BALKAN BIZZNIS - Ivana Brnadić - E-Book

BALKAN BIZZNIS E-Book

Brnadić Ivana

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Beschreibung

Balkan Bizznis ist ein Muss für jeden Liebhaber von gepflegtem Humor und Realsatire, aber auch für alle, die an einem Wirtschaftsbuch der anderen Art interessiert sind. Gekonnt werden die Stereotypen des Balkans und Deutschlands gepflogen und humorvoll kommentiert. Die Dynamik der Handlung und der ständige Wechsel der Perspektive ein- und derselben Szene aus der Sicht der unterschiedlichen Protagonisten sorgen für eine kurzweilige Lektüre. Aber Achtung: Es könnte sein, dass Sie erst aufhören zu lesen, wenn Sie am Ende angelangt sind.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 262

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Brnadić Ivana

BALKAN BIZZNIS

BALKAN GESCHÄFTSSCHLÜSSEL

© 2020 Brnadić Ivana

Verlag und Druck:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-20409-6

Hardcover:

978-3-347-20410-2

e-Book:

978-3-347-20411-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

INHALTSVERZEICHNIS

EINFÜHRUNG

KAPITEL 1

Nebelungen GmbH&Co.KG.

Konferenz

Standortauswahl

Herr Štoleg

Schlüssel

Anwaltskanzlei Štoleg

Abendessen

Projektvorbereitung

In der Unternehmenszentrale

Kündigung oder Beförderung

KAPITEL 2

Herr Tomislav

Büroräume

Arbeitskraft

Herr Schleiming

Erster Eindruck

Anwaltskanzlei Štoleg

Grundstückbesichtigung

Abendessen

Im Hotel

Stadtverwaltung

Unmoralisches Angebot

Mathematik

Präsentation

KAPITEL 3

Herr Strick

Herr Filip

Zweifel

Anrufe in Abwesenheit

Antworten

Entscheidung

Erster Eindruck

Grundstückbesichtigung

Mittagessen

Bedrohung durch China

Zweite Chance

Anfang oder Ende

Ende

Dank

Literatur

Im Andenken an meine Großmutter Ivka Josipović, die über 30 Jahre als Gastarbeiterin in Deutschland gearbeitet hat.

„Wenn du ein Buch lesen willst, das noch nicht geschrieben wurde, musst du derjenige sein, der es schreibt.“

Toni Morisson

EINFÜHRUNG

Das Buch ist fiktiv. Personen, Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse sind entweder die Frucht der Vorstellungskraft der Autorin oder fiktiv. Jede Ähnlichkeit mit realen Ereignissen, Orten oder lebenden oder toten Menschen ist völlig zufällig und nicht beabsichtigt. Dennoch ist das Buch sowohl von realen Menschen als auch von Ereignissen inspiriert, die Spuren hinterlassen haben. Es ist eine dünne Grenze zwischen der Realität und der Unwirklichkeit. Die Wahrheit liegt in den Augen des Lesers und die Vorstellungskraft ist die Wahrheit innerhalb der Lüge.

.

KAPITEL 1

NEBEL VERKAUFEN

[nee·bel ver·kau·fen]

• nebulös reden, täuschen,

falsche Versprechungen machen,

Lügen erzählen

Am häufigsten verwendete Phrase in der

Geschäftskommunikation am Balkan;

meist bezieht es sich auf Geschäfte,

die groß vorgestellt und nie abgewickelt werden.

NEBELUNGEN GMBH & Co. KG

Mein Name ist Inga Bergof, ich bin Angestellte der Firma Nebelungen GmbH & Co. KG. Mein Fachgebiet ist Projekt Management. Der Name des Unternehmens lässt die Unternehmenstätigkeit erahnen. Nebelung ist ein alter germanischer Begriff für den Monat November (=Nebel). Die Firma Nebelungen GmbH & Co. KG ist ein Synonym für Qualität, Innovation und Tradition, sowohl innerhalb des deutschsprachigen Raums, als auch darüber hinaus. Unser Produkt wird fast vollständig exportiert. Wir sind auf den herausforderndsten Märkten innerhalb der Europäischen Union, Asiens und anderen Regionen vertreten. Das Unternehmen Nebelungen GmbH & Co. KG belegt die Spitze der Weltproduktion, wenn es um Nebelherstellung geht. Unser Erfolg ist das Resultat strenger Unternehmensphilosophie, die auch das „Made in Germany“-siegel bestätigt. 1887 von den Briten aufgezwungen, ist dieses Siegel mittlerweile als National-Brand anerkannt, das nicht durch überteuerte Marketingkampagnen oder an internationalen Messeständen entstanden ist, sondern als Resultat fleißiger Arbeit und Mühe. Es weist zudem auf hohe Qualität des Produktes hin. Ein Synonym für Zuverlässigkeit, Ingenieurskunst, Erfindungsgeist und höchsten technischen Standard. Es steht für Mercedes, BMW, für Porsche, … es steht für Nebel. Die Menschen vertrauen dem Siegel, die Menschen vertrauen uns.

Außer dem „Made in Germany“-siegel ist das Produkt auch mit dem BIO Gütesiegel ausgezeichnet, weil der ganze Produktionsprozess kontrollierte Herkunftsbedienungen und ökologische Produktion ohne Chemikalien beansprucht. Die Produktion ist begrenzt und mit einigen kleinen Abweichungen hauptsächlich saisonal. Der Nebel entsteht, wenn kalte Luftströme auf warme Erd- und Wasseroberflächen stoßen, was man im Herbst besonders gut beobachten kann. Es handelt sich dabei um eine Wolke aus Wassertropfen bzw. eine Dispersion der Wassertropfen in der Luft, so fein, dass sie schweben können. Der Mangel an Konkurrenz in dieser Branche ist durch das damit verbundene hohe Geschäftsrisiko zu erklären. Der Nebel ist ein sehr empfindliches Produkt, vollständig abhängig von den Wetterbedienungen. Es genügt, dass ein stärkerer Windstrom seine Richtung ändert und Nebel höchster Qualität wird zu Smog.

Ich eile zur Konferenz, Geschäftsführer und Firmeninhaber Herr Strick hat heute eine Ausnahmesitzung einberufen. Herr Strick hat das Unternehmen von seinem Vater Konrad geerbt. Im Unterschied zum Senior, der neben anderen großen Unternehmen wie Bayer, BASF, Thyssen Krupp, VW usw. oft in den Medien wegen lukrativer Zusammenarbeit mit dem Nazi-Regime in Zusammenhang gebracht wurde, hat sich der Junior nie in der Öffentlichkeit hervorgehoben. Mit seinen knapp 80 Jahren verbringt er immer noch seine meiste (freie) Zeit im Büro und lebt zurückgezogen und bescheiden. Herr Strick ist stolz auf seinen Betrieb der schon seit Generationen in Familienhänden ist. Die Arbeit mit ihm ist sehr anspruchsvoll. Obwohl er dem Schein nach eine ganze Armee Topmanager einstellt, steht er auch nach 40 Jahren Erfahrung immer noch zu seinem Grundsatz: „Jeder hat das Recht auf meine Meinung“, hier fängt an und endet ungefähr unsere Entscheidungsfreiheit, unabhängig von der Hierarchieebene.

Das Unternehmen ist seit Jahrzehnten stets bemüht dessen ruhmlose Rolle während des Nationalsozialismus zu verstecken, doch die vererbte Kultur und Verhaltensweisen, so wie Ordnung, Arbeit und Disziplin, als auch andere erworbene Philosophien werden durch interne mündliche und schriftliche Richtlinien tief verwurzelt bleiben. Eins der eklatantesten Beispiele ist die Mitarbeitereinstellungs- und Beförderungsphilosophie. Es werden ausschließlich heimische Leute angestellt, mit ausgeprägt heller Haut und geistigen und körperlichen Fähigkeiten. Wir sind zweifelloser Herkunft, tragen bekannte Nachnamen, sind ausgezeichnete Schüler, erfolgreiche Sportler, groß, gutaussehend, blond, blauäugig und intelligent. Bei der Beurteilung des letzteren, bzw. der Intelligenz, stützt man sich auf vorherige Referenzen, Ergebnisse und Bewertungen. Wir gehören weder der Mensa an, dessen Mitglieder mit einem IQ über 130 nur 2 % der Weltbevölkerung ausmachen, noch ist der Intelligenztest ein wesentlicher Bestandteil der Vorstellungsgespräche.

Im Falle des Mangels an Kandidaten werden die Kriterien gesenkt, sodass Herkunft und Nachname im Vordergrund stehen, während Aussehen, Leistungen und alles andere in den Hintergrund tritt. Einem solchen Mitarbeiter der B-Kategorie steht aufgrund seiner starken Wurzeln einem weiteren Fortschritt im Unternehmen nichts im Wege. Der Unterschied bei den Beförderungen von Mitarbeitern, die nicht vollständig der geerbten Rassenideologie entsprechen besteht nur darin, dass diese an höheren Funktionen enden, die weniger dem öffentlichen Auftreten und Menschenkontakt ausgesetzt sind. Während der Beförderung wird dem Mitarbeiter der B-Kategorie die Korrektur seines Erscheinungsbilds direkt suggeriert. Wenn es sich um leicht umsetzbare Änderungen, wie Haarfarbe oder Gewicht handelt, so geschieht dies durch spontane Gespräche über die neuesten Diäten oder Modetrends. Handelt es sich jedoch um anspruchsvollere Fälle, so geschieht das Ganze in Form konkreter zahnärztlichen oder anderer notwendiger ästhetischer Eingriffsvorschläge.

KONFERENZ

Die Besprechung beginnt. Es wird spekuliert, dass sich Herr Strick in den Ruhestand zurückzieht und uns heute offiziell seinen Nachfolger vorstellen wird. Gerüchten zufolge hat er für einen größeren Betrag den besten Mann in der Branche rekrutiert. Ein fast zwei Meter großer, grauhaariger Herr, im schwarzen Anzug, mit Krawatte und Hut betritt den Raum in Gesellschaft zweier älterer Herren, ebenfalls in Anzügen. Der erste ist winzig, gepflegt, sehr vital und vor allem gut gesonnt. Der zweite ist ebenfalls groß, sichtlich der älteste, stärker gebaut und trägt als einziger eine Brille. Es handelt sich um Partner von Herrn Strick, die in den achtziger Jahren ins Geschäft eingestiegen sind, um das Unternehmen zu retten. Sein Vater Konrad hat es nämlich vor seinem Tod geschafft, das Unternehmen trotz des vielversprechenden Geschäfts nahe an den Abgrund zu bringen. Er hat eine Reihe falscher Geschäftsentscheidungen getroffen und sich übermäßig verschuldet, während er parallel dazu maßlos in Forschung und Entwicklung investiert hat. Erst nach der Übernahme, als sein Vater bereits im Hospiz war, wurde Herr Strick mit dem tatsächlichen Stand der Unternehmensbilanz konfrontiert. Es wurde nie öffentlich darüber gesprochen, aber die Medien haben in Erfahrung gebracht, dass Nebelungen, bzw. Herr Konrad Strick, in dem Jahr der größte private Investor in Wissenschaft und Forschung des Landes war. In den achtziger Jahren lag der Anteil der Finanzierungsquellen für Wissenschaft und Forschung unter öffentlichen und privaten Mitteln ungefähr gleich und hat als solches für wenig Aufmerksamkeit gesorgt, aber da es sich um die in den Medien bekannten Nebelungen gehandelt hat, sind von allen Seiten Beträge aufgetaucht. Es war die letzte Erwähnung des Seniors in den Medien und seine letzten 5 Minuten Ruhm. Heutzutage führt der Privatsektor, wenn es um Investitionen in die Wissenschaft geht, insbesondere in asiatischen Volkswirtschaften. Die Privatisierung der Wissenschaft ist ein Trend, ich wage es zu behaupten ein negativer, der mehr öffentlicher Aufmerksamkeit verdient und Herr Strick ist sicherlich einer der Urheber dieses Trends, zumindest in unserer Region. Da das Produkt selbst gleich geblieben ist, kamen Spekulationen darüber auf, in was genau Herr Strick Senior investiert hat. Diese Frage ist allerdings bis heute unbeantwortet geblieben. Die Partner von Herrn Strick haben immer noch bestimmte Anteile im Unternehmen, aber im Gegensatz zu ihm, haben sie sich vor einigen Jahren des Alters wegen in den Ruhestand gezogen. Sie verfolgen nur mehr mit Abstand und in Umarmung jüngerer Liebhaberinnen, die bestenfalls ein Drittel ihres Alters haben, von verschiedenen touristischen Destinationen aus den Unternehmensprofit.

Nach einer kurzen Begrüßung wendet sich Herr Strick an die Beteiligten: „Meine Herrschaften, sicherlich interessiert sie der Grund dieser Zusammenkunft?“ Es herrscht Stille. Er fährt fort: „Botschaft an all diejenigen, die sich meinen Rücktritt erhofft haben: lassen sie mich ihnen ihren neuen Geschäftsführer vorstellen“, er erhebt sich aus seinem Stuhl. „Ich befinde mich erst in der zweiten Hälfte meines Lebens, voller Energie und mit einem starken Willen, möchte ich dieses Unternehmen an die Spitze bringen, wo wir auch hingehören.“ „Aber Herr Geschäftsführer, ich denke, wir sind bereits in …“, erwidert mutig ein Vorstandsmitglied. Herr Strick unterbricht ihn sichtlich wütend: „Herr …, die Dinge funktionieren hier wie folgt: sie kommen mit ihrer Meinung rein und sie gehen mit meiner raus, aber dies sollten sie während ihrer zwanzig Jahre Nichtstuns hier bereits verstanden haben.“ Eines ist uns allen an dieser Stelle klar: Eine Position im Vorstand wurde gerade frei.

Herr Strick fährt dramatisch fort: „Aus einem tiefen Schlaf wurde ich heut morgen von einem Albtraum geweckt. Nebelungen soll wegen der Konkurrenz bankrott gegangen sein. Der Markt wurde von den Chinesen mit einer billigen, minderwertigen Kopie unseres Nebels erobert.“ Es scheint, als höre man von irgendwoher einen kontrollierten Lachanfall, aber er fährt ganz ernsthaft fort: „Ich habe darüber sofort meine Geschäftspartner informiert, damit wir wie immer die Bedeutung des Traums zusammen interpretieren. Wir haben einstimmig festgestellt, dass uns jemand oder etwas Zeichen schickt. Unseren Verdacht hat weiters ein schwarzer Kater bestätigt, der die Straße überquert hat, als wir gerade vom Parkplatz zum Eingang liefen. Zu viele schlechte Zeichen, das lässt nichts Gutes ahnen! Wir müssen dringend handeln und haben daher einstimmig beschlossen, die gesamte Produktion nach Osteuropa zu verlagern.“ Es herrscht Stille. Dies hat niemand vorhersehen können.

„Die Kosten in Osteuropa sind deutlich niedriger als in unserem Land. Die Arbeitskraft ist billiger. Durch gezielten Umzug des Betriebs in ein klimafreundlicheres Gebiet würden wir sämtliche monatlichen Produktionsschwankungen vermeiden und könnten die Produktion von saisonal auf ganzjährig umstellen. Stellen sie sich nur die Mengen und Profite vor! Mengenerhöhung würde zur Stückpreissenkung führen, weshalb wiederum der Verkaufspreis dermaßen wettbewerbsfähig werden würde, dass die Chinesen in diesem Jahrhundert keine Chance hätten, Nebel herzustellen.“

Es herrscht weiterhin Stille. Wozu eine Reaktion, nichts überrascht mehr, wenn es sich um Herrn Strick und seine Träume, seine Ideen, die Ideen seiner Freunde, seines Friseurs usw. handelt. Meist halten ihn solche Ideen ein paar Tage lang, danach ändert er entweder seine Meinung oder vergisst einfach alles. Wenn es um die Vergesslichkeit geht, erinnert sich Herr Strick oft nicht an das, was er gestern gesagt hat, aber interessanterweise weiß er sehr wohl, was er nicht gesagt hat, und man kann ihm daher keine falschen Erinnerungen auferlegen, was von vielen ständig probiert wird. Manchmal, nach stundenlangen Monologen, ohne auch nur eine Ideenrealisierung, scheint es so, als ob Herr Strick einfach nur seine Anwesenheit und den Farbton seiner eigenen Stimme genießen würde. Seine Ideen und Arbeitsmethoden sind längst überfällig. Er betrachtet Marketing als Geld, das man zum Fenster rausschmeißt, während Abteilungsmitarbeiter ihm täglich durch gefälschte Statistiken versichern, dass das zum Fenster rausgeschmissene Geld wiederum durch die Tür reinkommt. Der IT-Sektor ist für ihn heute noch eine der größten Unbekannten, aber er ist sich bewusst, dass er mit der Zeit Schritt halten muss, auch wenn dies bedeutet, Unbekannte in das Unternehmen einzuführen. Der IT-Sektor hat eigentlich den Vatikanstatus im Unternehmen, Staat im Staat, die einzige Abteilung, in die er sich nicht einmischt. Von der Mehrheit überstimmt, hat er die Abteilung Ende der neunziger Jahre gegründet und hier ist die Zeit, was es das Equipment angeht, von dem viele Geräte bereits den Status der Museumsexponate erreicht haben, stehengeblieben. Die Abteilung wird am Respirator gehalten. Das IT-Team ist stets bemüht, die Abteilung funktionsfähig zu halten, was in der Praxis dem Spielen von Fortnite auf einem 8-Bit-Commodore 64 gleicht. Die Resultate und der Fortbestand des Unternehmens sind auf die hohe Marktnachfrage und den mangelnden Wettbewerb zurückzuführen, weniger auf die aktuellen unternehmerischen Fähigkeiten von Herrn Strick. Er behauptet zu Recht, dass wir es besser machen können, wir könnten es viel besser, wenn er selbst nicht jeden geschäftlichen Verbesserungsvorschlag verhindern würde. Am Ende führt alles dahin, dass wir immer nur nach einem innovativen Weg suchen, alles so zu machen, wie wir es immer getan haben, oder genauer gesagt, wie er es immer getan hat. Manchmal scheint er gute Ideen absichtlich abzulehnen, nur weil sie nicht von ihm kommen. Es kommt auch vor, dass ein bestimmter Vorschlag abgelehnt und später als sein eigener vorgestellt wird. Es handelt sich bei Herrn Strick um eine Person mit einem starken Ego. Solche Menschen sind nicht bereit, die Wahrheit zu akzeptieren und die Verantwortung für eigene Fehler zu übernehmen, und so ignoriert er geschickt, dass er keine Entscheidungen mehr treffen kann, die den modernen Geschäftspraktiken und herrschenden Markttrends entsprechen. Immer sind andere schuld, obwohl er im Endeffekt jede Entscheidung selbst trifft. Sein Ego ist der größte Kostenaufwand dieser Firma. Die Chinesen sind uns dicht auf den Fersen, potenzielle Konkurrenten rekrutieren aggressiv ehemalige Kollegen, aber hypothetisch betrachtet, selbst wenn das Schlimmste passieren sollte, bzw. die Übernahme eines bestimmten Teils des Marktes geschieht – es ist immer noch genügend Kuchen für alle da. Die Welt ist einfach begierig nach Nebel.

STANDORTAUSWAHL

Es ist Montag, ich komme zu spät ins Büro. Was bedeutet „zu spät sein“ in unserem Unternehmen? Greifen wir auf die vererbten Verhaltensmuster zurück. Die offizielle Arbeitszeit ist von 8: 00 bis 16: 00 Uhr. Dies ist der offizielle Stundenfonds, der dem Gesetz entspricht und zur Berechnung der Gehälter dient. Inoffiziell müssen wir ab 7: 00 Uhr im Büro sein. Je höher wir uns durch Beförderungen entlang der hierarchischen Struktur nach oben bewegen, desto früher kommen wir zur Arbeit und verlassen diese später. Der Zweck des verlängerten Aufenthalts ist es, den Untergeordneten als Vorbild zu dienen, denn als Mitarbeiter müssen wir bereit sein, uns für das Unternehmen zu opfern. Ganz andere Regeln gelten natürlich für die Spitze der Hierarchie. Überstunden sind in den überdurchschnittlichen Gehalt, den wir erhalten, bereits einberechnet. Eine sehr praktische und in der Branche häufig praktizierte Täuschung, denn wenn wir den Gehalt durch die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden dividieren, erhalten wir einen Stundensatz, der niedriger ist als der einer Kassiererin.

Ich betrete Punkt 07.01 Uhr das Büro, die Tür steht weit offen. Herr Strick sitzt bereits in meinem (seinem) Sessel zurückgelehnt, wünscht mir einen guten Morgen und konstatiert im gleichen Atemzug, dass ich zu spät komme. Die Verspätung führt er diesmal aber auf unfähige Bauunternehmer auf der Stadtstraße zurück, die mit der Einfahrt des Unternehmens grenzt. Seit Monaten gibt es dort eine Baustelle, weshalb sogar er manchmal zu spät zur Arbeit kommt – und wieder sind wie immer andere schuld.

„Frau …. möchte mich nicht wiederholen, sie haben bei der Besprechung alles mitbekommen. Ich habe sie zur Projektleitung auserwählt. Bitte machen sie sich sofort an die Arbeit. Analysieren sie die östliche Region, auf der Suche nach einem adäquaten Standort. Berücksichtigen sie dabei alle Aspekte des Geschäfts: die wirtschaftlichen, klimatischen, rechtlichen und vor allem die finanziellen. Ich erwarte die günstigste Lösung für das Unternehmen. Morgen um 12 Uhr in meinem Büro.“ Während er das Büro verlässt, macht er das Licht aus, mit dem Kommentar, dass es draußen bereits hell ist und ich es nicht mehr brauche. Das Ausschalten der Lichter ist bei jedem Verlassen des Büros und genügend Tageslicht obligatorisch.

Ich google, suche nach Ländern mit günstigen klimatischen Bedingungen und eliminiere diese dann nach wirtschaftlichen und andere Faktoren. Ich springe von Kontinent zu Kontinent, von Region zu Region, von Land zu Land, von Stadt zu Stadt. Nach ganztägiger Datenverarbeitung fällt endlich ein Land auf. Es ist Mitglied der Europäischen Union, was bedeutet: kein Zoll. In der Welt ist es außer als Touristenziel, vor allem durch herausragende sportliche Leistungen bekannt. Wenn es um die Geschäftswelt geht, hier hören die Lobgesänge auf: bis vor kurzem eine negative Bonität, übermäßige Bürokratie und ein hohes Maß an Korruption.

Ich rufe Kristjan an. Er hat mit mir gemeinsam studiert, ist hier geboren, aber slowenischer Herkunft. Was als Smalltalk beginnt, endet als ein zweistündiger Vortrag über Malversationen. Kristjan ist Vorstandsmitglied einer bekannten deutschen Kleinhandelskette. Er ist schnell aufgestiegen, unter anderem, weil er erfolgreich das Team, zuständig für die Expansion auf den potenziellen Markt, geleitet hat. Er hat die ganze Problematik auf dem lokalen Markt mit eigener Haut erlebt, die Entscheidung bereut man jedoch nicht. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten mit der Korruption, der Bürokratie, Gesetzen, Arbeits- und Verbrauchergewohnheiten der Menschen usw. hat es das Unternehmen geschafft, sich als führend in diesem Segment zu etablieren. Er behauptet, dass fast alle Mitarbeiter, die ursprünglich für die Expansion verantwortlich waren, wegen Ausnutzung der Position für die eigenen Interessen entlassen wurden. Er rät dazu, alles dreifach zu kontrollieren und die Entscheidungen nicht neuen Mitarbeitern vor Ort zu überlassen, egal wie viel Vertrauen sie vermitteln. Der Balkan zeichnet sich durch ein beneidenswertes Maß an Kreativität aus – wenn es um Malversationen geht. Einige sind rechtzeitig mit vollen Taschen gegangen, andere wurden entlassen oder sogar entlassen und gleichzeitig mit hohen Abfindungen abgefertigt, während dritte ganz unschuldig, für andere geradestehen mussten, weil sie zufällig Teil der Abteilung waren.

Das Unternehmen hat den Preis bezahlt bzw. zahlt noch heute, und die Kosten wurden in der Zwischenzeit, aus der Sicht des Rechnungswesens, als Markteintritts- oder Entwicklungskosten akzeptiert und wird als immaterieller Vermögenswert abgeschrieben.

Die Verdienstmöglichkeiten durch verschiedene Kombinationen sind am günstigsten während des Markteintritts eines ausländischen Unternehmens ins Land. Je länger das Unternehmen auf dem Markt tätig ist, desto kleiner werden Manipulationsmöglichkeiten und damit verbundenen Beträge. Man könnte sagen, dass Expansion und persönliche Interessen, bzw. das Einkommen von Einzelpersonen, im Allgemeinen proportionale Größen sind. Wenn es um die Expansion des Einzelhandels geht, so ist die Branche, nach kirchlichen und den Staatsgeschäften, führend bei der Generierung zusätzlicher Verdienstmöglichkeiten. Sobald die Expansion innerhalb des Landes schwächer wird, verringert sich auch der Manipulationsraum für Kombinationen. Grundstücke werden nicht gekauft – es bleiben Berechnungen mit dreimal höheren Preisen aus. Weniger Bauarbeiten, heißt kleinere Anteilsbeträge von Auftragnehmern. Das Sortiment ist mehr oder weniger fix, es fallen weniger Provisionen an – von den Listungs-Erpressungen inländischer Lieferanten und auch von der Umsatzbeteiligung nach Listung. Die Arbeitsstellen sind bereits alle vergeben, es fallen Provisionen in Höhe der ersten drei Monatsgehälter aus, die für die Einstellung der Mitarbeiter über Vitamin-B gefordert werden – den Mitarbeitern, die immer noch lieber für ausländische als für inländische Unternehmen arbeiten. Der Lohnunterschied ist in der Zwischenzeit unbedeutend, aber ausländische Unternehmen bieten Sicherheit und vor allem ist die Bezahlung regelmäßig. Verträge mit Unternehmen, die für den Verkauf bestimmter Produkte erforderliche Zertifikate ausstellen, wurden auf 100+ Jahre zu dreimal höheren Preisen unterzeichnet, so definierte Beträge fließen weiterhin in die Tasche der Unterzeichner, die den Betrag, obwohl nicht im Unternehmen, brav weiter mit ihrem Nachfolger teilen. Wenn die Expansion stagniert, so hat bereits jeder sein Stück Kuchen genommen und nur diejenigen in der obersten Spitze, die noch über gewisse Entscheidungsfreiheit verfügen, können hier und da noch profitieren. Diejenigen, zu deren Tugend Bescheidenheit gehört, können so langfristig bestehen, ohne aufgerufen, oder bemerkt zu werden, man kann es ihnen im Endeffekt gar nicht verübeln, denn es ist mehr als verständlich, dass für den Verkauf des Schnaps des Vaters der Liebhaberin im Regal einfach Platz sein muss. Die hartnäckigsten und gierigsten fangen erst dann mit richtigem Geschäft an. Es werden eigene Firmen gegründet, die sowohl für den eigenen Arbeitgeber als auch für andere in der Branche arbeiten, denn es wäre viel zu schade, die erworbenen Bekanntschaften gleichgesinnter nicht auszunutzen.

Das Problem ist, dass wegen Nichtbestrafung in eindeutigen Manipulationsfällen, manchmal sogar auch Belohnung solcher, viele gute Mitarbeiter verloren worden sind. Diejenigen, die durchweg ehrlich gearbeitet haben, während sie gleichzeitig verschiedenen unfairen Firmenentscheidungen sehen mussten, haben entweder das Unternehmen selbst verlassen oder aber sind geblieben und warten auf ihre Gelegenheit. Sie haben erkannt, dass sich Loyalität nicht lohnt. Loyalität und Vertrauen in ein ausländisches Unternehmen haben sie, hingerissen durch Lohnlisten, dazu verführt schwindelerregenden Kredite aufzunehmen, die sie heut noch des Gehaltes wegen an die Firma, bzw. die überdurchschnittlichen Löhne, fesseln. Solche, nun klügere Mitarbeiter, mittlerweile verdient befördert, setzten sich nun bei den Besprechungen in der Hauptzentrale des Unternehmens stark für Expansion nach Osten auf andere Balkanländer ein. Sie melden sich für bestimmte Positionen und möchten versetzt werden unter dem Vorwand, dass sie bereit sind, alles für das Unternehmen zu tun, was eine sehr geschätzte Einstellung in jedem ausländischen Unternehmen ist. Kristjan beschließt, dass wir nur dann Geschäfte machen können, wenn wir den Eintrittspreis akzeptieren und die etablierten Geschäftsmuster, an die wir in unserem Land gewöhnt sind, vergessen und die Ergebnisse werden kommen. Er hat mir den Kontakt der Anwaltskanzlei von Herrn Štoleg gegeben, die nur die größten Unternehmen der Welt vertritt, ernsthafte Kunden, die beabsichtigen, in das Land zu investieren.

Punkt 12 Uhr in Herrn Stricks Büro. „Frau Bergof, bitte kurz und klar.“ „Kro …“, ich schaffe es nicht auszusprechen. „Jugoslawien? Tito? Sliwowitz? Cevapcici? Warum nicht?“ „Herr Strick, ich habe alles durch studiert und …“ „Passt, passt, nehmen sie den nächsten Flug, sie haben eine Woche Zeit, um mit konkreten Informationen zurückzukehren.“

Ich bin bereit für den Flug. Meinen Kater Felix habe ich bei meiner Mutter gelassen. Ich rufe die Anwaltskanzlei an, um so schnell wie möglich einen Termin zu vereinbaren, damit ich in dieser Woche alles erledigen und mit benötigten Informationen zurückkehren kann. Am anderen Ende meldet sich ein Mädchen, das in perfektem Deutsch antwortet, dass sie mich mit Herrn Štoleg verbinden wird. Der Herr akzeptiert den Anruf auch in fließendem Deutsch: „Oh Frau oder Fräulein Bergof, ich habe ihren Anruf erwartet, Kris hat mich informiert.“ Fräulein bitte. Ich weiß nicht, warum ich ihn korrigiere. In der Geschäftskommunikation werden solche Fragen nicht gestellt. „Sind sie bereits angekommen?“ Nein, ich warte auf den Flug, ich lande in 3 Stunden. Ich würde morgen früh um einen Termin bitten. „Um 8 Uhr, passt?“ „Perfekt.“ „Wünsche einen guten Flug“, fügt er hinzu. Ich bedanke mich und beende das Gespräch.

Ich leide an Aviophobie. Wenn es nach mir ginge, so würde ich niemals ein Flugzeug betreten, aber wegen des Arbeitsbedarfs und der Urlaubsziele habe ich gelernt, meine Angst zu kontrollieren, d.h. so viel wie: ohne vorher Schlaftabletten oder eine angemessene Alkoholdosis einzunehmen, steige ich nicht in ein Flugzeug. Die Flugbegleiterin weckt mich auf. Der Flug ist ziemlich kurz, wenn man ihn verschläft. Apropos schlafen, ich habe ein Hotel in der Innenstadt gebucht. Ich habe vor, ein Taxi in die Stadt zu nehmen, es ist teurer als öffentliche Verkehrsmittel, was uns von der Firma wegen der Kosten immer suggeriert wird, aber jetzt ist nicht die Zeit zu sparen. Ich durchquere die Kontrolle und nehme meinen Koffer vom Band.

Ich steh am Ausgang. Vor mir steht ein Mann mit der Aufschrift: ‚Fr. Bergof.‘ Ich drehe mich geschockt um, um zu überprüfen, ob es noch jemanden mit dem gleichen Namen gibt. Bergof ist unser oft vorkommender heimlicher Nachname. Der Herr in der Chauffeuruniform bemerkt meine Reaktion und tritt auf mich zu mit den Worten: „Herr Štoleg.“ Obwohl mich die Tat selbst wütend macht, weil ein solcher Zugang nicht erforderlich ist, freue ich mich angesichts des stürmischen Tages darüber, dass ich keinen Transport anfordern muss. Dieses Verhalten sieht mir nicht ähnlich, aber wen interessiert es, ich bin weit entfernt, es ist spät und ich bin müde. Ich nehme das Angebot ohne Widerspruch an. Während der ganzen Fahrt herrscht Stille, Herr Chauffeur ist sehr professionell. Er öffnet mir die Tür, nimmt meine Sachen aus dem Kofferraum, und übergibt diese dem Portier. Freundlich verabschiedet er sich und geht.

Ich betrete das Zimmer. Auf dem Tisch steht ein Blumenstrauß mit der Nachricht: „Willkommen, wir sehen uns morgen um 8 Uhr im Büro unter der unten angegebenen Adresse. Erholen sie sich.“ Tatsächlich habe ich in diesem ganzen drunter und drüber nicht einmal nach der Büroadresse gefragt. Ich bin angenehm überrascht über die Begrüßung, die Herr Štoleg für mich vorbereitet hat. Ich bin in diesem Geschäft seit fast 20 Jahren tätig und das einzige, was mich bisher in den Hotels erwartet hat, waren Obstschalen und diese dann aber auch bei All-Inklusive-Pauschalreisen in der Türkei. Woher wusste er nur, wo ich mich aufhalten würde? Ich verstehe nichts und muss auch nichts verstehen, jetzt brauche ich nur noch eine Dusche und das Bett.

HERR ŠTOLEG

Ich heiße Emanuel Štoleg und bin Besitzer einer Anwaltskanzlei, die seit Jahren eine Reihe an Rechtsdienstleistungen für internationale Klienten aus verschiedenen Branchen anbietet. Wir bieten Kunden schlüsselfertige rechtliche Unterstützung in allen Angelegenheiten, denen ein Kunde beim Starten, Betreiben oder Erweitern seines Geschäfts in unserem Land widerfährt. Erfahrung, Fachwissen, Zuverlässigkeit und die Flexibilität unseres Teams ermöglichen es uns, die Wünsche unserer Kunden schnell zu erkennen und ihnen jederzeit optimale geschäftsorientierte Lösungen anzubieten. Unsere Zuvorkommenheit und Freundlichkeit ist das, was uns von anderen unterscheidet. Ausländer, die unserer Balkan-Arbeitsweise zum ersten Mal begegnen, merken, von unserer ungewöhnlich intimen Herangehensweise verführt, nicht, dass dies nur ein Teil der Täuschung, bzw. einer weiteren, vorgespielten und wunderbaren Interessensgeschichte ist, in der jeder Spieler seine Rolle spielt.

Als Hauptkontakt von Frau Inga, ist es selbstverständlich, dass ich perfekt Deutsch spreche, eloquent, professionell, konsequent, kultiviert und galant bin. Ich bin Mr. Goodguy, dessen Hauptaufgabe es ist, sofort all ihre Vorurteile zu eliminieren, die auf den (Un)wahrheiten über uns Balkanleuten basieren, und uns auf diese Weise die Möglichkeit auf eine Zusammenarbeit zu eröffnen. Wir sind uns unserer Möglichkeiten in diesem Land bewusst, und wenn sie glauben, Amerika sei ein Land mit unbegrenzten Möglichkeiten, dann ist der Balkan mit seinen rund 500.000 km2, was ungefähr einem Zwanzigstel Amerikas entspricht, kein Land, sondern eine Region, genauer gesagt eine Halbinsel mit unbegrenzten Möglichkeiten, und unser Land, das 1/175 der Oberfläche Amerikas entspricht, ein Phänomen, wenn wir von unbegrenzten Möglichkeiten reden.

Jedes Land der Welt wird in unserem Land ein Äquivalent von Herrn Štoleg finden, und in ihm seinen Botschafter erkennen. Und jeder Herr Štoleg benötigt zur Erbringung der von ihm versprochenen schlüsselfertigen Dienste einen Schlüssel für deren Ausführung, einen Schlüssel mit dem er im Falle einer Aufdeckung niemals in Verbindung gebracht werden kann. Die Angst davor, die Arbeitslizenz und die Reputation zu verlieren, wäre zu groß, um das Risiko einzugehen. Nationen, Personen, Güter und Dienstleistungen wechseln sich ab, aber das Geschäftsprinzip ist immer dasselbe.

SCHLÜSSEL

Wie wird der richtige Schlüssel ausgewählt? Schlüssel, genau wie wir Anwälte dürfen sich nicht bewerben und die vertretenden Klienten nicht verraten, somit ist es sehr schwierig, ihre Ergebnisse und ihre persönlichen Erfolgsquoten in der Geschäftswelt zu definieren und vor allem zu messen. Es gibt Namen, die der Öffentlichkeit bekannt sind und einen bestimmten Status in der Gesellschaft genießen, während die meisten die Anonymität bevorzugen. Das Gleiche gilt für uns Anwälte, manche disponieren sich, andere sind geheimnisvoll, aber die meisten Klienten kommen letztendlich über Empfehlungen. Bei der Auswahl eines Schlüssels können wir, aufgrund der herrschenden und ständig zunehmenden Anzahl von Betrügern in der Region, niemals vorsichtig genug sein. Manchmal scheint es, als ob sich die Schlüsselrolle zu einem inoffiziellen, aber sehr attraktiven Beruf in diesem Land entwickelt hat. Wie können wir richtige von falschen Schlüsseln unterscheiden? Oft gar nicht und jedoch gibt es bestimmte Verhaltensmuster, die die Identität des echten Schlüssels offenbaren. Im Gegensatz zu Ausländern fällt es uns Balkanern leichter, Hochstapler zu identifizieren, weil wir dieselbe Mentalität teilen. Ich wage sogar zu behaupten, dass unsere Frauen speziell ausgeprägte Sinne zur Hochstaplererkennung besitzen. Den ausländischen Geschäftsleuten empfiehlt sich vor jeglicher Zusammenarbeit alle Episoden der britischen Serie ‚Only fools and horses‘ anzusehen. Die Identifizierung von Ähnlichkeiten mit der Hauptfigur namens Delboy hilft deutlich dabei, Betrüger zu enttarnen. Im Großen und Ganzem und mit leichten Abweichungen können wir sie im Allgemeinen aber wie folgt unterscheiden:

Die Schlüssel sind hauptsächlich Menschen aus bekannten Familien, hochrangige Unternehmer, Restaurantbesitzer, ehemalige und aktuelle Sportler, ehemalige und aktuelle Politiker usw. Sie umgeben sich mit der Elite aus Wirtschaft, Sport, Wissenschaft und Politik, unter welcher sie einen bestimmten Ruf genießen. Sie sind Kultur- und Kunstliebhaber, bereisen die Welt, lesen viel und sprechen hauptsächlich mehrere Sprachen. Sie sind konservativ rechts veranlagt, gläubig und homophob. Galante Herrschaften – die Liga der wahren Gentlemen. Sie haben einen raffinierten Geschmack, wenn es um Mode, Essen & Trinken, Kunst und Musik geht. Hedonisten. Durch ihre Leistungen und den Ruf, den sie genießen geprägt, haben sie dementsprechend ein starkes Ego aufgebaut. Sie sind ernsthaft, wenn es um Geschäft geht und finden für jedes Problem eine Lösung. Ihr Ego erlaubt ihnen vieles nicht, so zum Beispiel, dass der Klient das Abendessen, Mittagessen, den Kaffee o.ä. bezahlt, aber deshalb nehmen sie sich z. B. das Recht für den Kunden den Wein zum Essen auszuwählen. Sie führen den Klienten in das beste Restaurant, Café und in die berühmteste Konditorei aus, währenddessen sie sich auch als Stadtführer beweisen.

Ein Hochstapler wird den Klienten zwar auch zum Abendessen ausführen. Er wird das erste Mal vielleicht auch die Rechnung übernehmen, aber es wird ein sorgfältig ausgewähltes Low-Budget-Restaurant sein, das er als Top-gastronomische Destination der einheimischen Küche präsentieren wird – Cevapcici sind sowieso eine unfehlbare Auswahl, wenn es um Ausländer geht. Er wird Bier statt Wein bestellen. Anstatt über Geschichte, über Sport reden, wobei er den Schwerpunkt auf unsere international bekannten Sportler setzen wird, die er wahrscheinlich auch persönlich kennt. Von den Sprachen beherrscht er die Muttersprache perfekt. Zu seiner Lieblingsliteratur gehören Teletext und das tägliche Sportnachrichtenblatt. Die Qualität des Essens und die Tischetikette kümmern ihn nicht, so schlürft und schmatzt er während des Essens und leckt sich Finger ab. Das Karo gemusterte Outlet-Kurzarmhemd ist eine Größe zu klein, der markierte Wintermantel grundsätzlich zu groß – ein Erbe aus besseren Tagen. Er kennt und begrüßt jeden, angefangen von Kellnern bis zu den Prominenten, die er erwähnt, um seinen eigenen Wert in der Geschichte zu steigern. Mit einigen hat er sogar posiert und wird Bilder auf seinem Handy zeigen, um die Echtheit seiner Aussagen zu bestätigen. Der klassische Hochstapler, hat einst durch Kombinationen zufällig viel Geld verdient. Wie die meisten Neulinge auch, gab er, mitgerissen von seinem neu erworbenen Reichtum, naiv und maßlos aus. Während der maßlosen Geldverschwendung hat er bestimmte „bedeutende“ Leute kennengelernt, die unter den gegebenen Umständen seine besten Freunde waren. Jetzt beantworten dieselben Freunde seine Anrufe nicht mehr, lachen hinter seinem Rücken und freuen sich sichtlich über seinen Sturz, während er sich sehnsüchtig ihre Hilfe erhofft und nach jedem Strohhalm greift, um wieder mit ihnen ins Spiel zurückzukehren. Sie haben nicht vor, ihm zu helfen, aber sobald sie wieder das Geld in der Luft riechen, werden sie ihm, wie zu guten alten Zeiten, selbstlos beistehen.