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Faye Kristins Roman folgt einem jungen Mann durch die Straßen Londons nach Berlin. Die Erzählung begleitet den rastlosen, zweifelnden Großstädter jedoch nicht allein mit Worten, sondern geht immer mehr in Bilder über. Auf einem Parkplatz vor seinem Arbeitsplatz, dem Großsupermarkt, findet er eine Ledertasche. Die Suche nach dem Besitzer der Tasche, den Anton als Musiker identifiziert, wird zur Suche nach dem Sound des eigenen Selbst. Im Hintergrund zwischen den Zeilen und Bildern schwingen die Songs der Band Milky Chance. Die Erzählung ist ein sinnliches Experiment, ein visuelles und sprachliches Tagebuch, musikalisches und fotografisches Album, vor allem aber eine Hommage an die Kraft der Musik und Poesie. Was können Worte bewirken? Was bedeutet es, die unsichtbaren Details im Alltäglichen zu suchen? Der Roman geht diesen Fragen nach.
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Immer verlieren wir das wunderbar Bildende, ja den eigentlichen Duft der antiken Atmosphäre, wir vergessen jene sehnsüchtige Regung, die unser Sinnen und Genießen mit der Macht des Instinktes, als holdeste Wagenlenkerin, den Griechen zuführte. ( Friedrich Nietzsche )
In gleichmäßigem, unmotiviertem Schritt überquerte er die Stratton Street an der Green Park Station, wo er wie jeden Morgen ein Ticket löste und mit einem Strom von Menschen in den Londoner Underground verschwand. Die Dunkelheit ließ ihn sich seiner immer noch andauernden Müdigkeit gewahr werden. Das Schaukeln der Waggons erschwerte den festen Stand in dem überfüllten Abteil, doch mit jeder Station entfernte er sich mehr vom Zentrum und die Reihen lichteten sich. Manche der Gesichter waren ihm mittlerweile sogar bekannt, anscheinend hatten sie einen ähnlichen Tagesablauf, mussten sich Kälte und Dunkelheit widersetzen, um frühzeitig an ihrer Arbeitsstelle zu sein. Wer würde schon freiwillig zu dieser Tageszeit aufstehen, wenn nicht der Lebensunterhalt dazu drängte.
Gerade noch rechtzeitig vernahm er die Durchsage, die seine Haltestelle Neasden Station, ankündigte, und er würde nicht, wie schon das ein oder andere Mal zuvor, gedankenversunken den Ausstieg verpassen und sich großen Ärger einhandeln. Gewohnheitsgemäß verließ er den Underground durch den Ausgang in Fahrtrichtung und ging hinüber zu dem Großsupermarkt, dessen neonfarbener Schriftzug auffällig grell im immer noch dämmrigen Tageslicht blinkte. Eine der Neonleuchten hatte einen Wackelkontakt und bewirkte das unregelmäßige Flimmern am Ende des rot-blauen Schriftzuges. Der Parkplatz, auf dem sich zur späteren Tageszeit hunderte von Menschen tummelten, lag leer vor ihm und offenbarte seine streng konzeptionelle Einteilung in Parkreihen. Während er den Linien auf dem grauen Asphalt folgte, fiel ihm eine Tasche ins Auge, die in vollkommener Verlassenheit inmitten des Linienrasters stand. Er konnte weder ein Auto noch eine Person in näherer Umgebung ausfindig machen und so wich er von seinem gewöhnlichen Weg ab, ging – zunächst zögerlich, dann etwas zügiger – auf die Tasche zu und blieb stehen. Er griff nach den aus Leder gefertigten Bändern und beschloss, sie für ihren Besitzer im Supermarkt zu hinterlegen. Dann kehrte er schnell um, ging zum Hintereingang für Bedienstete und begann seinen Arbeitstag zwischen Kühlregalen und Neonleuchten, während draußen langsam die Sonne aufging und die Londoner Straßen zu neuem Leben erwachten.
Er hatte braunes, leicht gelocktes Haar, welches in einem bestimmten Licht einen rostroten Schimmer bekam. Seine Statur war weder sportlich noch schlank, dennoch fiel er neben seinen stattlich gebauten Arbeitskollegen auf, die breite Schultern hatten und zum Teil ein wenig untersetzt waren. Seine Hände trugen keine Spuren, die von Arbeit erzählten, sie waren fein und schmal und früher hatte er sich auf ihren Handflächen oftmals Notizen gemacht. Gedankenstützen brauchte er momentan nicht, seine Tage verliefen zu monoton, um Derartiges erforderlich zu machen. Nicht nur seine Statur und seine Hände, auch sein Gesicht war von solcher Feinheit und hob sich von dem gewöhnlichen Aussehen seiner Kollegen ab. Die runden und glattrasierten Gesichter ließen die hohen Wangenknochen und den markanten Ausdruck vermissen, den tiefschwarzen Bart und die Nase, die unproportional groß, jedoch stolz und eben nicht rund und grob war. Der Stress und die körperliche Anstrengung beim Einräumen der Ware trieben rote Flecken in ihre Gesichter, sein Teint hingegen war unverändert blass, vielleicht etwas zu blass, seitdem er kaum mehr das Tageslicht zu Gesicht bekommen hatte. Zwar gehörten das Kistenschleppen und Auspacken ebenso wenig zu den ihm angenehmen Arbeitsschritten wie die Kassenschichten, jedoch musste er sich hierbei wenigstens nicht den kritischen Blicken der Kunden aussetzen. Heute war ihm diese Schicht jedoch ganz recht, er hatte die Tasche in seinem Spind hinterlegt und zog die Ware über das Fließband, in der Annahme, dass sich im Laufe des Tages jemand nach der Tasche erkundigen würde. Normalerweise hinterlegte man solche Gegenstände in dem kleinen Fundbüro am Haupteingang. Irgendetwas hatte ihn dennoch dazu bewogen, dies nicht zu tun – vielleicht um zu erfahren, wer der Eigentümer der außergewöhnlichen und offensichtlich in Handarbeit gefertigten Tasche war. Vielleicht wollte er aber auch einfach nur dem System trotzen, den gewöhnlichen Ablauf unterbrechen.
Die Stunden zogen vorbei, ohne dass sich jemand nach der Tasche erkundigte und er begann sich mit dem Gedanken zu beschäftigen, was sich wohl darin befinden mochte. Vor Beginn seiner Schicht hatte er keine Gelegenheit gehabt, sich dessen zu vergewissern und nun packte ihn langsam die Neugierde. Er würde einfach einen schnellen Blick hineinwerfen, wenn jemand käme, um sie abzuholen. Der Gedanke, dass lediglich ein paar Reiseutensilien in der Tasche sein könnten, gefiel ihm nicht, zu sehr erschien sie ihm als etwas Abenteuerliches. Und welchen Reisenden hätte es in diese abgelegene unattraktive und öde Gegend verschlagen sollen, weitab von Touristenattraktionen?
Das viele Nachdenken über den Inhalt der Tasche ermüdete ihn mit der Zeit. Manchmal vergaß er darüber seiner Arbeit nachzugehen und die Kunden zeigten sich noch unzufriedener und nörgelten noch mehr, als sie es sonst ohnehin immer taten. Wenn niemand käme, dann wäre er wohl gezwungen, das Fundstück abzugeben und über Umwege würde er erfahren, wer die Tasche abgeholt hatte.
Das Fundbüro war schon geschlossen, als er seine Sachen aus dem Mitarbeiterraum holte. Er zögerte nicht lange, nahm die Tasche über den Arm und verließ das Einkaufszentrum. Es fiel ihm schwer auszumachen, wann er zuletzt mit Reisegepäck unterwegs gewesen war. Sein gewöhnlicher Laufrhythmus wurde unterbrochen von dem der leicht ins Schwanken geratenen, an langen Lederriemen befestigten Tasche. Aber das störte ihn nicht, denn die Tasche war nicht besonders schwer und pendelte sich ein, sobald er sich daran gewöhnt hatte, seinen Rhythmus ein wenig anzupassen. Sein Gang war nun, trotz der vielen Arbeitsstunden, aufrecht und vitaler als noch am Morgen. Er fühlte sich auf seltsame Weise befreit und er vermochte nicht auszumachen, wodurch dies bewirkt wurde. An der Underground Station kam er zum Stehen und wartete er auf die Jubilee Line in Richtung Stratford. Dort bemerkte er, wie ihm auf dem Bahnsteig und in der U-Bahn Blicke zugeworfen wurden. Blicke, die von Neugierde erzählten oder ihn einfach nur musterten, aber in jedem Fall Aufmerksamkeit schenkten, die ihm lange Zeit nicht zuteil geworden war. Er setzte sich auf einen der freien Plätze am Fenster, von dem aus man das Abteil gut überblicken konnte. Der Waggon, mit dem er die letzten Monate regelmäßig gefahren war, erschien ihm mit einem Mal bunter und abwechslungsreicher als jezuvor. Da gab es unterschiedliche Muster und Materialien, das Rot und Blau wirkte weniger grell und das Neonlicht nicht mehr so aggressiv, sondern eher freundlich. Die Menschen, die mit ihm reisten, waren verschiedener Herkunft und unterschiedlichen Aussehens. Viele trugen Schwarz, aber in variablen Schnitten und Formen, teilweise verrückte Farbkombinationen, je näher das Stadtzentrum rückte. Er begann, in ihren Gesichtern zu lesen. All das war seinen Augen bislang entgangen, war an ihm vorbei gerauscht, während er letargisch und gedankenversunken an einem der Plätze gesessen hatte, von denen aus man nur sehr wenig von seinem Umfeld mitbekommen konnte. Er sah sich die Taschen genauer an, die an ihm vorbei getragen wurden.Viele Aktenkoffer waren darunter, meist klassisch aus schwarzem Leder gefertigt. Ein Pärchen stieg ein, beide hatten ein Backpack auf dem Rücken, ihre Blicke waren müde und sie wirkten erschöpft trotz der gesunden Gesichtsfarbe, die sie hatten. Die meisten Frauen im Abteil trugen zumindest eine Handtasche, Männer ohne größeres Gepäck hingegen trugen all ihre „belongings“ am Körper. Der Jeansstoff der Gesäßtasche des Jungen vor ihm war abgenutzt und hatte dort Löcher, wo sich die Ecken seines Portemonnaies abzeichneten. Auch am rechten Oberschenkel war der Jeansstoff löchrig und zog Fäden. Auf der Seite trug er sein Skateboard unter dem Arm, lässig umschlungen von seinem dünnen Oberarm, der allerdings sehr muskulös war. „Leben ist, wenn die Zeit kostbar ist“, las er auf einem der Werbeplakate und begann die Worte für sich im Stillen zu wiederholen. Es bereitete ihm Kopfzerbrechen – wie so vieles, was einen tieferen Sinn zu haben schien und dazu einlud, über das Leben zu philosophieren. Früher war es ihm gelungen, solche Gedanken in Texten zu verarbeiten. Er hatte stets ein Notizbuch dabei, in welchem er Ideen sammelte, um sie später auszufeilen oder zu verwerfen. Es war ihm nie unangenehm geworden oder schwer gefallen zu schreiben, solange seine Tage erfüllt waren von Abwechselung und Möglichkeiten. Seitdem sich beides auf nicht absehbare Zeit aus seinem Leben verabschiedet hatte, nahm er öfter eine Zigarette als den Stift in die Hand und ließ Ideen und Ansätze schon bei dem kleinsten Zweifel daran fallen, dass diese zielführend und erfolgreich sein könnten. Er hatte das Wagnis gegen die Gewohnheit, das Risiko gegen die Bescheidenheit eingetauscht und dabei das Schreiben denen überlassen, von denen er meinte, dass sie es besser könnten. Dass es temporär nichts aus seinem Leben zu erzählen gab, was für seine Leserschaft interessant sein könnte, davon fühlte er sich niedergeschlagen; dass es sich jedoch gerade jetzt lohnte, seinen Zustand zu beschreiben, dieser Einfall war ihm neu und so plötzlich entstanden, dass sein Herz schneller zu schlagen schien. Das kam ihm bekannt vor aus einer Situation, in der er bei einem Jazzkonzert gemeint hatte, plötzlich eine brillante Idee für ein Skript zu haben. Damals hatte er sich völlig in den Klängen verloren, den schnellen, a-rhythmischen Schlägen des Schlagzeugers, dem herausragenden Pianisten und dem immer voran treibenden Bass. Er hatte versucht, selbigen Rhythmus auf sein Schreiben zu transformieren.
An der Green Park Station stieg er mit hastigem Schritt aus. Er eilte die Piccadilly Road entlang, bog rechts in die Half Moon Street ein, an deren Ende man eine Kirche sah. Sein Wohnhaus, in dessen Erdgeschoss eine kleine Parfumerie ihren Sitz hatte, lag links der Kirche. Im Treppenhaus nahm er zwei Stufen auf einmal und lief so schnell, dass ihm im zweiten Stock bereits die Luft ausging. Als er die Tür zu seiner Dachgeschosswohnung aufschloss, kam ihm ein kalter Wind entgegen. Anscheinend hatte er am Morgen vergessen, die Fenster zu schließen.
Die Wohnung, 32 Quadratmeter Wohnraum, Küche, Bad, war derartig ausgekühlt, dass er sogar seinen Atem sehen konnte. Er entzündete Holzspäne und Papier im Kamin. Die Flamme fackelte auf und warf ihm erhitzte Luft entgegen, die sein Gesicht erwärmte und seinen Atem, dessen Wärme sich zuvor zu kleinen Kristallen verwandelt hatte, in sich aufnahm und im Nirgendwo des Raumes verteilte. Sobald das Holz Feuer gefangen hatte und seine Hände warm genug geworden waren, wandte er sich erneut der Tasche zu, die er neben seinem Schreibtisch auf dem alten Dielenboden abgestellt hatte. Seine Neugierde war ungebrochen. Beinahe etwas aufgeregt öffnete er den Reißverschluss.
Allem Anschein nach war es ein männlicher Eigentümer, der die Tasche auf dem Parkplatz hatte stehen lassen. Dieser blieb Eigentümer, nicht Besitzer. Denn Besitzer war momentan, so hatte er in den zwei Semestern seines Jurastudiums gelernt, formalsprachlich er selbst. Vorübergehend, nicht dauerhaft hatte die formale Sprache der Rechtswissenschaften sein Interesse geweckt und war in die Abneigung gegen jegliche einer bestimmten Form angepassten Sprache umgeschlagen. Dass der Eigentümer männlich sein musste, schloss er aus dem ersten Kleidungsstück, das er der Tasche entnahm, den Boxershorts. Dann begann er den Inhalt der Tasche Stück für Stück herauszunehmen, bis er schließlich auch die Innentasche geleert hatte. Neben ein paar Kleidungsstücken und einer spärlich bestückten Badetasche fand er ein Notizbuch, Tabak sowie ein paar Streichhölzer aus einem Pub.
Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er hätte sich den Inhalt der Tasche nicht weniger spektakulär vorstellen können. Keine aufregenden Utensilien, nichts Geheimnisvolles oder etwas, was wenigstens den Eigentümer offenbarte, waren darin enthalten. Lieblos packte er die Einzelteile zurück in die Tasche, versuchte, die ursprüngliche Ordnung einigermaßen einzuhalten und ließ sich dann in seinen Sessel fallen. Langsam breitete sich die Wärme vom Kamin in der Wohnstube aus und er streifte seinen Mantel von den Schultern. Wundern musste er sich über sich selbst, darüber, warum er sich solch großen Erwartungen hingegeben hatte. Noch am Morgen hätte er nicht damit gerechnet, dass eine solche Begeisterungsfähigkeit in ihm zu wecken sei. Nicht derzeit, nicht in letzter Zeit. Er dachte an das Gefühl, welches ihn soeben noch begleitet hatte, wie beflügelt er nach Hause geeilt war. Einen Augenblick noch ließ er den Moment verweilen und den Gedanken sich setzen. Waren es die Tasche und seine Neugierde gewesen, die ihn angetrieben hatten, oder war es der Drang zu schreiben, der wie aus dem Nichts nach langer Zeit des Verharrens in ihm aufgekommen war?
Als wollte er sich diese Frage selbst beantworten, stand er auf und ging hinüber zu dem Schreibtisch, der unterhalb der kleinen Fenster in der Dachluke stand, knipste die Lampe an und schob den Stapel von liegengebliebenen Rechnungen und Papieren beiseite. Aus der Schublade zog er Schreibpapier und Tintenfüller hervor, räusperte sich und begann mit dem Schreiben.
„Wenn Gedanken tragen könnten, dann wäre ich derzeit schwerelos. Mein Kopf ist voll von schweren Gedanken, die mir das Abheben völlig unmöglich machen. Ständig kreise ich mit ihnen um mich selbst und vergesse dabei die Dinge, die mich umgeben. Manchmal erschrecke ich davor und versuche, Klarheit zu gewinnen, doch wie soll das funktionieren in einer Welt, die über sich selbst im Unklaren ist. Was Zukunft ist, bleibt wie im dichten Nebel verborgen, man kann nur annähernd Konturen erkennen. Zugleich verblasst die Vergangenheit. Sicherlich gibt es vieles, was man zu vergessen hofft, nicht aber die Gerüche und das Gefühl von Jugend, die sich dem Stumpfsinn und dem Alter widersetzen wollen. Man kann ihnen ein wenig entrinnen, wenn man Erinnerungen aufblühen lässt. Ich erinnere mich an die Engelstrompeten in den Gärten Portugals, wie sie ihre Köpfe unter der Sonne neigen und im gelblich-weißen Licht strahlen. Ich erinnere mich an Schaukeln, die quietschen und an Wolken, die vorbeiziehen. Und an das Mädchen, das nichts von all dem zu verändern suchte, was um es und mit ihr geschah, das in zufriedener Gelassenheit sich jedem Detail hingeben konnte, das ihm ins Auge fiel.“
