Barberyn - Kaja Drenhaus - E-Book

Barberyn E-Book

Kaja Drenhaus

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Beschreibung

Carine bricht nach einem schockierenden Erlebnis spontan nach Sri Lanka auf, ungeplant und ihrer Intuition folgend landet sie im Land des Tees und der Elefanten. Dort begegnet sie nicht nur den Schatten ihrer Vergangenheit, sondern findet am Ende auch ihre große Liebe. Sie erlebt eine wunderschöne Reise voller Abenteuer durch traumhafte Landschaften in der zum Teil noch unberührten Schönheit der singhalesischen Wildnis. Allerdings hat sie mit noch viel mehr zu kämpfen. Was sie erlebt und empfindet und wie sie damit umgeht beschreibt die Autorin mit viel Gespür und verbindet Kultur mit universellem Bewusstsein.

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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Kaja Drenhaus

Barberyn

Der Duft des Ayurveda

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

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Impressum neobooks

Prolog

Die Strahlen fielen schräg durchs Fenster und brachen sich auf der Fensterbank. Der Vollmond schickte sein Licht über das Meer und ließ es glitzern. Unablässig brachen sich die Wellen an der Küste, ein nicht gleichmäßiger Ton der Brandung, es hatte was Kraftvolles und doch auch Beruhigendes. Carine saß auf dem Bett ihres Hotelzimmers und blickte aus dem Fenster dem Mond ins Gesicht, als wollte er ihr etwas sagen. Was machte sie eigentlich hier? Was war bloß in sie gefahren? War sie noch von allen guten Geistern verlassen? Ihr Kopf schwirrte, an Schlaf war nicht zu denken. Sicher tat die Zeitverschiebung das Ihrige dazu, aber das war nicht der eigentliche Grund, das wusste sie. Der Mond schien so hell und klar, als wüsste er immer, was richtig ist. Tat sie das richtige? Was ist überhaupt richtig? Wer beurteilt das? Liegt es nicht auch hier im Ermessen des Betrachters? Sie würde darüber nachdenken, nicht alles auf einmal, Stück für Stück, denn schließlich war morgen auch noch ein Tag. Lieber Mond, lass uns morgen weiterreden und bewahre dir deine Gedanken auf, ich höre dir zu.

Carine saß an dem kleinen Holztisch auf der Terrasse ihres Bungalows. Ihr Blick fiel aufs Meer und die Wellen, die sich am Riff brachen. Ab und zu entdeckte sie einen Kormoran oder Reiher auf der Suche nach Fisch, der mit der Flut über das Riff gespült wurde. Sie ließ den Blick schweifen und fragte sich erneut, was hatte sie dazu bewogen hier anzukommen? War sie angekommen? Noch immer beunruhigte sie das stetige Hämmern der Wellen in der Nacht, die Erlebnisse steckten einfach zu tief. Das Geräusch von Wasser, das sich in den Wellen bricht oder als prasselnder Regen aufs Kunststoffdach fällt. Sie liebte das Wasser, es war ihr Element und sie wusste gleichzeitig jedoch um seine Kraft und Macht. Einzelne Angler versuchten ihr Glück und zogen den einen oder anderen Trompetenfisch an Land. Keine wirkliche Ausbeute, um damit vielleicht sogar eine Familie zu ernähren, dachte sie sich. Aber vielleicht taten sie es ja auch nur zum Spaß. Nach einem kurzen tropischen Regen frischte der Wind auf und die Sonne ließ einzelne Strahlen hinter dicken Wolken erkennen. Carine liebte das Meer, den frischen Duft und das Gefühl von Salz auf der Zunge. Die frische Brise, die sich im Haar verfängt und es so schönmacht. Sie ließ ihren Gedanken freien Lauf, wie die Palmblätter, die im Wind hin- und herschwanken. Zunächst darf der Geist sich erstmal beruhigen, bevor das wirklich Wahre zum Vorschein kommt.

Sie hatte einen schönen großen Bungalow bekommen, direkt am Meer, obwohl sie bei der Ankunft um ein Zimmer im ersten Stock gebeten hatte. Sie konnte froh sein, überhaupt noch ein Zimmer bekommen zu haben, denn das Ayurveda Resort war ausgebucht und so blieb ihr nichts anderes übrig, als sich mit dem Zimmer anzufreunden. Jeder andere wäre beim Anblick des Zimmers in Freudenschreie ausgebrochen, nicht aber Carine. Sie erinnerte sich noch gut an die Erlebnisse vor zehn Jahren, wie die Erde sich aufgebäumt hatte und ihre ganze Macht preisgegeben hatte.

26. Dezember 2004

07.58 Uhr (ICT) irgendwo fern draußen im Indischen Ozean bäumt sich die Erde auf. Sie ächzt und krächzt und will sich bewegen, will ihre Glieder strecken, sich schütteln und geraderücken, was nicht mehr zusammenpasst. Langsam bewegt sich die Australische Erdplatte und schiebt sich weiter unter die Eurasische. Ein Ruck geht durch die Welt. 85 km vor der Nordwestküste der indonesischen Insel Sumatra atmet sie ein, um sich dann mit einer unvorstellbaren Wucht zu entladen. Mutter Erde hat keinen leichten Husten, sie hustet heftig, ihr Körper bebt mit einer Magnitude von 9,1. Sie möchte nicht husten, aber der Husten ist schlimmer geworden, sie kann nichts dagegen tun. Sie schleudert Wasser an die Oberfläche, das sich wellenförmig in alle Richtungen ausbreitet. Zunächst in Wogen, aber je mehr die Wellen sich dem Land nähern, desto größer werden sie. Sie gewinnen an Kraft und werden größer und größer. Mit einem tiefen Grollen und einer Größe von bis zu 10 Metern rasen sie mit einer zerstörerischen Geschwindigkeit von 650 Stundenkilometern auf die Küste zu und reißen alles mit sich, was sich ihnen in den Weg stellt.

Carine saß mit ihrer Freundin Gabriella beim Frühstück und blickte über das Meer. Es versprach ein herrlicher Tag zu werden und sie war mehr als einmal dankbar, an diesen wunderschönen Ort zu sein. Auch wenn es früher noch schöner gewesen sein musste, gefiel es ihr doch sehr gut. Das Frühstück schmeckte köstlich. Ein Ananas Bananen Kokos Shake begleitet von einem Teller mit frischen Früchten, Spiegelei und Toast. Neben den ganzen exotischen Düften roch es verführerisch nach frisch gebrühtem Kaffee. Die Gastgeber hatten erzählt, dass sie den Kaffee selbst rösten. Thailand ist bekannt für seinen guten Kaffee. Trotz des Gewichts hatte Carine sich entschlossen, die große Kamera mit Teleobjektiv mitzunehmen, eine weise Entscheidung, wie sie fand. Vom Restaurant aus hatte man einen schönen Blick über den Strand. Der war noch recht leer, die meisten Urlauber waren wahrscheinlich ebenfalls beim Frühstück. Sie hing ihren Gedanken nach, schob sich genüsslich ein Stück Banane in den Mund und blickte erneut auf den Strand. Komisch, war da nicht vorhin noch mehr Wasser gewesen? Ich wusste gar nicht, dass hier in Thailand die Gezeiten so stark sichtbar sind. Dann hörte sie ein Grummeln und erblickte in der Ferne eine Welle, eine wunderschöne Welle. Sie schraubte das Objektiv auf die Kamera und hielt diese Surfwelle für alle Ewigkeit fest. Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Ihre Gastgeberin schrie die Gäste an „go, go, go, Tsunami go“ und wies alle wild gestikulierend an, sofort das Restaurant zu verlassen und wegzurennen. Carine bewegte sich zunächst nicht. Wie erstarrt blickte sie noch immer auf die sich nahende Welle. Dann nach einer gefühlten Ewigkeit reagierte ihr Körper und sie lief los. Seitdem schlief sie unruhig in der Nacht, es sei denn, sie war weit genug weg vom Meer, das sie ja eigentlich so liebte. Vielleicht sollte es so sein und sie hatte aus einem bestimmten Grund genau dieses Zimmer bekommen. Heißt es nicht, dass man sich der Angst stellen soll, ihr entgegenblicken, sie wahrnehmen, sich aber nicht von ihr einnehmen lassen. Sie würde lernen, dem Leben wieder zu vertrauen und den Aufenthalt im Barberyn genießen. Was sollte schon groß passieren, die Erde wird bestimmt nicht genau an derselben Stelle noch einmal beben. Sie schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Ihrem Atem folgend spürte sie, wie sie sich langsam entspannte. Es wird ein fantastischer Urlaub werden, da war sie sich sicher. Er hatte schon so schön begonnen, warum sollte es jetzt anders sein? Vor gut einer Woche war sie überstürzt aufgebrochen, hatte nur schnell das Nötigste in den Rucksack gestopft und war zum Flughafen gefahren. Sie wollte weg, einfach nur weg. Ihr wurde jetzt noch schlecht, wenn sie daran dachte, was der Grund dafür gewesen war.

1

Sie wollte Philipp überraschen und das Angebot feiern, das sie soeben bekommen hatte. Es war zwar noch nicht zu Hundertprozent fixiert, aber die Wahrscheinlichkeit war sehr groß, dass alles klappte. Auch wenn sie wusste, dass Philipp nicht gerne Champagner trank, kaufte sie trotzdem eine Flasche, denn sie hatte jetzt Lust auf Champagner und ein Gläschen würde ihr Freund jawohl mit ihr trinken. Seit zwei Jahren waren sie ein Paar und es lief gut zwischen ihnen. Natürlich gab es auch mal kleine Streitereien, aber nichts worüber man sich Gedanken machen müsste. Sie liebte Philipp, glaubte sie zumindest. Er hat ihr das zwar nie gesagt, aber so sind die Männer eben.

Voller Vorfreude klemmte sie sich die Flasche unter den Arm, warf ein letztes Mal einen Blick in den Spiegel und machte sich auf den Weg. Philipp rechnete nicht mit ihr, da sie eigentlich etwas anderes vorgehabt hatte und so ist die Überraschung sicher umso größer. Bestimmt würde er sich freuen für sie, ein so tolles Jobangebot, darauf hatte sie lange gewartet. Draußen war es kalt für diese Jahreszeit, es war März und vom Frühling keine Spur. Sie klappte den Kragen ihres Mantels hoch und lief durch die von Straßenlaternen beleuchteten Straßen.

Philipp wohnte nur ein paar Straßen weiter, in einer schönen Altbauwohnung mit Balkon. Normalerweise mochte sie keine Altbauwohnungen, sie waren meist dunkel, feucht und ohne Balkon oder Garten. Aber Philipps Wohnung gefiel ihr. Es gab sogar einen Aufzug, der direkt in seiner Wohnung endete. Trotzdem nahm Carine meist die Treppe, denn Aufzüge machten ihr Angst und außerdem konnte ein bisschen Training nicht schaden. Aber heute entschied sie sich für den Aufzug, sie wollte so schnell wie möglich zu Philipp und ihm die tolle Nachricht überbringen. Ping, vierter Stock, die Aufzugtüren öffneten sich und gaben den Weg frei in die große lichtdurchflutete Diele. Sie liebte diesen Raum, er war perfekt, um jeden Gast in der Wohnung willkommen zu heißen. Philipps Wohnung war im vierten Stock und gleichzeitig die Dachgeschoßwohnung im Haus. Um mit dem Aufzug in den vierten Stock fahren zu können, brauchte man einen Zahlencode. Hatte man den nicht, stoppte der Aufzug im dritten Stock und man war gezwungen, die letzte Etage über die Treppe zu erklimmen. Den Code hatte Philipp ihr schon am zweiten Abend, nachdem sie sich kennengelernt hatten, gegeben. Sie war überrascht, wie vertrauensvoll und offen er damit umging, immerhin kannten sie sich gerade mal eine Woche. Philipp war ein sehr gutaussehender Mann, einer von der Sorte, denen die Damen im Café schmachtend hinterher blickten. Umso erstaunlicher, dass er ausgerechnet mit ihr zusammen war, er hätte sicher jede Frau haben können, aber nein, er wollte sie.

Auf dem flauschigen weißen Teppich in der Diele lagen Jeans und Socken sowie ein Gürtel. Carine schmunzelte und sammelte kopfschüttelnd die Sachen auf. Konnte es ihm wieder mal nicht schnell genug gehen. Sie schlich auf Zehenspitzen Richtung Wohnzimmer, in der Annahme ihn dort mit einem Glas Bier in der Hand vor dem Fernseher vorzufinden, aber von Philipp keine Spur. Stattdessen nahm sie Geräusche aus dem Schlafzimmer war. Ah, vielleicht holte er sich seine Lümmelhose, wie er sie immer nennt, denn er mag es nicht, zu Hause in der engen Jeans rumzulaufen, wenn es viel bequemer geht. Langsam schlich sie zum Schlafzimmer. Vor der Tür blieb sie stehen und überlegte kurz, ob sie sich nicht lieber zu erkennen geben sollte, denn schließlich wollte sie ihn ja nicht zu Tode erschrecken, überlegte es sich aber anders. Langsam schob sie die Tür mit der linken Hand auf, denn in der rechten hatte sie noch immer die Champagnerflasche, die sie vorher aus dem Eisfach genommen hatte, damit sie auch wirklich richtig kalt und direkt trinkbar war, denn es gibt ja wohl nichts Schlimmeres als warmen Champagner. Die Tür öffnete sich erst einen Spalt breit, dann ganz und plötzlich stand sie im Zimmer. Was sie dann sah, verschlug ihr schier den Atem. Mit einem lauten Krach fiel die Champagnerflasche zu Boden und zerschellte in tausend Stücke. Carine blieb der Mund offenstehen. Der Anblick, der sich ihr bot, war entsetzlich. Philipp lag nackt mit dem Gesicht nach unten auf dem Bett. Allerdings war er nicht allein, unter ihm lag ein Mann auf dessen Hintern er sich rhythmisch hin- und her bewegte. Das war zu viel für Carine. Wie angewurzelt starrte sie auf das Sexspiel der beiden Männer. Durch das Geräusch der aufprallenden Champagnerflasche wurden die Männer in ihrem Liebesspiel gestört. Philipp drehte sich um und riss die Augen auf. Auch er wusste im ersten Moment nichts zu sagen. Er sprang auf, wickelte sich ein Laken um die Hüften und wollte schon etwas sagen, als Carine mit einem lauten Schrei aus ihrer Starre erwachte und fluchtartig das Weite suchte. Philipp lief hinter ihr her, „Carine, bitte warte doch, es ist nicht, wie es aussieht, ich kann dir das erklären.“ Der Satz hatte ihr gerade noch gefehlt, ihr wurde schlecht, kotzübel. Sie lief so schnell wie es eben ging die Treppe hinunter und raus aus dem Haus. Draußen angekommen konnte sie nichts mehr bei sich behalten und übergab sich noch vor der Haustür. Eine Nachbarin lief mit ihrem Hund kopfschüttelnd an ihr vorbei, dass die Jugend auch immer so viel trinken muss. Mit vierzig noch als Jugendliche bezeichnet zu werden schmeichelte Carine, allerdings hatte sie für Komplimente im Moment wirklich nicht den Sinn. Ihr war schwindelig und sie wollte so schnell wie möglich weg. Nicht dass Philipp noch auf die Idee kam ihr nachzulaufen. Sie konnte es immer noch nicht fassen. Nicht nur dass Philipp sie betrog, nein, dazu noch mit einem Mann. Wenn es eine Frau gewesen wäre, hätte sie sicher damit umgehen können, aber ein Mann? Dagegen war sie machtlos. Aber wieso hatte sie nichts gemerkt oder hatte Philipp seine Neigung erst kürzlich entdeckt? Sie wollte es gar nicht wissen, am liebsten nicht darüber reden und alle Bilder aus ihrem Gedächtnis verbannen. Wenn das nur so einfach wäre. Was sollte sie tun? Nachdem sie sich vom ersten Schock erholt hatte, lief sie so schnell wie möglich nach Hause. Kaum dass sie ihre Wohnung betreten hatte, schnappte sie sich ihren Rucksack, der immer griffbereit auf ihrem Kleiderschrank bereitlag und stopfte willkürlich alle Klamotten hinein, die sie greifen konnte. Im Bad lagen ihre heiß geliebten Havaianas aus Brasilien, die durften auf keinen Fall fehlen, auch wenn sie noch nicht wusste, wo sie hinwollte. Das Reisenecessaire war immer mit dem Nötigsten bestückt und lag ebenfalls griffbereit im Regal. Aus ihrer Reisekiste schnappte sie sich noch das kleine Fernglas, man weiß ja nie, und zum Schluss noch ihren Reisepass und das wichtigste aus ihrer Handtasche, Sonnenbrille inklusive. Moskitonetz, Hängematte, Seidenschlafsack und Baseball Capy gehörten zur Grundausstattung im Rucksack. Sie tauschte ihren Mantel gegen die leichte Trekkingregenjacke und ihre Stiefel gegen leichte Turnschuhe. Immer wieder stiegen die Bilder in ihrem Kopf hoch und sie beeilte sich, denn Philipp war sicher schon auf dem Weg zu ihr und er war der letzte, den sie jetzt sehen wollte. Sie schnappte sich den Wohnungsschlüssel, zog noch den Stecker des Wasserkochers aus der Wand und schaltete die Sicherungen des Herds aus. Dann zog sie die Tür hinter sich zu, schloss ab und verließ durch die Hintertür das Haus. Vorne hörte sie schon jemanden heftig klingeln und ihren Namen rufen, „Carine bitte mach auf, ich will dir das erklären.“ Da gab’s nichts mehr zu erklären, Tränen strömten ihr übers Gesicht und sie merkte noch nicht einmal den Regen, der eingesetzt hatte. Wie in Trance lief sie zur U-Bahn. Am Marienplatz folgte sie wie ferngesteuert dem Weg zur S-Bahn und stieg in die S8 zum Flughafen.

2

Am Flughafen angekommen atmete sie erstmal tief durch. Ihre Augen waren ganz verquollen vom vielen Weinen. Sie hatte die ganze Fahrt über geweint. Dass andere Fahrgäste sie dabei anstarrten, war ihr egal. Noch immer hatte sie dieses Bild der zwei nackten Männer vor Augen und ihr wurde schon wieder schlecht. Was machte sie hier eigentlich, war sie noch bei Trost? Noch ganz wackelig auf den Beinen betrat sie das Terminal 1, hier war es wenigstens warm und trocken. Intuitiv lief sie weiter auf die Ebene vier und stand plötzlich vor dem Emirates Check-in Schalter. Sie hatte ja noch gar kein Ticket mit dem sie hätte einchecken können. Sie drehte sich um und ihr Blick fiel auf den Reservierungsschalter der selbigen Airline. Schnurstracks lief sie zum Schalter. „Wohin und wann bitte geht der nächste Emirates Flug?“ Die Dame am Schalter starrte sie an. „Wie bitte?“ „Ich möchte wissen, wohin der nächstmögliche Emirates Flug geht.“ „Emirates fliegt weltweit über 140 Ziele an, Miss, woher soll ich denn wissen, wohin der nächste Flug geht?“ „Sie müssen doch gucken können, zu welchem Ziel die nächste Maschine vom Flughafen München abhebt.“ Die Frau am Schalter traute ihren Ohren nicht, war das Mädel verrückt. „Warten Sie bitte einen Moment, ich bin gleich wieder da.“ Carine verstand nicht, was daran so schwierig sein sollte. Sie hatte doch eine ganz normale Frage gestellt. Kurze Zeit später kam die Dame wieder, einen Kollegen im Schlepptau. Dieser wand sich freundlich an Carine und sagte: „Was bitte kann ich für Sie tun, Miss?“ Carine wiederholte ihre Frage: „Ich möchte gerne wissen, welches Flugziel die Maschine der Fluggesellschaft Emirates ansteuert, die als nächste diesen Flughafen verlässt.“ Ungläubig blickte der Mann Carine an, so eine Frage war ihm noch nie untergekommen und er arbeitete immerhin schon fünf Jahre hier. Er setzte sich vor den Computer und tippte etwas ein. „Die nächste Emirates Maschine hebt in einer Stunde, also um genau 21:40 Uhr, ab.“ „Und wohin?“ „Miss, bitte entschuldigen Sie, aber nach Dubai natürlich. Alle Ziele dieser Airline werden über Dubai angeflogen.“ Carine lief rot an, natürlich, wie hatte sie nur so doof sein können? „Dann möchte ich bitte ein Ticket für diese Maschine.“ Der Herr am Schalter sagte: „Da haben Sie aber Glück, es ist genau noch ein Platz frei, die Maschine ist sonst restlos ausgebucht.“ Es dauerte nicht lange und sie hatte ihr Ticket in der Hand. Es war gar nicht mal so teuer, wie sie angenommen hatte, 560,- € mit Steuern. Sie bedankte sich und stellte sich in die Schlange für den Economy Check-in. Plötzlich hörte sie die Frau am Business Schalter rufen, „gibt es hier noch Alleinreisende?“ „Hier ich“ rief Carine und winkte mit ihrem Ticket. Die Frau deutete ihr an, zu ihr zu kommen. „Sie haben Glück,“ sagte sie, „die Maschine ist in der Economy überbucht und so kann ich Sie in die Business Class upgraden. Sind Sie schon mal Business Class geflogen?“ Carine traute ihren Ohren nicht, war das ein Scherz? Davon träumte sie schon so lange. Sie schüttelte den Kopf. Die Frau am Schalter freute sich für sie. „Haben Sie nur ein Gepäckstück?“ Wieder nickte Carine, sie war unfähig etwas zu sagen. Ihr Rucksack wog dreizehn Kilo, na wenn das mal kein freundliches Reisegepäck ist. Noch immer leicht benommen schlenderte sie zum Security Check und war Minuten später bereits im Innenbereich auf dem Weg zu ihrem Gate.

Das Boarden hatte bereits begonnen und eher Carine es sich versah, stand sie auch schon in der Business Class der Boeing. Sie verstaute ihr Handgepäck im Gepäckfach und ließ sich in den breiten Sitz fallen. Ein tiefer Seufzer entfuhr ihr. Sie schloss für einen Moment die Augen und gab sich ganz dem Gefühl hin. Saß sie tatsächlich in der Business Class einer Boeing auf dem Flug nach Dubai? Vor ein paar Stunden war sie noch himmelhochjauchzend mit einer Champagnerflasche unter dem Arm auf dem Weg zu Philipp gewesen. Nachdem alle Gäste geboarded hatten und die Maschine wirklich bis auf den letzten Platz besetzt war, begann der Film mit den Sicherheitsinstruktionen und das Flugzeug bewegte sich langsam auf die Startbahn. Wenige Minuten später waren sie in der Luft. Für Carine immer noch unglaublich, die Vorstellung, dass sich ein Flugzeug dieser Größe bei einer Geschwindigkeit von 300 Stundenkilometern so einfach in die Luft hebt. Die Lichter der Stadt unter ihr wurden immer kleiner und schon bald hatten sie die Flughöhe erreicht. Der Captain begrüßte die Passagiere und informierte die Gäste über einige Eckdaten wie Flugzeit, Ankunftszeit und Streckenverlauf.

Carine atmete noch einmal tief durch und konnte es immer noch nicht fassen, dass sie tatsächlich in diesem Flugzeug saß. Sie war ganz in Gedanken als die Stewardess sie plötzlich fragte, was sie denn trinken möchte. Erst jetzt bemerkte Carine, dass sie schon lange nichts mehr getrunken, geschweige denn gegessen hatte. Sie bestellte sich nicht den obligatorischen Tomatensaft, der scheinbar nur in Flugzeugen getrunken wird, sondern einen Gin-Tonic. Den hatte sie sich wirklich verdient. Er schmeckte köstlich. Langsam begann sie, sich zu entspannen. Der Gin tat ihr gut und sie orderte direkt noch einen. Wenn sie so weitermachte, würde sie gleich betrunken sein bei ihrem leeren Magen. Aber dem Duft nach zu urteilen würde es bald Essen geben. Normalerweise vermied sie es, so spät noch was zu essen, aber dies hier war schließlich eine Ausnahme und sie konnte das Essen weiß Gott gut vertragen. Obwohl sie nicht behaupten konnte, großen Hunger zu verspüren, genoss sie das leckere Abendessen in vollen Zügen. Den nach dem Essen angebotenen Kaffee lehnte sie allerdings dankend ab. Stattdessen fuhr sie ihre Rückenlehne zurück, während das Fußteil gleichzeitig nach oben ging, deckte sich zu, streckte sich aus und schlief innerhalb von Sekunden ein.

Erst der verführerische Duft nach frisch gebrühtem Kaffee und aufgebackenen Croissants weckte sie. Sie reckte und streckte sich und war überrascht, wie gut sie geschlafen hatte. Sie stellte ihren Sitz wieder gerade, legte die Decke zusammen und schlug den Weg zur Toilette ein. Im Flugzeug war wirklich an alles gedacht, sogar für Zahnbürsten war gesorgt. Sie spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, bürstete sich mit einer der angebotenen Zahnbürsten die Zähne und probierte das Flugzeug Eau de Toilette aus, es roch gar nicht schlecht und gab einem zumindest annähernd das Gefühl von Erfrischtsein. Zurück auf ihrem Platz freute sie sich schon auf das Frühstück. „Möchten Sie Tee oder Kaffee, Miss?“ „Kaffee bitte, danke.“ Für einen Flugzeugkaffee schmeckte er erstaunlich gut. Carine lehnte sich zurück, lauschte dem gleichmäßigen Brummen des Triebwerks und blickte aus dem Fenster. Was sollte sie eigentlich machen, wenn sie gleich landete? In Dubai bleiben wollte sie nicht, aber wohin sollte sie gehen? Sie überlegte kurz und entschied sich für die gleiche Vorgehensweise, die sie auch schon in München angewandt hatte. Hat doch gut geklappt, warum sollte es nicht noch mal funktionieren? Sie griff in die Tasche ihres Sitzes und zog eines der Emirates Magazine hervor. Irgendwo war bestimmt eine Seite mit allen Destinationen, ah hier, wusste sie’s doch. Oh Mann, das waren aber viele Flugziele, vor lauter weißen Linien konnte man ja kaum noch was erkennen. Sie schlug das Heft wieder zu und dachte, ich lasse es einfach drauf ankommen, wird schon passen. „Könnte ich bitte noch einen Kaffee bekommen? Danke.“ Auch das Croissant schmeckte besser, als es aussah. Carine liebte die französische Variante und stippte das Hörnchen in ihren Kaffee. Ihr fiel auf, dass sie die letzten Minuten gar nicht an Philipp gedacht hatte. Aber kaum hatte sie den Gedanken zu Ende geführt, kamen die Bilder der zwei nackten Männer wieder hoch. Sie fröstelte. Was tat sie eigentlich hier? Sie muss verrückt gewesen sein, einfach so wegzurennen. Aber was soll’s, sie hatte intuitiv gehandelt und glaubte eh, dass alles seinen bestimmten Sinn hat, auch wenn wir ihn jetzt noch nicht erkennen. Ihre liebe Hausärztin hatte ihr im Zuge einer Homöopathischen Behandlung mal einen Spruch mitgegeben: „Der Verstand ist nicht alles, was den Menschen ausmacht! Vertrauen zum Leben entwickeln, nicht alles planen wollen. Delegieren lernen. Man muss nicht alles steuern. Dinge geschehen auch so - und sie alle haben ihren Sinn.“ Und genau das tat sie jetzt auch. Sie wollte versuchen, einfach mal dem Prozess des Lebens zu vertrauen. Sich führen lassen und voller Achtsamkeit die Dinge wahrnehmen, die ihr begegnen. Sie schloss erneut für einen Moment die Augen und folgte gedanklich ihrem Atem. Ich vertraue dem Prozess des Lebens, alles ist gut, nur Gutes widerfährt mir, für mich ist immer gesorgt, ich bin in Sicherheit. Danke. Sie war ein großer Fan von Louise L. Hay und versuchte, so oft wie möglich ihre positiven Affirmationen anzuwenden. „Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir befinden uns im Landeanflug auf Dubai. Ich bitte Sie, sich wieder anzuschnallen, alle elektronischen Geräte auszuschalten und ihren Sitz wieder in die senkrechte Position zu stellen. Dubai empfängt uns mit wunderbarem Wetter, es sind 25°C und es ist sonnig bei einem leichten Wind. Wir bedanken uns bei Ihnen, dass Sie mit Emirates geflogen sind und würden uns freuen, Sie wieder einmal an Board begrüßen zu dürfen. Bitte bleiben Sie angeschnallt sitzen, bis die Anschnallzeichen erloschen sind und das Flugzeug seine Parkposition erreicht hat.“

Carine blickte sich um, es ist doch immer wieder erstaunlich, wie abhängig die Menschen von ihren elektronischen Geräten sind. Was würden die bloß alle ohne ihr Handy machen? Auch sie besaß ein Handy, allerdings ein ganz altes Modell, das noch nicht einmal eine Worterkennung beim smsn hatte. Aber dafür konnte es Fotos machen und hatte laut Liste die geringste Strahlung überhaupt. Das war Carine am wichtigsten gewesen, sie hatte das Handy damals über ebay gebraucht ersteigert und freute sich, dass es ein Klapphandy war, denn so eines wollte sie schon immer haben. Langsam verloren sie an Flughöhe und die Boeing setzte zur Landung an. Unter ihr wurde ein Meer von Wolkenkratzern sichtbar, was für eine verrückte Retortenstadt, denn anders konnte man es fast nicht mehr bezeichnen. Das Fahrwerk wurde ausgefahren und die Maschine setzte sanft auf der Landebahn auf. Sie erinnerte sich noch gut an den Horrorflug von Guatemala nach Mexico City. Der Blitz hatte ins Flugzeug eingeschlagen und um sie herum nur grün schwarze Wolken, egal aus welchem Fenster man schaute. Der Pilot hatte sich eine Wolke ausgesucht und war hindurchgeflogen. Die Maschine hatte gerappelt und geklappert als würde sie gleich auseinanderfallen. Aber alles war gutgegangen und sie meinte sich zu erinnern, dass die Passagiere nach erfolgreicher Landung sogar geklatscht hatten. Nie wieder Mexicana Airlines, hatte sie sich damals geschworen.

Kaum war das Flugzeug gelandet, sprangen schon die ersten Passagiere auf und öffneten das Gepäckfach. Carine schüttelte den Kopf, ist doch immer wieder dasselbe, können die Menschen eigentlich nicht zuhören? Und vor allem, was soll das bringen? Raus können wir sowieso noch nicht, wieso also im Gang stehen und rumdrängeln? Sie lehnte sich lieber entspannt zurück und beobachtete das verrückte Treiben. Sie hatte ja keine Eile, wusste sie doch eh nicht, wohin es weitergeht. Die Türen öffneten sich und die ersten Gäste strömten hinaus. Draußen wurden sie von einem warmen Wind begrüßt. Auch im Flughafengebäude konnte man trotz der Klimaanlage erahnen, dass man sich in einem Wüstenstaat befand. Carine stopfte ihre Jacke ins Handgepäck und marschierte los auf der Suche nach dem nächsten Emirates Ticketschalter. Sowas blödes, sie hätte in München besser direkt einen Weiterflug irgendwohin gebucht, dann wäre sie durchgecheckt worden und müsste jetzt nicht ihr Gepäck einsammeln, um es dann anschließend direkt wieder aufzugeben. Na ja und wahrscheinlich hätte sie dann auch in der Business Class weiterfliegen können und das Ticket wäre um einiges günstiger gewesen. Was war sie doch für ein Idiot. Na ja, nützt ja nichts, glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.

Sie zog ihren Rucksack vom Band, schnappte sich einen Gepäckwagen und folgte der Menge durch die Halle. Bei so vielen Emirates Schaltern wusste man gar nicht, welcher nun der richtige war. Ah da vorne, das wird er sein. „Hello Miss, may I help you?“ „Yes, I’m looking for the next flight leaving Dubai.“ Die Frau am Schalter guckte sie mindestens genauso perplex an wie die Kollegen in München. „Sorry? What do you mean?“ Carine überlegte kurz und erinnerte sich an die zahlreichen weißen Linien im Emirate Magazin. Kein Wunder, dass die Frau am Schalter sie anblickte, als hätte sie sie nicht mehr alle. „Sorry, I mean to which destination does the next Emirates flight leave?“ Die Frau schüttelte den Kopf und tippte etwas in ihren Computer. „Do I understand you right, you look for the next possible flight leaving this airport?“ „Yes ma’am.“ „Do you have a ticket?“ „Not yet.“ Die Frau schüttelte abermals den Kopf und guckte ganz ungläubig erneut in den Computer. „The next possible flight you could get is leaving Dubai in 1 ½ hours at 07.45 a.m. Miss.“ „And where does it go to?“ „To Colombo Miss.“ Colombo, Sri Lanka, cool – warum nicht? Sie war schon einmal zum Ayurveda dort gewesen und es hatte ihr sehr gut gefallen. „Ok ma’am could you please book this flight for me?“ Carine legte ihren Reisepass auf den Tresen und hielt ein paar Minuten später ihr Ticket in den Händen. Wow, das ging schnell. Nicht die schlechteste Art zu reisen, dachte sie sich, könnte man sich dran gewöhnen. „Thank you ma’am.“ „Have a good flight. The check-in counter is in section A.“ Carine schnappte sich ihren Trolley und folgte zügig den Hinweisschildern. Hoffentlich war die Schlange jetzt nicht so lang, so viel Zeit hatte sie nicht mehr, aber ihre Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Jetzt war sie an der Reihe. Sie setzte ihr bestes Lächeln auf und fragte nach einem Platz in der exit row. „I’ll check for you ma’am. Yes, you are lucky, there is only one seat left. Should I book it for you?“ „Yes please.“ Carine freute sich. Wenn schon nicht Business Class, dann doch immerhin ein schöner Platz am Notausgang. Jetzt noch schnell durch die Passkontrolle und dann zum Boarden. Sie hatte Glück, dass sie nicht quer durch den ganzen Flughafen rennen oder sogar das Terminal wechseln musste. „Emirates flight EK348 is now ready for boarding.“ Carine beeilte sich. Warum hatte sie eigentlich den nächst möglichen Flug genommen, es gingen bestimmt täglich mehrere Maschinen nach Colombo. Aber dann hätte ihr Vorhaben ja nicht funktioniert und es wäre nicht dasselbe gewesen. Dubai International Airport war zwar nicht der schlechteste Ort um ein paar Stunden zu warten, aber wenn’s schneller ging, warum nicht.

Singapore Airport hatte ihr damals gut gefallen, sie erinnerte sich noch, dass sie als erste eingecheckt hatte und drei Stunden vor Abflug dort war. Die drei Stunden waren rumgegangen wie nichts und ihr war keine Sekunde langweilig gewesen. Sie erreichte das Gate just in time und saß kurze Zeit später auf ihrem Platz. Ihr Blick fiel auf die anderen Gäste, ob die wohl alle zum Ayurveda fliegen? Bestimmt nicht. Dann fiel ihr plötzlich ein, ja was sollte sie eigentlich in Sri Lanka machen? Und wo sollte sie hin? Sie hatte ja noch nicht einmal ein Hotel gebucht. Aber auch das würde sich finden, über solche Dinge hatte sie sich doch noch nie Gedanken gemacht, ein schönes Hotel wird wohl noch ein Plätzchen für mich haben, dachte sie. Der Flug sollte knapp vier Stunden dauern und wenn alles gut ging, würden sie pünktlich um 13.30 Uhr landen. Sie konnte es noch gar nicht glauben, in gut drei Stunden war sie mitten in den Tropen. Sie liebte das Klima, den ganzen Tag in Flipflops und T-Shirt rumlaufen, herrlich. Sie hatten die Flughöhe erreicht und schon vernahm man geschäftiges Treiben in der Flugzeugküche. Carine knurrte der Magen. Was war bloß los mit ihr, sonst aß sie doch auch nicht so viel. Das wird wohl die Zeitverschiebung sein. Auf dem Bildschirm vor ihr wurde gerade ein vielversprechender Film über Sri Lanka gezeigt, ein Land voller buddhistischer Kultur. Ihr kam eine Idee. Sie würde sich in Colombo erstmal ein schönes Hotel suchen und dann eine Tour durch das Land planen. Vielleicht sollte sie sich als erstes einen Reiseführer kaufen, den sie dann im Hotel in Ruhe studieren konnte. Mit diesem Plan entspannte sie sich. Manchmal ist es eben doch gut, wenigstens ein kleines bisschen zu planen und zumindest eine Idee von dem zu haben, was man machen will. Vom Fluggeräusch eingelullt schloss sie die Augen und döste ein.

„Ladies and gentlemen we will shortly approach Colombo international airport. Please make sure all electronical devices are switched off and your seat is in the upright position. Please remain seated until the seatbell-signs are switched off and the aircraft has reached it’s final position. Thank you for having chosen Emirates, it would be nice to welcome you again on one of our Emirate flights.“

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Carine war in Colombo, wow. Nachdem sie die Passkontrolle erstaunlich flott passiert hatte, folgte sie erneut der Masse Richtung Gepäckband. Da ihr Rucksack sicher eines der letzten Gepäckstücke war, die aufgegeben worden waren, müsste dieser ja jetzt mit als erster wieder rauskommen. Und siehe da, sie hatte Recht, da war er auch schon. Colombo Airport war wirklich niedlich. Auf dem Weg zur Empfangshalle ging man an verschiedenen Verkaufsständen vorbei, die aussahen wie aneinander gereihte Garagentore, gefüllt mit allerlei elektronischem Kram, sogar Waschmaschinen wurden angeboten. Wer bitte kauft sich denn nach Ankunft im Flughafen eine Waschmaschine? Manche Länder haben schon lustige Ideen. In der Empfangshalle wimmelte es nur so von Fahrern, die ihre Schilder in die Luft hielten. Schilder mit Namen von Gästen, die abgeholt wurden oder einfach nur der Name eines Hotels. Carines Blick fiel auf ein Money Exchange Desk und ihr fiel ein, dass sie bis auf ein paar Euro ja gar kein Bargeld dabei hatte. Sie kramte ihr Portemonnaie aus der Tasche und fand einen letzten Fünfzig Euro Schein. Den würde sie erstmal umtauschen und dann weitersehen. ATM Maschinen gibt es heutzutage ja in jedem Busch, dann sollte Sri Lankas Hauptstadt damit wohl auch gut bestückt sein. Der nette Mann hinter dem Desk lächelte sie an und drückte ihr rund 8.900,- Rupees in die Hand. Wird wohl stimmen, dachte sie sich, über den aktuellen Kurs hatte sie sich vorher natürlich nicht informiert, bis vor ein paar Stunden wusste sie ja noch nicht mal, wo sie hinflog. Sie verstaute das Geld in ihrer Tasche und hatte plötzlich ihr Handy in der Hand. Ach ja, richtig, das Handy. Sie wagte kaum, es anzumachen, sicher würde sie zahlreiche Anrufe in Abwesenheit und smsn vorfinden. Sie hatte es kaum zu Ende gedacht, da piepste und rappelte es auch schon in ihrer Tasche. Nach einem kurzen Blick auf das Display entschied sie, da kann ich mich auch später noch drum kümmern, jetzt muss ich erstmal ein Hotel finden. Ihr Blick fiel auf eine Anzeige mit der Aufschrift ‚Galle Face Hotel’. Das Bild sah vielversprechend aus und ein gutes Hotel ist zum Ankommen ja nicht das schlechteste. Dann entdeckte sie einen Fahrer mit einem Schild in der Hand und eben dieser gleichen Aufschrift. Sie ging zu dem Fahrer, der ihr schon das Gepäck abnehmen wollte, in der Annahme, sie sei der erwartete Gast. Aber Carine schüttelte den Kopf und erklärte ihm, dass sie noch gar kein Hotel in Colombo hätte, ob sie trotzdem mitfahren könnte. Der Mann schaute sie etwas verblüfft an und sagte dann, „Yes Miss, but I have to wait for guest coming.“ Carine versicherte ihm, das wäre gar kein Problem, sie hätte es nicht eilig. Sie fragte, ob es irgendwo Wasser zu kaufen gäbe, ihr Mund war schon ganz ausgetrocknet, sie hatte im Flieger mal wieder viel zu wenig getrunken. Der Fahrer deutete auf einen Verkaufsstand am Ende der Halle. Carine deutete auf ihr Gepäck und gab ihm zu verstehen, dass sie sich nur schnell was zu trinken holen wollte und ob er kurz ein Auge auf ihr Gepäck haben könnte. Der nette Sri Lanker lächelte sie an und nickte, „No problem Miss.“ Carine lief quer durch die Halle und kam mit einer für Singhalesische Verhältnisse wahrscheinlich sündhaft teuren Flasche Wasser wieder. Inzwischen waren auch die eigentlichen Fahrgäste eingetroffen, ein älteres Ehepaar, das sich sichtlich mit seinem Gepäck abmühte. Ein Gepäckträger war schnell zur Stelle und so saßen sie bald im Auto auf dem Weg zum Galle Face Hotel. Carine stellte sich vor. Das Ehepaar kam aus Denver, wie sich herausstellte und kannte das Hotel gut. Sie versicherten Carine, dass es sich um ein schönes Haus aus der Kolonialzeit handle und sie immer wieder gerne hierhin führen. Wow, nicht schlecht, dachte sie sich, von Denver nach Sri Lanka, das ist mal ne ordentliche Strecke und wie sie von Freunden aus Vancouver wusste mit vielen Gabelflügen und Umsteigerei verbunden. Carine erkundigte sich bei den beiden, was man denn hier so als Trinkgeld geben würde, denn daran konnte sie sich nicht mehr erinnern. So 100 Rupees pro Gepäckstück zum Beispiel, für den Fahrer sollten 200 Rupees reichen, schließlich war er vom Hotel engagiert. Die Fahrt zum Hotel würde circa 45 Minuten dauern. Carine lehnte sich zurück und betrachtete die Landschaft. Alles erinnerte sie sehr an Thailand, das hatte sie damals bei ihrem ersten Besuch schon festgestellt, nur die Garküchen am Straßenrand, die vermisste sie. Aber Sri Lanka ist eben nicht Thailand und jedes Land hat nun mal so seine eigenen Besonderheiten.

Das Galle Face Hotel lag direkt am Meer, wie herrlich, ein Traum, besser hätte sie es gar nicht treffen können. Wenn ich jetzt noch ein Zimmer mit Blick aufs Meer bekomme, dann ist der Tag perfekt. Sie hielten vor dem Hotelportal und schon wieselten einige Gepäckträger herbei. Der prächtige weiße Kolonialbau machte einen herrschaftlichen Eindruck. Sie traten in eine sehr einladende Lobby, die über eine in Stufen abfallende Terrasse den Blick in den Garten und aufs Meer frei gab. Carine war sichtlich beeindruckt, so schön hätte sie es sich nicht vorgestellt. Das ältere Ehepaar wurde freundlich begrüßt, anscheinend waren sie wirklich Stammgäste hier im Haus und nachdem sie alle einen Welcome Drink erhalten hatten, wurden die beiden aufs Zimmer begleitet. Dann war Carine an der Reihe. „Welcome to Galle Face Hotel Missus, do you have a reservation?“ „No, sorry. Do you have a single room left?“ „Just a moment please, let me check. Yes ma’am, I can offer you a standard room for 125 US$ or a superior room for 135 US$.“ „The standard room is enough for me, thank you. Would it be possible to get one facing the ocean?“ „Oh, let me check Miss, because we have only three standard rooms with ocean view. Yes Miss, I still have a standard room with ocean view. Would you like to take it?“ „Yes please.“ „How long are you staying?“ Carine überlegte kurz, zwei Nächte würde sie schon brauchen, um alles in Ruhe zu organisieren. „Two nights please. I’m not hundred percent sure if I need two or three nights. Can I extend my stay if needed?“ „Let me see, yes Madam, no problem we are not fully booked. May I take an imprint of your creditcard please?“ „Yes sure.“ Nachdem alle Formalitäten geregelt waren, wurde auch Carine auf ihr Zimmer begleitet. Das Angebot, den Aufzug zu nehmen, lehnte sie dankend ab. Stattdessen nahm sie die wunderschöne alte Holztreppe, die bei jedem Schritt zu knarzen anfing. Wer hier wohl schon alles seinen Fuß draufgesetzt hat? Die Treppe könnte sicher viele Geschichten erzählen. Im ersten Stock kam sie an einer Art Bibliothek vorbei, ein Raum wie man ihn sich in alten Filmen vorstellt, überhaupt würde das Hotel eine wunderbare Hotelkulisse abgeben. Wer weiß, vielleicht wurden hier ja schon Filme gedreht, wundern würde sie es nicht. Das Treppenhaus war riesig und eine Reise in eine andere Zeit. Sie erreichte den dritten Stock und sah auch schon den netten Gepäckträger vor der Zimmertür warten. Er hielt ihr die Tür auf und Carine trat ein. Das Zimmer hatte einen schönen Holzfußboden, ein Grand Lit und ein großes altes Fenster mit einer tiefen Fensterbank. Sie lief schnurstracks zum Fenster und öffnete es. Vor ihr breitete sich ein wunderschöner Blick aufs Meer aus. Herrlich. Es gab eine Bar mit einer kleinen Terrasse direkt am Meer und einen nicht zu kleinen Pool. Wie schön, sie hatte definitiv die richtige Wahl getroffen. Sie drückte dem Porter 100 Rupees in die Hand und machte sich daran, ihre Sachen auszupacken beziehungsweise zu sichten. Sie hatte diese bei ihrem fluchtartigen Aufbruch willkürlich in den Rucksack gestopft, so dass sie nun fast neugierig schaute, was da so alles zum Vorschein kam. Carine war schon sehr reiseerfahren und hatte vor einigen Jahren unter anderem eine Reise um die Welt gemacht. So war es nicht verwunderlich, dass sie jetzt intuitiv die richtigen Kleidungsstücke mitgenommen hatte. Zumindest für Sri Lanka, wäre sie nach Norden geflogen, hätte sie sich erstmal komplett neu eindecken dürfen. Außerdem war ihr Rucksack für spontane Aktionen immer gut vorbereitet und mit dem Nötigsten bestückt. Sie war sehr zufrieden mit sich. Durch das Fenster wehte ein frischer Wind, soweit man ihn in diesem Klima als frisch bezeichnen konnte. Trotzdem fühlte Carine sich alles andere als frisch und lechzte nach einer Dusche. Sie zog sich aus und warf ihre Klamotten zu den anderen aufs Bett und sprang unter die Dusche. Ein großer Duschkopf versprach ein Duscherlebnis der besonderen Art. Carine liebte nichts mehr als diese riesengroßen Duschköpfe, die auch zu Hause das Gefühl von tropischem Regen vermittelten. Sie drehte das Wasser auf und schloss die Augen. Das Wasser rann über ihren Kopf und entlockte ihr einen tiefen Seufzer. Was war so eine Dusche doch für ein Geschenk. Und hier in tropischen Gefilden brauchte man noch nicht einmal warmes Wasser. Nach einer gefühlten Ewigkeit drehte sie fast widerwillig das Wasser ab und trocknete sich ab. Auch wenn Sri Lanka über eine Regenzeit verfügt, wollte sie trotzdem nicht so verschwenderisch mit dem Wasser umgehen. Sie rubbelte sich ab und merkte, dass ihr Körper sich an das tropische Klima erstmal gewöhnen musste. Sie schwitzte schon wieder. Die Handtücher waren aber auch von der Sorte super weich, die das Wasser auf der Haut mehr verteilen als abtrocknen. Sie stellte den Ventilator, auch so eine wunderbare Erfindung aus der Kolonialzeit, auf die zweite Stufe und stellte sich in den Wind. Auch eine Methode um sich abzutrocknen. Normalerweise liebte sie es, sich nach dem Duschen einzucremen. Das ließ sie jetzt aber lieber bleiben, dann hätte sie gleich wieder unter die Dusche springen können. Sie rubbelte sich das Haar trocken, soweit das überhaupt möglich war mit dem Handtuch und freute sich, dass sie erst letzte Woche beim Friseur gewesen war und sich die Haare doch hatte wieder kürzer schneiden lassen. Ihr Vorhaben, die Haare mal wieder ganz lang wachsen zu lassen, hatte sie schnell über den Haufen geworfen und sich einen frechen Pagenkopf schneiden lassen, der gerade so lang war, dass sie sich noch einen, wenn auch kleinen, Zopf machen konnte. Die Haare waren in den Spitzen ein bisschen stufig angeschnitten, was der Frisur etwas Freches gab und das passte zu ihr. Nun war sie einmal mehr glücklich über diese Entscheidung, als hätte sie geahnt, bald in den Tropen zu sein. Sie hatte sehr dickes braunes Haar, das in der Sonne manchmal leicht Kastanienrot schimmerte. Graue Haare waren noch nicht zu sehen, das würde sicher auch noch eine ganze Weile dauern, wenn man den Genen glauben darf, denn in ihrer Familie hatten alle erst sehr spät graue Haare bekommen. Sie liebte das Wasser und nutzte jede Möglichkeit, die sich ihr zum Schwimmen bot. Na ja und kurze Haare waren nun mal viel praktischer, wenn man ständig ins Wasser sprang. Vor mehr als zehn Jahren hatte sie, unter anderem aufgrund eines Bandscheibenvorfalls, mit dem Rückenschwimmen angefangen. Mittlerweile war sie schon so gut darin, dass sie oft von anderen Leuten angesprochen wurde, ob sie das professionell betreiben würde. Und das, obwohl sie es sich selbst beigebracht hatte, also war wohl ein kleines Talent vorhanden. Vielleicht war sie in einem früheren Leben auch Profischwimmerin gewesen, wer weiß, zumindest bekam sie diese Info mal in einer Meditation. Jetzt war sie sehr dankbar für dieses Talent und genoss es sehr, vor allem morgens ihre Bahnen im Pool zu ziehen. Ein besonderes Vergnügen war es, den Pool für sich alleine zu haben. So würde sie es sich auch morgen früh nicht nehmen lassen, den des Galle Face Hotels auszuprobieren. Wenn sie früh genug aufstand, würde sie sicher in den Genuss kommen. Jetzt wollte sie aber erstmal das Hotel und seine Umgebung erkunden und sich anschließend etwas Leckeres auf der Hotelterrasse gönnen. Sie zog sich eines ihrer leichten Kleider mit einem kurzen T-Shirt darunter über, zog ihre Flipflops an und verließ das Zimmer. Die Klimaanlage, die die Mitarbeiter in Hotels gerne anstellen, hatte sie als erstes ausgeschaltet. Sie würde nie verstehen, wie man in tropischen Gefilden Klimaanlagen einbauen kann. Das einzige, was man neben stinkenden Räumen damit erreichte, war ein verschimmeltes Zimmer. Bah, ekelig. Man braucht keine Klimaanlage, wenn man sich nur im Vorfeld genug Gedanken über die Bauweise macht und das Gebäude den herrschenden Klimabedingungen anpasst. Aus Thailand wusste sie, wie schnell sowas geht und dass die Einheimischen immer meinen, man würde einen klimatisierten Bungalow einem mit Fan vorziehen. Für Carine ein Vorteil, so waren die mit Ventilator oft noch zu haben und dazu noch um einiges günstiger. Sie zog die Zimmertür hinter sich zu und stieg die knarzende Hoteltreppe hinab. Das Holz sah so schön aus, dass sie ihre Flipflops auszog und barfuß weiterging. Es fühlte sich herrlich unter den Füßen an, es war so schön ausgetreten und fast schon weich. Wer weiß, welche Geschichten es nun ihren Fußsohlen erzählt.

Die Hotelhalle war natürlich klimatisiert und so auch das angrenzende Restaurant. Viel zu kalt, wie Carine fand. Aber gut. Das Restaurant sah sehr edel aus. Die Tische waren mit weißen Tischdecken gedeckt und mit gestärkten Stoffservietten geschmückt. An den Wänden hingen Bilder bekannter Persönlichkeiten, die alle schon Gäste dieses Hauses waren. Dichter, Schriftsteller, Schauspieler, alles dabei. Carine tauchte für einen Moment ein in die Zeit des Kolonialstils und da das Hotel viel von seinem alten Charme behalten hatte, konnte sie sich sehr gut vorstellen, wie es damals gewesen sein musste. Sie fing bereits an zu frösteln, so kalt war das Restaurant und nahm die nächste Tür über die Terrasse nach draußen. Wie kann man einen Raum, in dem man in Ruhe genüsslich speisen will, so runterkühlen? Das hält doch kein Mensch lange aus, zumindest stellte sie es sich alles andere als entspannt vor. Schon irgendwie eine verkehrte Welt. Da schenkt die Natur den Menschen ein wunderbares Klima und was machen die Menschen, sie schließen es aus, indem sie elektronisch gesteuerte Geräte erfinden und ganze Räume zu Eisschränken machen. Verrückt. Draußen wurde Carine von einem warmen herrlichen Wind empfangen, die Vögel zwitscherten im Akkord und das Meer brach sich an den Felsen und schwängerte die Luft mit seinem wunderbaren Salzgehalt. Carine lies für einen Moment die Stimmung auf sich wirken und folgte dann den Stufen hinunter an der Bar vorbei auf die Terrasse direkt ans Meer. Das Wetter war herrlich und sie genoss den feucht warmen Wind auf ihrer Haut. Ihr Magen fing an zu grummeln und es dürstete sie nach einem leckeren kühlen Bier. An der Bar angekommen entdeckte sie eine Gästemitteilung, die die Hotelgäste darüber informierte, dass das Hotel aufgrund eines buddhistischen Feiertages heute keinen Alkohol ausschenkte. Schade, dabei hatte sie doch so einen Durst auf ein leckeres Bier gehabt. Machte ja nichts. Da fiel ihr ein, dass sich in ihrem Zimmer eine Minibar befand und sie ja später auf dem Zimmer noch ein Bier trinken könnte. Sie setzte sich an einen der Tische und atmete tief ein. Plötzlich fiel ihr auf, dass sie schon mehrere Stunden nicht mehr an Philipp gedacht hatte. Dann fiel ihr ihr Handy ein, welches sicher noch immer in ihrer Tasche auf dem Zimmer vor sich hin summte. Darum würde sie sich später kümmern, jetzt war erstmal das leibliche Wohl dran. Sie studierte die Karte und entschied sich sofort für das Fish-Curry. Was hatte sie diese Küche vermisst, dazu ein Ginger Bier und der Abend war gerettet. Ach was geht’s mir gut, dachte sie. Ich sitze hier in einem schönen Hotel direkt am Meer und lasse mir den Wind ins Gesicht wehen. Ihre Gedanken schweiften ab. Sie dachte an zu Hause, an ihre Wohnung, an die Zeit mit Philipp. Wie lange geht das wohl schon mit seinem Lover? Warum habe ich nie etwas davon gemerkt? Sie hatten sich vor zwei Jahren auf einer Party kennengelernt. Schon damals war ihr aufgefallen, wie gut er aussah und so charmant, dem konnte keine Frau lange widerstehen. Anscheinend auch kein Mann. Philipp war ein sehr erfolgreicher und angesehener Rechtsanwalt, der sich solche Schlagzeilen bestimmt nicht leisten konnte. Aber eigentlich war das ziemlich egal, ob schwul oder nicht, das hat schließlich nichts mit der Qualität eines Rechtsanwaltes zu tun. Trotzdem konnte Carine sich lebhaft vorstellen, was diese Neuigkeit im konservativen Bayern für Philipp für Folgen hätte. Fast tat er ihr schon wieder leid. Aber was dachte sie da eigentlich, leidtun, spinn ich jetzt? Sie war schließlich die Betrogene, nicht sein Lover. „Miss, your fish curry, enjoy your meal.“ Der Kellner riss Carine aus ihren Gedanken. Mmh, das Fish-Curry duftete köstlich. Sie trank erst einen Schluck vom süßen Ginger Bier und genoss den leicht scharfen Geschmack von Ingwer. Die Karte hatte nicht zu viel versprochen, das Fish-Curry war vorzüglich.

Die Sonne sank langsam tiefer und tauchte das Meer in ein traumhaftes Rot. Immer wieder ein wunderschönes Schauspiel und jedes Mal auf seine Weise einzigartig. Carine blickte aufs Meer und konnte das Zischen der Sonne hören, die nach und nach zu erlöschen schien. Ein letzter Rest von Violett und dann war sie verschwunden. Man konnte den Seufzer der Gäste förmlich spüren. Was ist es, was dieses Naturschauspiel so emotional macht und die Menschen Kameras und Handys zücken lässt? Carine hatte auch schon einige Sonnenuntergänge fotografiert, fand es mit der Zeit aber langweilig. Sie fotografierte lieber Tiere. Sie liebte es, Tiere in freier Wildbahn zu beobachten. Schon als Kind hatte sie alle Sielmann, Krüger und Grzimek Filme förmlich verschlungen. Noch heute konnte sie sich stundenlang dafür begeistern. Warum war sie eigentlich noch nie in Afrika gewesen? Ok zum Tauchen in Ägypten aber das zählt nicht. Nein, sie meinte das richtige Afrika mit Safari und so. Irgendwie hat es bis jetzt nicht sollen sein, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Sie spürte eine große Verbundenheit zu schwarzen Menschen, vor allem zu Brasilien. Für Carine die schönste Sprache der Welt. Sie liebte den Samba, die Menschen, das Land, die Trommeln und eben auch die schwarzen Menschen. Sie sahen so toll aus mit ihrer schönen Haut und jedes Mal, wenn brasilianische Klänge ihr Ohr erreichten, bekam sie Tränen in die Augen. Wahrscheinlich eine karmische Verbindung zum früheren Leben. Sie hatte schon immer gespürt, dass die brasilianischen Rhythmen irgendwas mit ihr machten und dass es ihr nicht allzu schwerfiel, sich danach zu bewegen. Eines Tages fand sie einen Flyer im Briefkasten, auf dem Kurse für afrobrasilianischen Tanz und Samba angeboten wurden. So kam es, dass sie nun seit drei Jahren Samba tanzte. Es handelt sich hier nicht um den Partnertanz, den man vielleicht aus der Tanzschule kennt, nein es geht um richtigen Samba mit choreographischen Elementen wie auf den Straßen Salvadors. Sie mochte vor allem die Freitagskurse. Selbst wenn sie mal schlecht gelaunt war, spätestens nach dem Kurs hatte sie ein Grinsen im Gesicht und ging vergnügt ins Wochenende. Die brasilianische Musik macht einfach gute Laune.

Mittlerweile war es dunkel geworden und die Gischt, die über die Felsen spritzte, leuchtete im Scheinwerferlicht. Kleine Geckos huschten auf der Suche nach Mücken über die Mauer. Carine blickte in den sternenklaren Himmel und sah, dass der Mond dick und rund war, es würde eine schöne Vollmondnacht geben. Sie merkte, wie sie müde wurde und gab dem Kellner ein Zeichen zum Zahlen. Sie ließ die Rechnung aufs Zimmer schreiben und ging hinauf. Vom dritten Stock aus hatte sie einen wunderbaren Blick über die Bar mit der Terrasse, wo sie gerade eben noch gesessen hatte. Sie warf einen Blick in die Minibar, nahm eine Dose Heineken heraus und stellte sich einen Stuhl direkt vors Fenster. Sie lehnte sich zurück, die Füße auf der Fensterbank und prostete dem Mond zu. Ob der buddhistische Feiertag etwas mit dem Vollmond zu tun hatte? Die Buddhisten sowie auch die indigen Völker lebten viel mehr nach dem Mond, als wir es in Europa tun, nach dem eigentlich richtigen natürlichen Zyklus der Welt. Warum müssen die Menschen immer alles ändern, in der Annahme es geschehe zum Besseren? Warum kann man nicht einfach alles lassen, wie es ist beziehungsweise wie die Natur es vorgegeben hat? Die Sommerzeit ist auch so ein Quatsch, den keiner braucht. Überhaupt sollte man wieder viel mehr dem Rhythmus der Natur folgen. Die Menschen haben sich viel zu weit entfernt von der Natur, sie wissen gar nicht mehr mit und in ihr zu leben. Anstatt sie zu achten, zu hegen und zu pflegen zerstören sie sie. Erst wenn es zu spät ist, werden sie wach. Die Natur ist stärker, sie wird überleben. Getrieben von der Gier nach Macht und Geld nimmt der Mensch sich selbst seine eigene Lebensgrundlage. Heute würde sie daran sicher nicht groß mehr etwas ändern können.