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Wie weit würdest du für deinen Job gehen? Nach ihrem Umzug von Chicago in die entzückende Kleinstadt St. Collin lernt Joanna durch einen Zufall den Außenseiter Sam kennen. Er wohnt in einer alten Gärtnerei und wird von der ganzen Stadt gemieden. Vor Jahren soll er in ein Verbrechen verwickelt gewesen sein. Doch so richtig weiß niemand, was damals genau passiert ist und obwohl er launisch und unfreundlich ist, ist Joanna schnell von seiner Unschuld überzeugt. Im Gegenteil sogar: Je öfter sie sich begegnen, desto größer wird auch die Anziehungskraft zwischen ihnen. Doch als Joannas Vorgesetzte in der Tageszeitung verlangt, dass sie einen Artikel über Sams Geheimnis schreiben soll, weiß Joanna nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Sie muss eine Entscheidung treffen: Karriere oder Liebe?
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Wie weit würdest du für deinen Job gehen?
Nach ihrem Umzug von Chicago in die entzückende Kleinstadt St. Collin lernt Joanna durch einen Zufall den Außenseiter Sam kennen. Er wohnt in einer alten Gärtnerei und wird von der ganzen Stadt gemieden. Vor Jahren soll er in ein Verbrechen verwickelt gewesen sein. Doch so richtig weiß niemand, was damals genau passiert ist und obwohl er launisch und unfreundlich ist, ist Joanna schnell von seiner Unschuld überzeugt. Im Gegenteil sogar: Je öfter sie sich begegnen, desto größer wird auch die Anziehungskraft zwischen ihnen. Doch als Joannas Vorgesetzte in der Tageszeitung verlangt, dass sie einen Artikel über Sams Geheimnis schreiben soll, weiß Joanna nicht mehr, was richtig und was falsch ist. Sie muss eine Entscheidung treffen: Karriere oder Liebe?
© 2023 Marie Komenda
Hier geht es zum Impressum
Meine Geschichte beginnt an einem der schwärzesten Tage meines Lebens. Es war die Beerdigung des Mannes meiner besten Freundin Pamela.
Jerry war ein guter Mann. Ein guter Ehemann, ein guter Vater und ein guter, rechtschaffener Bürger. Er war ein Mann, der sein eigenes Leben für das eines anderen gab. Er war ein Mann, der seinen Beruf so ernst nahm, dass er dafür starb. Ein Feuerwehrmann, der nicht davor scheute, in ein brennendes Haus zu rennen, um einem kleinen Jungen die Chance auf ein zweites Leben zu geben.
Und jetzt war er ein Mann, der ein Loch im Leben so vieler Menschen hinterließ. Ein Loch, das so groß war, dass es mit nichts jemals wieder gefüllt werden konnte.
Als ich Pamela am Grab ihres Mannes sitzen sah, erkannte ich sie nicht wieder. In den letzten zwei Wochen hatte sie so viel geweint, dass ihre wunderschönen haselnussbraunen Augen gerötet und trüb waren. Innerhalb kürzester Zeit hatten sich viele graue Haare in ihre sonst so stylische Kurzhaarfrisur gemischt und ihr eigentlich sportlicher Körper wirkte zusammengefallen und abgemagert. Der ganze Schmerz und all die Trauer lasteten so schwer auf ihren Schultern, dass sie kaum in der Lage war, aufrecht zu gehen. Pamela sah müde aus. Unendlich müde.
Und ihre kleine Tochter, Lilly, ein fröhliches und aufgewecktes Kind, das sich jeden Morgen darauf freute, die Welt neu zu entdecken, saß schweigend neben ihrer Mutter und starrte zu Boden. Als würde sie höchst konzentriert einen Käfer im Gras beobachten. Doch da war nichts. Lilly bewegte sich kaum, sprach nicht. Sie war körperlich anwesend, aber nicht geistig.
Pamela und ich hatten versucht, ihr zu erklären, was passiert war, warum ihr Daddy nicht mehr nach Hause kommen würde. Diese Unterhaltung würde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen können. Ihr bitterliches, schmerzerfülltes Weinen hatte mir das Herz zerrissen.
Dennoch war ich mir nicht sicher, ob Lilly es verstanden hatte. Wie sollte sie auch?
Sie war ein Kind von sieben Jahren, das den ganzen Tag mit ihren Freunden im Garten spielen sollte, lachend die Welt erforschen und unbesorgt sein sollte. Ein Kind, das am Abend zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Vater am Tisch sitzen sollte, während sie sich gegenseitig von den Erlebnissen des Tages berichteten. Doch diese Realität war für Lilly nun keine Option mehr.
Und diese Gewissheit brach mir das Herz. Jeden verdammten Tag. Ich wollte unbedingt helfen, wollte meiner Freundin Pam und ihrer Tochter den Schmerz nehmen, doch ich wusste, dass ich das nicht konnte. Diese Ohnmacht lähmte mich und zerriss mich innerlich.
Es war eine große Beerdigung am Friedhof in St. Collin, einer Kleinstadt am Wheeler Lake im Norden Alabamas. Die halbe Stadt war gekommen, denn Jerry Brown war ein guter Mann gewesen und jeder hatte ihn gemocht.
Familie, Freunde, Nachbarn, sogar der Bürgermeister Phil Harrison war gekommen. Jerrys Kollegen von der Feuerwehr standen in Reih und Glied auf einer Seite des Grabes, ihre Helme in den Armen, die Köpfe zu Boden geneigt.
Es war August und die Sonne brannte erbarmungslos. Der strahlend blaue Himmel lachte uns förmlich aus – eine Trauergemeinde, die den Boden mit Tränen tränkte.
Ich ließ meinen Blick durch die Menge schweifen und fühlte mich fehl am Platz. Nicht, weil ich nicht hier sein wollte, sondern weil die ganze Situation falsch war. Es fühlte sich falsch an, hier zu sein. Es fühlte sich falsch an, um einen Mann zu trauern, der vor wenigen Tagen noch das blühende Leben gewesen war.
Jerry war zu jung zum Sterben. Er war aus dem Leben gerissen worden, und das war nicht fair. Der Tod war nie gerecht und kam immer zu früh, aber dieses Ende traf uns alle besonders hart.
»Danke, dass du da bist, Joanna«, sagte Pamela. Sie griff nach meiner Hand, als Jerry in seine letzte Ruhestätte hinabgelassen wurde. Die Trauergesellschaft löste sich nach und nach auf. Einzeln waren sie zu Pamela und Lilly gekommen, hatten ihnen kondoliert, sie umarmt oder Lilly bedauernd über die Wange gestreichelt. Lilly hatte kein einziges Wort gesagt oder auf die Berührungen der Gäste reagiert. Aber das spielte auch keine Rolle. Nichts spielte mehr eine Rolle.
Ella, Jerrys Mutter, hatte während der gesamten Beerdigung keine Miene verzogen. Sie hatte nicht geweint, was bei vielen Gästen für verständnislose Blicke und unangebrachtes Getuschel gesorgt hatte. Stattdessen hatte Ella einfach nur dagestanden und starr auf den Sarg ihres einzigen Sohnes geblickt.
Aber Ella war keineswegs kalt oder lieblos, sie stand immer noch unter Schock. Bei der Nachricht von Jerrys Tod hatte sie einen Zusammenbruch erlitten und mehrere Tage im Krankenhaus verbracht. Wahrscheinlich waren ihr Körper und ihr Geist schlichtweg noch nicht in der Lage, den Tod ihres geliebten Kindes zu akzeptieren.
Die Tage nach der Beerdigung waren mindestens so schwer wie die Beerdigung selbst. Nein, eigentlich waren sie noch schlimmer, denn im Grunde wurde man erst nach der Beerdigung mit der Realität konfrontiert. Erst dann begriff man, dass dieser Mensch nie wieder durch die Tür kommen würde. Dass dieses eine bestimmte Lachen nie wieder den Raum erfüllen würde. Und bei all der Trauer und den seelischen Schmerzen musste man doch akzeptieren, dass man selbst noch am Leben war. Und für uns, die Hinterbliebenen, musste es irgendwie weitergehen. Und das versuchten wir auch.
Der Alltag, ein Alltag, der nie so werden würde wie zuvor, kehrte langsam ein. Lilly musste zur Schule gehen und einen neuen Rhythmus finden, aber Pamela war kaum in der Lage, sich darum zu kümmern. Sie wusste, dass sie für ihre Tochter da sein musste, aber ihr fehlte die Kraft. Sie hatte noch nicht den richtigen Weg gefunden, mit all der Trauer umzugehen. Die neue Realität war noch zu frisch, also gab ich ihr Zeit.
Jeden Morgen stand ich auf, weckte Lilly, machte ihr Frühstück und brachte sie dann zur Schule. Ich versuchte, so normal wie möglich mit der Kleinen umzugehen, auch wenn es mir jedes Mal das Herz zerriss, wenn ich in ihre gebrochenen Augen sah. Ich erledigte den Haushalt, kochte Mittagessen und am Nachmittag half ich Lilly bei den Hausaufgaben. Anschließend versuchte ich, Lilly mit Basteln, Backen oder Spaziergängen zum Spielplatz abzulenken. Doch es gelang mir nicht, Lilly sprach kaum ein Wort. Jeden Abend kuschelte sie sich zu ihrer Mutter ins Bett, manchmal hörte ich sie zusammen schluchzen.
Pamela hatte überlegt, ihre Tochter für eine Weile zu Hause zu lassen und nicht in die Schule zu schicken. Doch der Trauerberater an der Schule hatte ihr davon abgeraten.
»Es ist wichtig für Lilly, dass sie jetzt wieder den Weg zurück in den Alltag findet, dass sie sich mit ihren Freunden trifft und die vertrauten Routinen hat. So kann sie die Trauer leichter verarbeiten«, hatte man Pamela geraten.
Ich traute mich nicht, das zu hinterfragen. Ich tat einfach das, was man unausgesprochen von mir verlangte. Auch wenn es schwer war. Auch wenn es anstrengend war.
Den ganzen Tag über war ich so beschäftigt, dass ich nie eine ruhige Minute hatte und abends war ich so kaputt, dass ich kaum in der Lage war, mir selbst die Zähne zu putzen. Ich hatte keine Gelegenheit, mir darüber klar zu werden, dass Jerry von uns gegangen war. Aber das war egal. Er war Pamelas Mann gewesen. Für sie musste es unaussprechlich schmerzhaft sein. Ich wagte es nicht, Pamela zu rügen oder ihr zu sagen, dass sie sich gefälligst zusammenreißen müsse, sie hätte schließlich noch ein Kind. Es stand mir nicht zu, ihr zu sagen, was richtig oder falsch war. Sie hatte ihren Ehemann, ihren besten Freund und Seelenverwandten verloren und das war eine Wunde, die niemals vollständig heilen würde.
Kurz nachdem ich die Nachricht von Jerrys Tod bekommen hatte, war ich bei Pamela und Lilly eingezogen. Für mich war es selbstverständlich gewesen, meiner besten Freundin beizustehen. Es war eine außergewöhnliche Situation, Pamela stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch und niemand wusste, wie man am besten mit Lilly umgehen sollte. Ich wollte Pam nicht allein lassen, wollte nicht, dass sie all den Schmerz allein tragen musste. Doch um ehrlich zu sein, war es auch ein klein bisschen Eigennutz.
Denn ich hatte einen Neuanfang nötig. Ich hatte in Chicago gewohnt, dort studiert und schließlich einen guten Job in einer großen Marketing-Agentur erhalten. Ich hatte ein dickes Gehalt bekommen und in einem traumhaft schönen Apartment mit Blick auf die Stadt gewohnt. Ich hatte dort mit meinem Freund gelebt, Benjamin Carter, ein erfolgreicher Immobilienmakler. Wir waren glücklich. Zumindest bis zu dem Tag, als Ben sich plötzlich dazu entschied, seine Assistentin zu vögeln. Und das tat er, wie ich später herausfand, nicht nur ein Mal.
Ich musste also weg aus der Wohnung, wollte Ben hinter mir lassen und hatte mich bereits nach Alternativen umgesehen, als Pamela mich eines Abends anrief und mir unter Tränen erzählte, dass Jerry ums Leben gekommen war.
Sie brauchte meine Hilfe. Doch sie bat mich nicht darum, es war mein Vorschlag.
Ich wusste, dass sie als Alleinverdienerin nicht in der Lage gewesen wäre, das Haus zu halten, und ich wollte ihr die Sorge nehmen, dass Lilly auch noch ihr Zuhause verlieren würde.
Anfangs zögerte sie, wollte mir keine Umstände machen und es war ihr äußerst unangenehm, denn so etwas könne sie schließlich nicht von mir verlangen.
Doch ich musste weg aus Chicago, weg von Ben und wollte auch unbedingt für meine beste Freundin da sein. Darum packte ich meine Sachen und setzte mich in das nächste Flugzeug.
Den Großteil meiner Habseligkeiten ließ ich in der Wohnung zurück, denn zum einen erinnerten sie mich zu sehr an Ben und seinen Betrug und zum anderen wusste ich, dass ich in ein voll möbliertes wunderschönes Haus ziehen würde, und da gab es keinen Platz für weitere Schränke, Tischlampen und Teppiche.
Ich ließ beinahe alles zurück. Nur nicht Max, meinen kleinen Jack Russell-Hund. Den bekam Ben nicht.
Elf Tage nachdem wir ihren Mann zu Grabe getragen hatten, stand Pamela am Morgen zum ersten Mal wieder in der Küche. Sie trug eine Jeans und ein frisches, sauberes Shirt.
»Guten Morgen«, sagte sie mit rauer Stimme und zwang sich zu einem Lächeln.
»Hi«, entgegnete ich, ging auf sie zu und nahm sie in den Arm. Der Duft von süßlichem Duschgel mit Kokosnussöl stieg mir in die Nase. »Wie geht es dir?«
Sie löste sich von mir, hielt mich jedoch weiter am Arm fest und machte eine kurze Pause, als würde es ihr schwerfallen, nach so langer Zeit wieder längere Sätze zu sprechen. »Um ehrlich zu sein, weiß ich das noch nicht.« Tränen bildeten sich in ihren Augen, doch sie versuchte, sie wegzublinzeln.
»Ist schon okay.«
»Aber es muss irgendwie gehen. Für Lilly.«
»Für Lilly.«
Wie aufs Stichwort kam in diesem Moment ihre Tochter die Treppe runter und schlurfte in die Küche. Ich bildete mir ein, ein Funkeln über Lillys Gesicht huschen zu sehen, als sie ihre Mutter erblickte. Ein Zeichen, dass es langsam, aber sicher wieder bergauf gehen würde.
»Hi, Mommy«, begrüßte sie ihre Mutter fröhlich und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Pamela schloss ihre Tochter in die Arme und hielt sie fest. Für einen Moment waren nur sie in diesem Raum. Mutter und Tochter, die nun auf sich gestellt waren und einen Neuanfang wagen mussten.
»Willst du Toast?«
Nach dem Frühstück brachten wir Lilly gemeinsam zur Schule. Die Fahrt mit dem Auto dauerte kaum zehn Minuten, doch an diesem Morgen kam sie mir unwahrscheinlich lang vor. Es war eine komische Situation. Pam und Lilly unterhielten sich beinahe normal, Lilly lachte sogar. Das irritierte mich auf seltsame Art und Weise, ich hatte dieses Geräusch lange nicht mehr gehört und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Stattdessen versuchte ich, es zu ignorieren, und konzentrierte mich auf den Verkehr. Wir parkten vor dem historischen Gebäude aus hellgrauem Stein und wünschten Lilly viel Spaß und einen tollen Tag.
Langsam begriff ich, dass Pamela sich den Rat des Trauerberaters zu Herzen nahm und versuchte, so normal wie möglich mit Lilly umzugehen, sodass sie schnellstmöglich wieder ihren Platz in der Realität finden konnte. Pamela hatte während der gesamten Fahrt gelächelt.
Vielleicht bildete ich es mir auch nur ein, aber ich hatte das Gefühl, dass Lilly an diesem Tag zum ersten Mal beschwingt aus dem Auto gestiegen war und wieder ein kleines bisschen zu dem Mädchen geworden war, das ich kannte.
Doch sobald Lilly durch das Schultor verschwunden war, verlor Pamela ihr Lächeln.
»Was soll ich jetzt machen, Joanna?« Sie lehnte ihren Kopf gegen die Stütze. Ich sah, wie sich Tränen in ihren Augen bildeten. Ein paar Meter weiter parkte ich das Auto am Seitenrand.
»Ich weiß es nicht, Pam. Ich würde dir so gern sagen, dass alles leichter wird, dass du deinen Weg finden wirst … Aber wenn ich ehrlich sein soll, dann hab ich keine Ahnung, wie sich das Leben entwickeln wird.«
Wir schwiegen für einen kurzen Moment, dann griff ich nach ihrer Hand und drückte sie fest. »Aber egal wie, es wird weitergehen. Du schaffst das. Zusammen schaffen wir das.«
Sie drehte ihren Kopf zu mir und sah mich mit ihren glasigen ausgeweinten Augen an. »Danke. Ohne dich wären Lilly und ich verloren.« Der kraftlose Gegendruck ihrer Hand war kaum mehr als ein Windhauch.
Ich kannte Pamela schon mein ganzes Leben lang. Wir wuchsen in derselben Straße in Nashville, Tennessee, auf und zusammen mit einer ganzen Bande an Kindern hatten wir damals die Nachbarschaft unsicher gemacht. Obwohl ich über die Jahre den Kontakt zu den anderen unserer Clique verloren hatte, so hatte sich zwischen Pamela und mir eine Freundschaft fürs Leben entwickelt. Selbst als ich nach Chicago zog, um Journalismus zu studieren, hielten wir engen Kontakt.
Ich war dabei, als sie Jerry kennenlernte.
Ich war dabei, als sie heiratete – sogar als ihre Trauzeugin.
Und als Lilly geboren wurde, setzte ich mich in ein Flugzeug und war nur wenige Stunden später im Krankenhaus.
Pamela war die Schwester, die ich nie hatte. Und so erfüllte ihr Schmerz auch mein Herz und wir halfen uns gegenseitig durch diese schwere Zeit.
Es dauerte fast sechs Wochen, bis Pam wieder in der Lage war, sich vollständig um Lilly zu kümmern. Sie hatte jeden Tag Fortschritte gemacht und fand nach und nach den Weg in eine Art Normalität zurück. Das merkte nicht nur ich, sondern auch ihre Tochter. Immer häufiger kam die alte Lilly zum Vorschein, die fröhliche, intelligente kleine Lilly.
Mit jedem Tag, an dem Pamela ein Stückchen weiter zu ihrer alten Kraft zurückfand, fiel ein wenig Last von mir ab und ich war unfassbar erleichtert, als Pamela eines Morgens in der Küche stand und zu mir sagte: »Ich fahre Lilly heute allein in die Schule.«
Das war der Tag, an dem ich krank wurde. Durch all die Belastungen und Anstrengungen der vergangenen Wochen waren mein Körper und Geist auf Hochtouren gelaufen. Ich hatte mir keine Sekunde für mich gegönnt, hatte nie eine Auszeit gehabt und mir selbst eingeredet, dass ich funktionieren müsse. Als die Normalität wieder in das Leben der Browns einzog, fiel alles von mir ab.
Als Pamela an diesem Donnerstagabend vom Einkaufen nach Hause kam, hatte ich mich bereits mehrfach übergeben und lag fiebrig zitternd im Bett.
»O scheiße, du Arme«, sagte Pam mit Sicherheitsabstand zu mir. »Tut mir leid, dass es dich erwischt hat. Ich mach dir einen Tee.«
Dann lief sie in die Küche und ich hörte gerade noch, wie sie Schränke öffnete und das Wasser zum Kochen aufsetzte. Wenige Sekunden später fielen meine Augen zu und zum ersten Mal seit Wochen konnte ich schlafen. Richtig schlafen.
Ich schlief tatsächlich 14 Stunden am Stück und als ich aufwachte, fühlte ich mich fast wie neu geboren.
»Tante Jo, darf ich heute mit Max Gassi gehen?«, fragte Lilly, als sie am nächsten Morgen zu mir aufs Bett sprang. Ich streckte mich und gewann nach und nach meine Kräfte zurück. Es war Samstag und obwohl der Herbst bereits vor der Tür stand, knallte die Sonne schon früh durch die Fenster. Seit Wochen hatte es nicht mehr geregnet und die Hitze ließ uns auch nachts kaum eine Pause zum Durchatmen.
Ich warf einen Blick auf meinen kleinen Jack Russell, der brav neben mir am Boden lag und beinahe unmerklich mit dem Schwanz wackelte. Er hatte das Zauberwort gehört und wartete jetzt gespannt darauf, dass ich ihm ein Zeichen gab und wir nach draußen gehen würden.
»Na schön, aber nicht allein.« Ich strich Lilly eine ihrer dicken braunen Haarsträhnen aus dem kindlich runden Gesicht.
»Stehst du heute auf und gehst mit mir? Geht es dir wieder gut?«
Ich nickte. »Ja, ich denke, es geht mir besser.«
»Und können wir Mommy auch mitnehmen?«
»Ja. Das wäre schön.«
Und dann sah ich einen Geistesblitz in Lillys Augen. »Können wir baden gehen? O bitte, bitte, bitte!«
»Das muss deine Mom entscheiden.«
Lilly sprang augenblicklich auf und hüpfte freudig aus dem Zimmer. »Mommy, gehen wir baden? Bitte. Tante Jo geht es besser«, hörte ich sie durch das ganze Haus brüllen.
Max fühlte sich animiert und lief Lilly schwanzwedelnd hinterher.
Knapp eine Stunde später parkten wir das Auto auf dem bereits gut gefüllten öffentlichen Parkplatz außerhalb der Stadt, schnappten unsere Sachen aus dem Kofferraum und machten uns auf zum Strand.
An diesem Tag war Lilly tatsächlich wieder das Kind von früher. Sie war so aufgeregt, führte Max an der Leine zum Wasser und lachte, als er sich im kühlen Nass wälzte und sie anschließend beim Schütteln nass spritzte. Es war eine wahre Freude, das Kind Lachen zu sehen. Endlich hatte sie ihre strahlenden Augen wieder. Beim Anblick der Kleinen, wie sie mit Max am Wasser tollte, wusste ich, dass wir wieder einen Rhythmus finden würden, einen Weg, um all die Trauer zu überwinden, und den Schmerz auf ein erträgliches Maß zu regulieren.
Pam und ich breiteten die Decken im Schatten aus und legten uns darauf.
»Ein herrlicher Tag heute«, sagte Pam und setzte ihre Sonnenbrille auf.
Lilly hatte ihren Badeanzug an und spielte mit Max am Ufer.
»Jerry hat diesen See geliebt. Wir waren im Sommer fast jeden Sonntag hier«, fügte sie hinzu und beobachtete ihre Tochter. »Das ist das erste Mal, dass wir ohne ihn hier sind.«
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Ich wusste nie, was ich sagen oder wie ich reagieren sollte, wenn Pam von Jerry erzählte. Auf der einen Seite war es gut, dass sie über ihn sprach. Im Internet hatte ich gelesen, dass das bei der Trauerbewältigung half und dass man den Verstorbenen nicht einfach aus seinem Leben streichen sollte. Mal ganz davon abgesehen, dass so etwas vermutlich niemals funktionieren würde. Auf der anderen Seite war ich mir nicht sicher, ob ich die richtige Gesprächspartnerin dafür war. Schließlich hatte auch ich mit der Trauer zu kämpfen, denn Jerry war ein guter Freund gewesen.
»Pam, ich muss dich etwas fragen.« Sie sah mich aufmerksam an. »Hast du dir mal Gedanken darüber gemacht, zu einer Trauergruppe zu gehen?«
Pam drehte den Kopf wieder zu Lilly und schwieg. Sofort bereute ich meine Frage. Es stand mir nicht zu, ihre Art der Trauerbewältigung zu beurteilen. Ich entschuldigte mich für die Frage und für einen Moment herrschte eine angespannte Stille zwischen uns.
»Ich bin bereits bei einer solchen Gruppe angemeldet«, sagte Pam dann, ohne mich anzusehen.
»Tatsächlich?«
»Ich bin angemeldet, war aber noch kein einziges Mal dort.«
»Das hast du gar nicht erzählt. Wieso gehst du nicht hin?«
Pam zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Irgendwie habe ich das Gefühl … Naja, wenn ich zu einer Trauergruppe gehe, dann ist es offiziell, weißt du.«
»Was meinst du?«
»Dann ist Jerry offiziell tot.«
Ich schwieg. Dann rutschte ich ein Stück näher zu ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter.
»Pam«, sagte ich und bemühte mich, möglichst sanft und ruhig zu klingen. »Jerry ist tot. Er wurde beerdigt. Und das ist Wochen her.«
Sie griff nach meiner Hand und drückte sie.
»Ich weiß«, flüsterte sie dann und ich sah, wie sich unter ihrer Sonnenbrille eine Träne löste und auf das Handtuch fiel.
»Bitte geh zu der Gruppe. Ich begleite dich auch, wenn du möchtest.«
»Nein«, sie schüttelte den Kopf. »Das muss ich allein schaffen.«
»Also gehst du?«
Sie zögerte und atmete tief ein und aus. »Ja«, entschied sie und ich wusste, dass sie ihr Wort halten würde.
Als wir später an diesem Tag Lilly nach dem Essen ins Bett gebracht hatten, öffnete Pam eine Flasche Rotwein und wir setzten uns auf die Veranda. Es war eine wunderschöne Nacht und die Grillen erfüllten mit ihrem Gezirpe die klare Luft. Obwohl es tagsüber so heiß gewesen war, war es nun endlich einmal wieder angenehm und ein leichter Wind brachte zusätzlich Abkühlung.
»Ich denke, ich werde nächste Woche wieder arbeiten gehen«, sagte Pam wie aus dem Nichts und ich hätte mich beinahe an meinem Wein verschluckt.
»Wirklich? Das ist großartig.« Dann machte ich eine kurze Pause und sah sie an. »Aber, bist du denn schon so weit? Ich meine emotional …«
»Ja. Wir brauchen das Geld und der Laden ist bereits viel zu lange dicht. Und außerdem lenkt es mich ab. Wenn ich zu Hause sitze, habe ich zu viel Zeit, um nachzudenken und zu trauern. Und bevor du etwas sagen kannst – ja, ich halte mein Versprechen und werde zu der Trauergruppe gehen.«
Pam war gelernte Rechtsanwaltsgehilfin und hatte auch nach Lillys Geburt noch in diesem Bereich gearbeitet. Doch irgendwann hatte sie genug von stupider Sachbearbeitung. Sie war eine leidenschaftliche Bäckerin und träumte schon ihr ganzes Leben von einem eigenen kleinen Laden. Als Lilly dann älter wurde und Pam mehr Zeit hatte, wagte sie den Schritt in die Selbständigkeit und eröffnete in der Stadt einen kleinen Cupcake-Laden. Pam's Pastries. Und es war ein voller Erfolg.
Ich erinnerte mich noch gut an den Tag ihrer Eröffnung vor vier Jahren. Jerry hatte ihr einen riesigen Strauß roter Rosen geschenkt und eine Rede gehalten. Er war so stolz auf seine Frau gewesen, dass er an diesem Tag beinahe geplatzt wäre. Es war immer eine Freude gewesen, die beiden zusammen zu sehen. Ihre Liebe zueinander war so offensichtlich, jeder musste automatisch lächeln, wenn sie Arm in Arm durch die Straßen schlenderten.
»Ich finde es super, dass du wieder arbeiten willst«, bekräftigte ich ihr Vorhaben und hob mein Glas. Pam stieß mit ihrem dagegen und lächelte. Ich hoffte, dass die Arbeit ihr die nötige Ablenkung schenken würde, sodass sie ihre Trauer besser bewältigen konnte.
»Darf ich dich fragen, wie es bei dir weitergehen soll?«, fragte Pam und ich wusste, worauf sie hinauswollte.
Ich hatte vor Wochen meinen Job in Chicago gekündigt und war nach St. Collin gezogen. Seitdem hatte ich mich nicht nach einer neuen Anstellung umgesehen, denn ich war so beschäftigt gewesen, Lilly und Pam zurück in die Normalität zu helfen. In Chicago hatte ich gut verdient und lebte aktuell von meinen Ersparnissen.
»Ich weiß«, nickte ich und stieß hörbar die Luft aus. »Ich brauche einen Job.«
Pamela drehte ihren Stuhl etwas zu mir und stellte ihr Glas auf den kleinen Holztisch, der zwischen uns stand. »Das ist nicht böse gemeint, Jo. Ich hoffe, das weißt du auch. Ich bin dir unendlich dankbar dafür, dass du die letzten Wochen für uns da gewesen bist … Aber wenn wir zu dritt hier weiter wohnen und das Haus halten wollen, dann brauchen wir jeden Cent.«
»Ich weiß.«
St. Collin war nicht sonderlich groß und ich hatte in all den Wochen noch keine Zeit gehabt, um mir die Stadt ausführlich anzusehen.
»Was könnte ich hier denn arbeiten? Habt ihr denn überhaupt Agenturen oder große Unternehmen, für die ich Marketing machen kann?«
»Du hast doch Journalismus studiert. Für die St. Collin News wärst du eine wahre Bereicherung.«
Ich rümpfte die Nase. »Ich soll für diese winzige Tageszeitung arbeiten? Wie viele Abonnenten haben die? Zwölf?«
»Hey, nicht so viele Vorurteile, wenn ich bitten darf. Da stehen sehr interessante Dinge drin.«
»Ja, Klatsch und Tratsch über die Nachbarschaft.«
»Genau, sag ich doch. Sehr interessante Dinge.« Pam lachte und leerte ihr Glas. Ich griff nach der Flasche und schenkte uns nach.
»Ich weiß nicht, ob das das Richtige für mich wäre«, überlegte ich laut.
»Natürlich ist es anders als in deiner noblen Agentur in Chicago. Aber es wäre für den Anfang bestimmt nicht schlecht. Und wenn es dir nicht gefällt, kannst du dich nach etwas anderem umsehen. Zur Not gibt es auch noch Nachbarorte, weißt du. St. Collin ist nicht im Niemandsland.« Sie zwinkerte mir zu.
Ich zögerte kurz und musste Pam dann aber recht geben. Zumindest versuchen könnte es ich es bei der Zeitung.
Am Montagmorgen verbrachte ich extra viel Zeit im Badezimmer, legte eine Gesichtsmaske auf, massierte mir eine Kur in die Haare und zupfte anschließend diese eine nervige Borste aus meiner Augenbraue, das auf unerklärliche Weise schneller wuchs als alle anderen. Dann legte ich ein dezentes Make-up auf, band meine langen blonden Locken zu einem lässigen, aber dennoch seriösen Zopf und übte vor dem Spiegel mein Vorstellungsgespräch-Lächeln.
»Hi, ich bin Joanna Smith. Vielen Dank für die Einladung«, sagte ich zu meinem Spiegelbild und streckte die Hand aus, als würde ich sie einem imaginären Menschen reichen wollen. Dann schüttelte ich den Kopf, veränderte meinen Blick und versuchte es erneut. »Joanna Smith, ich bewerbe mich als Redakteurin. Vielen Dank, dass Sie Zeit für mich haben.«
Irgendwie war ich nicht zufrieden. Ich hatte mich noch nie bei einer Tageszeitung beworben und wusste nicht, was mich erwarten würde. Mein letztes Vorstellungsgespräch war einige Jahre her.
Wobei es eigentlich kein richtiges Vorstellungsgespräch war, auf das ich mich da im Badezimmer vorbereitete. Pam hatte eine Freundin angerufen, deren Mann bei der St. Collin News arbeitete und der hatte ein gutes Wort bei der Redaktionsleitung für mich eingelegt. So hatte ich innerhalb eines Wimpernschlags ein Gespräch bekommen. Ohne eine Bewerbung hinzuschicken, ohne auch nur eine einzige Person zu kennen, die dort arbeitete. In einer Kleinstadt ging alles über Vitamin B.
Pünktlich um 10 Uhr stand ich vor dem Eingang der St. Collin News und betrachtete das Gebäude. Es war ein Eckhaus mit einer dunkelgrünen Holzvertäfelung und eines der großen Fenster gab den Blick auf den Empfangsbereich frei. Das Haus war zwar in die Jahre gekommen, sah aber dennoch gepflegt aus. Im oberen Stockwerk waren Wohnungen und ich sah, wie mich einer der Bewohner zwischen den Vorhängen hindurch beobachtete.
Ich räusperte mich, strich meinen schwarzen Bleistiftrock glatt. Zweifel schossen mir durch den Kopf. War ich passend gekleidet? Gab es einen bestimmten Dresscode für Journalisten? Wäre eine schlichte Jeans und ein Hoodie ebenfalls in Ordnung gewesen? In diesem Moment war ich mir sicher, dass ich absolut overdressed war. Ich hatte jedoch nur meine Arbeitsgarderobe, die ich in Chicago getragen hatte und nahm mir vor, in den nächsten Tagen etwas schlichtere Kleidung kaufen zu gehen. Da es nun aber bereits zu spät war, um noch einmal nach Hause zu gehen und mich umzuziehen, strich ich meinen Rock erneut glatt und trat die Stufen zur Tür hinauf.
Drinnen kam mir sofort der Geruch von Druckerschwärze und Kaffee entgegen. Der Vorraum war klein, eine große Zimmerpflanze stand am Fenster und nahm den meisten Platz und auch einen Großteil des Sonnenlichts ein. Am Schreibtisch saß eine junge Frau, die im herbstlichen Tageslicht erschreckend blass aussah. Sie hob den Kopf, als ich die Tür öffnete, und lächelte mich an.
»Sie müssen Joanna Smith sein?«, fragte sie und ich kam mir plötzlich lächerlich vor, dass ich vor wenigen Stunden noch meine Begrüßung vor dem Spiegel geübt hatte. Stattdessen nickte ich nur und umklammerte meine Bewerbungsmappe etwas fester. Die junge Frau ging auf eine Tür zu, öffnete sie und bedeutete mir, einzutreten.
»Mrs. Lee kommt gleich«, erklärte sie beinahe lautlos. Dann schloss sie die Tür hinter mir. Ich setzte mich an den großen Holztisch und breitete meine Unterlagen vor mir aus. Der Raum war trostlos eingerichtet. Neben dem Tisch und seinen zehn Stühlen hingen an der Wand drei Bilder von eingerahmten Zeitungsartikeln. Unweigerlich fragte ich mich, ob das wohl die besten Artikel waren, die diese Zeitung je veröffentlicht hatte. Sofort schob ich den Gedanken jedoch beiseite, denn ich wollte nicht urteilen, ohne die Zeitung tatsächlich zu kennen. Ich hatte das Wochenende zwar genutzt, um mir einen Überblick über die Arbeit der St. Collin News zu verschaffen, musste aber zugeben, dass es nicht das beste Blatt war, das ich je gelesen hatte. Es gab verschiedene Rubriken und zu meiner Überraschung beschäftigte sich das Tageblatt nicht nur mit Gerüchten über die Nachbarschaft. Es waren durchaus auch anständige Artikel über Politik oder Unternehmungen und Entscheidungen in den angrenzenden Stadtgebieten zu finden.
Ich ging im Geiste gerade nochmal die Inhalte der Zeitung durch, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und eine großgewachsene Frau mittleren Alters hineinstürmte. Meine ersten Gedanken zu Stacy Lee waren: laut und schrill.
»Hallöchen. Sorry, dass Sie so lange warten mussten, es ist einfach immer wahnsinnig viel los bei uns. Sollte man gar nicht meinen, bei so einem kleinen Tagesblatt, oder? Aber soll ich Ihnen was sagen: Genau da geht am meisten die Post ab. Deswegen ist es super, dass Sie unser Team verstärken wollen. Es gibt hier so viele spannende Themen für Sie, ich freue mich jetzt schon auf Ihre Arbeit. Henry hat mir so viel über Sie erzählt, Sie werden eine echte Bereicherung für uns sein. Ach herrje, ich habe mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Stacy Lee, die Redaktionsleiterin der St. Collin News und Ihre neue Vorgesetzte. Herzlich willkommen.«
Ich war erschlagen.
Diese Frau redete ohne Punkt und Komma und ich wusste nicht, ob ich auf irgendetwas, das sie gesagt hatte, hätte antworten sollen.
Sie ging um den Tisch herum und öffnete ein kleines Sideboard. Dann nahm sie eine Flasche Mineralwasser und zwei Gläser heraus und stellte mir, ohne zu fragen, ein volles Glas hin. Ich hatte unterdessen etwas Zeit, Stacy Lee genauer zu betrachten.
Sie war groß, beinahe riesig für eine Frau, hatte langes schwarzes Haar, welches eindeutig regelmäßig gefärbt wurde, und schaffte es gekonnt, ihre Falten unter unzähligen Make-up-Schichten zu verstecken. Ihr Kleidungsstil war außergewöhnlich und stach ebenso heraus wie ihre laute Stimme. Sie trug eine rote Bluse mit Puffärmeln, kombiniert mit einer grünen Leinenhose und schwarzen Pumps. Goldener Schmuck klimperte an ihrem Armgelenk. Man konnte sagen, dass Stacy Lee eine echte Erscheinung war. Wenn sie den Raum betrat, zog sie in jedem Fall alle Blicke auf sich.
»Ich denke, ich habe Sie etwas überrumpelt, oder?« Stacy Lee setzte sich mir gegenüber an den Tisch. »Dann nochmal ganz langsam von vorne: Sie wollen bei uns einsteigen?«
Ich räusperte mich. »Ja, ich habe gehört, Sie suchen nach einem neuen Redakteur und da ich gerade erst in die Stadt gekommen bin und auf der Suche nach einem neuen Job …«
Sie ließ mich nicht ausreden. »Das ist richtig. Wir brauchen Unterstützung. Einer unserer besten Männer ist an die Westküste gezogen. Hat die Liebe seines Lebens im Internet gefunden oder so ähnlich und jetzt fehlt es uns an Manpower. Oder Womanpower, wie Sie möchten.« Stacy. Lee lachte laut über ihren eigenen Witz und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ich lächelte ebenfalls, obwohl ich den Wortwitz nicht annähernd so lustig fand.
»Und was wären denn genau meine Aufgaben?«, fragte ich vorsichtig.
Stacy Lee lehnte sich im Stuhl zurück und überkreuzte ihre langen dünnen Beine. »Also im Prinzip schreiben Sie Artikel über verschiedene Themen aus unserem kleinen Städtchen. Ich würde Sie gern zu den Bürgerversammlungen schicken und natürlich dürfen Sie auch über unsere vielen Veranstaltungen und Feste berichten. Wenn ein neuer interessanter Laden in der Stadt eröffnet, dann möchte ich, dass Sie die Erste sind, die darüber schreibt. Und ab und zu kann es auch sein, dass Sie eine Reportage über große Persönlichkeiten der Stadt schreiben werden. Das kommt dann natürlich immer darauf an, was gerade anfällt. Klingt das gut für Sie?«
Ich nickte. Hatte ich denn eine Wahl?
»Es gibt keine festen Arbeitsplätze oder Zeiten in der Redaktion. Sie dürfen Ihre Artikel schreiben, wo immer Sie möchten. Wichtig ist nur, dass Sie Ihre Arbeit pünktlich und sauber erledigen. Alles andere ist mir egal. Wie klingt das für Sie?«
Überraschenderweise klang das ziemlich gut für mich. Ich hatte keine Stundenzahl, die ich monatlich abarbeiten musste, musste auch nicht jeden Tag in der Redaktion erscheinen und hatte somit sogar Zeit, auf Lilly aufzupassen, wenn Pam arbeiten war. Es erwartete mich also ein völlig anderer Arbeitsalltag als in Chicago. Das klang nach dem perfekten Plan, um Arbeit und Haushalt beziehungsweise Kind unter einen Hut zu bringen. Auf groteske Art hatte ich dieses Problem durchaus zu bewältigen, obwohl ich selbst nie eigene Kinder wollte.
»Dann sind Sie bei uns an Bord?«, fragte Stacy Lee euphorisch. Gleichzeitig schob sie mir den Arbeitsvertrag zu, welchen sie aus ihrer großen Ledermappe zog. Etwas überrumpelt, dass alles so schnell ging, willigte ich ein und unterschrieb, nachdem ich den Vertrag überflogen hatte.
»Perfekt, wir sehen uns dann morgen zur Einarbeitung«, quietschte Stacy und sprang auf. Sie schüttelte meine Hand beinahe etwas zu heftig und redete die ganze Zeit, während sie mich zur Tür begleitete.
Obwohl sie laut und etwas anstrengend war, mochte ich meine neue Chefin irgendwie und freute mich tatsächlich ein bisschen auf die kommende Herausforderung. Ich würde zwar bei weitem nicht so viel verdienen wie in Chicago, dafür hätte ich einen deutlich entspannteren Arbeitstag.
Auf dem Weg nach Hause fiel mir ein, dass Stacy nicht einen einzigen Blick in meine Unterlagen geworfen hatte und nichts über meine berufliche Vergangenheit wissen wollte. Und ich wunderte mich über mich selbst, dass ich so schnell den Vertrag unterzeichnet hatte. Wusste ich überhaupt, worauf ich mich da einließ?
»Tante Jo arbeitet jetzt bei der Zeitung? Das ist so cool, das erzähle ich morgen gleich meinen Freunden.« Lilly freute sich mehr als ich über meinen neuen Job, aber ihre Reaktion schmeichelte mir. Wir saßen beim Abendessen und Lilly stopfte sich gerade eine weitere Portion Pasta in den Mund.
»Du hast heute aber ganz schön Hunger, junge Dame«, bemerkte Pam. »Geht es dir gut?«
Seit Jerrys Tod war Pam überempfindlich, was Lilly betraf und jede noch so kleine Veränderung an ihrer Tochter verursachte bei ihr einen fast panischen Gesichtsausdruck.
Lilly nickte und wollte mit vollem Mund antworten, aber Pam brachte sie mit einer einzigen Handbewegung zum Schweigen. Anständig kaute Lilly erst fertig und sagte dann mit leerem Mund: »Wir sind heute im Sportunterricht so viel gerannt. Und jetzt hab ich keine Energie mehr und muss viel essen.«
Pam lachte und wischte ihrer Tochter den Mund mit einer Serviette ab.
»Ich bin fertig. Darf ich aufstehen und noch ein bisschen mit Max spielen?«, fragte Lilly eine Sekunde später und sprang zeitgleich mit dem zustimmenden Nicken ihrer Mutter vom Stuhl. Max lief aufgeregt hinter ihr her.
»Dafür, dass du nun nicht mehr arbeitslos bist, könntest du glücklicher aussehen«, bemerkte Pam und sah mich besorgt an.
»Ach, es ging nur alles so schnell …«
Pam stützte die Ellbogen auf die Tischplatte auf.
»Ich wundere mich irgendwie, dass ich den Job so einfach bekommen habe. Niemand wollte meine Bewerbungsunterlagen sehen, keiner hat sich für meinen Lebenslauf interessiert oder ob ich überhaupt für diesen Job qualifiziert bin. Meine neue Chefin hat mir nicht eine einzige Frage über mich oder meine Vergangenheit gestellt. Woher will sie denn wissen, dass ich überhaupt lesen und schreiben kann?«
»Höre ich da eine Beschwerde?« Pam lachte.
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ich möchte auch nicht undankbar sein. Ich weiß ja, dass ich den Job dir zu verdanken habe, aber … Vielleicht bin ich es einfach nicht gewohnt, etwas zu bekommen, für das ich im Grunde nichts getan habe.«
Pam streckte ihre Hand aus und griff nach meinem Arm. »Wir sind in einer kleinen Stadt. Hier ist es egal, was du in deinem früheren Leben warst oder welche Dinge du erlebt hast. Es braucht dich nur jemand zu kennen und weiterzuempfehlen, mit Vitamin B bekommst du alles.« Sie stand auf und räumte die Teller zusammen. »Zerbrech dir nicht den Kopf darüber. Mach deine Arbeit gut und du wirst sehen, dass du dafür belohnt wirst. So eine kleine Stadt hat auch ihre Vorzüge.«
Für eine Weile schwiegen wir und ich fragte mich, ob das wohl in jeder Kleinstadt so war. »Wie war denn dein Tag?« Ich versuchte, das Thema zu wechseln, bevor meine Gedanken sich überschlagen konnten.
»Toll. Es tut gut, wieder zu arbeiten. Die Kundschaft ist so nett, das habe ich wirklich vermisst. Und ich habe das neue Rezept für die Erdbeer-Cupcakes ausprobiert. Die waren im Nu ausverkauft.«
Pam's Pastries war seit dem Tag der Eröffnung ein voller Erfolg. Der Duft der frisch gebackenen Cupcakes und Cookies erfüllte manchmal die ganze Straße und so war es auch kein Wunder, dass die Kunden teilweise Schlange standen, um eine der vielen Leckereien zu ergattern.
»Ich überlege, ob ich jemanden einstellen soll«, sagte Pam beinahe beiläufig.
»Ernsthaft?«
»Ja. Das Geschäft läuft gut und teilweise ist das einfach zu viel Arbeit für eine einzelne Person. Außerdem muss man sich ja auch weiterentwickeln und das Geschäft wachsen lassen, wenn es wachsen will.«
Ich war beeindruckt. Und glücklich, denn Pamela schien ihren Weg zurück ins Leben zu finden. Sie sprach über die Zukunft ihres Unternehmens und das war ein gutes Zeichen. »Ich helfe dir gern dabei, jemand passenden zu finden«, bot ich an und hob mein Glas.
Nach dem Essen brachte Pam Lilly ins Bett und las ihr noch eine Geschichte vor. Max war wie immer mit in Lillys Zimmer gegangen und bewachte sie, bis sie eingeschlafen war. Max hatte Lilly mit ihrer Trauer geholfen und die beiden waren in der kurzen Zeit bereits ein Herz und eine Seele geworden.
Am nächsten Morgen machte ich mich auf zu meinem ersten Arbeitstag als Redakteurin bei der St. Collin News. Es war irgendwie ironisch: Ich hatte zwar Journalismus studiert, aber tatsächlich noch nie zuvor in einer Redaktion gearbeitet. Während des Studiums hatte ich einen Nebenjob bei einer Agentur und wurde nach meinem Abschluss direkt von ihnen übernommen. Etwas anderes hatte sich für mich aus irgendwelchen Gründen nie ergeben. Darum versuchte ich, meine Vorurteile über kleine Tageszeitungen beiseitezuschieben und freute mich auf meine neuen Aufgaben.
»Guten Morgen«, begrüßte mich wieder die junge Frau am Empfang. »Ich glaube, ich habe gestern vergessen, mich vorzustellen. Ich bin Sabrina Willis. Wir duzen uns hier alle, ich hoffe, das ist okay?« Sie streckte mir ihre zarte perfekt manikürte Hand entgegen.
»Klar, ich bin Joanna.«, erwiderte ich mit einem Lächeln.
»Ich zeige dir deinen Arbeitsplatz.« Sabrina führte mich durch eine dunkle Holztür in die Redaktion.
Der Raum war genauso, wie man sich eine klassische Zeitungsredaktion irgendwo in einer Kleinstadt vorstellt. Alter knarzender Parkettboden mit tiefen Kratzern, große schwere Vorhänge an den Fenstern, alte Holzschreibtische mit jeder Menge Papier, Stiften, Zeitungen und Rechercheunterlagen. Auf zwei der Schreibtische standen alte Computer, die anderen Arbeitsplätze waren mit modernerer Technik ausgestattet. In der Ecke befand sich eine kleine Küchenzeile mit einem Kühlschrank, einem Waschbecken und einer Kaffeemaschine – dem wichtigsten Gut in einer Redaktion, wie ich später feststellen sollte.
»O ein neues Gesicht.«
In der Küche gab es noch eine versteckte Nische um die Ecke, von dort kam ein älterer Mann und rührte genüsslich in seinem dampfenden Kaffee. Er war mittelgroß, hatte eine Halbglatze und einen grauen Bart. Mit seinem freundlichen Lächeln war er mir sofort sympathisch.
»Hi, ich bin Joanna Smith und die neue Redakteurin für gemischtes Allerlei«, versuchte ich mit einem kleinen Witz das Eis zu brechen. Ich streckte ihm meine Hand zur Begrüßung hin.
Er lachte. »James Turner. Gemischtes Allerlei ist übrigens die Spezialität dieser Zeitung. Jeder schreibt über alles, denn Spezialisten sind zu teuer.« Ich musste ein Lachen unterdrücken und er nickte mir wissend zu. »Herzlich willkommen.«
Sabrina ging unterdessen auf einen der Schreibtische am Fenster zu und zog den Stuhl hervor. »Das ist dein Arbeitsplatz für die Tage, an denen du in der Redaktion arbeitest. Laptop, Notizbuch und jede Menge Stifte liegen bereit.«
Ich war kurz irritiert, denn Stacy hatte mir gesagt, dass es keine festen Arbeitsplätze geben würde. Gleichzeitig war ich mir nicht mehr sicher, ob ich bei dem gewaltigen Redeschwall einfach die Hälfte falsch verstanden hatte. »Du bekommst auch ein Telefon, damit du nicht jedem deine private Nummer geben musst.«
Ich musste einen verwunderten Gesichtsausdruck gemacht haben, denn James gab mir einen leichten Seitenhieb und sagte: »Glaub mir, das mit dem Geschäftstelefon ist besser so. Das kannst du am Abend einfach ausschalten und in die Tasche packen. Du willst nicht, dass die ganze Stadt deine private Nummer hat. Und das passiert hier schnell, wenn du nicht aufpasst. Sehr schnell.«
Lächelnd trat ich an meinen Tisch. Es war ein altes Exemplar, mit vielen tiefen Kratzern und alten Tintenflecken. Ich fragte mich, wie viele tausende Artikel hier schon entstanden sein mochten.
»Stacy ist aktuell bei einem Termin, sie müsste aber gleich da sein und dann gibt sie dir nochmal eine genauere Einweisung.« Mit diesen Worten verschwand Sabrina aus meinem Sichtfeld.
Für einen Moment war es komplett still in der Redaktion. James stand noch immer an der Ecke, schlürfte seinen Kaffee und beobachtete mich.
»Und wo kommst du her?«, fragte er dann interessiert.
»Chicago.«
»Mhm Chicago also … Und wieso bist du dann hier?« Er hob eine Augenbraue.
»Der Mann meiner besten Freundin ist verunglückt und ich bin hergezogen, um ihr mit ihrer Tochter zu helfen. Pamela Brown.«
Mit einem Mal veränderte sich sein Gesichtsausdruck und ich konnte Mitleid erkennen. »Ich kannte Jerry. Er war ein guter Mann. Was ihm geschehen ist, tut mir unglaublich leid.«
»Danke.«
Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. »Halli Hallo Hallöchen, tut mir leid, ich bin zu spät. Ich weiß, ich weiß. Ich wollte eigentlich vor dir da sein, Joanna. Aber ich hatte ein sehr interessantes Interview mit unserem Bürgermeister und das konnte ich nicht abbrechen.« Stacy Lee sah wieder aus wie ein Paradiesvogel. Sie flog förmlich durch den Raum, hängte ihre Tasche über einen Stuhl und quasselte weiter, während sie sich eine Tasse aus dem Schrank nahm und sich frischen Kaffee eingoss. Die braune Flüssigkeit schwappte beinahe über den Keramikrand der Tasse.
»Ihr beide habt euch schon miteinander bekannt gemacht?« Sie warf James und mir einen Blick zu.
Wir nickten, kamen auch nicht dazu, etwas zu sagen, denn Stacy legte sofort wieder los. »Perfekt. Du hast auch deinen Arbeitsplatz gefunden, wie ich sehe. Großartig. Komm doch mit in mein Büro und dann bereden wir deine Aufgaben. James, ab an die Arbeit.«
Dann war sie verschwunden. James hob eine Augenbraue. »Viel Erfolg, Chicago.«
Ich schnappte mein Notizbuch und folgte ihr in das separate Büro, welches sich hinter einer milchigen Glastür befand. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass es im Vergleich zu ihrem persönlichen Erscheinungsbild extrem trist eingerichtet war. Weiße Wände, derselbe Holzboden wie im restlichen Stockwerk und graue Vorhänge. Absolut unspektakulär.
Stacy erzählte mir ein bisschen von der Historie der St. Collin News, dass die Tageszeitung mittlerweile zu einer größeren Mediengruppe in Huntsville gehörte und wie viele Mitarbeitende über die Jahre kamen und gingen und ich erfuhr auch, dass es neben James und mir noch einen weiteren Redakteur gab. Henry Billingsworth, der Mann, der bei Stacy ein gutes Wort für mich eingelegt hatte. Ich nahm mir vor, mich unbedingt noch bei ihm dafür zu bedanken. Früher hatten wohl noch mehr Redakteure für die St. Collin News geschrieben, doch irgendwann hatte es sich nicht mehr gelohnt, so viele Leute zu beschäftigen.
Stacy legte mir eine Liste mit den kommenden Veranstaltungen der Stadt hin.
»Das hier sind die jährlichen Feste«, sagte sie, während sie auf grün markierte Namen und Daten tippte.
