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Als Derek Meyer in den 1980ern auf einem Bauernhof in Niedersachsen aufwächst, scheint sein Schicksal besiegelt: Sein Vater legt ihm - dem ältesten Sohn - nicht nur den silbernen Löffel in die Wiege, sondern gleichzeitig auch die Verpflichtung und Bürde, den elterlichen Hof irgendwann zu übernehmen. Doch als ein New Yorker Schauspieler und Tänzer zu seinem Vorbild wird, lernt er schließlich, an sich selbst und seine Träume zu glauben und für seine Ziele zu kämpfen. Derek tritt aus dem Schatten seines Elternhauses heraus und folgt seinem Idol, das ihn bis heute in seinem Denken und Handeln inspiriert, später sogar bis nach New York, wo er ihm nahe kommt. Hier, in Manhattan, fehlt dem alleinstehenden und erfolgreichen Vertreter der Gay- und Yuppie Community nur noch eines zum pesönlichen Glück: ein Kind. Diesen Wunsch erfüllt sich der Deutsche mithilfe einer Leihmutter. Das Buch schildert Derek Meyers Erfahrungen als werdender Vater und klärt darüber auf, was sich eigentlich hinter dem Begriff Leihmutterschaft verbirgt und wie das medizinische, rechtliche und finanzielle Procedere, das damit verbunden ist, funktioniert. Es begleitet Derek auf seiner eigenen emotionalen Reise und zeigt, wie er es schafft, über sich selbst hinauszuwachsen, als die grösste Herausforderung seines Lebens auf ihn wartet...
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Seitenzahl: 202
Veröffentlichungsjahr: 2014
www.tredition.de
Vorwort
Während sich mein erster Roman „Coming Out in New York“ in erster Linie um die Auf und Abs des Lebens „am anderen Ufer“ bzw. um die Entwicklung der Gay Community in meiner Wahlheimat New York über einen Zeitraum von 14 Jahren dreht, geht es in diesem Buch hauptsächlich um meine eigenen Erfahrungen rund um das Thema Leihmutterschaft mit all ihren Herausforderungen.
Ich habe „Baby, Fame & Inspiration“ in einer Phase geschrieben, in der ich bewusst mein Leben verändern wollte. Wenn ein Mann wie ich sich dazu entschliesst, Vater zu werden und dabei einen sehr ungewöhnlichen Weg zu gehen, fragen sich natürlich viele, woher die Motivation oder besser gesagt die Inspiration dafür herkommt.
Deshalb ist die Inspiration das zentrale Thema dieses Buches geworden, denn sie ist es, die uns dabei hilft, unser Leben in die Hand zu nehmen und keine Angst vor Veränderungen und Risiken zu haben. Sie unterstützt uns dabei, an uns selbst und unsere Träume zu glauben, sogar über uns hinauszuwachsen und andere mit unseren Taten zu überraschen. Doch Inspiration kommt nicht aus dem Nichts. Wir erfahren sie durch andere, die uns auf unserem Wege begleiten.
Mir hat die Arbeit an diesem Buch sehr viel Spass gemacht, da es nicht nur mich, sondern auch den Leser auf eine abenteuerliche, emotionale Reise mitnehmen wird und ich hoffe, dass diese Geschichte jeden ein wenig dazu inspirieren wird, sich auf sich selbst und seine Träume einzulassen.
Ja, das hätte Gene gefallen.
Widmung
Wie könnte ich dieses Buch einem anderen Menschen widmen, als Gene Anthony Ray, der in den letzten 30 Jahren die grösste Inspiration in meinem eigenen Leben gewesen ist.
Love you, man!
Derek
www.tredition.de
© 2014 Derek Meyer
Umschlag, Illustration: Derek Meyer
Lektorat, Korrektorat: Julia Endlein
Weitere Mitwirkende: Anja Boromandi, Valentino Rios
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-1349-5
Hardcover
978-3-7323-1350-1
e-Book
978-3-7323-1351-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Derek Meyer
Baby, Fame &
Der Blick hinter die Fassade
Ich habe in den letzten Jahren immer erwartet, dass meine Entscheidung, irgendwann als alleinstehender und schwuler Mann eine Familie gründen zu wollen, einen Sturm der Entrüstung auslösen und viele meiner Mitmenschen meine Vaterqualitäten anzweifeln lassen würde. Denn diese Menschen hatten mich in der Vergangenheit als typischen Vertreter einer oberflächlichen, egoistischen und ausschweifenden Yuppie- und Gay-Community angesehen.
Aber woran liegt das? Viele Menschen haben Vorurteile gegenüber anderen und wollen sie so sehen, wie sie es sich zurecht gelegt haben. Sie haben ganz bestimmte Erwartungen und Vorstellungen und wollen nicht enttäuscht werden. Und wenn sie dann eines Besseren belehrt werden, reagieren sie häufig mit mangelndem Verständnis, Kritik und Ablehnung ohne sich zu fragen, was sich hinter der Fassade von Menschen wie mir verbergen könnte.
Darüber hinaus leben wir in einer Zeit, in der Markenhersteller sowie Anbieter von Produkten und Dienstleistungen versuchen uns bewusst zu machen, dass wir alle gleich sind. Dabei vergessen wir oft, dass es darauf ankommt, wie es in unserem Inneren aussieht und was wir in unserem Herzen tragen. Gerade das ist es, was uns von anderen unterscheidet und was wirklich zählt ist, dass wir unsere eigenen Persönlichkeiten haben und unsere eigenen Helden sind und immer an uns und unsere Träume glauben.
Die meisten von uns lassen unsere Mitmenschen auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken an unserem Leben teilhaben. Meine Freunde und ich posten und schreiben über unserem Alltag an der Wallstreet in New York. Es gibt Bilder und Kommentare von Partys in den New Yorker Nachtclubs oder an den Stränden Europas und Süd Amerikas, Ballett-Performances im Lincoln Center, Charity Events für die AIDS-Hilfe und After Partys während der New Yorker Fashion Week.
Das eigene Image zu kontrollieren wird häufig als Instrument genutzt, um unsere Freunde und Kritiker von dem abzulenken, was tatsächlich in uns vorgeht. Wir versuchen, sie davon abzuhalten, einen kritischen Blick hinter die Fassade zu werfen, der nicht nur unsere Schönheit und Stärken, sondern auch unsere Schwächen, Ängste und Abgründe aufzeigen würde. Doch manchmal verlieren wir die Kontrolle und bereuen, jemals den Ruhm und die Aufmerksamkeit gesucht zu haben.
Das eigentliche Problem in meinem Leben ist sicherlich immer gewesen, dass meine Mitmenschen häufig sehr schnell ein Urteil über mich gefällt haben, ohne meine wahren Beweggründe zu hinterfragen oder mich besser kennenlernen zu wollen. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass ich wie jeder andere Mensch auch, der irgendwann einmal in New York angekommen war, ein Leben vor New York gehabt hatte und in einem sehr konservativen Umfeld aufgewachsen war.
Ich habe mich im Endeffekt für dieses Buch entschieden, weil ich meinen Lesern gerne den berühmten Blick hinter die Fassade schenken möchte. Ich will sie auf eine Reise mitnehmen, bei der der Wunsch nach einem eigenen Kind und das Thema Leihmutterschaft eine ebenso große Rolle wie bestimmte Schlüsselerlebnisse und Begegnungen in meinem Leben spielen werden, die mich zu dem Mann gemacht haben, der ich heute bin.
Es ist mir wichtig, meine Liebe und Bewunderung für einen besonderen Menschen zum Teil dieser Geschichte werden zu lassen, der mich seit mehr als 30 Jahren auf meinem Weg begleitet hat und mit dem ich mich auch heute für den Rest meines Lebens verbunden fühlen werde. Ich habe eine Weile gebraucht, um das zu akzeptieren, aber es scheint tatsächlich Menschen zu geben, an die wir immer denken und die uns in unserem Handeln nicht nur beeinflussen, sondern auch unterstützen werden.
Die Begegnungen mit solchen Persönlichkeiten, die einen starken Einfluss auf unser Leben haben, es bereichern und uns in einer so intensiven Art und Weise inspirieren können, dass wir ihnen nicht nur nach New York folgen, sondern uns aus Leidenschaft auch ganz bewusst für ein erfülltes Leben mit Kindern entscheiden, sind eher selten. Aber wenn wir unseren eigenen persönlichen Helden begegnen, dann werden wir sie auch niemals wieder vergessen können.
Die Party in Sitges
Wenn wir jung und schön sind, denken wir oft nicht über die Zukunft nach und vergessen, was wir uns ursprünglich vom Leben erhofft haben. Das Leben auf der Überholspur wird schnell und intensiv gelebt. Unzählige Überstunden gehören ebenso dazu wie jede Menge Spaß und von Verpflichtungen wie Kindern wollen die sogenannten jungen, unabhängigen, professionellen Leute (Yuppies) in der Regel nichts wissen.
Wenn ich als heterosexueller Mann geboren worden wäre, wäre ich im Jahre 2006 bestimmt schon seit Jahren verheiratet gewesen und würde mit Frau und Kindern in einem Reihenhaus außerhalb von Hannover leben und jeden Abend nach der Arbeit ohne Umweg zurück zu meiner Familie fahren. Aber mein Leben hatte sich in eine völlig andere Richtung entwickelt und so hatte ich nach meinem MBA Studium in London bei den Investment Banken Morgan Stanley und Merrill Lynch gearbeitet und lenkte mich von dem stressigen Alltag mit ausschweifenden Partys ab.
Ich gehörte einer Gruppe von ambitionierten Londonern an, die sich unabhängig von ihrer Herkunft und Sexualität tagtäglich in der rauen Geschäftswelt der City durchsetzten und alle Privilegien des Lebens ausnutzten, die mit Jugend, Attraktivität und einem gewissen Einkommen verbunden waren. Die meisten von uns ahnten, dass uns die anstehende weltweite Finanzkrise im Jahre 2007 diese Vorzüge kosten würden. Wir aber ignorierten die Zeichen und feierten, als ob es kein Morgen geben würde.
Der elitäre Kreis verpasste Halloween-, Silvester- oder die Gay-Pride-Partys in New York ebenso wenig wie das alljährliche Circuit Festival in Barcelona und Sitges, das von Jahr zu Jahr größer wurde und jeden August knapp 70.000 Besucher nach Katalonien anlockte. Das Festival galt mit seinen 20 Disco-, Pool- und Beach Partys als ein großer und aufregender Spielplatz für Erwachsene wie mich selbst.
Die Sonne scheint in Sitges an mehr als 300 Tagen im Jahr und der Ort hatte sich mit seinen 17 Stränden und kleinen Buchten und der breiten palmenbesäumten Strandpromenade bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Anziehungspunkt für Touristen aus der ganzen Welt entwickelt.
Aber nicht einmal Facundo Bacardi, der Gründer des Unternehmens Bacardi und einer der berühmtesten Söhne dieser Stadt, hätte erahnen können, was aus dem verschlafenen Fischerort werden würde, nachdem viele ehemalige Einwohner, die es in Amerika zu Reichtum gebracht hatten, nach Sitges zurückgekehrt waren. Noch heute zeugen von diesem Reichtum die zahlreichen Kleinode der Architektur, des Jugendstils und anderer Kunstepochen, die prächtigen Villen entlang der Strandpromenade und die überragende und auf einem Felsen am Strand erbaute Kirche des heiligen Bartholomäus und der heiligen Thekla.
Neben den zahlreichen, jährlichen kulturellen Veranstaltungen wie dem grossen internationalen Tango Argentino Festival im Juli, dem Filmfestival für Fantasyfilme im Juli oder dem Karneval war das kleine südwestlich von Barcelona liegende Städtchen bekannt für sein Nachtleben und die vielen Bars und Clubs, die in erster Linie von den Mitgliedern der Gay Community besucht wurden.
Einer dieser vielen Clubs war der außerhalb und am Strand gelegene Club L’Atlantida, der nur während der heißen Sommermonate geöffnet war. Die dort statt findenden „Matinee Gay Club Nights“ wie La Leche lockten auch während des Circuit Festivals zahlreiche Besucher an, die in Bussen vom Hotel Calipolis oder direkt von Barcelona zu der außerhalb gelegenen Location transportiert wurden.
Die besten DJ’s der Welt hatten hier bereits aufgelegt und die attraktivsten Go-Go Dancer Europas waren für diese Partys gebucht worden und heizten den nicht weniger attraktiven Partygästen ein . So war es auch an jenem Sommerabend im August 2006 gewesen, als ich die Party, die von vielen als Höhepunkt des Circuit Festivals beschrieben wurde, mit meinen Freunden besuchte und mich begeistert auf der Tanzfläche bewegte, bis ich mich bei meinem Begleiter Julio für einen Moment entschuldigte. Dann jedoch sollte alles anders als geplant kommen.
Während die GoGo-Dancer auf der Bühne in ihren schwarz weißen Speedos ihre muskulösen und durchtrainierten Körper zu der Musik des DJs Phil Romano bewegten, versuchte ich, eine kleine Aussichtsplattform des Clubs zu erreichen. Ich drängte mich an den vielen Partybesuchern auf der Tanzfläche vorbei, die entweder mit ihren Freunden eine gute Zeit hatten oder aber den einen oder anderen Flirt mit neuen Bekanntschaften genossen. Viele tanzten zusammen und kosteten die Zeit der Zweisamkeit aus - für einen Tanz, für einen Abend oder für eine Nacht.
Bevor ich die Terrasse erreichte, wurde ich selbst immer wieder angehalten, unterhielt mich mit Freunden und Bekannten oder nahm das Lächeln des einen oder anderen Latinos wahr. Die Party hatte ihren Höhepunkt am frühen Abend erreicht, es wehte der erste Disconebel und die Lichter strahlten über den Dancefloor. Ich fuhr mir mit meiner Hand durch das schwarze Haar und beobachtete amüsiert das wilde Partytreiben, bis plötzlich etwas anderes meine Aufmerksamkeit fesselte.
Ich hatte nur für einen Moment meinen Blick über den Strand schweifen lassen wollen, als ich nicht weit von der Aussichtsterrasse entfernt zwei attraktive Männer mit einem kleinen Jungen und Mädchen entdeckte. Die beiden waren wie ich selbst Anfang 30 und mir fiel sofort diese Vertrautheit und intensive Bindung zwischen ihnen und ihren Kindern auf, als sie zusammen am Strand spielten und herumtollten.
Ich vergaß die Party und alles andere um mich herum und es war mir unmöglich, mich von dem Anblick der jungen Familie abzuwenden, die ich in einer solchen Konstellation noch nie zuvor mit meinen eigenen Augen gesehen hatte. Mein Herz schlug schneller und ich fragte mich angestrengt, was die Geschichte dieser vier Menschen war, wie das Schicksal sie zusammengebracht hatte und ob ich mir so etwas für mein eigenes Leben wünschen würde. Und dann verspürte ich plötzlich diesen Stich.
Die Sonne würde schon bald im Meer untergehen und ich blickte noch immer nachdenklich auf den Strand, als plötzlich Julio hinter mir auftauchte und genervt wissen wollte, was ich hier draußen alleine mache . Der muskulöse Kolumbianer stellte sich neben mich auf die Terrasse und suchte angestrengt nach dem, was mich von der Party abgelenkt und zum Nachdenken bewegt hatte. Sein Blick ging in die Leere, da die kleine Familie inzwischen verschwunden war.
Ich atmete tief durch und schaute meinen irritierten Freund prüfend an. Er war attraktiv und verstand es es, im Leben Spaß zu haben. Wir hatten uns vor Jahren auf der Gay Pride in New York kennengelernt und schnell erkannt, dass wir beide für jede gute Party zu haben waren. Aber war er auch der Richtige, mit dem man über den eigentlichen Sinn des Lebens auf einem Circuit Festival diskutieren konnte und wollte?
Für einen Moment zögerte ich, aber dann schüttelte ich meinen Kopf. Ich schnappte mir Julio und war bereit, mich wieder in die Party zu stürzen und das hinter mich zu lassen, was mich beschäftigt hatte. Denn auch wenn wir heute noch jung und schön waren, würde dieses unbeschwerte Leben nicht ewig andauern. Es gab für alles eine Ablaufzeit.
Aber auch wenn ich mich wie alle anderen Partygäste an diesem Abend auch nur noch unter dem freien Himmel Spaniens amüsieren wollte, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mich daran erinnern würde, welche Träume ich in jüngeren Jahren meines Lebens gehabt hatte.
Die jungen Träume
Wenn man wie ich auf einem Bauernhof im hohen Norden Deutschlands aufgewachsen ist, dann hat man in seiner Kindheit und Jugend zumindest keine eigenen Träume gehabt, denn als ältester Sohn eines Landwirtes wurde man nicht nur mit dem berühmten silbernen Löffel, sondern auch mit der Verpflichtung geboren, irgendwann einmal in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. So entsprach es nicht nur den Vorstellungen ehrgeiziger Eltern, sondern auch der Norm. Es war nur ärgerlich, wenn man dieser Norm nicht selbst entsprach, was sich mit den Jahren zu einem immer größeren Problem hätte entwickeln können, wenn es nicht Hilfe und Einfluss von unerwarteter Seite gegeben hätte.
Mein Urgroßvater hatte irgendwann einmal in die Familie eingeheiratet, die auch 100 Jahre später noch die Kontrolle über das große Landgut haben sollte, das in einer Art Tal lag. Es gab einen kleinen See auf einer der Wiesen und einen Bach, der durch die Ländereien floss und irgendwann mit einem größeren Fluss verschmolz. So wie mein Vater, Großvater und Urgroßvater sah man auch mich in meiner Jugend oft auf dem Rücken der Pferde über die Felder reiten, was der Öffentlichkeit ein bestimmtes Bild vermittelte, das nicht der Realität entsprach.
Meine Eltern waren wohlhabend und viele Mitschüler dachten, dass ich jeden Wunsch erfüllt bekam. Aber als ich gerade einmal acht Jahre alt war und mein Vater beschloss, aus mir einen perfekten Bauern zu machen, war meine Kindheit von einem auf dem nächsten Tag vorbei. Seine Methoden waren äußerst fragwürdig und während meine Freunde im Frühjahr und Sommer zum Schwimmbad fuhren, arbeitete ich auf den Feldern und im Herbst und Winter half ich im Stall.
Die Schule kam dabei sehr oft zu kurz und während mein jüngerer Bruder in seiner Kindheit und Jugend gut gelaunt zum Fußballtraining fuhr und zum Lieblingssohn meiner Eltern wurde, erlebte ich die Art von Kindheit und Jugend, die auch mein Vater nicht anders kennengelernt hatte. Er hatte sehr große Erwartungen an mich gehabt und wenn diese nicht erfüllt wurden, zeigte er sich von einer Seite, die bis zum heutigen Tage unser Verhältnis stark belastet.
Aus mir wurde damals ein ruhiger und schüchterner Junge, der in einer großen Familie aufwuchs, in der es nicht üblich war, aus der Reihe zu tanzen und anders zu sein. Meine Eltern hatten schon sehr früh erkannt, dass ich mich von meinen vielen Cousins unterschied und sie versuchten, jede Form der Individualität oder spezieller Interessen im Keim zu ersticken. Alle hatten dasselbe zu mögen oder abzulehnen und es existierte nicht so etwas wie Vielfalt, die mein Leben in späteren Jahren nicht nur beeinflussen, sondern auch gestalten würde.
Ich fühlte mich bereits im Alter von neun Jahren alleine, anders und schwach, denn nicht der Norm zu entsprechen, bedeutete häufig eine fehlende Wärme, Geborgenheit und Unterstützung von anderen. Ich wusste nicht, wie ich mich behaupten sollte und es fehlte mir die Fähigkeit, die Wahrheit über mich selbst auszusprechen. Statt dessen kam mir meine Kindheit und Jugend oft wie ein einziger täglicher Test vor und es gab so viele Möglichkeiten, diesen Test nicht zu bestehen.
Man wurde schnell zur Zielscheibe von anderen, wenn man nicht richtig sprach, nicht richtig stand oder nicht richtig das Handgelenk hielt. Es gab so viele Wege, mich selbst und das wofür ich stand, zu betrügen, wenn ich krampfhaft versuchte, den Erwartungen der anderen von dem, was akzeptabel war, gerecht zu werden. Natürlich gelang mir das nicht immer und der Preis, den ich dann auf physischer und psychischer Ebene zahlen musste, war sehr hoch.
Mitte der 80er Jahre gab es nur drei Fernsehprogramme und kein Internet. Wir hatten keine Handys und wenn man mit 10 Jahren glaubte, schwul zu sein und auf dem Lande lebte, hatte man wirklich kein leichtes Los gezogen. Selbsthilfegruppen gab es keine weit und breit und da war niemand, dem man sich hätte anvertrauen können und es fehlte mir besonders an Inspiration, zu mir selbst zu stehen und den anderen zu zeigen, dass nichts, was sie sagen oder tun würden, mich ändern könnte.
Ich war mit meinen Gefühlen und Gedanken überfordert und wusste nicht, wo ich im Leben stand. Ich hatte Angst vor der Reaktion der anderen und es gab in der Schule bereits diverse Anfeindungen und Übergriffe. Kinder und Jugendliche können sehr ehrlich, direkt und brutal sein.
Doch dann passierte 1984 etwas, was mein Leben auf eine besondere Art und Weise beeinflussen und mich irgendwann sogar bis nach New York führen würde. Plötzlich wurde ich inspiriert und entwickelte die Fähigkeit an mich und meine Träume zu glauben und ein „Nein“ nicht zu akzeptieren.
Fame – Der Weg zum Ruhm
Die meisten von uns erinnern sich bestimmt noch an die US Fernsehserie Fame, die es Mitte der 80er Jahre auch nach Deutschland geschafft hatte, nachdem sie besonders in England und den USA ein großer Erfolg gewesen war. Sie basierte auf dem 1980 produzierten gleichnamigen oscarprämierten Film „Fame – Der Weg zum Ruhm“. Einige der Charaktere waren ausgetauscht worden, aber so wie im Film auch ging es in der Serie um eine Gruppe von Schülern mit unterschiedlichen Talenten und kulturellen Hintergründen, die alle das Ziel verfolgten, Ruhm zu zu finden.
Die Serie war ein weltweiter Erfolg und Millionen von Fans verfolgten jede Woche die Abenteuer der Schüler der Highschool for the Perfoming Arts, zu denen das scheue und musikalische Genie Bruno Martelli (Lee Curreri), die ehrgeizige Sängerin Coco Hernandez (Erica Gimpel), der Komiker Danny Amatullo (Carlo Imperato), die Schauspieler Montgomery MacNeil (P. R. Paul) und Doris Schwartz (Valerie Landsburg), die Cellistin Julie Miller (Lori Singer) und der sturrköpfige Tänzer Leroy Johnson (Gene Anthony Ray) gehörten.
Die Gruppe wurde von der strengen aber fairen Englisch Lehrerin Mrs. Sherwood (Carol Major Jenkins), dem älteren und eigensinnigen Musiklehrer Mr. Shirovsky (Broadway Komponist Herr Albert Haag) und der harten Tanzlehrerin Lydia Grant (Debbie Allen) mit einer eisernen Faust unterrichtet. Die Highschool for the Performing Arts gab es im wahren Leben in New York tatsächlich und Erica Gimpel und Gene Anthony Ray hatten diese sogar selbst besucht.
Erica Gimpel verriet einmal in einem Interview, dass Gene nach nur einem Jahr aus der Highschool herausgeflogen wäre. Sie überließ es ihm, die Story zu erzählen. Gene lachte:“Wir hatten morgens Ballett und Klassischen Tanz und am Nachmittag gab es die akademischen Fächer. Ich hatte keine Probleme mit den anderen Kids, ich hatte Probleme mit Autorität. Als sie morgens um 7 Uhr Pilets (Ballet) von uns verlangten, habe ich gesagt, nicht mit mir und bin erst um 10 Uhr erschienen!“
Während meine eigene Familie mit Fame nichts anfangen konnte, wurde die Serie weltweit immer beliebter und beschäftigte sich mit wichtigen Themen wie Essstörungen, psychische Erkrankungen, Rassismus, der Bedeutung von Freunden, den Gefahren, die von Drogen ausgingen und welche Herausforderungen auf junge Schauspieler und Nachwuchskünstler warteten.
Die ARD strahlte nur die ersten 26 der insgesamt 136 Folgen aus und die jungen und wilden New Yorker waren schnell wieder aus meinem Leben verschwunden. Aber auch wenn Fame mich nur für kurze Zeit in meiner Jugend begleitet hatte, hatte sie einen extrem großen Einfluss auf mein Leben gehabt und besonders einer der Darsteller hatte mich von Anfang an stark beeindruckt.
Gene Anthony Ray galt als der heimliche Star der Serie. Er hatte nie eine klassische Ausbildung erhalten, verfügte aber über ein unglaubliches Talent und überzeugte als Schauspieler, Tänzer und Sänger. Er war attraktiv und hatte einen unglaublichen Körper in einer Zeit, in der Bodybuilder noch keine Anabolika nahmen. Seine Kollegen bemerkten, dass er eine ungeheuerliche Energie und ein Feuer in sich hatte. Dieses stellte einerseits eine große Stärke, andererseits aber auch eine große Schwäche dar.
Gene verkörperte den afro-amerikanischen Rebellen Leroy Johnson aus Harlem, der sich nicht nur durch seine dunkle Hautfarbe, sondern auch durch seine Sprache und sein provokatives Auftreten von den anderen Darstellern unterschied. Er hatte mir so sehr imponiert, dass nachdem meine Englisch Lehrerin mir den englischen Namen „Huck“ aufgezwängt hatte, ich darauf bestand, auf „Leroy“ umgetauft zu werden. Das war vor genau 30 Jahren.Mir war damals Gene Anthony Ray’s wahre Geschichte nicht bekannt gewesen ‚aber durch Leroy Johnson erkannte ich, dass im Leben nichts unmöglich war und man sich nicht dafür schämen musste, anders zu sein und statt dessen auf sich stolz sein sollte. Wenn er in seinen coolen Outfits und voller Leidenschaft tanzte, gab mir das Hoffnung, mein Leben irgendwann selbst in die Hand nehmen zu können.
Und so wie Leroy Johnson ein Rebell war, entwickelte auch ich eine Art Kampfwillen und lernte, mich durchzusetzen. Ich arbeitete weiter auf dem Hof meiner Eltern, teilte ihnen aber schon sehr früh mit, dass ich niemals Landwirt werden würde und egal wie spät es am Abend war, ich würde nicht zu Bett gehen, bevor ich nach der Hofarbeit meine Hausaufgaben erledigt und für die Klassenarbeiten gelernt hatte.
Gene Anthony Ray sagte einmal, dass er es als schwer empfunden hatte, nach dem Unterricht in der Highschool for the Performing Arts zurück zu den gefährlichen Straßen Harlems zurückzukehren. Ich teilte diese Erfahrung mit ihm und war entschlossen, zumindest aus meiner Schulzeit das beste zu machen. Ich konnte nichts gegen die Anfeindungen der anderen unternehmen, verstand es jedoch plötzlich, die Reibereien und Übergriffe an mir abprallen zu lassen.
Ich lernte, zu mir selbst zu stehen, meldete mich für die Theater AG an und stand jedes Jahr mutig und stolz auf der Bühne. Mit den Jahren wurde der Applaus lauter und die Buhrufe leiser. Den Erfolg auf der Bühne und die Anerkennung der anderen spüren und kreativ sein zu können, brachte mir neues Selbstbewusstsein und ich fing an, meine Emotionen und Gedanken auf Papier zu bringen und hoffte, irgendwann als Autor Erfolg zu haben.
Einer der Gründe, warum ich mehr als 20 Jahre später mein erstes Buch „Coming Out in New York“ schreiben und veröffentlichen sollte, war gerade der, dass ich meine Leser an meinen eigenen Erfahrungen teilhaben lassen und etwas von der Inspiration zurück geben wollte, die ich selbst durch Gene und seine Kollegen von Fame erfahren hatte. Ich hoffte, für jemanden genau das darzustellen, was auch Gene für mich gewesen war und mit meinem Buch eine Nachricht an den Menschen zu senden, der selbst das Opfer von Übergriffen Zuhause, in der Schule oder irgendwo anders gewesen war.
Gene verkörperte für mich die Hoffnung, dass es dort draußen eine Community gab, in der man nicht alleine war und unabhängig davon, ob man auf einem Bauernhof in Deutschland oder auf den Straßen Harlems oder irgendwo anders aufgewachsen war, Menschen auf einen warteten, die einen liebten, zu hörten und für einen da waren.
Als ich damals Mitte der 80er Jahre auf der Weide stand und das Pfeifen des Kilometer entfernten Zuges hörte, spürte ich, dass auch ich irgendwann das Anwesen meiner Eltern verlassen und mich in genau diesem Zug auf dem Weg in ein neues Leben machen würde.
Träumte ich schon damals davon, Gene Anthony Ray nach New York zu folgen oder eines Tages mit meinem Partner und Kindern am Strand von Sitges zu spielen und im Leben die wahre Liebe zu finden? Ich weiß es nicht.
Aber Leroy Johnson machte während seiner Zeit in Fame eine Aussage, die für Leidenschaft, Zielstrebigkeit und das Leben selbst stand und auch wenn ich selbst kein Tänzer werden und die Kreativität in meinem Leben durch andere Dinge ausleben würde, sollte ich noch Jahre später oft an seine Worte denken.
„Cause the working and the dancing is not just something that I do, it is something that I am!”
Come from nowhere – Get somewhere
G
