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Komische Geschichten über ernste Dinge und andersherum. "Badestelle" lässt Leser in skurrile Situationen eintauchen. Man badet im Oranienburger Lehnitzsee, in der Havel, im Pool, im Meer, in Angstschweiß, Neid, Wut, Scham und Lust. Kupferstiche und Radierungen erzählen eigene Geschichten.
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Seitenzahl: 72
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Erika Balke
Badestelle
Skurrile Kurzgeschichten und Illustrationen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Erste
Entschärfung
Man sieht sich
Bank am See
Befragung
Fadenkreis
Weg
Perfekt
Die Kurve
Die sieben Farben von Mauritius
Impressum neobooks
Seit ich nicht mehr zur Arbeit muss, fühle ich täglich, wie ich durch den ununterbrochenen Schlaf- und Essrhythmus verfaule und verfette. Vielleicht hilft ja Schwimmen. Von der Hoffnung bewegt, meine lahme Kondition zu verbessern, fahre ich nun jeden Morgen vor dem Frühstück zum See.
Leider bin ich nie die Erste. Selbst wenn ich Punkt sieben losfahre, kommen sie mir immer schon entgegen. Ich nenne sie „Millionärswitwen“, weil sie vielleicht in den teuren Villen am See wohnen und kein Mann dabei ist. Es sind vier bis fünf reife Damen. Sie sehen älter aus, haben bessere Laune, stehen früher auf und schwimmen schneller als ich.
Immer kommt mir „Steinmeier“ bereits fertig gebadet entgegen. Ihre Brille steckt in einer weißen Kurzhaarfrisur. Sie trägt einen korrekten dunklen Nadelstreifenbademantel mit Würde wie Frank Steinmeier seinen Anzug. Diese Frau kitzelt meinen Ehrgeiz heraus und bringt mich dazu, den Wecker eine Viertelstunde vorzustellen. Ich möchte einmal als Erste das Wasser zerteilen. Den stillen See allein am Morgen erobern.
Derart motiviert, winde ich mich am nächsten Tag überfrüh aus den Federn.
Als ich schon frohlockend schaudernd den Fuß eintauche, kommen die schnatternden Witwen hinter mir zum Strand. Freudig stürze ich mich als Erste ins Nass. Tauche ein, tauche auf, breite meine Schwimmhäute aus, gleite schwerelos durch mein Element. Genüsslich wälze ich mich im Wasser auf den Rücken und paddele die Gebirgsinsel meines Körpers. Ich löse eine leichte Wellenbewegung aus, schaukele meinen See und er mich. Nun rolle ich wieder in Bauchlage und versuche sportlich zu schwimmen. Vom Frühnebel verschleiert wartet meine Boje, die ich umkreisen möchte.
Da löst sich von ihr eine verschwommene Form, die sich langsam zu Steinmeiers kantigem Kopf verdeutlicht und Richtung Ufer zieht. Typisch. Wahrscheinlich hat diese Alte im Wasser übernachtet. Wir grüßen uns beim Vorbeischwimmen triumphierend.
Morgen komme ich noch früher, denke ich und schaue mich lauernd nach Steinmeier um. Erstaunt stelle ich jede Schwimmbewegung ein. Die durch den Schreck eingezogene Luft lässt mich bojenförmig verharren. Da, wo eben noch Steinmeier schwamm, erhebt sich eine blonde Athletin mit schlanker Figur und gebräunter Haut aus dem Wasser, rekelt ihren durchtrainierten Körper im Licht der Morgensonne, um sich dann mit dunklem Herrenbademantel und Brille zu verkleiden. Ein Kamm präzisiert die Frisur. Ich reduziere ihr geschätztes Alter um vierzig Jahre. Aphrodite lebt - im Steinmeierkostüm. Es lohnt sich, so früh aufzustehen.
Am nächsten Morgen um vier merke ich, dass die Badestelle nicht beleuchtet ist. Schwarz liegt der See da und ich beschließe zu warten, bis sich die nachtaktiven Krebse, Hechte, Nager und Vampire zurückziehen. Ich tappe zur Bank, fasse kurz erstaunt in samtig weichen, leicht gerippten Bademantelstoff und weiß im selben Moment, wer schon da sitzt. Ein plötzlicher Lichtschein blendet mich.
„Können Sie auch nicht schlafen?“, flüstert Steinmeier gequält unter ihrer Stirnlampe hervor.
Ihr Kopf erscheint schlecht ausgeleuchtet wie ein abnehmender Mond.
„Sie stehen ja auch immer früher auf. Es ist schrecklich, nicht wahr? Nie zur Ruhe zu kommen, immer aktiv und im Stress zu sein, nicht abschalten zu können“, stöhnt sie. „Geht es Ihnen auch so? Den ganzen Tag arbeite ich und kann dann nicht mal schlafen. Das hier ist das einzige bisschen Freizeit, was ich mir gönne. Ich bin dadurch schon ganz abgemagert, ohne Nachtschlaf, ohne Appetit.“
Sie senkt den Lichtschein zu Boden und mit einem tiefen Seufzer rafft sie sich auf.
„Kommen Sie. Vielleicht hilft ja Schwimmen.“
(2012)
Wer kann, verlässt Oranienburg vor 8 Uhr zur Arbeit, zu Freunden, nach Berlin, in den Baumarkt oder in den Wald zum Pilzesammeln. Diesmal wurde der Sperrbezirk besonders weit gefasst, da die Bombe unter einem Wohnblock liegt und vielleicht gesprengt werden muss. Das Krankenhaus ist evakuiert, auch halb Süd und die Havelgegend.
Ungefähr dreißig Hiergebliebene treffen sich in der Klause am Stadtrand, die morgens immer noch nach abgestandenem Qualm riecht, obwohl das Rauchen jetzt schon vier Jahre verboten ist. Doch bald gewinnt der Duft des Kaffees. Alte Bekanntschaften werden aufgefrischt: „Mensch, Kutte, du lebst ja ooch noch“, neue Bekanntschaften angebahnt: „Kennen wir uns nicht von der letzten Entschärfung?“ Viele haben sich etwas zu tun mitgebracht, aber Laptop, Karten, Bücher, Sudoku, Spielzeug bleiben ungenutzt. Kinder blockieren die Fernsehecke und markieren ihr Gebiet mit zerkrümelten Keksen, Colaflaschen und Verpackungsresten. Um 14 Uhr soll es vorbei sein. Über eine Stunde ist schon geschafft.
Als Olivers kurz geschorener Kopf schräg durch die Tür guckt, frohlockt er: „Das ist doch ein Bombenwetter heute!“
Die Anwesenden stöhnen unter der Wiederholung seines alten Witzes.
„Setz dich in deine Ecke.“
Er klemmt seinen Jeanskörper auf den einzigen freien Platz am überfüllten Stammtisch neben dem Tresen, wo er immerzu aufstehen oder sich ducken muss, je nach Größe des Tabletts, mit dem der stattliche Wirt sich an ihm vorbeischiebt.
„Bombenstimmung hier.“
Sven versucht, seine Freundin Lara zu beruhigen. Was soll schon passieren? Die Bombe liegt eine Straße weiter, und hier, in dieser Laube, zu der sie den Schlüssel unter der Matte gefunden haben, wird sie kein Mensch entdecken. So eine schöne Gelegenheit, allein zu sein, haben sie sich lange erträumt. Sven verbindet sich mit Lara, indem er seine Ohrstöpsel mit ihr teilt. Er lässt die Schmusemusik aus dem iPod plätschern, versucht mit ihr so etwas Ähnliches wie den Tanz der Vampire, und endlich lacht Lara, dass ihr Zungenpiercing blitzt, weil sie ihn eigentlich als Pogotänzer und Metalfan kennt.
Oliver grübelt über den Namen der kleinen Rothaarigen zu seiner Rechten nach, die er aus Discozeiten kennt. Während sie eine SMS ins Handy tippt und mit der anderen Hand ihrem sommersprossigen Sohn, der auf ihrem Schoß sitzt, den Rücken streichelt, spricht sie vor sich hin: „Ich wollte sowieso umziehen. Solange sie uns vernünftig unterbringen, ist das für mich in Ordnung. Wenn das Haus hochfliegt, richte ich mich vollkommen neu ein. Mein Ex wollte die Schrankwand auch nicht mehr.“
Sie erntet Widerspruch aus der älteren Ecke am Nachbartisch, von Leuten, die ihren Schnörkelschrank nie im Stich lassen würden, den hat nämlich Oma im Krieg aus dem halben Haus in der Kremmener Straße gerettet. Auch Oliver würde die Schrankwand nicht opfern, sondern zwei Sideboards daraus bauen und unter den Flachbildfernseher stellen.
„Du kannst die Möbel haben, wenn sie nachher noch da sind. Wir haben wenig mitgenommen. Nur das, was man wirklich braucht: Reisetasche, paar Plüschtiere, paar Riegel, Gameboy, mach mal den Ton leiser, Friedi. Den Rest können sie in die Luft jagen. Alles weg. Früher war das hier noch was Besonderes mit Warmwasser aus der Wand, Einbauküche, Balkon, Kaufhalle, aber jetzt ist es doch das Russenviertel. Entschuldigung. Habe ich nicht persönlich gemeint. Bisschen aufgeregt.“
Die Aussiedlerin am anderen Ende des Tisches nickt freundlich über ihrem pinkfarbenen Strickzeug. Der alte Kutte sitzt neben ihr. Lachfalten prägen sein Ledergesicht, während er ihr mit seiner furchigen Hand die Schulter tätschelt, bis ihr eine Masche von der Nadel fällt.
Stille.
Lara findet es nicht romantisch. Sie könnten durch die Laubenfenster gesehen werden.
„Wer soll schon kommen?“ Gickernd bauen sie aus Decken und Sesseln eine Art Zelt, worunter es wirklich kuschelig ist. Nun stört nur noch der Hundegeruch des Teppichs. Sven öffnet eine Bierflasche, und Lara reißt sie als Erste an die Lippen, obwohl sie Bier eigentlich nicht mag. Sie lässt sich den Biermund ablecken, horcht aber ständig nach draußen, wo Lautsprecherwagen die Straßen beschallen.
„Als ich noch im Stahlwerk war“, Oliver steht wieder auf, „habe ich mir mal selbst eine Bombe gebaut. Nach der Arbeitsschutzbelehrung über Azetylen. Ich einen Luftballon mit dem Zeug gefüllt und ganz schlau, auf Nummer sicher, draußen angebunden, hinter der Hausecke in Deckung gegangen und mit einer langen Stange gezündet. Das war ein Rumms. Donnerwetter. Alle Scheiben rausgeflogen, Sekretärin eingepullert, Viertelstunde später hatte ich meinen Verweis. So geil, Mann.“
Torsten, der links an der Wand sitzt, duckt sich erst unter dem Gefuchtel, dann greift er über die blonde Dauerwelle seiner greisen Nachbarin hinweg nach Olivers Hand und zerrt ihn auf den Stuhl hinunter.
„Jetzt vertun wir unsere Zeit mit Gequatsche. Ich müsste meinen Laden öffnen und sitze hier rum. Das nervt. Eigentlich habe ich aufgehört zu rauchen. Kann ich mal raus, bitte?“
Oliver springt gleich wieder auf. Es dauert eine Weile, bis die fünfundachtzigjährige Maria es schafft aufzustehen. Sie hat nicht nur Gelenkschmerzen und Gleichgewichtsprobleme, sondern auch noch die schwere Tasche mit allem Wichtigen und ihre Isoliertasse, aus der sie immer mal einen Schluck nimmt, Tee, wie man an der Patina auf dem Blech erkennt.
