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Es ist das Jahr 1307. Die Templer werden auf Geheiß des französischen Königs Philipp und des Papstes verboten und in ganz Europa gnadenlos verfolgt. Rudger von Ywen wird von Komtur Friedrich von Alvensleben auf den Ordenshof nach Mücheln geschickt, um die Ordensbrüder zu warnen. Für Rudger beginnt damit eine abenteuerliche Reise in eine ungewisse Zukunft. Im November 1308 geht er zusammen mit drei Ritterbrüdern auf das Lehnsgut seines Vaters, Ulrich von Ywen. Von hier aus gelingt es ihm, mit Hilfe des aufständischen Ritters Hencke von Schellenberg aus Frankreich geflohene Templer nach Böhmen zu schaffen. Vielen ihrer Mitbrüder können sie so das Leben retten. Unterstützt werden sie dabei von Agnes von Lichtenwalde. Aus Furcht vor einer erzwungenen Ehe flieht Agnes von zu Hause und schließt sich Rudger auf seinem Weg nach Böhmen an. In der Folge ist Rudger gezwungen das Mädchen zu ehelichen. Doch die Beziehung der beiden steht unter keinem guten Stern. Während es im Laufe der Zeit ruhiger wird um die Templer im Deutschen Reich, sind es andere Kampfplätze, auf denen sich Rudger bewähren muss. So zieht er an der Seite seines Lehnsherrn, Friedrich von Wettin, gegen den Brandenburger Waldemar, der das Erbe des Meißnischen Markgrafen an sich reißen will. Immer wieder verlässt er Weib und Hof, um seiner Ruhelosigkeit zu entgehen. Doch in seiner Heimat und auf dem Lehnshof seines Vaters lauern überall Verrat und Missgunst.
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Seitenzahl: 831
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Julia Fromme
Baphomets Jünger
Historischer Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Handelnde Personen
Teil 1
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Teil 2
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Teil 3
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Teil 4
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Teil 5
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Epilog
Nachwort
Historische Fakten und Herrscher der Wettiner
Römisch-deutsche Herrscher von Mitte des 12. bis Mitte des 14. Jahrhunderts
Erzbischöfe und Bischöfe und im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts
Was ist ...?
Anmerkungen
Endnoten
Impressum neobooks
Julia Fromme
Baphomets Jünger
Historischer Roman
(* historische Personen)
Ywen (Euba)
- Rudger von Ywen, ein junger Templer, Sohn des Grundherren Ulrich von Ywen
- Ulrich von Ywen*, ein Lehnsmann der Herren von Waldenburg, Vater von Rudger
- Matilda von Ywen, Rudgers Mutter
- Arnald von Ywen, älterer Bruder von Rudger, Erbe des Gutshofes in Euba
- Michel von Ywen, jüngerer Bruder Rudgers
- Heske von Ywen, jüngere Schwester von Rudger
- Pater Wito, ein Benediktinermönch, Geistlicher in Ywen
Lichtenwalde
- Heidenreich von Lichtenwalde*, Nachbar des Ulrich von Ywen
- Heda von Lichtenwalde, Frau des Heidenreich
- Agnes (Nes) von Lichtenwalde, Tochter des Ritters Heidenreich
- Magdalin von Lichtenwalde, Schwester von Agnes
Schellenberg
- Heinrich von Schellenberg*, Landrichter des Pleißenlandes
- Theda von Schellenberg, Frau des Heinrich
- Heinrich (Hencke) von Schellenberg *, ältester Sohn Heinrichs
- Clement von Schellenberg, jüngerer Sohn Heinrichs
- Eneyde von Schellenberg, Tochter Heinrichs
Mark Meißen
- Friedrich I. von Meißen* (der Freidige, der Gebissene), Markgraf zu Meißen, Landgraf
zu
Thüringen (1257-1323)
- Elisabeth*, Markgräfin zu Meißen (1286-1359)
- Friedrich der Lahme* (Fritz), Sohn Friedrich I. aus erster Ehe (1293-1315)
- Dero von Schönfels, Ritter des Markgrafen
- Jenrik von Hohenstein, Ritter des Markgrafen
- Matthias (Matz) von Wersdorf, Knappe Rudgers
Weitere Personen
- Endres, Valten und Jorge, junge Templer, die mit Rudger nach Ywen gekommen sind
- Borek und Tibor, zwei böhmische Waisen
- Bruder Anselm (Anselm von Colbitz), junger Priesterbruder in Wichmannsdorf, Freund
von Rudger
- Alan de Sivrey, Luc de Brienne, französische Templer auf der Flucht
- Friedrich von Alvensleben*, letzter Meister des Templerordens in Alemannien und
Slawien
(um 1265 – um 1313)
- Gero*, Komtur des Templerhofes in Mücheln
- Waldemar der Große* (Askanier), Markgraf von Brandenburg (um 1280-1315)
- Abt Johannes von Grünhain*
- Caspar von Maltitz*, Kommandant der Stadt Großenhain
- Gisko von Taubenhain, Hauptmann der Truppen des Erzbischofs von Magdeburg
Mysterium
Wichmannsdorf
17. Oktober 1307
„Ich weiß es, Rudger. Glaub mir. Ich habe gesehen, wie zwei Boten vom Orden heute Nacht zu Friedrich gekommen sind.“ Die Worte kamen in einem heißeren Flüstern über die Lippen des jungen Mönches. Seine Augen waren vor Entsetzen weit aufgerissen. Schweißperlen liefen ihm über die Stirn, obwohl es im Schlafsaal der Ritter empfindlich kühl war.
„Weißt du, was du da behauptest?“, fragte der junge Ritter ebenso leise den Mönch. Sein Gesicht drückte Unglauben aus. „Wenn das wahr ist, Anselm, dann Gnade uns Gott.“
Rudger drehte sich wieder zu seiner Bettstatt um und ordnete seine Decken. Es war noch weit vor dem Morgengrauen. In Kürze würden die Glocken ertönen, die die Ritter zur Morgenmesse riefen. Er schaute sich kurz im Schlafsaal um. Seine Kameraden lagen noch im tiefen Schlaf. Nichts konnte sie so schnell aus ihren Träumen holen, auch nicht das aufgeregte Flüstern der beiden. Der junge Mönch, mit dem ihn eine Art Freundschaft verband, war zu ihm gekommen und hatte ihn heimlich geweckt.
Mit skeptischem Blick wandte er sich wieder Bruder Anselm zu. „Aber woher willst du wissen, dass es in Paris zu Verhaftungen kam und der Orden in Gefahr ist?“, fragte er noch einmal nach. „Ich denke, du hast nur gesehen, wie die Männer zu Friedrich gegangen sind?“ Er schnaubte kurz. „Wer weiß, vielleicht haben sie lediglich ein Schlaflager aufgesucht und wir werden heute erfahren, was sie wollen.“ Überlegen lächelte er den anderen an. Der junge Mönch hatte schon immer eine etwas rege Fantasie.
Doch Anselm ließ sich nicht so leicht aus dem Konzept bringen. „Wenn ich es doch sage.“ Dann stockte er und sah Rudger verschwörerisch an. „Ich bin ihnen nachgeschlichen.“
„Was!“, rief der Ritter erstaunt. Erschrocken schlug er die Hand vor den Mund und schaute sich verstohlen um. Doch niemand schien ihn gehört zu haben. „Komm, lass uns nach draußen auf den Gang gehen.“ Anselm am Arm packend zog er ihn hinter sich her. Vor der Kammer sah er sich aufmerksam um. Doch sie waren allein hier.
„Warum das denn?“, fragte er leise.
„Ich war halt neugierig, was die Kerle mitten in der Nacht und in aller Heimlichkeit hier wollten. So bin ich ihnen nach. Als sie hinter der Tür unseres Ordensmeisters verschwunden sind, habe ich mich angeschlichen und gelauscht.“ Entschuldigend zog Anselm seine Schultern nach oben. „Ich habe ein paar Gesprächsfetzen erhaschen können, als der eine Kerl zu Friedrich sagte, es sei schlechte Kunde, die er brächte. Auf Friedrichs Nachfrage antwortete er, der Orden sei verloren. Dann haben sie nur noch gemurmelt. Aber nach einer Weile konnte ich noch verstehen, wie irgendwer sagte, der französische König habe in Paris alle Templer verhaften lassen. Aber das habe ich dir ja bereits erzählt.“
Rudger ließ sich gegen die Wand sinken. Unruhe ergriff ihn. Schon seit längerem wusste er, dass der französische König Philipp, den alle Welt den Schönen nannte, Unruhe in den Reihen der Kirche säte. Der von ihm wie eine Marionette dirigierte Papst, Clemens V., hatte die Templer zwar von den Vorwürfen freigesprochen, die im Verlaufe der letzten Jahre gegen sie laut geworden waren. Dennoch stand der Verdacht im Raum, dass sich die Ordensritter der Häresie schuldig gemacht hätten. Auch der Vorwurf, sie wären lieber ihren Geldgeschäften nachgegangen, statt sich der Bekämpfung der Heiden zu widmen, wog schwer. Nun schien sich das Blatt endgültig gewendet zu haben. Wenn es überhaupt stimmte, was der Mönch gehört hatte. Oft gaukelten die Gespenster der Nacht einem Dinge vor, die tagsüber betrachtet vollkommen lächerlich waren.
Da an Schlaf nicht mehr zu denken war, beschloss Rudger in die Kapelle zu gehen und dort den Beginn des Tages abzuwarten. Er schlich sich zurück in den Schlafsaal, streifte seine Hosen über und befestigte die Bänder am Gürtel seiner Bruche. Seinen Rock hatte er gleich nach dem Aufstehen, als Bruder Anselm ihn unsanft aus dem Schlaf riss, übergezogen, da es im Schlafsaal zugig und kalt war. Dann schlüpfte er in seine Schuhe, warf sich den Mantel über und klopfte Anselm, der ihm gefolgt war, leicht auf die Schulter. Mit einem verhaltenen Nicken verließ er den Schlafsaal. Wie durch ein Wunder war keiner der anderen von ihrem Treiben wachgeworden.
Anselm holte tief Luft und überdachte seine eigene Lage. Er war einer der Ordensmönche, die sich auf dem Templerhof aufhielten. Außer ihm selbst gab es noch sieben weitere Brüder, die sich um die wirtschaftlichen Belange des Hofes und um das leibliche Wohl der fünfzehn Ritterbrüder einschließlich ihres Ordensmeisters kümmerten. Anselm hatte erst vor wenigen Wochen das Gelübde abgelegt. Er war der jüngste Sohn eines anhaltinischen Adligen, ohne Aussicht auf ein Erbe. Doch die Familie stand den Templern schon seit Generationen nahe. Sein Onkel Wilhelm von Colbitz, selbst ein Tempelritter, war in der Schlacht um Akkon gefallen. Anselm war von schmächtiger Statur, und sein Vater hatte bestimmt, dass er als Ordensmönch zwar tauglich sei, nicht aber als Krieger. Die Tempelritter waren seit über zweihundert Jahren die militärische Elitetruppe des Abendlandes, und es waren nur kräftige junge Männer, denen das Privileg zuteilwurde, in ihre Reihen aufgenommen zu werden.
Anselm war nicht böse darüber. Immer schon hatte er lieber seinen Gedanken nachgehangen, verabscheute jedwede Form von Gewalt. Jetzt diente er dem Ritterorden. So erforderte es die Tradition seiner Familie. Denn jeweils ein Spross jeder Generation war für den Templerorden bestimmt. Doch Anselm war froh darüber, nicht selbst zum Kämpfer erwählt worden zu sein. Dass er den Preis zahlen und dafür Mönch werden musste, um dem Orden beizutreten, hatte ihn anfangs traurig gestimmt. Viel lieber wäre er als Verwalter eines Gutshofes oder auf den Ländereien seiner Familie in Colbitz geblieben. Jetzt oblag ihm seit wenigen Tagen trotz seiner Jugend die wirtschaftliche Führung des Ordensgutes Wichmannsdorf, und er wollte sein Bestes geben, um die Templer und seine Familie nicht zu enttäuschen.
Das Lehen von Wichmannsdorf gehörte ebenso wie die Güter Rolstedt und Gerdingsdorf den Herren von Alvensleben. Friedrich von Alvensleben* war der Ordensmeister der Templer im Deutschen Reich. Er hatte die Höfe mit verdienten Rittern des Ordens besetzt, die in ständigem Kontakt zu ihm standen, ganz gleich, wo er sich aufhielt. Anselm hatte sich geschworen, Friedrich nicht zu enttäuschen. Er war nicht weniger wert, nur weil er das Schwert nicht zu schwingen wusste. Langsam ließ er die Luft wieder aus seiner Brust entweichen und schloss kurz die Augen. Doch ein Geräusch brachte ihn in die Gegenwart zurück. Rudger hatte den Saal schon vor einer ganzen Weile verlassen. Mit klopfendem Herzen schaute sich Anselm verstohlen um. Doch niemand schien auf sie aufmerksam geworden zu sein. Leise schlich er zurück in seine eigene Schlafkammer, die er sich mit den anderen Mönchen teilte.
Die Kapelle des Gutshofes lag in tiefer Finsternis. Am klaren Himmel funkelten unzählige Sterne. Rudger wandte sein Gesicht nach oben. Dann schloss er die Augen. Gott, lasse es nicht wahr sein. Warum nur willst du den Orden bestrafen? Wir alle sind gottesfürchtige Menschen, standen dir immer nahe und haben nur nach deinem Gefallen gehandelt. Warum nur Gott ...
Der heisere Schrei einer Eule ließ ihn zusammenfahren. Für einen kleinen Moment stockte sein Atem. Rudger straffte die Schultern. Mit einem kurzen, freudlosen Auflachen wandte er sich der Kapelle zu. Die Tür gab beim Öffnen einen schwachen knarzenden Laut von sich. Er trat ein und ging die wenigen Schritte bis zum Altar. Irgendwie wusste er nicht so recht, was er eigentlich hier sollte. War Gott ihm hier in der dumpfen, muffigen Umgebung der alten, feuchten Mauern näher, nur weil das Abbild seines Sohnes dort vorn am Kreuz hing? Sofort meldete sich das schlechte Gewissen über seine Blasphemie in Rudger. Er schüttelte kurz den Kopf, dann schlug er das Zeichen des Kreuzes und sank auf die Knie. Doch wollten seine Gedanken zu keinem Gebet finden, wieder kamen ihm die Worte Bruder Anselms in den Sinn. Was, wenn es wahr wäre? Er konnte sich nicht konzentrieren. Ungeduldig erhob er sich und begann in der Kirche auf und ab zu gehen. Ein Unterfangen, was fast schon an Unmöglichkeit grenzte, da der Raum nur wenige Meter maß, gerade genug Platz für die Menschen, die sich auf dem Ordenshof aufhielten.
Ungeduld fraß an seinem Inneren. Immer wieder lauschte er, ob nicht auch die anderen Ordensbrüder langsam wach werden würden. Er brannte darauf, zu hören, was der Ordensmeister ihnen zu sagen hatte. Aber ob er sie überhaupt über seine nächtlichen Besucher unterrichtete?
Erschrocken wandte Rudger den Kopf, als jemand die Tür energisch aufstieß. Eine Fackel in der Hand, betrat Friedrich von Alvensleben das Gotteshaus. Verwirrt schaute Rudger ihn an, zu keinem klaren Gedanken fähig. Erst die Stimme des Ritters holte ihn zurück in die Wirklichkeit.
„Rudger?“ Fragend schaute Friedrich ihn an. „Was tust du hier?“ Verwunderung schwang in seiner Stimme mit. Rudger wurde es schlagartig bewusst, dass er ja eigentlich noch gar nichts von den nächtlichen Besuchern wissen durfte. Er riss sich zusammen. Er schluckte und atmete tief durch. Friedrich wurde ungeduldig.
Rudger verbeugte sich leicht vor seinem Meister. Der legte nicht sonderlich viel Wert auf derlei Gehabe. Ein freundschaftlicher Umgang mit seinen Rittern war ihm lieber. Das hieß allerdings nicht, er würde von ihnen nicht den nötigen Respekt erwarten.
„Ich konnte nicht mehr schlafen“, beeilte sich Rudger mit etwas heiserer Stimme zu sagen. „Ich dachte, ein Gebet könne meine innere Unruhe besänftigen.“ Damit hatte er nicht einmal gelogen, denn schon bevor Bruder Anselm zu ihm in den Schlafsaal gekommen war, hatte er eine Weile wach auf seiner Pritsche gelegen. Doch nun kam er sich vor seinem Meister etwas albern vor, hier in die Kapelle gekommen zu sein.
„Was beunruhigt dich, mein Sohn?“, fragte Friedrich und sah den jüngeren forschend an.
Verlegen schaute Rudger zu Boden. Dann richtete er den Blick geradeheraus auf den Meister. „Herr, ich lag wach. Ich weiß auch nicht warum. Aber dann kam Anselm, dem es wahrscheinlich genauso ging.“ Er zögerte kurz. Was soll`s, dachte er. Ich muss einfach Gewissheit haben. „Er hat mir berichtet, dass in der Nacht Besucher auf den Gutshof gekommen sind, die wahrscheinlich eine weite Reise hinter sich hatten. Da macht man sich schon so seine Gedanken.“ Er würde Anselm natürlich nicht verraten, und dass dieser an der Tür gelauscht und das Gespräch der Männer gehört hatte. Nun war es an Friedrich, ihm zu sagen, was geschehen war.
Friedrichs Gesicht zeigte Verärgerung. „So, so“, meinte er. „Der Bursche konnte also auch nicht schlafen. Und, was hat er sonst noch so gesagt, der Bruder Anselm?“
Rudger fühlte sich wie ein kleiner Junge, der bei einer Untat ertappt worden war. Dabei konnte er von sich behaupten, ein erfahrener Kämpfer zu sein, der zusammen mit Friedrich schon an mancher Schlacht teilgenommen hatte. Was hatte dieser Mann nur an sich, dass die Ritter sich ihm gegenüber immer wieder wie Grünschnäbel vorkamen?
Rudger schüttelte sich innerlich. Dann holte er tief Luft. „Herr, Ihr wisst, Bruder Anselm ist ein aufrichtiger Mann. Er kam nur zufällig über den Gang gelaufen, als er auf dem Weg nach draußen war, und sah die Männer in Eurer Kammer verschwinden. Besorgt blieb er stehen und schnappte noch die Worte auf, der Orden sei in Gefahr. Das hat er mir dann berichtet, weil ihm diese Nachricht keine Ruhe ließ.“ Nun ja, der arme Anselm musste nun dazu stehen, dass er gelauscht hatte. Aber Rudger würde ihn nicht ganz in die Pfanne hauen. Angesicht dieses Gedankens, huschte ein kurzes Lächeln über sein Antlitz. Doch schnell nahm er sich wieder zusammen. Zum Glück hielt Friedrich die Fackel gesenkt, und sein Gesicht lag im Schatten.
„Lass uns beten“, sagte Friedrich unvermittelt. Er schien nicht die Absicht zu haben, Rudger über die Vorgänge in der Nacht aufzuklären. Der junge Ritter fügte sich und kniete neben seinem Meister vor dem Altar nieder. Er faltete die Hände zum Gebet und schloss seine Augen. Doch immer noch kamen ihm keine gottesfürchtigen Worte in den Sinn. Wieder und wieder hörte er in Gedanken die Worte Bruder Anselms. Nun, wenn die Ungeheuerlichkeit, dass die Ordensbrüder in Paris verhaftet worden waren, stimmte, dann würde Friedrich gar nicht umhinkommen, sie darüber zu unterrichten. Also musste er sich in Geduld üben.
Seine Lippen begannen sich zu bewegen und auf einmal schienen die Worte des Vaterunsers wie von selbst lautlos aus seinem Mund zu kommen.
Das Läuten der Glocken nahm Rudger kaum wahr. Die anderen Bewohner des Templerhofes fanden sich nach und nach zum Frühgebet ein. Doch auch wenn sie sich wunderten, ihren Meister und den jungen Ritter bereits hier vorzufinden, wagte es keiner, eine Bemerkung darüber zu machen.
Wichmannsdorf
17. Oktober 1307
Das schabende Geräusch der hölzernen Löffel, die aus den Schalen auch das letzte Bisschen des eigentlich faden Gerstenbreis löffelten, war das einzige, was man an diesem Morgen im Refektorium des Ordenshofes hörte. Nicht, dass an den anderen Tagen das Reden der Ritter- und Priesterbrüder die Stille des Raumes durchbrochen hätte. Aber heute war es Rudger, als würden sich alle besonders intensiv ihrem schweigenden Morgenmahl widmen. Nicht einmal die Stimme des Bruders, der sonst aus der Heiligen Schrift vorzulesen geruhte, war zu hören. Suchend blickte sich Rudger um. Heute wäre eigentlich Bruder Laurentius dran gewesen, die Speisenden mit einem Text zu unterhalten. Doch war dieser nirgends zu sehen. Auch Friedrich von Alvensleben, der sonst meistens mit ihnen gemeinsam aß, fehlte. Rudger warf seinem Tischnachbarn, mit dem er sich die Schüssel teilte, einen fragenden Blick zu. Doch Endres zuckte nur ratlos mit den Schultern. Er konnte sich erst recht keinen Reim darauf machen, warum heute etwas von dem gewohnten Gang des Klosterlebens abwich. Ihnen gegenüber saßen Jorge und Valten. Doch schienen die beiden nichts von alldem hier mitzubekommen. Einträchtig löffelnd schoben sie sich einen Bissen nach dem anderen in den Mund. Wie verabredet mussten Rudger und Endres bei ihrem Anblick lächeln.
Die vier jungen Ritter waren seit Jahren miteinander befreundet. Rudger kannte Endres schon aus seiner Zeit, als er bei Heinrich von Frankenhausen seine Ausbildung zum Kämpfer erhielt. Später verkaufte Heinrich sein Land zu großen Teilen an den Templerorden und Rudger wurde nach Mücheln geschickt. Jorge und Valten hatten sie vor fünf Jahren in Aruad getroffen, als das Heer der Templer seine letzte Schlacht im Heiligen Land schlug.
Rudgers Gedanken schweiften ab in diese längst vergangene Zeit, als er als junger Ritter an der Seite seines Ordensmeisters nach Syrien gezogen war, um die letzte Bastion der Christenheit zu verteidigen. Er war damals gerade einmal neunzehn Jahre alt und hatte noch an keiner großen Schlacht teilgenommen. Es war ein schwarzer Tag für die Templer gewesen. Die angreifenden Mameluken hatten die Festung monatelang belagert und die Templer regelrecht ausgehungert. Mit Schaudern erinnerte sich Rudger daran, wie sie sich im Bergfried verschanzt hatten, verzweifelt auf die versprochene Hilfe durch die zypriotische Flotte hoffend, während der Hunger sich immer tiefer in seine Eingeweide fraß. Nur das Vorbild Friedrich von Alvenslebens und der eiserne Wille, den sein Meister an den Tag legte, bewahrten ihn damals vor der Aufgabe seiner selbst.
Durch das diplomatische Geschick Bruder Hugues de Dampierre erreichten sie schließlich die Gewähr freien Abzugs aus der Festung. Doch die heimtückischen Belagerer brachen ihr Wort. Als die Templer die Tore öffneten, wurden sie hinterrücks von den Mamaluken überfallen und in den sich anschließenden Gefechten mussten viele seiner Kameraden ihr Leben lassen. Wer nicht fiel, wurde gefangengenommen. Nur den wenigsten gelang die Flucht. Rudger und seine drei Freunde, die zusammen mit Friedrich und einigen deutschen Rittern zur Nachhut der ausrückenden Kämpfer gehört hatten, gelang es, sich den Weg freizukämpfen und unbemerkt von der Festung zu fliehen. Sie waren nur sieben Mann gewesen und auch ihr Eingreifen hätte eine Niederlage nicht mehr verhindern können. Im Hafen von Aruad nahm sie ein Genueser Kaufmann an Bord seines Schiffes. Er bedrängte sie nicht mit Fragen, woher sie kämen. Noch am selben Tag setzte er die Segel, und so gelangten sie unbeschadet nach Frankreich zurück. Von dort aus waren sie nach Wichmannsdorf aufgebrochen. Doch selbst an Friedrich waren die schrecklichen Erlebnisse vor Aruad nicht spurlos vorübergegangen. Als sie zwei Jahre später die Kunde erreichte, dass die letzten noch lebenden Gefangenen zu Tode gehungert worden waren, weil sie sich weigerten, den islamischen Glauben anzunehmen, hatte er sich tagelang in seinem Arbeitskabinett eingeschlossen. Rudger war überzeugt davon, dass ihn heute noch das schlechte Gewissen plagte, seine Brüder damals im Stich gelassen zu haben. Auch Rudger befiel jedes Mal große Traurigkeit, wenn er an Aruad dachte.
Rudger wandte sich wieder seinem faden Brei zu, den er mit dem dünnen, trüben Bier, das hier auf dem Hof gebraut wurde, herunterspülte. An der Tür zum Refektorium entstand Unruhe. Neben dem Ordensmeister standen, ungeduldig wartend, zwei Männer mittleren Alters. Der größere der beiden trug ein Kettenhemd. Seinen Helm hatte er lässig unter den Arm geklemmt. Der andere Mann war in den Habit eines Priesterbruders gewandet. Als Friedrichs Blick auf Rudger fiel, winke er ihm unauffällig. Mit einer Bewegung seines Kopfes zeigte er Rudger an, ihm in den Gang zu folgen. Der junge Ritter schaute kurz zu Endres. Doch dieser schien nichts bemerkt zu haben und löffelte in Gedanken versunken still seine Suppe. Ohne ein Wort zu verlieren, erhob sich Rudger und ging schnellen Schrittes in Richtung Tür.
Endres stutzte. „Rudger!“, rief er ihm laut flüsternd hinterher. Doch sofort bereute er seine voreilige Reaktion, denn jetzt waren die Blicke aller auf ihn gerichtet. Bei Tisch herrschte strengstes Redeverbot. Vorwurfsvoll schauten ihn die anderen Ordensbrüder an und er senkte beschämt den Kopf. Aus dem Augenwinkel heraus sah er noch, wie ihr Ordensmeister Rudger nach draußen zog, dann waren sie im Schatten des Ganges verschwunden. Doch in der Gewissheit, dass Rudger ihm später sowieso alles erzählen würde, grübelte er nicht weiter über das Gesehene nach. Er zog eine Augenbraue leicht nach oben und lächelte Valten und Jorge, die ihn fragend anschauten, entschuldigend zu. Er zuckte mit den Schultern und widmete sich wieder seinem Mahl. Insgeheim freute er sich schon auf den Abend, denn dann würde der Küchenmeister wieder ein deftiges Fleischgericht auftragen. Was jetzt im Herbst in der Jagdzeit auch üppiger als in anderen Jahreszeiten ausfiel. Soviel er wusste, hatte Friedrich erst in der letzten Woche einen großen Rehbock erlegt, der nun inzwischen genug abgehangen sein dürfte. Endres lief das Wasser im Mund zusammen, und für einen Moment glitt ein Ausdruck der Glückseligkeit über seine Züge.
Die Speise der Ordensleute, ganz gleich, ob Ritter- oder Priesterbruder unterlag strengen Regeln. Sonntags, dienstags und donnerstags gab es zum Abend immer Fleisch und Gemüse, während montags, mittwochs und samstags nur Käse und Eierspeisen aufgetischt wurden. Freitags war Fastentag, an dem Fisch gegessen wurde. Endres war zufrieden mit dem Essen. Am Abend erhielten sie dann auch einen Nachtisch in Form von Kuchen oder einer anderen süßen Leckerei. Auch wenn es am Morgen immer eine Gersten- oder Hafersuppe gab, zum Nachtmahl konnten sie alle tüchtig zulangen. Das war auch wichtig, denn sie trainierten den ganzen Tag hart mit ihren Waffen, um für ihre Einsätze im Kampf gerüstet zu sein. Die Priesterbrüder bewirtschafteten den Hof und ihr Tagwerk stand dem der Ritter in nichts nach, dafür sorgte ihr Ordensmeister. Und so kam es, dass sie immer alle gemeinsam ihre Mahlzeiten einnahmen.
Friedrich von Alvensleben schritt zügig auf den Treppenaufgang zu und bedeutete den anderen wortlos, ihm zu folgen. Das flackernde Licht einzelner Fackeln, welche in den Halterungen an den Wänden steckten, spendete wenig Helligkeit. Die große Halle, von der eine Treppe nach oben zu den Schlafsälen der Ritter und Priesterbrüder führte, blieb weitestgehend im Dunkeln. Rudgers Herz begann zu klopfen. Jetzt endlich würde er erfahren, was an den Worten Anselms wirklich dran war. Vielleicht hatte auch die Fantasie dem jungen Mönch einen Streich gespielt. Rudger wusste, dass Anselm gern seine Nase in alte Schriften steckte, in denen antike Sagen und Mythen standen. Oft erzählte er seinem Freund dann von diesen Fabelgestalten und seine Begeisterung kannte keine Grenzen.
Doch als der Ordensmeister die Tür zu seiner Kammer öffnete und sie mit einem besorgten Blick in den Gang zurück sorgfältig hinter sich schloss, wusste Rudger, dass etwas Bedeutendes in der Luft lag.
Friedrich wies seinen beiden Gästen jeweils einen der hohen Lehnstühle zu, die sich um einen schweren, mit Papieren beladenen Eichentisch in der Mitte des Raumes reihten. Als er den jungen Ritter nicht auch zum Setzen aufforderte, stellte dieser sich direkt neben den Tisch.
„Rudger“, begann sein Meister ohne Umschweife. „Dies hier sind der edle Ritter Guy de Saint Nivelle und Bruder Hippolit aus unserer Ordensgemeinde in Paris.“ Er zögerte einen kurzen Moment. „Ich glaube, du ahnst bereits, was das zu bedeuten hat.“ Rudger nickte stumm.
„Das Gerücht, was dir Bruder Anselm zugetragen hat, stimmt also. Der französische König hat im Namen des Papstes - letzterer wohl auch nur auf die Erpressung durch Philipp hin - alle unsere Brüder in Paris und den umliegenden Gemeinden gefangen nehmen lassen. Ihnen wird Verrat am Christentum, Gotteslästerung, Blasphemie und, was wohl am Schlimmsten ist, Sodomie und Götzendienst vorgeworfen. Wir sollen angeblich Baphomet huldigen. Wie lächerlich“, schnaubte er voller Verachtung. Dann fuhr er fort: „Inzwischen dürften auch auf den anderen Ordenshöfen in ganz Frankreich unsere Brüder verhaftet worden sein. Es war eine geplante Nacht- und Nebelaktion und es gelang den wenigsten, zu fliehen.“ Er schaute zu Guy.
„Du vertraust dem jungen Bruder, Francois?“, fragte der Ordensritter mit einem starken französischen Akzent. „Wir brauchen jemandem, auf den einhundert Prozent Verlass ist, wenn wir die Brüder im deutschen Reich warnen wollen. Nach Osten hin, gibt es zum Glück nicht viele Ordenshöfe, und der böhmische König steht auf unserer Seite.“
„Woher wollt Ihr das wissen?“, entfuhr es Rudger ungefragt. Trotzig reckte er das Kinn. Wenn sie ihn schon in die Sache hineinzogen, so wollte er auch alles ganz genau erfahren. Und was seine Herkunft anbelangte, so stand er den anderen als Sohn eines reichsunmittelbaren Adligen wohl in nichts nach.
Irritiert blickte Guy erst zu ihm, dann mit einem fragenden Ausdruck auf dem Gesicht zu Friedrich. Doch bevor er ungehalten reagieren konnte, kam ihm der Ordensmeister zuvor.
„Nun, was das anbelangt, so glaube ich, der böhmische Herrscher hat in der Vergangenheit oft genug bewiesen, dass er weder mit Philipp noch mit dem deutschen König viel gemein hat. Schon aus der Tatsache heraus, ihnen eins auswischen zu können, wird er sich auf die Seite der Templer stellen.“ Friedrich grinste. „Und was deine Frage anbelangt, mein lieber Guy, Bruder Rudger ist der geeignete Mann, dem wir diese Mission anvertrauen können. Ihr wisst, in Aruad hatte er großen Anteil daran, dass wir fliehen konnten. Auch wenn es uns nicht gelungen ist, rechtzeitig Hilfe holen zu können.“ Friedrich verstummte einen Moment. „Nun, wie auch immer. Ich vertraue Rudger und ich werde ihn mit einigen Männern, die er selbst auswählen wird, auf die Ordenshöfe der Marken Brandenburg und Meißen schicken. Die Kunde von der Vernichtung unseres Ordens muss so schnell als möglich im ganzen Land publik werden. Dem französischen König darf es nicht gelingen, mit Hilfe des Papstes all unsere Brüder gefangen zu nehmen. Unser über Jahrhunderte errichtetes Werk darf nicht zerstört werden.“
„Glaubst du wirklich, einem so jungen Mann wird es gelingen, unseren Orden zu retten, Bruder Friedrich?“, fragte nun auch der Mönch mit spöttischer Stimme. Er warf Rudger einen geringschätzigen Blick zu. „Und außerdem, wie können wir auf ihn bauen, nachdem er in Aruad Fersengeld gegeben hat. Sonst stünde er wohl nicht hier, oder?“ Ein süffisantes Lächeln umspielte die fleischigen Lippen Hippolits.
„Es reicht“, herrschte ihn Guy mit scharfer Stimme an. „Du vergisst dich, Bruder Hippolit. Oder willst du dem edlen Ordensmeister etwa auch Feigheit vorwerfen? Wie du gerade gehört haben dürftest, ist es auch ihm nur mit Müh und Not gelungen, das Schlachtfeld lebend zu verlassen. Wenn er den jungen Bruder hier als für geeignet erachtet, diese Mission zu erfüllen, dann vertraue ich auf sein Urteil.“ Er wandte sich an Friedrich. „Nun, du weißt, was zu tun ist, Bruder. Das weitere Schicksal des Ordens im Reich liegt in deiner Hand. Möge Gott auf deiner Seite sein. Bruder Hippolit und ich werden weiter nach England reisen, und versuchen, den jungen König Edward davon zu überzeugen, nichts gegen die Templer zu unternehmen. Immerhin ist er mit der Tochter Philipps verlobt. Auch steht er in Opposition zu den Schotten. Der schottische König hat sich in den letzten Monaten, als die Anschuldigungen gegen unseren Orden laut wurden, immer auf unsere Seite gestellt. Selbst aus seiner Familie gibt es Kämpfer in unseren Reihen.“
„Erlaubt mir eine letzte Frage, Bruder Guy“, wagte Rudger noch einmal das Wort zu ergreifen. „Verzeiht mir meine Unwissenheit. Aber wie war es überhaupt möglich, dass der Orden in ganz Frankreich innerhalb nur weniger Stunden aufgerieben werden konnte? Obwohl es, wie ihr gerade selbst gesagt habt, immer wieder Gerüchte darüber gab, der Papst würde im Einklang mit Philipp gegen die Templer vorgehen? Wieso habt Ihr die Anzeichen ignoriert? Warum hat unser Großmeister die Brüder nicht gewarnt oder sich entsprechende Verbündete gesucht? Das begreife ich nicht.“
Fast hatte es den Anschein, als würde Guy de Saint Neville nicht antworten. Doch dann blickte er Rudger traurig an. „Diese Frage, mein Sohn, kann ich dir auch nicht beantworten.“
Mit einem Ruck wandte er sich wieder Friedrich zu. „Es ist alles gesagt, Bruder. Wir sehen uns, und wenn es im Himmel oder auch in der Hölle ist.“ Mit einem Nicken stand er auf und wandte sich zur Tür. Er schickte sich an, hinauszugehen. Dabei streifte sein Blick Bruder Hippolit, welcher sich daraufhin umständlich von seinem Stuhl erhob. „Gott sei mit Euch, Bruder Friedrich“, beeilte der Mönch sich, zu sagen. Rudger vollkommen ignorierend, folgte er dem Ritter.
Die eintretende Stille war schier erdrückend. Rudger wagte nicht, als erster die Stimme zu ergreifen. Friedrich blickte auf einen imaginären Punkt vor sich. Das Schweigen zog sich einige Minuten hin. Dann ging ein Ruck durch den Ordensmeister. Er holte tief Luft. „Geh mein Sohn. Du musst unverzüglich aufbrechen. Zuerst reite nach Mücheln. Du bist lange Zeit dort gewesen. Unser Meister Gero muss gewarnt werden. Er wird wissen, was zu tun ist und wohin er dich als nächstes schickt. Er kennt sich Richtung der Ostmarken am besten aus. Du nimmst dir ein paar Männer mit, denen du vertraust. Ich schätze, ich weiß auch, wen du auswählen wirst.“ Er lächelte Rudger an. Vor dessen geistigem Auge erschienen sofort sie Gesichter vor Endres, Jorge und Valten. Er grinste zurück. Dann wurden beide schnell wieder ernst.
„Ich schreibe in der Zwischenzeit ein paar Briefe, sowohl um dir sicheres Geleit zu garantieren als auch einen für Bruder Gero. Im Meißner Land dürfte deine Familie noch recht sicher sein. Da musst du dir keine Sorgen machen. Der Markgraf ist ein Freund der Templer. Auch steht er mit dem König auf Kriegsfuß und streitet sich mit diesem um sein Erbe in der Mark. Doch trotzdem ist Vorsicht geboten, denn der Papst hat seine Verbündeten überall. Und der König wird demjenigen nachgeben, der seine Macht am wenigsten bedroht. Friedrich, als ein Enkel des letzten großen Staufers, gehört leider nicht zu den bevorzugten Freunden seiner Majestät. Also mach dich bereit, mein Sohn. In einer Stunde erwarte ich euch im Hof. Ich werde dafür sorgen, dass ihr Pferde und Proviant erhaltet. Außerdem müsst ihr noch ein paar Pferde aus den Stallungen mitnehmen. Ich will nicht, dass diese edlen Rösser in die Hände unserer Feinde fallen.“
Damit war Rudger entlassen. Schnell deutete er eine Verbeugung vor Friedrich an. Doch der hielt ihn unvermittelt am Ärmel fest und sah ihn mit durchdringendem Blick an. „Rudger, es soll noch keiner weiter von den Vorgängen in Frankreich erfahren. Nur deine Männer dürfen eingeweiht werden. Ich möchte nicht, dass es zu Unruhen in unseren Reihen kommt. Ich werde erst einmal abwarten, wie sich der Erzbischof in Magdeburg in dieser Sache verhält, bevor ich die Brüder in Angst und Schrecken versetze. Doch Bruder Gero muss gewarnt werden. Unter Umständen bin ich vielleicht später nicht mehr in Lage dazu, alles Nötige zu unserer Rettung zu veranlassen.“
„Davor bewahre uns Gott“, brachte Rudger mit heiserer Stimme hervor. Dann eilte er aus der Kammer, in der Hoffnung, seine Freunde noch beim Morgenmahl zu finden.
Wichmannsdorf
17. Oktober 1307
Endres, Jorge und Valten saßen in der Tat noch im Refektorium. Die meisten der Brüder waren bereits hinausgegangen, um ihr Tagwerk zu beginnen. Die Kerzen auf den Tischen spendeten nur ein dusteres Licht. Noch hatte die Morgendämmerung nicht alle Winkel des niedrigen Speisesaals erreicht. Doch die drei jungen Männer wollten unbedingt auf die Rückkehr ihres Freundes warten. Da heute eh alles anders zu sein schien, wagten sie dann auch, ihn laut anzusprechen. Den bösen Blick der zwei Priesterbrüder, die sich anschickten, die Tische abzuräumen, ignorierten sie. Schließlich war das Morgenmahl vorbei.
„Was wollte Friedrich von dir?“, fragte Valten ungeduldig. Lässig lehnte er mit dem Rücken an einer der steinernen Säulen, die das niedrige Gewölbe des Refektoriums stützten und zwischen denen die Tische und Bänke aufgereiht waren. Sein dichtes braunes Haar stand in alle Richtungen. Obwohl er es nach dem Aufstehen mit Wasser geglättet hatte, war es zu widerspenstig, um sich bändigen zu lassen. Er trug es kurz, wie alle Ordensritter. Doch im Gegensatz zu den Priesterbrüdern mussten sie sich keine Tonsur rasieren. Sein wilder Haarschopf und seine leuchtenden dunkelblauen Augen verliehen ihm ein verwegenes Aussehen, das seinem stürmischen Charakter entsprach.
Auch Endres und Jorge schauten Rudger mit gespanntem Gesichtsausdruck an. Sie konnten unterschiedlicher nicht sein. Endres dunkle Locken schimmerten fast schwarz. Seine feinen Gesichtszüge hätte man weich nennen können, wäre da nicht sein energisches Kinn gewesen, das er jetzt trotzig nach vorne schob. Er war genau so groß gewachsen wie fast alle seiner Brüder, denn sie waren die Elite der Ritter und mussten ganz besondere körperliche und charakterliche Eigenschaften besitzen. Der schon fast hypnotisierende Blick aus seinen dunklen Augen, ließ manchen seiner Gegner auf dem Schlachtfeld ein kurzes Gebet gen Himmel senden, bevor sie sich ihrem Schicksal stellten. Er war ein knappes Jahr jünger als Rudger, aber ließen ihn die Erfahrungen etlicher Kämpfe älter erscheinen. Auch Jorge konnte sich in der Runde der jungen Männer sehen lassen. Er war blond, doch hatte er das Haar ganz kurz geschoren. Der Blick aus seinen hellblauen Augen war offen und herzlich und offenbarte seinen aufrechten Charakter. Seine hohen Wangenknochen verliehen seinem Gesicht einen stolzen Ausdruck und ließen auf seine edle Herkunft schließen. Allerdings war er nur ein nachgeborener Sohn und sein älterer Bruder der Erbe des beträchtlichen Landgutes im Emsland. Sein Vater war ein Lehnsmann des Fürstbischofs von Münster, und es war ihm gelungen, durch seine Beziehungen zum Bischofshof seinen Sohn in einem Ordenshof der Templer unterzubringen. Jorge war der Stolz seiner Familie, auch wenn er nicht der Erbe war. Doch dem jungen Ritter war das eher gleich. Für ihn gab es nur den Orden, dem er sich verpflichtet hatte, alle weltlichen Dinge schloss er aus seinem Leben aus.
Rudger hob beschwichtigend die Hände. „Ruhig Freunde“, warnte er sie mit verhaltener Stimme. Er sah sich im Raum um. Die zwei Ordensbrüder trugen gerade das benutzte Geschirr hinaus. Hinter ihnen schloss sich die Tür, dann zog Ruhe ein.
„Ich glaube“, begann er, „ihr habt es bereits gemerkt. Aber der heutige Morgen ist alles andere als normal verlaufen. Mich wundert es, dass niemand offen gefragt hat, was los ist.“
„Haben wir ja auch nicht“, meinte Endres grinsend. Doch Rudger schaute ihn ernst an.
„Und was ist los?“, fragte der Ritter, durch die betroffene Miene des anderen stutzig geworden. Doch bevor sein Freund zu einer Antwort ansetzen konnte, wurde die Tür leise geöffnet und der Kopf Bruder Anselms erschien.
„Hast du nichts zu tun?“, herrschte ihn Valten an.
Rudger, der sich herumgedreht hatte, gebot Valten mit einer Geste seiner Hand Einhalt.
„Nein, Anselm. Komm rein. Du sollst hören, was ich erfahren habe. Anselm war der erste, der mir heute am frühen Morgen eine ungeheuerliche Neuigkeit zugetragen hat“, wandte er sich an seine Freunde. „Erst wollte ich ihm nicht glauben. Aber vorhin war ich bei unserem Meister. Und was ich da gehört habe, das ahnt ihr nicht einmal.“
Anselm setzte sich zu ihnen und sah Rudger gespannt an.
„Nun mach schon, lass uns nicht solange schmoren. Was gibt es so furchtbar Geheimnisvolles, dass ihr zwei euch ständig verstohlen umschaut, aus Angst, es könnte einer zuhören?“ Jorge wurde wie die anderen langsam ungeduldig. Die Geheimniskrämerei seines Freundes mutete ihm etwas seltsam an.
„König Philipp hat im Namen des Papstes alle Templer in Paris und ganz Frankreich zur gleichen Zeit verhaften und einsperren lassen“, platzte Rudger heraus. Aber anstatt ihn sofort mit Fragen zu löchern, starrten die anderen ihn entsetzt an.
„Du machst Witze“, fand Endres endlich seine Stimme wieder. Doch ein Blick in die Gesichter von Rudger und Anselm belehrten ihn eines Besseren. „Erzähle“, meinte er nur kurz und die anderen nickten.
In knappen Worten schilderte Rudger, was er am frühen Morgen von Friedrich von Alvensleben und seinen beiden Besuchern erfahren hatte. „Ich möchte, dass ihr mit mir kommt“, schloss er seinen Bericht. „Auch du, Bruder Anselm. Hier ist niemand mehr sicher.“
Anselm hob abwehrend die Hände. „Oh nein, Rudger. Ich bleibe hier. Ich kann hier nicht einfach fort. Immerhin stehe ich dem Wirtschaftshof der Komturei vor. Und selbst wenn es gefährlich ist. Wie könnte ich meine Brüder hier im Stich lassen, nur um mich selbst in Sicherheit zu bringen.“
„Willst du damit sagen, dass wir die anderen im Stich lassen?“, fragte Valten ungehalten und funkelte den Mönch böse an. Er hatte schon immer ein Problem mit dem Priesterbruder gehabt. Ganz in seinem Innern nagte ein Gefühl der Eifersucht.
„Nein, will er nicht“, fuhr ihn Rudger an. „Ich verstehe dich ja“, wandte er sich wieder Anselm zu. „Aber ich könnte dich gut gebrauchen auf unserer Mission. Du kannst wesentlich besser lesen und schreiben als wir alle, von unserem Latein gar nicht erst zu sprechen.“ Er lächelte kurz.
„Ach, ich schätze, darin seid ihr ebenso gut wie ich“, schmeichelte ihnen Anselm. „Doch ich bin kein Kämpfer, Rudger. Ich würde euch nur behindern. Ohne mich seid ihr wesentlich besser dran. Und wer weiß, wenn Gott will, sehen wir uns alle bald wieder.“
„Nun gut, aber ich versuche, mit dir in Kontakt zu bleiben, Anselm.“
„Ich schätze, eure Mission wird keine Zeit dazu lassen. Aber ich werde für euch beten, dass ihr heil und gesund bleibt. Möge Gott unseren Brüdern in Frankreich beistehen. Und euch.“ Anselm erhob sich. In seinen Augen schimmerten Tränen. Kurz legte er seine Hand auf Rudgers Schulter, dann drehte er sich wortlos um, und verschwand genauso leise durch die Tür, wie er hereingekommen war.
„Gott sei auch mit dir, Bruder“, sagte Jorge leise. Doch Anselm hörte es bereits nicht mehr.
Immer noch mit Bestürzung in ihren Mienen schauten sich die Freunde an.
„Und nun?“, fragte Endres.
„Friedrich erwartet uns in einer halben Stunde im Hof. Also packt schnell euer Zeug und eure Waffen zusammen und dann kommt raus. Proviant besorgt uns Friedrich.“
„Da gibt es nicht viel zusammenzupacken“, meinte Valten trocken.
„Vielleicht willst du ja noch mal in die Kirche gehen, um zu beten. So kriegst du die halbe Stunde auch rum“, meinte Jorge zynisch.
„Ich weiß, was du meinst“, antwortete Valten, auf den Spott des anderen nicht eingehend, mit Unmut in der Stimme. „Wie kann Gott zulassen, dass unseren Brüdern solch Unrecht widerfährt? Haben wir IHM nicht immer nach bestem Wissen und Gewissen gedient?“
„Vielleicht nicht alle“, konterte Jorge trocken.
„Brüder, für derlei Disput haben wir jetzt keine Zeit“, ermahnte Rudger die beiden. „Also bis gleich.“ Er erhob sich und rannte förmlich aus dem Refektorium. Bevor er sich zu den anderen im Hof gesellte, musste er unbedingt noch einmal einen Versuch starten und kurz mit Bruder Anselm sprechen. Niemals würde er den Freund freiwillig seinem Schicksal überlassen.
Mücheln
20. Oktober 1307
Die letzten schrägen Strahlen der Abendsonne bahnten sich ihren Weg in das kleine Gotteshaus, das direkt in der Mitte des Templerhofes in Mücheln stand. Rudger kniete vor dem Altar mit der Mutter Gottes. Doch war es nicht das Gebet, was er suchte, sondern eher die Stille und Einsamkeit, um seine wirren Gedanken ordnen zu können.
Ein verirrter Strahl verfing sich in seinen Haaren, die er schon seit einiger Zeit nicht mehr geschnitten hatte. Das Licht ließ seine dunkelblonden Locken bronzen schimmern. Unter seiner Tunika zeichneten sich seine kräftigen Schultern deutlich ab und das Spiel seiner angespannten Muskeln zeugte vom täglichen Umgang mit den Waffen.
Fast drei Tage waren sie ununterbrochen im Sattel gewesen, immer gegenwärtig, von den Häschern des Magdeburger Erzbischofs aufgehalten zu werden. Doch ihre Reise nach Mücheln war ohne Zwischenfälle verlaufen. Am frühen Morgen hatten sie unter Umwegen das Ordenshaus erreicht. Das Tor war fest verschlossen gewesen und es dauerte eine ganze Weile, bis der Bruder Schließer auf ihr lautes Klopfen hin eine kleine Tür einen Spalt weit öffnete.
Vollkommen erschöpft ließen sich die Männer aus dem Sattel gleiten, Rudger strauchelte leicht. Die Müdigkeit drohte ihn zu überwältigen. Seit vier Nächten hatte er fast nicht geschlafen.
Der alte Ordensbruder erkannte den jungen Ritter sofort. Bereits nach wenigen Minuten war Gero im Hof erschienen. Erstaunen zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Mit knappen Worten hatten ihm die jungen Templer von den Geschehnissen in Frankreich berichtet. Bestürzt bat Gero sie in seine Kammer, wo sie ihm dann nochmals in allen Einzelheiten Rede und Antwort stehen mussten, soweit sie überhaupt dazu in der Lage waren.
Später hatten sie sich einige Stunden im Schlafsaal der Ritter niedergelegt. Doch schon bald erwachte Rudger wieder aus einem unruhigen Schlaf. Er hatte seinen Mantel übergeworfen und sich in die Kapelle geschlichen.
Leise Schritte erklangen hinter ihm. Rudger wandte den Kopf nach hinten. Als er Gero auf sich zukommen sah, erhob er sich. Der alte Bruder lächelte ihn wohlwollend an. Seine ergrauten Haare waren immer noch erstaunlich dicht, auch wenn er sie sehr kurz geschnitten trug. Hochgewachsen und hager war er nur wenige Zentimeter kleiner als sein jüngerer Ordensgefährte. Um seinen Mund und seine Augen zeichneten sich sichtbare Falten ab, die von einem entbehrungsreichen Leben kündeten. Trotz seiner scharf geschnittenen Züge strahlte sein Gesicht eine ruhige Würde aus und sein offener, freundlicher Blick brachte ihm die Sympathien der meisten seiner Mitbrüder ein.
„Es ist wahrlich schreckliche Kunde, die ihr uns gebracht habt, mein junger Bruder. Doch längst habe ich dieses Schicksal für unseren Orden kommen sehen.“
„Wie das, Meister?“, fragte Rudger. „Nichts deutete darauf hin, dass der Orden sobald angegriffen würde. Auch wenn es schon lange Gerüchte gab, der König von Frankreich würde immer wieder Versuche starten, sich am Vermögen der Templer zu bereichern. So wurde er dennoch bis jetzt in seine Schranken gewiesen.“
„Es war nur eine Frage der Zeit. Der Orden war für Philipp das Goldene Kalb, das er schlachten wollte. Er braucht dringend Geld, so verschuldet, wie er ist.“
„Aber der Papst sprach den Orden von allen Anschuldigungen frei, die gegen ihn im Umlauf waren. Warum dann also, Bruder Gero? Und wieso so schnell und unerwartet? Warum bricht Clemens sein Wort?“
„Der Papst! Das ich nicht lache.“ Gero ließ ein verächtliches Schnauben vernehmen. „Dieser Möchtegernvater der Christenheit sitzt verängstigt in Avignon, wo ihn Philipp stets unter Kontrolle hat. Er ist vollkommen abhängig von dem Franzosen. Niemals würde er eine Entscheidung gegen die Interessen der französischen Krone treffen. Alles nur Gerede.“ Gero redete sich regelrecht in Rage. „Wir waren ihm schon längst ein Dorn im Auge. Zu reich, zu mächtig. Wir drohten, seiner Macht zu entgleiten. Und das, mein lieber Rudger, durfte nicht sein. Niemals darf es in der Kirche Mächtigere geben als den Papst. Doch der Papst sitzt nicht mehr in Rom, sondern hockt wie ein verschrecktes, altes Weib in Avignon, unter dem Schutz eines weltlichen Herrschers. Und glaube mir, mein Sohn, es ging nie um den Glauben oder das Wohl der Christenheit. Es ging immer nur um Geld und Macht.“ Gero sackte erschöpft in sich zusammen, als hätte die lange Rede ihn angestrengt.
Ächzend ließ er sich auf einer der Kirchenbänke nieder, die am Rande der Kapelle standen. Ohne seine Aufforderung abzuwarten, gesellte sich Rudger zu ihm.
„Nun, Bruder Rudger“, begann Gero nach einer Weile. „Wir müssen besprechen, wie wir die Ordenshöfe hier im Osten des Landes warnen können. Heinrich von Anhalt ist ein alter, kranker Mann. Als Erzbischof von Magdeburg ist er seit jeher sehr papsttreu eingestellt, fürchtet um seine Exkommunikation, wenn er sich zum Papst zu sehr in Opposition begibt. Und ich glaube, er wird lieber der Templerverfolgung stattgeben, als Papst Clemens zu widersprechen.“
„Und wie sieht es mit den Bischöfen von Halberstadt und Meißen aus?“, fragte Rudger.
„Albrecht von Anhalt, der in Halberstadt das geistliche Amt innehat, ist aus ganz anderem Holz geschnitzt als sein Verwandter in Magdeburg“, antwortete Gero. „Die Linien des Hauses der Anhaltiner bekriegen sich bis auf Blut. Hinzu kommt noch, dass die Bischöfe von Halberstadt schon immer in Opposition zu ihrem Erzbischof standen. Ich denke, Albrecht wird uns unterstützen“, meinte er voller Hoffnung. „Ich werde ihm schreiben, vielleicht gelingt es mir, ihn auf unsere Seite zu ziehen. Wir brauchen einen Kirchenfürsten, der uns hier im Reich den Rücken freihält.“
„Doch sein Amtsbruder in Meißen wird nicht so leicht zu haben sein?“, mutmaßte Rudger und Bitterkeit schwang in seiner Stimme mit. „Bischof Albrecht hat sich nie sonderlich gut mit dem Markgrafen vertragen. Und jetzt, wo Friedrich nicht nur Markgraf von Meißen, sondern auch Landgraf von Thüringen ist und weit weg auf der Wartburg residiert, glaubt der Kirchenfürst auf dem Meißner Burgberg, freies Spiel zu haben. Es sitzt ihm ja keiner mehr direkt vor der Nase, um ihm Paroli zu bieten. Das war unter dem Großvater Friedrichs, als die Markgrafen noch in Meißen wohnten, entschieden anders.“
„Und das macht mir Sorge, mein lieber Bruder. Soviel mir bekannt ist, hält deine Familie im Pleißenland ein Waldenburger Lehen.“
„Glaubt Ihr, es könnte sich zum Nachteil für meine Familie erweisen, weil ich dem Templerorden angehöre?“, fragte Rudger erschrocken.
„Du weißt, große Teile des Pleißenlandes gehörten zur Morgengabe der Mutter unseres Landesherrn Friedrich. Nun ist seine Mutter aber auch gleichzeitig die Tochter Kaiser Friedrichs, Gott habe ihn selig. Damit ist das Pleißenland in den Besitz der Markgrafen übergegangen. Und deshalb ist nun deine Familie dem Meißner Bischof zinspflichtig, dem geistigen Oberhirten der Mark. Auch wenn Markgraf Friedrich ein Freund der Templer ist, so ist es Bischof Albrecht noch lange nicht. Also sei auf der Hut, Rudger. Ungern würde ich von deiner Gefangennahme hören.“
Rudger dachte einen Moment nach. „Um mich macht Euch keine Sorgen, Meister. Es gehört schon mehr als ein Meißner Bischof dazu, einen Ritter der Templer festzusetzen“ meinte er mit einem etwas unsicheren Lächeln. „Doch wichtiger ist es jetzt erst einmal, unsere Ordensbrüder in den Marken zu warnen.“
„Darüber habe ich mich schon mit einigen der älteren Brüder beraten“, antwortete Gero. „Wir sind zwar nicht viele hier in Mücheln, doch werden vier unserer Ritter mit Briefen und der Nachricht von der Zerschlagung des Ordens in Paris losziehen. Auch die Familien der Ritter, die unserem Orden angehören, müssen unterrichtet werden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass man auch sie bedrängt.“
„Warum können diese Aufgabe nicht meine drei Freunde und ich übernehmen, wie es Friedrich von Alvensleben vorgeschlagen hat?“, fragte Rudger leicht verärgert. Er hatte wahrlich keine Lust, hier in Mücheln zu versauern. Wahrscheinlich würde man sie hier einfach vergessen. Unmut breitete sich in ihm aus.
„Ganz einfach, weil ihr als erfahrene Kämpfer hier die Stellung halten müsst. Weiter oben, in Richtung des Dunkelwaldes in der Mark Meißen, gibt es keinen Stützpunkt unseres Ordens. Der Weg aus den westlichen Teilen des Reiches nach Böhmen geht hier vorbei. Es könnte gut sein, dass Brüder, die aus Frankreich fliehen konnten, hierherkommen, um dann weiter ins slawische Gebiet zu gelangen. Der böhmische König Rudolf ist zwar aus dem Geschlecht der Habsburger. Doch diese stehen bekanntlich mit dem deutschen König Albrecht auf Kriegsfuß. Er wird unsere Ordensbrüder nicht abweisen.“
„Ja, ich weiß“, warf Rudger dazwischen. „Das ist alles ziemlich verworren. König Albrecht wollte lieber seinen Sohn auf dem böhmischen Thron sehen, als den Habsburger Rudolf.“
„All das spielt natürlich eine Rolle, wenn es um das Überleben unserer Ordensbrüder geht“, ergänzte Gero.
Schweren Herzens musste Rudger dem Komtur recht geben. Doch würde es nicht einfach werden, seine Brüder davon zu überzeugen, die sich im Geiste schon Kämpfe mit den Feinden der Templer ausfechten sahen. Niedergeschlagen ließ er den Kopf hängen.
„Friedrich von Alvensleben hat mich in einem Brief gebeten, euch aus genau diesem Grund hier in Mücheln zu lassen“, erklärte Gero. „Ich selbst werde auch hierbleiben. Es ist wichtig, dass unser Stützpunk gut besetzt ist. Vielleicht gelingt es uns, den einen oder anderen der Fürsten zu unserem Schutz zu gewinnen. Unter Umständen müsst ihr auch einige unserer geflohenen Brüder sicher nach Böhmen geleiten“ versuchte er Rudger zu trösten. „Wir werden sehen.“
Rudger nickte resigniert. Gegen den Großmeister hatte er keine Chance. Und Komtur Gero würde sich dessen Befehlen niemals widersetzen. Langsam erhob er sich.
„Willst du mit mir beten, mein Bruder?“, fragte Gero freundlich. Doch Rudger stand jetzt nicht der Sinn nach einem Gebet. Er war viel zu unruhig. Er musste auch noch mit seinen Freunden sprechen, eine Aufgabe, die ihm nicht wenig zusetzte, denn sie wären alles andere als begeistert darüber, hier in Mücheln bleiben zu müssen. Nun hieß es einfach abwarten, wie die Dinge sich entwickeln würden. Doch darauf hatten sie wahrlich wenig Einfluss.
Mücheln
Juli 1308
Das Donnern von schweren Hieben gegen das Tor des Ordenshofes riss Rudger aus einem unruhigen Schlaf. Benommen setzte er sich auf und lauschte. Wieder schlug jemand mit voller Gewalt gegen die Pforte. Draußen auf dem Gang hörte er Schritte. Noch bevor er sich von seinem Lager erhoben hatte, wurde die Tür aufgerissen, und Gero erschien mit vor Bestürzung verzerrter Miene im Schlafraum der Ritter.
„Schnell, steht auf!“, rief er voller Verzweiflung. „Wir werden angegriffen!“
Durch den Lärm geweckt, schreckten jetzt auch die anderen Männer von ihren Schlafplätzen hoch. Fragend schauten sie den Komtur an, bis erneutes Getöse vom Torhaus zu ihnen drang. Die Ritter sprangen in Windeseile von ihrem Lager und fuhren in ihre Stiefel. Dann schnappten sie sich ihre Schwerter, die ohnehin neben ihrer Lagerstatt lagen und versammelten sich um Gero.
„Lasst uns zum Tor eilen. Wir müssen es sichern. Ich glaube, es sind die Waffenknechte des Erzbischofs von Magdeburg.“
„Woher wollt Ihr das wissen?“, fragte Rudger. „Immerhin hat der Papst angeordnet, zunächst nicht mit Waffengewalt gegen die Templerniederlassungen vorzugehen.“
„Rudger, sei nicht naiv“, fuhr ihn Gero ungeduldig an. „Was glaubst du, interessiert es den Klerus, was diese Marionette von einem Papst anordnet? Der verkriecht sich hinter Philipp und hofft, dass der Kelch an ihm vorüber geht. Und wenn die geistlichen Herren fette Pfründe wittern, sind sie alle gleich.“
„Gehören wir nicht dem gleichen Klerus an?“, gelang es Rudger noch voller Ironie zu fragen, bevor sie am Torhaus anlangten. Gero warf ihm nur einen genervten Blick zu, dann schwang er sein Schwert und rannte Richtung Tor, dessen hölzerne Flügel bereits unter den schweren Hieben erzitterten.
„Lange können wir es nicht mehr halten“, rief ihnen Bruder Martin, der Torwächter, entgegen.
„Wir müssen Gero von hier fortbringen“, flüsterte Endres Rudger zu. „Er darf nicht in die Hände des Erzbischofs fallen.“ Rudger nickte. Mit kurzen Blicken verständigte er sich mit seinen drei Freunden. Dann umzingelten sie Gero von Mücheln und wollten ihn in Richtung des hinteren Hofes drängen.
„Was zum Teufel macht ihr?“, fragte der Ritter ungehalten. „Wir müssen das Torhaus verteidigen!“
„Nein“, meinte Valten knapp. „Wir haben die Aufgabe, Euch vor den Häschern des Papstes zu retten.“
„Verdammt. Ich lasse mich von euch nicht wie einen unreifen Jungen behandeln. Wenn ihr der Meinung seid, dass wir dem Papst Paroli bieten, dann lasst uns kämpfen. Oder wollt ihr eure Brüder hier im Stich lassen?“ Wütend starrte er seine jungen Ritter an.
Immer wieder hatte sie in den vergangenen Monaten die Kunde von Verhaftungen der Templer in den Ordenshöfen im Rheinland und anderen Teilen des Reiches erreicht. Die Erzbischöfe von Mainz und Köln gingen dabei zwar, im Gegensatz zu ihrem Magdeburger Amtskollegen, nur sehr zögerlich vor, dennoch vermieden sie es, sich dem Papst zu widersetzen. Was aus ihren Ordensbrüdern in diesen Gebieten geworden war, wusste Rudger allerdings nicht. Sie hatten gehört, dass ihre Besitzungen einbehalten worden waren, mehr noch, sogar ihre Familien wurden ihres Besitzes beraubt. In welchem Ausmaß es jedoch zu solchen Übergriffen gekommen war, konnte ihnen hier in Mücheln niemand genau sagen. Aber die Lage wurde immer ernster, denn der Erzbischof von Magdeburg, unter dessen Einflussbereich sie hier standen, ging mit harter Hand gegen die Templer und ihre Familien vor. Doch dass sie so schnell vor den Toren Müchelns stehen würden, hatte keiner geahnt.
Bei Rudgers Weggang aus Wichmannsdorf hatte Friedrich von Alvensleben den jungen Templer gebeten, das Leben Geros von Mücheln zu beschützen. Eine Verhaftung des Komturs sollte unbedingt verhindert werden. Doch konnten sie Gero jetzt schlecht eins über den Schädel ziehen und ihn mit Gewalt fortschleppen. Etwas ratlos standen die vier Ritter um ihren Meister herum. Er hatte ja recht. Wie konnten sie ihre Brüder jetzt hier im Stich lassen. Wenn sie gingen, wären es fünf Männer weniger, die sich den erzbischöflichen Schergen entgegenstellen konnten. Damit würde der Ordenshof zu einer leichten Beute für die Magdeburger.
Rudger erhob die Hand und gebot seinen drei Freunden Einhalt, denn noch immer versuchten sie Gero den Weg zum Torhaus zu versperren.
„Lasst es gut sein“, wies er seine Gefährten an. Sie traten von Gero zurück, dennoch blieb ihre Haltung angespannt.
„Verzeiht Meister“, wandte er sich an den Komtur. „Wir wollten Euch keine Gewalt antun. Doch der Ordensmeister hat uns Euer Leben anvertraut. Was liegt also näher, als Euch aus der Gefahrenzone zu bringen?“ Ein schiefes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Doch Gero funkelte ihn immer noch wütend an. Auch Endres, Jorge und Valten murmelten eine Entschuldigung. Sie waren nicht ganz einverstanden damit, dass sich Gero nicht zum Rückzug überreden ließ. Allerdings sahen sie sich gezwungen, seinem Befehl, ihn in Ruhe zu lassen, Folge zu leisten.
Wortlos wandte sich Gero ab und eilte in Richtung Tor. Den vier Rittern blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. In dem Moment, als sie an der Pforte ankamen, zerbarsten die Flügel des Tores, und fast ein Dutzend Reiter sprengte in den kleinen Hof.
„Was denken die sich?“, schrie Valten. „Dieses Lumpenpack soll zu spüren bekommen, wen sie hier vor sich haben!“ Die Sorge um Gero war vorerst vergessen. Jetzt zählte nur noch, die Eindringlinge aufzuhalten und niederzumachen. Valten schwang sein Schwert und rammte es dem Kerl, der siegessicher auf ihn zugerannt kam, in den Wanst. Mit einem ungläubigen Staunen auf dem Gesicht sackte dieser leblos in sich zusammen. Doch Valten zog ungerührt seine Waffe aus dem Körper des Mannes, nur um es blitzschnell erneut gegen einen zweiten Angreifer zu erheben. Mit einem lauten Schrei erwischte er auch diesen.
„Lass uns noch paar übrig!“, schrie Endres und sein breites Grinsen verlieh ihm beinahe etwas Diabolisches.
Der Torwächter hatte sich in eine Ecke verzogen und beobachtete das Geschehen mit furchtsamer Miene. „Herr im Himmel, erlaube nicht, dass diese Schergen des Teufels unseren Ordenshof in ihre Hände kriegen.“ Doch nach und nach reifte in ihm die Erkenntnis, dass auch die Ritter seines Ordens mehr teuflischen Gesellen als Menschen aus Fleisch und Blut glichen. Verzweifelt schlug er die Hände vors Gesicht.
Im Schein der Fackeln, die in Halterungen im Torhaus angebracht waren, blitzten die Schwerter der Kämpfenden auf. Immer wieder sausten die Klingen hernieder, die Schreie der Getroffenen erfüllten den Hof, das Klirren der aufeinandertreffenden Waffen hallte von den Wänden wider. Dann war es plötzlich still. Die Eindringlinge lagen erschlagen am Boden.
Bruder Martin lugte vorsichtig zwischen seinen Fingern hindurch. Er sah, wie der Komtur schwer atmend in gebeugter Haltung auf sein Schwert gestützt neben einem Gefallenen stand. Doch schien dieser eine Mann noch am Leben zu sein.
„Macht ein Ende mit ihm, Meister, wie mit den anderen“, hörte er Valten sagen.
Gero schüttelte nur stumm den Kopf. Langsam richtete er sich auf. Sein Blick schweifte über den Kampfplatz. Er holte tief Luft, dann wandte er sich an seine Ritter. Trotzig blickte ihm Valten entgegen.
„Es wird nicht der letzte Angriff des Magdeburger Erzbischofs auf unser Anwesen gewesen sein. Wir werden unsere Verteidigung stärken müssen.“
„Sollen sie ruhig über uns herfallen, sie werden uns nicht besiegen“, meinte Valten wütend. Er schien vergessen zu haben, dass er noch wenige Augenblicke zuvor seinen Komtur aus Mücheln fortbringen wollte.
„Nein“, sagte Rudger leise. Doch in seiner Stimme schwang Bestimmtheit mit. Die anderen starrten ihn sprachlos an. „Glaubt ihr wirklich, Burchard von Schraplau wird zaghafter gegen uns Templer vorgehen als sein Amtsvorgänger Heinrich? Der neue Erzbischof von Magdeburg ist für seine Hörigkeit dem Papst gegenüber bekannt. Und dieser hat unter dem Einfluss Philipps von Frankreich der Vernichtung unseres Ordens nichts entgegenzusetzen.“
„Und was rätst du uns, was wir tun sollen? Haben wir denn eine andere Wahl, als unsere Tore und Mauern zu verstärken und darauf zu hoffen, dass die Bürger der Stadt Halle und die Bauern hier uns beistehen?“, fragte Gero, doch schien in seiner Stimme Resignation mitzuschwingen.
„Genau, lasst uns kämpfen. Sollen sie doch kommen, die Schergen Burchards!“, rief Valten ungestüm.
„Ich sage Euch, was wir tun werden“, meinte Rudger. „Wir verschwinden von hier.“
„Was!“
„Das kann nicht dein Ernst sein!“
„Du machst Scherze!“ Die Ritter starrten ihn ungläubig an, als wären ihm mit einem Mal zwei Köpfe gewachsen.
„Lache ich etwa?“, fragte Rudger mit eisiger Stimme, die den anderen einen Schauer über den Rücken sandte.
„Hört auf“, befahl jetzt Gero, der sich wieder gefasst zu haben schien. „Natürlich werden wir unsren Besitz gegen unsre Feinde verteidigen.“ Herausfordernd blickte er Rudger an. Auch die Ritter, welche schon seit längerer Zeit zum Müchelner Hof gehörten, stellten sich schützend um ihren Komtur.
„Was glaubst du, wer du bist, Rudger?“, fragte der ältere Haymo von Gerbstädt hasserfüllt. Er trat ganz nah an Rudger heran und sah ihn herausfordernd an. „Du hast hier nichts zu bestimmen“, knurrte er böse. „Der Führer unseres Ordens ist Gero und nicht irgendein namenloser Ritter, dessen Herkunft uns nicht einmal bekannt ist.“ Er spuckte seine Worte förmlich aus. Feindseligkeit schien sich breitzumachen. Die Stimmung schlug unter dem Einfluss des gerade bestandenen Kampfes langsam um.
„Ich stamme aus einem reichsfreien, fränkischen Adelsgeschlecht, was du allerdings nicht von dir behaupten kannst.“ konterte der junge Templer. „Deine Familie steht unter der Fuchtel des Magdeburger Erzbischofs. Ah, da fällt mir ein ...“. Langsam und hochmütig ließ er seinen Blick über Haymo streifen. „War deine Familie nicht in irgendeine Bischofsfehde verwickelt? Ihr habt Euer Lehen dereinst von Erzbischof Heinrich von Assel erhalten, stimmt`s? Jetzt scheint der Ort ja nur noch eine Wüstung zu sein. Sag, wo haust deine Familie? Bist du deshalb Templer geworden, weil du keine Heimstatt hast?
„Meine Heimat ist das anhaltinische Gerbstedt, und das weißt du ganz genau. Nimm den Mund nicht zu voll, Rudger, sonst ...“
„Brüder, lasst uns nicht streiten. Dafür ist die Situation viel zu ernst“, versuchte Gero die erhitzten Gemüter zu beruhigen.
„Nein, Meister, lasst ihn ausreden. Sonst ...?“, wandte er sich wieder an Haymo. „Wirst du mich sonst dem Magdeburger ausliefern?“
„Rudger!“ Nun war es auch Endres zu viel geworden. Was war nur in seinen Freund gefahren? Er zeigte sich doch sonst nicht so streitsüchtig. Es konnte nur an ihrer verfahrenen Situation hier liegen.
„Ich befehle euch, Ruhe zu halten!“, rief Gero jetzt auch mit energischer Stimme.
„Ihr habt den Haufen hier nicht mehr im Griff, Komtur“, fuhr Haymo seinen Meister respektlos an. „Wenn Ihr es einem dahergelaufenen Grünschnabel erlaubt, hier Unruhe zu stiften, müssen wir eventuell überdenken, ob Ihr noch der richtige für das Amt hier seid.“
Rudger hob sein Schwert und stellte sich vor Gero. Doch der schob ihn energisch beiseite.
„Ich bin mir sicher, dass es die Nachwehen des Kampfes sind, die dich solche Reden führen lassen, Bruder Haymo“, sagte er zu seinem Ritter. „Doch jetzt lasst uns in die Kapelle gehen. Wir wollen für unseren Orden und sein Weiterbestehen beten. Den Verwundeten hier bringt ins Refektorium“, wies er zwei Mönche an. „Ich werde mich später mit ihm befassen. Und die anderen armen Schlucker begrabt an der Friedhofsmauer. Sie haben ein christliches Begräbnis verdient, folgten sie doch nur dem Befehl ihres Herrn.“ Damit wandte er sich um und ging schnellen Schrittes in Richtung Kapelle. Die Ritter folgten ihm zögernd.
Vor dem Altar drehte sich Gero zu seinen Männern um. Seine Miene war düster. „Ich habe noch einmal nachgedacht, und ich sage euch eins, Brüder. Auch wenn es mir schwerfällt, das zuzugeben, ich glaube, wir können Mücheln nicht mehr lange halten.“ Ein Raunen ging durch die Reihen.
„Nein, lasst mich ausreden.“ Gero hob beschwörend die Hände. „Vorhin, im Angesicht des Kampfes hat mich unser alter Geist beflügelt. Doch je mehr ich mir die Sache durch den Kopf gehen lasse, desto mehr komme ich auch immer zu demselben Schluss. Wir haben im Moment keine wirkliche Chance gegen den Erzbischof. Heute hat er, in der Gewissheit, leichtes Spiel zu haben, nur wenige Männer geschickt. Doch wird sich das ändern. Ihr habt selbst von den Gerüchten gehört. Viele unserer Brüder im Reich sind verhaftet und ihres Besitzes beraubt worden.“
„Und was habt Ihr vor, Meister?“, fragte nun auch der junge Berno von Arnstein, der Spross eines edelfreien Adelsgeschlechtes.
„Er wird sich feige verstecken“, höhnte Haymo.
Rudger fuhr blitzschnell zu ihm herum und versetze ihm einen Schlag, so dass der andere zu Boden ging. Augenblicklich kam Haymo wieder auf die Füße und wollte sich auf Rudger stürzen. Doch Endres und Jorge hielten ihn fest.
„Das wirst du mir büßen. Noch hat mich keiner ungestraft geschlagen, kein Heide und auch kein Christ!“, zischte Haymo.
