Ave Maria und Amen - Margrid Hruska - E-Book

Ave Maria und Amen E-Book

Margrid Hruška

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Beschreibung

Katharina wächst auf im Spannungsfeld der katholischen und evangelischen christlichen Lehre. Anfang des 20.Jahrhunderts treffen die Vorurteile hart aufeinander. Ihre Mutter kommt aus einem streng katholischen Elternhaus im Sauerland, der Vater aus einem kleinen Dorf im Sauerland, in dem die Katholiken weniger gekannt, aber umso mehr verurteilt werden. Der Vater setzt sich durch, die Mutter leidet bis zu ihrem frühen Tod an Schuldgefühlen. Auch Katharinas Leben ist bis zu ihrem Tod von diesen Auseinandersetzungen beeinflusst.

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Seitenzahl: 146

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Margrid Hruska, 1932 in Essen geboren, heiratete sofort nach dem Abitur, bekam drei Kinder und begann ihr Studium mit 36 Jahren. Sie arbeitete als Lehrerin in den Fächern Deutsch und Geschichte. Heute lebt sie in Hannoversch Münden in Südniedersachsen.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Kapitel

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Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

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Kapitel

Kapitel

Kapitel

1.

Karl war in sein Heimatdorf gefahren, um seinem Vater mitzuteilen, dass er heiraten wollte. „Warum hast du denn deine Braut nicht mitgebracht? Wir hätten sie doch gerne kennen gelernt.“ Karl war bedrückt. Er hatte es nicht gewagt, sie seiner Familie und seinen Freunden vorzustellen. „Sie ist katholisch“, musste er bekennen. Vater Heinrich stutzte „Das kann ja nicht gut gehen.“ Er war sichtlich betroffen. „Wir hier sind evangelisch!“ Zweifellos war er der Meinung, dass das eine gute Begründung für seine Ablehnung war. „Du weißt doch, wie die Katholiken sind.“

Karl wusste um die Meinungen der Westerwälder in seiner Heimat. Eigentlich gab es nur zwei Katholiken in ihrem Dorf. Man war nicht gut auf sie zu sprechen. Im Laufe der Jahrzehnte hatte man sich alle Vorurteile zu eigen gemacht, die im Umlauf waren.

Juden und Katholiken, das waren Halsabschneider und Heuchler. Eigentlich waren die Juden noch schlimmer als die Katholiken. In diesen Fragen war man sich allgemein einig. Vielleicht gab es einige, die mit dieser Haltung nicht ganz einverstanden waren, aber sie wagten es nicht, sich offen dazu zu äußern. Die Katholiken in ihrem Dorf waren dabei eine Ausnahme. Sie waren eigentlich ganz nett, wahrscheinlich weil sie schon lange in einem evangelischen Dorf wohnten.

Auf dem Müllerhof wusste man bescheid. Müllers Wilhelm, der größte Bauer, oben auf dem Hügel, erzählte immer wieder seine Geschichte, wenn sie im Dorf in der Kneipe saßen. Es hatte schlechte Ernten gegeben, und er musste sich Geld beim Juden leihen. Und als er nicht mehr aus noch ein wusste, kam der Jude und wollte sein Geld zurück haben. Auf eine Verschiebung der Rückzahlung wolle er sich nicht einlassen. Keiner glaubte ihm, dass auch er Termine für seine Kredite hatte. Wilhelm hatte den größten Teil seiner Felder verloren. Sie waren unter den Hammer gekommen. Er hatte allerdings selbst genau gewusst, dass der Rückgabetermin des Kredits in dem Vertrag stand, den er mit dem Juden anfangs ausgemacht hatte. Auch war der Jude nicht verantwortlich für die Jahre der schlechten Ernten.

Und die Katholiken waren so viel besser auch nicht. Sie gingen zur Beichte, erzählten ihrem Priester, dass sie mal wieder jemanden übers Ohr gehauen hatten, beteten einige ‚Ave Maria’s’ und glaubten, damit sei alles vergeben. Als Evangelischer musste man sich selbst mit der Reue herumplagen.

Beim letzten Dorffest hatte der katholische Eduard eine verheiratete Frau geküsst. „Na ja, und so weiter, ihr wisst schon“, hatte er dann noch hinter vorgehaltener Hand geflüstert. Er beichtete und alles war wieder gut. Manche der jungen Burschen waren neidisch; „So kann man sich alles erlauben und braucht kein schlechtes Gewissen zu haben“, meinten sie, wenn sie dann abends nach der Arbeit zusammenstanden und die Neuigkeiten besprachen.

Karl war auf dem Hof unten im Tal aufgewachsen. Die Höfe im Westerwald waren klein und warfen wenig ab. Die Ernten waren schlecht gewesen in den letzten Jahren und die Preise gefallen. Den Hof erbte der Älteste, und das war sein Bruder Heinrich. Die Jüngeren mussten sich eine Arbeitsstelle suchen.

Der Abschied von seinem Heimatdorf war Karl nicht leicht gefallen. Auch in diesem Jahr warb die schnell aufstrebende Firma Krupp bei den jungen Bauernburschen um Arbeitskräfte für ihre Fabriken in Essen, die dringend gebraucht wurden. Das deutsche Reich rüstete auf. Der Nationalismus in den Ländern Europas und die komplizierten Bündnisverpflichtungen der Länder untereinander steuerten auf einen Krieg zu. Die Firma Krupp war dabei mit der Herstellung von Waffen hilfreich, wie die „Schmiede des Reiches“ es immer schon gewesen war. Das wusste man auch auf dem Land im Westerwald.

Ohne zu zögern folgte Karl dem Werber nach Essen. Dieser versprach den jungen Männern eine Arbeitsstelle und vielleicht sogar eine Ausbildung in den Fabriken von Krupp. Eine Wohnung würden sie auch bekommen, wenn sie heirateten. Eine Kranken- und eine Rentenversicherung wurde ihnen versprochen, und ein modernes Krankenhaus stand allen zur Verfügung, wenn sie krank wurden.

Karl stellte bei seinem ersten Besuch in Essen fest, dass der Werber nicht übertrieben hatte und dass die Versprechungen tatsächlich eingehalten wurden. Er hatte allerdings bei seiner Einstellung ein Papier unterschreiben müssen, das von ihm verlangte, dass er auf die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft und das Streiken verzichtete. Das fiel ihm leicht, denn so etwas hatte es bei ihnen auf dem Land ohnehin noch nie gegeben. Es war für ihn kein Verzicht. Manchmal allerdings hatten sie auch in ihrem Dorf gehört, dass einige Arbeiter sich zusammenschlossen, um Verbesserungen für sich zu erkämpfen. Aber er war froh, dass er eine gute Arbeitsstelle mit einem guten Verdienst hatte. Was sollte man da noch erkämpfen? Man würde sein gutes Auskommen haben, auch dann, wenn eine Familie zu versorgen war. Er würde also zu einem guten ‚Kruppianer’ werden.

Seine junge Braut kam aus dem Sauerland nach Essen. Die meisten dort waren katholisch. Auch sie kam aus einer kinderreichen Familie. Als sie alt genug war, ging sie ‚in Stellung’. Es wurde eine Familie in Essen gefunden, bei der sie als Dienstmädchen arbeitete, damals der übliche Beruf für Mädchen aus ärmeren Familien. Eine Lehrstelle oder eine andere Art von Ausbildung war für Mädchen nicht vorgesehen. ‚Sie heiraten ja doch’, war die allgemeine Meinung. Und so lernten sie gleich auch, was man später wissen musste, wenn man eine eigene Familie zu betreuen hatte. Sie hatte es gut getroffen. Die Dienstherrin war freundlich, die Kinder behandelten sie meistens respektvoll, und der Hausherr nahm sie kaum zur Kenntnis. Früher hatte Franziska von ihren Freundinnen manchmal schlimme Dinge gehört. Es gab grobe, ständig tadelnde Frauen, freche Kinder und am schlimmsten waren die Herren, die die Mädchen ‚antatschten’ oder noch Schlimmeres verlangten.

Franziska war froh gewesen, dass sie in die „weite Welt“ gehen und dabei viel lernen konnte. Schon nach kurzer Zeit fühlte sie sich wohl im Haus der ‚Herrschaft’. Sie hatte schon einiges dazu gelernt. So durfte sie schon manchmal beim Kochen helfen und sogar auf der neuen Nähmaschine nähen, die die Hausherrin angeschafft hatte.

Und nun hatte sie auch noch ihren Karl kennengelernt. Er war ein so netter Mensch! Franziska war über beide Ohren in ihn verliebt. Jeden Sonntag gingen sie an der Ruhr spazieren und hatten sich viel zu erzählen. Sie berichteten von ihrem Heimatdorf, von ihren Familien und Freunden, von ihren Arbeitsplätzen und ihren Zukunftsträumen. Bald waren sie sich einig, dass sie zusammengehörten. Von den Unterschieden der beiden Konfessionen, denen sie jeweils angehörten, wurde kaum gesprochen. Es war in den Hintergrund getreten.

Sie waren beide zu verliebt, als dass es zu einer Klärung oder sogar zu einer Auseinandersetzung gekommen wäre. Katholisch oder evangelisch, das würde sich mit der Zeit sicher regeln lassen. Trotzdem bedrückten sie die Unterschiede insgeheim.

Karl hatte sich inzwischen mehr Gedanken über seine eigene evangelische Religion gemacht. War es eigentlich so schlimm, wenn sich ein katholischer Christ nach der Beichte erlöst fühlen konnte. Und bereuen musste er auch seine Sünden, genau wie die Evangelischen. Karl bewunderte die fröhliche und unbefangene Art, in der sie mit ihrem Gott umgingen. Er hatte es oft an seiner Franziska beobachten können. Seine eigenen Kirchenbesuche waren recht selten geworden. Es ging dort sehr ernst zu und meistens war dort die Rede davon, dass man sein Pflichtbewusstsein gegenüber sich selbst sehr ernst nehmen müsse, und da gab es wenig Hilfen von irgendjemandem, der helfen konnte und dem man seine Sorgen und Nöte unterbreiten konnte. Manchmal hätte er sich auch einen Zuhörer gewünscht. wie es der Priester bei den Katholiken war,

Dennoch versuchte Karl oft, Franziska von dem lästigen sonntäglichen Kirchgang abzuhalten, damit sie am einzigen freien Tag der Woche zusammen sein konnten. Oft gab sie Karl nach.

Treschen, Franziskas Schwester, die schon länger in Essen verheiratet war und auch dort arbeitete, achtete darauf, dass sie möglichst jeden Sonntag die Heilige Messe besuchte. Karl mochte Treschen nicht besonders. Sie machte Franziska ein schlechtes Gewissen und Franziska war bedrückt. Der Sonntag war der einzige Tag in der Woche, an dem er nicht arbeiten musste, und er wäre gerne mit seinem Mädchen spazieren gegangen oder hätte sogar einen kleinen Ausflug gemacht. Aber jedes Mal, wenn Franziska ihrem Karl nachgab, machte ihr Treschen große Vorwürfe. „Die Wandlung in der Messe ist ein Sakrament und dieses Sakrament muss jeden Sonntag eingehalten werden. Der Priester sagt, die sieben Sakramente der katholischen Kirche müssen immer und unbedingt befolgt werden. Wenn du es nicht einhältst, ist es eine große Sünde und du kommst in die Hölle.“

‚Der Priester sagt’, äffte Karl seine zukünftige Schwägerin nach. Das war genau das, was man sich im Westerwald erzählte. Sie glaubten alles, was der Priester sagte. Sie glaubten auch, dass bei der Wandlung die Oblate, die ihnen beim ‚Abendmahl’, so nannten es die Evangelischen, in den Mund geschoben wurde, zum Fleisch Jesu werden würde. Und den Wein, der eigentlich das Blut Christi sein sollte, trank nur der Priester

Die Wandlung war ein Sakrament, das es jeden Sonntag zu erfüllen galt. Wenn also der sonntägliche Messebesuch nicht eingehalten würde, dann reichte auch nicht mehr das Fegefeuer, in dem ohnehin vor der Hölle noch die lässlichen Sünden abgebrannt wurden. Gegen die Sakramente durfte eben nicht verstoßen werden.

Bei den nächsten Schritten ihrer Zukunftsplanung tauchten die ersten wirklichen Probleme auf. Heiraten in der katholischen oder der evangelischen Kirche? Zuerst unmerklich aber immer deutlicher werdend schlichen sich die unterschiedlichen Ansprüche der beiden Konfessionen und der jeweiligen dazugehörigen Verwandtschaften in ihr Bewusstsein und in ihre Beziehung.

Franziska und Karl liebten sich, sie waren sich sicher, und so wurde trotz aller Widerstände der Hochzeitstermin festgesetzt. Treschen hatte Karl abgetrotzt, dass die Hochzeit in der katholischen Kirche begangen wurde. Die Heirat war ebenfalls ein Sakrament, und Franziska war froh, dass ihr dieser Gewissenskonflikt erspart blieb.

Verkniffen saßen die Hochzeitsgäste am Hochzeitstag säuberlich getrennt in der Essener katholischen Kirche in den Kirchenbänken, hier die katholischen Sauerländer, dort die evangelischen Westerwälder. Trotz der Missbilligungen auf beiden Seiten waren sie doch alle gekommen. Das wollten sie ihren Kindern und Geschwistern nicht antun, dass sie alleine blieben mit der neuen Verwandtschaft. Bei der katholischen Familie hatte Treschen ein wenig nachgeholfen und ihnen zugeredet, dass Franziska gerade jetzt ihre Unterstützung brauche.

Bei den Westerwäldern war auch etwas Neugier im Spiel. Was würden sie in Essen mit den neuen Verwandten erleben, und wie waren sie eigentlich so? Sie schauten sich interessiert in der Kirche um. Bewundernd sahen sie an den mit Schnörkeleien bemalten Säulen hoch und staunten über die Höhe des Kirchenschiffs. Beeindruckt wanderten ihre Blicke von der goldenen Pracht an den Altären zu den riesigen Gemälden an den Wänden, auf denen prächtig gekleidete Männer und Frauen abgebildet waren. Das ‚ewige Licht’ flackerte in einem Kasten. Es durfte angeblich nie gelöscht werden: auch nachts nicht? auch alltags nicht? Viele Heilige waren als Figuren in Menschengröße aufgestellt und so bemalt, dass sie wie echte Menschen aussahen. Zuhause erzählte man sich, dass sie angebetet wurden, als seien sie wie Götter und könnten Wunder vollbringen. Mit vielen von ihnen konnten auch sie Geschichten verbinden. Von der großen Figur mit dem kleinen Kind auf der Schulter, dem Christophorus, wussten sie, dass er das Jesuskind über das Wasser getragen hatte. Aber für sie war es eben nur eine schöne Geschichte von früher. Das war etwas ganz anderes. Auch die großen Kirchenfenster fanden sie wunderschön. Die Sonne schickte ihr Licht durch das bunte Glas, und der große Raum wurde bunt und märchenhaft durchflutet. Viele von den Geschichten, die mit dem bunten Fensterglas dargestellt waren und Geschichten aus der Bibel erzählten, kannten sie aus ihrem Konfirmandenunterricht Sie gestanden sich ein, dass diese Kirche doch schön war.

Dagegen war ihre Kirche im Dorf zu Hause sehr einfach. Auf ihren Kirchenbänken konnte man vielleicht etwas bequemer sitzen. Der Altar war nicht vergoldet, auf ihm standen meistens die Blumen, die in der jeweiligen Jahreszeit wuchsen. Durch das Glas ihrer Fenster schien die Sonne in ihrer natürlichen Farbe und warf Lichtstrahlen in den Kirchenraum, in denen Staubkörnchen tanzten. An den Wänden hingen Hinweistafeln, die die Lieder anzeigten, die gesungen werden sollten. Zur Predigt stieg der Pfarrer auf die Kanzel, an der auf dem unteren Teil die vier Evangelisten abgebildet waren. Wenn sie das Abendmahl nahmen, die meisten mussten zugeben, dass sie nach ihrer Konfirmation sehr selten daran teilgenommen hatten, reichte der Pfarrer jedem den Pokal mit dem Wein.

‚Ein schönes Paar’, stellten beide Verwandtschaften fest, als Karl mit seiner Franziska den langen Gang zwischen den beiden Bankreihen der Kirche bis zum Altar entlang schritt. Treschen hatte ihrer Schwester ein hübsches Kleid aus einem weißen, weich fließenden Tüllstoff genäht, das mit einem breiten hellgrünen Satinband in der Taille gehalten. wurde. „Sie sieht aus wie ein Engelchen“, flüsterte ihre Mutter ihrer Nachbarin zu.

Eigentlich, dachten die Westerwälder, unterscheidet sich die Trauung kaum von der in unserer Kirche. Sie tauschten die Ringe, versprachen sich ewige Treue, küssten sich und lächelten sich glücklich zu.

Das Hochzeitsmahl, das Treschen zubereitet hatte und das ihr Hochzeitsgeschenk für das junge Paar war, verlief ruhig. Alle gaben sich Mühe. Es sollte nicht laut werden, hatten sich Frauen und Männer versprochen. Besonders diese waren von ihren Frauen angehalten, nicht so viel Alkoholisches zu trinken und ja keinen Streit vom Zaun zu brechen. Man reichte sich die Fleischplatten, die Kartoffel- und Gemüseschüsseln, sagte artig ‚danke’ und ‚bitte’ und unterhielt sich über das Wetter, die Pünktlichkeit der Eisenbahn, die einige von ihnen bei der Fahrt nach Essen zum ersten Mal erlebt hatten, die Krankheiten der Kinder und machte sich ganz allgemein etwas bekannt.

Manche mögen gedacht haben, ‚so schlimm sind die Evangelischen oder die Katholischen eigentlich gar nicht.’ ‚Die Tante Maria ist doch ganz nett’, oder ‚der Jupp ist ein so erfrischend fröhlicher Mensch, gar nicht so verbohrt, wie sie uns das zuhause erzählt haben.’ So ganz konnte man aber doch nicht auf ein Bierchen oder ein Schnäpschen verzichten, und als es später am Ende des Tisches dann doch etwas laut wurde, schob Tante Emilchen ihren Mann in Richtung Tür, bedankte sich bei Treschen und wünschte dem jungen Paar alles Gute und war mit ihrem Mann verschwunden, bevor etwas Schlimmes hätte passieren können. Anscheinend war das das allgemeine Zeichen zum Aufbruch. Nach und nach verabschiedeten sich die Gäste, nicht ohne betont zu haben, dass es eine sehr schöne Hochzeit gewesen sei.

Treschen begleitete das junge Paar zu ihrer neuen Wohnung, die schon teilweise eingerichtet war. Karl hatte etwas Geld beiseite legen können, und gemeinsam hatten sie ihre ersten Möbel ausgesucht. Eine kurze Weile saßen sie noch an dem neuen Küchentisch zusammen, erzählten sich von den Ereignissen des Tages und waren froh, dass mit den jeweiligen Verwandten alles so gut gegangen war.

Nachdem auch Treschen und ihr Mann Johann sich verabschiedet hatten, nahmen sich Franziska und Karl glücklich in die Arme, gingen bewundernd durch ihre neue Wohnung und konnten nicht so recht glauben, dass sie jetzt ein Paar waren und sie sich hier ihr weiteres Leben gestalten würden.

Franziska arbeitete weiter bei ihrer ‚Herrschaft’. Weil sie arbeitsam und zuverlässig war, wollte man nicht auf sie verzichten. Sie hatte die Erlaubnis bekommen, außer Haus zu wohnen. Karl brachte guten Lohn mit nach Hause. So konnten sie bequem noch vieles anschaffen, was ihnen jetzt noch im Haushalt fehlte.

„Und vielleicht“, flüsterte Karl seiner jungen Ehefrau verliebt zu, „sind wir ja auch bald schon zu dritt.“

2.

Als Franziska schwanger wurde, gab es die ersten Auseinandersetzungen. „Und meine Kinder werden nicht katholisch getauft!“ Zu dieser Frage hatte es von Anfang an nur Karls Meinung gegeben. Manchmal glaubte Franziska, sie habe sich damit abgefunden. Aber immer öfter rührte sich ihr katholisches Gewissen.

Franziska brach in Tränen aus und blickte hilfesuchend zu ihrer Schwester Treschen, die mit ihrem Mann Johann gekommen war, um Franziska beizustehen. „Ich werde auf keinen Fall dulden, dass meinen Kindern von Euren Priestern der Kopf vernebelt wird. Sie werden nicht eine Holzfigur anbeten; sie werden nicht bei Weihrauchqualm ihre Rosenkränze ableiern und dann meinen, es wäre alles gut.“

„Du weißt“, ve Vielleicht gab es einige, die mit dieser Haltung nicht ganz einverstanden waren, aber sie wagten es nicht, sich offen dazu zu äußern.

rsuchte Treschen, die in dieser Auseinandersetzung das Wort für ihre Schwester führte, dazwischenzukommen, „du weißt, dass der Priester Franziska schon wegen eurer Ehe hart zusetzt, auch wenn ihr katholisch getraut seid. Sie lebt in Sünde. Eine evangelische Taufe kommt für ihn nicht in Frage. Und er wird bestimmt danach fragen.“ „Was mischt der Pope sich überhaupt in unsere Angelegenheiten. Er soll uns in Ruhe lassen. Immer haben sie versucht, den Leuten das Denken abzugewöhnen.“

Bei seinen Worten ‚evangelische Taufe’ hatte Franziska kurz zu ihrem Karl hinübergesehen. Karl fing ihren Blick auf. Ihr nasses, von Tränen aufgequollenes Gesicht senkte sich wieder, und überrascht merkte er, dass bei ihrem Anblick seine Wut schrumpfte.

Er hatte oft mit Franziska über diese fast unüberbrückbaren Gegensätze ihrer gemeinsamen christlichen Religion gesprochen. „Sieh mal, wir gehören beide einer christlichen Religion an; wir glauben beide an denselben Gott. Meinst du nicht, dass euer Priester mit der Zeit einsehen wird, dass wir beide anständige, christliche Leute sind und alles so richtig ist?“ Franziska aber war verzagt geblieben. „So ist das in unserer katholischen Kirche. Wir meinen, die Evangelischen haben sich von Gott und vor allem von der richtigen Kirche abgewandt. Und das wird im ewigen Leben böse bestraft werden, sagt der Priester.“