3,99 €
Warum sind die attraktivsten Männer immer unerreichbar? Oder extrem arrogant? Oder einfach nur unverschämt? Brett Blackmore ist für Willow der Inbegriff des Bad Boy. Als er eines Nachts plötzlich in ihrem Apartment auftaucht und behauptet, hier zu wohnen, muss sie sich zähneknirschend fügen. Wie es aussieht, hat jemand in der Verwaltung einen Fehler gemacht und die Wohnung zweimal vermietet. Doch das Zusammenleben mit Brett wird zur echten Nervenprobe für Willow. Denn Brett ist nicht nur unverschämt sexy und attraktiv, sodass es zwischen ihm und ihr permanent knistert, sondern auch unglaublich unordentlich und mit einem frechen Mundwerk gesegnet. Doch dann kriecht Willow nach einem schrecklichen Erlebnis in der Nacht zu ihm ins Bett – und alles ändert sich. Leider merkt Willow zu spät, dass der Bad Boy in ihrem Bett Geheimnisse hat ... „Witzig, unterhaltsam und unglaublich sexy – beim Lesen von Bad Boy Next Door läuft das Kopfkino auf Hochtouren!“ abgeschlossener Roman, kein Cliffhanger, aber dafür explizite Szenen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2022
BAD BOY NEXT DOOR
Lily Wilde
© 2017, 2022 Lily Wilde
Facebook.com/Lily.Wilde
Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren, Vervielfältigen und Weitergabe sind nur zu privaten Zwecken erlaubt. Der Weiterverkauf des eBooks ist ausdrücklich untersagt. Abdruck des Textes, auch in Auszügen, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin.
Dieses Werk ist reine Fiktion. Jegliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie Schauplätzen sind zufällig und nicht beabsichtigt. Alle darin beschriebenen Vorkommnisse sind frei erfunden.
Bad Boys lassen uns Frauen fühlen, als hätten wir eine schwere Krankheit: Wir können nicht schlafen, das Herz klopft und schmerzt ohne Unterlass und man fühlt sich wie von einer anderen Welt. Doch wenn es eine Medizin gegen Bad Boys gäbe – ich würde sie nicht nehmen, sondern mit einem Lächeln leiden und dem Untergang entgegengehen.
KENNST DU DAS GEFÜHL, wenn dein Herz so schwer ist, dass es sich anfühlt wie ein riesiger, mit Tränen vollgesogener Schwamm? Wenn dein Körper kribbelt und gleichzeitig schmerzt bei dem Gedanken an den Mann, den du vermisst? Und kennst du das grauenhafte Nagen in deinem Kopf und in deinem Herzen, weil du weißt, dass es allein deine Schuld ist, dass er weg ist?
Ich habe ihm Unrecht getan. Und er hat die einzig logische Konsequenz gezogen und ist gegangen.
Er, Brett Blackmore.
Der heißeste Mann, dem ich je begegnet bin.
Der Mann, der mich auf die Palme bringt wie sonst niemand. Der mich rasend macht mit seiner Art, mein Leben durcheinanderzubringen. Und der mir die schönsten Momente meines Lebens geschenkt hat. Seine blauen Augen konnten bis in den hintersten Winkel meines Herzens sehen. Mit seinem frechen Mundwerk hat er mich zum Lachen gebracht. Sein verführerischer Körper hat mich all meine Sorgen vergessen lassen. Ich liebte es, mit meinen Fingern durch seine blonden Haare zu wühlen, während seine Lippen unbeschreibliche Dinge mit mir und meinem Körper anstellten.
Doch außerhalb des Bettes waren wir wie Feuer und Eis. Wie Sonnenstrahlen zur Mittagszeit und Sternschuppen zur Mitternacht. Wir gehörten einfach nicht zusammen. In meinen Augen war er eine wandelnde Katastrophe.
Und gleichzeitig wunderbar perfekt.
Die perfekte Katastrophe für mich.
Doch nun ist er weg.
Ich habe ihn davongejagt, ohne dass mir bewusst war, wie sehr ich ihm damit Unrecht tue.
Und wenn ich nicht über meinen Schatten springe, werde ich ihn nie wiedersehen.
Aber wenn ich versuche, ihn aufzuhalten, verliere ich das, wofür ich jahrelang hart gearbeitet habe. Will ich wirklich alles, was mir wichtig ist, für ihn aufgeben?
VOR CIRCA EINER WOCHE
WILLOW
ICH HATTE MICH noch nicht an die Nächte in Manhattan gewöhnt. Das Dröhnen der Autos auf den Straßen, das Jaulen der Polizeiwagen und das Hupen, das nicht einmal zur Schlafenszeit stoppte, waren mir völlig fremd. Die Nächte in New York waren ein Albtraum, weil sie niemals wirklich still waren. Zu Hause in Kansas hörte man nachts das Zirpen der Grillen und das Flüstern der Sterne, die sich unendliche Geschichten erzählten. Und wenn man ganz still war, verstand man auch, was sie einem erzählen wollen. Hier in New York hatte ich das Gefühl, es gab gar keine Sterne. Es spannte sich ein grauer Himmel über die Stadt, der von Millionen von Lichtern angestrahlt wurde und leer wie ein vergifteter Tümpel schien. Und es gab Lärm, der diese Leere mit seinen Geräuschen anfüllte, damit niemand merkte, wie trostlos sie wirklich war.
Unruhig wälzte ich mich von einer Seite zur anderen in dem Bett, das ungewöhnlich weich war für meinen an harte Matratzen gewöhnten Rücken. Seit fast einer Woche wohnte ich hier, und jede Nacht war eine Qual gewesen. Ich hatte es mit Ohrstöpseln versucht, mit leiser Musik aus den Lautsprechern, mit Alkohol und Baldriantropfen. Aber nichts hatte wirklich geholfen. Manchmal schlummerte ich vor Erschöpfung eine Stunde ein, nur um wieder von einem Hupkonzert auf den Straßen geweckt zu werden.
Momentan war es gerade etwas stiller. Vielleicht streikten die Taxifahrer. Oder die New Yorker hatten endlich begriffen, dass die Nacht zum Schlafen da war. Oder ich war in dem Lärm langsam ertaubt.
Übermüdet fielen mir die Augen zu.
Doch in diesem Moment vernahm ich ein Kratzen. Dann ein Poltern.
Und dieses Mal kam es nicht von draußen, sondern direkt aus meinem Apartment.
Schlagartig war ich hellwach und saß kerzengerade im Bett. Mein Herz raste.
War das etwa ein Einbrecher?
Ich hatte gehört, in New York gab es täglich unzählige Einbrüche. Und ich wusste von Leuten, die fünf verschiedene Schlösser an ihre Türen angebracht hatten, um sich vor den Dieben zu schützen.
Ich hatte nur eines an der Tür.
Und das war offenbar nicht genug.
Lautlos schlug ich die Bettdecke zurück und schlich zur Tür des Schlafzimmers. Ich hielt mein Ohr an das Holz und lauschte hinaus.
Momentan war alles still.
Vielleicht hatte ich alles nur geträumt?
Doch in diesem Moment spürte ich einen kalten Luftzug.
Jemand hatte die Wohnungstür geöffnet.
Das Licht ging an.
Der Einbrecher schien sich ja verdammt sicher zu fühlen.
Ich ging zum Bett und hob die Matratze hoch. Unter dem weichen Bettzeug befand sich der Lattenrost. Als ich das Bett bezogen hatte, hatte ich festgestellt, dass einige der Latten locker waren.
Ich löste eine Latte aus ihrer Halterung und nahm sie, bereit zum Zuschlagen, in die Hände.
Ich war vielleicht ein einfaches Mädchen aus Kansas, das nachts den Sternen lauschte, aber ich hing an meinem Leben. Und ich hatte in meiner Jugend jeden Jungen aus meiner Klasse im Armdrücken geschlagen. Beim Laufen ebenfalls. Eine Flucht wäre also kein Problem für mich. Ich war immer noch extrem sportlich. Aber erst einmal war ich zu allem bereit, um mein Zuhause zu verteidigen.
Ich wollte gerade die Tür öffnen und mich mit Geheul auf den Eindringling stürzen, als er die Klinke zum Schlafzimmer herunterdrückte.
Also riss ich die Tür auf, um das Überraschungsmoment zu nutzen. Ich heulte wie ein Indianer auf dem Kriegspfad, weil ich gehört hatte, dass das den Feind einschüchtert, und schlug ihm die Latte des Lattenrosts an den Kopf. Das heißt, ich wollte eigentlich seinen Kopf treffen. Aber er reagierte erstaunlich schnell und wich aus, sodass ich nur seine Schulter erwischte.
»Hey, verdammt. Was ist denn hier los?« Er klang nicht gerade wie ein abgebrühter Einbrecher, sondern eher verwirrt. Das konnte an meinem Geheul liegen.
Ich musste seine Verwirrung ausnutzen und erneut zuschlagen. Doch er reagierte erneut schnell und hielt meine Hand fest.
»Hey, Baby, Moment. Wenn du das als Vorspiel brauchst, kann ich das verstehen. Aber ich will auch etwas zu sagen haben. Und ich finde, dieses Brett macht sich nicht gut in deinen süßen Händen.«
Verdattert wollte ich etwas erwidern, doch mit einer geschickten Bewegung umfasste er das Brett vom Lattenrost und nahm es mir aus der Hand.
Verdammt!
Ich war plötzlich unbewaffnet und wehrlos. Fieberhaft überlegte ich, ob ich rasch zum Bett rennen und eine neue Latte holen sollte, aber es wäre Unfug. Er wäre viel schneller als ich und würde es nur als Provokation verstehen. Und ich wusste nicht, wie die Einbrecher in New York auf Provokation reagierten. Vermutlich nicht sonderlich gut, wie überall auf der Welt.
Außerdem hielt er mit der anderen Hand meinen Arm fest.
Panisch kramte ich in meiner Erinnerung nach den Selbstverteidigungskursen in Topeka, die ich besucht hatte, aber in der Hektik fiel mir nichts an geschickten Abwehrtaktiken ein, die meine Lage entscheidend verbessert hätten. Die Kurse waren schon zu lange her. Außerdem hatte ich die Lektionen nicht ernst genommen, weil in dem Kaff in Kansas, aus dem ich stammte, niemals etwas Gefährliches geschah. Eher fielen einem die Sterne auf den Kopf, als dass man einem Einbrecher begegnete.
Der Eindringling warf das Brett hinter sich, wo es mit einem lauten Poltern auf den Boden des Wohnzimmers fiel. Ich zuckte innerlich zusammen bei dem Lärm. Vermutlich wurde dadurch die Mieterin unter mir aus ihrem Schlaf gerissen, genau wie ich von den Geräuschen dieser Stadt. Aber vielleicht kam sie mir zu Hilfe.
»Du tust mir weh!«, zischte ich und trampelte mit den Füßen auf, damit die Person unter mir wirklich erwachte.
Die Hand des Einbrechers umklammerte ganz fest mein Handgelenk. Die Haut rötete sich bereits und schmerzte.
Er lockerte seinen Griff jedoch nicht. »Du hast versucht, mich zu erschlagen. In meinem eigenen Apartment. Vielleicht erklärst du mir, was du hier machst? Das würde mich wirklich brennend interessieren.«
»Das ist mein Apartment. Und ich wüsste gern, wieso du hier einbrichst. Ich habe nur einen alten Computer, der sich zu stehlen lohnt. Ansonsten besitze ich keine wertvollen Sachen.«
»Ich will auch nichts stehlen, Süße. Ich wohne hier.«
»Nein, ich wohne hier.«
Langsam wurde er stutzig und lockerte endlich den Griff um mein Handgelenk. Erleichtert atmete ich auf und hielt nach einer weiteren Waffe Ausschau. Aber, um ehrlich zu sein, er machte auf mich nicht mehr den Eindruck eines Einbrechers. Er hatte wirklich erstaunt geklungen, als ich ihm gesagt hatte, dass ich hier wohnte.
»Ist das Apartment 324?«, fragte er.
»Ja, das ist es.«
»Also ist es meins.« Der Triumph in seiner Stimme war kaum zu überhören. Mir fiel inzwischen auf, dass er einen eigenartigen Akzent hatte.
»Nein, es ist meines«, widersprach ich. »Und ich möchte dich bitten, es sofort zu verlassen.«
»Wenn es wirklich deines ist, wie erklärst du dir dann, dass ich einen Schlüssel habe?«
Er ließ meine Hand los und holte einen Schlüssel aus seiner Hosentasche, den er vor meiner Nase baumeln ließ. Das Ding sah tatsächlich aus wie der, den ich besaß.
»Du könntest ihn nachgemacht haben. Das beweist gar nichts.«
»Ich bin gerade erst aus Sydney hierhergekommen.«
Sydney, Australien. Das erklärte seinen Akzent. »Du bist Australier?«
»Mit Leib und Seele.« Er grinste mich an und zeigte zwei Reihen perfekter weißer Zähne. Darüber leuchteten zwei kristallblaue Augen. Jetzt, da er mich nicht mehr festhielt und ich meinen Schreck einigermaßen im Griff hatte, betrachtete ich ihn endlich einmal etwas genauer.
Ich hatte schon einige attraktive Männer in meinem Leben gesehen, aber dieser Kerl hier war etwas ganz Besonderes. Die süße Schlagsahne auf einem Berg voller Erdbeeren. Die Zuckerglasur bei einem Cupcake. Er hatte blonde, von der Sonne geküsste Haare und breite Schultern, die in einer lässigen Jeansjacke steckten. Sein knackiger Hintern und die kräftigen Oberschenkel wurden von einer zerrissenen Jeans verhüllt, die verdächtig tief auf seinen schmalen Hüften saß. Seine blauen Augen glitzerten cool und tief wie zwei Bergseen. Seine Haut war braungebrannt, auf seinen Wangen schimmerte ein blonder Drei-Tage-Bart. Dieser Mann war nicht nur sexy, er war das Schärfste, was ich je gesehen hatte.
Ich starrte ihn an, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Mein Hirn fühlte sich bei seinem Anblick gerade ziemlich leer an. Mal davon abgesehen, dass ich immer noch keine Ahnung hatte, was er in meinem Apartment wollte.
Er grinste. »Ich nehme an, dass jetzt alle Unklarheiten beseitigt sind. Ich gehe jetzt in mein Bett schlafen. Ich weiß nicht, was du machen willst, aber ich hätte nichts dagegen, wenn du mein Bett teilen würdest, Baby.«
Mit diesen Worten zog er sich die Schuhe und die Jeansjacke aus und legte sich mit ausgebreiteten Armen ins Bett.
In mein Bett!
Es dauerte noch einen winzigen Augenblick, bis ich mich aus der Erstarrung löste, die er bei mir hervorgerufen hatte. Doch dann baute ich mich vor meinem Bett auf, wo er seelenruhig lag und mich aus halbgeschlossenen Lidern ansah.
»Verschwinde aus meinem Bett, Cowboy«, knurrte ich mit einer Stimme, die ich noch nie an mir gehört hatte. Sie klang wie das Brummen einer Löwin, die ihre Kinder verteidigte. Das Bett hatte mir zwar bisher noch keine guten Nächte beschert, aber dafür konnte es nichts. Es war trotzdem meins. »Wenn du nicht bei drei draußen bist, hole ich die Latte wieder und schlage dich so lange, bis du merkst, was ich meine. Und ich tue noch andere Dinge damit, die dafür sorgen werden, dass du in Zukunft bei den Wiener Sängerknaben singen kannst.«
Verwundert öffnete er die Augen komplett und begann zu lachen. Es war ein herzliches, warmes Lachen, das mich noch mehr verwirrte.
Danach richtete er sich auf und zwinkerte mir zu. »Wie gesagt, ich teile gern. Mein Bett ist auch dein Bett. Also komm rein, Baby.«
Er klopfte mit der Hand einladend auf die Matratze, was mich nur noch wütender machte. Allerdings wusste ich nicht mehr, womit ich ihm drohen sollte. Er wirkte so selbstsicher, dass ich nicht wusste, wie ich gegen ihn vorgehen sollte. Als würde er mich überhaupt nicht ernstnehmen.
»Ich rufe jetzt die Polizei.«
Ich löste mich von meinem Platz und ging ins Wohnzimmer, wo ich mein Handy vom Ladegerät nahm und den Notruf der Polizei wählte. Ich kam jedoch nicht dazu, mit der Dame am anderen Ende der Leitung zu sprechen, denn in dem Moment, wo sich die Frau beim Notruf meldete, nahm der Eindringling das Telefon aus meiner Hand. Immerhin hatte ich ihn damit aus meinem Bett gelockt.
»Tut mir leid, wir haben uns verwählt«, sagte er und legte auf.
»Ich habe mich nicht verwählt!«, zischte ich und wollte mein Telefon wiederhaben. Doch er hielt es fest. »Und ein uns gibt es nicht!«, fügte ich hinzu.
»Ich glaube, wir sollten mal ein paar Sachen klären, bevor wir die Polizei oder andere Behörden einschalten.« Er klang plötzlich ernst.
»Das wäre vielleicht hilfreich.«
»Okay. Also, was machst du in meinem Apartment?«
»Es ist mein Apartment. Und ich wüsste gern, was du hier machst!«
»Jetzt geht das wieder los.« Er verdrehte die Augen. Doch er sagte nichts weiter, sondern ging zu einer Reisetasche, die neben der Eingangstür stand, und holte einen Brief heraus. Er war zerknittert und sah nicht sonderlich sauber aus. Damit kehrte er zu mir zurück und schlug ihn auf. Ein Kaffeefleck befand sich in der Mitte, an jeder Ecke gab es Eselsohren.
»Das ist der Mietvertrag«, erklärte er und deutete mit dem Finger auf den Namen des Mieters. »Brett Blackmore. Das bin ich. Brett Blackmore hat Apartment 324 in der Baker Street gemietet. Das ist diese Wohnung hier. Bist du nun überzeugt, dass das da drüben mein Bett ist?«
Ich wurde blass. Der Vertrag sah echt aus. Genau wie meiner. Vermieter war das Sacred Heart Hospital.
Wortlos ging ich zu dem kleinen Schränkchen an der Wand, in dem ich meine wichtigen Unterlagen untergebracht hatte, und holte einen Ordner hervor. Mein Mietvertrag war sauber und nicht einmal geknickt. Damit ging ich zu Brett und zeigte ihm das Blatt.
»Willow Carson hat das Apartment 324 in der Baker Street gemietet. Und das bin ich.«
Verwundert starrte er das Blatt Papier an und strich mit dem Finger darüber, als müsste er es anfassen, um den Inhalt glauben zu können. »Willow? Hübscher Name! Und du hast den Vertrag gebügelt!« Er lachte laut auf.
»Was? Nein! Ja! Er ist wichtig. Deiner sieht aus wie eine benutzte Serviette.« Verwirrt klappte ich den Ordner zu. War das alles, was er dazu zu sagen hatte? Er machte eine Bemerkung über meinen Namen und lachte, weil ich den Vertrag gebügelt hatte? Was für ein Idiot!
»Ich benutze Servietten prinzipiell nicht und habe meinen Kaffee dorthin gestellt, wo er immer steht. Offenbar hatte vorher jemand den Vertrag an diese Stelle gelegt. Pech.« Nonchalant zuckte er mit den Schultern.
Ich wurde langsam ungeduldig. »Was bedeutet das denn nun?«
»Es bedeutet, dass die Idioten, die dir das Apartment vermietet haben, es gleichzeitig auch an mich vermietet haben. Jemand hat Mist gebaut und wir müssen es ausbaden.«
Ich schluckte. »Heißt das auch, dass du nicht sofort hier verschwinden wirst?«
»Genau das heißt es.« Er grinste mich an. »Also, was ist? Gehen wir ins Bett? Wie schon gesagt, ich teile gern. Und du siehst aus, als müsstest du etwas lockerer werden. Eine Nacht mit mir würde helfen. Ich bin berühmt dafür.«
Langsam reichte es mir. »Ich habe kein Interesse. Ich war zuerst hier, also nehme ich das Bett. Wo du schläfst, ist mir egal. Du hättest ja pünktlich sein können.«
»Ich konnte nicht früher kommen, um hier einzuziehen. Ich hatte Verpflichtungen!«, protestierte er, aber ich hörte ihn schon nicht mehr. Zumindest tat ich so, als würde ich ihn nicht hören. Ich knallte die Schlafzimmertür zu und stellte einen Stuhl davor, damit er nicht eindringen konnte. Hastig holte ich eine weitere Latte aus dem Lattenrost und setzte mich ins Bett. Die Latte hielt ich schlagbereit.
Das würde heute wieder eine schlaflose Nacht werden, aber ich wäre wahnsinnig, wenn ich diesem Australier auch nur einen Moment den Rücken kehrte. Er würde es gnadenlos ausnutzen und sich in mein Bett schleichen. Und ich wollte nicht wissen, was er dann mit mir anstellen würde. Ich hatte das Funkeln in seinen Augen gesehen. Und seine Einladungen ins Bett waren mehr als zweideutig gewesen. Aber eine nähere Bekanntschaft mit ihm würde ich nicht zulassen. Nur über meine Leiche. Brett Blackmore war zwar das Schärfste, was ich je gesehen hatte. Aber er schien auch der Inbegriff dessen zu sein, was ich verabscheute: Er war schlampig, unordentlich und unpünktlich. Und ein Aufreißer, der mich nicht kannte, aber sofort Baby nannte und mit mir ins Bett gehen wollte.
Ich musste dafür sorgen, dass er so schnell wie möglich aus meiner Wohnung verschwand.
* * *
Als am nächsten Morgen mein Wecker klingelte, hatte ich gerade mal zwei Stunden geschlafen. Irgendwann waren mir doch die Augen zugefallen und die Müdigkeit hatte mich übermannt. Aber meine Nachlässigkeit hatte glücklicherweise keine Konsequenzen gehabt. Ich lag immer noch allein im Bett. Mein Nachthemd war intakt, der Stuhl an der Tür ebenfalls. Brett war nicht ins Zimmer gekommen.
Vorsichtig stand ich auf und ging zur Tür, um ins Wohnzimmer zu lauschen. Es war still darin. Entweder schlief er noch oder las. Oder er war gegangen.
Bei dem Gedanken, dass er das Apartment verlassen haben könnte, verspürte ich ein ungutes Gefühl. Als würde ich es bedauern, wenn er nicht mehr hier wäre. Aber das war Unsinn. Ich war mit Sicherheit froh, wieder allein zu sein. Er war ein Eindringling in meiner Welt und hatte hier nichts verloren. Und er war mit Sicherheit ein Mann, mit dem ich niemals glücklich werden könnte, für den Fall, dass ich seinem Charme erliegen sollte, was völlig ausgeschlossen war. Also sollte ich solche eigenartigen Anwandlungen gar nicht weiter ernstnehmen.
Leise schob ich den Stuhl zur Seite und öffnete die Tür. Ich wollte ins Bad gehen, doch mein Schritt hielt wie erstarrt inne. In meinem Wohnzimmer sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Männersachen lagen überall verstreut herum. Eine Jeans hing halb auf dem Tisch, eine Socke lag auf der Küchenspüle. Seine schmutzigen Schuhe hatte er neben der Tür abgestellt, aber vergessen, seine Jacke aufzuhängen. Sie lag direkt neben dem Obstkorb auf der Anrichte. Ein Ärmel hatte sich malerisch um einen Apfel drapiert.
Mir entschlüpfte ein entsetzter Schrei bei dem Anblick. Wie konnte man in so kurzer Zeit solch ein Chaos verursachen?
Danach drehte ich mich zur Couch um. Mein Herz klopfte vor Wut schneller. Und da lag er. Sein Kopf ruhte auf dem Sofakissen, sein Mund mit den vollen Lippen war im Schlaf leicht geöffnet. Er trug Boxershorts und ein weißes T-Shirt, auf dem Zahnpasta klebte. Ein Bein hing nach unten, das andere lag über der Sofalehne. In Ermangelung einer Decke hatte er sich mit einem Handtuch zugedeckt, das zwischen seinen Beinen knitterte. Und zwar mit meinem Handtuch!
Entsetzt ging ich zu ihm und zog ihm das Handtuch weg.
»Hey, gefällt dir der Anblick?«, hörte ich ihn plötzlich murmeln. »Das passiert immer morgens, obwohl du natürlich ebenfalls für Leben in meiner Hose sorgst.«
Mir wurde plötzlich bewusst, was er meinte. Bestürzt starrte ich auf die Beule in seiner Unterhose.
Oh mein Gott!
Schnell legte ich das Handtuch wieder über seinen Unterleib.
»Wieso hast du mein Handtuch genommen, um dich zuzudecken?«, fragte ich mit etwas zu schriller Stimme. »Und wieso sieht es hier aus, als wäre die Kelly-Family durchgezogen?«
Er lachte leise. Es klang unglaublich sexy, weil seine Stimme vom Schlaf noch rau war. Er kniff ein Auge zusammen und verzog das Gesicht, als wäre er beleidigt.
»Du triffst mich. Dabei habe ich extra darauf geachtet, besonders ordentlich zu sein. Siehst du? Es liegen keine Brotkrümel herum und ich habe auch kein Bier verschüttet.«
Ich stöhnte laut. »Das nennst du ordentlich? Das ist das blanke Chaos.«
Er richtete sich auf und stützte sich auf einem Ellbogen auf. Das Schmunzeln lag immer noch auf seinem Gesicht. »Du bist viel zu hübsch, um wie meine Mutter zu klingen. Es hat allerdings etwas Verruchtes, wenn ich mir vorstelle, mit dir zu schlafen und du redest, als wärst du meine Mutter.«
Entsetzt schnappte ich nach Luft. »Ich schlafe nicht mit dir! Niemals! Also denk nicht einmal dran und stell es dir auch nicht vor!«
»Das ist schwer, wenn du im Nachthemd vor mir herumhüpfst.«
Verdammt! Er hatte recht. Ich war immer noch im Nachthemd. Das Blut schoss in mein Gesicht.
»Ich ziehe mich an«, murmelte ich verlegen und eilte zurück in mein Schlafzimmer, wo ich tief Luft holte. Dieser Mann musste aus meiner Wohnung verschwinden, wenn ich bei Verstand bleiben wollte. Er war nicht nur liederlich, sondern auch unglaublich unverschämt. Deshalb wäre das Erste, was ich heute tun würde, den Verantwortlichen für diese verzwickte Lage zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen. Irgendein unfähiger Beamter hatte das Apartment zweimal vermietet. Diesen Fehler musste er wiedergutmachen und Brett umquartieren, bevor ich völlig die Nerven verlor.
Ich zog mich an. Ich bürstete mir sogar die Haare mit einem Kamm, den ich immer in der Handtasche bei mir hatte, um ihm keinen Grund für schmutzige Fantasien zu geben. Dann öffnete ich vorsichtig die Tür.
»Bist du auch angezogen?«, fragte ich, aber ich erhielt keine Antwort. Stattdessen hörte ich das Rauschen der Dusche.
Erleichtert atmete ich auf.
Ich ging zur Küchenzeile, die durch einen Esstisch vom Wohnzimmer getrennt wurde. Ich brauchte unbedingt einen Kaffee. Und am besten einen mit Rum, wie ihn mein Großvater immer trank. Aber dafür war es noch zu früh. Alkohol genehmigte ich mir erst ab 20 Uhr.
Ich stellte die Kaffeemaschine an, als das Rauschen der Dusche aufhörte und sich die Badezimmertür öffnete.
»Ich habe nicht genug für zwei eingekauft, deshalb weiß ich nicht, was du frühstücke...« Der Rest des Satzes blieb mir im Hals stecken, als ich mich zu ihm umdrehte und ihn ansah.
Er hatte ein Handtuch um seine Hüften geschlungen – mein Handtuch. Mehr trug er nicht. Wassertropfen perlten über seinen perfekten Oberkörper. Aufreizend langsam liefen sie über sein Waschbrett, bis sie unter dem Handtuch verschwanden und heimlich ihre Reise nach Süden fortsetzten.
Er sah unglaublich gut aus. Seine Haut war auch außerhalb des Gesichtes gebräunt wie bei jemandem, der den ganzen Tag am Strand liegt. Seine Muskeln waren wohldefiniert, als würde er vor und nach dem Sonnenbad viel Sport treiben. Vermutlich surfen.
Oder was auch immer.
Mein Gehirn war schon wieder verdächtig leer.
Dafür wanderte mein Blick im Schneckentempo von dem Handtuch aufwärts zurück zu seinem Gesicht, wo mich sein freches Grinsen erwartete.
»Entschuldige, ich habe vergessen, Handtücher mitzubringen. Aber ich nehme an, du hast nicht nur eins. Du kannst mir das hier sicher leihen.«
Ich schüttelte den Kopf. Zu mehr war ich nicht fähig. Meine Gedanken kreisten gerade darum, was sich unter dem Handtuch befand und was passieren würde, wenn ich es ihm dieses Mal einfach wegnehmen würde.
Mein Herz klopfte schneller, und ich schnappte nach Luft.
Das würde niemals passieren!
Damit kam endlich der Verstand zurück in meinen Kopf und ich wandte mich ab. »Ich habe vier Handtücher mitgenommen, damit ich welche zum Wechseln habe, falls die Waschmaschine nicht funktioniert.«
»Du bist auf alle Eventualitäten vorbereitet.« Ich konnte das Grinsen in seiner Stimme hören, während ich mich wieder um die Kaffeemaschine kümmerte. Dem Tropfen des Kaffees aus dem Filter zuzusehen war immer noch besser, als ihn anzublicken und sein freches Grinsen ertragen zu müssen.
Ich hörte das Rascheln von Stoff. Nahm er jetzt das Handtuch ab?
Mein Puls beschleunigte sich noch einmal.
»Du solltest dich jetzt nur umdrehen, wenn du gute Nerven hast. Der fantastische Anblick hat schon so manche Frau aus den Socken gehauen«, sagte er. »Sie fielen vor mir in Ohnmacht, danach bettelten sie um meine Aufmerksamkeit.«
Er stand wirklich splitterfasernackt hinter mir.
Ich kniff die Augen zu, um mit absoluter Sicherheit nichts Verfängliches zu sehen, falls mein Körper ein Eigenleben entwickeln und sich von allein umdrehen sollte.
»Meine Nerven sind stärker, als du denkst«, erwiderte ich und gab mir Mühe, nicht heiser zu klingen.
»Das habe ich gestern gemerkt, als du mich k.o. schlagen wolltest. Und der Schrei war ebenfalls ein Zeichen deiner Nervenstärke.« Seine Stimme war voller Ironie.
»Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Kampfschreie den Gegner einschüchtern. Darüber musst du dich nicht lustig machen«, erwiderte ich aufgebracht und vergaß für einen Moment, dass ich mich eigentlich nicht umdrehen wollte. Ich wandte mich ihm zu und bekam einen ungehinderten Blick auf seinen Körper.
Doch er trug inzwischen seine Jeans. Hatte ich gehört, dass er Unterhosen angezogen hatte? Keine Ahnung.
Sein Oberkörper war immer noch frei.
Meine Kehle fühlte sich plötzlich extrem trocken an.
»Das war ein Kampfschrei?«, neckte er mich grinsend. »Ich wüsste nur zu gern, wie deine Lustschreie klingen.«
»Das wirst du nie erfahren«, erwiderte ich heiser und drehte mich wieder zur Kaffeemaschine um, um die Kanne herauszuziehen und mir eine Tasse einzuschenken. Sie war noch nicht fertig, sodass das Wasser auf die heiße Platte tropfte. Aber darauf konnte ich gerade keine Rücksicht nehmen. Ich brauchte Kaffee, um meine grauen Zellen zu aktivieren und um gegen ihn bestehen zu können. Und um die Trockenheit in meiner Kehle zu bekämpfen.
»Gibst du was davon ab?«, fragte er plötzlich direkt neben mir.
»Wenn es sein muss«, murmelte ich und holte eine zweite Tasse aus dem Schrank. Er roch gut. Nach einem einfachen Duschbad, aber an ihm duftete es besonders gut. Verführerisch. Sexy. Zum Anknabbern lecker.
Ich schenkte ihm ein und versuchte, seinen nackten Oberkörper zu ignorieren. Aber es war schwierig. Er war einfach zu perfekt. Eine Kette mit einem Amulett hing an seinem Hals und lag genau über seinem Brustbein. Seine Haut war immer noch feucht und schimmerte.
»Wir müssen die Sache mit dem Apartment aufklären«, hörte ich mich sagen. Meine Stimme klang ganz fremd. Und aus irgendeinem Grund fehlte ihr die Überzeugung.
»Da du dein Bett offensichtlich nicht mit mir teilen willst, sollten wir das«, erwiderte er. »Die Couch ist verdammt unbequem.«
Ich trank einen Schluck Kaffee, obwohl er viel zu heiß war und ich mir die Zunge verbrannte.
Er lehnte sich mit dem Rücken an die Küchenspüle, wo immer noch seine Socke hing.
»Du musst aufräumen«, sagte ich und deutete mit dem Kopf auf den Strumpf, der immer noch auf der Anrichte lag. Der Kaffee hatte mich etwas ruhiger gemacht.
»Das bisschen hier?« Er wirkte erstaunt und nahm die Socke in die Hand, um sie mit einem geschickten Schwung auf das Sofa zu werfen. »Das geht schnell. Schon ist sie weggeräumt.«
Ich hätte jetzt einen Vortrag über Ordnung halten können, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er nur darauf wartete. Deshalb hielt ich meinen Mund und trank meinen Kaffee. Und ich versuchte mich schon einmal seelisch und moralisch darauf einzustellen, was mich im Badezimmer erwartete.
Es war nicht ganz so schlimm wie befürchtet. Er hatte meine Zahnpasta benutzt und die Tube natürlich offen liegen gelassen. Der Klodeckel war nach oben geklappt, und die Fliesen vor der Dusche waren so nass, dass ich fast ausgerutscht wäre. Aber immerhin hatte er meine Kosmetik nicht angerührt. Und Klopapier war auch noch da. Wenig, aber es reichte für mich.
Als ich fertig war, ging ich zurück ins Wohnzimmer, wo Brett vor dem Fernseher saß und alle Kanäle durchprobierte. »Habt ihr Amerikaner nur Football und Baseball im Kopf? Ich finde kaum etwas anderes auf den Sportkanälen.«
»Dann solltest du eine Beschwerdemail an den Präsidenten schreiben«, erwiderte ich schnippisch. Was sollte ich sonst dazu sagen? War ich verantwortlich für das Fernsehprogramm? Nein.
»Oh, Madame ist nicht zum Scherzen aufgelegt.« Er erhob sich und schaltete den Fernseher aus. »Dieses dürftige Programm ist allerdings ein guter Grund, um mich nach einem anderen Apartment umzusehen. Eins, bei dem es Netflix gibt. Gehen wir.«
Er nahm seine Jacke von der Anrichte, wobei der Apfel, den der Ärmel berührt hatte, von der Schale rollte und nach unten fiel. Ich wartete einen Moment, um zu sehen, ob er den Apfel aufhob. Als er es nicht tat, bückte ich mich.
»Bist du einfach nur faul oder stört es dich wirklich nicht?«, fragte ich ihn, als wir das Apartment verließen.
»Meinst du den Apfel? Ich wollte sehen, ob du hinter mir aufräumst oder mich nur belehren willst«, erwiderte er grinsend. »Ich bin faul. Das ist wahr. Und es stört mich nicht, wenn Unordnung herrscht. Weißt du, was Einstein gesagt hat? Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen kreativen Geist repräsentiert, was sagt dann ein leerer Schreibtisch über den Menschen aus, der ihn benutzt?«
»Dass der Mensch ordentlich ist?« Ich klang schon wieder schnippisch.
»Keine Ahnung. Vielleicht auch, dass er sich an seine Ordnung klammert, um seinem Leben überhaupt einen Sinn zu geben. Aber was weiß ich. Es ist mir auch egal.« Er winkte ab, während wir in dem kahlen Treppenhaus nach unten gingen.
»Wer immer Ordnung hält, kommt viel besser zurecht«, konterte ich. »Man verbringt viel weniger Zeit mit dem Suchen von Dingen.«
»Die eingesparte Zeit gibst du für das Aufräumen aus. Das ist eine Milchmädchenrechnung.«
»Ich komme damit bestens zurecht.«
»Und du hältst sogar das Bügeleisen warm. Ich glaube, ich habe noch nie jemanden getroffen, der einen Mietvertrag bügelt.«
Wir waren unten angekommen und ich hätte ihm am liebsten die Tür an den Kopf geknallt. Aber er hielt sie mir auf und nahm mir damit meine Chance auf eine befreiende Gewalttat.
»Und ich habe noch nie jemanden erlebt, der so nachlässig ist wie du«, konterte ich.
Er lachte. »Dabei kennst du mich noch gar nicht. Aber ich nehme das mal als Kompliment.«
Genervt verdrehte ich die Augen. Wie konnte er das nur als Kompliment sehen?
»Wohin müssen wir?«, fragte er plötzlich. »Du bist schon länger hier als ich, ich nehme an, du kennst dich aus?«
Ich war eine Woche früher angereist, um etwas Eingewöhnungszeit zu haben und nicht völlig neu und unwissend dazustehen, wenn es um die Bewerbung um die wichtigste Stelle meines Lebens ging. Ich wollte unbedingt das Praktikum in der Orthopädie des Krankenhauses antreten. Momentan war ich nur bei den Schwestern eingeteilt. Ich studierte Medizin, war aber noch ein paar Jahre von meinem Abschluss entfernt. Ich wollte mich gern auf Orthopädie spezialisieren, deshalb bedeutete mir das Praktikum alles.
»Die Verwaltung liegt im obersten Stock des Krankenhauses«, erwiderte ich.
»Okay, gehen wir dahin.«
Das Gebäude lag weiß und unpersönlich in der Morgensonne. Die Skyline von Manhattan spiegelte sich in den Glasfenstern, die so groß waren wie Türen. Nur die Ventilatoren der Klimaanlagen machten das perfekte Spiegelbild kaputt. Zehn Stockwerke war das Krankenhaus hoch. Im Erdgeschoss befand sich die Notaufnahme sowie mehrere Räume zum Röntgen und für MRTs. Die Abteilung für Hautkrankheiten lag im ersten Stock, zusammen mit dem Kreißsaal und der Neugeborenenstation. Warum die beiden zusammenlagen, war mir ein Rätsel. Darüber befand sich die Chirurgie, anschließend kam die Neurologie. Die orthopädische Abteilung befand sich im sechsten Stock.
Brett musterte mich die ganze Zeit mit dem Anflug eines Grinsens, als würde er sich immer noch köstlich darüber amüsieren, dass er mich gestern mitten in der Nacht überrascht hatte. Ich versuchte, ihn nicht anzusehen und starrte stattdessen das Poster an der Wand des Fahrstuhls an. Der Speiseplan in der Cafeteria. Das war immer noch interessanter als Bretts ungenierter Gesichtsausdruck.
»Vielleicht haben sie gleich was Neues für dich und du kannst das Apartment verlassen und umziehen«, sagte er.
»Ich? Du ziehst aus!«
Kaum sagte er etwas, brachte er mich schon wieder auf die Palme. Das war auch ein Talent.
Er lachte. »Natürlich. Ich wollte nur mal testen, wie hoch die Latte liegt, die man überqueren muss, um dich aufzuregen. Ganz knapp über dem Boden, wie ich merke.«
Ich knurrte innerlich, während ich versuchte, ruhig zu bleiben. Er provozierte mich also auch noch mit Absicht! Das wurde ja immer schöner!
»Mein Idiotenalarm ist noch feiner eingestellt und klingelt schon die ganze Zeit ununterbrochen«, erwiderte ich und starrte ungeduldig auf die Anzeige im Fahrstuhl. Fünfter Stock. Fast geschafft.
Er lachte erneut und zeigte seine perfekten weißen Zähne. Konnte er nicht aussehen wie der Glöckner von Notre Dame? Das würde es wirklich einfacher machen.
Endlich öffnete sich die Tür des Fahrstuhls und wir traten hinaus in den Flur, in dem sich die Büros der Krankenhausverwaltung befanden.
»Welche Tür ist es?« Verwundert sah er sich um. Von dem Flur gingen auf jeder Seite mehr als zwanzig Türen ab, eine sah genauso aus wie die andere. Winzige Namensschilder befanden sich am Türrahmen.
»Ich glaube, der Mann hieß Osbourne. Oder Oakley. Oder Olivier. Irgendwas mit O.« Ich war mir nicht ganz sicher, aber irgendwo mussten wir anfangen, um die richtige Person zu finden.
Ich wollte die Türen eine nach der anderen durchgehen und dabei nach dem korrekten Namen suchen. Doch Brett öffnete ohne Anklopfen die erstbeste neben dem Fahrstuhl. Sophie Doolittle stand auf dem Namensschild.
»Hi, guten Morgen, Sophie. Ich bin Brett und habe eine Frage an den Verantwortlichen, der die Apartments vermietet.«
Verlegen trat ich zu ihm und wollte mich bei Mrs. Doolittle für sein Benehmen entschuldigen, doch Brett war noch nicht fertig.
»Das Kleid steht Ihnen ausgezeichnet, wenn ich das so sagen darf.« Er grinste sie an und zauberte ein glückliches Lächeln in ihr Gesicht.
Sie war um die fünfzig und in dem Alter eigentlich viel zu erfahren, um auf so abgedroschene Komplimente hereinzufallen. Aber das Lächeln auf ihren Lippen war echt. Das musste Bretts Akzent sein, der ihre Vorsicht lahmlegte. Oder sein Aussehen. Oder beides zusammen.
Eigentlich konnte ich ganz gut nachvollziehen, dass sie schwach wurde.
»Hi Brett. Mr. Dinkley verwaltet die Apartments der Studenten. Wohnst du drüben ...« Sie hatte mich erblickt, ihr Lächeln brach etwas ein. »Wohnt ihr beide drüben im Apartmenthaus des Krankenhauses?«, korrigierte sie sich schnell.
»Wir wohnen nur aus Versehen zusammen, ich bin eigentlich allein für das Apartment gebucht. Deshalb müssen wir Mr. Dinkley sprechen.«
Ihr Lächeln saß wieder. »Ich verstehe. Er sitzt am Ende des Ganges, die vorletzte Tür links.«
»Danke, Sophie. Vielleicht begegnen wir uns mal in der Cafeteria.«
»Gerne, Brett. Viel Erfolg mit Mr. Dinkley.« Sie zwinkerte ihm zu, er zwinkerte zurück.
Ich verdrehte die Augen und ging schon auf die Tür von Mr. Dinkley zu. Wenigstens war er ein Mann, bei dem würde Brett nicht so einfach punkten können. Außer er war schwul.
Ich wollte gerade klopfen, als Brett zu mir trat. »Dinkley hat kein O im Namen.«
»Aber ein I und ein E.« Immerhin lautete sein Vorname Ramon. Das war zwar kein sonderlich überzeugendes O, aber immer besser als gar keines. »Siehst du? Das O ist im Vornamen!«
Brett schmunzelte und klopfte, bevor ich meine Hand heben konnte. Er wartete jedoch das »Herein« nicht ab, sondern trat sofort ein.
»Macht man das so in Australien?«, fragte ich leise und schon wieder zu einer Entschuldigung bereit.
»Das macht man, wenn der Kerl Mist gebaut hat«, flüsterte Brett.
Mr. Dinkley war nicht schwul, er war auch nicht sonderlich ungehalten, weil wir einfach eingetreten waren. Er war ein Mann Ende vierzig mit fast vollständiger Glatze und roten Wangen, die farblich zu seiner roten Krawatte passten. Erschrocken sah er von seinem Computer auf, klickte schnell mit der Maus das Bild weg, das er angesehen hatte, und versuchte ein Lächeln. »Was kann ich für Sie tun?«
»Uns ein zweites Apartment versorgen«, erwiderte Brett. Kaum hatte er ausgesprochen, erzählte ich Mr. Dinkley mein traumatisches Erlebnis aus der Nacht, als plötzlich der Eindringling auftauchte und die Wohnung für sich beanspruchte.
Mr. Dinkley sah nach meinem Bericht aus, als hätte er etwas Falsches gegessen. Sein Gesicht wirkte grünlich. »Ich habe das Apartment wieder doppelt gebucht?«
»Wieder?«, fragte ich entsetzt. »Passiert das öfter?«
»Öfter nicht, aber gelegentlich. Es ist ein Systemfehler. Wann immer ich ... äh ... der Computer ist nicht sonderlich neu. Und auch nicht schnell. Und wenn man etwas anderes macht, hängt er sich auf und nimmt die Buchungen nicht richtig auf.«
»Was haben Sie denn getan? Aber viel wichtiger ist, können Sie uns ein neues Apartment buchen?«
»Da muss ich schauen.« Er öffnete ein Programm und schien zu überprüfen, wie viele Wohnungen noch verfügbar waren. »Es sind die Apartments drüben in der Baker Street?«
»Ja, genau die.
