Bahadur, sein Yak und Yarak - Michael Strasser - E-Book

Bahadur, sein Yak und Yarak E-Book

Michael Strasser

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Beschreibung

Oft träumte er von Aufbruch, Flucht, Neuanfang und insgeheim hatte er schon lange beschlossen zu gehen. "Traurig sein kann ich auf der ganzen Welt, und so hätte ich sie wenigstens gesehen", dachte er bei sich. Warum genau an diesem Abend das Fass überlief, konnte Bahadur sich nicht erklären. Es passierte an diesem Tag nichts Besonderes, bis auf die Tatsache, dass seine innere Stimme so laut nach Aufbruch rief, wie nie zuvor. Mitten in einer stockfinsteren mondlosen Nacht des Sommers 1967 beginnt die phantastische Odyssee eines außergewöhnlichen Helden, dessen abenteuerliche Suche nach dem gelungenen Leben ihn einmal um die Welt und durch die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts führt.

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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Vorwort

Vorgeschichte

17. August 1967

Orientierung

Eisenyak

Roter Held

Neues erstes Ziel

Zusätzlicher Haltegriff

Freund oder Feind

Tanbu

Nationale Front für die Befreiung Südvietnams

Irma

Der Freiheit beraubt

Zurück

Good Morning Frisco

Woodstock Music & Art Fair

San Francisco

Altamont Free Concert

Randstein der Vergänglichkeit

Doren

Poesie

Über dieses Buch

Der Autor

Vorwort

Nie wieder schreibe ich ein Buch, dachte ich des Öfteren, wenn wieder mal ein Satz nicht so aufs Blatt wollte, wie ich ihn im Kopf hatte.

Die Zeit, die ein Buch zu schreiben in Anspruch nimmt, habe ich massiv unterschätzt. Aber woher sollte ich es auch wissen? Schließlich ist dies mein erstes Buch. War ich 800 oder gar 1800 Stunden am Schreiben? Ich weiß es nicht, ich habe nicht Buch übers Buchschreiben geführt.

Schlussendlich, nach getaner Arbeit, will ich sagen: »Jede einzelne gedankenerfüllte Stunde trister Einsamkeit, welche das Schreiben eines Buches zwangsläufig mit sich bringt, jeder einzelne Kampf mit den zur Verfügung stehenden Worten und deren passender Reihenfolge, haben sich rentiert und die verschwendete Zeit war goldrichtig investiert.

Ich danke meiner Familie, für die Zeit, die sie mir gegeben hat. Ich danke meinem Bruder Christian, für sein hervorragendes und eindrucksvolles Lektorat. Für den beträchtlichen Aufwand, den er hatte, und für die tief gehenden Kommentare fühle ich mich, als stände ich in seiner Schuld.«

Bruderherz: »Ich hoffe, ich kann mich mal revanchieren!«

Rausgekommen ist ein Abenteuerroman, oder doch ein Kriegsroman oder gar ein Geschichtsroman. Der Protagonist Bahadur bedient viele Genres, dementsprechend fällt es mir schwer, dieses Buch einer festen Gattung zuzuschreiben.

Vorgeschichte

… gebt mir den Namen Dimitri.

Ich bin ein groß gewachsener Mann mit sportlich-drahtiger Statur und schütterem Haar. Mein Gesichtsausdruck reicht von potent bis dramatisch, wirkt bei näherer Betrachtung aber auch gesättigt und bewegt. Mein Auftreten ist selbstbewusst. Blonde Bartstoppeln bedecken mein Gesicht. Ich bin in den besten Jahren. Zu weit gekommen, um noch davonlaufen zu können, zu alt, um nochmals von vorne anzufangen, weise genug, um nicht bei jedem Scheiß dabei zu sein, und zu jung, um schon über Vergänglichkeit nachzudenken. In gewisser Hinsicht bin ich ein Durchschnittsösterreicher.

Ich arbeite viel, nenne ein Haus mein Eigen, habe eine wunderbare, treue Frau, die mir ein Anker ist und mir zwei Kinder geboren hat. Einen strammen Jungen und eine bezaubernde Tochter, die ich über alles liebe. Auch wenn es mich mit Stolz erfüllt und ich glücklich darüber bin, eine Familie zu haben, treten die Sorgenfalten doch manchmal in mein Gesicht, wenn ich darüber nachdenke, ob ich meiner Position gewachsen bin oder ob nicht zu viel Last auf meinen Schultern liegt.

Um abschalten zu können, ziehe ich von Zeit zu Zeit in die Wälder und Flussläufe des Bregenzerwaldes, einer von sanften Hügeln, unberührten Flussläufen und schroffen Gebirgsketten gekennzeichneten Region irgendwo in den nördlichen Ausläufern der österreichischen Alpen, um dort Fischen nachzustellen, sie zu erbeuten und über dem Feuer zu grillen.

So war ich auch an einem sonnigen Samstagmorgen im Frühjahr 2021 leicht verkartert losgezogen, um mit fetter Beute nach Hause zurückzukehren. Ich parkte meine silberne Vespa Sprint 125 ccm auf dem kleinen Parkplatz vor dem Campingplatz in Doren, direkt an der Bregenzer Ach. Bekleidet war ich lediglich mit einer Badehose und einem weinroten T-Shirt. Um mein Haupt vor der Sonne zu schützen, legte ich einen Strohhut darauf. Meine Füße schützte ich mit ausgetretenen Sneakers und als Gepäck legte ich den Rucksack an, welchen ich für die Fahrt unter dem Sitz verstaut hatte.

Neben den üblichen Dingen, die ein Mann im besten Alter in seinem Rucksack mit sich führen sollte, wie seine Geldtasche, sein Handy und eine angerissene Schachtel Zigaretten samt Feuerzeug, waren noch ein paar außergewöhnlichere Dinge in meinem Rucksack zu finden. Im Hauptfach des Rucksackes war eine kleine wasserdichte Taschenlampe, eine Taucherbrille und ein leicht modifizierter Teleskopwanderstock. Dessen fehlende Spitze habe ich durch eine Schraube ersetzt. Im Bedarfsfall konnte ich den mitgeführten Dreizack samt Widerhaken aufschrauben, den Stock ausziehen und hatte somit im Handumdrehen einen von Fischen gefürchteten Speer zur Hand, welcher perfekt als Wanderstock getarnt war. Wenn man im Bregenzerwald mit einem Wanderstock unterwegs ist, gilt man als normal und der Norm entsprechend. Ist man jedoch mit einem Speer unterwegs, erntet man unangenehme, ängstliche Blicke. Zudem wäre die Wahrscheinlichkeit, Probleme zu bekommen, damit stark erhöht.

Mit heiterem Gemüt und voller Zuversicht machte ich mich flussaufwärts auf den Weg. Ich betrat den Wanderweg, parallel zur Bregenzer Ach. Nach etwa 1300 Metern gabelte sich der Weg. Der Hauptweg führt zunächst über eine Brücke und folgte dann weiter der Bregenzer Ach entlang. Über den seitlich abzweigenden Weg gelangt man über einen Parkplatz zu einer gemähten Wiese, einem künstlich angelegten Teich und ein paar Parkbänken.

Es war das Mündungsgebiet der Weißach, einem kristallklaren Fluss, welcher in Deutschland sein Quellgebiet hat und über 30 Kilometer entlang durch Österreich fließt, um in die Bregenzer Ach zu münden. Die ansässigen und heimischen Fischarten des Flusses sind Bachforellen und Mühlkoppen. Auch geringe Bestände an Äschen, Regenbogenforellen, Bachsaiblingen und Barben drängen von der Bregenzer Ach in die Weißach vor.

Von dieser Stelle aus führt weder Weg noch Pfad der Weißach entlang. Mit trockenem Fuße dem Fluss zu folgen war demnach nicht möglich. Also stieg ich über die steile Böschung direkt ins Bachbett hinab. Der Wasserstand war niedrig, gerade einmal bis zu meinen Knien reichte das Wasser, welches an diesem Tag noch kristallklarer war als sonst. Den leichtesten Weg suchend, den Fluss immer wieder querend, zog es mich auf dem schmalen Uferstreifen den Fluss entlang stromaufwärts.

Nach etwa 800 Metern kam ich zu einer Stelle, an der der Fluss eine Biegung nach rechts nahm. An den steilen Seiten des Flusses waren zerfallene Brückenpfosten zu erkennen. Von der Brücke, oder einem ehemaligen Weg, der über sie führte, war nichts mehr zu erkennen. Den zerfallenen Pfosten nach zu urteilen, konnte die Brücke nicht groß gewesen sein. Vielleicht war sie einst angelegt worden, um zwei alte Wanderpfade miteinander zu verbinden? Gehörte sie zu einer ehemaligen Schmugglerroute? Oder war sie einfach nur Teil einer Verbindung zwischen Doren und Langenegg?

Wie auch immer, eigentlich war es mir egal, was es mit den zerfallenen Pfosten auf sich hatte. Für mein Vorhaben war der Platz perfekt geeignet. Durch die Biegung des Flusses war die Stelle stark ausgeschwemmt und auf einer Länge von etwa zehn Metern war das Wasser bestimmt vier Meter tief. Genau solche Plätze suchen Fische gerne auf, um sich auszuruhen und nicht ständig gegen die Strömung ankämpfen zu müssen.

Ich machte mich bereit. Ich legte meinen Strohhut und mein T-Shirt ab, zog den Wanderstock auf seine maximale Länge aus und schraubte den Dreizack auf. Damit die Taucherbrille nicht anlief, spuckte ich, wie bei Tauchern üblich, in die Brille. Bevor ich eins mit dem Fluss wurde und mich in ihn hineingleiten ließ, schaute ich mich aufmerksam um. Schwarzfischen und Harpunieren waren im Bregenzerwald kein Kavaliersdelikt.

Da zum Glück niemand zu sehen war, traf ich die letzten Vorbereitungen und positionierte mich kurz vor der Stelle, an der der Fluss tief wurde. Den Speer in der rechten, die Taschenlampe in der linken Hand. Um ohne großen Kraftaufwand in die Tiefe zu gleiten, füllte ich die Badehosentaschen mit Steinen. Mit tiefen Atemzügen bereitete ich mich auf den ersten Tauchgang vor. Mit einer Art Pressatmung reicherte ich mein Blut mit Sauerstoff an und verdrängte das verbrannte Kohlendioxid aus meinem Körper. Danach setzte ich an, um unterzutauchen.

Ich sprang nicht in den Fluss, nein, ich ließ mich nahezu bewegungslos von dem Strom in die Tiefe hinabziehen, ließ mich hineintragen in das Reich der Fische und beobachtete ihr Treiben aufmerksam. Barben, einen großen Schwarm Barben, erblickte ich auf dem Boden des Flusses. Als ich näher an die Fische herankam, verhielten sie sich genauso wie erwartet. Ich hatte über die Jahre des Speerfischens gelernt, zu denken wie ein Fisch. Die Fische fürchteten sich vor dem näher kommenden Mann und versteckten sich zwischen großen Steinen oder untergegangenen Wurzelstöcken.

Die Kunst war es jetzt, eine Auslese zu treffen und sich zu merken, wo sich der jeweilige Fisch versteckt hatte. In ihrem Versteck würden die Fische verharren, bis die Gefahr vorüber war oder Schlimmeres passieren würde. Hier fühlten sie sich sicher. Unweigerlich würde es zur Konfrontation kommen. Das ewig währende intime Spiel zwischen Jäger und Gejagtem konnte beginnen.

Mein Adrenalinspiegel stieg an und ich schwamm näher an eine Barbe heran, die sich in einem versunkenen Wurzelstock versteckt hatte. Ich richtete meinen Dreizack auf den Fisch und war bis aufs Äußerste bereit zuzustechen. Im entscheidenden letzten Moment jedoch zögerte ich und hielt inne. Nicht etwa weil ich Mitleid mit dem Fisch hatte, nein, ich zögerte auf Grund der Größe und der Fischart. Der Tag war noch jung, deshalb war ich noch wählerisch. Eigentlich wäre mir eine dicke, große Bachforelle lieber gewesen. So beobachtete ich die Barbe solange meine Luft reichte und ließ schlussendlich dem Fisch sein Leben. Als auf Grund des Sauerstoffmangels das Stechen in meiner Brust und in meinem Kopf zu groß wurde, nahm ich die Steine aus der Badehosentasche und tauchte auf.

An der Oberfläche des Wassers rang ich nach Luft. Eine Ypsilon-förmige Ader, welche sich während hoher Anspannung und Erregtheit stets mit Blut füllte, zeichnete sich auf meiner Stirn ab. Nichtsdestotrotz unternahm ich zwei weitere Tauchgänge, musste jedoch feststellen, dass sich in der Flussbiegung wirklich nur Barben befanden. In der Hoffnung auf bessere Jagdgründe machte ich mich daran, dem Fluss weiter hinauf zu folgen.

Der Fluss wurde ungezähmter, wilder und ursprünglicher. Die Uferböschungen wurden immer steiler. Der Fluss floss nicht mehr an grünen Wiesen vorbei, sondern zwängte sich durch eine immer unzugänglicher werdende Schlucht hindurch. Von hier aus bis etwa zehn Kilometer stromaufwärts sollten die zerfallenen Brückenpfosten die letzten Anzeichen von menschlicher Besatzung sein. Es gab keine Flussbegradigungen mehr, niemanden, der die umgestürzten Bäume aus der Schlucht zog, und keinen, der einem die großen Steine aus dem Weg räumte. Man musste schon körperlich einigermaßen fit und trittsicher sein, um dem Flusslauf hier noch folgen zu können.

An jeder tief ausgewaschenen Biegung des Flusses versuchte ich mein Glück aufs Neue. Ich hatte jedoch nicht wirklich viel davon. Sehr wohl sah ich Fische, Barben, kleinere Bachforellen und Mühlkoppen, aber keine kapitalen Exemplare, deren Erbeutung einen Jäger wie mich mit Stolz erfüllen könnten. Ich wollte mit erhobenem Haupt nach Hause kehren und eine fette Forelle präsentieren. Der belächelnde Blick meiner Frau würde an meinem Selbstbewusstsein nagen, wenn ich heute keinen Jagderfolg verbuchen könnte. Diese Blöße wollte ich mir nicht geben. Zu eitel war ich, um mich mit den kleinen Fischen abzugeben. Ans Aufgeben war nicht zu denken und so folgte ich dem zum Teil kaum noch zugänglichen Flusslauf immer tiefer in die Schlucht hinein.

Nach einer Weile kam ich zu einer weiteren vielversprechenden Stelle. Auf Grund des kurvenreichen Schlucht-Charakters, zwängte der Fluss sich hier auf die linke Seite und floss parallel zu einer fast senkrechten Felswand. Direkt an der Felswand wurde der Fluss schmal, schnell und tief. Hier wollte ich es nochmals versuchen.

Ich ließ mich hinabtragen in das tiefe Wasser, wurde eins mit dem flüssigen Element und beleuchtete die tiefe Stelle. Am Grund des Flusses sah ich sie! Zunächst war es nur ein Schatten von der Größe eines Kindes. Die Umrisse wurden deutlicher und klarer, je näher ich der Forelle kam. Ich zuckte zusammen, als ich die wahren Ausmaße des Fisches erkennen konnte. Es war ein kapitales Exemplar, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Ein Format von einer Forelle, von der sich die ganze Familie bestimmt eine Woche würde ernähren können. Der Fisch ließ mich gewähren und bis auf einen Meter an sich heran.

Mit der Angst bekam ich es zu tun, als ich den Dreizack in Richtung des Fisches ausrichtete. Hier unten, im Element des Fisches, waren wir fast chancengleich. Die Forelle hatte sicher genug Kraft, um den zur Waffe modifizierten Wanderstock zu Bruch zu bringen. Und wer weiß, was sonst noch alles passieren könnte, wenn der Fisch auf die Idee käme, zurückzuschlagen. Als die Forelle spürte, dass ich nicht in friedlicher Absicht erschienen war, schlug sie kräftig mit der Flosse und nahm stromaufwärts Reißaus. Sie setzte sich nicht gegen mich, den Angreifer, zur Wehr. Sie flüchtete einfach.

Ich schwamm zunächst ans Ufer und atmete tief durch. Mein Herz galoppierte und mein Jagdfieber war geweckt. Die Taucherbrille zog ich gerade soweit hoch, dass ich unter ihr hindurchblicken konnte. Schnell zog ich meinen Rucksack über und nahm die Verfolgung auf. Das Adrenalin in meinem Körper ließ mich weder Müdigkeit noch Schmerz spüren, als ich zügig und fast wie getrieben über die scharfkantigen Steine lief. Ich sah die Forelle etwa 15 Meter vor mir, im seichten Wasser, welches kaum höher war als der Fisch selbst. Ich näherte mich von hinten und schaffte es, bis auf etwa zwei Meter an den Fisch heranzutreten.

Der Fisch merkte die ihm drohende Gefahr und schwamm immer weiter flussaufwärts. Er entfernte sich gerade soweit, dass ich ihn noch ausmachen konnte. Es machte fast den Eindruck, als wollte er verfolgt werden, als würde er mit mir spielen oder mich in eine Falle locken wollen. Nach einer gewissen Zeit, deren Dauer sich in dem adrenalingefluteten Zustand nicht abschätzen ließ, teilte sich der Fluss.

Ich hielt kurz inne, um die Gegend zu überblicken und die Lage und meine Chancen neu zu bewerten. Eine kleine bewaldete Insel inmitten des Flusses lag vor uns. Von ihrem Ausmaß her vielleicht 150 Meter lang und bis zu 30 Meter breit. An der vorderen Seite der Insel thronte ein mächtiger Felsbrocken. Der Fels war zwar gerade einmal fünf Meter breit, dafür bestimmt zehn Meter hoch und tief. Auf dem Felsen wuchsen ein paar schiefe Bäume, die sich wohl einen der härtesten Plätze ausgesucht hatten, um Wurzeln zu schlagen. Auch wenn der Fels wirkte, als müsste er bei Sturm umfallen, hatte er die Kraft, den Fluss zu spalten. Zum Spaß oder um Buße zu tun, teilte er den Fluss nur, um ihn hinter sich wieder zusammenfließen zu lassen. Die Insel hatte sich über hunderte von Jahren hinweg durch das Sediment, welches der Fels hinter sich angehäuft hatte, gebildet. Sie war im ständigen Wandel der Zeiten. Zumindest dachte ich mir das so.

Der Fisch nahm den linken Arm des Flusses. Ich tat es ihm gleich und nahm die Verfolgung wieder auf. Durch das allmählich ausfahrende Adrenalin merkte ich schlagartig, wie meine Füße schmerzten, mein Gaumen nach Blut schmeckte und meine Lunge brannte. Ich tat das, was ich immer tat, wenn ich nicht mehr konnte. Ich machte weiter und verfolgte den Fisch! Viele Männer haben nur zwei Gefühle: Hunger und Durst. In diesem Moment hatte ich beide. Ich würde den Fisch weiterverfolgen, bis zum Ende aller meiner Energie.

Sicher würde auch der Fisch bald müde werden und sich seinem Schicksal ergeben. An der vorderen Seite des Gesteines angekommen, tauchte der Fisch plötzlich ab. Der Fels war an den Flanken stark unterspült und von einer Tiefe, die ich nicht abschätzen konnte.

Ich richtete meinen Körper auf, um mich umzuschauen.

Was ich erblickte, ließ mich erschaudern. Wie gelähmt stand ich für einen Moment da. Mein Dreizack und die Taschenlampe glitten mir aus der Hand und fielen zu Boden. Das Adrenalin war schlagartig wieder da, die Müdigkeit war wie weggeblasen und Schmerzen gab es in diesem Zustand sowieso keine.

Ich blickte auf einen alten Mann, der gerade einmal fünf Meter entfernt von mir auf einem aus Ästen selbst gezimmertem Stuhl saß. Der Mann war tot. Dem gestockten Blut in seinen Adern nach zu urteilen, war er das bestimmt schon ein paar Tage lang. Er saß unter einem Vordach, vor einer Art Haus, welches aus Baumstämmen, Zweigen und Blättern zusammengeflochten wurde.

Gekleidet war der Mann in einen roten, stark ausgebleichten Umhang. In seinem Bart flockte eine weiße klebrige Masse, welche aussah, als wäre sie halbverdautes Joghurt. Ich konnte nicht genau deuten, um was es sich hierbei handelte, ich stellte nur fest, dass sich hunderte Fliegen im Bart des Mannes tummelten, welche die weiße klebrige Masse verzehrten und den Bart arbeiten ließen. Sein ergrautes Haupthaar wirkte ungepflegt und fettig. In seinem linken Ohr steckte ein dicker Käfer, der drauf und dran war, sich in Richtung Gehirnmasse vorzufressen. Seine Haut wirkte alt, verbrannt und fahl. Die ungeschützten Füße des Mannes waren übersät mit Insekten und kleineren Nagetieren, welche bereits fingerdicke Löcher in die Hülle des Verstorbenen gefressen hatten.

Wohl haben sich schon die unterschiedlichsten Tiere an dem Mann erlabt, grauste es mir.

Ein Auge hatte der Mann geschlossen, das andere war weit geöffnet und blickte in Richtung des Wassers.

Daraufhin fiel mir ein durchwegs makabres Zitat ein, welches sicher irgendjemand vor mir schon geprägt hatte:

Unter den Blinden ist der Einäugige König.

Und so sah der Verstorbene aus. Wie ein verlassener König, der auf seinem Thron thronte. Auch wenn es in gewisser Hinsicht ein ekelerregender Anblick war, schaute der Mann zufrieden aus. Es machte den Anschein, als sei ein ausgeglichener König, im Einklang mit der Natur, für immer eingeschlafen. Möge er in Frieden ruhen.

Vor dem Mann, auf einem aus Steinen gefertigten Tisch, lag ein Stapel zusammengefalteter Blätter. Beschwert waren die Blätter mit einem Goldnugget von der Größe eines Daumens und der rechten Hand des verstorbenen Mannes. Gerne hätte ich die Blätter genommen, sie aufgefaltet und begutachtet, was darauf stand. Ich traute mich jedoch noch nicht recht, die Blätter an mich zu nehmen. Ich dachte darüber nach, ob es klug sei oder ob es für mich verhängnisvoll enden könnte.

Meine Überlegungen wurden abrupt unterbrochen. Links von mir, gerade einmal drei Meter entfernt, begann ein zotteliges, riesiges Getier in einer Lautstärke zu grunzen, dass mir mein Herz fast stehen blieb. Vor Schreck sprang ich weit in die Luft und stürzte mich reflexartig zu meiner rechten Seite, weg von dem Tier. Ich stolperte und konnte den Fall ins Wasser nicht mehr verhindern. Mein Kopf und mein Körper wurden dadurch tief in das Wasser getaucht. Ich verlor kurzfristig die Orientierung, verschluckte mich an dem Wasser und dachte für einen Moment, ich müsse sterben.

Die Orientierung kam zum Glück gleich wieder, sodass ich mich auf das Wesentliche besinnen konnte und es mir gelang, wieder aufzutauchen.

Wie konnte ich solch ein großes Tier übersehen haben?, schauderte es mir mit schlotternden Knien.

So sehr war ich fokussiert auf den verstorbenen alten Mann, dass ich alles andere ausgeblendet hatte. Das Tier, mit seinen langen, weit abstehenden Hörnern, stand immer noch vor mir und grunzte und röhrte so laut, dass sich Speichel aus seinem Maul löste und über mein Gesicht ergoss.

Keuchend, hustend, mich fast übergebend, wurde ich schlagartig sauer und begann laut zu fluchen: »Verdammte Scheiße, du verdammte Kreatur. Ich habe sowieso schon einen zu hohen Blutdruck. Mein Herz! Was für ein beschissener Tag. Jetzt reicht’s.«

Auf Grund meines Fluchens, oder sei es, weil dem Tier die Luft ausging, verstummte dieses nach und nach. Es schien fast so, als beruhigte sich die Situation allmählich und die Aggressionen verflüchtigten sich zusehends auf beiden Seiten. Immer noch angespannt, blickte ich das Tier, welches mir solch einen Schrecken eingejagt hatte, genauer an. Ich musste feststellen, dass mir ein weiteres Detail entgangen war. Direkt hinter dem ersten Tier stand ein weiteres.

Es war nicht ganz so groß, nur teilweise zottelig, nicht annähernd so laut und seine Hörner standen nicht ganz so weit ab wie dies beim vorderen Tier der Fall war. Deutlich weniger furchteinflößend stand es einfach da und blickte in meine Richtung. Auffallend beim zweiten Tier war sein volles Euter, aus dem Milch tropfte. In dieser abgeschiedenen Gegend auf solch Getier zu stoßen, war schon sehr ungewöhnlich. Ich versuchte, die mir zur Verfügung stehenden Bilder richtig einzuordnen und die Zeichen richtig zu deuten.

Allem Anschein nach waren die beiden Tiere eine Art afrikanische Wasserbüffel. Oder waren es Bisons aus dem hohen Norden? Oder vielleicht Yaks aus der Mongolei? Die beiden Tiere mussten zu dem verstorbenen Mann gehört haben. Das erklärte auch ihr aggressives Verhalten. Die Tiere wollten nur sicherstellen, dass niemand ihrem Bauern zu nahe käme. Die weiße klebrige Masse im Bart des Mannes war wohl Milch aus dem Euter der Kuh, welche übrigens dringend einmal gemolken werden musste. So weit, so klar. Nur, was hatte der alte Mann auf die Blätter geschrieben? Er wollte wohl, dass sie irgendjemand fand und las, ansonsten hätte er die Blätter nicht so offensichtlich auf dem Tisch positioniert und mit einem Goldnugget beschwert.

Ich beschloss, ein wenig abzuwarten. Vielleicht würden die beiden Tiere es mir doch noch gestatten, näher an den Mann heranzutreten. Zu sehr war ich voller Neugier über die Worte, welche wohl auf den Blättern stehen würden.

Der Tag war dem Ende nahe. Die Sonne legte sich im Westen zur Seite, wodurch sich das Firmament und die aufschäumende Gischt des Wassers in ein bizarres Rot färbten. Die beiden Tiere machten den Eindruck, als wären sie dadurch müde und tiefenentspannt geworden. Auf diesen Moment hatte ich gewartet. Langsam, fast lautlos, in der Hocke gehend, kaum sichtbar, bewegte ich mich näher an den alten Mann heran. Die beiden Tiere schienen sich nicht mehr zu kümmern.

Als ich nur noch etwa einen Meter von dem Mann entfernt war, richtete ich mich ein wenig auf und streckte meine Hand in Richtung der Blätter. Meine Fingerspitzen berührten den Nugget. Langsam, ohne jegliche hektische Bewegung, hob ich ihn auf. Er war schwerer, als ich erwartet hatte. Sicherheitshalber ließ ich das Fundstück in meine Hosentasche fallen. Natürlich nur, damit er nicht verloren ging. Oder vielleicht hatte der edle alte Mann den Nugget ja für denjenigen bestimmt, der ihn fand? Oder stand gar über die Bestimmung des Nuggets etwas auf den Blättern geschrieben? Für mich und meine Familie würde das Fundstück viel bedeuten. Die lang ersehnte Reise nach Australien wäre somit bezahlt.

Prophylaktisch könnte ich den Nugget mal behalten, dachte ich mir.

Die zusammengefalteten Blätter waren jetzt nur noch durch die Hand des verstorbenen Mannes beschwert. Die Hand wollte ich nicht angreifen. So nahm ich einen Stock, welcher am Boden lag, drückte ihn seitlich auf die Hand des Verstorbenen und zog zugleich an den Blättern. Ohne dass diese einen Riss abbekommen hatten, hielt ich sie nun ihn meinen Händen.

Ich bewegte mich langsam in Richtung eines gemütlichen Steines direkt am Wasser, setzte mich darauf, faltete die Blätter auseinander, schaute mich nochmals um und begann schließlich darin zu lesen. Schnell war ich vom Inhalt gefesselt. Bereits nach wenigen Seiten stellte ich fest, was der Mann auf diesen Blättern hinterlassen hatte.

Es waren seine Erinnerungen. Vielleicht weil der edle Verstorbene, Bahadur war sein Name, nach reiflicher, meditativer Rückschau am Ende seines langen und wechselreichen Lebens, das Gefühl hatte, als wäre er ein anderer, schrieb dieser seine eigene Lebensgeschichte aus der Perspektive einer dritten Person.

17. August 1967

… die ersten Bilder, an die wir uns erinnern, sind oft lange Zeit vergangen und liegen in unserer frühen Kindheit.

Wer jedoch kann sich schon an seine ersten Gefühlsregungen erinnern?

Als Bahadur am 17. August 1967, nach getaner Arbeit, in seiner Jurte saß und das bekannte Gefühl der Traurigkeit verspürte, versuchte er, sich daran zu erinnern, wann er wohl das erste Mal so gefühlt hatte. Nach einiger Überlegung stellte er fest, dass es mittlerweile 37 Jahre her sein musste, als er erstmalig dieses durchdringende Gefühl von Traurigkeit verspürt hatte. Es musste etwas geschehen.

Da es aber schon spät war und die Sonne schon lange untergegangen, passierte – abgesehen von der Routine vor dem Schlafengehen – gar nichts mehr. So schlief Bahadur mit einem benommenen Gefühl ein, erwachte jedoch am nächsten Tag mit klarem Kopf in seiner Jurte.

Bahadur war mittlerweile 43 Jahre alt, hatte langes braunes Haar, einen Bart und war von großer Statur. Seine Augen wiesen eine grüne Färbung auf, seine Nase war lang und seine Haut war hell, was für diese Gegend eher untypische Merkmale waren. Er war Nomade, wie fast jeder Mongole. Zusammen mit seiner Frau Kira und deren Familienclan lebte er in einer Jurte. Sie nannten eine große Yakherde ihr Eigen. Um die Yaks ausreichend mit Gras versorgen zu können, zog der Clan jedes Jahr gegen Ende des Sommers in die Gegend zwischen Ulaanbaatar und Dalandsadgad – eine gottverlassene, aber zu dieser Jahreszeit fruchtbare Region in der ohnehin dünn besiedelten Mongolei. Die Yakherde versorgte sie mit allem, was sie zum Leben brauchten: Milch, Fleisch, Leder und Wolle.

In dem einfachen Leben, das sie führten, nahm jeder seine Aufgaben war. Da Bahadur nicht nur von großer, sondern auch von muskulöser Statur war, wurde er für die groben Arbeiten eingeteilt. Zudem hatte er mit einem geringen Ansehen im Clan zu kämpfen. Fast täglich gab man ihm zu verstehen, dass er nur zum Arbeiten da sei.

Zwischen Frühling und Herbst kamen Geschäftsleute aus Ulaanbaatar vorbei, um mit ihnen Handel zu betreiben. Sie tauschten ihr Leder, ihr getrocknetes Fleisch und ihre Wolle gegen Werkzeuge, Kochtöpfe und sonst noch einiges, was sie selbst nicht herstellen konnten. Hin und wieder gelang es ihnen, ihre Produkte gegen ein wenig Gold zu tauschen. Ohne dass der Clan es bemerkt hätte, wurde er von Zeit zu Zeit auch ordentlich über den Tisch gezogen.

Die Ehe mit seiner Frau Kira blieb kinderlos. Im Allgemeinen war seine Ehe eine trostlose Geschichte. Es hatte sich eben so ergeben. Wirklich harmoniert hatten die beiden noch nie. So war es wohl das Beste, dass sie nicht viel miteinander redeten und sich mehr oder weniger aus dem Weg gingen. Das letzte Mal, als sie sich körperlich nähergekommen waren, lag schon Ewigkeiten zurück. Vermutlich war es dem alkoholhaltigen Milchgetränk namens Arkhi zu verdanken, dass die beiden überhaupt je Zärtlichkeiten ausgetauscht hatten. Liebe kannte er nur aus Erzählungen. Er selbst hatte dieses Gefühl nie erlebt.

Da Bahadur bei der Sippe von Kira lebte und selbst keine Familie mehr hatte, gab es nicht viel, was ihn bei Kira hielt. Oft träumte er von Aufbruch, Flucht, Neuanfang und insgeheim hatte er schon vor langem beschlossen zu gehen. Nur ein wenig Mut fehlte noch. Vielleicht brauchte es ein einschneidendes Erlebnis. Was auch immer es sein mochte, es musste passieren.

»Traurig sein kann ich auf der ganzen Welt, und so hätte ich sie wenigstens gesehen«, sprach er sich Mut zu. »Und wer weiß, vielleicht gibt es dann auch gar keinen Grund mehr, trübselig zu sein.«

Warum das Fass genau an diesem Abend überlief, konnte Bahadur sich nicht erklären. Es war nichts Besonderes an diesem Tag passiert, bis auf die Tatsache, dass seine innere Stimme so laut nach Aufbruch schrie wie nie zuvor.

»Also lass uns packen«, flüsterte er zu seinem Yak.

Obwohl es ihm überflüssig vorkam, sich generalstabsmäßig vorzubereiten, war er es in Gedanken schon hundertfach durchgegangen. Eigentlich sollte es nicht so schwer sein, aus einer Jurte zu flüchten.

An diesem späten Nachmittag des 18. August 1967 wähnte sich Bahadur einigermaßen unbeobachtet und so verschnürte er das Wenige, das er besaß, in zwei Beutel und versteckte diese in der Nähe des Jurtenausgangs. Den restlichen Tag versuchte er, sich unauffällig zu verhalten. Hätte ihn aber jemand genauer beobachtet, dann hätte man ihm deutlich angesehen, dass er etwas im Schilde führte.

Die Sonne zog Richtung Westen weiter und die Nacht brach herein. Bahadur, Kira und der Rest der Sippe wickelten sich in ihre Decken und legten sich zum Schlafen nieder.

Nach einer gewissen Zeit, deren Dauer sich in Bahadurs euphorischem Zustand nur schwer abschätzen ließ, war das Geräuschbild in der Jurte durchzogen vom Rauschen des Windes, vom Schnarchen des Familienclans und von herumflatternden Insekten, die sich um das leichte Flackern der Petroleumlampe versammelt hatten. Hinzu kam noch das Geräusch der herunterfallenden Käfer, welche sich nicht mehr an der taunass gewordenen Decke der Jurte festhalten konnten, nachdem sie mühevoll der Wand entlang nach oben geklettert waren.

Kann denn niemand mein Herz schlagen hören?, fragte sich Bahadur.

Vor lauter Aufregung hatte er das Gefühl, als schlug es ihm durch die Brust.

Langsam, ganz langsam stand er auf und bewegte sich in Richtung Ausgang. Er packte seine zwei Beutel und schritt schon mit einem Fuß durch den Ausgang, als er nochmals innehielt.

Wäre eine Verabschiedung angebracht gewesen? Sollte er ein schlechtes Gewissen haben oder gar reumütig werden und die ganze Aktion abblasen? Zu viele Gedanken waren es, von denen er bei dem einen, alles entscheidenden, möglicherweise verhängnisvollsten Schritt seines bisherigen Lebens bombardiert wurde. Er drehte sich um, ließ seinen Blick noch einmal durch die Runde schweifen und hatte dann aber im richtigen Moment den Mut, auch den zweiten Schritt zu wagen.

Da stand er nun mit zwei Beuteln in der Hand vor einer Jurte in der stockfinsteren Mongolei, zwar traurig wie nie, aber auch voller Vorfreude, was noch alles kommen würde. Die mondlose Nacht war perfekt geeignet, um sich davonzustehlen. Der Himmel gab kaum Licht und sein Körper nahezu keinen Schatten. Das Einzige, das ihn verraten könnte, waren die Geräusche seiner Flucht.

Wie er es in seinem Plan verinnerlicht hatte, schlich er langsam und leise zur Yakherde. Die Yaks standen in einem Gehege unweit der Jurte. Es war jedoch gar nicht so leicht, sein Yak Irma ausfindig zu machen. Bahadur nämlich wollte nicht irgendein Yak, es musste schon Irma sein. Nicht jedes Yak eignete sich gleich gut für sein Vorhaben. Bei Irma wusste er, dass sie auf seine Kommandos hören würde. Außerdem hatte sie einen unkomplizierten und gutmütigen Charakter. Auch schien sie sich bester Gesundheit zu erfreuen und gab selbst an den eisigsten Wintertagen ausreichend Milch. Das Problem war nur, genau sie unter einer Herde mit 200 Yaks ausfindig zu machen. Die Yaks schauten sich alle ziemlich ähnlich. Irma hatte jedoch am Vorderfuß eine kahle Stelle, die sie sich bei einem Sturz vor etwa einem Jahr zugezogen hatte. Die unbedeutende kahle Stelle und ihre Charaktereigenschaften machten sie einzigartig und so durchforstete Bahadur die Herde auf der Suche nach seiner Irma.

Es war bei der vorherrschenden Dunkelheit wohl eher Glück, dass Bahadur Irma bereits nach einer halben Stunde erblickte. Da er immer noch sehr angespannt war, schnaufte er erst mal tief durch. Er wollte unbedingt weg, bevor die anderen sein Verschwinden bemerken würden. Zügig schnürte er seine zwei Beutel auf Irmas Rücken und gab ihr den Befehl, ihm zu folgen. Wie erwartet, folgte sie ihm ohne zu grunzen oder sonst Laute von sich zu geben, die die anderen Yaks gerne von sich gaben, wenn sie sich in Ihrer Nachtruhe gestört fühlten.

Seine Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt und so gingen die beiden zügig Richtung Gatter. Er öffnete das Gatter und schritt mit dem Gefühl des Verbotenen hindurch. Vom Gatter aus ging ein Trampelpfad in Richtung Jurte. Die Himmelsrichtung stimmte, es war Richtung Nordosten, trotzdem erschien es ihm zu riskant, an der Jurte vorbeizulaufen, und so gingen sie, nur um die Nähe zur Jurte zu meiden, einen Umweg um das komplette Gehege. Obwohl Bahadur Irma vertraute, legte er ihr zur Sicherheit noch einen Riemen um den Hals, falls sie es sich doch anders überlegen sollte.

Am Ende des Geheges blickte Bahadur in den Himmel, um die Sternenbilder, die er zur Orientierung benötigte, auszumachen und die Richtung genauer zu bestimmen. Als dem geschehen war und er seine Orientierungshilfen gefunden hatte, bewegten sich die zwei in Richtung Nordosten. Er, auf Grund seines Adrenalinspiegels mehr schwebend, sie nur gehend, weil sie ein unkompliziertes Yak war.

Die Nacht verging wie ein Wimpernschlag. Mit erhöhtem Adrenalinspiegel läuft es sich gut. Richtung Osten blickend, färbte sich der Nachthimmel langsam rötlich und die Sterne verloren ihren Glanz. Ein klares Zeichen, dass der Morgen nicht mehr weit war. Eigentlich eine Aufforderung an den Körper, langsam wach zu werden. Bei Bahadur war genau das Gegenteil der Fall. Sein euphorischer Zustand legte sich langsam und das Adrenalin machte dem einfahrenden Melatonin Platz.

Eine Rast wäre jetzt angebracht, träumte er vor sich hin.

Und nachdem er eine Nacht durchgelaufen war, fühlte er sich auch einigermaßen sicher vor Kiras Familie. Zuerst aber wollte er noch seine zwei Beutel auf ihren Inhalt überprüfen. So befreite er Irma von den Beuteln und legte sie neben sich auf den Boden. Er ersetzte noch den kurzen Riemen um Irmas Hals durch einen längeren, den er am anderen Ende um einen Busch band.

Damit sie besser grasen kann, dachte er sich mitfühlend.

In dem einen Beutel waren nur Decken, die er auch gleich ausbreitete und sich darauflegte. Abwechslungsreicher gestaltete sich der Inhalt des zweiten Beutels. Drei Messer in unterschiedlichen Größen, ein Kupfertopf samt Besteck, ein kompletter Satz frischer Kleidung, Ersatzriemen sowie ein paar Kerzen und Feuersteine kamen im Beutel zum Vorschein.

Was für ihn auf keinen Fall fehlen durfte, war sein Trinksack aus Yakleder, welchen er mit einem Riemen an die Seite des Beutels geschnürt hatte. Zu guter Letzt war da noch etwa ein Kilo Gold in Form von unterschiedlich großen Nuggets. Sein Anteil! Obwohl es durchaus möglich wäre, dass Kiras Familie das anders sehen könnte. Er hatte ja nicht gefragt, als er das Gold in seinen Beutel packte. Er war aber auch kein Unmensch und so hatte er den größeren Anteil des Familiengoldes in der Kiste gelassen. Größtenteils kam das Gold von den Händlern aus Ulaanbaatar. 100 Kilo Yakwolle gegen ein Nugget oder wie immer man sich auch einig wurde. Trotzdem plagte ihn das schlechte Gewissen ein wenig.

Für eine ausgiebige Rast oder gar ein paar Stunden Schlaf ist ein schlechtes Gewissen nicht von Vorteil, war sich Bahadur sicher.

So beschloss er, um besser rasten zu können, kein schlechtes Gewissen mehr zu haben. Und das funktionierte auch vorzüglich, denn zwei Minuten später schlief er tief und fest, eingewickelt in seine warmen Yakdecken, den Kopf gebettet auf dem Gold.

Erst als die Sonne im Zenit stand, erwachte er wieder. Langsam richtete er sich auf und erkundigte die Gegend. Zu seiner Freude konnte er keine Menschen sehen. Nur das weite Land, wie es vor ihm lag, ein Geräusch der Stille und ein friedvolles Gefühl der Leere nahm er wahr. Sein Mund und seine Kehle waren trocken und er verspürte Hunger und Durst. Die beste Abhilfe dagegen stand direkt neben ihm: sein Yak Irma. Kein Lebensmittel vermag es besser, in gleichem Maße Hunger und Durst zu stillen, wie Yakmilch. Er schnappte sich seinen Trinksack und melkte sein Yak. Normalerweise füllte Irma seinen Trinksack ohne Probleme. Nach dem Melken war der Sack jedoch nicht einmal halb voll. Auf Grund der nächtlichen Strapazen machte Irma auf Bahadur den Eindruck, als sei sie beleidigt und ausgelaugt. So war es auch zu erklären, dass sie an diesem Tag weniger Milch von sich gab. Die fettreiche Milch war trotzdem völlig ausreichend, um seinen Magen zu füllen.

Bahadur konnte sich noch an Winter erinnern, in denen sich die ganze Sippe ausschließlich von Yakmilch und deren Folgeprodukten ernährte. Wenn man nicht gerade laktoseintolerant war, brachte einen die Yakmilch gut über den Winter. Er hatte auch beschlossen, nicht laktoseintolerant zu werden. In seiner Vorstellung war das auch ganz klar durch ihn selbst beeinflussbar. Bahadur mochte die Yakmilch am liebsten, wenn sie einen Tag in seinem Trinksack arbeiten konnte. Sie schmeckte dann so schön ranzig und von der Konsistenz her wurde sie viel cremiger. Wenn man sie mehrere Tage im Trinksack ließ, bildete sie auch Alkohol, der einen selbst den härtesten mongolischen Winter gut überstehen ließ.

Den Durst und den Hunger gestillt, fühlte er sich gut. Bahadur musste sogar ein wenig lachen, als er sich Kira und deren Familie am Morgen vorstellte, wie sie feststellten, dass er nicht mehr da war.

»Die Gesichter würde ich gerne sehen«, sprach er leise schmunzelnd vor sich hin.