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BACUDA – das ist `n Kerl in den besten Jahren ( das sind die, die kommen, wenn die guten vorbei sind! ), der sich interdisziplinär mit `Gott und der Welt´ auseinandersetzt, und zwar in persönlicher, soziologischer und politischer Hinsicht – klingt echt cool, oder? BACUDA – das ist mein Versuch, der ekelerregenden und in geradezu allen Lebensbereichen vorhandenen Heuchelei zu Leibe zu rücken – ungeschönt, roh, brutal, aber ehrlich – und all´ das in äußerst unterhaltsamer Form, eben ohne zu langweilen – das klingt aber jetzt wirklich megacool, äh, richtig? FALSCH - cool, megacool, alles Quatsch - BACUDA steckte einfach in mir drin und wollte unbedingt da `raus – BASTA!
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Seitenzahl: 635
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Mick Schwunk
Bacuda
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Inhaltsverzeichnis
Titel
ERKLÄRUNG:
MORGENGRAUEN
MITTAGSHITZE
NACHTSCHICHT
ALPHA
GAMMA
DELTA
OMEGA
Impressum neobooks
Dieses Buch ist der erste Teil der 7-teiligen `BACUDA´ - Reihe, deren einzelne Teile jeweils zwei von insgesamt 14 Büchern zum Inhalt haben – bei einem Gesamtvolumen von knapp einer Million Wörtern war eine solche Unterteilung einfach unumgänglich.
Sämtliche Ungenauigkeiten bezüglich der zeitlichen Abläufe oder der angedachten Fakten/Personen innerhalb einzelner Fachbereiche sind nicht etwa schlampig recherchiert, sondern durchaus so gewollt – sie sind als Stilmittel in Hinsicht auf den Terminus `Schwätzdenkerei´ zu verstehen.
Für SVEN ADOLPH G. – von wegen: „Eh, Mann, das ist doch nix für `Unsereinen´!“ – das war mir Inspiration und gleichermaßen auch Ansporn, dafür meinen tief empfundenen Dank!
Mick Schwunk
Bacuda hatte einen leichten Schlaf, und er wusste auch, warum – es war wieder einmal soweit, er fühlte sie, bevor er sie hörte – dann waren sie da, kleine, schmächtige Gestalten, die sich traumwandlerisch sicher in seinem Appartement an ihre Arbeit machten; es war halb vier Uhr früh an diesem spätsommerlichen Dienstag, und nicht nur der Morgen graute – und wie jeden Dienstagmorgen verzichtete er auf seinen Kaffee, er riss angewidert eine der mitgebrachten Dosen Bier auf und trank hastig, bevor er sich dem Chef dieser dürren Combo zuwandte:
„Wann?“
„Acht...Bacuda da?“
Er nickte missmutig, der asketische `Chef ´lächelte, freundlich nickend – und dann verschwanden sie, geräuschlos huschten sie aus Appartement, Hochhaus und seinem Blickfeld, Bacuda seufzte vernehmlich:
„Der einzige Sozialhilfeempfänger, der fünfzigtausend Zigaretten zu Hause hat – wer hätte das gedacht, einfach nicht zu fassen...“
Allein mit sich, seinem Körper und den ersten Sonnenstrahlen des Morgens bereitete er sich auf seinen Tag vor, er kontrollierte die Küchenschränke und seine Wohnungstür, apathisch und routiniert – ein Dienstag wie jeder andere, ein Tag in seinem Leben, eine Facette seiner Gefühlswelt – eben etwas, das durchlebt werden wollte...
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Er hatte seine Tage `angelegt´ wie seinen ihm zur Verfügung stehenden monatlichen Salär, und heute war Dienstag – das war sein `Liefertag´, aktiv und passiv; dieser Tag war jedes Mal der Höhepunkt seiner Woche, zumindest, was die reale, direkt miterlebbare Außenwelt betraf – und wenn die `Belieferung´ für ihn auch einer schwitzigen Zumutung gleichkam, entschädigte ihn seine `Eigenlieferung´ doch für so manches – denn dies war ebenfalls der Tag, an dem er einkaufen ging; vier Stunden noch – er würde sie zu gestalten wissen, und während er sein Radio einschaltete, bedachte er die unterschiedliche Bewertung von Zeit...
Bacuda saß seiner Wanduhr gegenüber und beobachtete den Sekundenzeiger, exakt eine Minute lang – sechzig Ticker, immer gleich und doch so unterschiedlich, es war nur eine Frage der Anzahl der Parameter, die man dem unweigerlichen Verstreichen hinzufügte; nun könnte man sich die Sache natürlich einfach machen und auf die emotionale Befindlichkeit beschränken, so nach dem Motto:
„Sitzest du in der Todeszelle, ist jede Minute zu kurz, die Zeit rast, wartest du auf den Bus, ist jede Minute zu lang, die Zeit schleicht – das ist immer so, es kommt darauf an, was dich schlussendlich erwartet!“
Doch so leicht machte er sich das nicht, er dachte da differenzierter – denn er hasste nichts mehr als die axiomatischen Feststellungen, dieses schwarz/weiß Denken, eben das krachlederne Behaupten einer erkannten Unausweichlichkeit!
„Und was ist Zeit beim Bumsen, rasend oder schleichend, tja, oder gar beides?“
Bacuda grinste bitter verächtlich, als er seine zweite Dose Bier öffnete – er dachte diesbezüglich nicht an Freier und Nutte, das wäre zu einfach, nein... – er dachte an ein verliebtes Pärchen, die den Liebesakt in emotionaler Verzückung vollzogen, bereit, nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben, den Klimax gemeinsam ansteuernd – was war mit denen?
Selbstverständlich war er sich seiner diesbezüglichen Beschränkung aufs Männliche durchaus bewusst, ergo hielt er sich nicht bei der Imagination auf, sondern versuchte, zu memorieren – wie war das noch mal gewesen, dieses genussreiche Ansteuern des Höhepunktes, dieses `Nicht erwarten können´ und dieses `Es nicht erwarten können´, hm, welch eine unvereinbare Koinzidenz...
Da war einerseits der Umstand, unbedingt `kommen´ zu wollen, andererseits die Erkenntnis – „Wer zu früh kommt, den bestraft das Weibliche!“ – ein und dieselbe Minute, das angestrebte Resultat übertraf alles andere, und doch war die empfundene Zeit nicht gleich – Gier oder Genugtuung, Befriedigung oder Zufriedenheit, Emotion oder Ratio, und all´ das gleichzeitig – doch wer nun glaubte, dass selbst bei dem Gelingen einer solchen Aktion eine Gleichheit der empfundenen Zeit herzustellen sei, der war seiner Meinung nach im Irrtum – denn was hat „Oh mein Gott!“ schon mit „Gott sei Dank...“ zu tun...
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Die zwei nun leeren Bierdosen fügte Bacuda geschickt in sein `Kunstwerk´ ein, seinen `Berliner Turm´ - ein recht merkwürdig anmutendes Gebilde, bestehend aus Dutzenden leerer Bierdosen der unterschiedlichsten Billigmarken, drapiert auf seinem Couchtisch; und er musste sich schon erheben, um die Spitze problemlos zu erreichen, trotz seiner 1, 90 m Körperlänge – es wackelte zwar bedenklich, doch schlussendlich blieb dieses `Etwas´ senkrecht, und für einen kurzen Moment war er echt begeistert, er strahlte triumphal überglänzt!
Prüfend und mit kritischem Blick umkreiste Bacuda den `Turm´, er war sich nun sicher, dass – architektonisch gesehen! – das strukturelle Grundelement der südamerikanischen Inkakultur zuzuordnen war – diese viereckige, sich nach oben hin verjüngende Formgebung war nicht etwa zufällig entstanden, nein, das hatte etwas mit Statik zu tun; und da die Grundfläche begrenzt gewesen war auf die Ausmaße seines Couchtisches wurde er sich betrübt der Endlichkeit seines Werkes bewusst – drei Lagen, höchstens, und dann eventuell noch ein mastmäßiger Aufbau, aber dann...
Unvermittelt ging sein Blick in Richtung der in der hinteren Ecke angeordneten drei mit leeren Bierdosen prall gefüllten blauen Müllsäcke, deren Existenz inmitten eines Wohnraumes er vor kurzem mit dem Terminus `Aktionskunst als Teil des Lebensmittelpunktes´ erklärt hatte – und er erinnerte sich grienend...
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Es war der `Money for nothing - Tag´ vor knapp zwei Wochen gewesen, nach dem üblichen Brimborium mit seiner Sachbearbeiterin des für ihn zuständigem Sozialamtes und der beschämenden Prozedur an der Kasse war er schweißnass in einer Pizzeria vor Anker gegangen, um die wenigen Stunden des Monats zu genießen, in der selbst `Abschaum wie unsereins´ sich als Mensch fühlen durfte – bestückt mit mehreren hundert Mark in bar und der geheuchelten Erkenntnis, dass im Leben eigentlich nur der jeweilige Augenblick wirklich wichtig ist, hatte Bacuda wie selbstverständlich Pasta und Rotwein geordert; und als dann Espresso und Cognac kredenzt wurden, tja, da hatte er innerlich seinen Sozialhilfeempfängerstatus längst abgelegt, so wie ein üble Angewohnheit...
In bester Laune und mit reichlich Feuer im Blut wollte er den Abend in einer Kneipe mit Live – Musik beenden, als er zufällig Tanja kennen lernte – ein ziemlich junges Mädel, ganz in Leder, ganz ohne Argwohn und gänzlich ohne ein Zuhause; und da war sie bei ihm gerade richtig, Bacuda gewährte Obdach!
In seinem Appartement angekommen wurde er dann aber doch skeptisch, was diese Tanja betraf – denn die wurde es nicht müde, die von ihm despektierlich als `meine Platte mit Tür´ bezeichnete Wohnung als `echt toll´ zu bezeichnen – woraufhin er sie zuerst einmal streng unter die Dusche beorderte, hm, wer wusste schon, wo die in letzter Zeit gastiert hatte...
Zumindest empfand er sie als wohlriechend, als man sich dann endlich auf seiner Bettcouch aneinander schmuddelte, und da entdeckte sie die von unten angestrahlten Müllsäcke – doch noch bevor sie die Frage formulieren konnte, die Bacuda als unvermeidlich annahm, hatte er ein Antwort parat, die lästige Weiterungen verunmöglichen würden; denn er war „... von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt!“, ergo warf er folgendes gekonnt ein:
„Baby, das ist Aktionskunst, integriert in den Lebensmittelpunkt, doch dazu später mehr...“ – wie gesagt, dies war `...nicht die Stunde´...
Am nächsten Morgen dann, ein weiteres Mal der Illusion beraubt, dass man sich `nachher´ gravierend anders fühlt als `vorher´, hatte er das unbedingte Bedürfnis verspürt, die Kunst, die nun in völlig anderem Licht erschien als nachts, erklären zu müssen:
„Aktionskunst, verstehst du, was dem einen sein `Reichstag´ ist dem anderen seine `Dosenarmada´, verhüllt und damit von unergründlicher, neuer Tiefe – das dimensionale Zusammenspiel, die sich durch jede Berührung erneute Veränderung von Gesamtform und Schattenwurf, die Koinzidenz von Lebenssaft und Wegwerfartikel, äh, mit einem Wort – das Zerrbild der real existierenden Umstände unserer Gesellschaft, integriert in den Lebensraum, um wie durch ein Fanal ständig an Vergänglichkeit und Missachtung erinnert zu werden – das ist die Botschaft, die eigentliche Message!“
Mit diesem Schlusswort war ihr Gastspiel dann beendet, und Bacuda hatte das Gefühl gehabt, dass diese Tanja sich ganz sicher war, jemand `ganz Besonderen´ getroffen zu haben – und zumindest das befriedigte ihn nachhaltig...
Bacuda schaute zur Wanduhr, es war gerade einmal halb fünf, seufzend wandte er sich einem erneuten Bier zu – das musste man sich einmal vorstellen, wie leicht es doch war, mit einer solch geballten Ladung an intellektuell klingendem Mist Durchschnittsmenschen wie diese Tanja mächtig beeindrucken zu können, eigentlich ein Unding!
Aber war das strenggenommen verwunderlich? War es nicht eigentlich immer und überall das gleiche Spiel, Reputation und Qualifikation einmal vorausgesetzt? Und was hieß in diesem Zusammenhang überhaupt `Qualifikation´?
Bacuda schnaufte verächtlich, er erinnerte sich an die `750 Jahr Feier der Stadt Berlin´, damals noch `Westberlin´, und an die Exponate, die ihnen zu der Zeit als `Kunstwerke´ zugemutet worden waren – ein Stück aus dem Tollhaus!
In der Nähe der `Gedächtniskirche´ hatte er seinerzeit fast einen Schreikrampf bekommen, als man ihm erklärte, dass diese wie willkürlich zusammengeschobenen Absperrgitter ein Gesamtkunstwerk bildeten, das mehrere hunderttausend Mark gekostet habe – und auch heute noch verspürte er Groll in sich aufsteigen, wenn er daran dachte; doch es war nicht nur Groll auf den Künstler und seine Förderer, nein, es war vielmehr Groll auf sich selbst...
Denn eines gab er sich zu – wenn es sich dabei tatsächlich um Scharlatanerie gehandelt hatte, warum war dann er, als Experte auf diesem Gebiet, nicht selbst darauf gekommen?
Was verbarg sich realiter hinter seinem Groll, war es nicht eigentlich nur ganz profaner Neid? Und wenn es so war, worauf war er dann neidisch – auf die Akzeptanz oder lediglich auf den schnöden Mammon? Außerdem, war das nicht eigentlich egal, auf was oder wen auch immer? War es nicht eigentlich nur das Phänomen des Neides, was ihn dunkel erahnen ließ, nicht besonders zufrieden mit sich und seiner Situation zu sein? Suchte er nicht strenggenommen lediglich seinen ganz persönlichen Lee Harvey Oswald, den Sündenbock für das eigene Versagen? Und schlussendlich – war er tatsächlich ein Versager?
Fragen, Fragen, nichts als Fragen, immer nur Fragen – doch Fragen stellt man lediglich, Antworten gestaltet man!
Bacuda ging ins Bad, doch eigentlich wusste er gar nicht, warum er das jetzt tat – er `musste´ nicht, zum Waschen war es viel zu früh und zur Zahnpflege Jahre zu spät, der Zustand seines Gebisses bereitete ihm zunehmend Kopfzerbrechen – er sah ja aus, das gab es ja gar nicht!
Gelb, braun und schwarz waren die Komplementärfarben seiner Mundhöhle, und auch die Form der noch verbliebenen Zähne irritierte ihn – normalerweise waren die irgendwie rechteckig, seine hingegen sahen aus wie auf den Kopf gestellte `Mensch ärgere dich nicht!´ - Klötzchen!
Ihm brach leicht der Schweiß aus, das wollte er nun genauer wissen – er zählte durch und kam auf 19, aus dem längst vergangenen Biologieunterricht erinnerte er die Zahl 32, mit oder ohne Weisheitszähne war ihm nicht mehr präsent – doch bei einer Gesamtanzahl von 19 Stück kam es darauf ohnehin nicht mehr an, oder etwa doch?
Er schaute sich im Spiegel an und schloss den Mund, mit fest zusammen gekniffenen Lippen ging er mit dem Gesamteindruck ins Gericht – na bitte, ein verschmitztes Grinsen war noch machbar, wenn auch unter geradezu höllischen Schmerzen – was, zum Teufel, war denn da drinnen los?
Mit wässrigen Augen und extrem vorsichtig überprüfte er mit dem Zeigefinger den Lockerheitsstatus der Klötzchen und war entsetzt:
„Einen Biss in einen guten, frisch aufgebackenen Döner, und ich kaue auf der Felge – ich fasse es nicht!“
Tiefe Traurigkeit gepaart mit einer merkwürdigen Art von Scham überkam ihn, er konnte seinen Anblick im Spiegel nicht mehr ertragen – er setzte sich auf den Badewannenrand und schluchzte, nein, es war mehr ein fatalistisches Wimmern – ein Mann erinnerte sich hoffnungslos daran, wer er einmal gewesen war...
Ein Bier später, es war mittlerweile kurz nach fünf, war Bacuda alkoholbedingt das erste Mal an diesem Tag reif fürs Bett, er machte das Radio aus und den Fernseher an, dann legte er sich hin, auf sein schmuddeliges Sofa, welches ihm als alles diente – es staubte leicht auf, als er sich unter die Wolldecke verkroch – und während er in einen leichten Schlaf fiel, da war ihm eines völlig bewusst:
„Was auch immer ich in den nächsten Minuten finden werde – es wird keine Ruhe sein...“
Als er gut eine Stunde später erwachte, war er zittrig/verschwitzt – was war denn das gewesen, das er da geträumt hatte - ein Alptraum übelster Ausprägung, ein echtes Fiasko von Traum!
Bacuda erinnerte sich lebhaft, es war in New York gewesen, im `Museum of modern Art´ - er stand vor einem Exponat des deutschen Künstlers Joseph Boys, des einzigen, das er kannte, den so oft zitierten `FETTSTUHL´; und er stänkerte, ja, wirklich, er ließ den umstehenden Betrachtern nicht die geringste Chance, sich ein stummes, subjektives Urteil zu bilden – Bacuda war in Höchstform!
Zuerst einmal hatte er sich als Deutscher `geoutet´, gerade so, als wäre das ein künstlerisch/kritischer Kompetenzbeweis bezüglich des älteren Herrn mit Schlapphut, den er ohnehin mit Verve verachtete – dann donnerte er los, wuchtig, lärmend und doktrinär!
Er schwadronierte über Scharlatanerie, Talmi und deren Akzeptanz, er referierte bezüglich Kunst und Kunstwert, er dozierte über die verschiedenen Kunstformen im Allgemeinen und Speziellen – und dann zog er blank, er verstieg sich zu der ultimativen Behauptung, schuld an dieser Misere seien nur die Amerikaner, eben diese Typen aus Texas, milliardenschwer und bar jeglichen Niveaus, reicher Pöbel, der zum Beispiel einen exzellenten europäischen Rotwein in den Kühlschrank stellt und nachher dann zum Chili trinkt!
Bacuda war dermaßen in Fahrt, dass er das unheilvolle Grollen seitens seines Publikums glatt überhörte – doch dann veränderte sich die Szenerie, aus den Menschen wurden Klötzchen, gelb, braun und schwarz!
Sie formierten sich drohend, in zwei Reihen übereinander, eitrig ihn in eine Ecke drängend – um dann massiv gegen ihn vorzugehen...
Die übereinanderliegenden Reihen bildeten eine Mundöffnung, doch anstatt ihn zu verschlingen hauchten sie ihn in Orkanstärke an, tief aus dem Rachen, so dass der Eiter auf ihn zuflog, begleitet von einem Gestank, der jeder Beschreibung spottete, tja... – da wurde einem Mann die `Endlichkeit des Seins´ bewusst!
Im sich verkrampft/windenden Aufwachen sah Bacuda die Bilder der durch Giftgas getöteten kurdischen Iraker, er durchlitt die Gaskammern von Auschwitz und Birkenau, doch gleichzeitig hasste er immer noch Texas, hm, das Land des Öls und `Gas´...
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Viertel nach sechs Uhr morgens, und die Schockwelle des Tages saß schon tief – Bacuda fuhr fahrig durch sein zwar langes, gelocktes, aber auch immer schütterer werdendes Haupthaar, er atmete hörbar tief durch; ihm war bewusst, dass er sparsam mit Energie und Bier umgehen musste, um einigermaßen durch den Tag zu kommen, ergo ging er in die Küche und machte sich Kaffee – er hasste die Beschränkung, doch er liebte die Planung – warum auch immer...
Rauchend, kaffeeumdämpft und misslaunig sah er fern, das `Morgenmagazin´ der öffentlich/rechtlichen Sender, und eine Frage drängte sich ihm geradezu auf – würde es heute erneut ein langweiliger Tag werden, über den die berichteten, oder war es lediglich ein langweiliger Sender?
Überhaupt Langeweile – im eigentlichen Sinne des Wortes war ihm eine solche Gefühlssituation vollkommen unbekannt – Langeweile, was nämlich bedeutete das in Wahrheit?
Bacuda straffte sich, denn er wusste, dass er `seiner Welt´ etwas mitzuteilen hatte – Langeweile, das war für ihn die subsummierte Substantivierung der Adjektiv/Substantivkonstruktion `lange Weile´, wobei diesbezüglich dem Adjektiv `lange´ eine Bedeutung im übertragenen Sinne zugebilligt werden musste - `lange´ stand stellvertretend für `unausgefüllt´, und damit für:
„Langweilig!“
Seiner Meinung nach bestand das eigentliche Problem der Langeweile darin, dass die meisten Leute nicht in der Lage waren, sich selber zu unterhalten – sie waren völlig abhängig davon, was ihnen von `außen´ geboten wurde, was gleichzeitig auch die unglaubliche Vielzahl von den unterschiedlichsten Medien erklärte – Film, Funk und Fernsehen, dazu noch die sogenannten `Printmedien´, Theater, Kabarett, Oper, Operette und Musical, abgerundet durch Konzerte unterschiedlichster Art – all´ das diente strenggenommen nur der Bekämpfung der Langeweile eben der Personen, die nichts mit sich anfangen konnten!
Oder auch der Unterschied zwischen `einsam´ und `allein´ - Bacuda war sich sicher, dass die meistens Leute gar nicht wussten, dass es überhaupt einen gab!
Bacuda erinnerte sich an eine Begebenheit vor fast einem Jahr – damals war ihm bewusst geworden, wie elementar dieser Unterschied tatsächlich war...
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Es war kurz nach seinem Einzug in diese Wohnung gewesen, dass aus seiner anfänglichen Euphorie darüber, nach jahrelanger `Fast – Obdachlosigkeit´ endlich wieder eine eigene Bleibe zu haben, wo er per Schließen der Wohnungstür die Welt und deren Ungemach draußen halten konnte, ein nüchterner Fatalismus geworden war – und `nüchtern´ war diesbezüglich wörtlich zu nehmen...
Die Wohnung, die schäbige Einrichtung und seine mehr als billige Anfangsausstattung an Kleidung waren das Ergebnis seiner Premiere in einer für ihn völlig neuen Disziplin – der Disziplin des `Über den eigenen Schatten Springens´!
Denn damals war es soweit gewesen, jawohl – er war einfach zu arm, um sich seinen Stolz auch weiterhin erlauben zu können...
Selbstverständlich war er um größtmögliche Diskretion bemüht, weshalb er kurzerhand den Westteil Berlins verlassen hatte, um sich im Osten der Stadt anzusiedeln – er war damals der unbedingten Meinung, dass fast zehn Jahre nach der `Einheit´ selbst `DIE´ mittlerweile Deutsche waren; und außerdem – wenn man den Nachrichten Glauben schenkte, pfiff der gesamte `Osten´ ohnehin aus dem letzten Loch, ergo war sein Gebot der Stunde:
Als Verlierer Abtauchen im Heer der Verlierer, jedoch unter der Maßgabe, dass seine westdeutsche Überlegenheit ihn zumindest zum `Einäugigen unter den Blinden´ machen würde!
Wie sah es denn realiter aus – für Bacuda war das ganz klar, geographisch befand er sich zwar im Osten, `systemisch´ jedoch im Westen – er war nicht bei denen, strenggenommen waren die bei ihm!
Diese Erkenntnis und das verheuchelte Bewusstsein, dass Armut keine Schande ist, machten es ihm erträglicher, den Weg nach ganz unten anzutreten – Endstation, seine ganz persönliche Apokalypse, sein einzig wahres Armageddon; er hatte echte Schauermärchen über die Zustände auf den Sozialämtern gehört, von der geringschätzigen Art, mit der man da bedacht wurde, von der Verachtung der Sacharbeiter, die sich über einem ergoss, von der provozierten Scham, die man schlussendlich aus den Poren schwitzte – aber nicht mit ihm, Bacuda war da wild entschlossen, ausgestattet mit `Hammersyndrom´ und nass/forschem Auftritt betrat er das Bezirksamt Hohenschönhausen, Abteilung Sozialwesen – und erlebte eine Überraschung!
Denn nichts von alledem schien sich zu bestätigen, und spätestens zu dem Zeitpunkt, als man ihn `Bürger Bacuda´ nannte, tja, da hatte er positive Revolutionsgefühle – Danton, Robbespiere und die Bastille, `Liberte, Egalite und Fraternite´, Bacuda, Klamotten und `ne eigene Wohnung – ein `Hoch´ auf unsere Brüder und Schwestern!
Man hatte es ihm leicht gemacht, und er war so dankbar, dass er seine etwas dickliche Sachbearbeiterin glatt geheiratet hätte, wenn sie ihn nur gefragt haben würde – doch so weit ging die Liebe nicht, `Bürger Bacuda´ wurde lediglich im Laufe der nächsten vierzehn Tage mit dem Nötigsten ausgestattet, zuzüglich eines Barbetrages in Höhe von knapp 520,- DM, der sogenannten `Hilfe zum Lebensunterhalt´ – und genau da begann sein Problem...
Im Gegensatz zu den festen Kosten wie Miete und deren anfallenden Nebenbeträge, die direkt vom Amt überwiesen wurden, hatte man ihm zugetraut, seine finanzielle Monatsplanung selbstständig in den Griff zu bekommen – eine Fehleinschätzung, wie sich herausstellte, unter der jedoch nur der `Bürger´ litt!
Denn Bacuda hatte völlig die Übersicht verloren, verwirrt durch den Umstand, dass er Bröckchenweise über 2000,- DM für seine Einrichtung ausgehändigt und auch sachbezogen verwendet hatte, war er nicht mehr im Bilde über seinen tatsächlichen finanziellen Status, was ihn dann in den Zustand vollkommener Mittellosigkeit getrieben hatte – bereits am Wochenende vor dem Dienstag, an dem es erneut `Frisches´ geben sollte, war er vollständig pleite, sein Kühlschrank `gähnte´, um es mal mit BAP zu sagen!
Samstag, Sonntag und Montag – drei höllische Tage, geraucht wurden die wiederverwendeten Kippen der Vorwoche, getrunken wurde Wasser aus dem Hahn, und gegessen wurde Kakaopulver, verdickt durch einen Schluck Wasser, hm, lecker – und genau zu diesem Zeitpunkt eröffnete sich ihm der Unterschied zwischen `allein´ und `einsam´...
An jenem Sonntag war Bacuda bereit, sich zu erniedrigen – den einzigen an nach außen hin verwendbarem Wert stellte eine Telefonkarte dar, mit einem Guthaben von noch immerhin 1,40 DM; zittrig/schwitzend und mit knurrendem Magen trat er den neunstöckigen Weg zur Telefonzelle an, um seine Exfrau anzurufen – obwohl nichts im Magen war ihm echt zum Kotzen!
Er rief an, er klagte sein Leid und wurde abgestraft – „Da musst du durch, jetzt weißt du endlich auch mal, was Hunger ist – und nun bitte, belästige mich nicht weiter, o.k.?“ – da hatte er blitzartig aufgelegt, anscheinend deshalb, damit sie seinen roten Kopf nicht sah; denn Bacuda schämte sich bis auf die Knochen, ja, sein Schamgefühl überlagerte Hass und Hunger, so schlecht konnte es ihm gar nicht gehen, als dass er einen solchen `Gang nach Canossa´ noch einmal antreten würde, ja... – zumindest das war mal sicher...
Trotzdem saß er den ganzen Tag zu Hause und wartete darauf, dass es an der Tür klingelte – doch es tat sich absolut nichts, und er fühlte sich einsam und verlassen – eben ganz anders als sonst, wo er lediglich allein war...
Denn Einsamkeit war passiv, Alleinsein hingegen aktiv angelegt – es ist nun einmal ein Unterschied, ob niemand einen sehen oder ob man selbstbestimmt seine Ruhe haben will – faktisch war es das Gleiche, hm, aber emotional war es beileibe nicht das Selbe...
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Bacuda hatte angewidert den Programmpunkt `Szene´ hinter sich gebracht, er war sich nun nicht mehr sicher, ob ein weiterer Kaffee zum jetzigen Zeitpunkt das Richtige war – es war doch immer das Gleiche, `Mr. Unbegabt´ im Wettstreit mit `Mrs. Unbedeutend´, und die tatsächlichen Könner ihrer jeweiligen Genres konnten sich bei der Ausübung ihrer beruflichen Verpflichtungen einfach der Präsenz solcher Schranzen wie zum Beispiel Nina Ruge nicht erwehren – „I bin der Mosi, und das ist die Daisy, einfach herzig, net wahr?“ – Bacuda fühlte seine Mundhöhle sauer werden, äh, warum jetzt auch immer...
Apropos Mundhöhle – den Alptraum von vorhin hatte er noch immer nicht verdaut, es zog ihn geradezu magnetisch ins Badezimmer – doch da half kein Beschönigen, zahnseitig betrachtet gehörte er zum Abschaum, in heller Aufregung erinnerte er sich an den Schauspieler und Kabarettist Wolfgang Neuss bei einer Talkshow vor vielen Jahren mit dem damaligen Regierenden Bürgermeister von Westberlin, Richard von Weizsäcker – ein Bild des Jammers, lange, verfettete Haare und ein einzelner Kuchenzahn unten rechts, äh... – ach du liebes Bisschen!
Schon damals hatte er sich geschworen, so niemals über den `Catwalk des Lebens´ zu marschieren – doch nun musste er sich zugeben, verdammt nah dran zu sein, verdammt nah dran am Gespensterstatus – alles Haartechnische schien sich ihm gegenüber verschworen zu haben, oben schütter, Brustglatze und ein Bartwuchs wie ein Fünfzehnjähriger, ein Karl Marx Oberlippenbart, der einen gnädigen Schleier über seinen Trümmerhaufen legen würde, wollte ihm einfach nicht entsprießen – lediglich horntechnisch stand er voll im Saft, er war mit Fußnägeln gesegnet, die an Krallen erinnerten!
„Dazu bin ich noch rappeldürr und habe trotzdem einen Kugelbauch, `n echter Adonis – das gibt’s doch alles gar nicht!“
Bacuda hatte genug gesehen, er verließ fluchtartig das Badezimmer – rein in die Küche, weg mit dem Kaffee, her mit dem Bier – das war praktisch alles eins, ein kurzes Aufstauben, dann saß er erneut auf seiner Couch; und er versuchte, sich zu beruhigen...
Er erinnerte sich an dieses Wahlplakat der SPD vor gut drei Jahren – wie war das noch mal gewesen?
Da sah man das Gesicht irgendeines Kerls, der `zahnbelückt´ strahlte auf Teufel komm´ raus – und der Untertitel lautete, zumindest dem Sinn nach:
„Damit ein Lächeln nicht entlarvend wird – für mehr soziale Gerechtigkeit, darum SPD!“
Nun gut, wenn man sich den dentalen Zustand des Bundesarbeitsministers Walter Riester – zumindest im unteren Bereich! – so anschaute, konnte man im weitesten Sinne von einer solidarischen Handlung sprechen, jedoch mit einem gravierenden Unterschied: Der könnte runderneuern, wenn er nur wollte!
Vor einigen Wochen war Bacuda auf dem Gang des Sozialamtes mit einem `Fast – Rentner´ ins Gespräch gekommen, in dessen Verlauf der ihm sein Leid geklagt hatte – denn dieser alte Mann war seit fast zwei Jahren in zahnärztlicher Behandlung auf Kosten des Staates, und er hatte ein Rennen mitgemacht:
„Das müssen Sie sich einmal vorstellen, tse... – da geben die unsereinem ein Zahnbehandlungsschein, der jede Art von Zahnersatz ausdrücklich ausschließt, also: Sie gehen zum Arzt und der erstellt einen Heil – und Kostenplan, damit müssen Sie dann zuerst einmal zu Ihrem Sachbearbeiter, der diesen Plan dann an den zuständigen Amtsarzt weiterleitet, so weit, so gut; und jetzt beginnt der Wahnsinn – Wochen, was sag ich, manchmal Monate später bekommen Sie dann einen Termin bei diesem Amtsarzt, und der erstellt ein Gegengutachten, dass Sie aber nicht sofort mitnehmen können, weit gefehlt – das schickt der dann, selbstverständlich Wochen später, zu ihrem Sachbearbeiter, der es dann – nach einer angemessenen Bearbeitungszeit, versteht sich von selbst! – Ihnen postalisch zukommen lässt... – nun gut! Mit diesem Gegengutachten gehen Sie dann erneut zu Ihrem Zahnarzt, der dann notgedrungen damit beginnt, Ihre wackelnden und fauligen Zähne `zu erhalten´, wie diese `Sesselfurzer´ vom Amt das empfohlen haben, verstehen Sie? Da jedoch der Erfolg bzw. der Misserfolg erst Wochen oder Monate später erkennbar wird, sind Sie gezwungen, immer und immer wieder von einem zum anderen zu laufen, von Pontius zu Pilatus, und umgekehrt! Die meisten verlieren irgendwann die Nerven und lassen die Termine platzen – und das war es dann, das Amt macht Ihnen schwere Vorwürfe und stellt sofort jegliche weitere Bezahlung ein – Zermürbungstaktik, begreifen Sie? Aber nicht mit mir, ich gehe so lange dahin, bis ich mein Gebiss habe, wäre ja wohl noch schöner...“
Bacuda war damals echt erschüttert gewesen, heute jedoch empfand er lediglich Wut und Zorn – doch was sagte unser Bundeskanzler immer:
„Jedes System hat sein Gegensystem!“ – aha... – und just an diesem Dienstag Morgen, viertel vor Sieben, begann `Bürger Bacuda´ damit, eines zu entwickeln...
Die Problemstellung war klar – da er als sein eigener Gutachter festgestellt hatte, dass zahnseitig in seinem Mund nichts mehr `erhaltenswert´ war, entschied er sich für die `ultima ratio´ - Vollprothetik, oben und unten!
Die zu erwartenden Widerstände seitens der Ämter waren ihm bewusst, weiterhin machte er sich ebenfalls nichts vor, was die Länge seiner Duldsamkeitsspanne betraf – das alles müsste blitzartig über die Bühne gehen, keine langen Geschichten, was also war zu tun?
Er sah das Ziel, er erkannte die Widerstände, dann legte er den einzuschlagenden Weg fest – die Zauberformel hieß: Endgültige Fakten schaffen!
Neunzehn Zähne in lausigstem Zustand, manche so locker, dass er sie mit seinen Fingern extrahieren könnte – was eben noch der Supergau seiner Gefühlswelt gewesen war entpuppte sich nun als der reine Glücksfall!
Es kam eben wie immer im Leben auf die Perspektive an, unter der man die Dinge betrachtete – in seinem Fall war die Lage ohnehin alternativlos:
Die Frage – Vollgebiss, ja oder nein? – stellte sich nicht mehr, also her mit den `Dritten´ - außerdem, weinte er vielleicht seinen Milchzähnen nach, hm? Na also, äh, bitte!
Das also war die Zielvorstellung, und wie er den lästigen Amtsschimmel besiegen würde, das war ihm ebenfalls klar, dieses Mal hieß das Zauberwort:
SIMPLIFIKATION! Er hatte den Zahnbehandlungsschein, ergo würde er einen Zahnarzt – selbstredend in unmittelbarer Nähe! – aufsuchen und sich sämtliche Zähne ziehen lassen, alle, äh, ohne Ausnahme – um sich im Anschluss an diese Behandlung einen Kostenplan erstellen zu lassen, den er dann seiner Sachbearbeiterin vorlegen würde; und er würde es nicht verabsäumen, auf die Dringlichkeit hinzuweisen – denn mit gerade mal Mitte vierzig konnte man schlechterdings nicht von ihm erwarten, dass er sich von Milchbrei ernährente...
Selbstverständlich würde die Materialfrage zu erörtern sein, er machte sich da nichts vor, es würde kein Porzellan sein – aber jedes Material war besser als das, was er zur Zeit mit sich herumschleppte – von der Optik und der dann für den Rest seines Lebens garantierten Schmerzlosigkeit im Mundhöhlenbereich einmal ganz abgesehen!
Auch den wochenlangen zahnlosen Zustand würde er ertragen, hielt er sich doch ohnehin zumeist allein hier in seiner Wohnung auf – und zu essen gab es bei ihm schon seit langem fast ausschließlich `Chili con Carne´, tja, und das konnte man praktisch lutschen!
Apropos Chili – heute würde er einkaufen gehen, ein neuer Topf dieses edlen Stoffes würde angesetzt, praktisch roch er es schon, hm, lecker; Bacuda hatte eine plötzliche Ausschüttung – eine Ausschüttung von körpereigenproduzierten Endorphinen, sein glückshormoneller Haushalt stürmte geradezu in den extrem grünen Bereich – war das Leben nicht eigentlich doch schön, auch für Leute wie ihn, hm?
Waren es nicht gerade die kleinen Dinge des Lebens, die einen echt frohlocken ließen? Ein Plan, ein Töpfchen Chili, zusammen der Beginn eines Neuanfangs – konnten das eigentlich die sogenannt Etablierten überhaupt nachempfinden?
Denn er war da privilegiert, kannte er doch beide Seiten – und an dieser Stelle erinnerte er sich daran, sich nicht daran erinnern zu wollen – denn das war gefährlich, da genügte schon ein kleiner Schritt in die falsche Richtung, und dann, tja... – dann...
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Zurück auf dem Teppich wandte er sich dem Profanen zu, es war kurz nach Sieben, in einer Stunde kam die `Dritte Welt´, um ihres Tages Werk zu beginnen – Bacuda konnte sich wieder einmal der Bewunderung nicht entziehen, wenn er an sie dachte – dieser Fleiß, diese Konstanz, diese Genügsamkeit!
Vor gut einem Jahr hatte ihre `Geschäftsbeziehung´ begonnen, er erinnerte sich genau...
Es war Ende August 2000 gewesen, er hatte vor dem örtlichen `Lidl – Markt´ gesessen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen – links neben sich seinen Zigarettentabak, rechts die Plastiktüte mit vier Bierdosen, über sich die Sonne, die einem das wohlige Gefühl von Lebensfreude illusionierte; damals waren sie zu ihm gekommen und hatten ihm eine Schachtel `West – Zigaretten´ geschenkt, freundlich und diskret – bis sie dann kurze Zeit später recht unvermittelt zur Sache kamen...
Das Angebot war ganz einfach – Bacuda stellte ihnen seine Wohnung als `Lagerraum´ zur Verfügung, im Gegenzug erhielt er zwei Stangen Zigaretten pro Woche und zwölf Dosen Billigbier pro Tag, Sonn – und Feiertage eingeschlossen; für ihn war das damals die sprichwörtliche `...gebratene Taube, die ihm ins Maul flog!´, Alkohol und Zigaretten `for free´, die beiden größten Kostenposten in seinem finanziellen Mikrokosmos hatten sich damit zur vollsten Zufriedenheit erledigt – und auch der Umstand, dass er ihnen seinen Zweitschlüssel zur Wohnung überlassen musste, war für ihn akzeptabel, nein, das schreckte ihn nicht – denn was hätte man bei ihm schon stehlen können, hm?
Anfänglich hielt sich das alles noch im Rahmen, sie kamen recht unregelmäßig und lagerten fünfzig bis hundert Stangen, doch im Laufe der Monate nahm der Umfang geradezu gigantische Ausmaße an – stellenweise hatte er über fünfhundert Stangen gelagert, das waren mehr als 100.000 Zigaretten; und während er zu Beginn seine Mittäterschaft augenzwinkernd als eine `erweiterte Form des Mundraubs´ bezeichnet hatte, war ihm heute bewusst, dass er strenggenommen ein aktives Mitglied des organisierten Verbrechens war, hm, wenn auch lediglich auf unterster Ebene...
Doch Bacuda schüttelte diese Erkenntnis wieder einmal souverän ab und ging duschen, danach rasierte er die enttäuschenden Stoppeln - denn es war halb acht, seine `Komplizen´ würden bald erscheinen!
In den Nachrichten lief ein Bericht aus dem nahen Osten, die `Hamas´ hatte wieder einmal zugeschlagen – und da waren sie wieder, die Bilder der fanatisierten Araber, und auch eine Kohorte von schwarzverschleierten, in den höchsten Tonlagen tirilierenden Frauen war zu sehen, Mann, wie er das alles hasste, dieses machohafte, sich jedoch gleichzeitig `Allah zu opfern bereitseiende Gehabe´, echt zum Kotzen...
Er erinnerte sich spontan an einen Ägypter, den er früher gekannt hatte – eine ungeheure Type, er war Koch in seiner damaligen Lieblingspizzeria – und der Kerl war es nicht müde geworden, ihm jedes Mal, wenn er ihn sah, zu erzählen, wie er es die letzte Nacht seiner deutschen Frau besorgt hatte, ein Stück aus dem Tollhaus!
Denn grundsätzlich immer, wenn dieser Mimo – so hieß der Bursche! – aus seiner Küche nach vorne kam, um ihn zu begrüßen, erzählte er:
„Du, Bacuda, gestern ich war gutt Mann – zu Ende wie immer, zuerst in ihre Arsch und dann sofort in ihre Mund – war Klasse großes, echt...“
Dann lachte er erfolgsheischend und ging quietschend vor Vergnügen zurück in die Küche, wow – dem reichte es scheinbar nicht, seine Frau zu erniedrigen, es zu genießen, wenn die ihre eigenen Fäkalspuren lecken musste, nein – der Kerl wollte sich mitteilen, sich scheinbar damit brüsten, nicht nur der Boss von Töpfen und Pfannen zu sein, sondern zu Hause in gleichem Maße Herr über Leben und Tod, weil... – prügeln tat er sie auch, und das nicht zu knapp!
Selbstverständlich war Bacuda kein Hohlkopf der Ausprägung, rassistisch von einer Person auf zig Millionen Araber zu schließen, weit gefehlt – aber seit diesen Vorfällen und dieser `nahöstlichen Situation´ waren sie für ihn irgendwie negativ besetzt, hm, diese `arabischen Jungs´...
Da lobte er sich doch seine vietnamesischen Kumpels, denn was auch immer die ihm erzählten, er verstand kein Wort – das war auch kaum nötig, man musste nur lächelnd nicken und ab und zu „Ja, ja...“ sagen, das erfreute die Burschen; und falls sie ihn tatsächlich veralberten und sich daran ergötzten, was soll `s... – es gab zur Zeit nichts, wirklich rein gar nichts, was ihm mehr egal war...
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Dann kamen sie, seine Asiaten, huschend, geräuschlos, diskret – sie klopften an seine Zimmertür, und während der eine sich in der Küche damit beschäftigte, die erste `Portion´ für den Straßenverkauf verpackungstechnisch unkenntlich zu machen, brachte der zweite ihm höflich und zurückhaltend die Bierration des Tages; Bacuda dankte ihm mit einem lächelnden Kopfnicken, danach verstauten die beiden Asiaten mehrere Stangen in ihren übergroßen Pullovern und Jacken, bevor sie sich vor der Wohnungstür positionierten, um durch den Türspion die Sachlage im Hausflur zu überprüfen – alles klar, die Luft war rein, und ebenso leise, wie sie gekommen waren, verschwanden sie auch wieder...
Nun war es für ihn soweit, genau betrachtet begann erst jetzt sein Tag – das waren die Momente der Woche, die er mit Würde beging, tja, das Zeremoniell des Einkaufs der Lebensmittel, das war ihm geradezu heilig; der Mensch ist ein lernfähiges System, so auch Bacuda – nie mehr Kakaopulver, das hatte er sich seinerzeit geschworen, hm... – allein ja, einsam nie wieder...
Er zog seine Turnschuhe an, sprühte sich vorsichtshalber noch einmal mit seinem `Lidl´ - Deodorant ein und warf einen letzten, prüfenden Blick in den Spiegel – und siehe da, seit der Implementierung seines `Dentalplans´ empfand er sich gar nicht mehr als so abscheulich, er stellte fest, dass er über das verfügte, was man landläufig `den struppigen Charme eines Straßenköters´ nannte; und damit konnte er leben, äh, was blieb ihm auch anderes übrig...
Bacuda ging gemessenen Schrittes zum Aufzug, es war zu spüren, da war sich ein Mann der Bedeutung des Augenblicks bewusst – der Aufzug hielt an, er begrüßte souverän die anderen Kabinenbenutzer mit einem dezenten „Guten Morgen!“, was verklemmt erwidert wurde, dann trat er ins Freie; die Sonne schien, und obwohl es erst kurz nach Acht war, fühlte er sich wohlig/warm, innerlich wie äußerlich – und nun begann die Stunde, in der er sich endlich wieder einmal als vollwertiger Mensch fühlen konnte, keine Tricks und Blenderei, kein illegales Gebaren, keinerlei Beschönigung – er ging mit echtem Geld in ein Geschäft und kaufte wie jeder andere ein, ein Kunde wie alle übrigen, und wäre man hier nicht in Deutschland, der totalen Servicewüste, dann könnte man `königliche´ Gefühle entwickeln – doch, immerhin, hier und jetzt war er der `Bürger Bacuda´, der sein Geld für Waren ausgab, die er zum Leben benötigte, eben wie jeder x – beliebige andere Bürger auch!
Denn man sah seinem Geld ja nicht an, woher es kam – Sozialamt oder Betrug, Börsengewinn oder Raubüberfall, Gehalt oder Lohn - `pecunia non olet´, das Geld stank einfach nicht; vor einer Kasse im Supermarkt herrschte irgendwie anonyme Gleichberechtigung, wären da bloß nicht seine Zähne gewesen, der noch sichtbare Beweis seiner Scham...
Wie auch immer – den Einkaufswagen mit Bedacht vor sich herschiebend und die Lippen fest zusammengepresst betrat er an diesem Morgen den `Lidl´ - Markt, der selbst um diese frühe Stunde schon rege frequentiert war; Bacuda liebte diesen Laden, wenn es auch ein kleines Manko gab - `Lidl´ führte `Knorr – Produkte´, zu seinem Leidwesen war die `Maggi – Palette´ nicht vertreten – in seinen besseren Tagen hatte er `Maggi Fix´ für `Chili con Carne´ dem `Knorr – Pendant´ vorgezogen, aber... – man konnte nun mal nicht alles haben...
Doch der Umstand, dass `Lidl´ keinen Frischfleischtresen hatte, sondern lediglich Tiefgefrorenes feilbot, war für ihn wie geschaffen – denn jedes Mal, wenn er eingekauft hatte, genoss er es, auf einer der Parkbänke, die seinem Hochhaus vorgelagert waren, ein oder zwei Bier in der Sonne zu trinken; und da man ja wusste, wie schnell frisches Gehacktes in der Sonne umkippte, äh... – aber hallo!
Bacuda schlich an den Molkereiprodukten vorbei, er tat so, als wägte er ab – nun gut, äh, Spielerei, aber er hielt sich nun einmal ausgesprochen gern an jenem Ort auf, wo es die wirklich wichtigen Dinge gab; da geschah an diesem Morgen etwas Merkwürdiges...
Man hörte sie, bevor man sie sah, dann fragte man sich, was eigentlich schlimmer war – eine vierköpfige, sächsische Familie hatte den Laden gestürmt, die Prospekte, auf denen die `Sonderangebote der Woche´ aufgeführt waren, äußerst erregt vor sich her wedelnd – schon auf den ersten Blick ein Alptraum!
Vater, Mutter und zwei unmündige Kinder, zusammen nicht einmal sechs Meter groß – und kurz hinter dem `Eingangstriller´ nahmen sie Maß!
Jedes Mitglied dieser Prachtfamilie nahm sich einen Verkaufsgang vor, lärmend den `Kameraden an der Billigfront´ die Schnäppchenpreise zuschreiend – und die Mutter, die figürlich stark an ein Kantholz erinnerte, sauste mit vor Eifer gerötetem Kopf von Gang zu Gang, den Einkaufswagen gekonnt auf nur den inneren Rädern um jede noch so enge Kurve balancierend – was Schumacher in Monte Carlo, das war sie bei `Lidl´!
Sämtliche Kunden sahen pikiert aus, anfänglich auch der `Bürger Bacuda´ - doch um so länger diese `Pfennigfuchserei´ andauerte, desto betroffener wurde sein Gemütszustand; gnädig über die körperlichen Unbilden bzw. die akustischen Zumutungen hinwegsehend bzw. - hörend wurde ihm bewusst, was sich hier eigentlich realiter abspielte – es war das erbärmliche Schauspiel von erzwungener Würdelosigkeit, denen war es mittlerweile einfach egal, dass sie sich hier zum `Beppo´ machten – Hauptsache, es gab genug zu essen!
Bacuda brach der Schweiß aus – in was für einem Land lebten wir eigentlich, gewinnträchtige Konzerne zahlten kaum oder keine Steuern, aber diese Wichte aus Sachsen mussten sich unter Aufgabe jeglicher Selbstachtung nach der Decke strecken, was war los Anfang dieses dritten Jahrtausends, wo Opernhäuser mangels finanzieller Mittel geschlossen und gleichzeitig Stümper wie diese `Zlatkos´ Millionäre wurden, wie war es zu begreifen, dass Wirtschaftsverbrecher wie dieser Dieter Landowsky in Schande entlassen, aber finanziell extrem großzügig verabschiedet wurden, während die `Bacudas´ dieses Landes nicht einmal einen Job als `Bürotrottel´ bekamen – was, zum Teufel, war hier los?
Ein animalischer Hass überfiel ihn, er musste sich an der Pizzatruhe abstützen, denn er drohte, zu kollabieren, doch dann fasste er sich gewaltsam – heute Abend gab es `Chili´, was auch immer passieren würde, das konnte man ihm nicht nehmen!
Die sächsischen Mitbürger waren scheinbar fündig geworden, sie lärmten noch eine zeitlang ausgesprochen gut gelaunt an der Kasse `rum, dann waren sie verschwunden – eben so wie ein Termitenschwarm, kurz durchgebröselt, dann ein geräuschvoller Abgang, tja... – irgendwie erbarmungswürdig...
Nun endlich schritt Bacuda zur Tat, er hatte da seinen genauen Ablaufplan; grundsätzlich begann er den Einkauf mit der Gewürzmischung, denn die war geschmacklich das Entscheidende – und was nützten ihm die anderen Ingredienzien, wenn die wichtigste Komponente fehlte?
Überhaupt das Gewürzregal, was hatte er da nicht schon alles erlebt – fast immer herrschte dort ein heilloses Durcheinander, er konnte es einfach nicht begreifen, dass `Knorr Fix für Sahnesauce´ im `Bolognese´ - Schuber steckte, und sein `Fix für Chili con Carne´ musste er sich grundsätzlich aus den unmöglichsten Pappschubern zusammensuchen, für ihn als - zumindest in dieser Hinsicht! - Pedant eine echte Zumutung – er brauchte neun Tüten, und manchmal suchte er minutenlang...
Doch heute war scheinbar sein Glückstag, der `Chili´ Schuber war wohl gerade erst frisch aufgefüllt worden – alle Neune, auf einen Streich, ihn überkam es fast mystisch!
Sein nächster Stop war an der Tiefkühltruhe, denn wie machte man `Chili con Carne´ ohne `Carne´ - und wieder Entwarnung, sein Kilo stellte kein Problem dar; und auch die `Paprika – Ampel´ hatte er schon von weitem ausgemacht, unterwegs zur Dosenabteilung schlug er im Vorbeigehen zu – jetzt noch ein Treffer bei den Bohnen und Tomaten, und die nächsten Tage wären gerettet!
Chili - , Pfeffer – und rote Kidneybohnen, drei, zwei und eine Dose, das lief ja wie am Schnürchen; nun noch die geschälten und die passierten Tomaten, ebenfalls vorhanden, bravo – und auf dem Weg zur Kasse komplettierte er den Einkauf mit einem Toastbrot und zwei `Unterwegs – Bieren´, ein Traumeinkauf!
Bacuda bezahlte knapp fünfundzwanzig Mark, echt preiswert für eine Woche `Leben´ - und nachdem er seine Schätze in den zwei mitgebrachten Einkaufstüten verstaut hatte, hechelte er der Parkbank entgegen, um sich von den Strapazen des Profanen zu erholen...
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Bacuda war Profi, ergo wusste er aus Erfahrung, dass er, völlig gefahrlos für das Tiefgefrorene, bis zu zwei Stunden in der prallen Vormittagssonne verweilen konnte - er genoss das immer wieder sehr, vormittags, halb Neun, außer ein paar geschäftigen Hausfrauen war niemand unterwegs, hm, zum Glück auch nicht diese fürchterlichen Kinder...
Nicht, dass er allgemein etwas gegen Kinder hätte, Gott bewahre – doch alles hatte seine Zeit, seinen Platz, ja, da gab es in seinem Leben nun einmal Prioritäten; und eine dieser Prioritäten war unverbrüchlich die, dass er seit drei Jahren verzweifelt versuchte, zu vergessen, dass auch er eine Tochter hatte – Bacuda hatte sich den Befehl erteilt:
„Ich darf sie nicht sehen, sie kennt mich kaum noch, der Vater in mir ist lediglich auf dem Papier präsent – Punkt!“
Die Sonne war angenehm, er ließ seine Gedanken fliegen, wie jedes Mal stellte er sich vor, das hinter der Häuserfront das Meer war – er hörte es rauschen, er roch den Salzgehalt der Luft, tja, er hing wieder einmal am Fallschirm, der hinter einem Motorboot hergezogen wurde – genau wie damals, vor über zwanzig Jahren in Miami...
Ende der siebziger Jahre hatte ihm der Dollarkurs praktisch befohlen, seinen Urlaub in den USA zu verbringen – 1,56 DM für einen Dollar, wenn das nicht ein Schnapper war!
Zusammen mit einem Schulfreund - hm, nein, der war eigentlich nur ein recht guter Kumpel gewesen, äh, wie auch immer! - war er zu seinem ersten Interkontinentaltrip aufgebrochen, jawohl, und sie beide waren damals wild entschlossen gewesen, auch ja nichts auszulassen – und die erste Woche hatte auch gehalten, was die Prospekte versprachen; denn alles war zu ihrer völligen Zufriedenheit, vom Sexuellen einmal abgesehen – ein einziges Mal hatte er sich eindeutig einer Amerikanerin genähert, die seinen Versuch jedoch wie folgt zunichte gemacht hatte:
„I only love Americans, so, you Slut – fuck off!”
`Danke sehr, ausgesprochen freundlich, das genügt!´, hatte er sich damals gedacht, wer nicht will, der hat doch schon – und so hatten die beiden deutschen Prachtburschen seinerzeit beschlossen, ihre überschüssige Energie sportiv zu verarbeiten, ah ja... – und das Drama nahm seinen Lauf...
Anstatt am Strand zu joggen oder ganz einfach Minigolf zu spielen hatte Bacuda beschlossen, dem Abenteuer ins Auge blicken zu wollen – und da bot sich dieser Fallschirmflug, hängend am Motorboot, geradezu an, er würde von oben sehen und von unten gesehen werden – welch´ nachgerade königliches Gefühl müsste das sein!
Gesagt, getan – anfangs ging auch alles gut, wenngleich es nicht gerade vorteilhaft aussah, was er da so trieb – obschon lang und dürr hing er irgendwie wie ein nasser Sack im Zaumzeug, nun gut, die B – Note war verheerend, doch die von ihm verspürte A – Note näherte sich der 6,0 – dann kam die Landung, und es kam eben so, wie es einfach kommen musste...
Denn kurz vor dem Aufsetzen hatte ihn eine unbillige Böe erwischt, die ihn dann schnurstracks auf die Klippen schmetterte – die Diagnose lautete:
Doppelter Schienenbeinbruch rechts, Bruch des linken Mittelfußknochens, schwere Verstauchung im Steißbereich und Hautabschürfungen ohne Ende, den Rückflug trat er im Streckverband an – doch bis zum heutigen Tag war er der unbedingten Meinung, dass sich der Trip damals echt gelohnt hatte, hm , das war halt Amerika – dieses Land hatte ihm seine Grenzen aufgezeigt, tja, und dafür war er heute dankbar!
Bacuda straffte sich auf der Parkbank, unwillkürlich fuhr er mit der rechten Hand über seinen Steiß – na bitte, keinerlei bleibende Schäden, es war irgendwie absurd – der Körper regelte sämtliches Ungemach, egal, wie dick es kam; ein faszinierendes, komplexes System, wenn da bloß nicht die Seele wäre – und er war wieder einmal der Meinung, dem Phänomen der seelischen Qualen, die kein Ende nehmen wollten, auf der Spur zu sein...
Er öffnete die zweite Dose Bier, die Sonne brannte nun schon fast schmerzhaft – Bacuda schwitzte, von innen heraus, äußerlich unbeeinflusst; die Geschichte mit der Seele, für ihn immer wieder höchst interessant, wenn auch vollkommen unergiebig!
Denn seine Definition von `Seele´ war dergestalt, dass er in ihr so etwas wie einen Transmitter sah, der auf äußerst abstruse Weise eine nur erahnbare Verbindung zwischen Geist und Körper herstellte – es war für ihn eine Art von `irdischer Dreifaltigkeit´, bezüglich der niemand so genau wusste, wer dabei eigentlich der Boss war...
Ein Beispiel:
Ein Kerl betrügt seine Frau, was seinen Körper im Grunde genommen erfreut – doch dann sagt ihm sein Intellekt, dass diese Aktion strenggenommen nicht ganz korrekt war; wie gesagt, zu der Zeit ist er körperlich entspannt und bar jeden Kopfschmerzes, hm, und jetzt kommt die Seele ins Spiel – die Transmission zwischen Körper und Geist läuft im Nanosekundenbereich ab, ihm bricht der Schweiß aus, er verspürt fahrige Übelkeit und brummelt ununterbrochen: „Oh Gott, oh Gott, oh Gott – was habe ich da nur angerichtet, ich ekele mich vor mir selbst – ich Schwein, ich schwarzes!“
Das Gute an dieser `Transmission´ aber war die nur stark begrenzte `Halbwertzeit´, denn lediglich eine Zeitlang war dieses Bild permanent auf dem jeweiligen `Monitor´ sichtbar, dann ging der gnädige `Bildschirmschoner´ runter – und das Intervall war beliebig, hm, je nachdem, wie man `eingestellt´ war...
Bacuda nahm einen kräftigen Schluck aus der Bierdose – obwohl er sich seiner Unzulänglichkeit auf diesem Gebiet durchaus bewusst war, konnte er nicht umhin, ausgesprochen zufrieden zu grunzen; ob ambitionierter Amateur oder fatalistischer Profi, es war zumindest ein einleuchtender Gesichtspunkt – nicht mehr, aber garantiert auch nicht weniger!
Noch nicht einmal zehn Uhr, und er war bereits zum zweiten Mal an diesem Tag couchreif – nun gut, eigentlich völlig egal, er war nun einmal ein `polyphasischer´ Schläfer, einem Wolf nicht unähnlich, tja, und der war auch ein Einzelgänger... – what a coincidence...
Er trank die Büchse aus und entsorgte sie in dem dafür vorgesehenen Behälter, dann griff er sich die Tüten und trat den Heimweg an – und während er sich dem Hochhaus näherte, in dem er wohnte, betrachtete er es genauer; ein scheußlicher Bau mit siebzehn Etagen, seine `Platte´ lag im 9. Stock – und dieses Stockwerk war das elendste von allen, er erinnerte sich mit Grauen an die vor einem Jahr durchgeführte Strangsanierung – denn der Neunte lag mittig, was bedeutet hatte, dass seine Wände die letzten waren, die wieder verschlossen wurden!
Und dann dieser Lärm, dieser Dreck und der unglaublich feine Staub, der selbst in dem Fall, wenn er jemals staubgesaugt hätte, niemals ganz verschwunden wäre – heute noch, ein Jahr später, staubte es regelmäßig auf, wenn er sich auf die Couch setzte oder legte; und im Aufzug dann bedachte er grinsend, dass er tatsächlich eine Wohnung mit allen Extras hatte – selbst die `getönten Scheiben´ waren vorhanden...
`Mein Heim ist meine Burg´, Klappe zu, Affe tot, Bacuda war angekommen – er stellte die Tüten in der Küche ab und `staubte´ auf sein Sofa, um zuerst einmal ein Zigarette zu rauchen; in solchen Momenten gab er sich zu, langsam alt zu werden, Dinge, die früher bei ihm noch nicht einmal eine Schweißdrüse in Bewegung gesetzt hätten, empfand er heute als anstrengend, ja, geradezu als enervierend – Mitte vierzig, das Alter war halt kein Spaß, da musste man haushalten, in jeder Beziehung!
Bedingt durch den momentanen Schwächanfall dachte er an den Terminus `Zweierbeziehung´, mein Gott – ja, in solchen Augenblicken war er froh, allein zu sein; denn die Vorstellung, jetzt irgendeinen `Besen´ an seiner Seite zu haben und zu wissen, dass die erwartete, es um die Mittagsstunde herum von ihm `besorgt zu bekommen´, verursachte ihm körperliche Schmerzen, tatsächlich – er imaginierte sich einen nackten Frauenkörper und hörte in sich hinein, doch da war nichts, was „Ja!“ schrie... – es war mehr ein verhallendes, kaum hörbares „...die andere Woche mal...“ – und das verursachte bei ihm gleichermaßen Angst und Mut!
Die Angst davor, Potenz und Libido zu verlieren, und den Mut dazu, genau zu wissen, in einem solchen Fall in dem Ausmaß tapfer zu sein, sich hoch erhobenen Hauptes das Mittel `Viagra´ zu besorgen – du meine Güte, er war fünfundvierzig Jahre alt, zumindest numerisch, denn es gab mit Sicherheit Achtzigjährige, die nicht einmal einen Bruchteil von dem erlebt hatten, was er sein `Leben´ nannte...
Neues Bier, neues Glück, sakra – solche Überlegungen führten zu nichts, ihm war bewusst, dass er sich im rein akademischen Frageszenario befand; und genau genommen hasste er sich dafür, wenn er sich – wie eben! – selber `einen Türken baute´, hm, wenn er versuchte, sich selbst zu belügen – dazu war er nicht dumm genug, wenngleich seine `Blödheit´ dafür mit Sicherheit ausreichte!
Bacuda blies das schwarze Wölkchen einfach weg und versuchte, sich ganz auf den kommenden Spaß zu konzentrieren – er würde kochen, ja, mehr noch, er würde `Lebensmittelzubereitung zelebrieren´; die Japaner hatten ihre Teezeremonie, die Franzosen decantierten Rotwein und ließen ihn dann atmen, er hingegen `gestaltete´ sein Chili con Carne – und da saß jeder Griff, da ging alles wie von selbst...
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Da er ein sogenannter `sauberer´ Koch war, lag das Gelingen des Gerichtes und die für ihn daraus resultierende Freude unbedingt an der exakten Vorbereitung – zuerst schnitt er die Paprikaschoten in kleine Stücke, dann öffnete er sämtliche Dosen, wobei den `Kidneybohnen´ besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden musste; denn nur bei denen war der Sud ungenießbar, weshalb man ihn abtropfen lassen musste...
Danach wurden Topf und Pfanne auf dem Herd postiert, und erst jetzt konnte es losgehen – mit gekonnter Handbewegung bugsierte er das Gehackte – selbstverständlich halb und halb, Schwein war zu fett, Rind zu trocken! – in die Pfanne, briet es gut an und salzte, das war ganz wichtig; nun ein in aromatischem Ambiente köstlicher Schluck Bier, dann wurde das Gehackte in den bereitstehenden Topf umgefüllt – und bevor man den Topf auf die heiße Platte stellte gab man die Tomaten und Wasser in gleichem Maße dazu, dann rührte man kräftig um!
Er persönlich zerdrückte die geschälten Tomaten mit dem Rührlöffel an den Topfseitenflächen, man konnte sie jedoch auch einfach zerkochen lassen – die Meinungen differierten diesbezüglich, doch er zog das Zerdrücken vor; danach gab man die Paprikastücke hinzu, und während des ersten Aufkochens war Zeit genug für eine Zigarette und einen weiteren Schluck Bier; und nun kam sein besonderer Trick – er schüttete nicht einfach wahllos Bohnen und Gewürze in den Topf, nein, nein, weit gefehlt; zuerst kamen die `Kidneys´, abgerundet durch eine Tüte `Fix´, dann wurde erneut gewartet und getrunken – danach die Pfefferbohnen, nach jeder Dose eine Tüte `Fix´, weiteres Trinken, Rühren und Aufkochen – und erst jetzt kamen die Chilibohnen, drei an der Zahl, und nach jeder Dose eine Tüte `Fix´ - rauchen, trinken, rühren!
Zu diesem Zeitpunkt schmeckte er immer ab, und jedes Mal aufs Neue gingen selbst in seinem Mund Lilien auf – den Rest der `Fix´ - Tüten gab er Brise für Brise dazu, stets unterbrochen von trinken, rühren und abschmecken; danach stellte er den Herd ab und verweilte noch gut eine halbe Stunde in der Küche, um abzuschmecken, zu rühren, zu rauchen und glücklich zu trinken – um dann ziemlich satt, ziemlich betrunken, jedoch auch ziemlich überglücklich in ein staubiges Mittagsschläfchen zu fallen – nicht lange, hm, vielleicht ein schlaffes Stündchen... - `I have a dream today...´
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Wie in Zeitlupe verließ er den S – Bahnhof Hohenschönhausen, von erwartungsvoller, getragener Musik begleitet – die Straße war links und rechts von stummen Menschen gesäumt, bis hin zum `Bacuda – Tower´; und entlang dieser Menschenkette waren Wäscheleinen gespannt, das Bild erinnerte an Überlandstromleitungen, an denen Tausende und Abertausende von Farbeimern hingen, leicht schwenkend im Ostwind, taktgenau zur Musik...
Neugierig, aber keineswegs beunruhigt, schritt Bacuda das Spalier ab, nach links und rechts per Kopfnicken sein Einverständnis signalisierend – bis er schließlich vor seinem Hochhaus ankam, aus dem drei riesige Seidenschals heraushingen – in den Farben schwarz, rot und gülden; er schaute sich interessiert die Anordnung der Schals an, das war ja erstaunlich – der erste, der schwarze, hing aus dem vierten Stock bis fast auf den Boden, der rote, linkerhand, flatterte aus dem achten bis in die Höhe vom vierten, tja, und der güldene, der ergoss sich aus dem zwölften bis Oberkante achtem, mittig zwischen schwarz und rot – und Bacuda begriff, ja, er war sich der gestalterischen Aufforderung ganz sicher!
Denn im neunten Stock, da war lediglich eine Fensterfront weit geöffnet, von gemalten, schwarz/rot/güldenen Flammen eingerahmt – das Gesamtbild schien dazu bewegen zu wollen, den Weg in den Schlund anzutreten;cineastisch auch im Erklimmen von Steilwänden voll im Bilde packte er sich kurzentschlossen den schwarzen Schal, erkletterte geschmeidig die Höhe zwei über null und begann damit, durch Laufen entlang der Häuserfront Schwung aufzunehmen, die ihn schon kurze Zeit später in die Lage versetzte, sich den roten Fetzen zu greifen – Bacuda schwitzte wie ein Affe, als er in direktem Anschluss auf diese Art auch den gülden erwischte; und nun war es soweit, er nahm Maß...
Tarzan war ein Entenfurz gegen ihn, als er am güldenen durch das Fenster ins Innere flog und sich per eleganter Hechtrolle mittig des Raumes postierte, wow, mittlerweile völlig umgekleidet – er trug eine schwarze Hose, ein rotes Hemd und eine güldene Weste, und frenetischer Beifall brandete ihm entgegen!
Nun schaute Bacuda genauer hin – und das erste, was er erkannte, war seine fünfjährige Tochter, die lachschreiend auf ihn zustürzte; er fing sie auf, hob sie hoch und schloss sie glücklich in seine Arme, bevor er sich den anderen Besuchern zuwandte, die ihm aufmunternd seine Schultern klopften...
Und jetzt war er doch leicht erstaunt – er erkannte Rembrandt, Dali und Bosch, Monet, Picasso und Loutreck, Spitzweg, Zille und Friedensreich Hundertwasser – alle mit Feder, Pinsel und Farbpalette bewaffnet – welch´ eine Combo!
Und wie auf Kommando verbeugten sie sich leicht vor ihm und deuteten auf die Wände seines Wohnraumes – Bacuda erkannte sofort, dass es ein szenisches Geschehen war, das diese Giganten a´ miniature auf seine drei Wände geschaffen hatten – und er erschrak fürchterlich, denn da klatschte sein ganzes Leben auf den Mauern, die Schöpfer verfielen unisono zu Staub und seine Tochter auf seinem Arm verwandelte sich in ein rußiges Toastbrot – er fiel auf seine Knie und begann, bitterlich zu weinen – und da zerflossen die Wandgemälde, zu blutigen Tränen...
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Bacuda schreckte vom Sofa hoch, dass es nur so staubte – die ersten Augenblicke in der Realität verharrte er stumm und regungslos; dann blickte er sich unsicher in seinem Wohnraum um, Gott sei Dank, kein Toastbrot, keine blutigen Tränen, hm, und auch nicht mehr Staub als üblich... – die Fenster waren geschlossen, er trug Jeans und ein blass/graues Unterhemd, alles war so wie immer; und von seinen Wänden sprang ihn die vertraute, bronzefarbene Nikotinpatina an, die ihn stets daran erinnerte, niemals einen Lungenfacharzt aufzusuchen!
Ein Blick zum Fernseher genügte, um zu wissen, wie spät es war – es musste nach Elf und vor Zwölf sein, denn dieser grässliche Franklin von SAT 1 verhöhnte im Brustton des Mitgefühls irgendwelchen Abschaum, der ausgerechnet in dieser Sendung seine Stunde für gekommen hielt – wie er dieses Triumvirat hasste, die Redaktion, den Moderator u n d erst recht diesen Abschaum!
Seine `Vormittagsträumerei´ hatte er nun zwischengelagert, er öffnete sein `Brunchbier´ und ließ sich vom aktuellen Franklin über das tragen, was er gerne als seinen `retrospektiven TV - Parcours des Grauens´ bezeichnete – und was hatte er da nicht schon alles erlebt, im Laufe der letzten vier Jahrzehnte war kaum eine geschmackliche Entgleisung ausgelassen worden, keine Peinlichkeit war scheinbar zu extrem, als dass man sie nicht doch senden konnte, kein Tabu zu ehern, als dass man es nicht dennoch knacken wollte - aber das eine musste man immerhin ohne wenn und aber zugeben, verdammt – noch niemals zuvor war es so verheerend gewesen wie heute, in dieser Beziehung gab Bacuda sogar dem `Berufsjugendlichen´ Thomas Gottschalk recht, der festgestellt hatte:
„Fernsehunterhaltungstechnisch rauschen wie runter auf ein Niveau, unter dem es keinen Keller mehr gibt!“ – bravo, `Tommy´, ein goldener Satz, gut der Mann!
Überhaupt die ZDF – Institution `Gottschalk´ - wenn er `allein mit sich´ war gab Bacuda zu, zumindest bezüglich dieser Person zwei Meinungen zu haben – eine ehrliche und eine `öffentlich propagierte´, hm... – was auch immer man unter `öffentlich´ verstehen wollte...
Bezüglich Bacuda war unter `öffentlich´ zu verstehen, dass er den `Tanjas seiner Welt´ in wortreichem Pathos erklärte, was für ein überbezahlter Schaumschläger dieser Gottschalk in Wirklichkeit war – und er ließ in solchen Fällen keine Gehässigkeit aus, sich an der Wehrlosigkeit einer real nicht vorhandenen Person zu weiden; er ließ kein gelockt/blondiert gutes Haar an ihm, er verhöhnte den dunkel gefärbten Kinnbart unterhalb des Riesenzinkens, er stellte zur Disposition, dass dieser zur Fettleibigkeit neigende `Tommy´ unter seiner gewöhnungsbedürftigen Klamotte garantiert ein Bauchkorsett trug – um sich dann mit Verve seiner `posenhaften Körpersprache´ zuzuwenden, die sich in Attitüde und Gehabe in nichts von einer `Schmierenkomödiantentruppe´ unterschied – diese Gestik, die Mimik, eben die gesamte Körpersprache, ja, das war der dumme Junge, der sich den `Superstar Gottschalk´ vorstellte – echt zum Kotzen!
Und auch inhaltlich ging er gnadenlos mit dem Kulmbacher ins Gericht, dessen sogenannte Flapsigkeit, herrje, seine so oft zitierte Schlagfertigkeit, tse, sein so hervorgehobenes Spiel mit dem Publikum – alles lachhaft, da sollten die ZDF – Bosse mal umdenken, jeder zweite Arsch in einer wirklich guten Kneipe war unterhaltsamer als dieser frivole Kasper!
So viel zur `Öffentlichkeit´ - insgeheim sah er das selbstredend anders, er kannte Gottschalk seit dessen `Na, so was – Tagen´, und der Unterhaltungswert seiner Sendungen waren für ihn unbestreitbar; wenn schon Unterhaltung, dann aber bitte mit Gottschalk!
Bacuda wusste genau, warum er dieses `öffentliche´ Hasspamphlet immer und immer wieder proklamierte – strenggenommen war es der Neid, der ihn dazu trieb, warum der und nicht ich, was hatte der, was er nicht hatte, warum hatte der alles und er rein gar nichts? Sein Neid ließ ihm einfach keinen Raum für entspannte Kritik, äh... – na ja, so war das eben...
Aber, wie gesagt, es war Neid, keine Missgunst – er gönnte Thomas Gottschalk all´ das, was der sein eigen nannte, trotzdem war er neidisch auf dessen Erfolg; denn der verdiente Millionen, er gar nichts - außer der Sozialhilfe; der Typ war beliebt, ihn hingegen sah man lieber gehen als kommen, der Tommy war der einzige Mann, den die Theresa Orlowsky, die `Queen of the Anal – Scene´, laut eigener Aussage umsonst `ran lassen würde´, er andererseits bumste die `Tanjas´ – das war irgendwie nicht in Ordnung, Bacuda wirkte da mächtig betroffen – doch eigentlich hatte er nicht das Geringste gegen Thomas Gottschalk, ganz im Gegenteil...
Zurück zum aktuellen Geschehen – dieser Franklin tropfte immer noch aus der Röhre, Bacuda spürte die Schleimspur, auf der er persönlich niemals ausrutschen würde!
Wohlgemerkt, er sah das Fernsehbild, doch er hörte nicht, worum es de facto ging – denn er hörte Radio, der Fernseher erfüllte lediglich den Zweck, dass sich außer ihm noch irgendetwas anderes im Raum bewegte, und sei es nur der TV - Abschaum; außerdem, er erinnerte sich an die Aussage irgend eines ganz und gar nicht dummen Menschen, der auf die Frage:
„Sagen Sie bitte, was halten Sie von den sogenannten `daily talks´?“ geantwortet hatte:
„Gar nichts – wissen Sie, es interessiert mich einfach nicht, wenn `Herr Scheiße´ mit `Frau Scheiße´ über Scheiße redet!“
Äh... – genau, ganz seine Meinung; Bacuda saugte gierig das Bier aus der Dose, ein letzter Blick in Richtung Franklin, dann war es geschafft – der Darm meldete sich, er suchte geschwind das Bad auf, um hinten das fallen zu lassen, was er sich die letzten Minuten optisch zugemutet hatte...
Es war einfach ein phänomenales Gefühl, im wahrsten Sinne des Wortes `erleichtert´ den angestammten Platz im Leben und der Wohnung wieder einzunehmen – selbst den Pöbel empfand man als weniger aufdringlich, ja, mehr noch – man genoss es geradezu, dass es ihn gab!
`Bürger Bacuda´ machte sich in dieser Hinsicht nichts vor – bei allem Hass auf den Zynismus des Triumvirats musste er zugeben, dass dieser Form der `Unterhaltung´ eine ganz bestimmte soziologische Komponente nicht abgesprochen werden konnte; selbstverständlich lag die Priorität auf einen Begleiteffekt dieser Komponente, dem allseits beliebten `Geldverdienen´ - die soziologische Komponente aber war das gute Gefühl selbst für die `Bacudas´, vorgeführt zu bekommen, dass es noch etwas unter ihnen gab, etwas ganz und gar nur erahnbar Niedriges – und das verbreitete Hoffnung, dieses entwürdigende Schauspiel täglich stundenlang frei Haus präsentiert zu bekommen erweckte innerlich den Eindruck, selbst als Abschaum über Abschaum urteilen zu dürfen; und die angewandte Taktik war uralt, `Give the people what they need!´, ha, noch viel älter - `panem et circensis´, hm, Brot und Spiele...
