, das die Unterschrift des Königs von Frühling trug, dem Bruder des Mannes, den sie liebte.

Sie ließ den Kopf hängen, und Strähnen verfilzten blonden Haares fielen ihr ins Gesicht. Tränen quollen unter ihren Lidern hervor.

Verrat! Sie war verraten worden von dem Menschen, dem sie ihr Herz geschenkt hatte. Er hatte nichts Besseres damit anzufangen gewusst, als es in tausend Stücke zu zerfetzen und höhnisch über sie zu lachen. Er, der ihr Zuneigung geheuchelt hatte, ja, sogar geschworen hatte, er würde sie lieben, als er ihre Dienste benötigte, um mithilfe ihrer Magie Frühlings Feinde zu besiegen. Doch das war eine Lüge gewesen, denn er wollte sich ihrer versichern. Er wusste, dass sie blind alles für ihn tun würde. Und blind war sie gewesen. Es war ihm nie um den Schutz des Königreiches gegangen. Das wusste sie jetzt. Ruhm und Macht war alles, was er begehrte. Und sie war nur Mittel zum Zweck gewesen. Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen: Der Prinz von Frühling war darin gescheitert, den Thron an sich zu reißen, nach dem es ihn mehr als nach allem anderen verlangte, und sie bezahlte nun den Preis dafür.

Jetzt, da er sie nicht mehr brauchte, schickte er sie fort. Gesiegelt mit der Unterschrift seines Bruders unter dem Urteil. Ob der König überhaupt wusste, was er da signiert hatte? Thyria bezweifelte es. Er war, wie sie, nichts anderes als ein Werkzeug seines intriganten Bruders.

Tiefer, unbändiger Durst nach Rache erwachte quälend in Thyria. Heiß und rasend. Brennend.

Eines Tages würde sie zurückkehren und bittere Vergeltung üben. Diesen Eid leistete sie im Namen der Magie, die ihr als Zauberin innewohnte.

Eines Tages würde sie zurückkehren und ganz Frühling bezahlen lassen, für das, was man ihr angetan hatte.

Kapitel 1 

»Bei den Göttern und allem, was heilig ist!«

Prinzessin Blossom zuckte bei der strengen, hohen Stimme ihrer Anstandsdame zusammen. Sie verdrehte die Augen und ließ sich Zeit, bevor sie sich zu Lady Agatha umwandte.

»Ihr solltet Euch schämen«, schimpfte diese weiter. »Seht Euch an: Ihr seid voller Dreck! Wie oft habe ich Euch gesagt, dass es sich für eine junge Dame von Adel – noch dazu seid Ihr die Prinzessin dieses Reiches – nicht ziemt, im Schmutz zu wühlen. Und dann auch noch in diesen obszönen Hosen, die Ihr dabei immer tragt. Ihr solltet Euch schämen!«

»Ich pflanze lediglich ein paar Blumen«, erwiderte sie, darum bemüht, ruhig und gelassen zu bleiben, auch wenn sie dieser selbstgefälligen Schnepfe mit dem Krähennest aus hochtoupierten Haaren auf dem Kopf am liebsten eine Handvoll Erde ins Gesicht geworfen hätte. Ihre Finger jedenfalls hatten sich bereits um einen Klumpen davon geschlossen.

»In wenigen Stunden trifft eine Delegation aus Tulpenland für wichtige Verhandlungen ein. Sie werden an einer Audienz Eures Vaters teilnehmen, um offiziell begrüßt zu werden. Und was macht Ihr, anstatt Euch angemessen herrichten zu lassen? Ihr pflanzt … was … Gänseblümchen?« Das letzte Wort spie sie förmlich aus. »Begebt Euch unverzüglich in Eure Gemächer. Ich schicke Euch Eure Zofe, damit Euch diese wenigstens halbwegs präsentabel herrichten kann. Immerhin nehmt Ihr an dem Empfang und dem anschließenden Diner teil. So jedenfalls könnt Ihr dort nicht erscheinen.«

Aus Trotz führte Blossom die Arbeit zu Ende, die sie begonnen hatte. Dann erst stand sie auf und klopfte sich die Erde von der Kleidung. Ihre kleine Schaufel reichte sie an den Gärtnersgehilfen weiter, der in ihrer Nähe stand und sich möglichst unsichtbar zu machen versuchte.

»Danke«, sagte sie zu ihm und schenkte ihm ein freundliches Lächeln, das er mit einem schiefen Grinsen und einem Seitenblick auf Lady Agatha erwiderte.

»Hört auf, mit der Dienerschaft zu fraternisieren, und sputet Euch!«

Keiner im ganzen Königreich Frühling wollte etwas mit der Lady zu tun haben, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Sie war eine Furie, die an nichts und niemandem ein gutes Haar ließ. Selbst Kindern, die nicht brav waren, drohte man an, Lady Agatha zu holen, wenn sie nicht endlich gehorchten. Meistens half das.

Zu Blossoms Leidwesen hielt ihr Vater jedoch große Stücke auf sie und zwang damit seine Tochter zu vielen unglücklichen Stunden in Gesellschaft dieser Frau, die Haare auf den Zähnen und einen schwarzen Fleck auf der Seele hatte. Dessen war sich Blossom sicher. Natürlich versuchte die Prinzessin alles nur Erdenkliche, um dem Drachen zu entgehen, doch Lady Agatha schien ein untrügliches Talent dafür zu besitzen, sie überall aufzuspüren.

»Husch, husch«, befahl sie und scheuchte Blossom in Richtung Palast.

Den ganzen Weg zurück musste sie sich Lady Agathas Tiraden anhören. Am liebsten hätte sie sich die Ohren zugehalten, doch das hätte zu noch mehr Vorträgen über Anstand geführt. Also versuchte Blossom, das Beste daraus zu machen und ihre Begleitung zu ignorieren.

Der Gedanke an den späteren Empfang stimmte Blossom nicht gerade fröhlicher. Im Gegenteil. Sie verzog missmutig das Gesicht. Das steife Herumstehen und das belanglose Geplauder waren einfach nichts für sie. Zumal es ihr nicht wirklich erlaubt war, etwas Sinnvolles zu einem Gespräch beizutragen.

»Wirklich, Lady Agatha, Ihr braucht mich nicht zu begleiten. Ich finde den Weg in mein Zimmer durchaus allein.« Es fiel Blossom schwer, ruhig und beherrscht zu klingen, während sie sich gleichzeitig über diese aufdringliche Person ärgerte.

»Oh nein, Prinzessin, so leicht kommt Ihr mir nicht davon. Ich werde dafür sorgen, dass Ihr ohne weitere Verzögerung Eure Gemächer aufsucht. Täte ich dies nicht, bin ich sicher, Euch würde nichts Besseres in den Sinn kommen, als einen Abstecher in die Bibliothek oder zurück in den Garten zu unternehmen.« Sie schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Beeilt euch besser.«

Blossom knirschte mit den Zähnen und versuchte ihre aufsteigende Wut niederzukämpfen, damit ihr Temperament, das sich grummelnd meldete, sie nicht in Teufels Küche brachte.

Ganz unrecht hatte Lady Agatha allerdings nicht. Sie kannte ihre Pflichten als Prinzessin, doch viel lieber las sie oder verbrachte möglichst viel Zeit im Garten. Manchmal fand man sie auf dem Bogenschießplatz bei den Schützen ihres Vaters, mit denen sie übte und sich mit ihnen maß.

Im Augenblick blieb ihr jedoch nichts anderes übrig, als sich zu fügen und von ihrer Anstandsdame zu ihren Gemächern eskortiert zu werden.

Dort angekommen schlug Blossom Lady Agatha die Tür vor der Nase zu, bevor diese nur ein weiteres Wort hervorbringen konnte.

Tief durchatmend lehnte sich Blossom von innen gegen die Tür. Verflixt, die Aussicht auf eine Audienz war nicht wirklich verlockend. Sicher würde gleich ihre Zofe erscheinen, um sie für diesen ganzen Zirkus herzurichten. Allein bei dem Gedanken ans Frisieren verzog sie das Gesicht. Dieses Ziepen und Zerren hasste sie. Was war an einem einfachen geflochtenen Zopf auszusetzen?

Sie stieß sich von der Tür ab, ging zu ihrem Bett hinüber und ließ sich darauf fallen. Nur ein paar Minuten Ruhe, bevor sie wieder Prinzessin sein musste. Mehr wollte sie nicht. Allerdings hatte sie die Rechnung ohne ihre Zofe gemacht, die nur einen Augenblick später hereinschneite, beladen mit einem Tablett voller Tiegel und Fläschchen. Das verhieß nichts Gutes.

Ihre Zofe war eine ältere Frau mit mürrischem Blick, die kaum etwas sagte, und wenn doch, dann waren es kurze Befehle, die sie bellte, oder unverständliches Gemurmel. Sie war nicht gerade zimperlich, wenn sie einen Kamm durch Blossoms lange, hellbraune Locken zog. Stieß sie dabei auf einen Knoten, zerrte und riss sie so lange daran, bis die Zinken problemlos weitergleiten konnten. Als Kind hatte sie diese Frau geradezu inbrünstig gehasst.

»Hilda, du bist wohl gekommen, um mich zu quälen«, sagte Blossom und gab sich nicht einmal die Mühe, zu lächeln oder ihre Stimme weniger genervt klingen zu lassen. Wozu auch?

Wieso hatte das Schicksal sie mit den zwei mürrischsten Frauen von ganz Frühling gestraft? Dabei waren die Bewohner dieses Königreiches fröhliche und liebenswerte Menschen, die gerne Feste feierten. Lady Agatha und Hilda schienen allerdings Ausnahmen zu sein. Es war, als hätten sie nichts von der Leichtigkeit und Beschwingtheit des Volkes mitbekommen. Eine solche Verbitterung und Gefühlskälte würde man eher den Menschen im Königreich Winter zusprechen; einem Land, in dem die meiste Zeit während des Winterhalbjahres Dämmerung herrschte und alles unter Schnee begraben lag.

Seufzend erhob sie sich von ihrem Bett und ging hinüber zum Frisiertisch, wo ihre Zofe sie bereits mit vor der Brust verschränkten Armen erwartete. Kaum hatte Blossom auf dem mit Samt bezogenen Hocker Platz genommen, begann die unerträgliche Prozedur. Jeglicher Protest würde nicht helfen, also sparte sie sich den Atem.

Eine Stunde später stand Blossom neben dem Thron ihres Vaters und zupfte missmutig am Mieder ihres Kleides herum. Warum mussten diese vermaledeiten Dinger immer so verdammt eng geschnürt sein, dass einem die Luft wegblieb?

Bisher hatten sich erst wenige Personen im Thronsaal versammelt, um bei der Audienz anwesend zu sein. Ihr Vater, König Brenin von Frühling, war ebenfalls noch nicht da. Er würde sich erst zeigen, wenn alle Delegierten aus Tulpenland eingetroffen waren. Blossom stattdessen sollte sich bereits vor allen anderen einfinden, aus welchem Grund auch immer. Ihr Vater schwieg sich darüber aus.

Als Prinzessin wusste sie so ziemlich alles über Tulpenland, was es zu wissen gab, wenngleich sie noch niemals dort gewesen war. Das Gebiet reichte von der Küste, wo es im Süden an das Königreich Sommer grenzte, bis weit ins Landesinnere, bis zum Fürstentum Glockenblume. Wie herrlich es doch wäre, durch die Fürstentümer von Frühling zu reisen. Ihr Vater erlaubte es ihr jedoch nicht. Schon gelegentliche Ausritte waren ihr nur möglich, wenn sie sich davonschlich und sich unbemerkt eines der königlichen Pferde satteln konnte, bevor sie erwischt wurde. Der alte Stallmeister Hagen drückte schon mal das eine oder andere Auge zu, wenn er sie dabei ertappte. Er tat einfach so, als hätte er sie nicht bemerkt. Dafür war sie ihm dankbar und zauste ihm gelegentlich neckisch seinen wilden Bart.

Wenn sie ritt, dann gab es nur Freiheit, und sie konnte für eine Weile ihre Pflichten als Prinzessin einfach hinter sich lassen. Ihr Vater war streng und ließ sich selten erweichen. Seit Blossoms Mutter bei einem Kutschunfall ums Leben gekommen war, war die Sorge um seine einzige Tochter so groß, dass sie kaum noch Luft zum Atmen bekam. Wie oft sie sich in ihrem Leben schon wie ein Vogel im goldenen Käfig gefühlt hatte, konnte sie nicht sagen. Unzählige Male.

Blossom entsann sich nur schemenhaft an ihre Mutter. Es waren vage Bilder in ihrem Kopf. Und da war die Erinnerung an eine wunderschöne Stimme, die ihr ein Schlaflied sang. Arme, die sie liebevoll umschlossen hielten.

Die Liebe ihrer Eltern war stark und tief gewesen. Nach dem Tod seiner Königin fand ihr Vater nur schwer und langsam zurück ins Leben. Seither achtete König Brenin mit Argusaugen über sie und missbilligte beinahe alle Aktivitäten, die seine Tochter unternahm.

Blossom hob den Kopf, als die Doppeltür zum Thronsaal geöffnet wurde, die aus schwerer Eiche aus dem Königreich Herbst bestand und von Blütenschnitzereien geziert wurde. Rasch hörte Blossom auf, an ihrem Kleid zu zupfen, straffte die Schultern und verschränkte die Hände sittsam ineinander.

Eine Gruppe bunt gekleideter Menschen kam herein. Augenscheinlich die Delegierten aus Tulpenland. Kräftiges Orange, sonniges Gelb und leuchtendes Rot dominierten ihre Kleidung. Es waren die fröhlichen Nuancen der Tulpen, für die das Land bekannt war.

Blossom musste schmunzeln. Tulpenländer neigten ein wenig zur Übertreibung, wenngleich auf eine charmante Art, die sie sehr mochte. Ihr Vater dagegen vermied es möglichst, mit Vertretern dieses Fürstentums zu sprechen, da er sie für unter seiner Würde hielt. Bedauerlicherweise. Natürlich würde er dies niemals öffentlich zugeben. Blossom hatte vor einiger Zeit gehört, wie er etwas in dieser Art gegenüber Lady Agatha geäußert hatte, die ihm natürlich zustimmte, wie bei allem, was der König sagte.

Die Delegierten wurden von einer Gruppe von Soldaten und Rittern begleitet. Nicht allein zum Schutz, sondern ebenso sehr als Statussymbol, um Eindruck am Königshof zu schinden. Es wurde als angemessen empfunden, möglichst viel von den Ressourcen zu zeigen, über die man verfügte.

Am liebsten hätte Blossom die Abgesandten begrüßt, doch es war ihr nicht erlaubt, bevor ihr Vater anwesend war. Sie schenkte ihnen aber ein Willkommenslächeln.

Sie ließ den Blick über die Gruppe gleiten. Wie gerne hätte sie sich unter die Soldaten gemischt und sich mit den Rittern über Kampftechniken und Bogenschießen unterhalten. Lady Agatha würde dies jedoch eindeutig missbilligen und ihr Vater noch viel mehr. Zur Strafe müsste sie womöglich hundert Seiten aus dem Buch über Etikette abschreiben, bis ihre Finger bluteten. Als wäre sie noch ein kleines Mädchen und nicht die zukünftige Königin von Frühling.

Der Zeremonienmeister war eingetreten, pochte dreimal mit seinem ziselierten Stab auf den Boden und verkündete mit lauter Stimme: »Seine Majestät König Brenin.«

Die hohen Türen zum Thronsaal wurden von zwei Dienern in gelber Livree geöffnet. Fanfaren ertönten aus dem Nichts und begleiteten den Einzug ihres Vaters, der hoheitsvoll, mit hoch erhobenem Haupt und mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, den Saal entlangschritt. Links und rechts sanken die Herren in tiefe Verbeugungen und die anwesenden Damen in Knickse. Blossom war dieses ganze Spektakel zuwider. Ihr Vater dagegen zelebrierte es geradezu. Am liebsten hätte sie mit den Augen gerollt oder gelangweilt ihre Fingernägel betrachtet, doch sie ließ es sein und versuchte sich von ihrer besten Seite zu zeigen.

Als ihr Vater auf seinem mit Blattgold und Edelsteinen verzierten Thron Platz genommen hatte, stellte sich Blossom rechts hinter ihn und ließ den Blick über die Anwesenden gleiten. Faszinierend, wie andächtig die Menschen ihren König anschauten. Ehrfürchtig und erwartungsvoll. Bis auf einen. Einer der Ritter der Tulpenländer schaute stattdessen sie an, die Augenbrauen leicht zusammengezogen, als würde ihm etwas an ihr missfallen. Sie sah an sich hinab und entdeckte dreckverschmierte Schuhspitzen, die unter ihrem Kleid hervorschauten. Verdammt, sie trug noch immer ihre schmutzverkrusteten Schuhe, die sie zur Gartenarbeit angezogen hatte, anstatt ihre bestickten und dem Anlass angemessenen Pantoffeln. Sie hatte ganz einfach nicht daran gedacht.

Rasch machte sie einen Schritt nach links, sodass ihre Füße hinter dem Thron verschwanden, was ihr eine hochgezogene Braue des Ritters eintrug. Blossom spürte, wie ihr vor Verlegenheit das Blut in die Wangen schoss. Rasch senkte sie den Kopf, in der Hoffnung, dass niemand ihr Erröten bemerkte.

»König Brenin ist nun bereit, Euer Anliegen zu vernehmen«, verkündete der Zeremonienmeister und ließ seinen Stab erneut auf den Marmorboden knallen, um die Aufmerksamkeit aller zu erlangen. »Tretet vor, Sir Púrén, und sprecht nun.«

Ein älterer Herr mit weißem Bart, der in ein rotes Gewand gekleidet war, löste sich von der Gruppe der Abgesandten und trat vor. Elegant verneigte er sich vor seinem Herrscher, ehe er sich wieder aufrichtete. Den Blick hielt er zu Ehren des Königs jedoch weiterhin gesenkt.

»Eure Majestät«, begann er, »wir sind den weiten Weg aus Tulpenland gekommen, um Eure Hilfe zu erbitten.«

»Mir wurde zugetragen, es ginge um Handelsvereinbarungen und nicht um ein Bittgesuch«, erwiderte der König, und Strenge schlich sich in seine Stimme.

»Im weitesten Sinne«, sagte Sir Púrén ausweichend.

»Und im wahren Sinne?«

»Unser Land stirbt«, stieß der Mann hervor.

»Es stirbt?«, entfuhr es der überraschten Blossom, was ihr einen tadelnden Blick ihres Vaters einbrachte.

»Sagt, was meint Ihr damit?«, verlangte König Brenin zu wissen.

»Alle Pflanzen verdorren. Bäume verlieren ihr Laub, als würden sie sich auf eine Winterruhe einstellen, die es bei uns nicht gibt. Äste brechen wie trockenes Reisig. Wir tun alles, was wir können, doch nichts hilft. Es ist, als läge ein Fluch auf Tulpenland.« Sir Púrén schien mit einem Mal um ein weiteres Jahrzehnt gealtert zu sein. Blossom konnte die tiefe Sorge um sein Land in seinem Gesicht ablesen und empfand tiefes Mitgefühl für ihn und sein ganzes Fürstentum.

»Dann scheint Ihr nicht genug zu tun«, tadelte ihr Vater.

»Eure Majestät …«

»Ich will kein Jammern hören, sondern wissen, was Ihr zu tun gedenkt!«

Erschrocken über den Jähzorn des Königs, wich der Abgesandte zurück.

»Es gibt nichts, was wir noch tun könnten«, erwiderte er furchtsam. »Alles, was in unserer Macht steht, haben wir versucht. Selbst unsere Magier wissen nicht weiter. Deshalb kamen wir hierher, um Eure Hilfe zu erbitten.«

»Wo ist der Souverän von Tulpenland?«, wollte König Brenin wissen.

»Unser Regent ist verhindert und versucht seinen Untertanen in dieser dunklen Stunde beizustehen, so gut er nur kann«, verteidigte Sir Púrén seinen Fürsten.

»Da Ihr mir nicht bieten könnt, was Ihr vorgegeben habt, als Ihr um eine Anhörung batet, erkläre ich diese Audienz für beendet.«

»Aber, Eure Majestät …«

»Ich sagte: Die Audienz ist beendet.«

»Ihr spracht von einem Fluch, Sir Púrén.« Rasch trat Blossom vor. »Was meintet Ihr damit?«

»Blossom …«, setzte ihr Vater an, sie zu rügen, doch sie ignorierte ihn und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Abgesandten.

»Das ist wahr, das tat ich.« Der alte Mann warf ihr einen dankbaren Blick zu. Wie hätte er wissen sollen, dass die Prinzessin sich bereits innerlich für eine Strafpredigt wappnete, die ihr Vater ihr mit Sicherheit erteilen würde, sobald sie allein waren?

»Bitte, erzählt mir davon.«

»Wir schickten unsere Magier aus, um zu erkunden, was der Grund für das Sterben sein mag«, berichtete Sir Púrén. »Sie fanden heraus, dass schwarzmagische Zeichen über dem Land liegen, die auf einen Fluch hindeuten.«

»Was für Zeichen?«

»Baumrunen. Worte einer alten, vergessenen Sprache, die in Baumrinde geschnitten wurden. Papier, mit seltsamen Symbolen bemalt, das mit Fäden an Zweige gebunden wurde.«

»Habt Ihr etwas davon mitgebracht?«, wollte Blossom wissen.

Sir Púrén nickte und gab einem seiner Begleiter ein Zeichen. Dieser zog ein paar Blatt Papier aus einer ledernen Tasche und reichte sie an die Prinzessin weiter.

Nachdenklich betrachtete Blossom die Zeichnungen. Seltsame Muster und Linien bedeckten die Seiten. Unverständliche Worte waren dazwischen niedergeschrieben.

»Bitte, berichtet weiter, was Eure Magier herausgefunden haben«, bat sie.

»Sie können sich vieles nicht erklären. Doch sie haben eine Vermutung …« Der alte Mann stockte.

»Was vermuten sie?«, hakte Blossom nach.

»Dass die Zauberin Thyria unser Land mit diesem Fluch belegt hat.«

Ein aufgeregtes Raunen erhob sich. Manche klangen besorgt, andere erbost und schimpften Sir Púrén einen Lügner.

»Wie sollte das möglich sein?«, fuhr König Brenin dazwischen. »Die Zauberin wurde vor drei Generationen aus Frühling verbannt. Vom Bruder meines Großvaters. Sie kann wohl nach der langen Zeit kaum noch am Leben sein.«

»Schwarze Magie kann einer Person ein unnatürlich langes Leben bescheren, Eure Majestät«, widersprach jemand aus dem Hintergrund.

Der Bibliothekar Tosho trat hinter einer der Säulen hervor. Er war jung und athletisch, nicht alt und gebeugt, wie man es von jemandem erwarten würde, der seine Tage an einem Schreibpult zwischen Bücherregalen verbrachte. Trotz seiner Jugend wusste er mehr als so mancher alte Bibliothekar.

Blossom war zusammen mit Tosho aufgewachsen. Von ihm hatte sie heimlich all die Bücher über Pflanzenkunde und Gärtnerei erhalten, die sie so liebte. Er ließ sie Romane lesen, Legenden und Sagen, die ihr sonst verwehrt geblieben wären.

»Du glaubst also, Bibliothekar, dass diese vermaledeite Zauberin es wagt, sich königlichem Willen zu widersetzen?«, fragte ihr Vater gereizt.

»So sie denn noch lebt, wäre es durchaus denkbar.«

Blossom bewunderte den Mut, mit dem Tosho dem drohenden Blick ihres Vaters standhielt.

»Dürfte ich die Zeichnungen einmal sehen, Prinzessin?«, bat er, und sie reichte ihm die Blätter. An Sir Púrén gewandt fragte er: »Kann ich diese für kurze Zeit an mich nehmen, um sie mit einigen Aufzeichnungen zu vergleichen, die noch von der Zauberin Thyria archiviert sind? Womöglich könnte es helfen zu bestätigen, dass sie tatsächlich dabei ihre Hände im Spiel hat, bei dem, was in Eurem Land gerade geschieht.«

»Natürlich, junger Mann. Alles, was zur Aufklärung beitragen kann, ist höchst willkommen.«

Tosho nickte, rollte das Papier sorgsam zusammen und zog sich wieder hinter die Säule zurück.

»Nun, bis alles geklärt ist, ist die Audienz endgültig beendet!«, verkündete König Brenin und erhob sich von seinem Thron. Ohne noch jemanden – einschließlich seiner Tochter – eines Blickes zu würdigen, rauschte er davon.

Einen Augenblick lang fühlte sich Blossom erleichtert. Vorerst war sie einer Standpauke entkommen.

Ihr Blick fiel auf die Gruppe der Delegierten aus Tulpenland und deren Begleiter, die unschlüssig beisammenstanden und nicht so recht zu wissen schienen, was sie tun sollten.

Sie verließ ihren Platz und ging zu ihnen hinüber. Unauffällig winkte sie den Zeremonienmeister herbei.

»Ihr seid unsere Gäste«, sagte sie zu den Männern. »Meister Horan wird dafür sorgen, dass Euch Gemächer zugeteilt werden, sodass Ihr Euch erfrischen könnt. Mein Vater und ich freuen uns darauf, Euch zu einem gemeinsamen Abendessen begrüßen zu dürfen.« Sie nickte dem Zeremonienmeister zu. »Bitte kümmern Sie sich um die Herren, damit es ihnen an nichts fehlt.«

Horan verneigte sich leicht vor der Prinzessin und forderte die Gesandtschaft auf, ihm zu folgen.

Der Ritter, der sie bereits zuvor irritiert hatte, warf ihr im Vorbeigehen einen forschenden Blick zu, als versuchte er sie einzuschätzen. Seine grünen Augen funkelten, während er von ihrem Gesicht zu ihren Schuhen schaute. Erneut errötete Blossom und fühlte sich beschämt. War er belustigt oder zynisch? Sie wusste es nicht zu sagen. Rasch wandte sie sich von ihm ab und eilte zu Tosho, der noch immer im Schatten der Säule verweilte und auf sie zu warten schien.

»Du warst mal wieder mit deinen Gedanken mehr bei der Gartenarbeit als bei der Audienz«, neckte er sie und deutete auf ihre Schuhe. »Gut, dass Lady Agatha es nicht bemerkt hat.«

»Der fremde Ritter aus Tulpenland hat es jedoch gesehen.«

»Du meinst Sir Cajus?«, fragte Tosho. »Der Kerl mit den grünen Augen und dem hellbraunen Haar?«

Sie nickte. »Du kennst seinen Namen?«

»Ich habe ihn aufgeschnappt, als sich die Herren unterhielten.«

»Ich glaube, er mag mich nicht.«

»Wie kommst du darauf?«

»Ich weiß nicht … er hat mich so missbilligend angesehen«, erwiderte sie schulterzuckend.

»Ach, lass ihn doch«, winkte Tosho ab. »Wahrscheinlich reist die ganze Delegation ohnehin bald ab und du siehst ihn nie wieder. Es kann dir also völlig egal sein, was er von dir hält. Außerdem bist du die Prinzessin und er ist nur irgendein Ritter.«

»Du hast recht. Ich sollte mir über ihn keine Gedanken machen.« Stirnrunzelnd blickte sie ihn an. »Findest du es nicht merkwürdig, dass der Fürst von Tulpenland nicht hier war, um das Anliegen persönlich vorzutragen?«

»Das Fürstentum Tulpenland war immer schon ein wenig spezieller. Sie sind gerne für sich und halten sich selten am Königshof auf«, erwiderte Tosho schulterzuckend.

»Seltsam …«, murmelte Blossom.

»Willst du mit mir in die Bibliothek kommen und nachschauen, was in unseren Archiven über die Zauberin Thyria zu finden ist?«

»Ja, warum nicht? Bis ich mich zum Abendessen einfinden muss, sind es noch ein paar Stunden«, entgegnete sie immer noch nachdenklich.