Bangkok Rhapsody - Thomas Einsingbach - E-Book
Beschreibung

Der frühere FBI-Agent William LaRouche erhält den Auftrag, den abgetauchten Folterspezialisten und Massenmörder Mazzini in Bangkok aufzustöbern. Dort angekommen, verdichtet sich bald der Verdacht, dass sich Williams Zielperson unter der Maske eines ehrbaren Philanthropen verbirgt, der ein Heim für mittellose Senioren leitet. Aus dem fernen Washington von seinem väterlichen Freund Jonathan Robson begleitet und mit der örtlichen Unterstützung der Juristin Penelope Owens, beginnt die wendungsreiche Jagd auf Mazzini, den die Vision antreibt, die Erde von allem »unwerten Leben« zu säubern. Mazzini weiß längst, dass William ihm auf den Fersen ist. Er fühlt sich jedoch unantastbar und statt zu fliehen, sucht er den direkten Kontakt. In einer denkwürdigen Begegnung provoziert Mazzini seinen Jäger und philosophiert über Ethik und Moral, begleitet von den Klängen George Gershwins Rhapsody in Blue. Als klar wird, dass auch Williams Vater den Verhörmethoden Mazzinis zum Opfer gefallen ist, löst sich ein letzter Schuss …

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:448

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Beliebtheit


THOMAS

EINSINGBACH

THRILLER

mitteldeutscher verlag

Inhalt

Cover

Titel

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

61

62

63

64

65

66

67

68

69

70

Ebenfalls im Mitteldeutschen Verlag erschienen

Impressum

PROLOG

Phnom Penh, im April 1978.

„Schachmatt! Ich gratuliere. Der Vorstoß mit dem Springer war mein entscheidender Fehler.“ Der Verlierer, dessen weiße Uniform nicht den kleinsten Makel aufwies, lächelte verlegen. Dann nickte er seinem Adjutanten zu, der sich daraufhin anschickte, ihm Rotwein nachzuschenken. Der Gewinner, der splitternackt auf einem Holzhocker saß, beobachtete wortlos, wie die letzten Strahlen der Abendsonne den Raum durchfluteten und sich mit dem kalten Schein der Neonbeleuchtung zu einem unangenehmen Zwielicht vermischten. Er hatte sein gut gefülltes Weinglas noch nicht einmal angerührt.

Es roch nach verbrannter Haut und menschlichen Ausscheidungen, und die Klimaanlage kämpfte angestrengt gegen die feuchte Hitze, die von draußen in das schlecht isolierte Büro drang.

„Auf Ihr Wohl. Warum trinken Sie nicht? Es ist ein hervorragender Tropfen.“ Der Weißgekleidete hob sein Glas. „Wie wäre es mit einer Revanche?“

Die langen, dürren Beine seines siegreichen Gegners fanden unter dem halbhohen Tisch, auf dem das Schachspiel, die Weingläser und eine Flasche Bordeaux platziert waren, nur schwer Platz. Der Mann hatte in den letzten Wochen enorm an Gewicht verloren und sein entblößter Körper war übersät von notdürftig versorgten, noch nicht ausgeheilten Wunden. Seine strähnigen blonden Haare hingen ihm fettig vor den Augen. Nur unter Aufbietung seiner letzten Kräfte gelang es ihm, Haltung zu bewahren. Niemals würde er mit dem Teufel anstoßen. Im Augenwinkel sah er den jungen Kambodschaner, der in einer Ecke des Raumes kauerte und blutverschmiert wimmerte. Aus einer handtellergroßen Wunde an dessen linker Kopfseite tropfte dunkelrotes Blut in die Urinlache, die sich um ihn herum ausgebreitet hatte.

Vor gut einer Stunde hatten zwei Sergeanten den schmächtigen Asiaten gepackt und ihn an die Rückenlehne eines Schemels gefesselt, die mit scharfkantigen Metalldornen bespickt war, welche sich tief in sein Rückgrat bohrten. Das Verhör wurde in kambodschanischer Sprache geführt und blieb offenbar ohne den gewünschten Erfolg. Auf ein Zeichen des Weißuniformierten hin brannten die Peiniger ihrem Gefangenen immer wieder die Glut ihrer Zigaretten ins Gesicht. Der Gefolterte ertrug die Qualen nahezu lautlos. Erst als sie ihm routiniert die Arme brachen, stieß der zähe Asiate spitze Schmerzensschreie aus. Schließlich schnitten die Schergen ihm das Ohr ab, woraufhin ihr Opfer für einige Zeit das Bewusstsein verlor.

„Sie mögen diesen Mann. Ich sehe es Ihnen an.“ Genüsslich tapezierte der Verlierer der Schachpartie seinen Gaumen mit einem Schluck Wein.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Gewinnen Sie die Revanche, lassen wir Ihren Freund frei. Verlieren Sie hingegen …“ Die tiefbraunen Augen des Herausforderers suchten die seines Kontrahenten. „Nun, mein Lieber, ich bin mir sicher, Sie werden verhindern, dass es so weit kommt.“

Der Gewinner der ersten Partie nickte kaum merklich. Sein Mund war staubtrocken, der Schweiß rann ihm von der Stirn in die Augen. Er wusste, dass er verloren war, ganz egal, wie das nächste Spiel auch enden würde. Mit leerem Blick verfolgte er die Sergeanten, die sorgsam die Lage der dünnen Elektrodrähte überprüften, mit denen sein nackter Oberkörper und seine Genitalien umwunden waren.

1

Als sie den Gebetstempel verließen, empfing die beiden Frauen die Wucht der tropischen Schwüle. Hoch über dem Kloster Wat Suwan formierten sich grafitgraue Wolkentürme. Weiter unten verharrte die Atmosphäre noch regungslos und lastete schwer auf der lebenden Kreatur. Gleich würde die Ouvertüre folgen, in der Luftvibrationen die Regungslosigkeit ablösten und sich die Spannung bis zur Unerträglichkeit steigerte. Surang hob den Kopf und schnupperte, wie ein scheues Tier, das Witterung aufgenommen hat. Sie konnte sich nicht erinnern, dass es früher zu dieser Jahreszeit noch so aufdringlich nach Unwetter gerochen hatte. Alles schien durcheinandergeraten zu sein. Ihre Begleiterin blickte ängstlich zu dem Gewittergebirge über den nördlichen Stadtbezirken Bangkoks und ergriff Surangs Hand. „Wir müssen uns beeilen. Es wird gleich schrecklich stürmen und regnen.“

Unzählige Male hatte Surang den Weg vom Kloster zum Altenheim zurückgelegt. Selten unbegleitet, denn auf sich alleine gestellt hatte sie ihre Orientierung vor einer Ewigkeit verloren. Was wusste ihre junge Führerin schon über die wirklichen Gefahren des Lebens? Wortlos folgte sie dem Mädchen durch die staubigen Gassen, dem heranbrausenden Unwetter entgegen.

Gerade noch rechtzeitig schlüpften die Frauen durch das hölzerne Tor in die schützende Empfangshalle des Altenheims, ehe sich der Himmel mit feuchtheißer Explosivität öffnete. Blitze durchschnitten gespenstisch die plötzliche Düsternis. Krachender Donner rollte über den Stadtteil Khlong San. Die Wassermassen klatschten gegen die schmalen Fenster, die zur Soi Charoen Nakorn zeigten. Aus kleinen Rinnsalen wurden auf dem löchrigen Asphalt der belebten Gasse rasende Bäche, die zuerst die Kanalisation überfluteten, um sich dann in teichgroßen Sammelbecken zu vereinen. Ladenbesitzer rafften ihre Auslagen zusammen und brachten sich und die Ware vor dem Regensturm in Sicherheit. Passanten hasteten durchnässt zum nächstgelegenen Unterstand. Andere flüchteten in die einfachen Restaurants des Viertels und gönnten sich eine scharfe Suppe oder etwas Kurzgebratenes.

Durch die zum überdachten Innenhof geöffneten Fenster und Türen drückte der feuchtwarme Dunst ins Gebäudeinnere des Altenheims.

Auf dem Bildschirm des Fernsehgerätes flackerte eine Reklame für Eistee. Surang beobachtete gebannt, wie eine giftgrüne Flüssigkeit perlend in ein Glas strömte, und versuchte dabei vergeblich, den Duft des Getränks zu erhaschen. Endlich setzte sie sich mit überkreuzten Beinen auf den Dielenboden und wandte sich dem Hausaltar zu, in dem eine goldglänzende Buddha-Figur, umgeben von Räucherstäbchen, Blumengirlanden und allerlei Opfergaben, über die Halle wachte. Surang schloss die Augen und begann, ihren Oberkörper im Einklang mit ihrem Herzschlag rhythmisch zu wiegen. Dabei presste sie bei der Vorwärtsbewegung ihre Lippen fest aufeinander, um sie auf dem Rückweg wieder einen schmalen Spalt zu öffnen, so als ob sie zum Sprechen ansetzen wollte. Man ließ die kleingewachsene Frau mit dem gescheitelten, schulterlangen Haar ihre eigenwillige Meditation unbehelligt zelebrieren. Jeder im Heim kannte dieses Ritual, dem sich Surang regelmäßig hingab.

Zwei Helferinnen ließen sich, nicht weit entfernt, ebenfalls auf dem Fußboden nieder. Sie griffen nach den noch nicht ganz fertiggestellten Schiffchen aus den Strünken der Bananenstaude, die sie mit den Heimbewohnern für das Loy-Krathong-Fest bastelten. Geschmückt mit Blumen und brennenden Kerzen wollte man die schwimmenden Gestecke in der Vollmondnacht des zwölften Monats des Lunisolarkalenders, die stets auf das Novemberende fiel, gemeinsam auf dem Chao Phraya zu Wasser lassen und das Ende der Regenzeit feiern. Die Opfergaben würden Mae Khongkhe, die göttliche Mutter des Wassers, gewiss versöhnlich stimmen und die Seelen der Spender von den Verunreinigungen des ausgehenden Jahres befreien.

Ein paar Interessierte gesellten sich zu der kleinen Runde und boten ihre Hilfe an, während die Regenflut unvermindert auf das Gebäude herabstürzte. Wieder zuckte eine elektrische Himmelsentladung grell durch die im Halbdunklen liegende Halle. Unmittelbar darauf folgte ein Donnerschlag, der die Grundmauern des Anwesens zu erschüttern schien. Flehende Blicke wandten sich gen Firmament, in der Hoffnung auf ein Erbarmen der Gewitterdämonen.

Einzig Surang schaukelte unbeirrt im gleichen Takt hin und her, unbeeindruckt vom Tosen der Naturgewalten. Keine der jungen Pflegerinnen kannte die Vergangenheit dieser verschlossenen Frau. Ihre äußere Erscheinung ließ keine verlässliche Schätzung ihres Alters zu. Surangs mädchenhafte, biegsame Figur täuschte eine Art unbekümmerte Jugend vor. Sie schien in einer eigenen Welt zu leben, unnahbar und stumm. Nur der Heimleiter Dr.Bertoli kannte Surangs Geschichte und wusste, dass sie durchaus in der Lage war zu sprechen.

2

Nur mit Mühe gelang es William LaRouche, die Augenlider zu heben. Er hatte wieder einmal miserabel geträumt, war immer wieder aufgeschreckt, hatte Polizeisirenen gehört und dabei Schweißausbrüche bekommen, obwohl sein Apartment zugig und unzureichend beheizt war. Sein müder Blick fiel auf den kahlen Kirschbaum an der Hinterhofmauer, der im nebligen Dunst des frühen Novembertages verschwamm. Ein Schwarm Wildenten strich im Formationsflug über die Dächer der Backsteingebäude Hobokens in Richtung Osten, dem Hudson River entgegen. Williams Blick kehrte in die Ödnis seiner Unterkunft zurück, wo ihn die Unbeflecktheit der weißgekalkten Zimmerdecke fesselte. Seine Hand berührte das durchgeschwitzte Laken, dessen klamme Kälte ihn erschaudern ließ. So musste sich der Tod anfühlen, nachdem sich die lebende Materie zum Abschied ein letztes Mal fiebrig aufgebäumt hatte. Warum blieb er nicht einfach liegen, in stoischer Erduldung des Schlussakkordes des irdischen Daseins und in Erwartung des Unvorstellbaren, was danach kommen würde? Hatte er irgendeinen Grund aufzustehen oder würde ihn nur ein weiterer sinnloser Tag quälen, der sich endlos in die Länge zog und seiner Seele keinerlei Impulse gab?

William drehte sich zur Seite, schob die Beine aus dem Bett und brachte seinen Körper in die Senkrechte. Wenig später saß er ungewaschen, ungekämmt und unschlüssig an seinem den Raum dominierenden Schreibtisch, rührte in einer Tasse mit aufgebrühtem Instantkaffee und erinnerte sich, wie er diese protzige Karikatur der Bürokratie aus einer Firmeninsolvenz für zwanzig Dollar ersteigert hatte. Seit einer halben Minute läutete das Telefon. Er bemühte sich, das lästige Geräusch zu ignorieren. Aber der Anrufer war ausdauernder als er. Nach einer weiteren halben Minute griff William mürrisch zum Hörer.

„LaRouche, Agentur für …“

„Billy, mein Junge! Ich dachte schon, du wärst bereits unterwegs. Du hast bestimmt immer mächtig viel zu tun! Good morning, New York City!“

Es war Doris. Die Stimme seiner Mutter kam ihm aufgekratzt und fremd vor. „Mom?“

Ganz sicher war sie wieder einmal, mit der Bibel in der Hand, in der Nacht durch ihr Puppenhäuschen in Lake View gegeistert und hatte sich den Kopf über ihr einziges Kind zerbrochen, von dessen Leben sie keinen blassen Schimmer hatte.

„Hoboken, Mom. Ich lebe in Hoboken, New Jersey. Nicht in New York“, korrigierte William, obwohl er wusste, dass es keinen Zweck hatte. Doris würde unbeirrt weiterhin in ihrer Nachbarschaft damit prahlen, dass ihr Sohn Direktor einer Agentur in New York City sei.

In den ersten Jahren nach dem Verschwinden von Williams Vater hatte sich Doris mit ihrer täglichen Flasche Wodka getröstet. Wenn sie betrunken war, schien sie weniger verzweifelt zu sein und fühlte sich irgendwie gemütlich an. Ihre Haut war weich und roch nach einer Melange aus Lavendel, Kuchenduft und Alkoholausdünstungen. Als Williams Vater auch nach drei Jahren nicht wiederaufgetaucht war, klammerte sich Doris an die Bibel, flüchtete sich in das Universum des süßen Backvergnügens und stellte beeindruckende Mengen unterschiedlichster Kuchen und Torten für die römisch-katholische Gemeinde von Lake View, einem Stadtteil von New Orleans, her.

„Billy, ist der Apfelkuchen angekommen? Ich habe ihn in eine Spezialfolie eingeschweißt. Er ist doch nicht etwa zerdrückt worden?“

„Nein, Mom, alles bestens. Kam an und hat vorzüglich geschmeckt“, log William und streifte mit seinem Blick den ungeöffneten Karton, den ein Paketbote vor ein paar Tagen gebracht hatte.

„Bei uns in New Orleans ist es noch keine halb sechs, mein Junge. Ich weiß doch, wie gerne du früh aufstehst, einen starken Kaffee trinkst und dich dann in deine Arbeit stürzt. Ich wollte ja nur hören, ob du den Apfelkuchen bekommen hast.“ Doris hatte mittlerweile ihre weinerlich-fordernde Tonart angeschlagen. „Aber du kommst doch Thanksgiving nach Hause?“

Mit Missmut erinnerte sich William an das letzte gemeinsame Thanksgiving in Lake View. Wie gewöhnlich hatte seine Mutter den Tisch festlich für drei Personen eingedeckt. Neben dem dritten, niemals benutzten Gedeck war wie jedes Jahr der Silberrahmen mit dem ewig gleichen, ikonenhaften Foto aufgebaut: Williams Vater im Alter von siebenundzwanzig Jahren auf seinem Segelboot. Der Fotograf hatte einen Moment eingefangen, in dem eine kräftige Meeresbrise die blonden Haarsträhnen mit dem Sternenbanner am Bootsheck um die Wette flattern ließ. William war damals kaum vier Jahre alt gewesen und hatte nur noch eine verschwommene Erinnerung an die kurzen Besuche seines Vaters zu Hause in Lake View.

Es war einfach verdammtes Pech, dass der Mann nicht bei einem Motorradunfall oder an Krebs gestorben war. Ein Leichnam und ein Begräbnis hätten vieles leichter gemacht. William war sich sicher, dass es die Ungewissheit war, die seine Mutter erst zur Flasche und dann, was zweifellos eine gewisse Verbesserung darstellte, zur Bibel hatte greifen lassen. Möglicherweise waren andere Frauen von verschollenen Ehemännern stärker als Doris LaRouche, aber schließlich konnte man sich weder sein Schicksal noch seine Mutter aussuchen. Im Grunde genommen, dachte William, hatte er sogar noch Glück gehabt. Das Schicksal hatte ihm Jonathan geschickt. Ohne den afroamerikanischen ehemaligen Kollegen von Williams Vater wäre manches ganz sicher viel schlechter gelaufen. Er hatte erreicht, dass sich das FBI großzügig zeigte und der vermeintlichen Witwe eine ordentliche Hinterbliebenenpension zugestand, von der sie die Zahnspange ihres Sohnes bezahlen und ihn aufs College schicken konnte. Für den heranwachsenden William war Jonathan damals ein Fels in der Brandung gewesen, wenn seine Mutter wieder einmal unberechenbar zwischen manischer Umtriebigkeit und depressiver Lethargie pendelte. Auf ihn konnte sich der kleine blonde Billy verlassen. Er erinnerte sich noch lebhaft an den traurigen Tag, als Jonathan seinem Jungen, so nannte er William beharrlich, mitteilte, dass er in die FBI-Führung nach Washington berufen worden war und deshalb New Orleans verlassen musste.

Williams Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück. Er beendete das Telefonat mit seiner Mutter, erhob sich aus seinem Bürodrehstuhl, schob den Vorhang zur Seite, der die Nische mit der Küchenzeile verdeckte, und brühte sich einen zweiten Instantkaffee auf. William betrachtete sich im Spiegel über dem Spülbecken. Seine Jugend war unwiderruflich dahin. Wie sein Dad wohl mit zweiundvierzig ausgesehen hätte? William fuhr sich über den ungepflegten Mehrtagebart. Viel war nicht geblieben von seiner ehemals athletischen Erscheinung. In den letzten Jahren hatte er fünfundzwanzig Pfund zugenommen und seine blonde Venice-Beach-Mähne hatte sich auf ein dünnes Gestrüpp reduziert, mit dem er notdürftig eine hohe Stirn verdeckte.

William nahm seinen Kaffeebecher und trat auf den Balkon hinaus, der zur Park Avenue zeigte, wo sich der morgendliche Berufsverkehr durch Hobokens Stadtzentrum schob. Er steckte sich eine Lucky Strike an und sog das Nikotin tief in die Lungen. Park Avenue in Hoboken, Downtown! Kein Vergleich mit Manhattans Park Avenue, aber weiß Gott nicht die schlechteste Adresse für einen lausigen Einmannbetrieb, der private Ermittlungen aller Art anbot und dessen teuerste Investition das glänzende Messingschild am Hauseingang gewesen war. Bildfetzen tauchten vor Williams innerem Auge auf: Sein Vater lächelte ihn an. Strahlend weiße Zahnreihen. Saphirblaue Augen. Eine schützende Hand streichelte liebevoll über sein Haupt. William versuchte diese Bilder zu verdrängen. Warum quälte ihn eine fortwährende Sehnsucht nach diesem Mann, den er nie wirklich gekannt hatte, und der vor Jahrzehnten vom Erdboden verschluckt worden war.

3

Ein kalter Nordostwind peitschte durch die Washingtoner Constitution Avenue, auf der an diesem unwirtlichen Morgen die ersten der vielen tausend Angestellten, in dicke Mäntel gehüllt und mit dampfenden Kaffeebechern in den Händen, in die Ministerien des Regierungsviertels strebten.

Die Chefetage des Justizministeriums war, wie üblich, schon seit geraumer Zeit hell erleuchtet. Melinda Rodriguez, die erste Frau in der amerikanischen Geschichte, die den Titel United States Attorney General trug, betrachtete versonnen ihren Kaffeebecher mit dem Amtssiegel und dem Aufdruck „Qui Pro Domina Justitia Sequitur“, was so viel wie „Derjenige, der die Angelegenheiten Justitias erledigt“ heißen sollte. Ein merkwürdiges Motto, dachte sie. In den letzten zwei Jahren hatte Melinda lernen müssen, wie viele Widerstände sich ihrem Kampf für Recht und Gesetz entgegenstellten. Nicht allen ihrer Gegner ging es dabei um sachliche Auseinandersetzungen, vielmehr zielten die Angriffe auf ihre Person. Nicht alle des Washingtoner Establishments konnten sich mit der Tatsache anfreunden, dass mit Melinda Fortuna Rodriguez ein neuer Stern am Firmament der amerikanischen Machtpolitik aufgegangen war.

Sie nippte an dem Getränk. Dünner Behördenkaffee. Eine schreckliche Brühe. In jeder mexikanischen Dorfkneipe gab es bessere Qualität. Melinda erhob sich aus ihrem Chefsessel und betrat ihre private Rückzugsmöglichkeit, ein Bade- und ein Schlafzimmer, die sich hinter einer holzvertäfelten Tür versteckte. Sie schaltete die Beleuchtung über dem Schminktisch ein und entdeckte in ihrer brünetten Löwenmähne ein paar graue Haarbüschel. Ein Termin beim Friseur zum Nachfärben war dringend erforderlich. Mit einem weinroten Lip Stylo frischte sie ihr Lippen-Make-up auf. Anschließend tupfte sie mit einem transparenten Gel ihre getrimmten Augenbrauen ab, die mit ihrer gradlinigen Ausrichtung gut in ihr rundliches lateinamerikanisches Gesicht passten. Melindas Vater war ein mexikanischer Farmarbeiter indianisch-spanischer Abstammung gewesen. Auch seiner Tochter sah man an, dass sie die Gene der Nahua-Indianer, Nachkommen der stolzen Azteken, in sich trug.

Die antike Standuhr in Melindas Amtszimmer zeigte sechs Uhr dreißig, als ihr Büroleiter Jonathan Robson mit einem triumphierenden Lächeln den Raum betrat. In der Hand balancierte er ein Tablett mit zwei Latte macchiato und einer Gebäckauswahl aus dem italienischen Bistro im Erdgeschoss des Justizministeriums.

„Melinda“, strahlte Jonathan, „es gibt erfreuliche Neuigkeiten. Sichere Informationen aus verlässlicher Quelle.“

„Wo ist er diesmal untergetaucht?“ Melinda griff nach einem Pappbecher und einem Brownie.

„Alles deutet darauf hin, dass er sich in Bangkok aufhält.”

„Bangkok? Eine Stecknadel im Heuhaufen dürfte leichter zu finden sein.“

„Sechzehn Millionen Einwohner, davon ein paar zehntausend weiße Ausländer mit dauerhafter Aufenthaltserlaubnis, dazu eine unbekannte Anzahl Illegaler. Nicht einfach, aber auch nicht unmöglich.“

„Seine Tarnung ist immer perfekt. Sein Netzwerk von Unterstützern reicht bis in höchste CIA-Kreise.“

„Das mag stimmen, aber ein professioneller, mit Bangkok vertrauter Exposer und ein wenig Glück …“, gab sich Jonathan zuversichtlich.

„Was schlägst du vor?“

„Wir operieren zunächst inoffiziell. Je weniger Leute von unserem Plan wissen, desto besser. Wir können keinen Agenten aus dem aktiven Dienst einsetzen. Dann werden Vorgesetzte eingebunden, thailändische Behörden erhalten Vorabinformationen …“

„ … und auf wundersame Weise ist das flüchtige Reh wieder verschwunden. Du erinnerst dich an die Beerdigung seiner Mutter in Chicago vor fünf Jahren?“, unterbrach Melinda. Natürlich erinnerte sich Jonathan. Melinda war damals noch Abteilungsleiterin und er selbst gerade aus dem FBI-Dienst ausgeschieden und als Berater ins Justizministerium gewechselt. Sie hatten den Fisch schon an der Angel gehabt. Dann führte eine Indiskretion zur Katastrophe. Die Zielperson schien sich in Luft aufgelöst zu haben und drei FBI-Agenten wurden tot in einem stillgelegten Bergwerk gefunden. Nur mit Mühe und Not konnte verhindert werden, dass diese misslungene Aktion an die Öffentlichkeit drang.

„Ich habe einen Mann im Sinn, der passen könnte. Er ist asienerfahren und der beste Ermittler, den ich kenne. Er riecht seine Klienten, Erfolgsquote nahe einhundert Prozent.“

„Wo viel Licht, da hat’s auch Schatten.“ Melinda blickte Jonathan skeptisch an.

„Ich kenne ihn seit seiner Kindheit und habe lange mit seinem Vater zusammengearbeitet. Der Junge ist besser als sein Dad und war bereits in Thailand im Einsatz. Vor ein paar Jahren hat er aus persönlichen Gründen das FBI verlassen und in New Jersey eine private Ermittlungsagentur eröffnet.“

„Ich hatte nach dem Schatten gefragt“, erinnerte ihn Melinda.

„Schatten?“

Jonathan schob seine grauschwarze Hornbrille auf seiner flachen Nasenwurzel zurecht. „Der Junge ist instinktgesteuert, hoch emotional, aber in jeder Hinsicht loyal. Das garantiere ich.“

„Jonathan, wenn wir inoffiziell und mit einem Freelancer arbeiten, lautet die entscheidende Frage: Ist dein Mann kontrollierbar?“

4

Der Nacht-Express verlies um drei Uhr fünfzehn die Union Station in Richtung New York. Jonathan Robson sah hinauf zu einem scharf konturierten Novembervollmond, dessen Leuchtkraft in der kalten, wolkenlosen Nacht das schlafende Washington mit einem goldenen Schimmer überzog. Nachdem er sich eine Weile mit dem Studium einiger Akten wachgehalten hatte, döste er nun in seinem komfortablen Business-Class-Sessel vor sich hin. Pünktlich kurz nach halb sieben rollte der Zug in New Yorks Pennsylvania Station ein.

Jonathan wusste, dass William ein early bird, ein Frühaufsteher, war. Er hatte seinen Besuch nicht angekündigt und erinnerte sich an ihr letztes Telefonat vor etlichen Wochen, in dem sich William angespannt und auf eine ungewohnte Art abweisend gezeigt hatte. Jonathan durchschritt die Schalterhalle und sprang kurz darauf in ein gelbes Taxi, wo ihn der Fahrer mit „Bruder“ ansprach. Er nannte Williams Adresse in Hoboken, was dem schwergewichtigen Afrikaner ein zufriedenes Lächeln entlockte. Ein angenehmer Auftrag um diese Zeit, wo alles nach Manhattan strebte und die Gegenfahrbahnen, hinaus aus dem Herzen des Big Apple, zu einem entspannten Ritt einluden. In zügiger Fahrt ging es zum Lincoln-Tunnel, durch den sie den Hudson River unterquerten. Ein paar Meilen weiter stoppte der Wagen an einer Ecke von Hobokens Park Avenue, wo Jonathan ausstieg und in einem vietnamesischen Deli-Shop zwei Portionen starken Kaffee zum Mitnehmen bestellte. Wenig später stand er vor dem Eingang eines vierstöckigen Backsteingebäudes. Neben einem Dutzend Klingelknöpfen prangte ein Messingschild mit der Aufschrift „William H. LaRouche – Private Investigator“. Jonathan presste seinen kalten Zeigefinger auf die Klingel. Nichts geschah. Er bemerkte, dass die Haustür nur angelehnt war, schob sie auf und trat in ein Treppenhaus, in dem es nach gebratenem Fisch und Katzenurin roch. Er kletterte die ausgetretene Holztreppe bis in die letzte Etage hinauf, ehe er eine verkratzte Wohnungstür erreichte, an der ein laminierter Computerausdruck befestigt war, dessen Text sich mit der Aufschrift des Messingschildes deckte. Da kein weiterer Klingelknopf vorhanden war, klopfte Jonathan kräftig an die Metalltür. Seine Armbanduhr zeigte mittlerweile zwanzig nach sieben.

„Mrs.Wilberforce? Stellen Sie die Milch vor die Tür. Ich komme später vorbei und bringe Ihnen das Geld.“ Es war Williams raue Stimme, worauf Jonathan ein weiteres Mal gegen den Eingang hämmerte.

„Verdammt! Wer ist denn da, so früh am Morgen?“

„William. Ich bin’s, Jon. Trinkst du einen Kaffee mit mir?“, rief Jonathan und hörte, wie sich die Querriegel der Türsicherung zur Seite bewegten.

„Jon? Was machst du hier? Haben sie dich gefeuert?“

„Billy, Agent W, lass mich erst mal in deine gute Stube. Wir haben uns eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.“

William reichte seinem Besucher die Hand, vermied dabei aber den direkten Augenkontakt. Jonathan blickte sich unauffällig um. Der Zustand des Apartments war für ihn ein weiterer Beweis, dass William noch immer keine Ordnung in seinem Leben gefunden hatte. William eilte zu der Küchenzeile, wo er einen Lappen fand, mit dem er einen Teil seines Schreibtisches säuberte, damit Jonathan die Kaffeebecher abstellen konnte.

„Billy, mein Junge, du siehst großartig aus. Ich störe doch hoffentlich nicht? Und zu deiner Frage: Noch arbeite ich im Justizministerium. Aber du weißt ja, wie schnell man in der Politik seinen Job loswerden kann.“

William wirkte auf Jonathan wie ein verunsichertes Raubtier, das eine Gefahr ahnte, aber noch nicht wusste, von woher sie drohte. Sie waren sich seit Monaten nicht mehr persönlich begegnet. Der äußeren Erscheinung nach zu urteilen, ging es seinem Jungen alles andere als großartig.

„Ich sehe großartig aus? Deine Witze waren früher besser. Agent W hat sich abgemeldet, hat seine Mom im Stich gelassen und seinen Mentor Jonathan enttäuscht. Mir geht es verflucht noch mal verdammt großartig!“ William trank einen Schluck Kaffee und wischte sich danach mit dem Handrücken die Lippen trocken.

„Jon, nimm Platz. Sorry, ich bin zurzeit wirklich nicht gut drauf, habe nicht aufgeräumt, die Heizung im Haus funktioniert nicht und die Klimaanlage hat im vergangenen Sommer ihren Geist aufgegeben. Warum musst du ausgerechnet heute kommen?“

William nahm schlürfend einen weiteren Schluck aus dem Kaffeebecher und musterte Jonathan. Wie fremd ihm dieser Mann mittlerweile geworden war. Vor ihm saß ein geschmackvoll gekleideter Afroamerikaner von mittlerer Statur mit ergrautem, kurz geschnittenem Lockenhaar, der ihn durch eine markante Hornbrille ebenfalls beobachtete. Am linken Handgelenk trug Jonathan ein Oakley-Titanium-Pilotenchronometer. Vincent LaRouche, Williams Vater, hatte eine Uhr derselben exklusiven Sonderserie besessen, aber sie war zusammen mit ihm im kambodschanischen Dschungel verschwunden. William hatte seine eigene Oakley Titanium, das inoffizielle Erkennungszeichen aktiver und ehemaliger FBI-Agenten, zusammen mit ein paar weiteren Erinnerungen an seine Dienstzeit in eine Pappschachtel unter sein Bett verbannt. Er wollte nichts mehr mit dem FBI zu schaffen haben und sich schon gar nicht mit einer Oakley Titanium brandmarken. Die Blicke der beiden Männer trafen sich. Für einen kurzen Moment kam es William so vor, als habe er in Jons Augen etwas Geschäftsmäßiges entdeckt. Er vermisste die Wärme, die verlässlich in diesen Augen gelegen hatte, als Jon sich nach Vincent LaRouches Verschwinden um dessen Sohn gekümmert und versucht hatte, Doris vom Alkohol wegzuholen. William wandte sich ab und sah, wie im Hinterhof die ersten Strahlen der Vormittagssonne auf dem glitzernden Morgentau der kahlen Zweige des Kirschbaums tanzten. Es würde ein schöner, kalter Herbsttag werden, dachte er und wärmte seine Hände an dem Kaffeebecher.

„William, seit wann lassen Louisiana-Boys ihre Familien im Stich? Warum besuchst du deine Mom nicht? Doris braucht dich“, sagte Jonathan vorwurfsvoll und legte seine Hand auf Williams Schulter.

„Es hat keinen Sinn. Nicht jetzt. Ich stecke noch immer im Sumpf fest … Mom soll nicht mitbekommen, wie dreckig es mir geht.“

Jonathan hatte sich erhoben und stand am Fenster zur Park Avenue, auf der ein böiger Wind die braun-orangenen Blätter der Kastanienbäume aufwirbelte und vor sich hertrieb.

„Warum bist du hier? Was willst du von mir?“

„Ich möchte dich um einen Gefallen bitten.“

„Ein Auftrag?“

Jonathan wandte sich wieder William zu und faltete bedächtig die Hände.

„So könnte man es wohl nennen. Wir brauchen deine Hilfe.“

„Wir?“

„Ja. Die Justizministerin und ich.“

„Jon, ich arbeite nicht mehr für das FBI und auch nicht für das Justizministerium. Niemals und unter keinen Umständen. Tut mir leid, ich kann es nicht.“

5

„Sie haben doch nichts dagegen, wenn wir das Gespräch aufzeichnen und mein Kollege ein paar Fotos schießt?“

Rangrit, der Reporter der Bangkok Post, sah Jürg Bertoli fragend an. Eine junge Thai huschte auf die schattige Veranda und stellte ein Tablett mit Gläsern und einer Karaffe Obstsaft auf einen Tisch, um den herum bequeme Korbsessel gruppiert waren. Es war noch keine elf Uhr. Die heißesten Stunden des Tages standen noch bevor, und doch hatten die Ventilatoren schon jetzt Mühe, den Hauch einer Luftzirkulation zu entwickeln, damit es im Freien erträglich blieb.

„Wir bedienen uns dann selbst“, bedankte sich Bertoli bei seiner Mitarbeiterin und bat die Journalisten, Platz zu nehmen. „Selbstverständlich können Sie fotografieren.“

„Dr.Bertoli, unsere Leser sind an Ihrer Persönlichkeit und der sozialen Arbeit interessiert, die Sie seit geraumer Zeit in Bangkok leisten“, begann der Thailänder auf Englisch. „Sie gründeten Ihre Einrichtung Baan Jai Dii vor acht Jahren. Erklären Sie unseren Lesern, was Ihr Anliegen ist.“

„Gerne! Dafür erlaube ich mir einen Ausflug in die Vergangenheit. Wie Sie vielleicht wissen, halten wir uns hier in einem der ältesten Gebäude Bangkoks auf. Auf den Grundmauern stand einst das Anwesen des Leibarztes von König Taksin, der Ende des achtzehnten Jahrhunderts die Hauptstadt des siamesischen Reiches von Ayutthaya in das flussabwärts gelegene Fischerdorf Thonburi, einem heutigen Stadtteil Bangkoks, verlegt hatte …“ Bertoli unterbrach für einen Moment und schmunzelte. „Leider wurde König Taksin größenwahnsinnig. Auch sein Leibarzt wusste kein Rezept gegen diese Krankheit. Der Adel befreite sich von dem Despoten, Taksin wurde hingerichtet und der Thron fiel an den ersten Rama, den Begründer der Chakri-Dynastie, der auch unser jetziger König Bhumibol als mittlerweile neunter Rama angehört.“

„Was wurde aus dem Leibarzt, wurde er auch getötet?“, wollte Rangrit wissen.

„Nein. Rama der Erste verlegte den königlichen Palast als Zeichen des Neubeginns auf das gegenüberliegende Ostufer des Chao Phraya in die Nähe der Chinesensiedlung Bang Kok. Der neue Herrscher übernahm den Leibarzt seines Vorgängers, und der im ganzen Reich anerkannte Mediziner ließ seinen ehemaligen Wohnsitz zu einem öffentlichen Hospital umbauen. Er nannte es Baan Jai Dii, das Haus des Guten Herzens.“ Der Reporter der Bangkok Post machte sich konzentriert Notizen.

„Unsere Arbeit steht in der Tradition dieses historischen Baan Jai Dii. Wir bemühen uns, alleinstehenden, alten Menschen zu helfen und sie mit ganzem Herzen bis in ihre letzte Stunde zu begleiten“, erläuterte Jürg Bertoli und erhielt Rangrits Bestätigung. „Die moderne Lebensweise treibt die jungen Menschen aus den Dörfern in die Städte. Die Großfamilien lösen sich auf und die Alten können nicht mehr so versorgt werden, wie es unserer Tradition und unserem buddhistischen Glauben entspricht.“

„Die staatlichen Sozialsysteme sind in Asien, wenn überhaupt, auf einem niedrigen Niveau vorhanden. Wenn die Familienverbände nicht mehr funktionieren, stellt das ein ernstes Problem dar. Wir helfen, wo wir können. Unsere Kapazitäten sind allerdings begrenzt, so dass nicht jeder einen Platz in unserer Mitte findet. Aber ist es nicht so, dass auch der engagierteste Helfer den Erfolg seiner Arbeit gefährdet, wenn die Sentimentalität die Sachlichkeit verdrängt?“, gab Bertoli zu bedenken und goss frisch gepressten Ananassaft in die Gläser. Ein dunkelblond gelockter Junge in einem Matrosenanzug näherte sich der Runde.

„Na, du Lauser!“ Bertoli winkte den vielleicht Fünfjährigen heran, der daraufhin auf den Schoß des Heimleiters kletterte.

„Das ist Tap, mein Sohn“, stellte Bertoli den kleinen Burschen vor, „Tap, das sind zwei Reporter von einer berühmten Zeitung aus Bangkok, die über unser Haus berichten wollen.“

„Lung Moo, macht der Mann mit der Kamera auch von mir ein Foto?“

„Wenn du ihn nett bittest, ganz bestimmt.“

„Lung Moo? Sie sagten doch, er sei ihr Sohn“, wollte der Fotograf grinsend wissen.

„Es ist ein Spiel. Nur Tap nennt mich Onkel Doktor. Unsere Gäste sind deutlich älter als ich und würden mich wohl kaum als Onkel bezeichnen wollen. Wo waren wir stehengeblieben?“

„Bei den eingeschränkten Kapazitäten. Gibt es Kriterien, nach denen Sie entscheiden, wen Sie aufnehmen?“

„Ich muss zugeben, dass ich mich vor diesen Entscheidungen gerne drücke und meine Mitarbeiter per Los entscheiden lasse, wenn wieder einmal ein Platz frei geworden ist.“

„Ein reiner Zufall entscheidet?“

„Nennen Sie mir eine Alternative, die unser Gewissen weniger belastet.“

In diesem Augenblick rumpelten zwei Männer in blauen Arbeitsanzügen die Treppe ins Erdgeschoss hinunter. Von mehreren Pflegerinnen begleitet, schleppten sie eine silbergraue Blechkiste durch die Eingangshalle zum Hinterhof, in dem ein Lieferwagen wartete.

„Sehen Sie“, Bertoli deutete auf die Gruppe, „es ist wieder ein Platz frei geworden. Die alte Wannapum hat uns gestern Nacht verlassen. Sie ist mit einem Lächeln auf den Lippen gestorben und hat die Reise in ihr nächstes Leben mit Zuversicht angetreten.“

Die beiden Reporter wirkten sichtlich berührt. Der eine sortierte verlegen seine Unterlagen, der andere schraubte am Verschluss seiner Kamera herum.

„Dr.Bertoli, seit geraumer Zeit kursieren Gerüchte, dass es in Ihrer Einrichtung einen deutlichen Anstieg der Todesfälle gegeben hat.“

Bertoli lächelte. „Nun, Sie sind jung und haben hoffentlich noch ein langes, glückliches Leben vor sich. Im Baan Jai Dii ist dagegen der Tod unser ständiger Begleiter. Aber ist das bei einhundertfünfzig Gästen mit einem Durchschnittsalter von fünfundsiebzig Jahren nicht ein ganz natürlicher, biologischer Vorgang?“

„Da haben Sie vermutlich recht. Bitte verzeihen Sie auch die nächste Frage. Sie nehmen in erster Linie mittellose, alleinstehende Menschen in Ihrem Altenheim auf. Verraten Sie unseren Lesern, wie sich ein derartiges Projekt finanziert?“

Bertoli hob die Hände und seufzte: „Ja, das liebe Geld. Bei uns ist es immer knapp. Wir leben hauptsächlich von Spenden. Es gibt in Bangkok einige wohlhabende Gönner, die uns unterstützen. Dazu kommen gelegentlich Zuwendungen aus Quellen, zu denen ich noch aus meiner früheren Zeit Kontakte habe.“

„Stimmen meine Informationen, dass Sie, bevor Sie nach Thailand kamen, ein leitender Manager in einem Schweizer Pharmakonzern gewesen sind?“

„Schön wär’s.“ Bertoli schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Wie kommen Sie denn darauf? Richtig ist, dass ich vor vielen Jahren in der Schweiz, in Basel, in einer Aids-Beratungsstelle mitgearbeitet habe. Das Projekt wurde von einem dort ansässigen Pharmakonzern unterstützt.“

Rangrit schlug die nächste Seite seines Spiralblocks auf. Bertoli konnte nicht entziffern, was dort notiert war, erkannte aber ein großes Fragezeichen auf dem unteren Teil des Blattes.

„Dr.Bertoli, wenn meine Recherchen korrekt sind, wurden Sie in Italien geboren, haben in Südafrika und England studiert und in Deutschland und Südamerika gearbeitet. Sie besitzen die Schweizer Staatsangehörigkeit. Weshalb hat sich ein Weltbürger wie Sie für ein Leben in Bangkok entschieden?“

„Alles korrekt. Sie sind ein bemerkenswerter Journalist“, lobte Bertoli. „Ich bin als Tourist gekommen und war von der reinigenden Kraft tropischer Regengüsse überwältigt.“

Rangrit schaute ein wenig irritiert. „Sie sind wegen der Regenfälle geblieben?“

„Zunächst einmal ja“, bestätigte Bertoli, „aber schon bald hatte ich mich in Thailand verliebt, in seine Menschen, in deren Zuversicht und Gelassenheit. Ich war beeindruckt von ihrer kindlichen Freude an den kleinen Dingen des Lebens und ihrem Vertrauen auf eine Wiedergeburt nach dem Tod. Mit einem solchen Glauben lassen sich die Wirren des Lebens entspannter ertragen. Und ich staune immer wieder über die ungeheure Kreativität der thailändischen Küche, hinter der selbst die Kunst der Köche meiner Heimat Italien verblasst.“

„Ja, das Essen ist bei uns Thais tatsächlich eine sehr wichtige Angelegenheit.“ Rangrit blickte amüsiert zu seinem Kollegen. „Entschuldigen Sie meine direkte Frage. Sind Sie Buddhist oder Christ?“

Bertoli wiegte sein Haupt mit der ergrauten Haarpracht, die eine Spur heller erschien als sein gemütlicher Vollbart. In passender farblicher Ergänzung dazu standen die graublauen Augen, mit denen er nun den Journalisten ernst anblickte. „Sagen wir es einmal so: Ich bin ein Mensch, der liebt, der hasst, der vergisst und sich erinnert, der Gutes tut, der Unrecht begeht. Und ich hoffe, dass ich mein Leben, mit wessen Hilfe auch immer, einigermaßen im Gleichgewicht dieser Gegensätze führe.“

Rangrit nickte zustimmend.

„Ich bin überzeugt, diese Lebensphilosophie wird vielen unserer Leser gefallen. Doktor, ich denke, das genügt. Sie hatten uns noch einen Rundgang durch Ihre Einrichtung versprochen.“

„Selbstverständlich!“ Bertoli erhob sich. „Zuerst möchte ich Ihnen das historische Gebäude mit den Gemeinschaftsräumen zeigen, dann die jüngeren Anbauten mit den Gästezimmern, die sich an den Hof anschließen. Unseren chinesischen Pavillon am Kanal können wir heute leider nicht besichtigen. Wegen einer Ungezieferplage wird dort seit ein paar Tagen gründlich desinfiziert.“

Rangrit beugte sich nach vorne, um das Tonbandgerät auszuschalten, dabei rutschten ihm seine gesammelten Unterlagen von den Knien und glitten zu Boden. Eine Pressemitteilung mit einem Foto kam zum Vorschein. Die Abbildung zeigte einen Kran, der einen Sportwagen aus einem Gewässer zog. Bertoli hob den alten Zeitungsausschnitt auf.

„Gehört das auch zu Ihrer Reportage über das Baan Jai Dii?“, wollte er mit einem neugierigen Blick wissen.

„Nein, nein. Das ist eine ganz andere Geschichte.“ Der Journalist entschuldigte sich mehrmals und klaubte seine Papiere zusammen. „Sie wissen doch, eine Zeitung muss auch immer eine gewisse Portion Sex und Crime bringen. Vor ein paar Monaten wurde im Industriehafen ein schwarzer Porsche entdeckt, ohne Nummernschilder und mit entfernter Fahrgestellnummer. Im Wagen fand man Teile einer weiblichen Leiche. Allem Anschein nach eine Ausländerin, von Aalen und Muränen zerfressen. Das Mysteriöse daran ist, dass kein Mensch die Frau und den teuren Sportwagen vermisst. Auch die Polizei hat keine Anhaltspunkte. Wir nehmen uns der Sache immer mal wieder an. Vielleicht hilft uns der Zufall“, erläuterte der junge Mann.

„Dann drücke ich Ihnen die Daumen!“, gab Jürg Bertoli aufmunternd zurück und schritt durch die Empfangshalle des Altenheims. Rangrit bemerkte dabei, dass der Hausherr beim Gehen sein rechtes Bein nachzog. Aufgeregt stürmte eine junge Pflegerin auf den Direktor des Altenheims zu. „Khun Jürg! Khun Jürg! Surang ist schon wieder verschwunden. In dieser Woche ist das nun schon das dritte Mal.“

„Entschuldigen Sie, meine Herren. Es handelt sich selbstverständlich nicht um einen Gast unserer Einrichtung. Es geht um ein gelegentlich verwirrtes Mitglied unseres Küchenpersonals“, erläuterte Bertoli den Journalisten, dann wandte er sich wieder seiner Angestellten zu. „Surang wird in Wittipongs Kneipe am Kanal sein. Ihr wisst doch, dass sie bei Vollmond nur Ruhe findet, wenn sie am Wasser sitzt und Karten legt. Holt sie ab und richtet dem Gauner aus, wenn er Surang noch einmal Alkohol gibt, bringe ich ihn um.“

Bertoli zwinkerte den beiden Reportern zu. „Das sind unsere kleinen Alltagsprobleme. In der Regel nichts Dramatisches. Alles mit Geduld und Verständnis lösbar.“

6

Kurz nachdem Jonathan gegangen war, verließ auch William sein Apartment und trat auf die Park Avenue hinaus. Der Frühnebel hatte sich verzogen und die Vormittagssonne stand halbhoch am wolkenlosen Himmel über Hoboken. Ein scharfer Ostwind pfiff William entgegen. Es roch bereits nach Winter, und er zog den Kragen seines Mantels enger. Mit zügigem Schritt erreichte er die nach Frank Sinatra, dem berühmtesten Sohn Hobokens, benannte Parkanlage am Hudson River und suchte sich ein sonniges Plätzchen im Windschatten einer stattlichen Roteiche, unweit der Uferlinie. Silberne Schaumkrönchen tanzten auf den bewegten Fluten und steife Windböen trugen den salzigen Atlantikgeruch aus der Lower Bay heran.

William hatte sich während seiner Ausbildung an der FBI-Akademie leidenschaftlich für die Psychologievorlesungen interessiert. Damals war ihm bewusst geworden, dass ihm als kleiner Junge nur zwei Wege geblieben waren, um den Verlust seines Vaters wenigstens einigermaßen zu verwinden. Der erste Pfad versprach dem verunsicherten Billy seelischen Trost über eine lebenslange Wut auf den Mann, der ihn im Stich gelassen und einer unberechenbaren, alkoholsüchtigen Mutter ausgeliefert hatte. Die zweite Möglichkeit bot ihm die Aussöhnung in Form einer unwirklichen Überhöhung seines verschwundenen Vaters an: Vincent LaRouche als die ewig junge Lichtgestalt ohne Fehl und Tadel. Weil sich alle Welt offenbar auf die zweite Variante eingeschworen hatte, schloss sich auch der kleine Billy dieser Betrachtungsweise an. Sein Vater war von nun an Superagent Vincent LaRouche, der jede Frage beantworten, jedes Problem lösen konnte und der die Ideale Amerikas auch unter den widrigsten Umständen an den finstersten Ecken der Welt verteidigte. Je klarer William in späteren Jahren dieses Trugbild durchschaute, desto größer wurde die Sehnsucht nach einem authentischen Vater, einem Menschen aus Fleisch und Blut.

Williams Blick strich über die Skyline von Manhattan, die scheinbar zum Greifen nahe vor ihm lag: das Empire State Building, ohne das New York nicht New York wäre, die verdichtete Hochhausarchitektur von Midtown und Lower Manhattan und schließlich das One World Trade Center im Financial District, die neue Ikone der Mutter aller Metropolen. Das verschraubt-eigenwillige, höchste Gebäude Amerikas, errichtet auf Ground Zero, war New Yorks Antwort auf die Tragödie des 11. Septembers 2001 – die dunkelste Stunde in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Nur wenige Wochen nach diesem Ereignis hatte sich William für den FBI-Auslandsdienst verpflichtet.

William hatte Jonathan schon eine Weile entdeckt und beobachtete nun, wie der Afroamerikaner den Kragen seines hellbraunen Kaschmirmantels aufschlug und an der Uferpromenade einen Schwarm wilder Stockenten fütterte. William zündete sich eine Lucky Strike an und blies den würzigen Tabakqualm in die kalte Spätherbstluft. Als Jonathan seinen Futtervorrat verteilt hatte, blickte er auf und steuerte langsam auf William zu.

„Ein wunderschöner Tag, nicht wahr?“, begann Jonathan, als er neben William in der Mittagssonne Platz genommen hatte.

„Wie lautet der Auftrag, für den ihr meine Hilfe braucht und für den du extra von Washington gekommen bist?“ William ließ die die kaum halb aufgerauchte Zigarette auf den Kiesboden fallen und trat die Glut aus.

„Du willst nicht für das FBI arbeiten. Kein Problem, du arbeitest für mich. Keine einfache Sache, aber du bist der richtige Mann dafür.“

„Mein Gott, Jonathan, ich bin seit drei Jahren aus dem Geschäft. Ich liefere Ehemänner ans Messer. Jämmerliche Gestalten, die ihre Frauen mit anderen Frauen betrügen, die wiederum auch ihre Männer hintergehen. Ich fange entlaufene Pudel und Kanarienvögel ein. Schau mich an, ich bin alt und dick geworden.“

Jonathan spürte die Unruhe in William, der mit fahrigen Bewegungen eine weitere Zigarette aus der Packung fingerte. Doch das Nikotin, das er mit kurzen Zügen inhalierte, trug nicht zur Beruhigung bei. William wusste, wie nervös und verunsichert er auf Jonathan wirken musste.

„Du wirst Amerika allerdings für eine gewisse Zeit verlassen müssen. Das wäre die Kröte, die du schlucken müsstest“, blieb Jonathan unbeirrt.

„Vergiss es! Ich habe damals meinen Dienst beim FBI quittiert, weil ich das Krötenschlucken satthatte. Keine Kröten mehr. Niemals!“, unterbrach William und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Der Einsatz findet in Bangkok statt. Je schneller du fertig bist, desto schneller bist du wieder zu Hause.“

„Thailand! Bangkok! Ausgerechnet! Sorry, das geht gar nicht.“

„Du hast dich in den letzten Jahren sehr verändert. Ganz offensichtlich ist einiges in deinem Leben in Unordnung. Du hast mir nie erzählt, warum du das FBI verlassen hast. Schade. Ich wäre allerdings ein wenig beruhigter, wenn ich wüsste, dass du einen Menschen hast, dem du dein Herz ausschütten kannst.“

William schwieg beharrlich und verfolgte mit seinem Blick einen Jogger, der seine Runden drehte und auch an ihrer Parkbank vorbeikeuchte. Er hatte das FBI vor drei Jahren verlassen, weil er gehofft hatte, mit diesem Schritt seine Seele retten zu können. Aber was war seither mit ihm geschehen? Warum hatte er noch immer keine Ruhe gefunden? Warum konnte er noch immer nicht über die Erlebnisse während seines letzten FBI-Einsatzes in Thailand sprechen? Nicht einmal mit Jonathan. Sollte er tatsächlich nach Südostasien zurückkehren, wo er damals in die Abgründe seiner Seele geblickt hatte? William schloss die Augen in der Hoffnung, eine Antwort zu finden. Wie hätte sein Dad dieses Gefühlschaos aufgelöst? Kaum hatte sich William diese Frage gestellt, sah er vor seinem inneren Auge seinen Vater mit wehendem blonden Haarschopf. Auch Special Agent Vincent LaRouche schien ratlos zu sein. Glücklicherweise schob sich nun ein anderes virtuelles Bild über das der väterlichen Ikone. Ein dunkelhäutiger Mann wandte sich ihm zu. Es war Jonathan. Der Alte drückte ihn an seine Brust und versprach mit einer tiefen Bassstimme: „Mein Junge, du kannst dich auf mich verlassen. Ich bin immer für dich da.“ Es war die Abschiedsszene, als sich Jonathan vor vielen Jahren von seinem kleinen Billy-Boy verabschiedet hatte und am nächsten Tag Lake View und New Orleans für immer den Rücken kehrte.

Als William die Augen wieder öffnete, war Jonathan verschwunden. Im ersten Moment spürte er eine Art Erleichterung. Jon war wortlos gegangen. William schämte sich. Dieser Mann hatte ihm Halt und Orientierung gegeben und sich, solange er denken konnte, um ihn gesorgt. Nun war Jon mit einer Bitte an ihn herangetreten und hatte dafür eine kalte Absage erhalten.

Selbst wenn das kindliche Idealbild, das er von seinem Vater in sich trug, nur in Bruchteilen der Realität entsprach, Special Agent Vincent LaRouche hätte seinen Kameraden und Freund nicht im Stich gelassen. Niemals!

William rauchte eine weitere Lucky Strike. Dann zog er sein Mobiltelefon aus der Manteltasche. Seine Finger flogen über die Tastatur: „Jon, ich nehme den Auftrag an, was immer es auch sein mag. William.“

7

Nicht einmal zwei Wochen waren es noch bis zum thailändischen Loy-Krathong-Fest, der stimmungsvollen Verabschiedung der Regensaison, die sich in diesem Jahr ungewöhnlich ergiebig gezeigt hatte.

Am Nachmittag war wieder ein tropischer Wassersturm über Bangkok hinweggefegt. Wie gewöhnlich brachte dieses Naturspektakel nur eine kurze Abkühlung und Erleichterung. Mit dem einsetzenden Feierabendverkehr lag Thailands Metropole schon bald wieder unter einer dampfenden Dunstglocke aus Industrieemissionen und Verbrennungsprodukten der unzähligen mobilen Giftschleudern, die im Schneckentempo über den aufgeheizten Asphalt schlichen.

Die aufsteigende Verdunstung der Wassermassen, die das Unwetter ausgespuckt hatte, vermischte sich mit der säuerlich-scharfen Transpiration der sechszehn, vielleicht auch achtzehn Millionen, die Bangkok bevölkerten. Jedes einzelne dieser menschlichen Lebewesen mochte seine persönliche Strategie gegen dieses unerträgliche Gemisch haben, aber keines konnte verhindern, dass die Temperaturen an jedem verfluchten Tag eines Jahres zuverlässig die Dreißiggradmarke überschritten. Für einen Farang, einen weißen Ausländer, fühlte sich dieser Spätnachmittag ungefähr so an, als ob er den Deckel eines mit brodelnder Brühe gefüllten Waschzubers abhob und seinen Kopf in den heißen Wassernebel mit undefinierbaren Geruchsnoten steckte.

Jürg Bertoli verließ den Waggon des Bangkok-Transit-Systems an der Station Nana. Sofort wurde er vom Strom der dampfenden Leiber aufgesogen, die sich durch das Labyrinth aus Ladenpassagen und über die horizontalen und vertikalen Verbindungswege schoben. Aufgebockt auf turmhohe Betonstelzen, schwebte diese zähflüssige Parallelwelt hoch über dem darunterliegenden Gewirr der Boulevards und Gassen. Jeder schien in diesem Gewusel zu wissen, wohin er wollte, und auch Bertoli beschritt eine Rolltreppe, die ihn hinunter zur Einmündung der siebten Quergasse in den Sukhumvit Boulevard führte. Er bahnte sich den Weg zum Horny House am Ende der Soi Seven, vorbei an Verkaufsständen mit Plastiktand und buntem Kunstfaserfummel, Garküchen, Bierkneipen und den als Massagesalons getarnten Bordellen. Seine rechte Hüfte zwickte unerbittlich, aber die Fahrt mit einem Taxi ins vorabendliche Gewimmel der Gassen rund um Nana Plaza wäre ein zeitlich unkalkulierbares Unterfangen gewesen.

Als Bertoli das Horny House betrat, stand ihm der Schweiß auf der Stirn und unter den Hemdachseln zeichneten sich dunkelfeuchte Satteltaschen ab. Eine sparsam bekleidete Angestellte entbot mit aneinandergelegten Handflächen einen Wai, den traditionellen thailändischen Gruß. Dann reichte sie ihm ein gekühltes Handtuch und öffnete die Flügeltür zum Bühnensaal.

Es war das erste Mal, dass ihn Vitikorn in dieses Etablissement bestellt hatte, das zweifellos eine Perle im Geschäftsimperium des Polizeigenerals darstellte, dessen Amt als oberster Ordnungshüter Bangkoks nur eine Art Nebenbeschäftigung zu sein schien. Bertoli hatte Mühe, in dem mit barocken Imitaten und erotischen Anspielungen überladenen Raum die geschäftsführende Mama-san zu entdecken. Als sich seine Augen an die schummrige Beleuchtung gewöhnt hatten, sah er eine überschminkte Mittvierzigerin, deren Lesebrille an einer goldenen Kette über dem prall gefüllten Ausschnitt eines paillettenbesetzten Abendkleides baumelte. Sie sortierte mit atemberaubender Geschwindigkeit mächtige Geldbündel und addierte die Zwischensummen mit einer knatternden Rechenmaschine. Die Dame schien ganz und gar im Reich des Mammons versunken zu sein und erwies dem neuen Gast nicht die Spur einer Beachtung.

„Verzeihen Sie die Störung, mein Name ist Bertoli, ich bin mit Lieutenant General Vitikorn verabredet.“ Als die Mama-san den Namen Vitikorn vernahm, unterbrach sie den Zählvorgang und schenkte Bertoli das liebenswürdigste Lächeln, das sie mit ihrer Gesichtsmaske zustande brachte.

„Ah, Sie sind der Herr Doktor aus der Schweiz. Ich bin entzückt. Der Lieutenant General wird sicher jeden Moment erscheinen. Sie wissen ja, der Verkehr“, säuselte sie. „Bitte nehmen Sie doch Platz. Was darf ich Ihnen anbieten?“

Bertoli bestellte ein Mineralwasser und verschwand in der Herrentoilette, wo er den Kaltwasserhahn aufdrehte. Nur in aller Frühe, vor Sonnenaufgang, gab es für kurze Zeit Leitungswasser, auf das die Bezeichnung „kühl“ annähernd zutreffen mochte. So benetzte er nun mit dem lauwarmen Nass sein Gesicht und die Unterarme. Anschließend trocknete er sich mit einem der schneeweißen Handtücher sorgfältig ab. Dabei fiel sein Blick in den goldgerahmten Kristallspiegel über den Waschtischen. An seinen mediterranen Körperproportionen, bei denen ein längerer Oberkörper auf einem kürzeren Unterbau ruhte, war nun einmal nichts zu ändern. Aber die silbergraue Mähne, die sein Haupt krönte, stand ihm ausgezeichnet; dazu kamen der dunkelgraue Vollbart und die graublauen Augen – alles in allem ein gelungenes Arrangement, das seine Persönlichkeit stimmig betonte. Als er in den Gastraum zurückkehrte, nahm er einen Schluck eisgekühltes Mineralwasser und machte es sich auf einem Barhocker bequem.

Das Horny House war auf den ersten Blick ein erotischer Amüsierclub, wie es sie zu hunderten in Bangkok gab. Bertoli hatte allerdings schon von dessen Ruf als Geheimtipp für gepflegte Perversionen gehört. Nichts deutete zu dieser Tageszeit darauf hin, dass dieses Lokal Thailands Premiumadresse für anspruchsvolle Asiaten und westliche Ausländer war, die Sadomaso-Sex mit Kathoeys suchten; mit jungen Männern, die sich als Frauen in einem männlichen Körper fühlen. Nach ihren Showeinlagen auf der Drehbühne standen die willigen Ladyboys zahlungskräftigen Kunden als Lustobjekte in Separees, Suiten oder Folterkellern zur Verfügung. Die passende weiblich-erotische Kleidung, die Frisur und das Make-up waren für eine Kathoey das kleinste Problem. Die sehnsüchtig erträumten chirurgischen Eingriffe mussten dagegen mühselig verdient werden. Brustvergrößerungen, komplizierte Umbauten im Genitalbereich, Aufpolsterungen der Gesäßpartie, Hormonkuren – alle Hebel wurden in Bewegung gesetzt, damit eine Kathoey äußerlich ihrer Vorstellung einer perfekten Frau entsprechen konnte und ihre Seele ins Gleichgewicht zurückfand. Spitzenverdiener der Szene leisteten sich mitunter riskante operative Manipulationen an den Stimmbändern, damit endgültig alles Männliche an ihnen beseitigt war.

Um diese frühe Stunde herrschte im Horny House noch gähnende Leere. Das Revueprogramm begann nicht vor neun Uhr abends. Ein halbes Dutzend Nachwuchs-Kathoeys, denen man ihre noch nicht nachhaltig überwundene Männlichkeit ansah, alberten an einem Ecktisch herum. Einige stärkten sich für ihre Auftritte am späteren Abend mit allerlei Gesottenem und Gegrilltem. Andere waren dabei, sich aufzutakeln, künstliche Wimpern zu montieren und ihre Röckchen und ausgestopften Büstenhalter in Stellung zu bringen. Ein Klapperdürrer bat einen Kollegen um Hilfe bei seinen Versuchen, sein männliches Geschlechtsteil mit Klebeband zu bändigen und es zwischen seinen Beinen, in Richtung Anus eingeklemmt, verschwinden zu lassen.

Der einzige Gast des Hauses, neben dem wartenden Bertoli, war ein kolossaler Ausländer, eine gut zwanzig Jahre alte Ansammlung von Fett und Muskeln. Er trug einen Bürstenhaarschnitt, ein frisch gebügeltes Poloshirt und karierte Shorts, wie sie von Golfspielern an heißen Tagen bevorzugt werden. Sein Hintern bedeckte zwei nebeneinanderstehende Barhocker, der Oberkörper hing regungslos auf dem Tresen. Vor ihm standen, aufgereiht wie Paradesoldaten, ein halbes Dutzend Flaschen der australischen Biermarke Carlton Cold.

In diesem Augenblick öffneten sich die Flügeltüren des Foyers und Bertoli erkannte die gedrungene Silhouette von Vitikorn, dem Chef der Metropolitan Police of Bangkok. Der Lieutenant General stieg die Stufen zum Thekenbereich hinunter, nickte seiner Geschäftsführerin zu, die ihm ein Zeichen gab. Er umrundete die Theke und streckte seinem Gast die Hand entgegen. „Sorry, Dr.Bertoli, der Verkehr, Sie wissen schon …“

„Keine Ursache, Lieutenant General, ich bin auch erst vor ein paar Minuten angekommen“, gab Bertoli zurück. Natürlich war es dem Polizeidirektor von Bangkok nicht zuzumuten, sich von einem öffentlichen Verkehrsmittel wie der BTS-Schnellbahn zu einem Termin transportieren zu lassen. Sicher wartete draußen vor der Tür eine Dienstlimousine mit Fahrer, laufendem Motor und eingeschalteter Klimaanlage, damit sich der Innenraum des Fahrzeuges nicht aufheizte.

„Doktor, entschuldigen Sie mich bitte noch für einen Moment … etwas Geschäftliches … Sie verstehen …“

Vitikorn drehte seinen Zweizentnerkörper mit erstaunlicher Wendigkeit und hielt auf die Mama-san zu.

„Nit, mein Schätzchen, was gibt’s? Kann das nicht warten? Du siehst doch, ich habe Besuch“, vernahm Bertoli, der nur ein paar Meter entfernt am Tresen saß und über ein ausgezeichnetes Gehör und Kenntnisse in der thailändischen Sprache verfügte.

„Nur ein kleines Problem.“ Nit warf dem hellhäutigen Elefanten am anderen Ende der Bar einen verdrießlichen Blick zu.

„Was ist mit dem Fettwanst los? Hat er randaliert?“, wollte Vitikorn wissen.

„Der Junge hat sich verirrt. Hat wohl gedacht, hier gibt’s das Übliche zur Happy Hour. Hat sich anfangs ganz nett und spendabel mit Ai-Ai beschäftigt.“ Die Mama-san deutete auf eine schmalhüftige Kathoey in einer Schuluniform und Pigtail-Zöpfchen. „Dann wurde ein Separee bestellt. Vor Geilheit blind, hat der Kerl zunächst wohl nicht kapiert, dass zwischen den Beinen seiner Prinzessin etwas existiert, das er dort auf keinen Fall vermutet hatte.“

„Hm“, brummte der Polizeichef, „als er seinen Irrtum entdeckte, wurde er sauer, hat unsere kleine Ai-Ai beschimpft und jetzt will er die Zeche nicht bezahlen?“

„Ja, genau so ist’s gelaufen. Sie sind der Boss. Aber ich bin der Meinung, dass wir in derartigen Fällen keine Kulanz mehr zeigen sollten. Das spricht sich herum und die Konkurrenz macht sich über die zahnlosen Tiger des Horny House lustig. Der Hohlkopf soll die Getränke und die gebuchte Kathoey bezahlen und dann verschwinden. Außerdem sind schlafende Gäste nicht gut fürs Geschäft“, erklärte Nit mit einem Blick auf ihre diamantenbesetzte Armbanduhr.

„Vollkommen richtig, meine Süße“, lobte Vitikorn und verbarg seine dunklen Augen mit der teuren amerikanischen Sonnenbrille, die bisher im Ausschnitt seiner Uniformjacke gesteckt hatte. Dann trat er zu dem schnarchenden Ausländer und rüttelte an dessen Oberarm. Als daraufhin nur ein Grunzen ertönte, öffnete der Polizeigeneral den Reißverschluss der Gürteltasche, die sich vom Bauch des Mannes in den Bereich seiner Taillen-Speckringe verschoben hatte. Er entnahm einen neuseeländischen Reisepass mit einem gültigen Touristenvisum und dem Einreisestempel vom Vortag. Laut Ausweis war der Bursche dreiundzwanzig Jahre alt und hatte als Beruf Krankenpfleger angegeben. Vitikorn steckte den Pass in seine Brusttasche und verschloss den Beutel wieder. Dann zog er seinen Dienstausweis heraus. „Sir, darf ich Ihren Pass sehen“, brüllte er in das Ohr des schlafenden Riesen, der die Augen aufriss und fauchte: „Fick dich. Meinen Pass? Was geht dich mein Pass an?“

„Sir. Ich bitte vielmals um Verzeihung, dass ich Sie bei Ihrer Meditation unterbrochen habe. Ich bin Polizist. Wären Sie so freundlich und würden sich ausweisen?“

„Du Arschloch. Meditation? Verpiss dich.“

„Sir, möglicherweise haben Sie überhört, dass ich Polizeibeamter bin. Darf ich Ihren Pass sehen?“

Vitikorn hob seinen Dienstausweis in die Höhe. Mit glasigem Blick starrte der Neuseeländer auf die Schulterklappen der Polizeiuniform, wo etliche goldene Sterne in den Lichtreflexen einer kreisenden Glasmosaikkugel aufblitzten. Endlich hatte er begriffen und nestelte an seiner Gürteltasche herum.

„Mein Pass. Scheiße! War da drin. Ehrlich! Fuck, jetzt isser weg“, stammelte der Betrunkene. Vitikorn erkundigte sich bei Nit, wie viel Geld der verirrte Freier dem Horny House schuldete. Alles in allem seien es wohl um die fünftausend Baht, lautete die Schätzung der Geschäftsführerin. Wenn die Rechnung lieber in US-Dollar bezahlt werden wolle, gebe sie sich mit zweihundert Dollar zufrieden und man könne sich in Freundschaft trennen. Vitikorn nickte zustimmend, nachdem er den vorgeschlagenen Wechselkurs überschlagen hatte.

„Wo ist mein Pass?“, jammerte der Dickleibige.

„Sie können sich nicht ausweisen? Das ist eine ernste Sache. Mein Freund, kann es sein, dass Sie Ihre Rechnung nicht bezahlen wollen?“

Bertoli verfolgte aufmerksam das Geschehen und sah, wie Vitikorn beeindruckende Sorgenfalten auf seine Stirn zauberte.

„Das Bier zahl ich schon. Aber die Lady … also, wenn das ’ne verdammte Lady war … Fuck, dann bin ich ’n verdammtes Meerschweinchen.“

„Bangkok bietet seinen ausländischen Gästen unendlich viele Überraschungen. Ein Rat unter echten Männern: Bezahlen Sie Ihre Rechnung. Irrtümer sind bekanntermaßen die besten Lehrmeister des Lebens. Möglich, dass sich dann auch Ihr Pass wiederfindet, zum Beispiel auf der Toilette.“ Vitikorn deutete zu den kichernden Kathoeys an dem Ecktisch.

„Ich war nich’ auf der Toilette“, brachte der Tourist stockend vor.

„Was soll ich jetzt mit Ihnen machen?“ Vitikorn schüttelte sein Haupt. „Sie beleidigen einen Polizeibeamten. Sie wollen die gebuchte Lady nicht bezahlen. Sie sind ohne Pass unterwegs. Woher soll ich wissen, ob Sie sich überhaupt rechtmäßig im Königreich Thailand aufhalten? Womöglich sind Sie ein nordkoreanischer Spion, ein islamistischer Selbstmordattentäter oder ein kolumbianischer Drogenhändler. Alles ziemlich kompliziert, finden Sie nicht auch? Möchten Sie mit ins Polizeipräsidium kommen? Dort können wir dann alles in Ruhe klären. Ich habe heute allerdings schon Feierabend und morgen ist mein freier Tag. Sie werden dort übernachten müssen. Ich stehe Ihnen dann übermorgen ab zehn zur Klärung der Unstimmigkeiten zur Verfügung.“

Der Neuseeländer zuckte immer wieder nervös mit den Mundwinkeln. Er hatte sein komplettes jährliches Urlaubsbudget in den Fünftagetrip nach Bangkok investiert. Und nun drohte dieses Sechssternepolizeischlitzauge ihm mit einem Zwangsaufenthalt von zwei Nächten in einem thailändischen Gefängnis.

„Gibt’s da keine andere Lösung?“

„In Bangkok gibt es für alles eine Lösung.“ Vitikorns Blick streifte Nit, die sich bemühte, der auf Englisch geführten Verhandlung zu folgen.

„Die Beamten der Metropolitan Police haben großes Verständnis für die gelegentlichen Schwierigkeiten anständiger Touristen. Ich schlage vor, Sie bezahlen das Bier und die Lady, on top ein nettes Trinkgeld für die ehrliche Finderin Ihres Passes. Dann vergessen wir die ganze Sache einschließlich der Beamtenbeleidigung und Sie können Ihre Entdeckungsreise durch Bangkoks Amüsierbetriebe fortsetzen. Okay? Das wären dann zusammen genau dreihundert Dollar. Wir nehmen hier nur amerikanische Dollars“, bot Vitikorn überfreundlich an.

„Fuck, dreihundert Dollar für ein paar Bier? Das Mädchen war doch keins … ganz ehrlich … die hatte einen … ich hab’s genau gesehen … das ist Betrug“, beschwerte sich der Mann zaghaft.

„Es ist Ihre Entscheidung. Mein Wagen steht vor der Tür.“ Vitikorn rümpfte die Nase. Nicht einmal für eine