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In diesem Band werden drei Kurzgeschichten vorgestellt, die ganz unterschiedlicher Art sind: Während Isaac Kwacszynski als amerikanischer Neubürger eher unverhofft zu Reichtum gelangt und damit sein Dasein als mittelmäßiger Vertreter beenden kann, gerät der überhebliche Ingenieur Mark T. Webb in den Radar des amerikanischen Geheimdienstes. Aus diesem kann er sich nur mit Hilfe seines Erfindungsgeistes und tatkräftiger Unterstützung seiner Mutter befreien. Willibald Himmel erfährt auf seiner Forschungsreise in die Naga Hills, mit der er wichtiges Material für seine Habilitation sammeln will, Dinge, die ihn zwar forscherisch nicht weiter bringen, sein Leben aber ganz anders bereichern.
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Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Wurde am 13.3.1931 in Tachau, Böhmen als Sohn des Kaufmanns Willibald Lanzendörfer und seiner Frau Klara Zadrazil geboren. Nach dem Krieg und der Vertreibung studierte er zunächst an der TU München und verbrachte ein Jahr in den USA, wo er seinen Bachelor of Science erwarb. Er zog dann nach Hamburg und arbeitete als Sachverständiger bei Controll-Co.mbH Nach seinem Ausscheiden aus der Firma machte er sich als Technischer Übersetzer selbständig.
Mit dem Schreiben und Geschichten erzählen kam er nicht nur seiner Neigung sondern offenbar einer Familientradition nach und hinterließ nach seinem Tod am 31.12.1983 etliche unveröffentlichte Manuskripte.
In seinen Geschichten, die man damals – in den 1960iger Jahren - als Science Fiction klassifizierte, ging es den Protagonisten ganz profan um die Entdeckung des großen Glücks. Dies konnte sowohl pekuniärer Form sein oder aber auch in Form einer schönen Frau. Selten waren seine Helden allerdings im eigentlichen Sinne erfolgreich, trotz Einsatz von modernster Technik und häufig auch überragendem Intellekt.
In diesem Band werden drei Kurzgeschichten vorgestellt, die ganz unterschiedlicher Art sind: Während Isaac Kwacszynski als amerikanischer Neubürger eher unverhofft zu Reichtum gelangt und damit sein Dasein als mittelmäßiger Vertreter beenden kann, gerät der überhebliche Ingenieur Mark T. Webb in den Radar des amerikanischen Geheimdienstes. Aus diesem kann er sich nur mit Hilfe seines Erfindungsgeistes und tatkräftiger Unterstützung seiner Mutter befreien. Willibald Himmel erfährt auf seiner Forschungsreise in die Naga Hills, mit der er wichtiges Material für seine Habilitation sammeln will, Dinge, die ihn zwar forscherisch nicht weiter bringen, sein Leben aber ganz anders bereichern.
Als älteste Tochter hat sie sich der Manuskripte ihres Vaters angenommen und in liebevoller Arbeit die Texte in ein anderes „Umfeld“ übertragen. Dabei ging es ihr um den möglichst vollständigen Erhalt der Original-Texte, die für sich genommen allerdings sehr technisch gewesen wären. So hat sie modernere Erzählformen gewählt und teils auch substanziell eigene Texte eingefügt. Den Helden der ersten Geschichte hat sie mit einem neuen Namen versehen, da der Jack Sparrow aus dem Original heute ganz andere Assoziationen erweckt.
Natürlich ist es immer schwierig, einen Text, etwas sehr persönliches eines Autors zu veröffentlichen. Die Texte, die mir vorlagen, waren solche, die mein Vater in ihrer ursprünglichen Fassung veröffentlichen hätte wollen und sie so auch damals mehreren Verlagen angeboten hatte. Ohne Erfolg. Es mag daran gelegen haben, dass man damals unbekannten Autoren kein Forum gab, die Texte nicht den Zeitgeschmack getroffen haben, oder einfach nicht gefielen. In den 1960ger Jahren war Science Fiction aber das, was man gerne lies und Isaac Asimov einer wohl der bekannteste Vertreter dieses Genres. Ich selbst wuchs mit der Lektüre von SF, Western und Krimis auf.
Irgendwann, als ich groß genug dafür war, durfte ich auch die Texte meines Vaters lesen und fand sie damals einfach nur toll. Mit dem Abstand einiger Jahrzehnte und mit der Idee, sie vielleicht zu veröffentlichen und nicht nur ein familiäres Publikum dafür zu interessieren, kamen mir aber Zweifel, ob die Geschichten in ihrem „Original“ dafür geeignet seien. Ich fand sie zu technisch fixiert und zu wenig emotional. Der Umstand, dass ich die mit Schreibmaschine geschriebenen Originale hatte einscannen und in Word Dateien umwandeln lassen, bot mir die Gelegenheit, die Texte zu überarbeiten. Die war anfangs nicht geplant gewesen, aber durch die Umwandlung von Scan in Text und die Rechtschreibreform war ein genaues Durchlesen nötig. Dabei habe ich dann nicht nur Orthographie und Zeichensetzung angepasst, sondern auch inhaltlich Veränderungen vorgenommen. Meine Tante Helga de Koninck gebührt an dieser Stelle großer Dank. Sie hat mit scharfem Blick alles noch einmal durchgesehen und was sich jetzt noch an Fehlern im Dokument befinden sollte, ist allein auf meine Unaufmerksamkeit zurück zu führen.
Meinen ersten Versuch unternahm ich mit „Eine Episode in den Naga Hills“ und stellte fest, wie aufwendig selbst eine nachträgliche Veränderung, mag sie einem auch noch so unbedeutend erscheinen, ist. Auch wenn ich mir sicher bin, den erzählerischen Ton meines Vaters getroffen zu haben, so ist es doch nicht mehr seine Geschichte. Für mich jedoch war die Arbeit daran sehr wichtig, um zu erfahren, was mein Vater mit den Geschichten wohl wirklich erzählen wollte.
Die Veränderung von „Zwischenaufenthalt“ war für mich besonders herausfordernd und spannend. Ich lebte zu der Zeit in China und hatte beschlossen, die Originalgeschichte möglichst unverändert zu lassen. Die Lösung für mich war also die Erfindung einer anderen Geschichte, in die das Original eingebettet werden konnte. Ich entschied mich für eine Befragung beim CIA, bei der diese Geschichte dann erzählt werden sollte. Dafür recherchierte ich dann von China aus „CIA“, „Pakistan“, „Gilgit“, „Karakorum“, „Kashmir“ usw. und wunderte mich nicht, als dann mein Internetzugang immer mal wieder mehrere Tage nicht mehr verfügbar war. In der Zeit aber gewann ich große Hochachtung vor dem immensen Wissen meines Vaters über die alten Hochkulturen. Während ich mir alles ergoogeln musste, hatte er das seinerzeit alles in seinem Kopf.
Meine eigentliche Lieblingsgeschichte aber ist „Bambusrauschen“, das Radio mit der Vorhersagefunktion. Etwas, was wir wohl alle gerne hätten, aber genau wie bei dem Orakel von Delphi nicht in der Lage sind, es richtig zu interpretieren. Bei dieser Geschichte war es mir wichtig, dem Fiesling in der Gestalt des diensthabenden Arztes, ein Gesicht zu geben. Das Ende des Originals mit einer nota bene Anmerkung war mir zu wenig.
Die Unzulänglichkeit unseres menschlichen Verstandes wird leider nicht mit den technischen Möglichkeiten nicht ausgeglichen, jedenfalls nicht gleich schnell… und so ist die ewige Erwähnung von Transistorradios in den Geschichten eigentlich auch nur etwas, was mit copy/ paste in die Neuzeit transferiert werden könnte und zugleich aber zeigt, dass es darauf eigentlich nicht ankommt…. Ja, heute wäre das Gerät sicherlich ein iphone6, und morgen?
Diese Geschichten hier sind nicht mehr die Originale, dieser Umstand darf zu Recht kritisiert werden. Und auch ist es fraglich, ob nach einer solchen Nachbearbeitung Helmut Lanzendörfer als Autor auftreten sollte und ob er es überhaupt wünschte. Deswegen habe ich mich im Untertitel dazu entschlossen mich als Nacherzählerin zu erwähnen.
Mülheim a.d.R. Sommer 2015
Bambusrauschen
Zwischenaufenthalt
Eine Episode in den Naga Hills
Paris, 26.9.1962, Hôpital sûr Seine, 19:26
„Madame Infirmière! Ich muss zu ihm! Bitte, lassen Sie mich zu ihm!“ Die junge Frau schlug die Hände vor die Augen und schluchzte weiter.
„Mademoiselle, was ist mit Ihnen?“ fragte eine Ältere und legte behutsam ihren Arm um die Schulter der sehr jungen und sehr verletzlich wirkenden Frau.
„Wir wollten heiraten! Morgen! Und jetzt das!“ sie schluchzte weiter.
„Sie sind also nicht mit ihm verwandt?“
Als Antwort erhielt sie nur markerschütterndes Schluchzen, das von krampfartigen Zuckungen begleitet wurde. „Armes Ding!“ dachte sie bei sich und sagte dann leise. „Ich bringe Sie hin, kommen Sie schon!“
Nebraska, 1952
Das Radio wimmerte aus der Küche halblaut vor sich hin, gerade so, dass der Mann in dem winzigen Badezimmer die in Halbtöne verschlungene Melodie über dem Geräusch seines Rasierapparates ausmachen konnte. Vergnügt pfiff er sie mit, falsch zwar, aber wen störte es schon? Dieser Tag versprach, herrlich zu werden, der Himmel strahlte in einem satten Blau, wie man es oft nach einer langen Regenperiode über den weiten Ebenen Nebraskas zu sehen bekommt. Die eben über den Horizont gekletterte Aprilsonne vertrieb den letzten Rest an Feuchtigkeit. Wer mochte da nicht fröhlich sein, zumal, wenn er vor ein paar Tagen ein fettes Geschäft abgeschlossen hatte, das erste dicke Geschäft in diesem Jahr?
Jetzt brachte es auch wieder Spaß zu arbeiten. In den vergangenen Wochen war es ihm Tag um Tag schwerer gefallen, sich morgens aus dem Bett zu wühlen, sich dazu zu zwingen, ein karges Frühstück zu bereiten und sich dann in seinen klapperigen Ford zu hocken, um auf Kundensuche zu fahren. Wer tat das schon gerne, wenn ihm die Schulden bis an den Hals standen und man kaum wußte, woher man das Geld für das Benzin nehmen sollte? Da war es bald besser, den Tag im Bett zu verdämmern und sich irgendwelchen verworrenen Träumen eines plötzlichen und unverhofften Geldsegens hinzugeben, wenn nicht ... ja, wenn nicht der Hunger gewesen wäre, der ihn endlich doch unter Ächzen und Stöhnen von seinem Lager trieb. Träumen, das war etwas Wunderbares, aber nicht mit leerem Magen! Er fürchtete sich so vor Hunger, Leiden, Kranksein, dass ihn schon ein Schüttelfrost überfiel, wenn er nur daran dachte. Vor ein paar Tagen dann, als er morgens trübsinnig vor einem bis aufs letzte ausgeplünderten Kühlschrank gekauert hatte und mit knurrenden Gedärmen - welche Qual! - losgefahren war, da war's ihm geglückt, unerwartet, wie wenn sich nach einer langen Dürre über Nacht die Wasserschlösser des Himmels öffnen...
Die Eier brutzelten in der Pfanne, würziger Geruch nach gebratenem Speck durchwehte die Mini-Küche. Er pfiff immer noch, die gleiche Melodie wie vorhin, obwohl der Disc Jockey längst eine neue Platte aufgelegt hatte. Das gab ihm den richtigen Auftrieb, morgens gleich mit Musik begrüßt zu werden, mit leichten Hits und dem, was er unter Musik verstand. Nicht mehr so ganz allein sein zu müssen... eine Stimme zu hören... ein paar Takte eines Beat ... weiterzudrehen, dass der rote Zeiger über die Skala glitt... eine neue Stimme, andere Musik...
Beschwingt nahm er die Pfanne von dem Zweiplatten-Herd, schüttete den Inhalt auf einen Teller und trug ihn, fröhlich vor sich hin schwenkend, in sein Wohn- und Schlafzimmer. Vor ein paar Tagen also hatte er, Isaac Kwacszynski, das erste große Geschäft des Jahres abgeschlossen, das einträglichste überhaupt in seiner Laufbahn als freier Versicherungsvertreter. Gestern war die Provision von der Versicherungsgesellschaft überwiesen worden, fast dreitausend Dollar. Der Geldbriefträger hatte ein erstauntes und höchst ehrerbietiges Gesicht gezogen, als er ihm die Scheine vorzählte, aber er, Issac, hatte so getan, als ob es etwas ganz Alltägliches wäre, als ob es ihm zustünde, derartige Summen so mir nichts, dir nichts einfach ins Haus geschickt zu kriegen, ja, als ob es anders gar nicht zu erwarten wäre ...
Die Eier waren gut geraten, schön fest und mit dem richtigen Gelbbraun, das er liebte, der Speck braunrot mit gelblich weißen Streifen dazwischen. Es schmeckte köstlich, vielleicht deswegen, weil er gestern noch von dem Inhalt einer auf Pump erstandenen Konservendose gelebt hatte. Der Krämer hatte sie nur noch widerwillig herausgerückt, und er, Issac, hatte seine ganze Beschwörungskunst aufbieten müssen. „Nur noch diesen einen, einen einzigen, allereinzigen Tag! So wahr ich vor Ihnen stehe, beim Leben meiner verstorbenen Mutter, spätestens morgen Vormittag haben Sie Ihr Geld, mit Zins und Zinseszins, wenn's sein muss!" So hatte er gebettelt, gefleht und sich dann am Nachmittag an den überquellenden Augen des Krämers geweidet, als er, Isaac Kwacszynski, einen Hundert-Dollar-Schein lässig hingeblättert und der Krämer nicht hatte herausgeben können. Ja, so geht es in der Welt, dachte Isaac, Hochmut kommt vor den Fall. Wie erhebend das Gefühl, als der Krämer mit Stottern um einen Augenblick Geduld bat, er müsse schnell Wechselgeld holen ...
Paris, 26.9.1962, Hôpital sûr Seine, 19:28
Behutsam öffnete die Schwester die Türe zu dem intensiv medizinischen Raum, blickte die junge Frau streng an und legte beschwörend ihren Finger über die Lippen. Die Junge nickte und trat langsam vor. Auf dem Bett lag er, Schläuche, wohin sie nur blickte. Sie griff seine Hand. „Sac! Was machst du nur?“ Leise rannen ihr die Tränen über die Wangen. „Sac, bitte, lass mich nicht alleine!“
Der Patient schlug die Augen auf und sah sie an.
Nebraska, 1952
Die Eier mundeten wirklich vortrefflich. Schade, dass es nur vier waren. Er hätte die dreifache Menge verdrücken können. Jetzt die Morgenzigarette, in den letzten Tagen schon aus seinem nicht mehr vorhandenen Etat gestrichen. Nun bereitete sie doppelten Genuss. Und dann, gestern Nachmittag, nachdem er seine Schulden getilgt hatte, die bei allen möglichen Leuten in der Zwischenzeit entstanden waren, sein Gang zum Radio- und Fernsehhändler, um für vierzig Dollar einen Transistorempfänger zu erstehen. Stolz wie ein sieggewohnter Torero hatte er den neu erworbenen Besitz nach Hause geschleppt, ihn sorglos an der Hand geschlenkert, damit jeder sehen konnte: er, Isaac Kwacszynski, war nicht irgendwer - er war wer!
Der Rauch seiner Zigarette kringelte sich zur Decke, er war mit sich und der Welt zufrieden. Über zweitausend Dollar waren übrig geblieben, als er seine Schulden bezahlt und Einkäufe getätigt hatte. Jetzt konnte er eine Weile durchhalten, auch weil kein Geschäft winkte. Das Gefühl, nicht mehr von der leeren Hand im Mund leben zu müssen, war berauschend. Er, Isaac Kwacszynski, zweiunddreißig, hatte es geschafft, für eine Weile wenigstens. „Nur jetzt nicht nachlassen", dachte er, „so lange die Glückssträhne anhält". Dicke Geschäfte waren nicht jeden Tag zu haben, nicht einmal jeden Monat, ja, kaum jedes Jahr. Ran an die Arbeit! Doch der kleine Festtag heute rechtfertigte eine zweite Morgenzigarette. Er fingerte sich eine neue aus der Packung und schraubte an dem Transistorgerät. „Komische Marke", sinnierte er, „kann auch nur ein Japaner auf die Idee kommen, es 'Bambusrauschen' zu taufen"
Der rote Zeiger strich an den Zahlen der Skala vorbei. Eine Stimme wisperte plötzlich aus dem Gerät und - war wieder erstorben.
Issac drehte zurück. Da war sie wieder. Nachrichten anscheinend. „... Landung auf dem O'Hare-Flugplatz in Chicago eine mit 77 Passagieren und sechs Besatzungsmitgliedern belegte Düsenmaschine des Typs Heednell J 1007 von der Landebahn ab, überschlug sich und fing Feuer. 48 Passagiere und zwei Besatzungsmitglieder kamen in den Flammen um. Die übrigen konnten, teils mit schweren Verbrennungen und ..." Issac drehte weiter. Die Einzelheiten würden heute Mittag sowieso in der Zeitung stehen. Aufseufzend schaltete er das Gerät ab. Die halbgerauchte Zigarette zwischen den Lippen, stand er auf und griff sich sein Jackett, zog es über, trug den Teller in die Küche, langte sich seine Aktentasche und schlug die Haustüre hinter sich zu. Draußen schnippte er den Zigarettenstummel auf den groben Kies, schwang sich in den hinter dem kleinen Haus abgestellten Ford und fuhr, aufgekratzt pfeifend, davon.
Paris, 26.9.1962, Hôpital sûr Seine, 19:32
„Küss mich“, flüsterte er heiser.
„Sac!“ entgegnete sie überrascht. „Jetzt? Hier?“
„Wann denn sonst?“ fragte er leise. „Komm schon!“
Nebraska, 1952
Als er abends nach Haus kam, pfiff er noch immer - oder schon wieder, laut, falsch und munter. Sein Glücksfaden war tatsächlich noch nicht abgerissen. Heute hatte er ein weiteres Geschäft gemanagt, er, Isaac Kwacszynski, der mit dem dummen Gesicht, auf den die Leute mit dem Finger zeigten, weil er sich so tollpatschig anstellte, Isaac Kwacszynski, der mit dem lächerlichen Namen, Kwacszynski, gerade richtig für den ungeschlachten Kerl von eins neunzig Länge, ‚Kwacszynski‘. Wie sie grinsten, wenn sie seinen Namen hörten, wenn er sagte: „Gestatten, mein Name ist Isaac Kwacszynski." Er, der das College hatte verlassen müssen, weil seine Geistesgaben einfach nicht ausreichten, die Anforderungen der Schule für sein Gehirn zu viel und zu hoch waren. Zugegeben, das heutige Geschäft war bei weitem nicht so fett gewesen wie das vor einigen Tagen, aber einige hundert Dollar würde es auch bringen. Jeden Tag hundert Dollar! Isaac schwelgte in Zukunftsvisionen.
Gegessen hatte er schon unterwegs. Er hängte das Jackett über die Stuhllehne und ließ sich auf seine Couch fallen, stellte das Transistor-Radio an und faltete die Zeitung auseinander. Tagsüber hatte er gar keine Zeit gefunden hineinzuschauen. Was war das heute Morgen noch gewesen? Ach ja, richtig, der Flugzeugunfall in Chicago. Er schlug die Seiten um, blätterte hin und her. Nanu, in der Zeitung stand gar nichts davon darin? „Merkwürdig", überlegte er, „Sonst ist doch so was ein gefundenes Fressen für die Journalisten!" Aber schließlich zuckte er die Achseln. „Vielleicht zu spät gewesen für die Mittagsausgabe." Und vergaß alles über den Unfall.
Bis genau eine Woche später, am Mittwoch, die Zeitungen mit Balkenüberschriften hinausposaunten: „Schwerer Flugzeugunfall in Chicago! 50 Tote!" – „Bei lebendigem Leib verbrannt! Flugzeug von Landepiste abgekommen!" –„J 1007 überschlägt sich! Fünfzig verschmoren!"
Nichtbegreifen malte sich langsam auf Isaac Kwacszynskis Gesicht, als ihm die Gedanken durch den Kopf krochen und er sich nach und nach erinnerte. „Moment, das hab' ich doch schon einmal gehört?"
Er zermarterte sein Gehirn. Bis sein Blick auf das Transistor-Gerät fiel, als er abends seine Wohnung betrat. „Richtig! In den Nachrichten! Aber das ist doch schon ein paar Tage her?"
Paris, 26.9.1962, Hôpital sûr Seine, 19:46
„Mademoiselle?“ Ein großgewachsener, dunkelhaariger weißbekittelter Mann betrat den Raum. Hinter ihm stand eine Schwester mit einem Tablett.
Die junge Frau erhob sich schnell von dem Stuhl neben dem Bett:
„Grace Morton!“ Und reichte dem Arzt die Hand. „Ich bin die Verlobte von Isaac Kwacszynski, ihrem Patienten. Wie geht es ihm?“
„Mademoiselle, ich spreche gleich mit ihnen. Jetzt muss ich mich aber um meinen Patienten kümmern. Bitte warten sie draußen!“ Und mit einer kurzen Handbewegung gab er seiner Anweisung Nachdruck.
Die junge Frau verließ das Zimmer und wrang nervös die Hände ineinander. Dann schlug sie sie wieder vors Gesicht und fing erneut an zu weinen und sank dann schluchzend auf den Stuhl, der neben der Türe stand. Erst als sie hörte, dass die Türe geöffnet wurde, nahm sie sich zusammen.
„Mademoiselle, ihr Verlobter hatte einen schweren Unfall. Die Kopfverletzungen sind nicht unerheblich und wir können im Moment nicht sagen, wie schnell er sich stabilisieren wird.“
Die junge Frau schluchzte wieder. Der Arzt sah kurz auf seine Uhr und gab der Schwester einen Wink. „Aber, wenn sie möchten, kann ich sie nach Dienstschluss noch auf ein Glas Wein einladen. Dabei erklärt sich vieles leichter.“
„Danke!“ sagte die junge Frau, „aber das ist nicht nötig.“
„Mademoiselle, ich kann sie natürlich auch hier behalten und ihnen ein Beruhigungsmittel geben...“
Die Frau sah den Arzt an. „Okey, dann lieber Wein.“
„Na also“, lächelte er jetzt. „Warten sie unten am Empfang, ich hole sie in zehn Minuten ab.“
Nebraska, 1952
Verständnislos drehte er an den Knöpfen. Musik, die Takte eines Bossa Nova, ein Kommentar, ein Quiz, keine Nachrichten, nichts, das der Stimme glich, an die er sich undeutlich entsann. Er suchte eine Viertelstunde, dann gab er es auf. Gleichgültig wandte er sich an die Bereitung seines Abendessens, seine Gehirnzellen nicht fähig, Unerklärliches zu ergründen. Er warf den Gedanken daran zur Seite wie ein benutztes Papiertaschentuch.
Als er am nächsten Morgen beim Frühstück, aus nun schon alter Gewohnheit, am Gerät drehte, flüsterte die Stimme unvermittelt wieder. Erst erkannte er sie gar nicht, doch plötzlich dämmerte es ihm. Hatte er sie nicht schon einmal gehört? Richtig! Der Flugzeugunfall. Hastig kurbelte er am Radio. Jetzt! Obwohl er den Lautstärkeregler bis zum Anschlag wirbelte, blieb die Stimme ein Murmeln.
"... unvorhergesehene Regenfälle den Platte River und seine Nebenflüsse in einem solchen Maße steigen lassen, dass mit Überschwemmungen .... gerechnet werden muss. Besonders betroffen sind die Gebiete ..."
Aufmerksam lauschte Isaac Kwacszynski, schnappte sich sogar ein Blatt Papier und schrieb sich die Counties auf, wo die Straßen unpassierbar sein sollten. Den Fetzen Papier legte er sorgfältig in seine Brieftasche, entschlossen, bis nächste Woche abzuwarten und herauszufinden, ob die Stimme wiederum ein Ereignis berichtet hatte, das erst eintreten sollte.
Isaac Kwacszynski war die nächsten Tage überaus reizbar und nervös. Kein Wunder, dass er kein einziges Geschäft abschloss, wenn er seine prospektiven Kunden verärgert stehen ließ, sobald sie auch nur ein Wort der Widerrede gegen eine Versicherung wagten. Am Dienstag der darauf folgenden Woche unterbrach er seine Tour, die ihn über den Platte River geführt hatte, und kehrte nach Hause zurück. Am Mittwoch verließ er die kleine Stadt, in der er lebte, überhaupt nicht. Er schalt sich schon einen Trottel und hirnverbrannten Abergläubling, als die Maisonne mit erwärmenden Strahlen vom Himmel lachte. Mit düsterem Gesicht rannte er immer wieder hinaus vors Haus, um den wolkenlosen Himmel abzusuchen, schrak bei dem kleinsten Geräusch zusammen, begann, seinen Wagen zu waschen, eine Tätigkeit, die er sonst nie ausgeübte, sondern immer einem arbeitssparenden Regenguss überlassen hatte, kurz, er war nicht mehr er selbst.
Seine Nervosität verwandelte sich in Beklemmung und so etwas wie Furcht, als gegen vier Uhr nachmittags sich eine schwarze Wolkenwand im Norden erhob und langsam gegen Süden gezogen kam, ferner Donner sein Ohr erreichte, erste Blitze zuckten, und eine halbe Stunde später ein wahrhaft gigantischer Wasserfall herabstürzte. Pausenlos trommelten die Tropfen gegen die Fensterscheiben, unaufhörlich, das Wasser gurgelte die Dachrinne hinab und draußen im Straßengraben, sieben Stunden lang, ohne Unterbrechung.
Paris, 26.9.1962, Hôtel Ritz, Place Vendôme, 22:34
„Bon soir, Mademoiselle Grace! Schlafen sie gut und machen sie sich keine Sorgen, ihr Verlobter ist bei uns wirklich in den besten Händen!“
„Das glaube ich ihnen gerne Albert. Sie haben mich sehr beruhigt.
Wein ist doch besser als eine Spritze, nicht wahr?“
Leicht schwankend verließ Grace Morton den Aufzug, der Arzt begleitete sie zu ihrem Zimmer. Er wünschte ihr „A demain!“ und verabschiedete sich förmlich. Das Gespräch war wirklich lohnend gewesen und diese Grace. Ja, sie hatte was spezielles, auch wenn sie Amerikanerin war.
Nebraska, 1952
Verschreckt saß der ungeschlachte Isaac Kwacszynski auf seiner Couch, rauchte eine Zigarette nach der anderen und horchte auf die Sintflut, die Hände verkrampft, das Hemd vom Schweiß an seinen Körper geklebt, lauschte, horchte, bis endlich die Gewalt des alles ersaufenden Regens nachließ und überging in ein feines Nieseln. Völlig ausgelaugt, wie wenn er seine erfolglose Schulzeit mit all den widerlichen Prüfungen und den bohrenden Fragen der Lehrer hatte in den paar Stunden noch einmal durchleben müssen, kroch er ins Bett, fand lange keinen Schlaf, und, als er endlich unruhig einschlummerte, quälten ihn würgende Alpträume.
Völlig zerschlagen erwachte er gegen neun Uhr. Ohne zu Zögern, wenn auch mit innerem Widerstreben, stellte er das Radiogerät an und suchte einen Sender, der Nachrichten brachte. Seine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Das ganze Flussgebiet des Platte River war überschwemmt oder stand kurz vor der Überflutung. Mit zitternden Händen steckte er sich eine Zigarette an, hustete heftig, nicht gewohnt, auf nüchternem Magen zu rauchen. In seinem umnebelten Hirn setzt sich ein Gedanke fest wie ein Sandfloh unter einem Zehennagel: „Mein Empfänger kann die Zukunft vorhersagen, eine Woche genau, bevor es passiert."
Vier Tage blieb er im Haus, teils, weil er wegen der Überschwemmung seine Tour sowieso nicht wiederaufnehmen konnte, teils, weil seine durcheinandergebrachten Nerven ihn beim Fahren hätten unweigerlich im Graben landen lassen. Zum Schluss aber siegte seine angeborene Einfältigkeit. Mit wiederkehrender Gleichgültigkeit nahm er die nicht zu ändernde Tatsache seines prophetischen Radiogerätes einfach zur Kenntnis. Ja, Isaac Kwacszynski gewöhnte sich sogar an die Vorstellung, diese unerklärliche Gabe eines Transistorempfängers für sich auszunutzen. Am Montag drehte er beim Frühstück wieder an seinem Gerät. Da, da war die Stimme, unverkennbar, halblaut wie bei den beiden ersten Malen.
"... soeben berichtete, sind die Aktien der United Aluminum, die am Freitag letzter Woche einen Höchststand von 365 Punkten erreicht hatten, heute um über achtzig Punkte gefallen. Wie aus unterrichteten Kreisen verlautet, soll es sich ..." Die Stimme verlor sich in den statischen Geräuschen.
Mit schweißnasser Stirn und unruhigen Fingern schrieb Isaac Kwacszynski sich auf: "United Aluminum, 365." Dann rannte er mehr, als er ging, hinaus zu seinem Vehikel und brachte es zu gefährlichem Klappern, als er es mit durchgetretenem Gaspedal zu der einzigen Bank in der kleinen Stadt jagte. Er stürzte in das Gebäude, besann sich rechtzeitig, dass er durch fahriges Gehabe nicht Aufsehen erregen dürfe, riss sich endlich zusammen und erkundigte sich, wie die Aktien der United Aluminum bewertet würden. "198 1/2 Punkte. "
Mit mühsam beherrschtem Gesichtsausdruck erteilte er der Bank die Weisung, für sein Guthaben, bis auf einen Rest von zweihundert Dollar, Aktien der United Aluminum zu erstehen. Der Auftrag wurde angenommen und prompte Ausführung zugesichert.
Als er am nächsten Morgen, kurz, nachdem die Bank ihre Schalter geöffnet hatte, erneut auftauchte, war er Aktionär des Aluminiumkonzerns geworden. Nervös verdröselte er die kommenden Tage in seiner Behausung. Am Donnerstag Mittag gab er der Bank Order, die erworbenen Aktien wieder zu veräußern. Sie waren mittlerweile auf einen Stand von fast 360 Punkten geklettert. Mit Kopfschütteln wurde sein Auftrag zur Kenntnis genommen. Der Bankdirektor bemühte sich höchstpersönlich, Isaac Kwacszynski diese Idee auszureden. „Die Aktien steigen garantiert weiter, Mr. Kwacszynski. Sie verschenken Geld, wenn Sie jetzt verkaufen.“ Aber Isaac Kwacszynski ließ sich nicht beirren. Hartnäckig bestand er darauf, seine Aktien müssten unverzüglich an den Mann gebracht werden. Mit hochfahrendem und besserwissendem Gehabe gaben die Bankleute am Ende nach.
Als am Freitag, dem nächsten Tag, seine Aktien veräußert worden waren, hatten sich seine zweitausend Dollar fast verdoppelt. Aufatmend betrachtete er seinen Kontoauszug. Unter dem Grinsen der Bankangestellten verließ er das Geldinstitut. Er legte sich einen Vorrat an Batterien zu, damit sein Transistorgerät ja nicht versage und er immer gerüstet sei. An Arbeit war diese Woche natürlich nicht mehr zu denken.
An den beiden folgenden Tagen ließ sich die Stimme im Gerät nicht aufspüren, so viel er auch daran drehte und schraubte. Doch am Montag murmelte sie wieder.
„... hat der Verleger der ‚Evening Gazette’ für die Tagebuchaufzeichnungen des langjährigen Sekretärs des bekannten Filmproduzenten P. van Sant, des kürzlich verstorbenen Ronald Hobson, nicht weniger als dreiundzwanzigtausend Dollar geboten. Die Aufzeichnungen Hobsons fanden sich in einem Geheimfach seines Schreibtisches, der zusammen mit dem übrigen Nachlass am vergangenen Freitag versteigert...“
Isaac Kwacszynski überlegte nicht lange, hob sein sämtliches Geld ab und juckelte in seinem Ford nach Los Angeles. Pünktlich fand er sich zu Beginn der Versteigerung ein und erstand für ganze hundertsechzig Dollar das alte und verbrauchte Möbelstück. Vom Versteigerer ließ er sich zusichern, dass er damit auch alles erworben habe, was der Schreibtisch möglicherweise noch berge. Einen Fuhrunternehmer beauftragte er, das gute Stück auf einen Schuttplatz zu fahren, nicht, ohne gebührende Zweifel an seinem Geisteszustand vernehmen zu müssen. Einem Reporter der ‚Evening Gazette’ fiel das seltsame Gebaren des Ersteigerers auf - er fuhr ihm nach und kam gerade an, als Isaac aus dem zertrümmerten Schreibmöbel die eng beschriebenen Papierblätter herauszog. Am Nachmittag des gleichen Tages hatte Isaac einen Scheck über dreiundzwanzigtausend Dollar in der Tasche.
Paris, 27.9.1962, Hôtel Ritz, Place Vendôme, 06:37
„Stellen sie mich bitte sofort zu Grace Morton durch!“ Der Concierge nestelte an den Telefonkabeln und fragte: „Wer ruft an?“
„Das Hôpital sur Seine, Mademoiselle Morton weiß Bescheid! – Machen sie schon!“
Las Vegas, 1960
Dieses Ereignis stellte den Anfangspunkt einer steilen Karriere dar. Innerhalb von fünf Jahren war Isaac Kwacszynski, nun nicht länger wegen seines Namens belacht, zumindest nicht in der Öffentlichkeit, zum Multimillionär geworden, besaß sieben Villen, eine Jacht, zwei Düsenmaschinen, hatte zwei Scheidungen hinter sich und galt als gewiefter Börsenkenner mit sicherem Instinkt für Rennwetten. Seine zahlreiche Dienerschaft schüttelte lediglich den Kopf und wisperte sich untereinander allerlei zu über die absonderliche Schrulle ihres Brötchengebers, beim Frühstück keine Menschenseele um sich zu dulden und ein billiges Transistorgerät mit abgöttischer Sorgfalt und närrischer Behutsamkeit in einem Safe zu verwahren. Laut aber wagte niemand etwas zu äußern, denn ein solches Sakrileg zog den sofortigen Hinauswurf des betreffenden Domestiken nach sich oder - bei Isaacs Freunden und Bekannten - den abrupten und endgültigen Entzug seiner Gunst. Sogar seine beiden Scheidungen waren auf das Gerät zurückzuführen, denn welche liebende - oder zumindest zu lieben vorgebende - Ehefrau duldete es schon, jahrein, jahraus vom Frühstückstisch ihres Angebeteten ferngehalten zu werden.
Paris, 27.9.1962, Hôpital sûr Seine, 07:18
Die junge Frau rannte mit wehendem Mantel in den Eingangsbereich des Krankenhauses.
„Madame Infirmière! Ich muss zu ihm! Bitte, lassen Sie mich zu ihm!“ Die Schwester am Empfang wusste offenbar Bescheid und geleitete die junge Frau auf die Station.
„Docteur, hier ist die Verlobte von...“ Der Arzt drehte sich um und nickte nur.
„Mademoiselle Grace, es tut mir sehr leid....“
Da sank die junge Frau auch schon schluchzend auf den Boden, der Arzt hatte Mühe sie rechtzeitig aufzufangen.
New York, 1962
Die Jahre verflossen, Isaac Kwacszynski wurde immer reicher und mächtiger, sein ausdrucksloses Gesicht - offiziell zum "Pokergesicht" befördert - zierte laufend die Seiten irgendwelcher Zeitungen und Magazine, bis er, kurz vor seinem einundvierzigsten Geburtstag, eines Tages eine bestürzende und, in seinen Augen, absurde Botschaft serviert bekam.
"...
