Balagan - Mirna Funk - E-Book

Balagan E-Book

Mirna Funk

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Beschreibung

Eine Frau kämpft um ihr Erbe – und um das ihrer jüdischen Familie Rasant und höchst aktuell, ein Roman von Berlin bis Tel Aviv: Mirna Funk, eine der mutigsten und unkonventionellsten jüdischen Stimmen Deutschlands, erzählt von Recht und Unrecht in der Kunstwelt, von Gier und Neid in Familien und von der schwierigen Suche einer jungen Frau nach Bodenhaftung in einer Welt, die aus den Fugen ist. »Mirna Funks Figuren tragen so eine ganz schöne Melancholie in sich, die einen berührt, aber die man gleichzeitig auch in sich tragen möchte.« Caroline Wahl Altes Zeug, im besten Fall ein Erinnerungsstück – mehr erwartet Amira nicht, als sie die Tür zum Lagerraum ihres verstorbenen Großvaters in Berlin-Moabit aufstößt. Aber dann steht sie vor der seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen geglaubten Kunstsammlung ihrer jüdischen Familie. »WTF!«, denkt Amira und macht erstmal eine Insta-Story. Und jetzt? Soll Amira die Kunstwerke einem Museum schenken oder an einen Oligarchen verkaufen? Darf sie sie einfach behalten? Und können alle, die ihr da reinquatschen wollen, bitte mal still sein! Als Zweifel aufkommen, ob die Sammlung auf legalem Weg zu ihrem Großvater zurückgelangte, muss plötzlich Amira sich rechtfertigen. Ein atemlos erzählter, messerscharf beobachteter Roman über eine junge Frau, die einen Weg finden muss durch das Chaos (hebr. ›Balagan‹), das die deutsch-jüdische Geschichte im Allgemeinen und ihre Familie im Besonderen ihr hinterlassen hat. »Bäm!« Ronya Othmann

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Seitenzahl: 403

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Eine Frau kämpft um ihr Erbe – und um das ihrer jüdischen Familie

 

Altes Zeug, im besten Fall ein Erinnerungsstück – mehr erwartet Amira nicht, als sie die Tür zum Lagerraum ihres verstorbenen Großvaters in Berlin-Moabit aufstößt. Aber dann steht sie vor der seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen geglaubten Kunstsammlung ihrer jüdischen Familie. »WTF!«, denkt Amira und macht erst mal eine Insta-Story. Und jetzt? Soll Amira die Kunstwerke einem Museum schenken oder an einen Oligarchen verkaufen? Darf sie sie einfach behalten? Und können alle, die ihr da reinquatschen wollen, bitte mal still sein! Als Zweifel aufkommen, ob die Sammlung auf legalem Weg zu ihrem Großvater zurückgelangte, muss Amira sich plötzlich rechtfertigen.

Ein atemlos erzählter, messerscharf beobachteter Roman über eine junge Frau, die einen Weg finden muss durch das Chaos (hebr. ›Balagan‹), das die deutsch-jüdische Geschichte im Allgemeinen und ihre Familie im Besonderen ihr hinterlassen hat.

Mirna Funk

Balagan

Roman

 

 

A state of grace is this kind of balance with which you ride the chaos you find around you. It’s not a matter of resolving the chaos – because there is something arrogant and war-like about putting the world in order – but having that kind of an escape ski down over a hill, going through the contours of chaos.

Leonard Cohen[1]

Prolog

Amira stand vor dem großen Lee-Krasner-Porträt, das aufzuhängen man ihr eigentlich verboten hatte. Grüner Glitzereyeliner auf den Augenlidern, die Wimpern schwarz und dicht. Das Champagnerglas in der rechten Hand. Dann Blaulicht, das sich im Glas spiegelte. Was in den wenigen Minuten passierte, die darauf folgten, sah eigentlich nur in Slow Motion so richtig gut aus. Die Besucher der Vernissage, feiernd und trinkend. Die Demonstranten vor der Tür untergehakt in einer Sitzblockade. Amira nur scheinbar gelassen. Zwei Polizisten mit einem Auftrag, den sie ruck, zuck, ohne viel nachzudenken – wie es sich für deutsche Gesetzeshüter gehört –, erledigten. Die Beamtin öffnete die Tür der Galerie. Ihr Kollege folgte. Dann kämpften sich beide durch den bis in den letzten Winkel gefüllten Raum. Jeder, der an diesem Abend das Privileg gehabt hatte, von Amira Altman eingeladen worden zu sein, konnte sich für wenige Stunden fühlen, als wäre auf deutschem Boden nie etwas Unmenschliches passiert und alles – entgegen den Behauptungen des letzten Jahres – vollkommen in Ordnung. Amira schenkte ihren Gästen Absolution.

Die Polizisten baten Amira leise und höflich, mit ihnen zu kommen. Sie würde wohl wissen, warum, schließlich sei sie vorgewarnt. Habe trotz aller Warnungen diese Vernissage veranstaltet und, schlimmer noch, das Krasner-Gemälde ausgestellt. Sie folgte den beiden Beamten, verließ die Galerie, schmiss das Champagnerglas mit voller Wucht auf den Gehweg, wofür man sie sofort rügte, und wurde dann, wie im Film, mit dem Kopf voran in ein Polizeiauto bugsiert.

Amira schaute verloren aus dem Fenster. Die Polizistin startete den Motor. Haiyitis »Ich hab mit dem Money getalked« drang laut aus den Boxen. Beschämung im Gesicht der Polizistin. Schnell schaltete sie das Radio aus. Weitere Polizeiwagen trafen ein. Amira sah Nastja und Benjamin in inniger Umarmung. Sie sah Leo, der ihr Hilfe suchend nachblickte, und dann sah sie nur noch die grellen Lichter dieser schrecklichen Stadt, die sie ihr Zuhause nannte, ohne sich hier jemals zu Hause gefühlt zu haben. Was nicht an Berlin lag, sondern an ihr. So, wie alles immer an einem selbst liegt.

 

Die braunen Blätter der großen Linden auf der Torstraße flogen am Autofenster vorbei. Und auch die Menschen, die – wie an einem Samstag üblich – am Rosenthaler Platz herumhingen. Die letzten Monate dieser Odyssee flogen am Fenster vorbei. Eine Odyssee, für die sich Amira nicht freiwillig entschieden, der sie sich aber, trotz der enormen Bürde, die sie bedeutete, gestellt hatte. Genau wie von Max geplant. Dann blitzte ihr Handy auf, eine Nachricht erschien auf dem Display: »Bin direkt hinter dir. Du bist nicht allein.«

TEIL 1

1

Alles begann mit einem ganz normalen Seder. Es war allerdings das Jahr 2024, eine Zeit also, in der nichts mehr normal schien. Die Familie Altman hatte sich, wie immer an den hohen Feiertagen, bei Max eingefunden und saß geschlossen und schlecht gelaunt am Tisch. Max’ Kinder Sabena und Gideon, Sabenas Ehemann Georg, die Enkel Matthias, Alice und Amira. Die zu Matthias gehörenden Kinder Ella und Emil sowie Alice’ Verlobte Bineta. Eigentlich hätte auch Sibylla, Amiras beste Freundin, dabei sein sollen, aber die hatte wegen irgendeines wichtigen Meetings im Gropius-Bau länger dortbleiben müssen. Früher wäre das nicht passiert, doch seit dem 7. Oktober war die Lage eben eine andere. Amira zeigte für eine schnell getippte Absage per WhatsApp einen Tick zu viel Verständnis, und Sibylla war dankbar für die Nachsicht ihrer Freundin.

Der Tisch war üppig gedeckt, auch wenn sich fast die Hälfte der Anwesenden nichts aus Pessach machte. Die Mazzoth lagen aufgetürmt auf Tellern. Geschälte Eier kuschelten in Schalen. Die Selleriestangen hatte Amira zuvor in Gläser gepackt und war merkwürdig stolz auf das Ergebnis. Dazu Meerrettich, Seroa – eine kleine angebratene Lammkeule – und Charosset, das obligatorische süße Apfel-Nuss-Mus. Das Mus hatten Bineta und Alice am Nachmittag eigenhändig hergestellt. Außerdem gab es Chaseret sowie etliche Keramikgefäße mit Salzwasser.

Erst Jahre nach dem Mauerfall hatte Max mit »diesen jüdischen Traditionen« angefangen, wie Sabena despektierlich zu bemerken pflegte. Sie schob Max’ Rückbesinnung auf seine jüdische Identität augenrollend auf sein hohes Alter, dabei war Wolfs Tod der Auslöser gewesen, aber das verstand nur Amira. Gideon genoss alles daran, obwohl er seinen Vater hasste; beides durfte er nicht offen zeigen. Sabena in den Rücken zu fallen, stand unter Todesstrafe. Matthias war indifferent, was zu seinem generell indifferenten Wesen passte, und Alice hatte sich extra eine queer-positive Haggada aus den USA kommen lassen, aus der sie vorlas, wenn sie dran war. Die Begriffe Mann und Frau fehlten vollständig, und Moses hatte plötzlich Er/Ihm-Pronomen. Auch Bineta, Emil, Ella und Amira genossen das Spektakel, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Und Max war schlicht und einfach dankbar. Dankbar, da zu sein. Am Leben zu sein. 102 Jahre alt geworden zu sein. Auch, wenn es ihm eigentlich langsam reichte.

Amira saß neben Max. Wie immer. Ihre Hand auf seinem Bein. Wie immer. Seine Hand über ihrer Hand. Wie immer. Sie las aus der Boomer-Haggada, wie Alice das Original nannte, und als sie an Max übergab, fiel ihr Blick auf das Lee-Krasner-Porträt. Lees Haarschnitt wie der von Amira. Der Pony: eigentlich einen Tick zu kurz. Das restliche Haar: schulterlang. Riesige Augen. Eindringlicher Blick. Eine starke Frau. Wissend. Furchtlos. Vermutlich einem tiefen Schmerz geschuldet. Anders jedenfalls konnte sich Amira diese Art von Furchtlosigkeit nicht erklären. Eine solche Furchtlosigkeit entsteht nur in Menschen, die dem Grauen einmal tief in die Seele geschaut und standgehalten haben. Mit Narben zwar, die anderen die Geschichte erzählten, aber eben auch mit einem kräftigen Herzschlag.

Zoomte man heraus, schienen die Altmans wie jede beliebige jüdische Familie an diesem Abend auf der Welt. Zoomte man näher heran, bot sich ein anderes Bild. Was alle verband, war die Tradition, jedes Jahr aufs Neue vom Auszug des Jüdischen Volkes aus Ägypten zu erzählen. Davon, dass dieser Auszug vierzig Jahre gedauert hatte, obwohl Ägypten direkt neben Israel liegt. Und das nur, weil Gott davon überzeugt gewesen war, dass die Generation der versklavten Juden sterben müsse, damit eine Generation entstünde, die ein freies Land für freie Bürger schaffen könne.

Nach knapp einer Stunde hatten sich nicht nur alle mehr oder weniger gewissenhaft durch die Haggada und vier Gläser süßen Manischewitz-Weins gekämpft, sondern auch Maror, Charosset, Chaseret, Karpas, Beitzah und Mazzoth in einem komplizierten und pedantischen Ritual verdrückt. Endlich konnte das Essen beginnen und die Kinder suchten den Afikoman. Für alle Beteiligten eine große Erleichterung. Egal, wie sehr man Pessach liebte. Und egal, dass diese Reihenfolge nicht den Vorschriften entsprach. Bei den Altmans hieß das eben Do-it-yourself-Judentum.

So, wie die versklavten Juden sich nach ihrer Befreiung gesehnt hatten, so sehnen sich die Juden der Gegenwart nach dem Ende der Haggada. Endlich hatte Max die abschließenden wichtigen Worte gesprochen: »Le-schanah ha-ba’ah bi-jeruschalajim ha-b’nujah!« Woraufhin Ella und Emil laut »Jeruschalajim« schrien. Einzig Alice schüttelte genervt den Kopf. Schließlich passte dieser letzte Absatz nicht zu der Erzählung, die sie sich und anderen bei jeder Gelegenheit ungefragt auftischte, nämlich der, dass die jüdische Religion vom Land Israel und der zionistischen Fantasie, dorthin zurückzukehren, getrennt werden müsse.

»Bist du glücklich?«, fragte Amira Max.

»Sehr, mein Schatz. Hat es dir gefallen?«

»Ja, auch wenn ich die Feiertage noch mehr genießen könnte, wenn Sabena, Gideon und Matthias nicht so tun würden, als foltere man sie.«

»Das ist meine Schuld.«

»Na ja.«

»Doch, ist es. Sie waren einfach zu alt, als ich mit diesem Tamtam begonnen habe.«

»Sie hätten sich das Tamtam auch selbst erarbeiten können.«

»Ach, egal«, antwortete Max, »hätte, hätte, Fahrradkette« – und dann ergänzte er: »Wolf hätte es jedenfalls geliebt, das Tamtam.« Seine Augen wurden traurig, seine alte Haut hing noch lustloser vom Kinn, und der kleine Rest seiner noch übrigen Lebensenergie schien binnen weniger Sekunden wie ausgelöscht.

»Hätte, hätte, Fahrradkette«, wiederholte Amira lächelnd, umarmte ihren Großvater und roch, ohne dass er es bemerkte, an seinem dicken grauen Haar. Max wusste natürlich, Amira war es sicher nicht egal, ob ihr Vater die Rückbesinnung seines Vaters zum Judentum genossen oder nicht genossen hätte. Vor allem Wolfs Tod war Lichtjahre entfernt von egal. Er war das Gegenteil von egal. Und bevor Max ausführlich auf Amiras Reaktion eingehen konnte, wie er es eigentlich vorgehabt hatte, kamen Sabena und Gideon nacheinander aus der Küche zurück ins Wohnzimmer. Sabena trug ein Tablett mit Wärmeplatte, einem großen Teller voller Lammkoteletts und eine Schüssel Zimmes – auch da hatten sie was verwechselt –, Gideon Reis und Salat.

»Sagt doch was, dann hätten wir euch geholfen«, meinte Bineta, und Amira fragte: »Ist noch mehr in der Küche?«

»Selbstverständlich. Sehr viel mehr!«, zischte Sabena, und Bineta und Amira schoben gleichzeitig ihre Stühle zurück.

Ein großer Topf mit Knedelach stand noch auf dem Herd. Daneben kleine Schüsseln. Amira öffnete die obere Schublade, holte eine Kelle heraus und schöpfte vorsichtig die Matzeballsuppe in die Schalen. Jedes Mal, wenn wieder zwei Schüsseln gefüllt waren, brachte Bineta sie ins Esszimmer.

»Wir sind ein eingespieltes Team«, sagte Bineta, als sie die letzte Schale von Amira entgegennahm.

»Waren wir von Anfang an.«

»Stimmt eigentlich.«

»Ich mag dich immer noch lieber als meine Cousine«, ergänzte Amira.

»Das bleibt aber unser Geheimnis. Das muss Alice nun wirklich nicht erfahren.«

»Das weiß Alice doch längst.«

»Vielleicht ahnt sie es«, erwiderte Bineta.

»Ahnen und wissen – zwei sehr verschiedene Dinge.«

»Völlig verschieden.«

»Das eine hält einen gefangen, das andere befreit einen.«

»Du bist sooooo weise, Amira.«

»Ich bin sooooo fucking weise, ja!«

Amira schickte Bineta einen laut schmatzenden Luftkuss, indem sie ihre Handfläche als Startbahn benutzte und den imaginierten Kuss von dort wegpustete. Dann verließen beide gemeinsam die Küche. Bineta ging ins Wohnzimmer, Amira trat auf den Flur, um schnell noch auf die Toilette zu gehen. Die Tür zu Max’ Arbeitszimmer stand einen Spaltbreit offen, sie hörte Gideon und Sabena streiten, blieb kurz stehen, um zu verstehen, worum es ging, schüttelte den Kopf und lief weiter.

Amira zog erst ihre Hose und dann den Schlüpfer runter, setzte sich auf die Toilette, lauschte ihrem Urinstrahl und ließ das Gesagte Revue passieren. Es war um die Sammlung gegangen, wie immer. Wann würden ihr Onkel und ihre Tante endlich aufgeben? Sabena hatte hinter Gideons Rücken die Anwaltskanzlei gewechselt, um einen hyperkrassen israelischen Restitutionsexperten namens Joel Schneebaum zu engagieren. Eine ganze Armada von Privatdetektiven würde Schneebaum bei der Suche unterstützen. Jetzt sei es wirklich nur noch eine Frage der Zeit, hatte Schneebaum behauptet, und die Sammlung würde endlich in ihre – Gideons und Sabenas Hände – zurückkehren. Ihre alte Anwaltskanzlei sei Schrott gewesen, absoluter Müll, und habe möglicherweise mit Absicht die Suche erschwert. Die 30000 Euro, die Sabena und Gideon in den letzten Jahren investiert hatten, rausgeschmissenes Geld, aber mit Schneebaum wäre die Sache sicher. Amira wackelte mit dem Po, wischte sich ab und sagte laut: »Einfach obsessed, die beiden!«

Obwohl Max schon vor Jahren klargemacht hatte, dass die Sammlung weg sei, also wirklich forever verschwunden, suchten ihre Tante und ihr Onkel einfach weiter. Dabei hingen die Bilder längst zusammen mit Bildern anderer jüdischer Familien in irgendwelchen schicken Villen. Vermutlich über die ganze Welt verstreut. Und die Besitzer wussten sehr genau, dass ihre Besitztümer niemals öffentlich gemacht werden dürften. Jedenfalls nicht in den nächsten hundert Jahren. So lange nicht, bis der unrechtmäßige Raub vergessen wäre, wie auch das Morden an den sechs Millionen. So lange, bis die nachfolgenden Generationen der jüdischen Familien, denen man alles genommen hatte, keine Zeit, keine Energie und keine Lust mehr hatten, danach zu suchen.

Amira stand vor dem Spiegel, wusch sich die Hände und dachte daran, dass Max beteuert hatte, alles getan zu haben, um die Sammlung zurückzubekommen. Aber all seine Versuche waren gescheitert. Wie vieles im Leben scheiterte. Fertig, aus. Irgendwann musste man einfach loslassen. »Loslassen ist ja kein Aufgeben. Loslassen ist, das Unvermeidliche anzuerkennen und trotzdem glücklich weiterzuleben«, sagte sie zu ihrem eigenen Spiegelbild. Auch, wenn das schon nichts mehr mit der Sammlung zu tun hatte.

 

Im Esszimmer saßen die Familienmitglieder vor ihren Suppenschalen und schaufelten erleichtert die Matzeballsuppe in sich hinein. Selbst Sabena und Gideon. So, als hätte es den Streit nicht gegeben.

»Hast du eigentlich Lola erreicht?«, wollte Alice wissen, und Amira nickte erleichtert. »Ihr und ihrem Mann geht es den Umständen entsprechend gut.«

»Spatz, hilfst du mir noch mal. Wer ist Lola gleich?«, fragte Max leise.

»Das ist die Fotografin, die seit der Tzuk-Eitan-Operation in Tel Aviv lebt. Wir haben angefangen miteinander zu arbeiten, als ich das Magazin gegründet habe. Sie hat immer wieder Aufträge für uns übernommen, und als ich vor Jahren für ein paar Wochen dort war, haben wir uns angefreundet.«

»Richtig, richtig. Jetzt erinnere ich mich!«, sagte Max, aber das war natürlich gelogen.

»Sie steht kurz vor der Geburt ihres Kindes. Und ihr Mann Shlomo ist beim Miluim in Gaza.«

»Wie schrecklich. Einfach furchtbar. Dieses Bangen um einen geliebten Menschen, der Terroristen bekämpfen muss, damit wir in Sicherheit leben können.« Max sah ehrlich besorgt aus.

»Ich weiß nicht, ob wir es uns so leicht machen sollten, von ›Terroristen‹ zu sprechen«, rief Alice da und machte Anführungszeichen in der Luft. Amira legte die Hände vors Gesicht, sie wusste, Max würde gleich durchdrehen, und sie wusste, die Familie würde für die nächste halbe Stunde einem Monolog über die israelische Besatzungsmacht beiwohnen müssen. Dabei waren sie doch gerade gemeinsam durch die Wüste marschiert. Hand in Hand. Der Freiheit entgegen.

»Wie sollte man denn von ihnen sprechen?«, wollte Gideon von seiner Tochter wissen.

»Wait a minute, Leute! Bevor Alice jetzt social-justice-mäßig aus diesen Mördern Widerstandskämpfer macht, wollen wir doch mal festhalten, dass sie nicht nur Hunderte junger Leute auf einem Musikfestival entführt und niedergemetzelt haben, sondern auch die Peaceniks in den Kibbuzim. Sie haben nicht versucht, Bibi zu töten oder jemanden, der politische Macht hat, sondern Zivilisten!« Amira war außer sich.

»Mich würde interessieren, was du glaubst, wie deine Reaktion aussähe, wenn du in einem Freiluftgefängnis aufgewachsen wärst!«, blaffte Alice zurück. »Und wenn du schon von Zivilisten sprichst: In den letzten sechs Monaten wurden in Gaza 30000 Zivilisten von der israelischen Besatzungsarmee hingerichtet. Kaltblütig. Grundlos.«

»Grundlos?«, Amira schüttelte den Kopf. »Ist das dein Ernst?«

»Das ist mein Ernst.«

»Und die Geiseln?«, fragte Sabena vorsichtig nach. Amira schaute ihre Tante dankbar an.

»Was ist mit den palästinensischen Geiseln in israelischen Gefängnissen? Sind diese Leben weniger wert als jüdische? Der Hamas geht es darum, sie mithilfe eines Deals rauszuholen. Die Einzigen, die keinen Deal wollen, sind Bibi und seine faschistischen Minister, weil das Ziel ist, die Palästinenser zu vernichten, um Strandhäuser zu bauen. Hier passiert ein Genozid in Echtzeit, und wir sitzen am Tisch und essen Lamm und Zimmes, während kleine Kinder verhungern. Habt ihr denn kein Mitgefühl? Habt ihr alle kein Herz? Wo ist eure verdammte Menschlichkeit? Und ihr wollt Juden sein!« Bei ihren letzten Worten zog sie eine Tasche unter dem Stuhl hervor, holte eine Kufiya heraus und schlang sie sich um den Hals.

»Alice! Nimm sofort diesen Lappen ab«, fauchte Max mit schwacher, aber tiefer Stimme. Er fuchtelte zitternd mit seinem Finger und zeigte abwechselnd auf die Kufiya und seinen Sohn. Gideon lief rot an, legte gleichzeitig seinen Arm um seine Tochter und erklärte, dass Alice gerade aus Berkeley zurückgekehrt sei, wo sie ihren Master in Critical White Theory mit Fokus auf Postcolonialism gemacht habe, und deshalb sehr empfindlich auf diese Themen reagiere. Ihr gehe es um Humanismus. Ausschließlich. Um einen universalistischen Humanismus.

»Alice kann studieren, was sie möchte, aber sie kann diese mörderischen Terroristen nicht als Freiheitskämpfer bezeichnen, und sie kann sich keinen Intifada-Lappen um den Hals binden, nicht in meinem Wohnzimmer«, antwortete Max energisch.

»Ich kann und werde! Als was bezeichnest du dich denn? Du warst doch selbst Mitglied der Hagana. Ihr wart eine Miliz, eine paramilitärische Organisation, die gegen die britische Besatzung gekämpft hat. So, wie die Hamas gegen die israelische Besatzung kämpft.«

»Miliz, Miliz«, riefen der vierjährige Emil und die neunjährige Ella jetzt wie aus einem Mund. Sie hatten das Wort offensichtlich noch nie gehört und fanden es lustig. Matthias ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und nagte konzentriert an einem Lammkotelett, während Bineta Alice beschwichtigend den Rücken kraulte, als wäre sie ein Hund. Das allerdings stieß auf enormen Widerstand. Ruckartig bewegte Alice den Rücken, um Binetas Hand abzuschütteln. Und weil das nichts nützte, erklärte sie wütend, sie würde sich von ihr paternalisiert fühlen – und das von ihr, einer von der Gesellschaft rassifizierten und diskriminierten Person! Könne man nicht gerade von ihr Empathie für das unterdrückte palästinensische Volk erwarten? Bineta, die Mutter Senegalesin, der Vater Deutscher, nahm die Hand vom Rücken ihrer Frau, atmete tief ein und erklärte dann siegessicher, dass der westliche Sklavenhandel lediglich drei Jahrhunderte gedauert habe. Im Gegensatz zum arabisch-muslimischen, der kontinuierlich seit über 1300 Jahren Millionen Schwarze aufs Schlimmste ausbeute. Alice schaute ihre Frau enttäuscht an. Aber Bineta ließ sich nicht beirren: »Seit den Anfängen des Islam im siebten Jahrhundert hat er sich im gesamten Maghreb ausgebreitet. Von dort aus starteten die Karawanen, die die Sahara durchquerten, um schwarze Sklaven von der subsaharischen Küste mit sich zu nehmen. Timbuktu war ein Drehkreuz dieses Handels. Mit der Expansion des Osmanischen Reiches in Nordafrika florierten Sklavenhandel und Sklaverei weiter, und Städte wie Algier, Tunis oder Tripolis boten große Sklavenmärkte, die von Raubzügen an Land, aber auch auf dem Meer gespeist wurden. Der arabisch-muslimische Sklavenhandel hat praktisch das gesamte afrikanische Gebiet nördlich des Sambesi betroffen.« Binetas Monolog brachte alle, sogar Alice, zum Schweigen. Endlich die Gelegenheit, das Thema zu wechseln und die Skepsis gegenüber Alice auf Amira zu lenken. Alles, was Gideon dafür tun musste, war, Amira nach ihrem Online-Magazin zu fragen. Und sofort erntete er selige Blicke von Sabena, Alice und Matthias.

»Wie ein Onlinemagazin nach einer Pandemie und dem Zusammenbruch des Verlagsbusiness eben läuft. Fantastisch!«

»Ich finde, du hast dich supergut durch die Scheiß-Pandemie gekämpft«, meinte Bineta und zwinkerte Amira zu.

»Danke. Allerdings musste ich die Hälfte meiner Mitarbeiter entlassen. Jetzt habe ich noch eine Art-Direktorin, eine Grafikerin und einen Social-Media-Praktikanten. Erfolg sieht anders aus«, antwortete Amira, griff nach ihrem Rotweinglas, inzwischen tranken sie einen passablen Primitivo, und kippte den Inhalt in einem Zug runter.

»Ich bin stolz auf dich, mein Spatz«, sagte Max und gab ihr einen nassen, schmatzenden Kuss auf die Wange. Bineta gab Alice einen schmatzenden Kuss auf die Wange, und dann stand sie auf, lief um den Tisch zu Amira, griff nach ihrer Hand und murmelte nur: »Let’s go, Girl, ich will ein bisschen auf dem Balkon mit dir abhängen.« Und Amira folgte ihr.

In eine beigefarbene Kaschmirdecke eingemummelt lag Amira in dem braunen Acapulco-Chair, während Bineta einen Joint drehte.

»Diese miesen, fiesen Schweine.«

»Ja, ich weiß«, antwortete Bineta sanft.

»Wusstest du, dass Sabena schon wieder eine neue Anwaltskanzlei aufgetan hat?«

»Alice hat es mir erzählt, weil Gideon gestern vorbeikam und sich tierisch aufgeregt hat.«

»Was soll dieser Quatsch?«

»Findest du nicht, dass sie weitermachen sollten?«

»Max hat doch erklärt, dass er nach dem Mauerfall nach Frankreich in das Bauernhaus gefahren ist und die Sammlung weg war. Die Familie, die ihn aufgenommen hatte, wusste, dass die Deutschen alle Bilder während der Besatzung konfisziert hatten. Und er hat wirklich lange geforscht und nichts rausgefunden.«

»Aber man kann doch nicht einfach sagen, yo okay, die Bilder hängen da jetzt irgendwo. Lassen wir sie dort hängen.«

»Max sagt, die Sammlung ist weg.«

»Ja, das sagt er.«

»Und du glaubst ihm nicht?«

»Schau, er ist dein Großvater. Ich habe hier nur hineingeheiratet.«

»Hineingeheiratet. Als hättest du Alice nicht freudestrahlend das Jawort gegeben.«

»Habe ich auch. Aber irgendwas ist doch weird an der ganzen Geschichte.«

»O nein, sie haben dich gekriegt!«

»Sie haben mich nicht gekriegt. Aber Max lässt doch nicht einfach die Nazis gewinnen. Warum hat er plötzlich aufgegeben, von einem Tag auf den anderen?«

»Er hat aufgegeben, als Wolf gestorben ist.«

Amira nahm Bineta den Joint ab und zog daran. Beim Ausatmen machte sie Ringe, die sich gleich darauf in der Luft auflösten. Sie dachte an Wolf, ihren Vater, und an den Tag, an dem sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Das war 1998 gewesen, der Tag vor ihrem ersten Schultag. 24 Stunden später fand ihn ein Spaziergänger am Spreeufer oben beim Flughafen Tegel. Tot.

»Denkst du jetzt an Wolf?«, wollte Bineta wissen, und Amira kniff das eine Auge zusammen und nickte dazu.

»Es ist kalt. Wollen wir wieder reingehen?«

»Geh schon mal vor, ich komm gleich.«

Als Amira aufstand, wurde ihr schwindelig. Sie hielt sich am Türrahmen fest, sammelte schnell ihre Gedanken und Gefühle und schlurfte, beschwipst vom Wein und angeschlagen vom Joint, ins Esszimmer zurück. Sie setzte sich neben Max, legte ihren Kopf auf seiner Schulter ab und schloss die Augen.

»Du riechst nach Zigarette, Mäuselchen.«

»Von Bineta.«

»Jaja.«

»Ungelogen!«

»Jaja.«

»Findest du nicht, sie sieht aus wie ich?«, fragte Amira und deutete auf das Krasner-Porträt an der Wand.

»Lee?«, fragte Max.

»Ja.«

»A bissele.«

»Wieso glauben sie dir nicht, dass die Sammlung einfach weg ist?«

»Sabena und Gideon?«

»Ja!«

»Weil sie Geld wittern. Viel Geld.«

»Damit haben sie ja nicht unrecht, aber du hast doch alles getan, um die Sammlung zu finden, oder?«

»Ich will nicht über diese alberne Sammlung sprechen.«

»Warum hast du die Suche aufgegeben, als Wolf starb?«

»Das hatte mit Wolf nichts zu tun.«

»Aber das kann doch kein Zufall gewesen sein?«

»Schatz, ich habe dich sehr lieb, das weißt du, aber lass es bitte gut sein!«

»Dann erzähl mir wenigstens noch mal die Geschichte, wie du das Krasner-Bild aus England geholt hast.«

Und Max begann zu erzählen. Er erzählte von seinem Bruder Sigmund, der 1928 in New York gelebt hatte, wo er mit Lee an der Academy of Design studierte. Er erzählte davon, dass beide sich Hals über Kopf verliebten, wie junge Menschen es eben tun, und eine dieser wilden Zwanzigerjahre-Affären begannen. Er erzählte, dass Lee 1929 Sigmund zu seinem 19. Geburtstag eines ihrer Porträts geschenkt hatte, das in dieser Zeit mit einigen weiteren, später berühmt gewordenen Porträts entstanden war. Erzählte, dass die wilde Affäre irgendwann endete und Sigmund mitsamt dem Bild nach dem Zweiten Weltkrieg nach London ging. Seinen Bruder sah er nur noch ein einziges Mal, 1958, kurz vor dem Mauerbau. Danach schrieben sie sich Briefe, bis Sigmund 1987 starb. Direkt nach dem Fall der Mauer holte er das Lee-Krasner-Porträt mit einem VW-Bus aus London ab. Er war von Berlin nach Calais gefahren und dann mit der Fähre rüber nach Dover. Ein paar Möbel, die Sigmund ihm hinterlassen hatte, hatte er auch mitgenommen. Einen Schreibtisch. Der stand jetzt im Arbeitszimmer. Und eine Stehlampe. Die stand jetzt im Wohnzimmer. Das Porträt von Lee Krasner hatte er ins Esszimmer gehängt. Amira öffnete die Augen, sie schaute Lee an, und Lee schaute zu ihr zurück.

 

Müde vom Lesen der Haggada und vom Essen, dem wirklich guten Essen, das Sabena gekocht hatte, verteilten sich die Altmans in der großen Wohnung. Emil und Ella lagen auf dem Sofa im Wohnzimmer, die Suche nach dem Afikoman hatten sie aufgegeben, und guckten ein bisschen fern. Matthias blätterte in irgendeinem Buch, das er aus dem Regal gezogen hatte, Sabena und Alice waren in eine Diskussion vertieft. Sicher irgendwas mit deutschem Kolonialismus. Gideon zeigte Bineta auf seinem Handy seine neuesten Skulpturen, die wie immer sehr gut waren, aber trotzdem von niemandem gekauft werden würden. Was vor allem Max ärgerte, der seinen Sohn, obwohl dieser längst Mitte sechzig war, seit Jahren finanziell unterstützen musste, ach, sein ganzes Leben eigentlich. Seitdem Gideons Frau, Alice’ Mutter, ihn vor fünfzehn Jahren verlassen hatte, wegen seiner Unfähigkeit, eine Familie zusammenzuhalten, hatte seine Entwicklung völlig stagniert. So sah Max das jedenfalls, ohne natürlich ein Wort darüber zu verlieren. Die Kraft, auf Gideon einzuwirken, hatte er sowieso nicht mehr, und seit Wolfs Tod ging es ihm ausschließlich darum, kein weiteres seiner Kinder sterben zu sehen.

Kurz nach Mitternacht verabschiedeten sich alle nacheinander.

Amira drückte Max noch einmal ganz fest, gab ihm einen Kuss auf seine warme, teigige Wange und ging mit den AirPods in den Ohren zu ihrem Auto. Sie stieg ein, ließ den Motor an, und »Cut it out«von Daniela und Ben Spector ertönte. Der Song lief bei ihr seit einem Monat auf Repeat. Eigentlich, seit die Nummer mit ihrem Ex Alon zu Ende gegangen war. Er war ein israelisches Rich Kid, das sie auf die absurdeste Weise kennengelernt und auf vielleicht noch absurdere Weise wieder verloren hatte. Und obwohl Amira sich schon monatelang nichts mehr aus ihm gemacht hatte und die Sache schon im Spätsommer 2023 zum ersten Mal in die Brüche gegangen war, steckte sie seit viel zu vielen Wochen in einem Limbo aus Liebeskummer fest. Im November hatte er sich nämlich mit einem großen emotionalen Bravado in ihr Leben zurückkatapultiert: I love you, I want you, I need you, hatte er über eine Woche lang gesäuselt. So lange, bis Amira weich geworden war. Dabei hatte sie in diesem Moment längst gewusst, dass es eine Frage der Zeit war, bis Alon einen auf Das-hast-du-alles-falsch-verstanden machen würde. Hätte es den 7. Oktober nicht gegeben, Alon wäre nicht zurückgekommen, um wieder zu gehen, und Amira wäre auf das alles nicht reingefallen. »Hätte, hätte, Fahrradkette«, sagte sie zu sich selbst, und dann, »I love you, I want you, I need you.« Sie war vor allem genervt von sich selbst und ignorierte deshalb jede rote Ampel. Dann klingelte glücklicherweise ihr Telefon. »Nina« stand auf dem Display. Sie ließ ihre Mutter mit Absicht warten. So, wie sie selbst immer hatte warten müssen, und auch, weil sie lieber zu »Cut it out« im Auto weinte, anstatt mit ihrer Mutter über ihre Hochzeit in der Negev-Wüste zu sprechen, zu der Amira in sechs Wochen fliegen musste, ohne Lust dazu zu haben. Was nicht nur am 7. Oktober lag, aber auch.

»Amira, wieso brauchst du so lange, um ranzugehen? Bist du noch beim Seder?«, fragte Nina vorwurfsvoll.

»Auto. Bin im Auto. Fahre Auto«, antwortete Amira, während sie die Tränen runterschluckte und im Kopf immer noch den Song mitsang.

»Ah, na gut, und natürlich Chag Sameach. Hast du schon die Flüge gebucht? Das musst du dringend machen. Ryanair und easyJet canceln schon wieder, es gibt nur noch El Al und Israir, die fliegen. Wenn du nicht bald buchst, wirst du nur noch Gabelflüge bekommen.«

Amira hatte eine weitere rote Ampel hinter sich gelassen und sauste die Torstraße runter, als wollte sie verhindern, lange genug zu leben, um überhaupt in einen Flieger steigen zu können.

»Amira, hörst du mir überhaupt zu?«, fragte Nina aufgebracht, aber Amira beruhigte sie, indem sie ein Funkloch erfand.

»Du kommst dann einfach direkt von Tel Aviv nach Mizpe Ramon, richtig?«

»Genau.«

»Weißt du schon, wo du wohnst in Tel Aviv? Hast du was gebucht? Die Airbnbs haben so gut wie alle dichtgemacht in den letzten Monaten. Man findet nur noch Schrott.«

»Genau.«

»Hörst du mich schon wieder nicht richtig?«

»Genau.«

»Steckst du immer noch im Funkloch?«

»Genau.«

Dann legte Amira einfach auf, schaltete ihr Handy auf Flugmodus, drehte »Cut it out« wieder lauter und fuhr auf direktem Weg nach Hause. Selbstverständlich fand sie um diese Uhrzeit keinen ordentlichen Parkplatz mehr in Mitte, sie stellte den Wagen deshalb an der Nachtbushaltestelle ab.

2

Am nächsten Morgen war Alon vergessen. Amira rannte durch den Monbijoupark. Nicht in high speed, aber schnell genug, um wie jemand zu wirken, der sein Leben im Griff hatte. Zweimal die Woche zwang sie sich, von 8 bis 9 Uhr joggen zu gehen, weil man das als Millennial eben machte. Es war immer noch eiskalt. Über der Spree schwebte der Morgennebel. Die ersten saftgrünen Blätter sprossen aus den Bäumen. Die Sonne schien schüchtern vom hellblauen Himmel. Ende April eben. Am Bode-Museum stoppte sie kurz und suchte in ihrer Anrufliste nach Sibylla. Schon wieder im Laufen, rief sie die Freundin an, die sofort ranging.

»Guten Morgen, Mausi! Mir ist das wirklich unangenehm, dass ich es gestern nicht zum Seder geschafft habe, aber ich hatte dieses wirklich wichtige Meeting.«

»All good. Seder war anstrengend, doof, schön und auch ein bisschen gemein.«

»Ich muss dir was sagen, Amira.«

»Was ist los?«

»Ich wurde gestern zur Ausstellungsleiterin ernannt!«

»O.M.G.!«

»Ich habe so hart dafür gearbeitet!«

»Soooo hart.«

»Sooo, sooo, sooo hart.«

»Du kannst extrem stolz auf dich sein. Meine beste Freundin, die Chefkuratorin des Martin-Gropius-Baus. Sexy, edgy, cool.«

»Das ist sie.«

»Du, warte mal kurz, Sabena ruft gerade an. Bleibst du in der Leitung?«

»Jaja. Geh ran!«

Amira rannte gerade durch den Tunnel, der den einen Teil des Monbijouparks mit dem anderen verband. Vor drei Jahren war hier ein jugendlicher Flüchtling niedergestochen worden. Amira wurde kaum langsamer, als sie den Anruf von Sabena annahm, doch keine dreißig Sekunden später sank sie auf die Knie, mitten im Tunnel, auf denselben Asphalt, auf dem damals der Junge gelegen hatte. Das Telefon an ihrem Ohr, auch wenn Sabena bereits aufgelegt hatte.

»Max ist tot«, sagte Amira leise zu sich selbst, so als müsste sie es sich erklären. »Max ist tot. Max ist tot.«

 

Kurz darauf stieg Amira aus einem Uber, ihr Volvo an der Bushaltestelle war natürlich abgeschleppt worden. Die Leggins und der Sweater waren durchgeschwitzt. Ihr Haar war zu einem Dutt zusammengedreht. Der Pony klebte in dünnen Strähnen auf ihrer Stirn. Zitternd öffnete sie die schwere Tür zum Gropius-Bau. Die Mitarbeiterin an der Infozentrale kannte Amira und wies ihr wortlos den Weg zu Sibylla. Amira rannte durch das Foyer, zu einem kleinen Raum, der ihr riesengroß erschien. Aber Sibylla war da. Sie trug einen magentafarbenen Hosenanzug und eine cremefarbene Seidenbluse. Ihr langes blondes Haar war zu einem Französischen Zopf geflochten. Sie fuchtelte mit den Armen und erklärte zwei Mitarbeitern, wo die neue Installation aufgestellt werden solle. Dort rechts, ach nein, lieber da vorne links. Amira schämte sich, Sibylla zu stören. Sie schämte sich, so zerbrechlich und bedürftig zu sein. Amira schämte sich für den gestrigen Abend und dafür, dass sie versucht hatte, Max diese bescheuerte Sammlungs-Diskussion aufzunötigen. Und sie schämte sich dafür, dass sie sich schämte.

Als Sibylla Amira bemerkte, bat sie ihre Mitarbeiter höflich, eine Stunde Pause zu machen, sie müsse etwas Wichtiges besprechen. Amira wartete, bis die Männer den Raum verlassen hatten, und fiel dann Sibylla erleichtert in die Arme. Ihr Kopf lag auf Sibyllas Brust. Wie so viele Male zuvor. Als Wolf gestorben war. Als Amiras erster Freund mit ihr Schluss gemacht hatte. Als sie den großen Fehler gemacht hatte, den Deal mit Burda auszuschlagen. Als sie anschließend versucht hatte, wie Wolf zu verschwinden.

»Es tut mir so leid«, sagte Sibylla nur und streichelte sanft Amiras feuchtes Haar.

»Ich will die Zeit zurückdrehen.«

»Ich weiß.«

»Ich will nur noch einmal den Abend gestern erleben und ein paar Sachen anders machen. Ich will nicht mit Bineta auf dem scheiß Balkon kiffen, sondern bei Max sein.«

»Kennst du Biografie: Ein Spiel von Max Frisch?«

»Nein.«

»Du musst es lesen. Es geht darin um einen Verhaltensforscher, Hannes Kürmann, und eine Übersetzerin, Antoinette Stein. Es ist ein kurzes Buch, ein Stück, kein Roman. Kürmann zaudert mit seiner Biografie. Er möchte sie ändern. Wie oft haben wir uns das alle schon gewünscht. Die Zeit zurückzudrehen. Eine andere Entscheidung getroffen zu haben. Wie Kürmann glauben wir, dass unsere Biografie anders verlaufen könnte. Vollkommen anders. Wir hätten uns nur ein einziges Mal anders verhalten müssen … und – zack – ein neues Leben. Kürmann möchte ein Leben ohne Antoinette Stein, die nach einer Feier in seiner Wohnung seine Frau wird. Fünfzig Seiten lang versucht Kürmann, Antoinette aus seiner Wohnung zu bekommen, aber er schafft es nicht. Also versucht er, früher anzusetzen, es erst gar nicht zu dieser Feier kommen zu lassen. Aber keine seiner anders getroffenen Entscheidungen ändert in wirklich radikaler Weise sein Leben. Keine seiner anders getroffenen Entscheidungen führt zu einem Leben ohne Antoinette Stein. Er bewohnt dieselben Wohnungen, schläft mit denselben Frauen, macht dieselben Fehler. Selbst, wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten, wir würden alles noch mal genauso machen.«

»Ich glaube nicht.«

»Ich glaube schon.«

»Ich habe Max so geliebt.«

»Ich weiß.«

»Und jetzt bin ich allein. Ganz, ganz allein.« Amira brach in Tränen aus und sank zu Boden. Frisch gebohnertes Parkett. Sibylla zog ihre Hosenbeine etwas hoch, um sich im Schneidersitz neben sie setzen zu können, und drückte Amira fest an sich.

»Du bist nicht allein. Ich bin da. Nina ist da.«

»Nina ist da? Willst du mich verarschen?«, rief Amira wütend und stemmte sich mit den Händen hoch.

»So, wie Nina da sein kann, wird Nina da sein.«

»Ich schaffe das ja auch alles.«

»Klar schaffst du das.«

»Aber gerade jetzt. Und dann Alon. Und der Krieg.«

»Nee, nee. Alon hat damit nichts zu tun, und der Krieg auch nicht.«

»Mir ist das alles zu viel.«

»Das verstehe ich. Aber lass um Himmels willen Alon aus dem Spiel. Der Typ ist ein verwöhntes, arrogantes, dummes Rich Kid, das auf Frauenversteher macht. Die Story kann er gerne allen erzählen, aber irgendwann wird jeder und vielleicht sogar er selbst kapieren, dass er einfach nur ein ziemlich talentfreies Arschloch ist.«

»Ich habe ihn am letzten Abend, während unseres final Break-ups gefragt, ob er eigentlich manchmal darüber nachdenkt, wer er ohne das alles wäre. Wenn er sich alles selbst hätte erarbeiten müssen, würde er dann Shampooflaschen bei Superpharm in die Regale räumen oder das nächste Flugtaxi erfinden?«

»Der Typ hat nicht eine seiner Ansagen durchgezogen. Der hat dir einen von Heirat, Kindern und gemeinsamem Leben an die Backe gelabert, um sich dann zu verpissen. Der ist ein Laberheini und definitiv kein Macher. Der könnte dir nicht mal einen vernünftigen Antrag machen, so wenig Chuzpah, wie der hat.«

»Keine Chuzpah.«

»Für ein gemeinsames Leben braucht man einen Mann mit Rückgrat. Das hat er nicht. Da kann der noch zehn Jahre zur Therapie gehen. Darauf wette ich den Cyprien Gaillard da drüben.« Sibylla zeigte auf eine verrostete Baggerschaufel.

»Max ist tot.«

»Ich weiß, mein Schatz.«

»Alon ist mir total egal.«

»Weiß ich doch.«

»Was mache ich jetzt bloß ohne Max.«

»Weiter. Wie wir alle.«

 

Zwei Stunden später saß Amira mit Alice, Sibylla, Bineta und Matthias im Einstein Unter den Linden, um die Beerdigung zu planen. Was gar nicht so einfach war, schließlich müssen Tote innerhalb von achtundvierzig Stunden begraben werden. Die Jüdische Gemeinde musste kontaktiert werden. Matthias erzählte, dass er bereits am Vormittag mit Sabena bei dem neuen Rabbiner der Beit-HaEmet-Synagoge gewesen sei, in die Max in den letzten Jahren ab und an gegangen war. Man habe sie trotz Pessach sofort empfangen. An den Namen konnte er sich nicht erinnern, nur daran, dass Sabena erst mal unhöflich wurde, als sie seine Pejes sah. Aber für Unhöflichkeiten war ganz und gar nicht der richtige Moment. Der Alltag in jüdischen Institutionen war wegen der Pessachwoche aufs Nötigste heruntergefahren. Sabena hatte nichts übrig für Pejes, Teffilin oder sonstiges religiöses Getue, aber es war ihr doch ein Herzensanliegen, dass ihr Vater ordentlich nach jüdischem Brauch beerdigt werden würde, und so fing sie sich wieder, berichtete Matthias. Flüsternd beschrieb er den Moment als »das Maximum an Empathie«, das seine Mutter je in ihrem Leben aufgebracht habe. Sie kam mit dem Rabbi überein, dass er Sidurim aus der Synagoge mitbringen und das Kaddisch sprechen würde.

Die Beerdigung sollte um 9 Uhr in Weißensee stattfinden, anschließend würden alle bei Max in der Wohnung zum Mittagessen zusammenkommen.

»Amira, organisierst du das Essen?«, fragte Alice.

Anstatt zu antworten, schüttete ihre Cousine den dritten Rotwein in sich hinein.

»Schaffst du das, Amira?«, fragte Bineta liebevoll.

»Klar schaffe ich das. Ich werde doch noch das Essen für den fucking Leichenschmaus meines Großvaters besorgen können.«

»Ich kann dir helfen«, mischte sich Sibylla ein.

Amira wandte sich an den Kellner und bestellte ein weiteres Glas Syrah.

»Findest du nicht, dass es reicht?«

»Nein, ich finde nicht, dass es reicht, Alice!«

»Brauchst du noch irgendeinen Kontakt zu einem Caterer?« Matthias dachte praktisch. »Denk dran, heute ist der zweite Pessachabend. Bis morgen Mittag alles fertig zu haben, wird nicht einfach.«

Amira winkte ab und bedachte den Kellner, der ihr ein weiteres Glas Wein brachte, mit einem Augenzwinkern. Sie leerte es in einem Zug.

»Schaut sie euch doch bitte mal an«, fauchte Alice. »Wie soll die denn heute noch irgendwas organisiert bekommen?«

»Sie trauert. Lass sie doch mal trauern. Sie hat ihren Großvater verloren«, sagte Sibylla ernst.

»Ach, und ich habe nicht meinen Großvater verloren? Matthias auch nicht? Nur die kleine Amira, oder was? Matthias, sag doch mal was!«

»Jeder trauert auf seine Weise.«

»Gut, dass man von dir jetzt keine andere Antwort erwarten konnte, war auch irgendwie klar.« Alice verstummte.

Amira ließ sich zur Seite kippen und landete mit ihrem Kopf auf Sibyllas Schoß. Alles drehte sich. Das war nicht nur dem Alkohol geschuldet, sie wusste einfach nicht mehr, wo unten und oben war. Vor ihr lagen eine Beerdigung und eine Hochzeit. Hinter ihr lagen der Verlust ihres halben Teams und die Trennung von Alon, und über allem lag der Krieg. Am liebsten wäre sie jetzt im Bett und würde nicht mehr aufstehen, bis ein anderes, ein besseres Leben begonnen hätte. Fucking Leben, dachte sie.

 

Nur zehn Minuten später lag Amira auf der Rückbank im Auto von Alice. Sibylla war in den Gropius-Bau zurückgekehrt, und Matthias, der Internist, in die Charité. Eigentlich hatte Alice ihre Cousine ins Taxi setzen wollen, aber Bineta hatte darauf bestanden, Amira sicher in ihre Wohnung zu bringen. Von der Rückbank aus steuerte Amira mit ihrem iPhone das Bluetooth-Radio. »Cut it out« auf Repeat zu hören und lauthals mitzusingen, hielt sie für eine fantastische Idee. Und obwohl Alice sie mehrmals höflich darum bat, damit aufzuhören, machte Amira weiter. Amiras Ignoranz führte zu einem verbalen Schlagabtausch, der darin mündete, dass Alice scharf abbremste, sodass die Körper aller Mitfahrenden ruckartig nach vorne geworfen wurden. Sie fuhr rechts ran, stieg aus, öffnete die hintere Tür und zerrte Amira aus dem Auto. Das Auto verschwand im Verkehr. Amira kam zur Besinnung, bestellte sich einen Uber und fuhr nach Hause. Sie duschte eine halbe Stunde kalt, legte sich anschließend ins Bett und wachte erst um 17 Uhr nüchtern wieder auf.

 

Sie fühlte sich fit, aber geschwächt; tieftraurig, aber auch voller Energie, stark und schwach zugleich. Wir werden auf diese Welt geworfen, dachte sie, durchlaufen eine mehr oder weniger angenehme Kindheit, um anschließend ununterbrochen mit existenziellen Fragen konfrontiert zu werden, ohne sich von den ersten vierzehn Jahren erholt zu haben. Amira machte sich nichts vor. Ihr war das von Anfang an klar gewesen. Das mit der Conditio humana und dass die menschliche Existenz eben Schmerz bedeutete. Schmerz, an dem niemand schuld war. Die Idee, dass das Leben ein paradiesischer Zustand sein müsse, erschien ihr lächerlich. Damit unterschied sie sich grundlegend vom Rest ihrer Generation, so dachte sie jedenfalls in ihrer für sie nicht untypischen apodiktischen Manier. Die glaubte doch wirklich, in der schlimmsten aller Zeiten zu leben, die sich allein mit Rigidität und Verboten beenden ließ. Eine Art vollkommenes Glück würde am Ende auf alle warten? Seit Monaten zirkulierten zu dieser Fantasie sogar Memes. Denen zufolge müssten dafür nicht nur Kapitalismus und Rassismus in die Knie gezwungen werden, sondern vor allem Israel zerstört. Niemand, der diese Ideologie vertrat – so sah es jedenfalls Amira –, hatte sich offensichtlich mit der Geschichte der Menschheit auseinandergesetzt oder ein tieferes Verständnis für die Conditio humana entwickelt … Kreiselnde Gedanken … Aber sie war eben doch nicht wieder fit, sie fühlte Schmerz und Traurigkeit, und noch mehr Schmerz und noch mehr Traurigkeit. So viel Traurigkeit, dass sie nicht einmal mehr wusste, ob diese Traurigkeit wirklich nur Max’ Tod geschuldet war oder ob sie nicht viel eher zu ihrer Werkseinstellung gehörte.

Sie zog sich einen schwarzen Bodysuit an, den schwarzen Nike-Hoodie und ihre schwarzen Sneaker. Dann rief sie die 110 an, um zu erfahren, wo ihr Auto stand, und sammelte es in der Gartenstraße am Mauerstreifen ein.

Eine Dreiviertelstunde später parkte sie den Volvo vor ihrem Ladenbüro in der Winsstraße. Love me later stand in Neonschrift über dem Eingang. Der Name ihres Magazins. Amira setzte sich an ihren Schreibtisch und telefonierte ein paar israelische Restaurants und Cateringunternehmen durch. Niemand ging ran. Dann schickte sie Guy, einem alten Freund, eine WhatsApp und erhielt die erleichternde Antwort, dass er den zweiten Pessachabend sowieso nicht feiere und den Auftrag übernehmen könne. Er würde schnell einkaufen, das Tscholent über Nacht kochen lassen und außerdem ein paar Salate, Kugel und Mazzoth mitbringen. Amira atmete tief durch, bedankte sich bei Guy, erklärte ihm, dass sie als Dankeschön für seine schnelle Zusage den doppelten Preis wegen Feiertagspipapo bezahlen würde, und legte auf. Sie suchte den WhatsApp-Chat mit Alon, sah, dass er online war, fühlte seine Existenz durchs Telefon hindurch und schrieb ihm eine Nachricht.

3

Bevor sie die Nachricht abschickte, las sie ihre Sätze noch einmal durch. Dann noch einmal und noch einmal. So lange, bis sie sie endlich peinlich fand. Dann markierte sie den Text und kopierte ihn in ihre Notes-App. Die Nachricht vom zweiten Pessachabend wurde eine von weiteren siebenunddreißig nicht abgeschickten, die Amira in den letzten Wochen formuliert hatte. Manche waren wütend gewesen, manche beleidigend, manche traurig und manche einfach nur emotional. Aber keine war in irgendeiner Form einzigartig, was nicht nur gegen Amira, sondern auch gegen ihre Beziehung zu Alon sprach.

 

Amira lag auf dem Dielenfußboden ihrer Siebzig-Quadratmeter-Wohnung und war erleichtert, dass die Nachricht in den Notes und nicht auf Alons Telefon gelandet war. Um sechs Uhr war sie aufgestanden und hatte den Morgen damit verbracht, ganz bewusst an den Tod von Max zu denken. Neben ihr ausgekippte Schuhkartons und Hunderte Fotos. Farbfotos. Schwarz-Weiß-Fotos. Große Fotos. Kleine Fotos. Fotos, auf denen man kaum noch etwas erkennen konnte. Fotos, auf denen Amira als Baby, als Kleinkind, als Kind, als junges Mädchen, als junge Frau und als Frau zu sehen war. Fotos mit Familienmitgliedern, und vor allem: Fotos mit Max. Amira badete in dem See von Fotos und bewegte ihre Arme, als würde sie auf dem Rücken über ihren mit Bildern gefüllten Parkettsee schwimmen. Sie fühlte sich einsam. Aber sie wusste auch, dass sie jederzeit auschecken konnte, wenn sie es wollte. Der Mensch hat eine Freiheit, die ihn von allen anderen Tieren unterscheidet. Eine Freiheit, die mit der Verantwortung fürs eigene Leben einhergeht. Jeder Tag ist eine aktive Entscheidung. Amira liefen die Tränen über die Wangen. Ihr Herz tat weh. Max war weg. Für immer.

 

Amira war die Erste an diesem Morgen, sie parkte pünktlich um 8 Uhr 30 in Weißensee vor dem großen Jüdischen Friedhof. 1880 war er angelegt worden und mit rund 42 Hektar der flächenmäßig größte erhaltene jüdische Friedhof Europas. 116000 Grabstellen. Eine davon war nun für Max bestimmt. Seine letzte Ruhestätte. Natürlich neben seiner Frau Sarah, die viel zu früh an Krebs gestorben war. So früh, dass Amira sie gar nicht kennengelernt hatte. So früh, dass ihre drei Kinder Wolf, Sabena und Gideon bei ihrem Tod noch keine zwanzig Jahre alt gewesen waren. Max hatte danach nie wieder geheiratet. Auch wenn alle der Reihe nach versucht hatten, ihn mit einer neuen Frau zu verkuppeln, war er Sarah treu geblieben. Bis zum letzten Atemzug. Romantisch hatte Amira das immer gefunden. Ausgesprochen romantisch und loyal und auch ein bisschen nachahmenswert.

Die Vögel zwitscherten laut. Die Sonne schien vom blauen, wolkenlosen Himmel, die Situation ignorierend. An den Ästen der Bäume Blüten und frische Triebe. Die Luft kalt und sauber. Alles das war Leben! Nur der Ort, an dem Amira sich befand, bedeutete Tod. Sie saß, die Füße auf der Stoßstange, auf der Motorhaube ihres alten Volvo 240. Baujahr 1986. In Gold Metallic. An einigen Stellen rostete er schon. An vielen sogar. Sie schloss die Augen und ließ sich nach hinten fallen. Der Wind strich sanft über ihre Wangen. Ein Streicheln. Zuneigung, die sie vermisste. Alon, dachte sie kurz und stöhnte laut auf. Genervt von sich selbst. Ein Körper legte sich neben sie. Amira ließ ihre Augen geschlossen.

»Du riechst nach Sex«, sagte Amira zu Bineta.

»Und du riechst, als wärst du früh ins Bett gegangen, so, wie ich es dir geraten habe.«

»Ich muss mich noch bei Alice entschuldigen. Aber eigentlich will ich nicht.«

»Es gibt niemanden, bei dem man sich besser entschuldigen kann. Sie nimmt jede Entschuldigung sofort an und verzeiht dir.«

»Sie ist ein so viel besserer Mensch als wir alle.«

»Sie ist Waage und braucht Harmonie wie andere die Luft zum Atmen.«

»Ich verstehe nicht, wie du sie aushältst.«

»Wir halten uns beide aus.«

»Kannst du ihr nicht einfach ausrichten, dass es mir leidtut?«

Aber bevor Bineta antworten konnte, ließ ein Kinderschreien die beiden hochfahren. Von Amiras Motorhaube aus sahen sie zu, wie Matthias versuchte, Emil aus dem Kindersitz zu zerren. Seine Tochter Ella hatte das Auto selbstständig verlassen und lief auf Amira und Bineta zu.

»Schicki, schicki, Ella«, sagte Amira.

Ella blickte an sich hinunter und fuhr mit der Hand über ihr schwarzes Kleid, das wegen der weißen Perlen, die daraufgenäht waren, aussah wie ein funkelnder Sternenhimmel.

»Hat Mama mir zum Geburtstag geschenkt.«

»Hat sie gut gemacht«, antwortete Bineta.

»Sehen wir Opa Max jetzt, wie er in die Erde gelegt wird?«

»Nein. Er liegt in einem Sarg«, erklärte Amira.

»Was ist das?«

»Eine Holzkiste, in die man kommt, wenn man stirbt.«

»Ist das nicht eng?«

Amira und Bineta schauten sich an, dachten kurz nach und antworteten: »Es ist ein bisschen eng, ja. Aber man liegt da wie in einem schmalen Bett und kann sich von nun an für immer ausruhen.«

»Ein nicht endender Mittagsschlaf sozusagen«, ergänzte Bineta.

»Ihhh, Mittagsschlaf machen nur Babys!«

»Los!«, rief Bineta, sprang vom Auto und zog Amira an der Hand. »Du gehst jetzt zu Alice, bevor der Spaß richtig losgeht.«

Aber Amira sträubte sich. »Bahhh, Entschuldigungen. Eine ekelhafte Angelegenheit.« Woraufhin Ella erstaunt einwarf: »Entschuldigungen sind aber wichtig, weil man dem anderen damit zeigt, dass man weiß, dass man etwas Gemeines gemacht hat.«

Amira nickte: »Ella ist einfach schon so viel erwachsener als ich.«

Unwillig ließ sie sich von Bineta mit einem Schwung hochziehen. Von Weitem sah Amira ihre fast gleichaltrige Cousine an dem gusseisernen Tor des Friedhofs stehen und telefonieren. Zusammen waren ihre Mütter schwanger gewesen und hatten die beiden Mädchen mit nur wenigen Monaten Abstand auf die Welt gebracht. Alice war groß und schlank, ihre weiße Haut übersät mit orangefarbenen Flecken. Eine schmale, markante Nase und langes rotes Haar, das sie als Teenager zu Dreadlocks hatte drehen lassen. Niemand durfte sie mehr an diese Zeit erinnern, schließlich stand ein solches Verhalten heute unter Höchststrafe: internalisierter Rassismus. Kulturelle Aneignung. Das ganze Programm.

Bineta drückte gegen Amiras Rücken und schob sie über den Schotter zu ihrer Ehefrau, bei der sich Amira nicht das erste und auch nicht das letzte Mal entschuldigen würde. Aber sie kam nicht bis zu ihr. David Frenkel, der langjährige Anwalt der Familie und ein enger Freund von Max, hielt sie auf. »Amira!«, rief er, und schon löste Bineta ihre Hände. Er breitete seine Arme aus und umschloss Amiras ganzen Körper. Eine feste Umarmung. Eine, in die man sich hineinfallen lassen konnte, ach, hineinfallen lassen wollte. Alon, dachte Amira wieder, diesmal, ohne sich zu schämen.

»Es tut mir so leid. Ich weiß, wie viel er dir bedeutet hat, wie wichtig er für dich war.«

»Das hat er. Das ist er. So wichtig.«

Ihre Augen füllten sich mit Wasser. Nur drei Meter entfernt lief ein Eichhörnchen einen Baum hoch. Der Schwanz weich und lang und kastanienbraun. Das Fell glänzend. Amira wollte auf den Rücken des Eichhörnchens springen, sich in das weiche Fell legen, die Augen schließen und von ihm getragen werden, bis sie wieder bereit wäre, allein zu laufen.

Davids Hemd roch, wie seine Umarmung sich