Babas Schweigen - Özlem Çimen - E-Book

Babas Schweigen E-Book

Özlem Çimen

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Beschreibung

Die Erzählerin Özlem reist als Erwachsene mit ihrem Ehemann in das ostanatolische Dorf, in dem sie als Kind unbeschwerte Sommerferien bei den Grosseltern verbrachte. Beiläufig erwähnt ihr Onkel, dass der Ort einst von Armenier:innen bewohnt war. Erst jetzt wird ihr bewusst, dass ihre Grosseltern, selbst Angehörige einer Minderheit, nicht schon immer in diesem Dorf lebten. Doch wie hängt ihre Familiengeschichte mit dem Genozid an den Armenier:innen zusammen? Wie aus einem tiefen Schlaf erwacht, beginnt sie zu forschen, bis sie endlich den Mut fasst, ihren Vater mit der Vergangenheit zu konfrontieren. Die vagen Ahnungen der Kindheit – die unerklärbare Melancholie der Menschen im Dorf, die Geschichten über den roten Fluss – verdichten sich zunehmend zu einer schrecklichen Erkenntnis über Verfolgung und den Verlust von Sprache und Kultur. Subtil und berührend verwebt Özlem Çimen dabei Vergangenheit und Gegenwart zu einer einzigartigen Geschichte über Unschuld, Unterdrückung und Überleben.

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Seitenzahl: 106

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Die Erzählerin Özlem reist als Erwachsene mit ihrem Ehemann in das ostanatolische Dorf, in dem sie als Kind unbeschwerte Sommerferien bei den Großeltern verbrachte. Beiläufig erwähnt ihr Onkel, dass der Ort einst von Armenier:innen bewohnt war. Erst jetzt wird ihr bewusst, dass ihre Großeltern, selbst Angehörige einer Minderheit, nicht schon immer in diesem Dorf lebten. Doch wie hängt ihre Familiengeschichte mit dem Genozid an den Armenier:innen zusammen?

Wie aus einem tiefen Schlaf erwacht, beginnt sie zu forschen, bis sie endlich den Mut fasst, ihren Vater mit der Vergangenheit zu konfrontieren. Die vagen Ahnungen der Kindheit – die unerklärbare Melancholie der Menschen im Dorf, die Geschichten über den roten Fluss – verdichten sich zunehmend zu einer schrecklichen Erkenntnis über Verfolgung und den Verlust von Sprache und Kultur. Subtil und berührend verwebt Özlem Çimen dabei Vergangenheit und Gegenwart zu einer einzigartigen Geschichte über Unschuld, Unterdrückung und Überleben.

Foto Ayşe Yavaş

Özlem Çimen, geboren 1981 und aufgewachsen in Luzern, lebt mit ihrer vierköpfigen Familie in Zug. Sie schloss den Master in Education in Special Needs an der Pädagogischen Hochschule Luzern ab und ist als Heilpädagogin im Kanton Luzern tätig.

Özlem Çimen

Babas Schweigen

Roman

Limmat Verlag

Zürich

Für A. und Z.

Und für alle anderen, in deren Brust eine weiche Aprikose schlägt.

Inhalt

hêkete / Geschichten

cirestiş / Ankunft

babuko / Anatolisches Fondue

çimeyê cuyena bêdawîye / Die Quelle des ewigen Lebens

ko / Berg

nanê tendure / Fladenbrot

nêasaye / Die Unsichtbaren

têşanîye / Durst

çarnayene / Drehen

pîyê Tirkan pêroyine / Atatürk, Vater aller Türken

amayox / Zukunft

qerpuze / Wassermelone

rawuştene / Aufwachen

Firado sur / Der rote Fırat

firokexane / Flughafen

wela sîyaye / Schwarze Erde

Kara toprak / Schwarze Erde

o taw / Damals

bîrîye / Sehnsucht

Ay Dîlberê / Ach Schönheit

Ay Dîlberê

dara zerdalîye / Aprikosenbaum

Glossar

Überblick zur Geschichte Dersims

Weiterführende Literatur

Dank

hêketeGeschichten

2022

«Mami, wann zeigst du uns endlich die Aprikosenbäume in eurem Garten?», fragt mich meine vierjährige Tochter am Tisch, während ich gedankenversunken meinen morgendlichen Kaffee schlürfe. Ausnahmsweise trinke ich ihn heute mit Hafermilch. Er schmeckt jedoch wie Müsli mit Kaffeearoma. Eigentlich wollte ich etwas Gutes tun für die Umwelt, aber ich kann mich mit dem Geschmack nicht anfreunden.

Die Frage meiner Tochter irritiert mich. Wie kommt sie plötzlich auf die Aprikosenbäume? Ich erzähle meinen Kindern manchmal vom Dorf meines Vaters und meiner Großeltern. Es sind Geschichten, in denen ich als kleines Mädchen mit meinen Eltern zu meinen Großeltern väterlicherseits in die Ferien fahre. Meist kamen Cousinen und Cousins von überall angereist ins Dorf. Wir trafen uns jedes Jahr im Sommer und verbrachten viel Zeit miteinander. Im Wissen, dass man uns vertrauen konnte, durften wir den ganzen Tag tun und lassen, was wir wollten. Vielleicht waren wir aus heutiger Sicht vielen Gefahren ausgesetzt. Aber niemandem ist je etwas zugestoßen.

Es gab viele Geschichten, die uns vor Gefahren bewahren sollten. Zu jeder gefährlichen Situation existierte eine abschreckende Anekdote von einer Tochter oder einem Sohn aus einer Familie, die ich nicht kannte, denen etwas Schlimmes passiert war. Sie hielten uns davon ab, uns über die Grenzen hinauszuwagen. Im Nachhinein frage ich mich, ob es diese Töchter und Söhne je gegeben hat. Ich habe auf jeden Fall an sie geglaubt.

Ich war nie allein unterwegs. Auch wenn wir uns unbeobachtet fühlten, wusste immer jemand, wo wir waren. Die meiste Zeit verbrachte ich mit Dilek und Emre. Sie sind die Kinder meines Amca, des einzigen Bruders meines Vaters, und lebten in Istanbul. Im Sommer hielten sie sich wie wir im Haus unserer Großeltern auf. Manchmal kamen andere Cousins und Cousinen dazu. Einige lebten das ganze Jahr über im Dorf. Die Einheimischen kannten jeden Winkel, jedes Versteck, jeden Fluchtweg, was sehr praktisch war, insbesondere wenn Dede, mein Großvater, hinter uns her war, weil wir aus seinem Garten Früchte hatten mitgehen lassen.

Obwohl ich nicht an diesem Ort aufgewachsen bin, entwickelte sich über die Jahre hinweg eine emotionale Bindung, die mich geprägt hat. Warum das so ist, kann ich nicht erklären. Nach dem Tod meiner Großeltern Ende der Neunzigerjahre war ich mindestens zehn Jahre nicht mehr da. Nicht nur wegen der weiten Reise – als Kind kam mir die Fahrt unendlich lang vor –, vielleicht auch deswegen, weil immer etwas in der Luft hing, das die Stimmung der Menschen trübte. Was das genau war, konnte ich nie wirklich fassen. Über die eigentlichen Probleme wurde nie gesprochen. Als Kind habe ich damals nicht verstanden, worum es ging. Doch gespürt habe ich es.

Es gab auch Momente, in denen wir ausgelassen sein konnten. Gründe zum Feiern gab es viele. Dann wurden ein paar Gläser Rakı gekippt und Lieder gesungen. Man erzählte einander Geschichten von früher. Doch am nächsten Tag war die Melancholie wieder da, wenn die Erwachsenen Pause machten, erschöpft von ihrer Arbeit. Die älteren Frauen sangen ein ağıt, ein Klagelied über die vielen Toten. Aber über welche?

Meine Kinder sind inzwischen acht und vier Jahre alt, und sie lieben die Erzählungen von meiner Kindheit. So bitten sie mich immer wieder die gleichen Geschichten zu erzählen. Gerne würde ich in ihre Köpfe schauen, um zu sehen, wie sie sich die Aprikosenbäume vorstellen.

Erst als erwachsene Frau musste ich feststellen, dass nicht nur die schönen Geschichten existieren, die von Fröhlichkeit und Freiheit geprägt sind. Nach und nach entdeckte ich, dass die Menschen in diesem Dorf schreckliche Dinge gesehen und erlebt hatten, über die zu sprechen sie nicht in der Lage waren.

Als ich zum ersten Mal schwanger war, beschlossen mein Mann und ich, in das Dorf meiner Großeltern zu reisen. Über dreißig Jahre lebte ich in der Annahme, dass meine Großeltern und ihre Vorfahren schon immer dort gelebt hatten. Auf dieser Reise erfuhr ich zum ersten Mal, dass das nicht stimmte. Es fühlte sich an, als ob ich aus einem tiefen Schlaf erwachen würde. Seither beschäftigen mich viele Fragen.

Über die Geschichte, wie meine Großeltern in dieses Dorf kamen, wird seit Generationen geschwiegen. Oder wurde darüber gesprochen, aber ich verstand die Zusammenhänge nicht? So verschieden die Menschen im Dorf sind, so verschieden sind auch ihre Erzählungen, und die einzigen Zeitzeugen, die davon berichten könnten, sind längst nicht mehr am Leben.

Es hat Zeit gebraucht, bis ich das Ganze fassen konnte. Ich musste sehr viel darüber recherchieren. Erst als ich das Gefühl hatte, das Geschehene zu verstehen, nahm ich mir vor, Baba, meinen Vater, damit zu konfrontieren. Es fiel mir schwer, abzuschätzen, wie er darauf reagieren würde. Würde er das Geschehene verleugnen? Mich als Lügnerin hinstellen?

Im Nachhinein war es für uns beide, auch wenn es verspätet kam, sehr befreiend, darüber zu sprechen. Wir teilen uns diese schwere Last. Das hat uns nochmals ein Stück nähergebracht. Nun ist es mir ein Anliegen, diese tragische Geschichte an die nächste Generation weiterzugeben, damit sie nie vergessen geht. Das jahrzehntelange Schweigen hat dazu beigetragen, dass wir ein großes Stück unserer Identität und Kultur verloren haben. Selbst wenn wir die schrecklichen Dinge nicht am eigenen Leib erleben mussten.

Natürlich wollte ich von Baba wissen, warum er nie mit uns darüber gesprochen hatte. Er habe nicht gewusst, wie. «Ich schäme mich, wenn ich darüber spreche. Wenn ich damals gelebt hätte, dann hätte ich mich dafür eingesetzt, dass es nie so weit gekommen wäre.»

So ähnlich ist es auch mir ergangen. Erst schämte ich mich. Dann fragte ich mich, warum niemand etwas dagegen unternommen hat.

cirestişAnkunft

1990

Wenn die Straße zwölf Kilometer nach der großen Stadt Erzincan über die Brücke führt, rechts und links hohe Pappeln in die Luft ragen und dazwischen den Blick auf das stolze Munzur-Gebirge freigeben, weiß ich, dass wir bald ankommen. Wie eine hohe Mauer liegt der Berg vor uns. Keine Frage, dass die Welt hier aufhören muss.

Der Munzur wirkt karg in seinem braunen Mantel. Nur Nene kennt die versteckten Ecken, wo Blumen und Kräuter aus dem Boden sprießen. So pflückt sie im Spätsommer Blumen in allen Farben, deren Blütenblätter sie isst. Als ich noch jünger war, schaute ich ihr mit einer Mischung aus Bewunderung und Respekt zu. Wie sie dasaß mit ihrem farbigen Strauß in der Hand. Mit ihren braunen, ledrigen Fingern rupfte sie die Blüten von den Stielen und schob sie in den Mund. Das Bild hatte etwas Hexenartiges. Aus ihrem dreieckigen Kopftuch, das den weißen Haaransatz freigab, ragten unten die hennagefärbten orangen Haarsträhnen raus. Dabei nannte sie die Namen der Blumen: «Das ist peygamber düğmesi.» Und schon verschwand die Blüte in ihrem Mund. «Die heißt karahindiba.» Sie zupfte an einem gelben Blütenkopf, der aussah wie Löwenzahn. «Die da nennen wir civan percemi.» Wir schauten ihr dabei wortlos zu und wussten nicht so recht, ob wir auch mal kosten sollten, als sie uns den Strauß zum Probieren hinstreckte. So mutig waren wir nicht. Ich war noch eine junge Hexe, die erst einmal alles beobachten musste.

Rechts strömt der Fırat still und gemächlich an uns vorbei. Aus dem Fenster unseres in die Jahre gekommenen silbernen Mercedes erblicke ich ab und zu einzelne Lehmhäuser im gleichen Farbton wie die Berge. Auf den ersten Blick wirken sie verlassen. Niemand käme auf die Idee, dass am Ende dieser Straße ein kleines Dörfchen liegen könnte. Doch führt der Weg unweigerlich zum roten Haus mit den blauen Fensterläden. Es ist das einzige farbige Haus im ganzen Dorf.

Nach vierundzwanzigstündiger Fahrt sind wir endlich da. Vor dem Haus steht schon erwartungsvoll und mit Tränen gefüllten Augen Nene. Leicht gebeugt, in einem geblümten Rock, nimmt sie uns herzlich in die Arme und gibt uns unzählige Küsse. Hinter ihr erscheint ein ebenfalls leicht gebückter und magerer Mann. Dede kommt weinend auf uns zu, und ehe er uns küsst, nimmt er sein cremefarbenes Béret ab. Mit dem Handrücken wischt er sich die Tränen ab. Unser Dede ist ein Meister im Fluchen. Vor Baba stehend beginnt er draufloszuschimpfen, dass er sie im Stich gelassen habe. Nachdem der Schwall von Vorwürfen beendet ist, nehmen sich Vater und Sohn in die Arme.

Auf einmal sind alle Verwandten und Freunde da und umarmen und küssen uns. Yunus Emmi steht vorsichtig von der Bank auf, um uns zu begrüßen. Sein zahnloser Mund öffnet sich, um uns willkommen zu heißen. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass er keine Zähne hat; gut möglich, dass er eine andere Sprache spricht – auf jeden Fall verstehe ich ihn kaum. Er gehört als treuer Geselle meines Dede zur Familie, obwohl er nicht mit uns verwandt ist. Seit ich denken kann, sitzen Yunus Emmi und Dede Seite an Seite auf derselben Bank im Schatten des Aprikosenbaumes. Sie hören gemeinsam die Nachrichten im Radio oder lachen über Dedes Witze.

Drinnen wurde bereits auf einem silbernen runden Tablett für uns gedeckt. Wir setzen uns rundherum und bedecken unsere Beine mit einem Tuch. Es gibt kalte Joghurtsuppe und Fladenbrot dazu. Zwischen mir und meinen Cousinen und Cousins ist es wie immer. Wir gewöhnen uns so schnell aneinander, als ob kaum ein Jahr vergangen wäre. Wir werden zwar jedes Jahr älter und entwickeln uns weiter, aber die Beziehung zwischen uns bleibt unverändert. Voller Elan stürzen wir nach dem Essen hinaus ins Freie.

babukoAnatolisches Fondue

2013

Wir kommen am Flughafen in Erzincan an. Hier wartet Amca auf uns, um uns abzuholen. Für Felix ist es das erste Mal in Erzincan. Er weiß aber viel mehr über die Stadt als ich, jedenfalls, wenn es um Zahlen geht. Zum Beispiel erzählt er mir, dass Erzincan 145 859 Einwohner hat. «Das muss eine große Stadt sein.»

Ich nahm Erzincan nie als eine Großstadt wahr. Ich definiere große Städte nicht über die Einwohnerzahl, sie müssen sich auch anfühlen wie eine Großstadt. Die Luft, die Menschen, das Essen sind in einer Großstadt anders. Ständig kommen sich Menschen zu nahe, rempeln einander an, und doch ist man einsam. Die Zeit scheint immer knapp zu sein. In Erzincan hingegen kann man umherschweifen, ohne jemanden anzustoßen. Vor den Geschäften trinken Ladenbesitzer gemütlich ihren çay. Warteschlangen existieren hier nur vor Banken.

Felix verrät mir auch, dass Erzincan 1185 Meter über dem Meer liegt. «Das ist ziemlich hoch, und es herrscht ein kontinentales Klima.» Mir kam es nie so hoch gelegen vor. Vermutlich sind die Höhe und das kontinentale Klima schuld daran, dass die Menschen hier an einer chronischen Melancholie leiden, denke ich jetzt.