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Die Eifel in den 1980er-Jahren. Zwischen Neuer Deutscher Welle, Schulterpolstern und Tschernobyl sucht die junge Studentin Annette ihren Weg ins Erwachsenenleben. Sie ist zwanzig Jahre alt, spielt Keyboard in einer Band und ist über beide Ohren verliebt. Alles scheint großartig zu sein, doch dann muss sie sich die Frage stellen, wer eigentlich wirklich ihre Freunde sind und wem sie vertrauen kann. Nicht jeder hat ihr Bestes im Sinn, und so trifft sie in den Irrungen und Wirrungen des Lebens die Entscheidung, dass sie ihr Leben nur auf eine Art leben kann: mit Leidenschaft.
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2022
Iris Reyans
Bandsalat und Saitenklänge
Bandsalat und Saitenklänge
Iris Reyans
Eifeler Literaturverlag 2022
Roman
Impressum
1. Auflage 2022
© Eifeler Literaturverlag
In der Verlagsgruppe Mainz
Alle Rechte vorbehalten
Printed in Germany
Eifeler Literaturverlag
Verlagsgruppe Mainz
Süsterfeldstraße 83
52072 Aachen
www.eifeler-literaturverlag.de
Gestaltung, Druck und Vertrieb:
Druck & Verlagshaus Mainz
Süsterfeldstraße 83
52072 Aachen
www.verlag-mainz.de
Umschlaggestaltung:
Dietrich Betcher
Lektorat:
Angela Dobbelstein
Abbildungsnachweis:
Alekksall / Freepik
starline / Freepik
Druckbuch:ISBN-10: 3-96123-039-0
ISBN-13: 978-3-96123-039-6
E-Book:ISBN-10: 3-96123-054-4
ISBN-13: 978-3-96123-054-9
Für meinen Mann Helmut Reyans
und
für meinen Vater Andreas Marps
und seine Lebensgefährtin Ingeborg Bärtsch
Kapitel 1
»Du mich auch!«
Wütend knallte Annette Hoffmann den Telefonhörer auf. Sie legte die Hände vors Gesicht. Ihre Wangen waren heiß vor Zorn. Sie hatte das triumphierende Grinsen ihrer Freundin Monika Wollgarten lebendig vor Augen. Am liebsten wäre Annette durchs Telefon gekrochen und ihr an den Hals gesprungen. Stocksauer war sie auf Monika oder Mona, wie ihre Freundin lieber genannt werden wollte.
»Dabei hat die doch selbst vorgeschlagen, dass wir Christoph gemeinsam eine Karte zum 18. Geburtstag schicken«, dachte sie. »Und jetzt hat die dumme Kuh sie klammheimlich allein geschrieben und abgeschickt. Typisch. Hat sie mich mal wieder ausgetrickst.«
»Ach, Netti, mach dir doch nichts draus«, hatte sie am Telefon geträllert. »Christoph ist so süß, ich glaube, ich hab mich verliebt.«
Netti. Annette hasste den Spitznamen aus ihrer Kindheit. »Wenn sie mich nochmal so nennt, sage ich Moni zu ihr«, nahm sie sich vor. Sie wusste, dass ihre Freundin die Abkürzung total uncool fand.
Und was jetzt? Fieberhaft überlegte sie und warf einen Blick auf den Kalender an der Wand. Erster März 1985. Noch zwei Tage bis zu Christophs Geburtstag am Sonntag. Zu knapp, um selbst eine Karte zu schreiben. »Oder ich werfe sie direkt bei ihm in den Briefkasten – nein, besser nicht. Sonst sieht er mich vielleicht und ich versinke im Erdboden.« Nachdenklich kratzte sie sich am Kopf. »Na warte«, dachte sie mit einem letzten Gedanken an Mona. »Mir wird schon noch was anderes einfallen.«
Zwei Tage später nahm Annette ihren ganzen Mut zusammen und wählte mit zitternden Fingern Christophs Telefonnummer.
»Christoph Roder«, meldete er sich.
Zum Glück hatte sie ihn direkt an der Strippe und nicht seinen Vater oder seine Mutter.
»Hallo Christoph, hier ist Annette«, sagte sie. »Herzlichen Glückwunsch zu deinem 18. Geburtstag!«
»Oh, hallo Annette, na, das ist ja eine Überraschung, vielen Dank! Hast du vielleicht Lust, heute Nachmittag zum Kaffee zu kommen? Kuchen gibts natürlich auch. Meine Mutter backt den leckersten Apfelkuchen der Welt und hat ein paar Leute zum Kaffeeklatsch eingeladen.«
Annette verschlug es für einen Moment die Sprache. Eine Einladung? Zum Kaffeetrinken? Sie drehte an einer Haarsträhne. Eine blöde Angewohnheit.
»Du kennst doch meine Cousine Steffi, oder? Sie kommt auch«, sagte Christoph in ihr Schweigen hinein.
»Ja, klar, ich komme gerne«, antwortete sie hastig. »Dann bis später!«
Ihr Herz klopfte wie wild, als sie das Gespräch beendet hatten. Da war es wieder, dieses komische Kribbeln im Bauch, immer, wenn sein schiefes Lächeln vor ihrem inneren Auge auftauchte. Seit wann war das so? Christoph, ihr Kumpel!
»Mensch, Annette, denk mal nach«, hatte sie sich letztens selbst ausgeschimpft. »Du bist zwanzig und er wird gerade mal achtzehn und geht noch zur Schule. Er ist zwar süß mit seinen stahlblauen Augen und blonden Locken und außerdem ist er ein netter Kerl, aber du kannst dich doch nicht in so einen Milchbubi verknallen! Der ist ja noch grün hinter den Ohren.« Doch so gut sie sich auch zuredete, es gelang ihr nicht, das Bauchkribbeln und Herzklopfen zu verjagen, und so gestand sie sich widerstrebend ein, dass sie sich verliebt hatte.
Christoph war der beste Gitarrist in der Band, in der auch sie mitspielte. Er war ein großer Fan von Eric Clapton. Annette fand, dass er genauso gut Gitarre spielte. Naja, jedenfalls fast so gut.
Sie spielten Songs von A-ha, Elton John, Supertramp und natürlich von Eric Clapton. Sie ließen sich von der Neuen Deutschen Welle inspirieren, wobei sie besonders von Nena schwärmten. Inzwischen versuchten sie sich auch an eigenen Liedern.
Annettes Leidenschaft war ihr Keyboard. Eine spezielle Schwäche hatte sie für Songs von Ina Deter, bei denen ihr Lieblingsinstrument wirkungsvoll zur Geltung kam. Die Begeisterung für die Liedermacherin teilte sie mit Mona. Sie träumten davon, irgendwann zusammen ein Konzert zu besuchen. Ina Deter traf jedoch nicht den Geschmack der anderen Bandmitglieder.
»Wer kennt die denn schon? Außerdem ist sie emanzenhaft«, urteilten die. »Aber in unserem Annettchen steckt vielleicht auch eine kleine Emanze.«
Annettchen. Wieder so ein blöder Spitzname.
Mit gerunzelter Stirn stand Annette vor ihrem Kleiderschrank.
»Was ziehe ich bloß an?«, fragte sie sich fieberhaft.
Sie entschied sich für Jeans und ihre pinkfarbige Bluse mit den dicken Schulterpolstern und dem supercoolen bunten Aufdruck Champion 1985. Über die Hose noch die selbstgestrickten Stulpen in Pastellfarben. Aber wo waren die Teile bloß? Annette kramte wild in der Schublade herum, in der sie sie vermutete. Der ganze Inhalt – Schals, Tücher, Socken und jede Menge nutzloser Krempel – lag anschließend auf dem Fußboden verstreut, aber von den Stulpen keine Spur. Dann flog ihr Blick durchs Zimmer und blieb an ihrem Schreibtisch hängen. Da lagen die Dinger, versteckt hinter einem Bücherstapel. Annette schüttelte den Kopf. Was hatten die denn dort verloren? Hastig streifte sie sie über die Hosenbeine. Ihr Blick fiel auf den herumliegenden Kram und sie stopfte alles wild durcheinander in die Schublade zurück. Sie ließ sich jetzt zwar kaum noch schließen, aber egal. Schnell ein bisschen Wimperntusche, Kajal und Lidschatten auftragen und die langen dunklen Haare mit dem Lockenstab in Form bringen! Dann betrachtete sie sich skeptisch im Spiegel. Sie wollte für ihren jüngeren Schwarm auf keinen Fall zu erwachsen aussehen.
In dem Moment stürmte die dreizehnjährige Luisa ins Zimmer.
»Kannst du nicht anklopfen?«, maulte Annette.
»Reg dich ab! Selbst wenn du nackt vorm Spiegel herumhüpfst, ich bin doch deine Schwester.« Sie sah Annette mit großen Augen an. »Du siehst ja cool aus. Was hast du vor?«
»Ich fahr zu Christoph. Er wird heute achtzehn.«
»Echt?« Luisas Augen wurden noch größer. Sie spielte selbst Gitarre und schwärmte für den Gitarristen, seitdem sie ihn beim letzten Konzert der Band so bewundert hatte. »Kann ich mitkommen?«
»Du spinnst! Ich muss jetzt los.« Annette schob ihre Schwester zur Seite.
»Kann ich mir das coole gestreifte Sweatshirt von dir leihen?«
Luisa ließ sich so schnell nicht vertreiben.
»Das ist dir viel zu groß.« Annette runzelte die Stirn.
Ihre Schwester verdrehte die Augen. »Schon mal was von Oversize gehört? Ist jetzt total in, falls du das noch nicht mitbekommen hast.«
»Und wofür brauchst du das?«
»Für morgen. Ich bin bei meiner Freundin zum Geburtstag eingeladen und sie hat so einen süßen Bruder und …«
Luisa klimperte schwärmerisch mit den Augenlidern.
»Na, meinetwegen. Nimm es dir.«
Annette zuckte mit den Schultern und verließ den Raum. Sie liebte ihre kleine Schwester, aber wann war die so anstrengend geworden? Im letzten Jahr hatte Luisa noch ihre Puppen und Stofftiere geliebt und Pferdebücher verschlungen. Seit kurzem fing sie an, sich zu schminken, und sie fand Jungs viel interessanter als die Schule. Ständig hatte sie Besuch von ihren Freundinnen und aus ihrem Zimmer klangen lautes Gekreische und Musik. Neuerdings bestand sie auf die Abkürzung »Lu« und stellte sich taub, wenn jemand Luisa zu ihr sagte. Sie hasste ihren Namen. »Wie seid ihr bloß darauf gekommen?«, hatte sie schon oft ihre Eltern gefragt. »So heißt doch kein Mensch.«
Annette beeilte sich, wegzukommen.
Aber halt – sie hatte gar kein Geschenk! Fast hätte sie sich die frisch gelockten Haare gerauft. Es war Sonntag! An der Tankstelle? Da hatte vor zwei Wochen eine Bande Jugendlicher den Tankwart überfallen und die Kasse ausgeraubt. Seitdem war ihr die Straße nicht so ganz geheuer, da hingen immer so zwielichtige Gestalten herum. Aber was blieb ihr anderes übrig? Sie stieg in ihren leuchtend orangefarbigen Fiat 500.
»Bekommt er noch die Flasche oder trinkt er schon Benzin?«, wurde sie manchmal aufgezogen. Aber sie war stolz auf ihre rollende Butterbrotdose. Obwohl das Auto bereits zehn Jahre alt und etwas klapprig war, fuhr es noch einwandfrei. So konnte Annette in die Stadt zur Uni pendeln. Sie hatte vor einem Jahr ihr Lehramtsstudium gestartet und wollte lieber vorerst zu Hause wohnen bleiben. Erstens sparte sie dadurch Geld, und zweitens war sie noch nicht bereit, schon so ganz aus dem elterlichen Nest zu krabbeln.
An der Tankstelle war die Auswahl nicht besonders groß. Blumen? Pralinen? Nachdenklich drehte sie an einer Haarsträhne.
»Was suchen Sie, junge Frau?«, brummte der Inhaber, der mit seinen strähnigen Haaren und ungepflegten Händen nicht sehr vertrauenserweckend aussah.
Argwöhnisch beobachtete Annette aus dem Augenwinkel fünf Jugendliche, die lärmend den Laden betraten. Schnell weg hier!
»Ich, äh«, stammelte sie und zeigte auf die Blumen.
»Das ist der letzte Strauß, den ich habe. Entweder nimmste den oder ich kann dir auch nicht weiterhelfen, Mädchen.«
Klang der griesgrämig! Und dazu diese finstere Miene! Hastig kramte Annette das Geld aus ihrer Hosentasche und drückte es ihm in die Finger.
Nun stand sie mit einem Strauß roter Rosen in der Hand draußen vor der Tankstelle. Rote Rosen? Oh nein! Sie schlug sich mit der freien Hand vor die Stirn. Was hatte sie denn jetzt angestellt? Unmöglich konnte sie Christoph den Strauß überreichen, das wäre ja ein Wink mit dem Zaunpfahl, abgesehen davon auch noch der Gipfel der Spießigkeit! Blumen für einen Jungen zum 18. Geburtstag!
Und was jetzt? Ein zweites Mal betrat sie diesen Laden mit dem ungehobelten Typen nicht. Auf gar keinen Fall! Wütend auf sich selbst schloss sie ihr Auto auf und pfefferte den Rosenstrauß auf die Rückbank. Dann ließ sie sich auf den Fahrersitz plumpsen und schlug mit der Hand aufs Lenkrad. Jetzt nochmal schnell nach Hause. Sie hatte eine Idee.
»Wieso kommst du schon zurück?«, wollte Renate, ihre Mutter, wissen.
Annette verdrehte die Augen. Mama immer mit ihren Fragen.
»Hab was vergessen«, murmelte sie.
Diesmal war sie es, die ins Zimmer ihrer Schwester stürmte.
»Lu, du bist meine letzte Hoffnung. Ich hab kein Geschenk für Christoph. Hast du noch einen Satz Gitarrensaiten, mit dem du mir aus der Patsche helfen kannst?«
»Ja, schon, aber …« Luisas zögernde Stimme klang wenig begeistert.
»Ich kaufe dir nächste Woche neue, versprochen.«
Annette sah ihre Schwester flehend an.
»Na gut, weil du es bist.« Lu erhob sich und kramte in einer Schublade. »Die hab ich doch hier reingelegt.«
Annette trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Unordentliche Schubladen schienen eine Familieneigenschaft zu sein. Sie rollte mit den Augen.
»Christoph denkt bestimmt schon, ich komme überhaupt nicht mehr«, schoss es ihr durch den Kopf.
»Ich hab sie!« Luisa hielt die begehrten Saiten hoch.
Annette schnappte sie sich entschlossen und drückte ihrer Schwester einen hastigen Kuss auf die Stirn.
»Du bist meine Rettung«, flüsterte sie und raste zurück zu ihrem Auto.
Vor lauter Aufregung brachte sie das Kunststück fertig, sich auf der kurzen Strecke zu Christoph zu verfahren und eine Straße zu früh abzubiegen. Ein paar Minuten später war sie dann endlich da. Außer seiner Cousine Steffi saßen noch seine Eltern und Großeltern im Wohnzimmer. Annette fühlte sich von fünf Augenpaaren gemustert und wurde knallrot. Wo war bloß das Mauseloch, in dem sie verschwinden konnte?
Die Eltern kannten Annette flüchtig von Auftritten mit der Band, aber den Großeltern stand die Frage: »Wer ist denn das Mädchen?« ins Gesicht geschrieben.
»Das ist Annette«, stellte Christoph sie vor. »Sie spielt auch in unserer Band.«
Annette saß mit ineinander verschränkten Fingern am Tisch. Sie versuchte, tief durchzuatmen. Es gelang ihr jedoch nicht, sich zu entspannen.
»Probier mal den leckeren Apfelkuchen.«
Christophs Oma hielt ihr eine Kuchenplatte hin.
Bei den Eltern und Großeltern ihres Schwarms beim Kaffeeklatsch. »In welchem Film bin ich denn jetzt gelandet?«, fragte sie sich.
Schon ließ die Oma ein großes Stück Kuchen auf ihren Teller plumpsen und gab auch noch einen dicken Klecks Sahne obendrauf. Nervös stocherte Annette mit der Gabel auf ihrem Teller herum. Ein verführerischer Duft stieg ihr in die Nase. Hm, Zimt, schnupperte sie. Den liebte sie. Normalerweise. Sie ahnte, dass der Kuchen die Bezeichnung »Bester Apfelkuchen der Welt« tatsächlich verdiente. Trotzdem konnte sie ihn nicht richtig genießen. Mit zitternden Fingern goss sie Milch in ihren Kaffee. Fast hätte sie sie verschüttet. Hoffentlich bemerkte niemand, wie nervös sie war. Was sollte dieser peinliche Kaffeeklatsch? Warum feierte Christoph seinen Geburtstag nicht mit ein paar Freunden, wie andere junge Leute? Alles merkwürdig. Trotzdem gefiel er ihr und sie konnte ihren Blick kaum von ihm abwenden. Sie sah, dass auch seine Augen häufig in ihre Richtung wanderten. Ihr Herz stolperte jedes Mal verdächtig und kleine Ameisen schienen sich in ihrem Bauch auszubreiten.
»Oh je, hoffentlich werde ich nicht rot«, hoffte sie. Sie bemerkte, dass sie schon wieder an einer Haarsträhne drehte, und ließ sie schnell los. Ob er wohl Interesse an ihr hatte? Und ob es ihn störte, dass sie zwei Jahre älter war?
»Wie komme ich hier bloß weg ohne unhöflich zu sein?«, überlegte sie. Langsam hatte sie genug von seiner Familie. Sie stand auf. »Tut mir leid, ich muss mich verabschieden. Ich muss noch lernen«, murmelte sie.
»Ich bringe dich zur Tür.« Christoph sprang auf. Er schien nur auf diesen Moment gewartet zu haben.
Nachdem Annette sich von den anderen Gästen verabschiedet hatte, begleitete Christoph sie bis vor die Haustür.
Wie auf Knopfdruck lag eine knisternde Spannung in der Luft.
Verlegen blieben sie stehen.
Annette hatte mal wieder eine Haarsträhne in der Hand, ohne es selbst zu bemerken.
Christoph wagte ein schiefes Lächeln.
»Ganz schön anstrengend, meine Sippschaft, oder?«
Annette grinste verlegen und sah auf den Boden.
»Och, sie waren sehr nett zu mir, und der Apfelkuchen war echt toll. Aber ich kam mir ziemlich blöd vor, mit der ganzen Verwandtschaft im Wohnzimmer zu sitzen.«
»Ja, kann ich verstehen.« Christoph nickte. »War auch irgendwie doof. Aber zu meinem Geburtstag veranstaltet meine Mutter immer so ein spießiges Kaffeetrinken. Wenigstens haben sie dich nicht ausgequetscht wie eine Zitrone. Ich hatte schon befürchtet, sie würden dich mit Fragen löchern.«
Wieder warf er Annette sein spezielles Lächeln zu. Dabei zog er einen Mundwinkel höher als den anderen.
»Er lacht so süß«, fand sie. Ihre Knie schienen aus Wackelpudding zu bestehen. Sie war so von seinem Blick gefangen, dass sie vergaß, etwas zu sagen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit sagte Christoph leise: »Als du angerufen hast, hab ich gedacht, dann kann ich dich endlich mal außerhalb der Band treffen.«
Er wurde rot.
»Na, wenigstens bin ich nicht die Einzige, die dauernd rot wird«, dachte Annette. Aber sie musste so langsam mal einen Ton von sich geben. Was sollte er sonst von ihr halten?
»Ich fand es nett, dass du mich eingeladen hast«, sagte sie hölzern. »Blöder Satz«, schimpfte sie in Gedanken mit sich selbst, kaum, dass sie ihn ausgesprochen hatte.
»Vielleicht doch nicht ganz so blöd«, schwirrte ihr durch den Kopf, als er ihre Hand nahm und sagte: »Und ich fand es schön, dass du gekommen bist.«
Sie sah ihn an und im nächsten Augenblick lag sie in seinen Armen. Zärtlich erwiderte sie seinen Kuss und für ein paar Minuten vergaßen sie alles um sich herum.
Als sie wieder im Hier und Jetzt angekommen waren, zupfte Annette ihre Locken zurecht und grinste verlegen.
Schwebend auf einer rosa Wolke fuhr sie kurze Zeit später nach Hause. Christoph winkte ihr noch hinterher.
Kapitel 2
»Endlich! Heute sehe ich Christoph wieder!«
Der Gedanke füllte Annettes Kopf vollkommen aus. Sie war unterwegs zur Bandprobe und ihr Herz raste. Sie erinnerte sich an die gestrige Begegnung mit Mona und musste trotz ihrer Aufregung schmunzeln.
Zufällig hatten sie sich beim Bäcker in Monas Wohnort getroffen. Annette holte sich dort ein Schokokussbrötchen. Schon als die Verkäuferin den Schokokuss in das aufgeschnittene Brötchen drückte und dabei die dünne Schokoladenschicht knackend zersprang, lief Annette das Wasser im Mund zusammen. Sie liebte diese süße Schweinerei, wie sie es nannte. Es war für sie die Süßigkeit des Jahres 1984, weil sie sich im letzten Jahr häufig damit das Lernen fürs Abi versüßt hatte. Ihre Freundin hatte für derartige Kalorienbomben wenig übrig. Annette sah den missbilligenden Blick, den Mona auf das Brötchen warf, aber sie machte sich nichts daraus und biss herzhaft hinein. Ein Klecks von der klebrigen Masse blieb an ihrer Lippe hängen.
Mona sagte: »Ich hab gehört, du warst bei Christoph zum Geburtstag.«
Es sollte wohl beiläufig klingen, aber Annette hörte die Spannung hinter den Worten. Sie hatte nur gegrinst und nichts weiter verraten.
»Du wirst schon sehen«, hatte sie gedacht und sich die Zuckerschicht von den Lippen geleckt.
Beinahe automatisch fand ihr Auto den Weg in die Stadt zum Gymnasium, wo die Band in einem Kellerraum proben durfte. Er war von außen zugänglich und mit allerlei Musikinstrumenten ausgestattet.
Sie schloss den Raum auf. Vor Aufregung hatte sie nicht mehr warten können und sich viel zu früh auf den Weg begeben. Das war ja mal wieder typisch. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf. Unschlüssig stand sie herum und betrachtete die Umgebung, die ihr so vertraut war: ihr heißgeliebtes Keyboard, das Schlagzeug und die Gitarren. Die Lieblingsgitarre von Christoph war nicht dabei, die gehörte ihm selbst und er nahm sie immer mit nach Hause. Notenständer, Mikrophone, sonstiger technischer Kram und überall herumfliegende Notenblätter machten das Bild komplett.
Annette schloss die Augen und sog den Duft nach Musik, Arbeit und auch ein wenig Staub in die Nase. Der Raum atmete die Atmosphäre der Band, der sie den Namen Camba gegeben hatten, gebildet aus den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen.
Annette kramte schon mal ein paar Notenblätter zusammen und klimperte auf dem Keyboard herum. Die Tür sprang auf und Christoph stürmte mit seiner Lieblingsgitarre herein. Er stellte das Instrument achtlos in die Ecke, wobei die Saiten der Gitarre schnarrten.
»Endlich seh ich dich wieder!«
Er stürzte auf Annette zu und zog sie in die Arme. Die beiden hatten nur Augen füreinander, sodass sie gar nicht bemerkten, dass nacheinander Mona, Birgit und Alex eintrudelten.
»Was sehe ich denn da?« Birgit Simons, die Schlagzeugerin, lachte.
Sie schüttelte ihre langen blonden Haare. Wie immer sah sie so zerzaust aus, als käme sie gerade aus einem Schneesturm. Annette und Birgit studierten gemeinsam, sie sahen sich häufig und kannten sich recht gut. Birgit hatte in letzter Zeit so eine Ahnung, dass Annette heimlich für Christoph schwärmte. War die nicht dauernd rot angelaufen, wenn er in ihre Nähe kam? Sie schmunzelte insgeheim darüber. Wie konnte eine Zwanzigjährige sich nur in einen achtzehnjährigen Schnösel verlieben? Für Birgit wurde ein Mann erst mit mindestens fünfundzwanzig Jahren attraktiv.
Mona blieb vor Schreck die Spucke weg.
»Da hat Annette sich doch tatsächlich Christoph geangelt«, dachte sie und knirschte wütend mit den Zähnen. »Dabei weiß sie ganz genau, dass ich ihn liebe! Er gehört zu mir!«
In ihre Wut mischte sich aber auch Ärger über sich selbst. Hätte sie nicht die Geburtstagskarte allein abgeschickt, dann wäre Annette wahrscheinlich nicht bei Christoph gewesen und das alles wäre nicht passiert. Ihr Gesicht verzerrte sich und sie musste an sich halten, um nicht mit dem Fuß aufzustampfen. Mit ihren Hätte- und Wäre-Gedanken kam sie nicht weiter. Ihr würde schon etwas einfallen, um Christoph doch noch für sich zu gewinnen.
»Wenn ihr euch von der Überraschung erholt habt und die beiden Turteltäubchen sich voneinander gelöst haben, dann können wir vielleicht langsam mal anfangen.«
Die dunkle Stimme gehörte zu Alexander Neumeyer, der mit seiner gewohnt trockenen Art die anderen auf den Boden zurückholte.
Alex, wie alle ihn nannten, war mit seinen achtundzwanzig Jahren der älteste der fünfköpfigen Band. Als Einziger war er schon berufstätig und arbeitete bei der Polizei. Wann immer seine Schichtdienste es zuließen, war er bei den Bandproben dabei. Mit Begeisterung spielte er Gitarre, auch hin und wieder E-Gitarre, und die übrigen Bandmitglieder waren ihm ans Herz gewachsen, obwohl sie jünger waren als er. Der Musikgeschmack lief allerdings schon mal ein wenig auseinander und führte zu Diskussionen. Die anderen fanden den Ältesten cool und bewunderten seine schrille rote E-Gitarre und die dunklen, etwas drahtigen Locken. Manchmal hatte Alex wenig Sinn für die albernen Spinnereien der Jüngeren, wie er es nannte. Das hatte ihm den Spitznamen »Opa« eingebracht. Das war jedoch liebevoll gemeint. Die anderen schätzten ihn und sahen sogar ein wenig zu ihm auf, denn wenn es wirklich darauf ankam und jemand ihn brauchte, dann konnte man sich hundertprozentig auf ihn verlassen. Er strahlte eine natürliche Autorität aus. Auch jetzt eilten die anderen auf ihre Plätze und die Probe konnte beginnen.
Mona, die Sängerin, hatte allerdings Mühe, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten. Sie verfehlte so manchen Ton und sang den falschen Text, was man von ihr sonst nicht kannte. Mit ihrer herausragenden tiefen, ein wenig rauen Stimme war sie das Aushängeschild der Band.
Annette sah zu ihr rüber. Da sie die Freundin schon seit der frühen Kindheit kannte, fiel wahrscheinlich nur ihr allein das bittere Zucken um die Mundwinkel auf.
Monas kastanienbraune glatte Haare waren zu einem akkuraten Pagenkopf geschnitten, und ihr Gesicht sah aus wie einer Kosmetikwerbung entsprungen. Wie immer perfekt geschminkt. Darauf war Annette, die ständig mühsam mit ihrem Schminkzeug herumkleckerte, ein wenig neidisch. Obwohl sie Mona auch manchmal damit aufzog. »Du gehst ja ungeschminkt noch nicht mal in den Keller«, sagte sie dann.
Annette fand, dass Monas äußeres Erscheinungsbild ausgezeichnet mit deren Ausbildung zur Bankkauffrau harmonierte. Nicht ins Bild passte allerdings ihre tiefe, etwas freche Stimme. Die anderen hatten sie gefragt, warum sie nicht Gesang studieren wollte. »Du hättest das Zeug dazu«, waren sie sich einig.
Mona hatte geseufzt: »Bringt das mal meinen Eltern bei. Die meinen, ich soll erst mal was Vernünftiges lernen.«
»Hallo, träumst du?«
Annette schreckte auf, als Birgit ihr während der Vorlesung unsanft einen Ellbogen in die Rippen stieß.
»Au!«, reagierte sie laut.
»Pst!« Birgit legte einen Finger auf die Lippen.
»Oh, Entschuldigung!«, flüsterte Annette. »Ich war gerade ganz woanders.«
»War nicht zu übersehen«, brummte Birgit und betrachtete kopfschüttelnd die Herzchen, die Annette in ihren Schreibblock gemalt hatte.
Annette schaute wieder nach vorne und versuchte, sich zu konzentrieren. Sie schwebte auf Wolke Sieben und ihr Kopf kreiste nur um einen Gedanken: »Heute Abend gehe ich zu Christoph«. Sie war sehr glücklich mit ihm. Jede freie Minute verbrachten sie zusammen und die Band hatte für sie einen frischen Glanz erhalten. Voller Vorfreude erwarteten die beiden mittwochs die gemeinsame Probe.
»Lust auf Disco am Samstag?«, fragte Christoph.
»Ich weiß nicht«, antwortete Annette und zuckte mit den Schultern. »Ich bin nicht so der Disco-Typ«.
»Warum nicht?«
»Ist mir zu laut.«
Christoph lachte und wuschelte durch Annettes Haare.
»Die Musik, die wir mit der Band machen, ist auch nicht immer leise.«
»Stimmt.« Annette zuckte wieder mit den Schultern und fuhr mit den Fingern durch ihr Haar, um es wieder zu bändigen. »Trotzdem war ich bisher von meinen wenigen Discobesuchen nicht begeistert.«
»Im Downtown ist es aber ganz gut. Man trifft immer ein paar Leute. Und dann lernst du endlich meinen Kumpel Bernd kennen, der ist jedes Wochenende da.«
Annette ließ sich überreden und so fuhren sie am Samstag in die von Christoph favorisierte Disco. Sofort waren sie von schummrigem Licht und lauter Musik von Depeche Mode umgeben. Die Luft war von Zigarettenrauch vernebelt und auch der Geruch von Bier und anderem Alkohol drang an ihre Sinne.
Wie aus dem Nichts tauchte ein großer, kräftiger Typ mit vorne kurzen und hinten schulterlangen dunkelblonden Haaren auf und schlug Christoph auf die Schulter. In der anderen Hand hielt er eine Zigarette.
»Hi Chris!«, rief er. »Du kommst auch nochmal?«
Annette runzelte die Stirn. Chris?
Christoph drehte sich zu seinem Kumpel um und strahlte.
»Hallo Bernd! Ja, lange nicht gesehen. Das ist Annette, meine Freundin.« Er zog sie zu sich heran. »Annette, das ist Bernd, von dem ich dir erzählt habe.«
»Hi, Annette.« Bernd grinste breit und nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette.
Annette hatte das Gefühl, dass er sie von oben bis unten musterte.
»Hi«, murmelte sie und dachte: »Irgendwie gefällt der mir nicht, er hat so einen komischen Blick.«
»Ich hol uns was zu trinken«, sagte Bernd. »Für euch auch Bier?«
Christoph nickte, Annette schüttelte den Kopf.
»Für mich lieber Cola. Ich muss noch fahren.«
Bernd runzelte die Stirn.
»Ach, ein Bier kannst du doch trotzdem trinken.«
»Nein, will ich aber nicht«, sagte Annette entschieden. Sie erwiderte seinen Blick und funkelte ihn finster an, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengezogen.
Bernd zuckte mit den Schultern.
»Auch okay, dann für dich eine Cola.«
Er schob sich durch die Leute in Richtung Theke.
Christoph sah seine Freundin an und runzelte die Stirn.
»Wieso bist du so grantig? Magst du ihn nicht?«
Annette zuckte mit den Schultern.
»Weiß nicht. Ich kenne ihn ja nicht. Aber irgendwie ist der komisch. Er hat so einen Blick …«
»Ach.« Christoph lachte. »Er hat sich bestimmt einen Joint reingezogen.«
»Was?!«
Alarmiert sah Annette auf.
Sie wurden unterbrochen, als Bernd mit den Getränken zurückkam. Nach und nach tauchten noch einige andere Leute auf, die Christoph kannte und Annette vorstellte.
In ihrem Bauch rumorte es jedoch. Ob ihr Freund auch kiffte?
Er zog sie schließlich auf die Tanzfläche.
»Entspann dich doch mal«, flüsterte er in ihr Ohr und massierte ihre angespannten Schultern. »Gefällt es dir nicht?«
Annette schüttelte den Kopf. Sie war erleichtert, als Christoph kurze Zeit später vorschlug, nach Hause zu fahren.
»Sag mal, was war das eben mit Bernd und dem Joint?«, platzte sie draußen sofort raus. »Machst du sowas auch?«
Christoph lachte und fasste sie fest um die Schultern. »Ich doch nicht. Ich fange ja schon an zu husten, wenn ich an einer Zigarette ziehe, wo nur Tabak drin ist.« Er hörte auf zu lachen. »Aber jetzt mal im Ernst. Nein, ich will mit Drogen nichts zu tun haben. Ich hatte mal einen Kumpel, der hat zuerst gekifft, dann hat er LSD-Trips geschmissen und irgendwann ist er komplett auf die schiefe Bahn geraten.«
Er schwieg nachdenklich.
»Und was ist dann aus ihm geworden?«, wollte Annette wissen.
Christoph zuckte mit den Schultern.
»Keine Ahnung, ich habe den Kontakt zu ihm verloren. Bernd kannte ihn auch und weiß, dass mich die Geschichte davon abhält, irgendwelche Drogen zu probieren. Er würde nie versuchen, mich dazu zu überreden.«
»Und ihn hat die Geschichte mit eurem Kumpel nicht abgeschreckt?«
»Ach, er sagt, er kifft nur ab und zu mal, und härtere Drogen kommen für ihn nicht in Frage. Er hält das nicht für gefährlich. Vielleicht hat er ja recht, aber ich will es trotzdem nicht probieren.«
Annette nickte. Sie war wieder beruhigt, doch diesen Bernd fand sie komisch.
»Ich hab bis eben noch nie gehört, dass dich jemand Chris nennt«, murmelte sie und drehte den Zündschlüssel um.
»Mich nennt auch nur Bernd so«, antwortete Christoph.
»Oh nein, so ein Mist!«
Luisas Stimme schallte aus ihrem Zimmer und gleich darauf war ein lauter Knall zu hören. Annette steckte vorsichtig den Kopf durch Luisas Zimmertür.
»Lu? Alles in Ordnung?«
»Dämliche Frage!«
Luisa stampfte mit dem Fuß auf und zeigte auf die Musikkassette, die sie auf den Boden geworfen hatte. Annette, die inzwischen mitten im Zimmer stand, blickte von der Kassette zu ihrer Schwester.
»Oh, Bandsalat.«
»Du bemerkst aber auch alles!« Lu versetzte der verhedderten Kassette noch einen weiteren Tritt und fluchte: »Scheibenkleister! Saudoofes Teil!«
»Wenn du das Ding gegen die Wand knallst und durch die Gegend trittst, wird es auch nicht besser«, schimpfte Annette mit gerunzelter Stirn und strengem Gesichtsausdruck, den Lu immer furchtbar erwachsen fand.
Lu verdrehte die Augen. Musste die jetzt wieder die große Schwester herauskehren?
»Es ist meine neueste Kassette. Ich hab es endlich geschafft, mein Lieblingslied von Nena ohne das Gequatsche von dem blöden Radio-Typen aufzunehmen, und dann sowas.«
Sie warf auch noch ein Heft durch die Luft, gefolgt von einem Ordner, der mit einem dumpfen Knall auf dem Boden aufschlug.
»He, he, jetzt hör mal auf, mit deinen Sachen um dich zu schmeißen! Gib mir lieber mal einen Bleistift.«
Annette hob die Kassette mit dem heraushängenden Bandgewirr vorsichtig auf, setzte sich damit aufs Bett und streckte die Hand nach ihrer Schwester aus. Lu kramte hektisch auf ihrem Schreibtisch herum. Endlich fand sie einen Bleistift, den sie in Annettes immer noch ausgestreckte Hand legte. Fasziniert sah sie zu, wie die mit der Bleistiftspitze geduldig das verworrene Band Millimeter für Millimeter aufwickelte. Dann ging es ihr doch nicht schnell genug und sie versuchte, mit ihren Fingern dazwischen zu fummeln. Annette gab ihr einen Klaps auf die Hand.
»Pfoten weg! Sonst kannst du es gleich selber machen.«
Hastig zog Lu die Hand zurück. Auch wenn Annette manchmal so schlaue Sprüche von sich gab, fand sie doch meistens eine Lösung für Luisas Probleme.
»Du bist echt toll«, sagte sie bewundernd, als Annette ihr drei abgebrochene Bleistifte und ein paar Kraftausdrücke später die Kassette überreichte, die wieder aussah wie neu. Hoffentlich funktionierte sie auch so. Aufgeregt steckte Luisa sie in das Fach der Stereoanlage, drückte auf »Play« und wartete mit angehaltenem Atem.
»Sie läuft, sie läuft!«
Mit wild herumfuchtelnden Armen hüpfte Lu durchs Zimmer und fiel Annette so stürmisch um den Hals, dass beide umfielen und sich lachend auf dem Boden wiederfanden.
Im Hintergrund sang Nena: »Im Sturz durch Raum und Zeit …«
Eines Abends platzte Alex in die Bandprobe: »Im April ist ein Grönemeyer-Konzert in Köln. Da würde ich gerne hinfahren. Es gibt noch Karten. Habt ihr auch Lust?«
Annette und Christoph verständigten sich mit einem Blick und nickten.
»Ja, super Idee!« Annette strahlte. »Wäre doch toll, wenn wir mit der ganzen Band dahinfahren. Wir können bestimmt eine Gruppenkarte mit der Bahn kriegen. Es müsste uns nur jemand zum Bahnhof fahren, oder wir kundschaften eine Busverbindung aus. Dann gehen wir vorher zusammen was essen …«
»Ja, ich hätte auch Lust dazu«, sagte Birgit. »Was kosten die Karten denn?«
Alex legte den Kopf schief und überlegte: »Ich weiß nicht genau. Ich glaube, sechzehn Mark oder so.«
Birgit seufzte. »Ich bin zwar im Moment etwas knapp bei Kasse, aber ich kann es mir ja von meinen Eltern zum Geburtstag wünschen. Was ist mit dir, Mona?«
Mona blätterte in ihren Noten herum und tat so, als wäre sie total beschäftigt und hätte Birgits Frage nicht gehört. Alex ging auf sie zu und wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum.
»Sag mal, was ist los? Grönemeyer ist zwar nicht Ina Deter, aber ihn findest du doch auch toll, oder?«
»Nö, keinen Bock«, murmelte Mona und kramte weiter.
»Und ich hab gedacht, gerade du springst vor Begeisterung in die Luft. Du wolltest doch immer mal zu einem Konzert«, sagte Alex kopfschüttelnd.
Mona setzte ein abweisendes Gesicht auf und zuckte mit den Schultern.
»Können wir jetzt mit der Probe anfangen?«
Der Satz kam genervt. Die anderen sahen sich stirnrunzelnd an und trotteten zu ihren Plätzen.
»Und? Soll ich vier Karten für uns besorgen?«, fragte Alex nach der Probe.
Drei Köpfe nickten und Alex wandte sich an Mona.
»Wenn du es dir noch anders überlegst, kannst du mir gerne Bescheid geben.«
Die reagierte nicht und verließ den Raum.
»Was ist denn mit der los?«, fragte Birgit.
»Ach.« Annette seufzte. »Sie ist eifersüchtig, weil sie auch in Christoph verliebt ist. Mit mir redet sie kaum noch.«
»Die Stimmung in der Band wird nicht besser davon.«
Alex sah Annette an.
»Da brauchst du mich nicht so anzugucken, ich kann nichts dafür!«, brauste sie auf.
»Hab ich doch gar nicht gesagt.« Alex hob beschwichtigend die Hände. »Jedenfalls lassen wir uns das Konzert nicht verderben.«
»Vielleicht kann sie sich mal wieder selbst nicht leiden«, vermutete Birgit, die sich schon öfter über die launische Art von Mona geärgert hatte. »Sie soll mal lieber eine leckere Currywurst mit Fritten essen als immer nur an einem Salatblatt herum zu knabbern, dann hätte sie auch bessere Laune.«
Die anderen grinsten. Mona wollte stets perfekt aussehen und hatte passend dazu einen ausgeprägten Schlankheitswahn. Damit zogen die Freunde sie gerne auf.
»Du, Annette, meinst du, Bernd könnte auch zum Konzert mitkommen?«
Christoph sah seine Freundin von der Seite an. Sie hatte ihn im Anschluss an die Probe nach Hause gebracht und jetzt saßen sie noch im Auto und konnten sich, wie immer, kaum voneinander lösen. Aus dem Radio klang die Stimme von Nino de Angelo mit Jenseits von Eden.
Annette runzelte die Stirn.
»Jetzt ist es so herrlich romantisch«, dachte sie. »Müssen wir uns unbedingt mit Bernd beschäftigen?«
Widerwillig sagte sie: »Es soll doch ein Ausflug mit der Band sein.«
»Die Band fährt doch sowieso nicht komplett«, war Christophs Einwand. »Du willst es nur nicht, weil du Bernd nicht leiden kannst.«
»Ich weiß nicht, was du an ihm findest.« Annette schüttelte den Kopf. »Er raucht und kifft und ist mit ganz anderen Leuten zusammen als wir.«
Christoph seufzte.
»Er ist trotzdem ein prima Kumpel. Es müssen ja nicht alle so sein wie wir.«
»Von mir aus. Dann frag ihn«, sagte Annette.
Sie war genervt, und sie hörte selbst, dass ihre Stimme auch so klang.
Die beiden blieben noch eine Weile im Auto sitzen und schwiegen. Die romantische Stimmung war wie weggeflogen. Schließlich verabschiedete Christoph sich kurz und stieg aus. »Ich ruf dich an.«
Die vier Bandmitglieder kamen völlig begeistert mit strahlenden Gesichtern von ihrem Ausflug zum Grönemeyer-Konzert zurück. Noch am nächsten Tag waren sie heiser vom Mitsingen und Jubeln. Die Musik hatten sie tagelang in den Ohren und sie fielen ihrer Umgebung auf den Wecker, weil sie ständig die Lieder vor sich hin summten.
Christoph hatte es sich anders überlegt und seinen Kumpel doch nicht gefragt. »Vielleicht ist es wirklich besser, wenn wir unter uns bleiben«, hatte er zugegeben. »Bernd interessiert sich sowieso nicht so für Musik.«
Ihm war selbst klar, dass Bernd nicht so recht zu seinen übrigen Freunden passte. Trotzdem hatte er eine Schwäche für ihn und war nicht bereit, seine Freundschaft aufzugeben, auch wenn es ihm manchmal Meinungsverschiedenheiten mit seiner Freundin einbrachte.
»War Bernd eigentlich schon mal bei dir zu Hause?«, wollte Annette wissen, als sie in Christophs Zimmer auf seinem Bett herumlungerten.
Er grinste. »Kannst du dir Bernd bei meinen Eltern im Wohnzimmer vorstellen? Bei Kaffee und Kuchen?«
Jetzt schmunzelte auch Annette.
»Nein, er ist nicht der Typ für einen spießigen Kaffeeklatsch. Sag mal, woher kennst du ihn eigentlich?«
Christophs Gedanken wanderten in die Vergangenheit. Er sah sich wieder in der fünften oder sechsten Klasse sitzen, neben Jörg, Bernds jüngerem Bruder.
Zwei große, kräftige Jungs hatten sich vor Jörg aufgebaut.
»Na, du kleine, fette Leberwurst, du hast uns doch was versprochen.«
Jörg sah auf den Boden und schwieg.
Einer der Jungen stieß ihm mit dem Ellbogen in die Seite.
»Schon vergessen? Wenn du uns nicht morgen die Sachen mitbringst, dann …«
Er hielt eine Faust unter Jörgs Nase.
Christoph sprang auf und schlug so heftig mit der flachen Hand auf den Tisch, dass seine Stifte herunterkullerten und klappernd auf den Boden fielen.
»Jetzt hört auf und lasst ihn endlich in Ruhe! Er hat euch nichts getan und er ist euch auch nichts schuldig!«
In dem Moment hatte der Lehrer den Klassenraum betreten und der Vorfall war beendet gewesen. Vorerst.
Christoph nahm erst jetzt wieder Annette wahr, die bei seiner Erzählung gebannt an seinen Lippen gehangen hatte.
»Finde ich toll von dir, dass du ihm geholfen hast«, sagte sie.
»Ich habe ihn immer verteidigt.« Christoph hing noch mit seinen Gedanken in der Vergangenheit. »Ich konnte das auch ganz gut, weil ich einen guten Stand in der Klasse hatte. Ich war zu der Zeit Klassensprecher. Die meisten haben nur weggeschaut, wenn die Idioten mit Schimpfwörtern hinter Jörg hergerannt sind, ihn in die Enge getrieben und ihm Sachen geklaut haben. Ich war öfter bei ihm zu Hause und habe mit ihm für eine Klassenarbeit geübt, er war nicht gerade eine Leuchte in der Schule. Bei der Gelegenheit habe ich dann auch Bernd kennengelernt. Er hat immer zu seinem Bruder gehalten und ihn unterstützt. Das hat mir imponiert und wir haben uns angefreundet. Die beiden hatten nicht so ein tolles Elternhaus, die Eltern sind geschieden und haben sich nie besonders um die beiden Jungs gekümmert. Bernd hat inzwischen eine eigene Wohnung und Jörg lebt bei der Mutter.«
»Hast du noch Kontakt zu ihm?«
»Klar, er macht nächstes Jahr mit mir Abi. Mittlerweile kann er sich ganz gut durchsetzen und die anderen lassen ihn in Ruhe. Die Schlimmsten sind sowieso nicht mehr da, sie sind nach der zehnten Klasse abgegangen. Da hab ich zu Jörg gesagt: ›Siehste, wer zuletzt lacht …‹«
Annette legte nachdenklich den Kopf schräg. Christophs Erzählung warf wieder ein anderes Licht auf Bernd.
»Vielleicht muss ich meine Meinung über ihn doch überdenken«, überlegte sie.
In den nächsten Wochen nahmen wieder andere Aktivitäten und Unternehmungen Annettes Zeit und Gedanken in Anspruch und sie dachte nicht mehr an Bernd.
»Hoffentlich verspiele ich mich am Samstag nicht. Und hoffentlich wird das Wetter bis dahin besser.«
