BANSi II DURCHGEBRANNT - Michael Karl - E-Book

BANSi II DURCHGEBRANNT E-Book

Michael Karl

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Beschreibung

Im zweiten Teil von Bansis Geschichte wird aus der Enge des Ravensburger Drogenmilieus eine Flucht quer über Kontinente: von Oberschwaben nach Mexiko, weiter nach Miami und Jamaika. Getrieben von einer drohenden Strafe, begleitet von einem alten Freund und den eigenen Dämonen, verwandelt sich ihre Flucht in eine chaotische Odyssee aus fremden Orten, Zufallsbegegnungen und flüchtigen Gemeinschaften. Zwischen Rausch, Hitze und Überforderung entsteht etwas Unerwartetes: ein Gefühl von Zugehörigkeit – und die leise Möglichkeit von Heilung. Ein intensiver Roman über die Grenzen von Freundschaft, die zerstörerische Kraft von Sucht und Schuld und die unstillbare Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 552

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Michael Karl

B A N S i II DURCHGEBRANNT

Gewidmet Florian und Vincent

Inhalt

Cover

Titelblatt

Prolog

Kapitel 1: Abflug

Kapitel 2: Mexiko City

Kapitel 3: Camino Perdido

Kapitel 4: Miami

Kapitel 5: Jamaika

Kapitel 6: Liguanea Ave

Kapitel 7: Blue

Kapitel 8: Lime Cay

Kapitel 9: One Love Nation

Kapitel 10: Sunsplash

Kapitel 11: Down Under

Kapitel 12: Alles auf Anfang

Epilog

Urheberrechte

BANSi II DURCHGEBRANNT

Cover

Titelblatt

Prolog

Epilog

Urheberrechte

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Prolog

Ende April 1995 wurden die Tage länger, die Luft milder, doch für Dieter und mich schien die Zeit stillzustehen, eingefroren in einer kühlen Dämmerung aus Sorge und Unsicherheit. In den Wochen zuvor hatte uns das Leben ausgelaugt; alles zog sich wie Kaugummi, erfüllt von Unruhe und bohrenden Gedanken an das, was bevorstand. Wie schon seit Ende des letzten Jahres verbrachten wir die Stunden zwischen Sonnenuntergang und Morgengrauen in meinem Ford Granada, einem Wagen, der nicht nur als fahrendes Büro diente, sondern zugleich als Wohnzimmer und Drogenkutsche. Er hatte gute Dienste geleistet, als wir im Ravensburger Umland Hasch und Ecstasy in großen Mengen vertickten. Dann kam diese eine verhängnisvolle Nacht Anfang März, ein paar Stunden, die alles veränderten.

Die Illusion der Unverwundbarkeit wurde uns mit brutaler Härte genommen. Zwei Zivilpolizisten, Handlanger der Ordnungsmächte, zerschlugen ohne Erbarmen die Zukunftspläne von Reichtum und einem sorgenfreien Leben. Bei einem größeren Deal in Weißenau, auf einem schwer einsehbaren, unscheinbaren Parkplatz eines Möbelhauses, den wir selbst als Treffpunkt gewählt hatten, schlug das Schicksal unerbittlich zu. Keine halbe Stunde nach dem Abstellen des Granadas legten sich die Handschellen kalt und schwer um meine Handgelenke. Der Verkauf, von einem vermeintlich vertrauenswürdigen Bekannten arrangiert, entpuppte sich als lange geplante Falle der Ermittler. Kaum lag die Ware – zwei Kilo Hasch und eine Tüte mit mehreren hundert Ecstasypillen – auf der Heckklappe meines Wagens, gaben sich die beiden leger gekleideten Beamten zu erkennen, zogen die Waffen und machten mit einem knappen Befehl klar, dass es vorbei war.

Das flackernde Blau der nahenden Einsatzwagen, gespiegelt im feuchten Asphalt, brannte sich tief ins Gedächtnis. Die Fahrt ins nahe gelegene Revier verlief in bedrückender Stille, während sich eine eisige Faust um meinen Magen legte. Die Nacht auf der Ravensburger Polizeistation verging qualvoll langsam: erst in getrennten Räumen, auf einem harten Holzstuhl in einem kahlen Verhörzimmer, unter grellem Neonlicht und dem sterilen Geruch von Desinfektionsmittel. Die Beamten stellten dutzende immer gleiche Fragen, bis schließlich die ersten grauen Streifen der Morgendämmerung durch die schmutzigen Fensterscheiben krochen. Gegen Vormittag brachte man uns hinunter ins Kellergeschoss, in eine enge Verwahrungszelle – Stunden, welche sich wie eine Ewigkeit anfühlten, bevor wir endlich gehen durften.

Wie wir erfuhren und später mit eigenen Augen sahen, hatten die Ermittler unsere Wohnungen gründlich durchforstet. Jedes Kleidungsstück, jede Sitzgelegenheit, jeder Winkel wurde akribisch untersucht. Da die Handelsware jedoch stets mehrere hundert Meter von den Wohnorten entfernt lagerten, blieb der große Fund aus. Abgesehen von einem Haufen Blättchen, ein paar Krümelchen Haschisch, Filtern und Bongs in sämtlichen Variationen hatten sie wenig vorzuweisen. Zumindest hatte sich der kleine Tresor bezahlt gemacht, den ich im Wald gegenüber neben einer knorrigen Eiche vergraben hatte, gefüllt mit etlichen Tüten Ecstasy und soliden Haschplatten von Aron, unentdeckt und sicher. Dennoch war klar: Mit den Drogen, die am Vortag sichergestellt worden waren, würden ernste Konsequenzen drohen.

Dieter hatte im letzten Jahr nicht nur mit seiner Freundin, sondern auch mit seiner Familie gebrochen, allen voran mit seinem kalten, despotischen Vater. Anfang Januar war er mit Klaus, nach wie vor unserem besten Freund und Mentor, in eine Dreizimmerwohnung in Weingarten gezogen. Klaus war alles andere als begeistert, als mitten in der Nacht eine Schar Polizisten die gesamte Wohnung auf den Kopf stellte, auch wenn sie nach ein paar Stunden unverrichteter Dinge wieder abzogen. Die Aufmerksamkeit, welche nun auf uns gerichtet war, erschien ihm eindeutig zu viel. Es dauerte nicht lange, bis auch Aron, der Kopf des Ravensburger Hasch-Imperiums, zu einem ernsten Gespräch einlud. Unter acht Augen legte er nahe, für eine Weile unterzutauchen und jeglichen Kontakt auf ein Minimum zu reduzieren. „Dumm gelaufen für euch“, sagte er nüchtern. „Schaut, wie ihr da glimpflich wieder rauskommt.“ Und nachdenklich fügte er hinzu: „Genau so ein Mist war der Grund, warum ich damals von Düsseldorf nach Ravensburg gegangen bin.“

Die Justiz hielt eine einfache, verlockende Lösung hin: kooperieren, Hintermänner verraten, glimpflich davonkommen. Dieter und ich waren uns einig. Verrat kam nicht infrage – nicht allein aus Loyalität oder Ehrgefühl, auch aus Stolz oder Einfältigkeit. Aron zu verkaufen stand außerhalb jeder Option, er war in den letzten Monaten mehr Vaterfigur als Geschäftspartner geworden. Also beschlossen wir, die Fehler selbst auszubaden. Nach und nach reifte ein Plan, ein Neustart weit weg von Deutschland. Vielleicht war diese Flucht mehr als nur der Versuch, ein neues Leben zu beginnen, möglicherweise ein verzweifelter Akt der Selbstheilung. Ein Weg, dem allgegenwärtigen Schatten zu entkommen, den Rolands Tod auf meine ohnehin schon zarte, verletzliche Seele gelegt hatte. Sein Fehlen blieb keine bloße Leerstelle, sondern ein Schmerz, der mal leise, mal dröhnend begleitete, ein Echo, das nie ganz verklang. Eventuell, so hoffte ich, könnte Distanz helfen. Fernab der Erinnerung an diesen verhängnisvollen Nachmittag, an den unbeschreiblichen Motorradunfall meines engsten Freundes, wollte ich auf einem anderen Kontinent einen Teil meines inneren Friedens zurückgewinnen.

Mit knapp fünfzehntausend Mark auf der hohen Kante, gültigen Reisepässen und keiner behördlichen Auflage, die band, fühlte sich das Vorhaben greifbar an. Eine Reise ins Ungewisse, ein Schnitt mit der Vergangenheit. Unzählige Stunden verbrachten wir in meinem Zimmer, wälzten Karten, schmiedeten Pläne, während die Vorstellung eines neuen Lebens langsam Gestalt annahm. Dann kam der Moment, der die Entscheidung endgültig besiegelte. Eines Abends sahen wir „Atemlos“ mit Richard Gere, einen Film über einen Mann, der nach Mexiko fliehen wollte. Fast zur gleichen Zeit entdeckte ich in einem Ravensburger Plattenladen die Red Hot Chili Peppers für mich. Das Lied „Soul to Squeeze“ traf mich wie ein Schlag. „Where I go, I just don't know. I might end up somewhere in Mexico. When I find my peace of mind, I'm gonna keep ya for the end of time.“ Diese Zeilen sprachen mir aus der Seele. Inspiriert von solch weisen Worten und nach einigen vernebelten Haschnächten stand der Entschluss: Wir würden unser Glück in Mexiko suchen und finden. Eine Flucht auf einen anderen Kontinent, ein neues Leben mitten in einer anderen Kultur – nicht am Rand dieser Gemeinschaft wie in den letzten Monaten hier in Deutschland, sondern in der Mitte dieser Gesellschaft, mit den Normen leben und nicht gegen sie.

Es gab noch eine weitere Person in meinem engeren Umfeld, welche mit den Herausforderungen des Lebens kämpfte und seit Beginn der Fluchtpläne unausgesprochen als mögliche Mitreisende durch meine Gedanken geisterte: die Königin, nach wie vor Arons stärkste Verkäuferin und Verbündete. Über den Jahreswechsel entbrannte zwischen uns erneut eine kurze, aber leidenschaftliche Romanze. Wir begrüßten das neue Jahr gemeinsam im pulsierenden Treiben des X-Ray und später in der intensiven Atmosphäre von Klein Schwabing. Gegen drei Uhr morgens traten wir die Heimreise an, doch die Tankanzeige hatte ein stummes Warnsignal gesendet, das im Rausch der Nacht unterging. Gerade noch schafften wir es bis zu einer Tankstelle nahe Wangen, geschlossen bis sechs Uhr morgens, wie ein Schild an der Tür unmissverständlich klarmachte.

Die verbleibenden knapp drei Stunden bis zur Öffnung verbrachten wir eng umschlungen auf dem Rücksitz meines Granadas, als hätte die Welt jenseits der beschlagenen Scheiben aufgehört zu existieren. Der betörende, fast hypnotische Duft der Königin füllte die Luft, umfing die Sinne und ließ jede Kälte draußen verblassen. Ihr Körper, heiß und voller unausgesprochener Versprechen, schien die Dunkelheit zu vertreiben, als spiele nichts außerhalb unseres kleinen Universums eine Rolle. In diesem Moment, als die Zeit stillzustehen schien und der Raum jede Bedeutung verlor, ahnten wir nicht, dass es für dieses Leben ein letztes Mal sein würde, einander so tief und vollkommen nahe zu sein. Kurz vor sechs riss ein leises, aber bestimmtes Klopfen an der Heckscheibe uns aus dem Dämmerzustand. Noch halb im Traum kurbelte ich das Fenster herunter und blickte in das freundliche Gesicht eines Tankstellenangestellten. Sein mitfühlender Blick traf mich, als ich mit einem müden Lächeln „Frohes neues Jahr“ murmelte und unsere Lage erklärte. Mit einem verständnisvollen Nicken bat er uns hinein, um uns im warmen Inneren aufzuwärmen – ein Angebot, das wir dankbar annahmen.

Die einladende Helligkeit im Verkaufsraum stand in scharfem Kontrast zur klammen Kälte draußen. Neonlichter summten leise, während wir uns dampfenden Automatenkaffee holten. Der erste Schluck rann angenehm die Kehle hinunter, durchströmte den Körper mit neuer Wärme und verdrängte langsam die Starre der Nacht. Der Tankwart, ein junger Mann in unserem Alter, versprühte eine lockere, lebhafte Energie, welcher den stillen Raum mit ungewohnter Vitalität füllte. Als der Granada vollgetankt war, zeigte die Uhr bereits halb sieben. Die Straßen lagen still, das neue Jahr wirkte unberührt und voller Möglichkeiten, als wir durch die verschneiten Straßen Richtung Weingarten rollten. Die Königin bat, sie zuerst nach Hause zu bringen. Ein kurzer Blick, ein Nicken, vorsichtiges Lenken durch die morgendliche Stille. Ein letzter Kuss, ein leises Versprechen, baldiges wiedersehen, dann verschwand sie mit einem Lächeln im Dunkel ihres Hauseingangs.

Der Weg nach Baindt fühlte sich vertraut und beruhigend an. Der Friede des frühen Morgens umhüllte mich, und als ich schließlich vor meinem Haus parkte, lag bleierne Müdigkeit auf den Gliedern. Der Granada stand, wie so oft, vor der Garage, und ich schleppte mich die Treppe hinauf in den ersten Stock. Alles, woran ich dachte, war eine heiße Dusche. Das prasselnde Wasser wusch die Kälte der Nacht von der Haut, spülte die letzten Spuren von Erschöpfung fort. Frisch und neu belebt schlüpfte ich in meine Unterhose und ließ mich in mein Zimmer sinken, wo ich mich dem kleinen Ritual hingab, welches mich die letzten Jahre allzu oft begleitet hatte: ein einfaches Frühstück aus Vanillekeksen und einer Flasche Cola, simpel, aber wohltuend. Der süße Geschmack der Kekse und die kühle Frische der Limo erdeten mich. Für einen Augenblick kehrte ich in meine vertraute Welt zurück, alles schien seinen normalen Lauf zu nehmen, und der abenteuerliche Beginn des neuen Jahres verblasste zu einem fernen, aufregenden Erlebnis.

Die Wochen danach verstrichen, und es wirkte, als trieben die Königin und ich auf unterschiedlichen Bahnen durchs Leben. Während sie sich voll und ganz in ihre geschäftlichen Verpflichtungen mit Aron und den Vertrieb von Hasch warf, gerieten Dieter, Klaus und ich immer tiefer in den Ecstasy-Verkauf. Nächte wurden von ruhelosen Transaktionen bestimmt, die frühen Morgenstunden vom Weiterreichen hunderter Pillen und Haschischpakete an neue Besitzer. Es fühlte sich an, als bewegten wir uns in einem Schattenreich, erhellt nur von grellen Neonlichtern und den nächtlichen Geräuschen der Stadt. Meine Lebensgewohnheiten fanden langsam zu dem Rhythmus zurück, den ich bereits aus dem Jahr 1993 kannte. Tage verschmolzen mit Nächten, die Grenzen zwischen Realität und dem Leben im Untergrund verschwammen, und die Normalität der Gesellschaft, deren Normen, rückte erneut in den Hintergrund.

Mitte März, lange nach der Nacht auf dem Rücksitz des Granadas, erfuhr ich von einem Bekannten die wahren Ereignisse eines verhängnisvollen Tages für die Königin, einige Zeit später: ein Beziehungsfinale zwischen Christo und der Königin, wie man es sonst nur aus Kinofilmen kannte. Christo, seit jeher berüchtigt für impulsive, gewalttätige Ausbrüche, hatte der Königin in einem Anfall aus Eifersucht und Kontrollwahn erhebliche Verletzungen zugefügt. Ein aufmerksamer Nachbar, Zeuge dieser entsetzlichen Szene, versuchte einzugreifen; Christo, unbeeindruckt und voller Wut, ließ sich nicht besänftigen und attackierte ihn ebenfalls. Erst ein weiterer Passant bewahrte kühlen Kopf und alarmierte die Polizei. Wenig später wurde Christo festgenommen und fand sich in Untersuchungshaft wieder; seine bereits bestehende Bewährungsstrafe machte jede Hoffnung auf Nachsicht zunichte. Er verschwand aus Ravensburg und kehrte nie zurück. Die Königin und der verletzte Nachbar brachte man ins 14-Nothelfer-Krankenhaus nach Weingarten.

Als mir mein Bekannter all das erzählte, setzte ein plötzlicher Drang ein, sofort zu ihr zu fahren. Ich wollte sie sehen. Im Krankenhaus erfuhr ich, dass sie erst einen Tag zuvor von der Intensivstation auf eine normale Station verlegt worden war. Die Stationsleitung begegnete mir mit misstrauischem Blick und forderte eine Begründung für meinen Besuch. Aufgrund der Umstände durfte nur ein begrenzter Kreis hinein – eine Vorsichtsmaßnahme zu ihrem Schutz. Schließlich gestattete man mir ein paar Minuten. Ich klopfte leise an die Tür und öffnete sie vorsichtig. Stille lag im Raum. Zwei leere Betten standen rechts, auf der linken Seite lag die Königin, allein in dem kargen Zimmer. Beim ersten Blick stockte mir der Atem. Kaum wiederzuerkennen: geschwollene Augen, eine aufgeplatzte Lippe, ein dicker Verband um den Kopf. Die Frau, einst so voller Leben und Ausdruck, lag blass und verletzt unter der sterilen Krankenhausbeleuchtung. Ihr linker Arm ruhte über der Bettdecke, dick mit weißen Mullbinden umwickelt. Zwei Schläuche ragten aus dem Verband, verbunden mit durchsichtigen Beuteln – einer für Schmerzmittel, der andere für die Ernährung. Später erfuhr ich, dass sie unter anderem ein stumpfes Bauchtrauma erlitten hatte und einen Kieferbruch, der jede normale Nahrungsaufnahme unmöglich machte.

Der Anblick traf mit voller Wucht. Noch nie hatte ich sie so verletzlich gesehen. Ein dumpfer Schmerz breitete sich in der Brust aus, eine Mischung aus Wut, Mitgefühl und Trauer. In den Tagen und Wochen darauf besuchte ich sie regelmäßig. Oft schob ich sie im Rollstuhl auf die kleine Terrasse hinaus, wo sie frische Luft schnappte und für einige Momente den Krankenhausgeruch vergaß. Manchmal saßen wir einfach an ihrem Bett, hielten Hände und redeten stundenlang – oder schwiegen, teilten unsere Gedanken ohne Worte. Lachen und Weinen lagen oft nah beieinander, und ich spürte, wie tief unsere Verbindung war, auch wenn unsere Leben so unterschiedlich verliefen. Ihre Mutter, welche sich vor Jahren von ihrem gewalttätigen, alkoholkranken Vater getrennt hatte, kam ebenfalls oft zu Besuch. Inzwischen lebte sie in Heidelberg und hatte längst beschlossen, ihre Tochter zu sich zu holen, sobald es ihr Zustand erlaubte. Die Königin sehnte sich danach, Ravensburg hinter sich zu lassen, das unstete, von Drogen und Unsicherheit geprägte Leben abzulegen und neu anzufangen.

Eines Tages, während ich an ihrem Bett saß, fragte sie unerwartet, ob ich mit ihr nach Heidelberg kommen würde. Der Blick in ihren Augen mischte Hoffnung mit der Angst vor meiner Antwort. Eigentlich hätte ich sagen sollen, dass Dieter und ich längst unsere Entscheidung getroffen hatten – Mexiko, ein Neuanfang auf einem anderen Kontinent. Die Worte blieben im Hals stecken. Ihre Frage riss mich aus der vermeintlichen Entschlossenheit, ließ am eigenen Weg zweifeln. Ich erwiderte mit einer Gegenfrage, ob sie stattdessen mit mir nach Mexiko kommen würde. Sie schwieg, suchte nach einer Antwort, die ihr vielleicht genauso schwerfiel wie mir. Wir gaben uns ein paar Tage Bedenkzeit. Beim Verlassen ihres Zimmers spürte ich, dass diese Entscheidung unser beider Leben verändern würde. Stundenlang saß ich zu Hause auf dem Sofa, während die Schatten der Dämmerung den Raum füllten. Gedanken rangen miteinander, Abwägen ohne Ende, die Suche nach einer Lösung, die es nicht gab. Sie war meine große Liebe, doch Dieter war Familie. Und da war die drohende Gerichtsverhandlung, die alles zerschlagen konnte. Falls es schiefging, würde ich die Königin vielleicht jahrelang nicht sehen. Das weiche Polster bot keinen Trost, die Stille der Nacht verstärkte die inneren Qualen.

Kurze Zeit später fuhr ich zurück in die Klinik, um mit ihr zu sprechen. Der Himmel zeigte ein stumpfes Grau, als spiegele er die Zerrissenheit. Wir saßen wie so oft auf der kaum besuchten Terrasse. Warme Aprilluft strich über die Gesichter, Vögel zwitscherten sanft, als wollten sie trösten. Die Last auf meinen Schultern blieb. Die Königin sah mich an, die Augen dunkel vor unausgesprochener Furcht. Sie spürte meine Unruhe. Deutschland zu verlassen kam für sie nicht infrage. Unsicherheit und Unbekanntes lagen wie ein Schatten über meinem Angebot, und sie wollte ihre Mutter nicht zurücklassen. Ihre Worte schnitten tief, als sie meine Einladung ablehnte. Etwas in mir brach. Mein Entschluss, mit Dieter in der Ferne neu anzufangen, stand, und so konnte ich auch ihr Angebot nicht annehmen. Unser letztes Zusammensein war von Tränen gezeichnet, von Worten, die Abschied bedeuteten und doch Hoffnung bargen, eines Tages wieder zueinanderzufinden. Als ich sie zurück in ihr Zimmer schob, erschien der Korridor kälter als je zuvor. Ich half ihr ein letztes Mal ins Bett, drückte ihre Hand, hauchte einen Kuss auf die Stirn. Dann schloss sich die Tür, und Jahrzehnte sollten vergehen, bis wir uns wiedersehen würden. Der Moment dehnte sich in die Ewigkeit, und die Stille nach dem Schließen der Tür war allumfassend. Auf dem Heimweg nach Baindt umfingen mich Finsternis und Einsamkeit, wie seit Monaten nicht mehr. Selbst zwei Jahre nach Rolands Motorradunfall und seinem Tod war die Dunkelheit nie vollkommen verschwunden, und die Isolation traf mich in Momenten wie diesem mit voller Härte.

Die Straßen waren leer, nur die schwachen Lichter der Laternen warfen lange Schatten. Diese Silhouetten schienen nach mir zu greifen, umschlangen mich und begleiteten wie ein alter Freund den gesamten Weg nach Hause. Die Kälte der Nacht kroch in die Knochen und ließ mich frösteln. Jeder Schritt von der Garage in den ersten Stock glich einer Wallfahrt des Schmerzes, einem stillen Trauerzug wie damals bei Rolands Beerdigung. Verlust und Alleinsein – die chronische Krankheit meines Lebens, oft unbemerkt an meiner Seite, um im vermeintlich schlechtesten Moment die giftigen Krallen in meine verwundbare Seele zu schlagen. Erst nach mehreren Bongs und dem Lied „This is the Day“ fiel ich tränenüberströmt in einen unruhigen Schlaf. Der Raum war erfüllt vom bittersüßen Klang der Musik, und die Dunkelheit hüllte mich ein wie eine schwere Decke.

Die Entscheidung stand. Dieter und ich würden allein durchbrennen, ein neues Leben und eine vielversprechende Zukunft auf einem fernen Kontinent aufbauen. Die Vorbereitungen nahmen Gestalt an. In einem Reisebüro in Ravensburg buchten wir zwei One-Way-Tickets: Stuttgart – Amsterdam – Mexiko-City. Der 30. April würde das neue Kapitel markieren. Zwei Wochen blieben noch, bevor wir alles hinter uns lassen würden. Beim Hinaustreten aus dem Reisebüro in die Frühlingssonne mischten sich Aufregung und Beklommenheit. Die Wärme auf der Haut fühlte sich wie ein Versprechen an: Neuanfang, Abenteuer, Flucht in eine ungewisse Zukunft. Die nächsten Tage waren von fieberhafter Betriebsamkeit geprägt. Vorsichtig wurde der Rest der Pillen verkauft, parallel liefen die Vorbereitungen für die Flucht auf Hochtouren. Jede Entscheidung, jede Kleinigkeit wog plötzlich schwer, während die Tage verstrichen und die Abreise näher rückte. Die gesamte Barschaft tauschten wir in Travellerschecks, eine Handvoll US-Dollar kam als Startgeld hinzu. Den Höhepunkt markierte der Moment, als jeder von uns eine schmale Gürteltasche erhielt. Diese Taschen, gefüllt mit Travellerschecks und Bargeld, waren mehr als nur Aufbewahrungsorte: eine symbolische Geste, eine Erinnerung daran, in einer Welt unterwegs zu sein, in der Sicherheit und Unabhängigkeit oberste Priorität hatten. Beide Gürteltaschen wurden mit gleich viel Geld und Schecks bepackt und unter den etwas weiter geschnittenen T-Shirts verborgen, welche wir meist trugen. Diese unscheinbaren Geldtresore bildeten die einzige Verbindung zur finanziellen Welt, da weder Bankkonten noch Kreditkarten zur Verfügung standen. Der Gedanke, alles, was wir besaßen, so nah am Körper zu tragen, wirkte zugleich beruhigend und beunruhigend. Es fühlte sich an, als konzentriere sich unser ganzes Leben in diesen kleinen Taschen, bereit, mit uns ins Ungewisse zu gehen.

Kapitel 1

Abflug

Am 30. April 1995, einem kühlen, aber sonnigen Sonntagmorgen, standen wir den nun auf dem Parkplatz des Stuttgarter Flughafens. Dieter, Sabine und ich. Sabine – eine unserer treuen Kundinnen und inzwischen enge Vertraute, welche vor zwei Tagen Gast bei unserer kleinen Abschiedsparty gewesen war. Der Bürojob bei einer Krankenkasse, Zweizimmerwohnung und Auto zeugten von Bodenständigkeit, welche im krassen Gegensatz zu der Liebe für Hardrock und dem nicht unerheblichen Haschischkonsum stand. Vorlieben für Manowar, Running Wild, Judas Priest – und unsere Rolle als Lieferanten für ihre „Entspannungsmittel“ – hatten uns Monate zuvor zusammengebracht. Nun, da Dieter und ich die Reise ins Ungewisse antraten, füllte Klaus kurzerhand die Lücke und übernahm Sabines Nachschub. In den letzten Wochen war es gelungen, sie zu überreden, Dieter, das Gepäck und mich als Taxi nach Stuttgart zu fahren; außerdem sollte sie als eine Art Poststelle fungieren, falls etwas aus Mexiko geschickt würde.

Sabine war eine auffällige Erscheinung. Mit gut zwei Metern Größe und spindeldürrer Statur fiel sie überall auf, besonders in der gewohnt engen, schwarzen Lederhose und dem Manowar-T-Shirt. Das Gesicht stets dramatisch geschminkt: dunkle, kohlumrandete Augen, kräftig betonte Lippen. Doch ihre beeindruckende Haarpracht, welche wie eine wilde Mähne um sie wehte, zog die Blicke sofort auf sich. Im Kino hinter ihr zu sitzen, wäre der Albtraum eines jeden gewesen. Dieter und ich trugen hingegen unsere „Reisekluft“, die – unabhängig von Jahreszeit, Wetter oder Anlass – kaum je wechselte: abgetragene, dunkelbraune Cowboyboots, ausgewaschene Jeans, ein T-Shirt und die braunen, zerschlissenen Fliegerlederjacken, Jahre zuvor auf einer Motorradtour durch Italien erstanden. Neben uns auf dem kalten Asphalt lagen zwei schwarze Seesäcke, vor Wochen in einem Ravensburger Koffergeschäft gekauft. Diese Säcke, robust und unauffällig, enthielten das gesamte Hab und Gut: ein paar Wechselklamotten, Schuhe; dazu hatte jeder einen Kulturbeutel mit den notwendigen Utensilien. Außerdem besaßen wir je einen kleinen schwarzen Baumwollsack als Handgepäck, worin sich das Nötigste befand: ein kleiner Teil des Geldes, Sonnenbrillen, Handtücher, Reisepässe und Tickets, das Deutsch-Spanisch-Wörterbuch, eine Landkarte von Mexiko, ein kleiner Terminplaner für Notizen und Tagebucheinträge, ein Reisewecker und ein Kugelschreiber. Natürlich hatten wir beide in der Jugend „Per Anhalter durch die Galaxis“ gelesen und wussten, welches Utensil auf einer Reise das wichtigste war: das Handtuch – universell einsetzbar, weit mehr als nur zum Abtrocknen.

Als Schal, Regenschutz, Sitzunterlage, Decke oder provisorischer Sonnenhut, notfalls als improvisierter Ventilator – oder was eben sonst noch in den Sinn kam. Gespart wurde nicht: In einem Haushaltswarenladen in Friedrichshafen fiel nach langem Hin und Her die Wahl auf ein hochwertiges, dunkelblaues Handtuch; fast ein dreistelliger Betrag in D-Mark wechselte den Besitzer. Dieses 60 × 110 cm große Stück Edelbaumwolle nahm den meisten Platz im Handgepäck ein, fühlte sich jedoch an wie ein kleines Stück Luxus in der spartanischen Ausrüstung. Der kühle Morgennebel legte sich wie eine dünne Decke über die Szene, als wortlos Zigaretten angezündet wurden und wir uns an Sabines Auto lehnten. Der Rauch stieg langsam in die kalte Luft. „Es wird komisch sein, euch nicht mehr zu sehen“, sagte Sabine schließlich und zog an ihrer Zigarette. Der Rauch kringelte sich gemächlich vor dem Gesicht und vermischte sich mit der morgendlichen Frische. „Aber ich freue mich für euch. Ihr werdet großartige Dinge erleben.“ Dieter nickte und ließ den Rauch mit zufriedener Miene entweichen. „Wir schicken Postkarten“, versprach er mit einem verschmitzten Zwinkern. „Und Klaus wird sich gut um dich kümmern“, fügte ich hinzu. Sabine lächelte, trat die Zigarette mit einem kleinen Schubs aus und nickte. „Ich weiß. Passt auf euch auf und genießt euer neues Leben.“ Die Worte hingen kurz in der Luft – wie der Rauch, welcher sich langsam auflöste.

Ein Moment der Stille – eine ruhige, fast heilige Pause vor dem Sturm des Aufbruchs. Die Welt schien noch friedlich und unverändert, als Dieter und ich die Zigaretten ausdrückten und uns auf den Weg zum Terminal machten. Der Flughafen war eine Welt für sich, in der das geschäftige Treiben unaufhaltsam weiterging. Durch den Haupteingang betraten wir die riesige Empfangshalle, welche uns wie ein Moloch verschluckte. Überall Bewegung: Menschen hasteten in alle Richtungen, als würden sie gejagt. Rollkoffer klapperten auf den Fliesen, Lautsprecherdurchsagen hallten durch die gigantischen Hallen; Geräusche des Alltags verschmolzen zu einem Hintergrundrauschen, das wie der Herzschlag dieses Ortes klang. Tausende Menschen mit verschiedenen Zielen, unterschiedlichen Geschichten und Wegen – und mitten unter ihnen wir, bereit, uns in dieses Chaos zu stürzen, um neu zu beginnen.

Der Lärm und das emsige Treiben, mannigfaltiges Stimmensummen und das rhythmische Surren der Rolltreppen steigerten die Aufregung. Es war, als zöge der Flughafen selbst in einen Strudel aus Energie und Vorfreude. Während des Wartens mischte sich Angst mit Spannung und Abenteuerlust. Der Moment war da, bald würde sich alles verändern. Es fühlte sich an, als zöge jeder Schritt tiefer in ein Geflecht von Geschichten – eine Verbindung zu all den anderen Reisenden, welche ebenfalls neue Welten erkunden wollten. Die Energie des Aufbruchs umgab wie eine unsichtbare Kraft und trieb voran, während der Weg durch die Menschenmassen gesucht wurde. Das Terminal hallte wider vom Stimmengewirr und dem beständigen Knacken der Lautsprecher, welche wichtige Botschaften an die Reisenden herabrieseln ließen, während die Hektik die Vorfreude weiter anfachte. Jeder Schritt auf dem kalten Boden glich einem Pulsschlag, der daran erinnerte, dass etwas Großes wartete – etwas Unbekanntes, das entdeckt sein wollte. Den Abflugschalter der Lufthansa fanden wir schnell; die kurze Schlange ließ kaum Zeit, über die Bedeutung des Moments nachzudenken. Die Seesäcke – Träger eines Großteils des bisherigen Lebens – gaben wir ohne viel Aufhebens auf. Das dumpfe Geräusch, als sie auf das Förderband gelegt wurden, markierte den Beginn ihrer eigenen Reise, während es für uns vorerst ohne sie weiterging. Ein seltsames Gefühl, diesen Teil loszulassen, als wäre die Brücke zum früheren Leben endgültig abgebrannt. Mit einem letzten, wehmütigen Blick sahen wir beide im dunklen Tunnel der Gepäckstraße verschwinden.

Der Abschied von Sabine fiel leiser aus, als erwartet: keine großen Worte, keine dramatischen Szenen – nur ein warmes, wehmütiges Lächeln und ein paar letzte Umarmungen. Sie verkörperte unser altes Leben auf ihre Weise, und als der letzte Gruß erfolgte, schien er auch einem ganzen Lebensabschnitt zu gelten. „Es fühlt sich falsch und richtig zugleich an“, murmelte ich. Dieter nickte. „Ja, das tut es“, antwortete er leise, den Blick bereits auf den Sicherheitsbereich gerichtet. „Komm, da vorne gibt’s was zu trinken. Meine Kehle ist staubtrocken.“ Ein paar Meter weiter lag ein kleines Bistro, eine Oase der Ruhe im hektischen Trubel des Flughafens. Lange Theken, hohe Barhocker – einladend. Da noch über eine Stunde Zeit blieb, bestellten wir Kaffee. Während die heißen Tassen in den Händen lagen und das Getränk langsam geschlürft wurde, schweiften die Blicke durch die Cafeteria. Wer würde wohl mit uns im selben Flieger nach Amsterdam sitzen? Geschäftsreisende in makellosen Anzügen mit Aktenkoffern, Familien in Ferienstimmung, ein paar junge Leute, die uns ähnlich schienen – vielleicht auf dem Weg in eigene Abenteuer. Amüsiert der Gedanke, dass manche nur nach Holland flögen, um in einem Coffeeshop legal Haschisch zu rauchen. Ein kurzes Schmunzeln huschte über die Lippen.

„Ich bin verdammt aufgeregt“, sagte Dieter plötzlich und spielte nervös mit dem Tassenhenkel. Gemeint war nicht das Leben, welches in Mexiko wartete, sondern der Flug selbst. Bis zu diesem Tag war er noch nie geflogen; die Vorstellung, bald in einem riesigen Metallvogel zu sitzen, beschäftigte ihn mehr als alles andere. Gedämpfte Geräusche startender Maschinen von draußen schienen die Spannung zu verstärken. Bei mir wuchs dagegen die Aufregung mit jedem Gedanken an den Moment, in dem mexikanischer Boden betreten würde. Was erwartete uns, wenn wir das Flugzeug in Mexiko-City verließen? Die Zeit schien stillzustehen – ein schmaler Zwischenraum zwischen Aufbruch und Ankunft, zwischen Alt und Neu. „Mach dir keine Sorgen“, sagte ich und legte Dieter beruhigend die Hand auf die Schulter. „Der Flug wird das erste kleine Abenteuer; die Beschleunigung beim Start wird dir gefallen. Fast wie beim Motorradfahren.“ Ein schiefes Lächeln, ein Nicken – nicht ganz überzeugt, aber bereit. Die Uhr tickte unaufhaltsam Richtung Boarding; der Knoten im Magen wuchs: Vorfreude, Nervosität, leise Wehmut. Der Kaffee wurde bezahlt, das Gate angesteuert. Abschied und Sicherheitskontrollen lagen hinter uns, doch das Gefühl, das sie ausgelöst hatten, schwebte wie ein Schatten mit. Die kommenden Stunden würden endgültig aus der vertrauten Welt reißen und in eine Zukunft schleudern, die sich kaum vorstellen ließ.

Es war der gewählte Weg; ein Zurück gab es nicht. Als zwei Stewardessen elegant an den Tresen traten, kam Bewegung in die Menge. Die ersten Passagiere erhoben sich – wie eine Karawane, welche sich langsam in den Bauch des Flugzeugs schob. Auch wir standen auf, reihten uns ein. Spannung lag in der Luft wie ein unsichtbares Band, das alle verband. Tickets wurden routiniert kontrolliert, ein kurzes Nicken, weiter. Der Gang über die Passagierbrücke fühlte sich unwirklich an, als entferne jeder Schritt ein Stück vom Bekannten und stoße tiefer ins Unbekannte. Im Inneren des Airbus A320 empfing uns das warme Lächeln einer weiteren Stewardess. Gemeinsam suchten wir die Plätze im hinteren Teil; das Handgepäck verstaut, wurde klar: Diese Baumwollsäcke waren das einzige Bindeglied zur alten Welt welche wir nun zurück ließen.

Die Sitze erwiesen sich als überraschend bequem, der Körper jedoch blieb steif – Nervosität und Vorfreude. Um uns herum die vertrauten Fluggeräusche: Rascheln von Zeitungen, leises Klicken der Gurtschnallen, Murmeln der Mitreisenden auf eigenen Wegen. „Ich kann es immer noch nicht glauben“, flüsterte Dieter und sah sich um wie ein Kind, das zum ersten Mal die Welt mit staunenden Augen entdeckt. „Das ist wirklich mein erster Flug.“ In der Stimme lag eine Mischung aus Aufregung und leiser Furcht. Der sonst so Unerschütterliche wirkte klein und verletzlich; es war, als konfrontiere ihn dieser Moment mit etwas, das er bisher gemieden hatte. Die Ansagen der Flugbegleiterin lenkten die Aufmerksamkeit auf die Sicherheitsinstruktionen. Während sie mit präzisen Bewegungen Rettungswesten und Sauerstoffmasken demonstrierte, folgten wir mechanisch ihren Anweisungen. Die Atmosphäre veränderte sich, als die Tür sich schloss und die Triebwerke zu brummen begannen. Ein leises Vibrieren lief durch den Boden. Gedimmtes Licht, Rollen zur Startbahn. Neben mir hörte ich Dieters tiefe Atemzüge. Finger krallten sich in die Armlehnen, die Maschine beschleunigte. Der Boden schien zu beben, die Schubdüsen pressten in die Sitze, und plötzlich – mit einem sanften Ruck – hob der Vogel ab. Ein kollektives Raunen, ein Moment, in dem Zeit und Raum kurz stillstanden. Stuttgart schrumpfte unter uns; Häuser und Straßen wirkten wie Spielzeug. Über uns spannte sich ein tiefes Blau, unter uns lag die weiße Decke der Wolken. Eine unsichtbare Linie war überschritten – zwischen Alt und Neu. „Jetzt gibt es kein Zurück mehr“, dachte ich, und als ich Dieter ansah, lag ein breites Lächeln auf seinem Gesicht: Augen noch weit aufgerissen, doch ohne Angst – nur pure Faszination.

Der Flug verlief reibungslos, kaum zwei Stunden, in denen wir beide in eine seltsame Ruhe verfielen. Dieter, am Fenster, starrte die meiste Zeit hinaus, als wollte er jeden Moment aufsaugen. Ich ließ den Blick über die Passagiere schweifen, sah, wie sie sich entspannten, lasen oder einfach da saßen, in Gedanken versunken. Ein weiterer Kaffee wurde serviert; die Zeit verging – wie man so sagt – im Flug. Als die Maschine sanft an Höhe verlor, tauchten die Umrisse von Amsterdam am Horizont auf. Die Landung gelang butterweich, fast unmerklich – die Reaktion der Passagiere dafür umso lauter: spontaner Applaus. Dieter schaute irritiert; durch die Erzählungen meines Vaters, der als Unternehmer oft durch Europa geflogen war, kannte ich die Sitte. „Damit dankt man Pilot und Crew, dass sie uns lebend ans Ziel gebracht haben“, sagte ich scherzhaft. Dieter lachte – und klatschte am lautesten und längsten. Als der Airbus schließlich zum Stillstand kam, setzte die übliche Ausstiegshektik ein. Menschen drängten sich in den Gängen, griffen nach Gepäck und machten sich bereit, das Flugzeug zu verlassen. Auch wir erhoben uns, fischten die Baumwollsäcke aus den Fächern über den Köpfen und reihten uns in die Schlange ein, die sich langsam Richtung Ausgang bewegte. Beim Abstieg über die Gangway, mit dem ersten Schritt auf den Boden von Schiphol, wurde schlagartig klar: eine ganz andere Welt. Der riesige Flughafen mit endlosen Korridoren, Menschenmassen und grellen Lichtern wirkte überwältigend, ganz anders als der beschauliche Provinzflughafen in Stuttgart. Die Anspannung, die in uns steckte, wurde greifbar, während wir durch die schier endlosen Gänge wanderten. Vier Stunden blieben bis zum Anschlussflug nach Mexiko-City; in diesem Moment war deutlich, dass genau diese Zeit gebraucht würde, um das Terminal zu durchdringen und den Kopf für den größeren Sprung zu ordnen.

Dieter und ich tauschten immer wieder schnelle Blicke, als wären wir zwei scheue Rehe, gefangen im blendenden Licht eines heranrasenden Autos. Die Hektik ringsum verstärkte die innere Panik. Mit eiligen Schritten hasteten wir durch die Gänge, die Augen ununterbrochen auf Schilder gerichtet, welche den Weg zum nächsten Gate wiesen. Jeder Meter glich einem Rennen gegen die Zeit; das monotone Klacken der Schritte hallte im Kopf wie ein Trommelschlag. „Das ist echt ein Labyrinth“, keuchte Dieter und versuchte vergeblich, den Atem zu kontrollieren. Blasses Gesicht, feine Linien der Anspannung auf der Stirn. Seine sonst so ruhige Fassade war durchbrochen, und es war offensichtlich, dass er genauso unter Druck stand wie ich. „Wir schaffen das“, erwiderte ich – mit einer Überzeugung, halb so stark, wie gewünscht. Die Worte klangen hohl, als stammten sie nicht von mir. Während wir an einer Reihe von Geschäften und Restaurants vorbeirannten, stieg der verlockende Duft von frisch gebrühtem Kaffee und warmen Mahlzeiten in die Nase – ein fast schmerzlicher Kontrast zu unserer Eile. Vor wenigen Stunden hatten wir noch gemütlich Kaffee getrunken; jetzt blieb keine Zeit. Unsere Schritte wurden schneller, begleitet vom Dröhnen des Herzschlags. Jede Sekunde wirkte wie ein Wettlauf gegen die Uhr, und die einst elektrisierende Vorfreude wich drängender Nervosität. „Da vorne ist es!“ Meine Stimme überschlug sich fast vor Erleichterung, als endlich das Schild für unser Gate auftauchte. Ein gewaltiger Stein fiel von den Schultern; für einen Moment entspannte sich mein Körper. „Siehst du, ich hab’s dir doch gesagt“, keuchte ich, ein beruhigendes Lächeln versuchend, das die Erschöpfung verdecken sollte. Dieter nickte nur; die Spannung wich ein wenig, der Schatten der letzten Stunde blieb.

Im Wartebereich ließen wir uns auf zwei freie Sitze fallen, als wären es rettende Inseln in einem Meer aus Hektik. Schwer atmend versuchten wir, den Adrenalinschub abzuschütteln, der noch immer durch die Adern raste. Um uns herum wirkte alles seltsam ruhig: Familien, Geschäftsreisende, Menschen unseres Alters – sie saßen oder standen entspannt in der geräumigen Halle, während in uns noch Aufruhr herrschte. An der Fensterfront des Abflugterminals blieb mir sprichwörtlich die Spucke weg. Was auf dem Rollfeld stand, übertraf sämtliche bisherigen Erwartungen. In der Kindheit hatte ich zweisitzige Cessnas auf einem Sportflugplatz gesehen und war einmal mit einem Geschäftspartner meines Onkels über den Bodensee geflogen. Der Airbus A320 von Stuttgart nach Amsterdam war beeindruckend gewesen – doch das hier war eine andere Dimension.

Die Boeing 747-400, ein Koloss der Lüfte, erhob sich gefühlt zehn Meter über den Boden. Die Nase ragte majestätisch in den Himmel; hellblaue, dunkelblaue und weiße Streifen zogen sich über den Rumpf und gaben dem Giganten eine beinahe königliche Aura. Das strahlend weiße Seitenruder mit KLM-Logo und Krone ließ die Maschine wie einen erhabenen Vogel wirken. Es war, als blicke dieses riesige Flugzeug mitleidig auf uns kleine Erdenwürmer herab. Dieter stand neben mir, der Mund halb offen, die Augen groß. „Allein dafür hat sich das Durchbrennen schon gelohnt“, sagte er schließlich, ohne den Blick abzuwenden. „Definitiv“, stimmte ich zu, noch immer fasziniert von den Dimensionen dieses Wunderwerks der Technik. Dieser gewaltige Vogel würde uns – zwei schwäbische Provinzbengelchen – über den Ozean tragen, in eine Welt, weiter entfernt, als wir es uns je vorgestellt hatten. Ich dachte an die kurzen Reisen bisher: Familienurlaub in Jesolo, Motorradtouren mit Dieter und Roland – nichts im Vergleich zu dem, was nun bevorstand. Eine Gefühlsflut setzte ein: freudige Erwartung, Nervosität, Faszination und die leise, nagende Angst vor dem Unbekannten. Der Herzschlag beschleunigte sich, während ich versuchte, die Größe dieser Reise zu begreifen. In wenigen Stunden würden wir über den Ozean fliegen, weit weg von allem Vertrauten. Die Gedanken pochten an den Schläfen: Würden wir in Mexiko-City bestehen? Welche Herausforderungen erwarteten uns? Und doch war klar: Es gab keinen Weg zurück. Der Sprung war gewagt; nun mussten die Prüfungen genommen werden, welche auch immer auf uns warteten.

Während wir dort saßen, füllte sich die Halle im Laufe einer halben Stunde mit Leben. Menschen strömten von allen Seiten; das Stimmengewirr der Gespräche, das Rascheln von Zeitungen, das Klackern der Rollkoffer wurden lauter. Schwer abzuschätzen, wie viele es am Ende waren – eine scheinbar endlose Menge, die auf denselben Flug wartete. Erst später, als mir eine Stewardess während des Fluges erzählte, dass die Maschine Platz für über 350 Menschen bot, wurde mir die wahre Größe bewusst. Der Gedanke, dass sämtliche Klassen der Baindter Hauptschule inklusive Lehrkräfte bequem in dieser Boeing Platz gefunden hätten, ließ mich schmunzeln. Die Passagiere waren eine bunte Mischung: alle Hautfarben, Altersgruppen, sozialen Schichten. Geschäftsreisende in schicken Anzügen neben Familien in bequemer Freizeitkleidung; Gesichter gezeichnet von Vorfreude, Müdigkeit, Geschäftigkeit. Die Luft schien aufgeladen von all den persönlichen Geschichten, die hier für einen Moment zusammenkamen – vereint durch dasselbe Ziel: Mexiko-City. Während ich das Treiben beobachtete, erschien unwahrscheinlich, dass viele, so wie wir, ihr altes Leben hinter sich ließen. Flucht, Neuanfang in unbekannter Welt – unser Vorhaben, leise durch den Kopf kreisend. „Unfassbar, wie viele Leute hier sind“, meinte Dieter; seine Augen suchten ziellos die Menge ab. „Wie oft fliegt KLM wohl nach Mexiko?“ – mehr zu sich selbst. „Ein paar Mal werden die schon hin und her fliegen“, antwortete ich, ohne nachzudenken. „Die meisten fliegen wahrscheinlich in den Urlaub“, fügte ich hinzu – eher, um das eigene Unbehagen zu überspielen.

Ein merkwürdiger Blick von Dieter, Mischung aus Unsicherheit und einem Hauch Panik. „Urlaub wäre cool“, sagte er leise. Worte, die schwer in der Luft hingen – zwei junge Männer, auf der Suche nach einem neuen Weg, dennoch zweifelnd. Als der Aufruf zum Boarding erklang, reihten wir uns in die wachsende Karawane ein. Der Weg zum Gate fühlte sich wie eine symbolische Reise an: Tickets vorzeigen, langsam im Bauch des stählernen Vogels verschwinden. Die Gangway eng; Gespräche wurden leiser, gedämpft wie beim Betreten einer Kirche. Ein Hauch Ehrfurcht – als stünde etwas Großes, fast Sakrales bevor. An der Tür begrüßte uns eine hochgewachsene Stewardess mit freundlichen Augen und charmantem Lächeln. Ein kurzer Blick auf die Tickets, sanfte Wegweisung zu den Sitzen. Ihre leise, routinierte Art: beruhigend wie ein Fels. Als das Boarding abgeschlossen war, stellte sich heraus, dass die Maschine nicht vollständig ausgebucht war. Dieter und ich hatten Plätze im hinteren Teil der Kabine auf der linken Seite, und viele Reihen vor als auch hinter uns blieben leer. Auch die mittleren Viererreihen boten einige leere Plätze. Ich am Fenster, Dieter daneben. Kurz vor dem Start kam eine Stewardess, fragte nach dem Rechten; Dieter bat, auf einen freien Sitz gegenüber zu wechseln. Vivien – so stellte sie sich vor – lächelte und nickte. Elegante Größe, lange dunkelblonde Haare: eine bittersüße Erinnerung an die Königin vergangener Tage. Ihre freundliche Art und die sanfte, fast blumige Note ihres Parfüms, die mich an einen friedlichen Sommertag auf der Insel Mainau erinnerte, hatten eine beruhigende Wirkung auf mich.

Langsam begann die Boeing, sich zur Startbahn zu bewegen. Das Summen der Motoren wuchs zu einem tiefen Brummen, und das Vibrieren unter unseren Füßen deutete auf die immense Kraft hin, welche darauf wartete, entfesselt zu werden. Als die Maschine schließlich ihre Startposition erreichte, legte sich ein leises, erwartungsvolles Schweigen über die Kabine. Die Turbinen setzten sich wieder in Bewegung, zuerst langsam, dann immer schneller, bis sie schließlich wie gewaltige Raubtiere aufbrüllten. Ein plötzliches Tosen erfüllte die Luft, und ich spürte, wie die Beschleunigung mich tief in meinen Sitz drückte. Der Druck auf meine Brust nahm zu, als das Flugzeug mit zunehmender Geschwindigkeit über die Startbahn raste. Die Begrenzungslichter flogen im Eiltempo an meinem Fenster vorbei, und ich konnte fühlen, wie der Boden unter uns nachgab. Mit einem sanften, aber entschlossenen Ruck hob das Flugzeug vom Boden ab und schwang sich steil in den nachmittäglichen Himmel von Holland. Unter uns verschwand das Land; Weiß und Blau breiteten sich aus.

Die ersten Minuten vergingen still am Fenster. Grün-graue Landschaft schrumpfte zum Mosaik, bald von einer dichten Wolkendecke verschluckt. Monotones Triebwerksbrummen – tief, beruhigend – füllte die Kabine. Es wirkte, als trüge uns das Flugzeug sanft in eine Sphäre irgendwo über den Wolken. Dieter hatte sich auf seiner neuen Reihe ausgestreckt und die Beinfreiheit genossen. Die Aufregung wich ruhiger Gelassenheit, während der Kurs hinaus über den Atlantik führte. Das Anschnallzeichen erlosch; er kam zurück, ließ einen Platz zwischen uns frei. „Davon werde ich meinen Enkeln erzählen“, grinste er. „Ich hab ja fast ’nen Ständer bekommen, so geil war das.“ Ich lachte. „Besser als die Beschleunigung der Suzuki 1100.“ Dieter nickte begeistert. Über uns zeigte der Bildschirm Flughöhe, Außentemperatur, Geschwindigkeit: minus fünfzig Grad; zwölf Kilometer über dem Boden – Zahlen, die die Unwirklichkeit des Moments noch schärften. Ein Schaudern lief über den Rücken, nicht vor Kälte, sondern vor dem mulmigen Gefühl, dass nur eine dünne Metallhaut uns von der Frostwelt trennte.

Ich deutete auf die Anzeige; Dieter starrte ungläubig auf die Zahlen. „Ich muss auf die Toilette“, murmelte er und sprang auf. Während er verschwand, lehnte ich mich zurück und ließ den Blick durch die Kabine schweifen. Die gedämpfte Beleuchtung und die fast greifbare Stille, welche nur vom tiefen Grundton der Triebwerke durchbrochen wurde, erzeugten eine Atmosphäre fast wie in einer Traumwelt. Es war, als wären wir in einem schwebenden Kokon gefangen, weit entfernt von allem, was wir kannten. Trotz der Ruhe raste das Herz: Was, wenn wir in Mexiko-City nicht fänden, was gesucht wurde? Was, wenn alles scheiterte? Zweifel schlichen durch die Gedanken wie kleine, unsichtbare Geister. Fast zeitgleich mit Dieters Rückkehr erschien Vivien; sie strahlte, bot Kuchen sowie Heiß- und Kaltgetränke an. Wir wählten Kaffee – bald saßen wir in zwölf Kilometern Höhe wie bei einem gemütlichen Kaffeekränzchen, lachten, plauderten.

Das angespannte Zittern des Starts wich allmählich einem Gefühl von Leichtigkeit. Für einen Moment ließ sich die Unsicherheit am Boden vergessen. Hier oben, fern von allem, schien eine andere Welt erreichbar, die erlaubte, einfach zu sein, ohne die Last unserer Entscheidungen zu spüren. Später brachte Vivien dunkel karierte Decken und Schlafmasken. Über drei Sitze ausgestreckt, glitt ich in unruhigen Schlaf; das Dröhnen der Triebwerke wurde zum Wiegenlied. Träume, fragmentiert, Bilder der fernen Stadt. Dann weckte Viviens ruhige Stimme: warme, angefeuchtete Tücher zur Erfrischung. Dieter kehrte von der gegenüberliegenden Reihe zurück. Wir saßen beieinander, als Vivien mit dem Servierwagen die Hauptmahlzeit reichte: Hühnchencurry mit Gemüse, Brötchen, Salat, Karamellcreme. Hunger nach all der Aufregung; das Auspacken wirkte fast feierlich – ein kleiner Festschmaus über den Wolken. Irgendwo zündete ein Passagier eine Zigarette an; erst da fiel auf, wie lange wir selbst nicht mehr geraucht hatten.

Nach dem Abräumen beschlossen wir, das Flugzeug zu erkunden. Der hintere Teil bot nicht viel Aufregendes, nur Toiletten und ein paar müde Passagiere, welche ebenfalls ihre Beine vertraten. Doch als wir uns in den vorderen Teil der Maschine wagten, änderte sich die Stimmung. Vivien führte durch den Vorhang in Prestige- und First-Class-Abteile – eine andere Welt: breitere Sitze, gedämpfte Atmosphäre, Menschen in kleinen Luxusblasen. „Wie ein anderes Flugzeug“, flüsterte Dieter; ich nickte. Der Unterschied war spürbar, hier schien die Zeit langsamer zu fließen, eine Welt edler, luxuriöser und fast unwirklich. „Wenn wir das Dope verkauft hätten, statt erwischt zu werden, könnten wir jetzt auch hier sitzen“, scherzte Dieter mit einem Augenzwinkern. Ich lachte und konterte, „Hätte man uns nicht erwischt, wären wir jetzt wahrscheinlich gar nicht hier.“ Wir beide verstummten für einen Moment, den Gedanken nachhängend, wie sich alles anders hätte entwickeln können. Doch in diesem Augenblick, in dieser fliegenden Kapsel der Ungewissheit, fühlte sich unser Weg dennoch richtig an.

Zurück auf den Plätzen blätterte ich im kleinen Spanisch-Wörterbuch, verzweifelt Vokabeln paukend, die dem Gedächtnis entglitten. Die restlichen Stunden bis zur Landung: Ablenkung. Filme zogen hinein; das monotone Dröhnen wurde zu beruhigendem Hintergrund, dämpfte trübe Gedanken. In den Schwarzblenden der Szenen kehrten Zweifel zurück. Leise tauschten wir Hoffnungen aus, was in Mexiko warten mochte. „Glaubst du, wir finden schnell Arbeit?“ fragte Dieter zaghaft und knabberte an einem Stück Schokolade, das Vivien gereicht hatte. Ein Zögern. „Ich hoffe es“, sagte ich – wissend, dass der Glaube daran wackelte. Der Schlaf, eher Dämmern, wurde durch freie Plätze leichter. Ich streckte mich über drei Sitze aus, meine Gedanken schweiften ziellos umher. Mal waren es bruchstückhafte Erinnerungen an unsere Vorbereitungen für diese Reise, mal diffuse Bilder von einer Stadt mit Namen Mexiko City, welche sich in meinem Kopf formten. Die Decke, die Vivien uns freundlicherweise gegeben hatte, fühlte sich warm und schützend an. Ich zog sie fester um mich, als könnte sie vor der Ungewissheit bewahren, die uns am Boden erwartete.

Ich entspannte mich, spürte das sanfte Vibrieren und blickte durch das ovale Fenster in die Dunkelheit. Irgendwo dort draußen lag die Vergangenheit und versank, während die Turbinen uns vorwärtstrugen. Ein leises Lächeln huschte über mein Gesicht, als sich die Erinnerungen an die Abschiedsfeier vor wenigen Tagen in meinem Kopf kristallisierten, scharf, greifbar, als wäre ich noch immer mittendrin. Noch nicht einmal eine Woche her, doch es fühlte sich an, als wäre es in einem anderen Leben gewesen. Wir hatten unseren Abschied im Wohnwagen von Peter gefeiert, einem kleinen, in den Wald geduckten Refugium, fernab neugieriger Blicke. Ein Ort, der uns über die Jahre Schutz geboten hatte, der so viel mehr war als nur ein alter Wohnwagen, eine Festung, ein Versteck, ein Zuhause auf Zeit. Der Wohnwagen selbst, ein Relikt aus den Achtzigern mit halb platten Reifen, vermoostem Dach und überwucherten Außenwänden, war seit Jahren Peters heimliche Zuflucht, fernab von den Augen der Behörden. Für uns schien er der perfekte Ort für eine letzte ausgelassene Party zu sein, die letzte Bühne, auf der Dieter und Bansi ihr Schauspiel „Im Drogenrausch“ aufführen würden.

Klaus, Aron, Brigitte, Sabine und Peter – unsere engsten Vertrauten – waren die einzigen Gäste; mehr hätte der enge Wagen nicht gefasst. Dazu Riga, Peters treue Dobermann-Hündin, zusammengerollt auf dem Boden, den knappen Raum weiter füllend. Die Enge verstärkte Zusammengehörigkeit, als wären wir eins in dieser kleinen Blase aus Familie und Abschied. Musik pulsierte aus dem Ghettoblaster, brachte einen Hauch Freiheit, der kurz vergessen ließ, was bevorstand. Jacky-Cola, von Klaus in Mengen mitgebracht, floss unaufhörlich; Aron besorgte Hamburger und Pommes aus dem „Lädele“ in Ravensburg – fast wie die letzte echte Mahlzeit, bevor das Kapitel endete. Joints wurden gerollt und kreisten; dichter Rauch schwebte träge, die Stimmung oszillierte zwischen schmerzendem Abschied und flüchtigem Glück.

„Nicht, dass ihr gleich in Amsterdam hängen bleibt und wir euch in ein paar Tagen blank und zerrüttet abholen dürfen“, witzelte Aron. Klaus lachte: „Bleibt lieber im Flughafen, solange ihr auf den Weiterflug nach Mexiko wartet.“ Vier Stunden in Schiphol – eine Ewigkeit, und doch war klar, was in kurzer Zeit geschehen kann. „Keine Sorge“, sagte ich. „Ich bin so aufgeregt, ich verbringe die vier Stunden auf einem Barhocker – mit Kaffee und einer Handvoll Zigaretten.“ Dieter nickte; Aron klopfte aufmunternd auf die Schulter. „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Ich hab’s damals nur von Düsseldorf nach Ravensburg geschafft. Das wird schon gut gehen.“ Sein tiefes Lachen war ansteckend; der enge Raum füllte sich mit dem Echo einer Hoffnung, die in den letzten Monaten so oft beschworen worden war. „Das wird schon gut gehen“ – ein letztes Mal riefen wir es einander zu, bevor die Nacht verglühte. Lachen und Tränen, Umarmungen und letzte Ratschläge trugen die kleine Welt.

Die Party dauerte bis in die frühen Morgenstunden; beim Abschied von Aron, Brigitte, Peter und Sabine lag eine seltsame Stille über dem Ort, der eben noch von Musik widergehallt hatte. Die Behausung im Wald, die so viele Erinnerungen geschenkt hatte, verlor mit unserem Aufbruch an Lebendigkeit. Kühle Morgenluft umschloss uns, schob Dieter und mich sanft in Richtung neuem Lebensabschnitt – wie ein letzter Anstoß. Klaus fuhr mich nach Hause. Gegen halb acht betrat ich das Haus, in dem so viele Jahre gelebt und geliebt worden waren; bittersüße Melancholie durchströmte mich. Der Weg in den ersten Stock, ins Bad, schwer und voller Erinnerungen, welche wie Geister in den Fluren schwebten. Unter der Dusche spülte ich Schweiß und Staub der Nacht ab; die Gedanken ließen sich nicht so leicht abwaschen. In Unterhose ging ich ins Zimmer, wo der gepackte Seesack neben dem Sofa wartete – stummes Versprechen einer Reise, die bald beginnen würde. Die Stereoanlage an; sanfte Klänge von The The füllten den Raum. Fröstelnd sank ich aufs Sofa, zog die Kuscheldecke um die Schultern und ließ mich von den melancholischen Tönen von „This Is the Day“ in den Schlaf wiegen. Jeder Ton und jedes Wort des Songs schien meine Gefühle in diesem Moment perfekt widerzuspiegeln – ein Mix aus Aufbruchsstimmung und leiser Wehmut des Abschieds. Und so schloss ich die Augen, bereit, das Alte hinter mir zu lassen und das Neue zu umarmen.

Vier Tage später lagen Wohnwagen, altes Leben und die Drogenwelt Ravensburgs hinter mir. Tausende Kilometer bereits zwischen damals und jetzt; die angestrebte Zukunft jedoch weiterhin in dichtem Nebel – diffuser und rätselhafter als mancher Drogenrausch der letzten Monate. Unruhiger Schlaf hielt fest, ein Hin und Her zwischen flüchtigen Träumen und dunklen Gedanken. Schließlich durchbrachen erst markante Warntöne, dann Vivien die Dämmerwelt. Ihre Stimme, sanft und bestimmt, holte zurück ins Hier und Jetzt. „Wir setzen bald zum Landeanflug an“, sagte sie und musterte mich kurz. Ich rieb mir die Augen, atmete tief, versuchte, den Schleier der Müdigkeit abzuschütteln. Monotones Summen der Triebwerke, gedämpftes Murmeln, sanfte Vibrationen – Erinnerung daran, wo ich war. Ein Blick nach rechts zeigte mir Dieter, der bereits angeschnallt auf seinem Sitz saß. Seine Finger trommelten unruhig auf der Armlehne, seine Kiefermuskeln waren angespannt. Das schwache Licht der Kabinenbeleuchtung ließ seine Miene noch ernster wirken. Er starrte auf die Rücklehne des Sitzes vor ihm, als würde er mit purer Willenskraft versuchen, den Landeanflug zu beeinflussen. Ich konnte nicht anders, als zu grinsen. „Alles gut da drüben?“ fragte ich mit einem Hauch von Sorge in der Stimme. Dieter zuckte kurz zusammen, „Ja, klar“, murmelte er, doch der leicht gehetzte Ausdruck in seinen Augen verriet ihn.

Kapitel 2

Mexiko City

Es war bereits später Abend, als die 747 zum Landeanflug in den Talkessel von Mexiko-City glitt. Deutlich hatten wir an Höhe verloren; spürbar fuhr der Pilot das Fahrwerk aus. Der wolkenlose, hell erleuchtete Stadtkörper bot einen Anblick, den ich nie vergessen werde: ein Lichtermeer bis zum Horizont. Je näher wir kamen, desto deutlicher zeichneten sich Lebensadern ab, die sich als Straßen zwischen Tausenden von Gebäuden verzweigten. Einige Hauptverkehrsachsen – zwei-, vier-, sechsspurig – schnitten sich durch die gigantische Metropole. Mexiko-City schien zu pulsieren, lebendig und voller Energie, ein Organismus aus Beton und Licht. Als die Boeing zur Landung ansetzte, wirkte es, als läge der Flughafen mitten in der Stadt. Die Grenze zwischen Metropole und Airport verschwamm; Hektik und Leben waren spürbar, noch bevor der Boden berührt wurde. Überwältigend, in diese Dimension und Vielfalt einzutauchen – und die Ungeduld wuchs, zu entdecken, was diese Stadt bereithielt.

Nachdem die Parkposition erreicht und die Gangway angedockt war, breitete sich die übliche Betriebsamkeit aus. Mit einer Mischung aus Erleichterung und Aufregung reihten wir uns in die Karawane des Aussteigens ein. Ein Hauch Wehmut mischte sich hinein, als wir uns mit einer Umarmung von Vivien – Mutter auf Zeit – verabschiedeten. Der kurze Tunnel der Gangway führte in eine geräumige Ankunftshalle, erhellt von Tausenden Neonröhren: grelles Licht als scharfer Kontrast zur gedämpften Flugzeugkabine, beinahe surreal. Wir folgten der Menge zu den Transportbändern, wo die Koffer freigegeben werden sollten. Während des Wartens musterte ich die Gesichter: müde, gespannt, doch einhellig von der Erwartung getragen, endlich anzukommen. Nach etlichen Minuten setzten sich die Bänder in Bewegung; eine bunte Parade von Koffern, Kartons und Säcken zog an den Wartenden vorbei. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bis Dieter und ich die beiden Seesäcke endlich in Händen hielten.

Mit den Habseligkeiten fest umklammert, steuerten wir die Zoll- und Einreiseschalter an. Ein freundlich lächelnder Mexikaner begrüßte uns und stellte die obligatorische Frage nach dem Verbleib in Mexiko. In diesem Moment standen Dieter und ich unschlüssig da. Glücklicherweise sprach der Beamte Englisch, reichte Formulare und Hotelprospekte, erklärte geduldig, was auszufüllen sei, und bat um die Auswahl eines Hotels. Seine Hilfsbereitschaft ging so weit, dass er dort persönlich anrief und die Gäste ankündigte. Diese Freundlichkeit nahm ein wenig Nervosität, die seit dem Verlassen der Maschine an den Gedanken nagte. Der Zoll erwies sich als keine Hürde, und nach gut einer Stunde befanden wir uns auf dem Weg zum Hauptausgang. Dieter warf mir ein nervöses Lächeln zu. „Bereit, Mexiko zu erobern?“ – „Bereit, so sehr, wie man es nur sein kann“, antwortete ich, und gemeinsam traten wir hinaus in die pulsierende Millionenstadt.

Die trockene Hitze, welche uns umschlang, als wir den Flughafen durch das klimatisierte Hauptportal verließen, traf unvermittelt und abrupt. Eine elektronische Anzeigetafel im Airport hatte zwar schon darauf hingewiesen, dass es in Mexiko-City momentan um die dreißig Grad haben sollte, aber diese Information war an der Überflutung all unserer Sinne verloren gegangen. Wir blieben kurz stehen, um den Körper zumindest ansatzweise zu klimatisieren. Ein paar Meter voraus befand sich eine lange Reihe von grünweißen VW-Käfer-Taxis, und wir steuerten auf eines davon zu. Ich begann mit einem „Bienvenido“, worauf der Taxifahrer lächelte und uns ein „Hola“ entgegenbrachte. Dieter reichte ihm den Zettel mit der Hoteladresse und sagte: „Hotel, por favor.“ Ich hakte nach: „Dollares?“ Er nickte, und wir einigten uns auf fünf US-Dollar für die Fahrt. Ob das jetzt zu teuer, zu billig – was ich mir nicht vorstellen konnte – oder genau richtig war, haben wir nie erfahren. Er nickte und ließ uns hinten einsteigen. Die Seesäcke stapelte er auf den Beifahrersitz und nahm auf der Fahrerseite Platz. Nachdem er losgefahren und sich in den fließenden Verkehr eingefädelt hatte, fragte ich: „Habla usted alemán?“ worauf er den Kopf schüttelte. Dieter meinte: „Ich denke, dass wir hier jemanden finden, der Deutsch versteht, können wir gepflegt vergessen.“ Ich stimmte ihm zu, wollte aber noch einen letzten Versuch wagen. „Habla usted inglés?“ war der letzte meiner auswendig gelernten Sätze, und ich hoffte, damit etwas weiterzukommen. Ein kurzes „No“ machte auch das hinfällig.

Wir tauchten ein in das dichte Gewirr des Stadtverkehrs, ein Labyrinth aus hupenden Autos und geschäftigen Menschen, welche wie Fische in einem gigantischen Strom schwammen. Das Panorama von Häusern und Geschäften, die an uns vorbeizogen, wurde plötzlich von einem langgezogenen Park auf der linken Seite unterbrochen – ein grünes Juwel inmitten des urbanen Chaos. Der Taxifahrer deutete auf ein Haus einige Dutzend Meter weiter vor uns auf der rechten Seite und murmelte das Wort „Estamos“. Vielleicht wollte er uns sprachlich nicht überfordern, aber selbst mit diesem einzigen Wort konnten wir spontan nichts anfangen. Eine stille Verwirrung breitete sich zwischen uns aus, während wir dem Fingerzeig des Fahrers folgten. Das Hotel, vor dem der Taxifahrer schließlich hielt, beeindruckte mich mit seiner imposanten Eingangstür, die eher wie das Portal einer alten Kathedrale aussah. Große Fenster säumten den Eingang auf beiden Seiten die Straße entlang und warfen ein warmes Licht auf den Bürgersteig. „Sieht nicht gerade preiswert aus“, bemerkte Dieter, seinen Blick auf das Gebäude gerichtet. „Ja“, stimmte ich zu, während ich die Architektur des Hotels betrachtete, „aber für eine Nacht wird es schon gehen. Morgen können wir dann entscheiden, wohin die Reise führen soll.“ Ein zustimmendes Nicken von Dieter signalisierte, dass auch er mit dieser Einschätzung einverstanden war.

Der Taxifahrer stieg aus, öffnete die Beifahrertür und begann, unser Gepäck auf dem Gehsteig zu stapeln. Erst nachdem er seine Arbeit beendet hatte, gestattete er uns, ebenfalls auszusteigen. Mit einem knappen „Adiós“ verabschiedete er sich und stieg wieder in sein Fahrzeug. Wir sahen ihm nach, wie er im abendlichen Straßenverkehr von Mexiko-City verschwand, bevor wir unsere Seesäcke schulterten und durch die imposante Haupttür das Hotel betraten. Ein kühler, leicht nach Jasmin duftender Luftstrom empfing, als wir die großzügige Lobby betraten. Wir marschierten direkt auf den Empfangstresen zu. Ein freundlich lächelnder Angestellter, perfekt frisiert mit pechschwarzem Kurzhaarschnitt, in weißem Hemd und schwarzer Weste, erwartete mit freundlichem Lächeln. „Buenas noches“, grüßte er. Auf die Frage nach Englisch: „Yes, of course.“ Dieter übernahm, verwies auf das Telefonat vor kaum einer Stunde und die Buchung eines Doppelzimmers. Blick in die Unterlagen, bestätigendes Nicken. Er bat um die Reisepässe, übertrug Daten in ein Formular, reichte die Pässe zurück und übergab ein Schlüsselbund mit einer Plakette: 18. „Ihr Zimmer befindet sich im ersten Stock, rechte Hand“, erklärte er. Wir bedankten uns und zogen los – erste Übernachtung in Mexiko. Der Weg durch die Flure wirkte wie ein Vorgeschmack auf das Kommende: Wände mit Wandteppichen und Gemälden geschmückt, welche Kultur und Geschichte spiegelten. Am Ende eines langen Korridors öffneten wir die Tür.

Ein gemütlicher Raum empfing uns, warme Farben, handgefertigte Möbel. Das Doppelbett, mittig an der Stirnwand, wirkte einladend und großzügig. Für die Nacht mehr als ausreichend, da am Morgen ohnehin eine preiswertere Bleibe gesucht werden sollte. Die Seesäcke blieben fast unberührt; lediglich Kulturbeutel und frische Kleidung wurden entnommen. Nach der Dusche setzten wir uns auf den kleinen Balkon zum ruhigen Innenhof. Der Lärm der Großstadt war gedämpft, nur fernes, beruhigendes Rauschen. Schlichte, dunkle Holzstühle – abgenutzt, überraschend bequem. Auf dem Beistelltisch: ein runder, ramponierter Terrakotta-Aschenbecher, einziges Utensil auf dem knapp zwei Quadratmeter großen Balkon. Aus der Minibar holten wir zwei kühle Cervezas, öffneten sie mit dem Flaschenöffner, der neben dem kleinen Fernseher lag. Zeitgleich zündeten wir eine der letzten in Deutschland gekauften Zigaretten an, prosteten und tranken tief, während der Rauch aufstieg. „Jetzt ein Joint – perfekte Abrundung des Abends“, seufzte Dieter. „Auf jeden Fall“, stimmte ich zu. „Meinst du, das Schwitzen kommt nur von der Wärme hier – oder sind’s Entzugserscheinungen?“ Obwohl deutlich wärmer als in Deutschland, blieb die Nachtluft angenehm. Eine innere Unruhe wich dennoch nicht. „Ich denke, Entzug spielt mit“, meinte Dieter. „Wir haben die letzten Wochen wirklich viel gequarzt.“ – „Sobald wir einen sicheren Hafen gefunden haben, könnten wir wieder Pilze versuchen“, scherzte ich. „Ja klar, direkt vom Erzeuger“, lachte er. „Wenn die so reinhauen wie letztes Mal, lande ich hier in der Klapse.“ Wir lachten; die Monate alten Erinnerungen liefen lebhaft vor dem inneren Auge. Danach wurden die nächsten Tage sondiert: Wie ließe sich ein solider Grundstein für das neue Leben legen?

Die Realität des Abenteuers breitete sich aus. Thema: günstige Unterkunft, Möglichkeiten, Geld zu verdienen, erste Schritte, um in dieser fremden Stadt Fuß zu fassen. Ein seltsames Gemisch aus Vorfreude und Unsicherheit begleitete. Doch auf dem kleinen Balkon, mit Cerveza in der Hand und nächtlicher Brise auf der Haut, wirkte die Zukunft einen Hauch weniger bedrohlich. Gegen ein Uhr – die Luft streifte nur noch flüchtig über die Haut, die Stadt kam zur Ruhe – strichen wir für diesen Tag die Segel. Müdigkeit war unbemerkt in die Glieder gekrochen. Leere Flaschen und Stummel entsorgt, gingen wir ins Zimmer zurück.