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Zurück zum Ex? Diese Frage muss sich Emma stellen, nachdem sie ihren attraktiven Exfreund Christopher plötzlich wiedertrifft. Und das auch noch auf den Malediven, wo Emma als Animateurin arbeitet. Ist das eine schicksalhafte Begegnung, die sie mit ihrer großen Liebe wieder zusammenführen soll? Ausgerechnet auf einer kleinen Insel, auf der sie dem reichen New Yorker nicht aus dem Weg gehen kann? Aber Moment: Christopher ist nicht allein. Er hat eine neue Frau an seiner Seite. Emma findet sich in einem Liebesdreieck wieder, aus dem sie nicht mehr so einfach herauskommt.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
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Epilog
Willst du mehr?
Über Marie Komenda
Copyright
Eine zweite Chance
Zurück zum Ex?
Diese Frage muss sich Emma stellen, nachdem sie ihren attraktiven Exfreund Christopher plötzlich wiedertrifft. Und das auch noch auf den Malediven, wo Emma als Animateurin arbeitet. Ist das eine schicksalhafte Begegnung, die sie mit ihrer großen Liebe wieder zusammenführen soll? Ausgerechnet auf einer kleinen Insel, auf der sie dem reichen New Yorker nicht aus dem Weg gehen kann?
Aber Moment: Christopher ist nicht allein. Er hat eine neue Frau an seiner Seite. Emma findet sich in einem Liebesdreieck wieder, aus dem sie nicht mehr so einfach herauskommt.
© 2021/2024 Marie Komenda
Impressum
»Was soll das heißen? Wieso gilt eine Person erst nach vierundzwanzig Stunden als vermisst? Haben Sie denn nicht richtig zugehört? Meine Verlobte wurde ganz offensichtlich entführt.« Christopher war außer sich. Seine Stirn war nass vom Angstschweiß, seine Hände zitterten und er versuchte unermüdlich die Panik, die sich in seinem Inneren breitgemacht hatte, zu unterdrücken.
»Es wurde keine Entführung aus dem Kino gemeldet …«, entgegnete der diensthabende Officer des New York Police Department und blätterte in seinem Notizbuch. Er warf seinem kahlköpfigen Kollegen einen vielsagenden Blick zu. Der junge Polizist machte nicht gerade den Eindruck, als hätte er den Ernst der Lage begriffen. Im Gegenteil. Er schien genervt zu sein und das machte Christopher nur noch wütender. Doch er atmete tief durch und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Dann versuchte Christopher es mit einem versöhnlicheren Tonfall: »Hören Sie, Officer …?«
»Specter.«
»Na gut, Officer Specter. Ich kann mir vorstellen, dass Ihr Job echt hart ist und vermutlich haben Sie jeden Tag mit irgendwelchen Idioten zu tun, die Ihnen das Leben schwer machen. Aber ich bitte Sie von ganzem Herzen, die Mitarbeiter und Besucher im Kino noch einmal zu befragen. Oder Sie sehen sich erneut die Videos der Überwachungskameras an. Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass irgendjemand meine Verlobte Emma entführt haben muss. Sie saß gerade noch neben mir und dann …«
Der Officer verdrehte genervt die Augen. Er klappte seinen Notizblock zu und zog sich dann mit einer höchst unerotischen Bewegung, die man nur bei Polizisten sah, die Hose hoch. Dabei gab er ein seltsames Grunzen von sich, als er seinen Bauch einzog, der sich bereits unter der Uniform abzeichnete und später einmal eine typische Streifenwagen-Figur hervorrufen würde. Der Genuss von unzähligen Donuts und literweise Softgetränken hinterließ ausgerechnet bei den Menschen ihre Spuren, die eigentlich fit und agil sein mussten, um die Straßen New Yorks vor Gefahren schützen zu können.
Christopher verzog bei dem Anblick das Gesicht und fragte sich im selben Moment, wie jemand wie dieser Kerl bei einer Entführung überhaupt helfen könnte.
»Dann schildern Sie mir doch bitte noch einmal den Abend.« Noch während er sprach, verdrehte der Officer die Augen. Sein kahlköpfiger Kollege, der die ganze Zeit keinen Ton gesagt hatte, gab Specter ein Handzeichen und entfernte sich.
Christopher schloss für eine Sekunde die Augen, um den Abend innerlich noch einmal Revue passieren zu lassen. Er wollte sich von der unausstehlichen Art der Polizisten nicht einschüchtern lassen. Hier ging es immerhin um die Liebe seines Lebens. Er atmete tief ein und wiederholte dann mit ruhiger Stimme die Geschehnisse des Abends. »Wir sind gemeinsam ins Kino gegangen und wollten uns in Saal 5 diesen neuen Action-Film ansehen. Wir haben uns die Karten gekauft, auf dem Weg zum Vorstellungssaal noch Getränke und Popcorn geholt und … kurz bevor der Film dann angefangen hat, sagte meine Verlobte, Emma, dass sie nochmal schnell zur Toilette müsse. Und seitdem habe ich sie nicht wiedergesehen.« Seine Stimme brach beim Gedanken daran, dass Emma so plötzlich verschwunden war.
Office Specter überprüfte den Hergang noch einmal mit einem Blick auf seine bereits getätigten Notizen, steckte das kleine Büchlein dann wieder weg und faltete die Hände vor dem Bauch. Er sagte nichts.
»Das kann doch nur eine Entführung sein«, wiederholte Christopher drängend. »Oder sehen Sie das etwa anders?«
»Jetzt hören Sie mir mal zu, Mister Coleman. Ich mache diesen Job zwar noch nicht sehr lange, aber ich kann Ihnen sagen, dass hier keine Anzeichen einer Entführung vorliegen. Niemand hat etwas Verdächtiges gesehen oder gehört und die Bilder der Überwachungskameras zeigen auch keine Auffälligkeiten. Also werden wir etwas abwarten und erst, wenn sie nach vierundzwanzig Stunden noch immer nicht aufgetaucht ist, werden wir eine Vermisstenanzeige aufgeben.« Er stand mit herausgedrückter Brust und den Händen in den Hosentaschen vor Christopher und warf ihm einen Blick zu, der ihn wohl in die Schranken weisen sollte.
»Aber …«, versuchte es Christopher erneut. Doch der Polizist hob nur die Hand, nickte einen kurzen Abschiedsgruß und drehte sich schließlich weg. Christopher sah ihm nach, wie er davon watschelte, wie eine Ente, die gerade viel zu viel gegessen hatte und sich nun ein ruhiges Plätzchen zum Schlafen suchte.
»Das darf doch nicht wahr sein!«, fluchte Christopher und stürmte wütend aus dem Kino.
Als er durch die kühlen Straßen New Yorks lief, herrschte eine gähnende Leere in seinem Kopf. Er wusste nicht, wo er hingehen sollte, wusste nicht, was er tun sollte. Alles, was er wusste, war, dass seine Verlobte, die Liebe seines Lebens, seine beste Freundin, seine Vertraute, spurlos verschwunden war. Sie reagierte auf keinen Anruf, schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Klar, in New York gab es jeden Tag Verbrechen und Kriminalität. Doch er hätte nie gedacht, dass ihm so etwas einmal passieren würde. Es musste einfach ein Verbrechen sein. Einen anderen Grund für Emmas plötzliches Verschwinden konnte sich Christopher nicht vorstellen. Alles andere ergab keinen Sinn. Er war sich sicher, dass sie aus irgendeinem Grund ins Fadenkreuz von Kriminellen geraten waren. Aber wie hatte das nur passieren können?
Er zerbrach sich den Kopf darüber und war sich sicher, dass die Tat ihm galt. Er grübelte, wer ihm etwas Böses anhaben wollen würde, welchen Grund es geben würde, seine immer freundliche und zuvorkommende Verlobte entführen zu wollen. Vielleicht hatte es gar nichts mit ihm persönlich zu tun. Vielleicht hatte seine Mutter mit Kriminellen Geschäfte gemacht und er musste nun dafür büßen?
Als er merkte, dass seine Gedanken immer weiter ins Absurde glitten, schüttelte er den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben.
Dann wurde er durch das aufdringliche Klingeln und Vibrieren seines Telefons zurück in die Realität geholt. Hektisch griff er in seine Taschen. Sofort dachte er daran, dass der Anruf von Emma kommen musste. Ein schneller Blick auf das Display erstickte die Hoffnung jedoch im Keim.
»Hallo Mom«, seine Stimme war voller Enttäuschung.
»Christopher, Schätzchen. Du klingst ja grauenvoll. Ist etwas passiert?«
»Sie ist verschwunden.«
»Wer?«
»Emma. Mom, sie ist entführt worden. Wir waren eben noch im Kino und plötzlich war sie weg … und die Polizei will mir nicht helfen und ich …«, er musste den Satz abbrechen, um die Tränen aus Sorge, Wut und Frustration hinterzuschlucken. Der Kloß in seinem Hals schnürte ihm die Kehle zu.
Seine Mutter wurde am anderen Ende der Leitung ganz still und dass sie seine Verzweiflung nicht widerspiegelte, machte Christopher noch unruhiger. »Schätzchen, beruhige dich. Ich bin mir sicher, dass es dafür eine ganz einfache und plausible Erklärung gibt. Wo bist du gerade?«
Christopher hob den Arm und winkte ein Taxi herbei. »Ich bin auf dem Weg nach Hause. Ich werde nachsehen, ob ich irgendwelche Hinweise finde und dann werde ich direkt ins Police Department gehen. Es kann doch nicht sein, dass die sich weigern, mir zu helfen. Das darf doch nicht wahr sein.«
Die Stimme seiner Mutter klang nüchtern: »Entführung? Gab es denn Anzeichen dafür?«
»Nein ... keine Ahnung, was weiß ich! Ich arbeite nicht bei der Spurensicherung!«, antwortete er zerknirscht und wiederholte im Geiste die Fakten, die der unfähige Polizist ihm genannt hatte.
»Geh nach Hause und ruh dich erst einmal aus. Vielleicht meldet sich Emma ja in der Zwischenzeit. Und wenn nicht, kannst du in den nächsten Stunden sowieso nichts machen. Die Polizei wird dir schon helfen, sofern es tatsächlich einen kriminellen Hintergrund geben sollte.« Mit diesen Worten beendete Olivia Coleman das Gespräch.
Christopher stieg ins Taxi und gab dem Fahrer die Adresse. Seine Mutter war schon immer eine sehr beherrschte und eigensinnige Person gewesen. Sie bewahrte stets die Fassung und ließ nur selten ihre Emotionen nach außen dringen. Sie zeigte den Menschen in ihrer Umgebung nicht, was sie fühlte oder dachte, nicht einmal ihre Familie wusste immer über die Gefühlswelt von Olivia Bescheid. Doch es verletzte Christopher, dass seine Mutter nicht einmal in einer solchen Situation Mitgefühl zeigen und ihren Sohn emotional unterstützen konnte. Es mochte an ihrem Elternhaus liegen, an ihrem gesellschaftlichen Stand oder auch einfach daran, dass man in dieser Familie grundsätzlich lieber über Geld statt über Gefühle sprach. Doch in eben diesem Moment hätte sich Christopher nichts sehnlicher gewünscht, als ein paar tröstende Worte aus dem Mund seiner Mutter zu hören.
Die Fahrt zur 76. Straße kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Mehrfach bat er den Taxifahrer, schneller zu fahren, doch der Verkehr an diesem Abend war dicht und ein Durchkommen nur mühsam. Nervös zappelnd saß Christopher auf der Rückbank und tippte mit seinem Zeigefinger unerlässlich auf seine Schenkel. Endlich hielt das Taxi an, Christopher riss noch während der Fahrt die Tür auf und stolperte aus dem Fahrzeug.
Das Gebäude war hoch, überragte jedoch nicht die naheliegenden Fifth Avenue Apartments. Es war ein schönes Gebäude, edel und bewohnt von kultivierten Menschen, deren Konten voller Geld waren.
»Guten Abend, Sir«, wurde er freundlich von William, dem Nachtportier begrüßt.
Unhöflich fuhr Christopher ihn an: »Haben Sie meine Verlobte heute Abend schon gesehen?«
Der Portier sah verwirrt aus und runzelte die Stirn.
Christopher legte seine Hände auf den schneeweißen Marmor des Empfangstresens und blickte William erwartungsvoll an. »Hören Sie mir zu? Ist Emma heute Abend schon hier gewesen?«
»Nein, Sir. Das heißt, ich kann es nicht mit Gewissheit sagen, denn ich habe mir zwischendurch kurz einen Kaffee geholt und da war der Eingangsbereich für wenige Minuten unbesetzt, aber wirklich nur sehr kurz«, stotterte William und das schlechte Gewissen stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Christopher war fassungslos.
Wieso musste sich William ausgerechnet an diesem Abend einen Kaffee holen? Wieso musste er ausgerechnet an diesem Abend seinen Job nicht richtig machen?
»Das heißt, Sie wissen es nicht?«, Christopher zog hörbar die Luft ein, sein Puls beschleunigte sich. William war die einzige Möglichkeit gewesen, schnell zu erfahren, ob sie vielleicht bereits zu Hause war.
»Ich … ich habe … also eventuell habe ich es nicht bemerkt«, sagte William und schluckte merklich. Christopher konnte dem Portier ansehen, dass er genau in diesem Moment Angst um seinen Job hatte. Doch es war ihm egal. Wenn dieser Mann nicht einmal in der Lage war, einen Eingang zu bewachen, dann hatte er diese Angst verdient.
Christopher verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein. »Wie bitte? Ist es denn nicht Ihre Aufgabe, zu bemerken, wer hier das Haus betritt und verlässt?«
»Sir, ich … es tut mir leid.« Noch bevor William seinen Satz beendet hatte, machte Christopher auf dem Absatz kehrt, stürmte Richtung Fahrstuhl und penetrierte den Rufknopf. Mit einem Pling glitten die Türen auf, er sprang hinein und drückte mehrmals auf die kleine Taste mit der 10, als könnte er so die Tätigkeiten des Fahrstuhls beschleunigen.
Emma und er lebten zusammen in einer großen Penthouse-Wohnung in bester Lage New Yorks. Die Wohnung war mehr als nur ihr Zuhause. Es war ihr Zufluchtsort, ihre Liebeshöhle, ihr Palast, in dem sie sich vor dem Rest der Welt und all den langweiligen, gesellschaftlichen Verpflichtungen der Familie Coleman verstecken konnten. Von der großen Fensterfront im Wohnzimmer hatte man einen herrlichen Blick auf den Central Park. Emmas Lieblingsort. Das war Christophers Hoffnung. Er betete, dass er Emma vor dem großen Fenster finden würde. Er hoffte, dass sie dort stehen und den Ausblick genießen würde, so wie sie es am liebsten tat. Es wäre ihm egal gewesen, warum sie das Kino ohne ihn so plötzlich verlassen hatte, er wollte nicht einmal eine Begründung hören. Das Einzige, was zählte, war, dass er sie wieder in seine Arme schließen konnte. Das war alles, was er wollte.
Als der Aufzug endlich im zehnten Stockwerk anhielt, quetschte sich Christopher bereits durch den ersten Spalt, den die beiden Türen freigaben, und lief nervös durch die Wohnung.
»Emma? Liebling, bist du da?« Wieder und wieder rief er nach ihr. Hoffte, dass sie ihm gleich antworten würde. Hoffte, dass ihre Stimme ihn gleich aus diesem Albtraum der Ungewissheit wecken würde und er sie endlich wieder in seine Arme schließen konnte.
Doch es kam keine Antwort.
Er hastete ins Schlafzimmer, öffnete jede Schublade und jeden Schrank mit der Hoffnung, etwas zu finden, dass ihr Verschwinden erklären würde. Doch die Hoffnung war vergebens. Erschöpft ließ er sich auf das große Bett fallen.
Was, wenn sie tot war? Könnte es tatsächlich sein, dass sie jemand entführt und umgebracht hatte? Er wollte diesen Gedanken nicht haben, wollte nicht, dass dieser Schrecken durch seinen Kopf spukte, aber er konnte einfach nicht anders. Die Angst, Emma verloren zu haben, raubte ihm fast den Atem.
Er war sich sicher, dass er sie nie wiedersehen würde. Sein schlimmster Albtraum war zur Realität geworden. Nie hatte er sich ausgemalt, dass ihm so etwas einmal widerfahren könnte. All die Filme, die er im Kino über solche Ereignisse gesehen hatte, schlossen mit einem Happy End ab. Der Mann wuchs über sich hinaus, entwickelte ungeahnte Kräfte, rettete seine Frau aus den Fängen des Bösen und wurde schließlich als Held gefeiert. Doch Christopher sah für sich kein Happy End. Er fühlte sich machtlos, kraftlos und verloren. Er drehte sich auf den Rücken und massierte seine pochenden Schläfen.
Da hörte er plötzlich etwas unter sich knistern. Er stand auf und drehte sich um. Da lag ein kleines Stück Papier und daneben ein Ring. Er kannte den Ring. Es war Emmas Verlobungsring. Der Ring seiner Großmutter, den er Emma voller Liebe und Versprechen damals an den Finger gesteckt hatte.
Er griff danach, drehte den Ring in seinen Händen. Dan wanderte sein Blick wieder zum Papier. Es war ein Brief, handgeschrieben und an ihn adressiert. Mit zitternden Händen entfaltete er das Papier und las.
Geliebter Christopher,
ich werde dir jetzt das Herz brechen und ich weiß, dass ich mich für den Rest meines Lebens dafür hassen werde. Ich kann dich nicht heiraten und ich kann auch nicht mehr mit dir zusammen sein.
Bitte versuche nicht, mich zu finden. Das würde alles nur schlimmer machen.
Es geht mir gut.
Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du darüber hinwegkommst und glücklich wirst. Denn das hast du verdient.
Aber ich kann nicht Teil dieses Glückes sein.
Ich hoffe, dass du mir das irgendwann verzeihen kannst.
In Liebe, Emma.
Sein Herz brach, er konnte es hören. Jedes einzelne Knacken, jeder Riss, jedes Stück, das sich löste und herunterfiel, hallte in seiner Brust wider. Er hatte das Gefühl, als würde ihm die Luft wegbleiben.
Wie konnte das nur sein? Es musste sich um einen Irrtum handeln. Sie wollten doch heiraten. In fünf Wochen wollten sie heiraten. Alles war schon organisiert, alle Einladungen waren verteilt, das Essen war ausgesucht und die gemeinsame Zukunft war geplant.
Alles war perfekt organisiert.
Doch plötzlich war in seinem Kopf nur noch ein großes Loch. Er wünschte sich, dass er aufwachen würde und das alles nur ein schlimmer Traum war. Vielleicht steckte sein Trauzeuge Marcus dahinter, vielleicht war es ein blöder Streich, den sie sich gemeinsam ausgedacht hatten, um ihn vor der Hochzeit aus der Reserve zu locken. Ja, es war mit Sicherheit ein Spaß von Marcus, seinem besten Freund. Nur ihm würde er so einen geschmacklosen Scherz zutrauen. Ein Spaß, der in ihm jedoch kein Lachen, sondern bitteren Schmerz ausgelöst hatte.
Er wollte Marcus anrufen, wollte ihm sagen, dass das eindeutig zu weit ging. Er wollte ihn anschreien, wie er als sein bester Freund und Trauzeuge nur so grausam zu ihm sein konnte. Christopher griff in seine Taschen und suchte wild nach seinem Telefon, doch dann fiel sein Blick wieder auf den Brief und er sah eine nasse Stelle am unteren Rand.
Es war eine Träne.
Eine Träne, die sich aus ihren Augen gelöst hatte, als sie den Brief geschrieben hatte.
Es war ihre Träne.
Und tief in seinem Inneren wusste er, dass das der Wahrheit entsprach. Die Wahrheit stand auf diesem Blatt Papier, das in seinen zitternden Händen lag.
Er öffnete die Finger und der Brief glitt zu Boden.
Seine Welt lag in Scherben.
Ich hatte in meinem Leben bereits unzählige Sonnenaufgänge gesehen, hatte mir manchmal sogar extra einen Wecker gestellt, um das Spektakel nicht zu verpassen. Jedes Mal, dachte ich, dass das nun der perfekte Sonnenaufgang wäre, dass es keinen mehr geben würde, der schöner werden könnte.
Doch ich hatte mich getäuscht.
Weder während meiner Zeit an der amerikanischen Westküste, noch auf Hawaii hatte ich den perfekten Sonnenaufgang gesehen. Denn perfekte Sonnenaufgänge gab es nur hier – auf den Malediven. Als ich im Januar auf die Insel Kusamari gekommen war und hier den ersten Sonnenaufgang erlebt hatte, war ich so gerührt gewesen, dass ich die Tränen nicht zurückhalten konnte. Es hieß immer, die Natur schaffe die schönsten Dinge und als Kind hatte ich nie verstanden, was das eigentlich bedeuten sollte. Doch dieser eine Sonnenaufgang hatte buchstäblich mein Leben verändert.
Als ich auf die Malediven gekommen war, war ich noch ein anderer Mensch gewesen. Ich war geprägt von meiner Vergangenheit, hatte lange Zeit mit einem gebrochenen Herzen zu kämpfen und obwohl ich nach außen hin den Schein wahren wollte, so hatte ich doch innerlich eine Leere, von der ich lange Zeit nicht wusste, wie ich sie füllen sollte. Drei Jahre lang trug ich diese Leere in mir, die an manchen Tagen so schwer wog, dass ich Angst hatte, sie würde mich verschlingen. Natürlich hatte ich auch schöne Momente, glückliche Momente, Augenblicke, in denen ich gelacht hatte und versucht hatte, das Leben zu genießen. Doch ich hatte lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass mein altes Leben vorbei war und ich von vorne anfangen musste.
Doch dann bekam ich dieses Jobangebot als Animateurin auf dieser traumhaften Insel und alles änderte sich. Ich konnte tatsächlich behaupten, dass die Malediven mein Leben gerettet hatten.
Seit diesem Tag stand ich so gut wie jeden Morgen um 5 Uhr auf, ging zu dem langen Holzsteg auf der Ostseite der Insel und sah zu, wie sich die Sonne über dem endlos erscheinenden Horizont erhob. Ich genoss jede Sekunde, sog das Farbenspiel in mir auf, als würde ich es zum ersten Mal sehen und beobachtete, wie das Schwarz des Meeres sich langsam in ein dunkles Blau verfärbte. Wie der Himmel erst feuerrot, dann orange und schließlich hellblau wurde, und sog dabei eine klare und frische Luft in meine Lungen, wie ich sie nie zuvor erlebt hatte. Bereits nach kürzester Zeit hatte ich mein Herz an die Malediven verloren. Jeder Tag auf Kusamari war ein neues Geschenk für mich. Denn mit dem Aufgang der Sonne schien alles, was mir auf der Seele lag, alle Sorgen des Alltags, bedeutungslos. Es war, als würde ich jeden Tag aufs Neue die Chance bekommen, das Beste aus meinem Leben zu machen, mich neuen Herausforderungen zu stellen, neue Wege zu gehen und mich selbst und meine Wünsche für die Zukunft zu erforschen.
Mein Herz war so leicht wie seit Langem nicht mehr. Mit jedem Tag wurde das Lächeln auf meinen Lippen breiter. Ich war einfach glücklich. Und ich war nicht die Einzige, der es so ging. Tag für Tag beobachtete ich zahlreiche Touristen, die ebenfalls in aller Früh aufstanden, um das Naturschauspiel zu sehen und diesen Moment in sich aufzusaugen. Teilweise saßen Liebespaare Arm in Arm am Strand und genossen die Stille, andere hatten Kameras mit großen Teleskopen und Stativen dabei, um das perfekte Foto zu schießen. Doch alle hatten eines gemeinsam: Sie waren still, voller Ehrfurcht und niemand wollte derjenige sein, der diesen magischen Moment stören wollte. Es waren die schönsten Minuten des Tages, bevor der Trubel auf der Insel begann.
Auch an diesem Morgen saß ich am Steg, lauschte dem sanften Rauschen der Wellen, die sich im feinen Sand brachen und verfolgte den Verlauf der Sonne, als sich Amira neben mich setze und mich in den Arm nahm.
»Ich wusste doch, dass ich dich hier finde, Emma«, flüsterte sie mir auf Englisch mit ihrem zuckersüßen österreichischen Akzent ins Ohr und drückte mir einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange.
Ich zwinkerte ihr zu und legte den Zeigefinger auf die Lippen, um ihr zu signalisieren, dass sie diesen Moment nicht stören durfte. Gemeinsam saßen wir schweigend da und blickten auf das Meer.
Amira war für ein Jahr auf den Malediven als Meeresbiologin angestellt. Zu ihren Aufgaben gehörten neben den regelmäßigen touristischen Ausflügen auch die Aufklärung der Gäste über die Meeresbewohner und das empfindliche Ökosystem unter der Wasseroberfläche. Ihr Vertrag galt anfangs nur für sechs Monate, doch auch sie hatte sich so in die Insel verliebt, dass sie ihren Vertrag auf ein Jahr verlängerte, um hier ihren Traum leben zu können und Leidenschaft, Urlaub und Arbeit miteinander verbinden zu können. Immerhin: Wie viele Leute konnten das schon von sich behaupten?
»Heute geht es wieder zu den Mantarochen«, merkte sie an, als wir ein paar Minuten später Richtung Frühstücksbuffet schlenderten. Da der Platz auf den Inseln begrenzt war, konnten wir Angestellten ebenfalls in den Restaurants des Hotels essen, zwar etwas abseits der Gästetische, aber dennoch mit derselben kulinarischen Auswahl und demselben herrlichen Blick aufs Meer. Ein weiterer Pluspunkt für diesen Arbeitsplatz.
»Ich freue mich schon so darauf. Du weißt, das ist mein liebster Ausflug der Woche.«
Mein Job war unglaublich. Nie hätte ich gedacht, dass mir die Zeit auf den Malediven so viel Freude bereiten würde. Dabei war ich nur durch Zufall überhaupt auf die Insel gekommen. Jackie, meine Freundin, mit der ich mir in San Francisco eine Wohnung geteilt hatte, erzählte mir eines Abends von einem Artikel, in dem die schönsten Arbeitsplätze der Welt vorgestellt wurden. Unter anderem waren dort auch die Malediven aufgeführt. Da ich zu der Zeit nicht wusste, was genau ich wollte, in welche Richtung ich mein Leben lenken sollte und schlicht und einfach einen Tapetenwechsel nötig hatte, informierte ich mich darüber. Es klang interessant, jedoch hatte ich damals ein völlig falsches Bild im Kopf.
Ich hatte an überfüllte All-Inclusive-Hotels gedacht, mit vielen schreienden Kindern und peinlichen Rentnern, die ich am Pool dazu animieren müsste, Spiele zu spielen, bei Wasserschlachten mitzumachen oder sie mit einem schlecht synchronisierten Tanz zur Hotelhymne bei Laune zu halten. Zum Glück entsprach das nicht der Realität, wie ich bereits nach kurzer Recherche feststellen konnte.
Schließlich hatte ich die befristete Stelle auf Kusamari gefunden und die Chance ergriffen. Und ich war jeden Tag dankbar darüber, dass ich es gewagt hatte.
Ich hatte großartige Kollegen aus aller Welt, brachte unerfahrenen Urlaubern das Schnorcheln bei und konnte jeden Tag die Unterwasserwelt erforschen. Ich sah meine Zeit hier nicht als Job an, sondern als Therapie, als Heilung für Leib und Seele. Heilung von dem, was ich in meiner Vergangenheit erfahren hatte, in meinem früheren Leben, das mir nun vorkam, als wäre es das Leben eines anderen Menschen gewesen.
»Wir müssen los«, riss mich Amira aus meinen Gedanken, warf einen Blick auf ihre Uhr und wir machten uns auf den Weg zum Dive Center zur täglichen Besprechung, der Zentrale für alle Tauch- und Schnorchelausflüge auf der Insel.
»Ich wünsche euch allen einen wunderschönen guten Morgen«, sagte Akhila, der Leiter des Dive Centers. Er war die Freundlichkeit in Person, hatte immer ein Lächeln im Gesicht und ich kannte keinen Menschen, der seinen Job so sehr liebte, wie Akhila es tat.
Seit fast acht Jahren lebte der gebürtige Inder auf Kusamari und hatte das Dive Center fest im Griff. Er war immer der Erste, der morgens aufstand und joggte noch vor dem Frühstück eine Runde um die Insel. Er öffnete das Dive Center, überprüfte die Ausrüstungen und abends war er der Letzte, der zurück ins Wohnhaus ging. Seine Begeisterungsfähigkeit war ansteckend und er hatte immer eine tolle Geschichte von seinen unzähligen Tauchgängen auf Lager. Ich hörte ihm gerne zu und er machte es einem leicht, einen langen Arbeitstag zu überstehen.
»Um elf Uhr startet der Ausflug zu den Mantarochen. Amira, ist dein Team für heute startklar?« Akhila ließ seinen Blick durch die Truppe gleiten.
»Ja«, antwortete Amira mit einem Nicken.
»Ich habe die Liste mit den angemeldeten Gästen schon auf den Tisch gelegt.«
Ich liebte unsere kleine Crew rund um Amria und hatte bereits nach kurzer Zeit jeden Einzelnen von ihnen ins Herz geschlossen. Wir machten jeden Ausflug zusammen als Team, alle wussten genau, was sie zu tun hatten. Was mich am meisten beeindruckte war, dass hier jeder von jedem mit Respekt behandelt wurde. Die Angestellten untereinander waren so nett und freundlich und es gab so gut wie nie Streitereien. Es wurde auch nicht hinterfragt, welcher Religion man angehörte, aus welchem Land man kam oder wieso es einen auf die Malediven verschlagen hatte. Die Vergangenheit zählte nicht, sondern lediglich wer du jetzt in diesem Moment warst.
»Heute Abend gehen die beiden Boote dann noch raus für die Sunset Cruise. Jay, machst du das mit deinen Jungs?«
Jay nickte und sammelte seine Crew ein, um sich bis dahin anderen Aufgaben zu widmen.
Die Besprechung löste sich auf.
Ich ging zum Tisch und checkte auf der Liste, wie viele Touristen sich für den Schnorchelausflug angemeldet hatten.
»Hoffentlich sind dieses Mal nicht wieder so viele Nichtschwimmer dabei«, sagte Amira und verdrehte die Augen, als sie einen Blick auf die Liste warf.
»Das ist immer so blöd. Ich verstehe das gar nicht. Wenn ich nicht schwimmen kann, dann melde ich mich doch nicht zu einem Schnorchelausflug an, oder? Was glauben die Leute denn, was wir da machen?« Verständnislos schüttelte ich den Kopf.
Einmal hatten wir eine Handvoll Urlauber mit auf dem Boot, die uns erst kurz vor dem Ziel sagten, dass sie nicht schwimmen konnten. Sie hatten keinerlei Schwimmhilfen dabei und eine Frau erzählte uns, dass sie noch nie einen Fuß ins Meer gesetzt hatte. Ich war fassungslos und versuchte, ihnen im Schnelldurchlauf zu erklären, was sie zu tun hatten. Immerhin sprangen die meisten relativ unerschrocken ins tiefe Blau und hatten auch kaum Probleme damit, durch den Schnorchel zu atmen. Doch schon nach wenigen Minuten mussten wir abbrechen und die Nichtschwimmer ins Boot zurückholen, denn sie verursachten so viel Lärm mit ihren Flossen und ihren Schreien, dass sie die scheuen Mantarochen vertrieben. Ein Desaster für alle anderen Teilnehmer, die teilweise extra auf die Malediven gekommen waren, um einmal mit diesen wunderschönen Rochen durch das Wasser gleiten zu können.
»Wir sollten wieder vorab fragen, wer schwimmen kann und wer nicht. Sonst endet das wieder in einer Katastrophe«, merkte ich an und band mein langes, braunes Haar zu einem lässigen Knoten zusammen. Amira nickte zustimmend.
Als wir um viertel vor elf die Teilnehmerlisten und unsere Schnorchelausrüstung holten, standen an dem Steg, an dem ich am Morgen noch den Sonnenaufgang gesehen hatte, die Touristen bereits Schlange. Der Steg war nicht sehr breit und etwa fünfzehn Meter lang. Am Ende des Holzstegs führte eine kleine Treppe ins Wasser und ermöglichte so einen bequemen und schnellen Einstieg zum Hausriff. Der Steg unterteilte den Strand an dieser Stelle in zwei Gebiete. Auf der einen Seite war der Bade- und Schnorchelbereich und auf der anderen Seite legten die Boote ab. Alles war mit Seilen und Bojen gekennzeichnet und die Touristen wussten glücklicherweise automatisch, dass man nicht jenseits der Seile schwimmen durfte.
Die rund zwanzig Urlauber, die sich für diesen Ausflug angemeldet hatten, warteten darauf, dass wir ihre Namen vorlasen und sie mit Hilfe der Crew auf das Boot steigen konnten. In nur wenigen Minuten waren wir startklar und legten ab.
Das Meer war ruhig und der Fahrtwind eine willkommene Abkühlung bei den drückend schwülen Temperaturen um die dreißig Grad. Ab und zu, wenn das Boot eine größere Welle nahm, spritze etwas Wasser auf die Touristen und sorgte für eine fröhliche und ausgelassene Stimmung. Nanda, unser Kapitän, drehte die Musik auf und lenkte das Boot lässig aber sicher zum nahegelegenen Atoll. Amira und ich setzten uns vorne aufs Boot und ließen uns die Meeresbrise ins Gesicht wehen. Die restliche Crew verteilte kühle Getränke an die Urlauber.
Vor einem solchen Ausflug war ich immer aufgeregt. Ich konnte es auch nach all den Wochen auf der Insel immer noch nicht glauben, dass ich wirklich dort war. Im Paradies. Das Leben war so einfach und so unbeschwert, so harmonisch und entschleunigt.
Ich zog meine Cap weiter in die Stirn, um mich vor der erbarmungslosen Sonne zu schützen, und schloss die Augen. Welche Tiere wir heute wohl sehen würden? Auch wenn das Atoll für seine Vielzahl an Mantarochen bekannt war, so gab es doch nie eine Garantie dafür, dass man auch tatsächlich auf sie traf. Denn es waren wilde Tiere, die ihren eigenen Kopf hatten und denen es egal war, was die Touristen mochten.
Seit ich zum ersten Mal mit den Mantas geschwommen war, hoffte ich auf einen Walhai. Denn Akhila hatte mir an einem Abend erzählt, dass es zwar nur sehr selten vorkomme, er aber an diesem Atoll auch schon einen Walhai gesehen hatte. Doch leider hatte ich dieses Glück bisher noch nicht gehabt. Ich träumte davon, eines Tages mit diesem Giganten der Meere Auge in Auge durch das Wasser zu gleiten.
Nach einer knappen halben Stunde Fahrt verlangsamte Nanda die Geschwindigkeit etwas und Amira ging nach hinten zu den Touristen. »Wir kommen gleich am Atoll an«, sagte sie mit lauter Stimme auf Englisch, um die Motorengeräusche zu übertönen. »Wir werden zuerst nach den Mantas suchen müssen, aber sobald wir welche gefunden haben, gehen wir alle zusammen ins Wasser.« Sie griff nach der Brüstung, um ihr Gleichgewicht besser halten zu können. »Da es sich um wilde Tiere handelt, können wir Ihnen leider nicht versprechen, dass wir Mantas sehen oder wie viele wir sehen werden. Aber selbst, wenn wir keine finden werden, so können wir trotzdem das Riff genießen, denn es gibt noch sehr viele andere Tiere zu sehen.«
Ein allgemeines Raunen ging durch die Menge und ich beobachtete die Gesichter der Gäste. Die Ankündigung, dass es auch sein könne, dass man nicht auf die versprochenen Tiere traf, verursachte bei manchen ein Stirnrunzeln. Das waren vermutlich die Urlauber, die erwarteten, dass in einem Urlaub immer alles zu hundert Prozent nach Plan verlief. Eben die Ich-will-aber-für-mein-Geld-auch-was-sehen-Urlauber.
»Da vorne«, rief mein Kollege Gopal und zeigte auf eine Stelle weiter vorne im Meer. Er lehnte sich an der Spitze des Boots über die Brüstung und es grenzte fast an ein Wunder, dass er nicht ins Wasser fiel. Kiran, unser eifrigstes Crewmitglied, zog bereits die Flossen an und setzte die Taucherbrille auf den Kopf, um vorbereitet zu sein, wenn der Kapitän das Signal gab, dass er ins Wasser springen könnte.
Kiran war bei den Ausflügen immer der Erste, der ins Wasser sprang. Er checkte die Lage, überprüfte die Stärke der Strömung und suchte die Tiere. Und was ebenfalls eine wichtige Aufgabe war: Er hielt Ausschau nach Haien. Auch wenn die Tiere an und für sich nicht gefährlich waren, musste man sein Glück schließlich nicht herausfordern. Erfahrene Taucher und Schnorchler wussten, wie sie mit einem Hai umgehen mussten. Sie wussten, dass man sich ruhig verhalten sollte und, dass der Hai grundsätzlich kein Interesse an ihnen hatte. Doch niemand wusste, wie ein Tigerhai beispielsweise reagieren würde, wenn eine Gruppe aufgeregter und unerfahrener Touristen in sein Revier eindrang und vor lauter Panik plötzlich wild strampelte und brüllte. Da keiner von uns Lust hatte, das herauszufinden, war es Kirans Aufgabe, der Erste im Wasser zu sein und sein »OK« zu geben.
»Da sind noch mehr«, hörte ich wieder Gopal. Ich lehnte mich ebenfalls über die Brüstung und kniff die Augen etwas zusammen, um der Spiegelung der Sonne zu entgehen.
Und da sah auch ich sie.
Große, schwarze Flecken an der Wasseroberfläche, die durch das azurblaue Meer schwebten, wie gigantische Fledermäuse. Augenblicklich beschleunigte sich mein Herzschlag und die Vorfreude stieg.
Hinter mir brach leichte Panik aus, gepaart mit Neugierde und Aufregung. Kameras wurden gezückt und man hörte lauter »Ahs« und »Ohs«. Die Gäste rüsteten sich für den Sprung ins Wasser und verstauten ihre Habseligkeiten in den Taschen unter den Sitzbänken am Rand des Bootes. Lediglich kleine Unterwasserkameras und Telefone wurden mitgenommen, um die atemberaubende Schönheit der Unterwasserwelt für die Ewigkeit festzuhalten.
Kapitän Nanda verlangsamte das Boot auf ein Minimum an Geschwindigkeit und Kiran zog die Brille übers Gesicht und sprang ins Wasser.
»Wir werden gleich nacheinander ins Wasser springen. Für diejenigen, die sich unwohl fühlen, haben wir auch eine Leiter. Bitte beachten Sie, dass es wilde Tiere sind. Versuchen Sie nicht, die Tiere anzufassen. Mantarochen sind sehr scheue Tiere und reagieren empfindlich auf Lärm und hektische Bewegungen. Darum versuchen Sie bitte, ruhig zu bleiben und möglichst wenig mit den Flossen aufs Wasser zu schlagen. Paddeln Sie lieber unter Wasser.« Amira sagte ihren Standardtext auf, den ich mittlerweile selbst schon auswendig konnte. Ich wagte jedoch, zu bezweifeln, dass die Gäste ihr aufmerksam zuhörten, denn alle lehnten sich über die Brüstung und suchten aufgeregt im Wasser nach den Rochen.
»Bitte bleiben Sie zusammen. Wie Sie sehen können, sind wir nicht das einzige Boot hier und wir möchten vermeiden, dass Sie versehentlich mit einem anderen Boot mitfahren. Wenn es ein Problem geben sollte, haben zwei unserer Crewmitglieder Rettungsringe dabei. Wenn Sie sich unwohl fühlen, bleiben Sie bitte in ihrer Nähe.«
»Sind die Rochen giftig? Müssen wir uns vor dem Stachel am Schwanz in Acht nehmen?«, fragte plötzlich eine junge, blonde Frau mit blasser Haut und französischem Akzent. Die Menge hob den Kopf und starrte Amira an.
»Nein, da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Die Rochen sind weder giftig noch gefährlich und sie haben auch keinen Stachel«, antwortete Amira mit engelsgleicher Geduld und einem freundlichen, aber bestimmten Lächeln.
Dann griff sie nach ihrer Brille und streifte sie sich ebenfalls über den Kopf. Sie warf einen Blick zu Kiran, der seinen Kopf aus dem Wasser hob und mit einem Daumen nach oben signalisierte, dass alles in Ordnung war. Amira sagte den Gästen, dass sie nun ins Wasser konnten und einer nach dem anderen sprangen sie in die azurblauen Wellen.
Ich war die Letzte, die das Boot verließ. Zurück blieb nur Nanda, der die Kontrolle über das Boot niemals abgab. In sicherem Abstand fuhr er hinter uns her, sodass er im Notfall ganz in der Nähe war.
Es war immer wieder erstaunlich zu sehen, was sich unter der Wasseroberfläche abspielte. Es war eine völlig andere Welt. Hier war der Mensch nicht das Oberhaupt, sondern ein Eindringling, ein Fremder in einer Welt, die er nicht einmal zur Hälfte verstanden hatte und niemals ganz verstehen würde.
Nachdem die Millionen Sauerstoffblasen, die ich beim Sprung ins Wasser erzeugt hatte, aus meinem Sichtfeld verschwanden, eröffnete sich unter mir, in etwa fünf Metern Tiefe, das Riff. Die Sicht war klar und so konnten wir viele Fische beobachten, die in ihrem Schwarm perfekt abgestimmte und synchrone Bewegungen vollführten. Wir sahen einzelne größere Fische, die auf der Suche nach Nahrung waren oder auch winzig kleine Fische, die aus der Ferne fast kaum zu erkennen waren.
Ich hob den Kopf über Wasser und versuchte, einen Überblick über unsere Gruppe zu bekommen. Alle schwammen nah beieinander und auch unsere beiden Crewmitglieder Hari und Gopal hatten mit den Schwimmhilfen bereits Touristen an ihrer Seite. Das Meer war ruhig und machte den Ausflug zu einem puren Genuss.
Amira winkte mich über der Wasseroberfläche zu sich her, was bedeutete, dass bei ihr die Rochen waren. Also steckte ich meinen Kopf wieder unter Wasser und machte mit den Händen eine Vorwärts-Bewegung, um den Gästen um mich herum zu signalisieren, dass wir in diese Richtung schwimmen mussten. Sie nickten und folgten mir.
Ich war früher nie ein Fan der Unterwasserwelt gewesen. Bevor ich auf die Malediven gekommen war, hatte ich mich nie wirklich dafür interessiert und auch schlicht weg nicht gewusst, was sich unter der Wasseroberfläche alles abspielte. Aber seit meinem ersten Tag auf der Insel hatte sich das komplett geändert. Ich hatte mir jeden Vortrag von Amira im Dive Center angehört, hatte Abend für Abend im Internet recherchiert, mir stundenlang Filme und Dokumentationen über die Vegetation und die Tierwelt im Wasser angesehen und war von Tag zu Tag mehr in dieser Tätigkeit aufgegangen. Das Meer war einfach so vielseitig und alles noch so unentdeckt. Der Mensch fing gerade erst an zu verstehen, wie sich die Weltmeere auf das Gleichgewicht der Erde auswirkten, welche verheerenden Folgen der kommerzielle Fischfang für das empfindliche Ökosystem hatte und wie abhängig Fisch- und Pflanzenwelt voneinander waren. Das ganze Wissen in mich aufzusaugen, war in den vergangenen Wochen wie eine Sucht für mich geworden. Ich verbrachte jeden Abend damit, die spannenden Artikel im Internet zu lesen, und bekam daher oft nur wenige Stunden Schlaf. Und dann auch noch das Glück zu haben, jeden Tag selbst mit dieser geheimnisvollen und atemberaubenden Welt in Berührung zu kommen, war für mich eine unbeschreibliche Freude.
Die Mantarochen waren wie immer unglaublich schön. Die riesigen Planktonfresser zogen ihre Kreise unter und neben uns, sogen das Wasser in ihr Maul und glitten durch den Ozean wie Könige. Die Gäste waren ruhig, schwebten an der Wasseroberfläche und ließen sich von der Strömung treiben, beobachteten die Tiere oder machten Fotos. Ich selbst hielt beinahe die Luft an, weil ich Angst hatte, ich könnte die scheuen Tiere mit meinen bloßen Atemgeräuschen verscheuchen. Es war einer dieser Momente, in denen man einfach nur still sein und genießen musste.
»Das war wirklich großartig, vielen Dank«, sagte eine ältere Dame und griff nach Amiras Hand, als wir nach circa zwei Stunden zurück auf Kusamari waren und die Gäste mit einem breiten Lächeln im Gesicht das Boot verließen.
»Es freut mich, wenn Ihnen der Ausflug gefallen hat«, entgegnete Amira und half der Dame zurück auf den Holzsteg.
Amira und ich schnappten unsere Ausrüstung und gingen zurück zum Dive Center, während die Crew das Boot für die nächste Tour fertigmachte.
»Wieder kein Walhai«, murmelte ich enttäuscht und legte die Teilnehmerliste auf den Tisch.
Amira nahm mir Flossen und Brille aus der Hand und verstaute sie in einer Kiste. »Ich will dich ja nicht enttäuschen, aber ich denke du musst zu einer anderen Insel, wenn du Walhaie sehen willst.«
»Ich weiß.«
»Man kann an einer Hand abzählen, wie oft hier schon welche gesichtet wurden. Du solltest nicht zu viel Hoffnung da hineinsetzen. Außerdem siehst du hier jeden Tag viele andere tolle Tiere. Die wären beleidigt, wenn du sie nur als Trostpreis ansehen würdest.« Amira grinste.
»Nein, so ist es nicht und das weißt du auch. Ich finde es großartig hier und bin über jeden noch so kleinen Fisch sehr dankbar«, sagte ich und überkreuzte die Finger zu einem Ich-schwöre-ich-sage-die-Wahrheit-Zeichen.
»Aber?«
Ich legte den Kopf schief und sah zu Boden: »Naja, es ist nur so, dass Akhila mir erzählt hat, dass er an diesem Atoll bereits einen Walhai gesehen hat und …«
»Und jetzt möchtest du auch zu den wenigen Auserwählten gehören, die hier mit einem Walhai schnorcheln können und das obwohl du erst vor wenigen Wochen das erste Mal überaupt den Kopf unter Wasser gesteckt hast?«, beendete Amira meine Gedanken und hob vielsagend die Augenbrauen.
Ich nickte.
»Du musst das so sehen: Wenn du während deines Aufenthaltes hier keinen siehst, dann hast du doch auf jeden Fall einen wichtigen Grund, um wieder herzukommen.«
»So habe ich das noch gar nicht gesehen, du hast recht«, lenkte ich ein.
»Ich weiß. Ich habe eigentlich immer recht«, entgegnete Amira lachend und klopfte sich selbst auf die Schulter.
