Ballade vom Wolf und dem Raben - J. E. Curtz - E-Book

Ballade vom Wolf und dem Raben E-Book

J. E. Curtz

0,0

Beschreibung

Der alte Meister Emrys gilt als der beste Dichter seiner Zeit, bis ihn die Worte verlassen. Widerwillig tritt er seinen Ruhestand an und erhofft sich einen friedlichen Lebensabend in seiner Heimatstadt Sonnweide. Doch dann steht eines Tages ein unheilvoller Fremder vor seiner Tür, der sich mit dem Namen Igor von Aarden vorstellt. Er bietet dem alten Meister einen Sack voll Gold und verspricht ihm Unsterblichkeit, wenn er für ihn ein letztes Gedicht verfasst: Eine Ballade, wie sie kein anderer je verfasst hat.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 51

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

I. Der alte Meister

II. Ein Sack voll Gold

III. Mutter Derydiu

IV. Von Aarden

V. Die weiße Wölfin

VI. Der Rabe

VII. Unsterblich

I. DER ALTE MEISTER

Wütend zerriss der Dichter das Papier und warf es in die Ecke seines Schreibzimmers; dorthin, wo sich bereits ein ganzer Stapel zerknüllter und zerfetzter Papierknäuel auftürmte. Er war drauf und dran, das Tintenfass gleich hinterherzuwerfen und dem beruhigenden Klang von splitternder Keramik zu lauschen, wenn das filigran verzierte Gefäß an der Wand aufprallte und zerbrach. Doch die Tintenpreise waren zu hoch für eine derartige Verschwendung und noch dazu war das kleine Fässchen ausgerechnet ein Geschenk einer früheren Geliebten gewesen. Der Dichter hatte viele Geschenke im Laufe seiner Zeit erhalten, manche davon mehr und manche weniger nützlich, manche sehr teuer und dafür außerordentlich geschmacklos, andere wieder sehr einfach und dafür aber umso schöner. Dieses Tintenfass war ein Geschenk der letzten Gattung. Weder Gold noch Silber, stattdessen nur weiße und gelbe Blumen auf dunklem Grund, kunstvoll in symmetrischen Mustern angeordnet, und auf dem Deckel der Name des Dichters: Meister Emrys.

Nein, dieses Geschenk konnte er leider nicht an der Wand zerschmettern, so sehr es ihn auch in den Fingern juckte. Stattdessen griff Meister Emrys nach seinem Weinkelch, stürzte noch schnell den letzten Schluck herunter und warf den Kelch dann mit aller Wucht, die ein angetrunkener alter Mann aufbringen konnte, gegen die Wand. Ein dumpfer Aufschlag, ein melodisches Klonk, dann purzelte der hölzerne Kelch auch schon in das Massengrab von Gedichten am Boden. Einige letzte Tropfen Wein spritzten dabei auf das Papier; schön sah das aus, wie Blut im Schnee. So poetisch. Und doch nicht poetisch genug, dass es dem Dichter seine Worte zurückbringen konnte.

»Du hast doch schon genug Gedichte geschrieben«, pflegte der Jungspund im Wirtshaus Zur schönen Aussicht zu sagen, wenn Meister Emrys ihm bei Speis und Trank sein Leid klagte. »Warum willst du denn noch mehr schreiben?«

Ja, was sollte er denn sonst den lieben langen Tag tun? So viel Wein konnte er gar nicht saufen, um die Zeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu vertreiben. Lange Spaziergänge entlang des Flussufers hatte er auch schon versucht. Aber nach Idylle suchte man an der Alau vergebens, stattdessen quoll der Fluss über vor Fischerbooten und Handelsschiffen, die zwischen Vilgbiehl und Nordweide verkehrten. Manch Dichter empfand die Schifffahrt als Inspiration, aber für gute Geschichten taugte nur das Meer, nicht der Fluss. Die Fluss-Schifffahrt war das behütete Heim für ausgediente alte Seemänner oder für junge Feiglinge, die sich nicht auf das Meer wagten, weil sie die Gewalten der Natur fürchteten. Niemand erzählte von den tosenden Wellen der Alau, niemand sang Lieder über Flussmonster, die ganze Schiffe verschlangen. Wenn überhaupt ertrank hier ab und zu mal ein Kind. Und wer über so etwas Gedichte schrieb, war ein verwerflicher Mensch und ein geschmackloser Künstler.

»Du hast deinen Dienst auf dieser Welt getan«, sagte die Priesterin, wenn Meister Emrys in den Tempel kam und verzweifelt nach Antworten suchte, warum Gearydd, Patron der Kunst, ihn verlassen hatte. »Gearydd hat dich nicht verlassen, er dankt dir, indem er dir die Last nimmt, weiter schreiben zu müssen.«

Die Last, schreiben zu müssen? Bei den verdammten Ahnen, es war eine Last, nicht schreiben zu können! Warum hatte er denn sonst als junger Mann die Feder ergriffen, wenn nicht, weil es alles war, was er tun wollte? Und nun sollte er einfach schweigen? Sollte die Feder in der Ecke seines Schreibzimmers verstauben lassen, bis er das Zeitliche segnete? So nicht, so hatte er nicht geplant, alt zu werden. Was war denn ein Dichter ohne sein Wort? Das war wie ein Hund ohne seine Rute, wie ein Vogel ohne seine Flügel, wie eine Sirene ohne ihre Stimme, wie ein Fisch ohne seine Flosse, wie ein Schiff ohne Wasser, wie eine Nacht ohne Tag, wie ein Winter ohne Sommer, wie ein Apfelbaum ohne Äpfel, wie ein… Ja, wie ein Dichter ohne Wort eben! Ein Leben ohne Sinn war das.

Sollte sie doch alle der Geier holen, den Jungen aus dem Gasthaus, die Priesterin aus dem Tempel. Sie alle verstanden nicht, dass der alte Meister ohne seine Kunst nicht leben wollte, nicht leben konnte. Also versuchte er ihnen zu trotzen, indem er dennoch weiter schrieb. Doch die Worte verließen seine Feder nur schwerfällig, als würde er sie langsam und qualvoll in Stein ritzen, und mindestens jedes zweite davon war falsch und wurde wütend wieder durchgestrichen, bis das gesamte Papier nur noch aus wilden Kritzeleien bestand, die aussahen, als hätte sie ein Tollwütiger verfasst. Vielleicht war er ja krank, dachte sich Meister Emrys, und suchte seinen Arzt auf. Sicherlich gab es irgendeine Krankheit, die den Geist verfaulen ließ und aus einem einst vernünftigen Menschen einen Wahnsinnigen machten. Aber auch der Arzt wollte ihm nicht zuhören. Derartige Krankheiten gäbe es nicht. Der Meister sei schlichtweg alt geworden und solle sich damit abfinden, dass nicht nur der Körper, sondern auch der Geist mit der Zeit nachließ. Das sei nur natürlich und kein Grund zur Beunruhigung. Meister Emrys versuchte sich daraufhin an einem Gedicht über pickelnäsige Ärzte mit Mundgeruch. Aber auch daraus wurde nichts. Die Worte blieben ihm nach wie vor verwehrt, vielleicht auch deswegen, weil der Arzt eigentlich gar nicht so widerlich war, wie er ihn darstellen wollte.