Bali Buddha Burnout - Markus Varga - E-Book

Bali Buddha Burnout E-Book

Markus Varga

0,0

Beschreibung

Jonas und Karin wollen sich einen gemeinsamen Traum erfüllen – eine buddhistische Hochzeit auf Bali. Damit stoßen sie nicht nur eine christliche Fundamentalistin im Freundeskreis vor den Kopf. Auch bei der Legalisierung der Hochzeit lauern überall Stolperfallen. Und Trauzeugen, die um die halbe Erdkugel fliegen, wollen sowieso erst mal gefunden sein. Die Verlobten verzichten auf die Hilfe einer Wedding Plannerin und stürzen sich kopfüber von München aus in die Vorbereitungen – über mehrere Zeitzonen hinweg, fast rund um die Uhr. Der Culture Clash ist vorprogrammiert. Es trifft deutsche Disziplin auf balinesische Lässigkeit, Excel-Datei auf Entspannungstechnik, vorausschauende Planung auf radikale Prokrastination. Zu allem Überfluss melden sich beide Mütter in schöner Regelmäßigkeit und geben schlaue Tipps – während in der Ferne ein Vulkan auszubrechen und den gesamten Flugverkehr lahm zu legen droht. Karin, die perfekte Planerin, die sich mit Leidenschaft und hundertprozentigem Einsatz auf jedes noch so kleine Detail stürzt, verliert über alle Todo-Listen bald den Überblick. Jonas, normalerweise die Ruhe in Person, steht kurz vor dem Zusammenbruch – auch weil er mit ansehen muss, wie seine Verlobte leidet. Ihre Liebe wird ernsthaft auf die Probe gestellt. Der Alptraum tagsüber verfolgt das Paar bis in ihre Träume. Bis zum Schluss muss das Paar bangen, ob die tropische Inselzeremonie inmitten von Reisfeldern gelingt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Markus Varga

Bali Buddha Burnout

Ein Hochzeitsdrama in 250 Tagen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Wie alles begann

Noch 250 Tage

Noch 245 Tage

Noch 243 Tage

Noch 238 Tage

Noch 230 Tage

Noch 225 Tage

Noch 222 Tage

Noch 220 Tage

3 Stunden später

2 Stunden später

Noch 218 Tage

Noch 216 Tage

Noch 215 Tage

Noch 212 Tage

Noch 208 Tage

Noch 202 Tage

Noch 198 Tage

Noch 192 Tage

Noch 188 Tage

Noch 185 Tage

Noch 183 Tage

Noch 180 Tage

Noch 175 Tage

Noch 172 Tage

Noch 170 Tage

Noch 169 Tage

2 Minuten später

Noch 165 Tage

Noch 163 Tage

Noch 162 Tage

Noch 160 Tage

Noch 158 Tage

Noch 155 Tage

Noch 154 Tage

Noch 152 Tage

Noch 148 Tage

Noch 145 Tage

Noch 142 Tage

Noch 140 Tage

Noch 139 Tage

Noch 135 Tage

Noch 130 Tage

Noch 125 Tage

Noch 120 Tage

Noch 115 Tage

Noch 110 Tage

Noch 105 Tage

Noch 103 Tage

Noch 102 Tage

Noch 101 Tage

Noch 100 Tage

Noch 98 Tage

Noch 95 Tage

Noch 92 Tage

Noch 90 Tage

Noch 85 Tage

Noch 80 Tage

Noch 79 Tage

Nachmittags

Noch 78 Tage

Noch 76 Tage

Noch 75 Tage

Noch 74 Tage

Noch 73 Tage

Noch 72 Tage

Noch 68 Tage

Noch 67 Tage

Noch 65 Tage

Noch 64 Tage

Noch 62 Tage

Noch 61 Tage

Noch 60 Tage

Noch 57 Tage

Noch 40 Tage

Noch 36 Tage

Noch 30 Tage

Noch 25 Tage

Noch 19 Tage

Noch 15 Tage

Noch 14 Tage

Noch 13 Tage

Noch 12 Tage

Noch 11 Tage

Noch 10 Tage

Noch 9 Tage, Vormittags

Nachmittags

Abends

Noch 8 Tage, Vormittags

Nachmittags

Abends

Noch 7 Tage, Vormittags

Mittags

Abends

Noch 6 Tage, Vormittags

Nachmittags

Nachts

Noch 5 Tage, Vormittags

Nachmittags

Abends

Noch 4 Tage

Noch 3 Tage, Vormittags

Abends

Noch 2 Tage

Noch 1 Tag, Vormittags

Abends

Der Hochzeitstag

10 Tipps gegen den Bali-Wedding-Burnout

Impressum neobooks

Wie alles begann

Vor fünf Wochen hat Karin Ja gesagt. Es war ein überraschtes, aber auf jeden Fall uneingeschränktes, freudiges Ja. Ein Jaja. Weniger positiv eingestellte Menschen als ich hätten ihre zehnsekündige Denkpause als aufkommende Zweifel interpretieren können. Aber ich kenne Karin. Karin ist keine, die sofort Ja sagt. Karin durchdenkt die Dinge gern. Doch nach einer kurzen Pause hat sie die Dinge durchdacht und Ja zu mir gesagt. Ich atmete einmal tief durch und wagte mich an die zweite Frage: Wollen wir buddhistisch heiraten?

Darauf antwortete meine Frisch-Verlobte ebenfalls mit Ja. Karins zweite Denkpause war deutlich kürzer als die erste. Ich vermute, sie hatte die erste Denkpause bereits dazu genutzt, alle Optionen für die Hochzeit durchzuspielen, eine buddhistische inklusive. Vor ihrem geistigen Auge entfaltete sich vermutlich auch ihr Hochzeitskleid, baute sich der Traualtar auf und nahm die ganze Zeremonie Gestalt an. So wie jetzt an ihrem Finger langsam ein Ring Gestalt annahm, der ihre Augen glänzen ließ.

Da war es fast schon ein Leichtes, die dritte Frage zu stellen: Heiraten wir auf Bali? Karin strahlte: Ja, Jonas, wo denn sonst? Recht hatte sie. Auf Bali sind Buddhisten gegenüber den Hindus zwar eindeutig in der Minderheit, aber wer möchte schon vor einer Münchner Standesbeamtin namens Veronika Mayrhuber stehen, die Metta-Bhavana aufsagen und mit einem herzlichen Vergelt‘s Gott in die buddhistische Zweisamkeit verabschiedet werden? Auch eine Trauung durch einen buddhistischen Mönch am Chiemsee lag völlig außerhalb unserer meditationsgeschulten Vorstellungskraft. Ich höre immer noch den Wirt aus unserem Münchner Stammlokal: „Jonas, i sog dir: Bessa zwoa Ring unta de Augn, ois oa Ring am Finga!“

Nein, Buddha gehörte nach Bali und nicht nach Bavaria. Also Braut: Ja! Buddha: Jaja! Bali: Jajaja!

Karin und ich hatten uns schon vor geraumer Zeit für den Buddhismus entschieden – aus Überzeugung und nicht, weil es gerade zum Lifestyle passt. Wir fanden am Buddhismus so sympathisch, dass er sich nicht um Gott, sondern um den Geist dreht. Und wer nun denken könnte, wir haben zu viel Eat Pray Love gesehen, den müssen wir enttäuschen: Wir können mit diesem Streifen nichts anfangen. Wie oft wurde die Idee schon kopiert: Kapitalismusmüder Westler mit Burnout fährt zur Selbstfindung gen Osten, wird spirituell weich geklopft, verknotet sich bei diversen Sonnengrüßen, entflechtet sich wieder bei einer traditionellen Hot-Stone-Massage und meditiert sich bis zur Erkenntnis, dass es nicht nur um Geld im Leben geht, oh nein, sondern um Sinn! Und schon kehrt der einstmalige Psychiatriepatient als geläuterter Yogi zurück und verkündet seinerseits die Idee von Prana und liebender Güte.

Nichts für ungut, aber Julia Roberts ist nun wirklich nicht schuld, dass wir Bali entdeckt haben. Wir waren im Jahr zuvor dort im Urlaub und wussten sofort: Hier wollen wir uns trauen. Es war mehr als das übliche Urlaubsgefühl, das einen schon am ersten Tag befällt, wenn man etwa das Meer rauschen hört und das Essen plötzlich anders schmeckt. Ich spreche von dem einzigartigen Bali-Feeling: Dort begegnet jeder dem anderen freundlich und höflich, lächelt aus vollem Herzen, ernährt sich gesund und bewegt sich automatisch im Zeitlupentempo. Kurz, die Balinesen sind – in der Mehrheit – einfach gut drauf. Und damit meine ich nicht das „Gut-Draufsein“ eines Surfers, der die perfekte Welle gefunden hat, oder eines 60-jährigen Hippies auf seiner Cannabis-Plantage, sondern eine grundsätzlich entspannte Haltung zum Leben.

Bali bietet noch einen weiteren Vorteil als Hochzeits-Location: Karin kann ihre australischen Freunde einladen, die sie bei einem einjährigen Aufenthalt in Sydney kennengelernt hatte. Die Aussies verbinden eine Bali-Tour mit einem kurzen Inselhopping über das verlängerte Wochenende – so wie die Münchner mal eben einen Abstecher zum Gardasee machen. Für die Zeremonie, Feier und Übernachtung haben wir eine wunderschöne Villa in Ubud im Landesinneren gebucht. Mit der Besitzerin haben wir sofort geklickt. Helen ist Hawaiianerin, lebt und arbeitet wahlweise in San Francisco, Madrid, Delhi und Indonesien, unterrichtet balinesische Kinder und veranstaltet nebenbei Musikfestivals. Sie allein ist schon ein Grund, sich auf Bali zu trauen.

Helen versicherte uns auch, dass wir auf ihrem Grundstück bis in die Nacht feiern dürfen. Die Absprache mit den Nachbarn würde sie übernehmen. Denn nicht jeder kann auf der Insel einfach eine Hochzeit feiern. Ausländer benötigen eine Reihe von Genehmigungen, für die sie kräftig zur Kasse gebeten werden. Eines der ersten Wörter, die wir in diesem Zusammenhang lernten, war die Banyan Fee. Dahinter verbirgt sich keine balinesische Märchengestalt, sondern eine ominöse Sicherheitsgebühr. Paare lassen sie der lokalen Community zuteilwerden, in der sie heiraten wollen. Was Heiratswillige im Gegenzug erhalten, ist nicht genau definiert – im besten Fall die stille Duldung der Anwohner. Im Normalfall verlangen die Communities neben der Banyan Fee eine zusätzliche Sicherheitsgebühr. Dabei hatten wir während unseres Urlaubs nie den Eindruck, auf einer gefährlichen Insel gelandet zu sein oder sich nachts verbarrikadieren zu müssen.

All diese Fees schließen immer noch nicht das Recht ein, die Nacht zum Tag zu machen – erst recht nicht, laute Musik dazu zu hören. In allen möglichen Hotels und Villen in Ubud, die für eine Hochzeit infrage gekommen waren, hätten wir bereits ab 22 Uhr die Musik auf Zimmerlautstärke herunterdrehen und vom DJ-Pult aufs Smartphone umschalten müssen. Da wir aber keine Lust haben, auf Zehenspitzen zu tanzen, erhielt Helen den Zuschlag. Sie bot sich sogar an, uns bei den Vorbereitungen zu unterstützen – wie es auch eine Wedding Plannerin tun würde.

Dabei herrscht an Hochzeitsplanern auf Bali kein Mangel: Die Insel hat sich zu einer selbst reproduzierenden Wedding-Maschine entwickelt. Vor allem Australier, Chinesen und Amerikaner verwandeln Bali in ein fernöstliches Las Vegas. Sie stehen Schlange, um sich vor einem Sonnenuntergang trauen zu lassen. Die Wedding Planner überbieten sich mit Angeboten an Adventure Weddings, Beach Weddings, Cruise Weddings, Cliff Weddings, Water und Underwater Weddings. Alles nichts für uns. Wir wollen weder am Strand noch im Neoprenanzug oder auf einer Klippe, nur einen Schritt vom Abgrund entfernt, unsere gemeinsame Zukunft planen. Individuell soll es sein und authentisch. Und das möglichst ohne mit einer Hotelkette kooperieren zu müssen. Aber wenn es den Sonnenuntergang dazugibt, nehmen wir ihn natürlich gerne mit.

Jetzt ging es aber erst einmal darum, die Nachricht zu teilen. Denn wir wollen aus unserer Hochzeit kein Geheimnis machen wie andere Paare, die eine Postkarte aus Las Vegas oder vom Leuchtturm auf Sylt schreiben: „Hey Überraschung, wir haben geheiratet! Ihr wart zwar nicht eingeladen, aber jetzt dürft ihr uns gratulieren und unsere Fotos liken!!“ Außerdem haben wir nicht die Absicht, fremde Balinesen von der Straße weg als Trauzeugen einzukaufen. Wir zählen also auf unsere Familie und Freunde, von denen die meisten – das haben wir in einer ersten Schnellanalyse herausgefunden – noch nicht auf Bali waren.

Bis wir die Nachricht von unserer geplanten Hochzeit auch schriftlich in Form von offiziellen Einladungen übermitteln konnten, vergingen noch ein paar Wochen. Die Einladungen waren nicht irgendwelche Einladungen, sondern mit einem türkisen Mandala bedruckt. Nun war mir nicht klar, dass Türkis zu den Farben gehört, die sich nicht gleich klar definieren lassen. Ein Türkis tendiert bei dem einen zu Petrol, bei dem anderen schimmert es grünlich oder wieder bläulich. Ich musste das Einmaleins der Farbenlehre nachholen, um mit Karin auf Augenhöhe diskutieren zu können. Ständig hielt sie mir den Pantone-Farbfächer unter die Nase. Ohne den kann offensichtlich nichts auf der Welt professionell gedruckt werden.

Das von uns favorisierte Türkis in Kombination mit dem von uns favorisierten Mandala ist natürlich nicht unbedingt bei print-your-wedding-card.com zu finden, auch wenn ich zugegebenermaßen dort eine Weile gesurft habe. So was findet man ausschließlich – in Kalifornien. Karin hat mir glaubhaft versichert, dass nur dieses Grafikbüro in San José Einladungskarten mit einem Mandala produziert, die unserer Hochzeit würdig sind. Der Endversion ging ein zweiwöchiger E-Mail-Verkehr und zwölf Korrekturläufe mit dem Designer voraus. Jeder Korrekturlauf beinhaltete den Hinweis: „corrections after first approval not included“. Es bedurfte weiterer E-Mails, um abschließend zu klären, was „included“ ist und was „not“.

Wir beschränken den Kreis der Eingeladenen auf 50 Personen und rechnen mit vielleicht 25 Zusagen. Die andere Hälfte wird sich denken: Warum Bali? Sollen sie doch hier heiraten! Oder: Sie können ja gern auf Bali heiraten, aber sie werden bestimmt ein zweites Mal in Deutschland heiraten. Oder: Einen schönen Strand gibt es auch auf Sylt – vielleicht nicht mehr lange, aber vermutlich noch dieses Jahr. Doch genau weil es auch auf Sylt Strände gibt, wenn nicht sogar viel schönere als auf Bali, kommt für uns nur eine Hochzeit in den Reisfeldern infrage. Ich höre schon meine Familie: „Wie praktisch, wir wollen euch ja eh mit Reis bewerfen!“ Dabei geht es uns nicht um die Frage, ob wir mit Sand, Reis, Lotusblumen, Bananen oder sonst was beworfen werden, sondern um das typische Bali-Flair. Und genau dieses Gefühl wünschen wir auch unseren Gästen – falls sie zusagen.

Noch 250 Tage

Meine Mutter ruft als erste an. Sie ist für ihre knappen Statements bekannt, und auch diesmal begnügt sie sich mit einem: „Ich komme!“ Erst als sie meine überraschte Denkpause in Form von null Reaktion wahrnimmt, liefert sie eine stichhaltige Begründung hinterher:

Hömma, wenn mein dritter Sohn endlich heiratet, muss ich doch wohl dabei sein. Was glaubst denn du?

Ja, was glaube ich eigentlich? In Gedanken spiele ich ihre Reaktion auf noch ein paar andere ungewöhnliche Orte durch – Madagaskar, Falkland-Inseln, Grönland, Antarktis –, aber auch hier sehe ich sie auf einem Husky-Schlitten uns entgegenbrausen oder auf einem selbstgeschnitzten Einbaum entgegenpaddeln. Mit meiner Mutter ist immer zu rechnen, egal auf welchem Kontinent. Das wird mir nun klar, auch wenn ich dazu erst 40 werden musste.

Anruf Nummer 2 kommt von Karins Mutter, die ihr kroatisches Temperament selten verbergen kann. Auch ohne Lautsprecher füllt ihre Stimme unsere ganze Wohnung aus:

Kariiinchen! Kind! Ich hab Flugangst, ich hab Rücken! Und überhaupt!!!

Mama, dafür haben wir absolutes Verständnis.

Was? Erzähl keinen Unsinn. Wenn mein einziges Kind ruft, dann komme ich! Ist doch klar!

Ehrlich gesagt haben wir unsere Mütter nur pro forma eingeladen. Wer rechnet denn schon damit, dass sich zwei durchaus rüstige über 70-jährige in die Holzklasse setzen und einmal um die halbe Erdkugel fliegen, nur um ihren Kindern beim Jasagen zuzusehen? Wir ahnten all ihre Einwände schon voraus, doch großer Irrtum: Die Generation Wiederaufbau nimmt auch die Mühsal eines 12.000 Kilometer langen Flugs in Kauf.

Noch 245 Tage

An der Gästezahl (2) hat sich nicht viel verändert. Karin und ich machen uns schon auf das Schlimmste gefasst: die Erreichung des Minimalstziels, das heißt eine Hochzeit mit unseren Müttern, die dann auch gleich Trauzeuginnen spielen dürfen. Aber heute meldet sich die jüngere Generation. Eine von Karins besten Freundinnen, die zum Kreis der möglichen Trauzeuginnen zählt, jubelt in den Hörer:

Da wollten wir schon immer Urlaub machen!

Karin ist nur kurz irritiert:

Wunderbar, das könnt ihr dann ja vorher oder nachher machen.

Vor oder nach was?

Vor oder nach unserer Hochzeit.

Ach so, ja, da kommen wir dann auch vorbei.

So schnell ist noch niemand aus dem Kreis der Trauzeuginnen ausgeschieden. Nach reiflicher Überlegung machen wir die Einladung jedoch nicht mehr rückgängig.

Noch 243 Tage

Mein Bruder hat offensichtlich etwas länger gebraucht, um über die Frage nachzudenken, ob er seiner fünfköpfigen Familie mit drei schulpflichtigen Kindern die Reise zumuten kann bzw. will.

Wenn ich komme, dann mit allen!

Das klingt doch schon mal gut.

Aber ich muss die drei in der ersten Woche nach den Ferien aus der Schule nehmen. Das muss ich mit den Lehrern abstimmen. Und wer kümmert sich überhaupt um unsere Mutter? Du weißt, sie ist wetterfühlig.

Hier ist auch Wetter!

Jonas!

Was?

Ich kann mich nicht im Urlaub um drei Kinder kümmern und um unsere Mutter – von meiner Frau ganz zu schweigen. Wo ist da der Urlaub?

Und was haben wir für Flitterwochen, wenn wir uns beim Flittern um Mutter kümmern müssen – besser gesagt um zwei Mütter?

Ok, wir teilen uns auf.

Eine Mutter du, eine Mutter wir?

Ich meinte, zwei Wochen übernehmt ihr die Verantwortung für beide Mütter, und eine Woche kümmern wir uns um unsere Mutter.

Das klingt etwas ungerecht.

Wir haben noch drei Kinder.

Genau, und die sind auch schon super selbstständig.

Petra träumt von genmodifizierten Riesen-Kakerlaken.

Dann lass deine Tochter nicht so lange abends fernsehen.

Sie geht zum ersten Mal in den Dschungel.

Wir heiraten in den Reisfeldern inmitten der Zivilisation. Da gibt es auch keine Tretminen. Also entspann dich!

Ok, sieben Tage nehmt ihr Mutter, sieben Tage wir. Dann fliegt sie zurück.

Allein?

Mit Karins Mutter natürlich.

Aber nur, wenn man ihr das Schild „Wertvolle Fracht“ umhängt und die Flugbegleiterin sie nicht eine Sekunde aus den Augen lässt.

Von mir aus… Was wollt ihr geschenkt haben?

Nichts, wir freuen uns, wenn ihr kommt.

Das sagen alle.

Wir meinen es so. Ihr fliegt immerhin um die halbe Welt.

Gut, sehe ich auch so. Ich soll dich nur von meiner Frau fragen – der Form halber.

Verstehe.

Nichts für ungut, wir sehen uns im Dschungel!

Noch 238 Tage

Die Reaktionszeiten werden länger. Boris, mein Trauzeuge in spe, der noch nichts von der ihm zugedachten Rolle weiß, sondern erst den „Fliegt er für meine Hochzeit wirklich nach Bali?“-Test überstehen muss, fragt:

Warum noch mal Bali?

Wir wissen, dass wir diese Frage mindestens noch 100mal beantworten müssen. Das Thema Buddhismus klammern wir bewusst aus. Wir wollen unser Umfeld nicht gleich komplett überfordern und haben uns der Einfachheit halber auf die Kurzformel geeinigt:

Wegen des Spirit!

Was nicht unbedingt beim Gesprächspartner für mehr Verständnis sorgt, sondern eher nach einem Mysterium klingt. Antwort:

Ah sooooo…

Das Gegenüber gibt nicht auf:

Und natürlich wegen der Sonnenuntergänge, oder?

Ja klar, auch wegen der Sonnenuntergänge. Und erst die Aufgänge.

Das scheint Boris zu überzeugen und wird hoffentlich auch bei seiner Frau als Argument ziehen. Boris erwähnt, dass Lea mit Yoga angefangen hat. Ich gratuliere zu so viel Weitsicht und glaube fest an ihre Zusage.

Noch 230 Tage

Es häufen sich die Anrufe, in denen unsere Freunde alle möglichen Gründe vorschieben, damit sie nicht in den Flieger steigen müssen:

Ich habe Bandscheibe!

Wir haben im August schon Urlaub gebucht!

Unser Babysitter hat gekündigt!

Ich bekomme bei so langen Flügen Platzangst!

Ich habe eine Triple-S-Allergie: gegen Soja, Sandkörner und eigentlich auch gegen Sonne!

Verstehen wir vollkommen! lautet unsere Standardantwort, dann streichen wir den Namen von der Liste.

Bei einigen haben wir das Gefühl, dass sie vorher ein mehrstündiges Brainstorming durchgeführt haben – ihre Kreativität kennt keine Grenzen:

Bali ist ein Terroristennest. Es gibt geheime Berichte von IS-Ausbildungslagern.

Aha, und von wem weißt du das?

Ist geheim!

Oder:

Auf Bali soll es im Juli und August eine extreme Mückenplage geben!

Meinst du die nach der vernichtenden Heuschreckenplage im Mai und Juni?

Genau. Nach den Heuschrecken kommen die Mücken.

Wie es schon im Alten Testament steht, richtig?

Jonas, ich bin echt baff, wie bibelfest du bist. Dabei heiratest du doch buddhistisch!

Noch 225 Tage

Helen hat uns zwar ihre Unterstützung zugesichert, aber wir wollen ihr nicht die ganze Last aufbürden. Auch unterschätzt sie wohl ein wenig, was auf sie zukommt. Gerüchteweise hat sie schon mal eine Hochzeit in ihrer Villa gefeiert – und es war auch nicht ihre eigene –, aber davon gibt es kein einziges Foto. Es ist definitiv ihre erste Hochzeit mit einem deutschen Paar. Und ich bin selbstkritisch genug einzugestehen, dass das nicht ganz unkompliziert werden kann.

Also halten wir im Netz Ausschau nach Wedding Plannern, von denen Bali so viele hat wie Hindu-Statuen und -Tempel zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Uns beschleicht das Gefühl, dass auf einem Hektar Land doppelt so viele Hochzeitsagenturen wachsen wie Kokospalmen. Und alle behaupten sie, dass sie die individuellsten sind. Dabei wirken sie alle so austauschbar wie eineiige Zwillinge. Oder wie Palmen in einer Monokultur. Natürlich gibt es auch viele Büros, die für spezielle Nationen in der jeweiligen Landessprache aktiv sind und die kulturelle Passung hervorheben (treffen wir also doch noch Veronika Mayrhuber auf der Insel?). Neuester Trend: Ehemalige Bräute, die sich in ihrer Ehe langweilen, machen ein Planner-Büro auf und verkaufen die Lieferantenlisten, die sie von den Wedding Plannern auf ihrer eigenen Hochzeit bekommen haben. Wir denken nur ganz kurz über diese originelle Geschäftsidee im Anschluss an unsere eigene Hochzeit nach und stoßen dann auf einen Fragebogen, der uns stutzig macht. Eigentlich soll er uns helfen, den richtigen Wedding Planner zu finden. Aber wir haben eher das Gefühl, dass wir vor der Mafia gewarnt werden:

Verlangt der Wedding Planner ein Minimum Budget?

Will er im Voraus ausbezahlt werden?

Was ist im Basistarif enthalten – und für welche Services fallen Zusatzgebühren an?

Hält er Sie regelmäßig über die Ausgaben auf dem Laufenden?

Hat er die Erlaubnis, auf Bali zu arbeiten?

Wer ist der Kontakt vor Ort, wenn was schiefgeht?

Hat er eine Haftpflicht – wenn ja, bei welchem Versicherungsunternehmen?

Zahlt er die Lieferanten selbst oder bezahlen Sie diese direkt?

Wie sieht sein Notfallplan aus bei unvorhergesehenen Zwischenfällen?

Wir fragen uns, was unser Notfallplan ist, und was das für unvorhergesehene Zwischenfälle sein könnten: ein Priester, der kurz vor dem Ja einen Schwächeanfall bekommt? Eine neue Verordnung, die Ausländern das Recht zu heiraten verweigert? Ein Trauzeuge, der die Eheringe im Reisfeld verliert? Der Angriff einer Riesenechse aus dem Hinterhalt? An einen weiteren Zwischenfall mit dem Titel “Die Braut, die sich nicht traut” will ich gar nicht denken. Ich schlage Karin vor, dass wir erst mal überhaupt einen Plan aufstellen sollten, bevor wir uns an den Notfallplan machen. Unterdessen suche ich weiter nach dem perfekten Support.

Die Agentur mit dem knackigen Namen Say YES! hat einen interessanten Hinweis hinsichtlich der Religionszugehörigkeit:

“Should you want to marry in Bali you must declare a religion. Atheism is not recognised.”

Hier ist Bali also glücklicherweise auf demselben Entwicklungsstand wie die deutschen Behörden.

The Knot Agency schafft es, allein auf der Introseite 25mal den Begriff „package“ aufzuführen. Wir wenden uns mit Grausen ab. Schließlich landen wir bei Isle of Wedding International. Diese Agentur wird offensichtlich von Einheimischen geführt. Karin und ich haben uns ohnehin vorgenommen, eher die lokale Gemeinschaft als ausländische Agenturen zu unterstützen. Wir lesen ihr Motto:

“Sure, you could plan on your own and run the risk of a DIY Disaster – or you hire us!”

Ich schaue Karin tief in die Augen und hoffe, dass sie kein Do-it-yourself-Desaster riskieren will (nachdem schon das weihnachtliche Plätzchenbacken regelmäßig in einem Leider-verbrannt-Desaster endet). Die Website macht einen professionellen Eindruck ohne viel Schnickschnack. In der Bildergalerie fehlt überraschenderweise das obligatorische Strandfoto. Das lässt schon mal hoffen. Karin gibt mir grünes Licht, sie anzuschreiben. Ich komme in meiner E-Mail sofort zum Punkt:

Sehr geehrte Damen und Herren, wir haben vor, auf Bali buddhistisch zu heiraten. Eine Location haben wir und auch eine ziemlich genaue Vorstellung, wie die Hochzeit ablaufen soll. Aber sonst noch nichts. Wir sind ein sympathisches, weltoffenes Paar, das an einer individuellen Zeremonie interessiert ist, nicht an den üblichen Wedding Packages. Wie können Sie uns unterstützen?

Noch 222 Tage