Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Bärenfang, ein typisch ostpreußischer Honigschnaps, begleitet diese Geschichte. Im Mittelpunkt stehen zwei Brüder, die mit Beginn dieser Erzählung acht bzw. zwölf Jahre alt sind, am Ende des Zweiten Weltkrieges von ihren Eltern im Memelland getrennt werden und auf sich allein gestellt waren. Dabei wurden sie viel schneller als andere Heranwachsende in diesem Alter erwachsen. So erging es unzähligen Kindern in der Nachkriegszeit in Ostpreußen und im Memelland, die von Litauern und Russen - Wolfskinder - genannt wurden. Wer diesen Begriff hört, denkt zunächst an Romulus und Remus, sowie an die Gründung Roms. Kaum einer vermutet die Herkunft dieser Bezeichnung aus Ostpreußen bzw. dem Memelland. Der Autor berichtet, wie sich zwei Jungen clever durch die Wirren dieser Zeit, sicherlich mit viel Glück und als eine von wenigen Ausnahmen, erfolgreich durchschlugen. Er berichtet von abenteuerlichen Erlebnissen der Jungen in einer Bande von Kindern, als Cowboy einer Kuhherde durch Russland, als Kindersklaven bei litauischen Schnapsbrennern im Wald und letzten Endes von ihrer Aufnahme auf einem litauischen Bauernhof. Der Vollständigkeit halber wird hier auch das Schicksal der Eltern beschrieben. Obwohl Hitlerdeutschland und die Sowjets gerade einen erbarmungslosen Krieg beendet hatten, finden die Jungen wider Erwarten Schutz und Beköstigung bei Soldaten der dort stationierten sowjetischen Armee. Diese Erzählung hat der geschichtsinteressierte Autor mit Ort und Zeit in die historischen Ereignisse der Jahre 1944/45 in der Landschaft des Memellandes angesiedelt. Mit heraus gestellten Einblendungen erinnert der Autor an die politischen und militärischen Vorgänge jener Zeit. Sicherlich sah die reale Wirklichkeit vielerorts noch viel grausiger aus, aber dem Autor kommt es heute nach über fünfundsechzig Jahren nicht darauf an, unbedingt Horrorgeschichten des Krieges zu publizieren. Was geschehen ist, soll auf beiden Seiten nicht in Vergessenheit geraten. Trotzdem soll mit diesem Buch weit verbreiteten Klischees der Beteiligten entgegen gewirkt werden. Das Buch wendet sich nicht nur an Erwachsene, die diese schrecklichen Ereignisse teilweise selbst miterlebt haben, sondern auch an junge Leser, denen diese Erlebnisse, Gott sei Dank, erspart blieben. Es soll an das Schicksal der betroffenen Kinder und das von ihnen ertragene Unrecht erinnern. Der ostpreußische Bärenfang aus dem verwaisten Bienenhaus des Großvaters spielt im Schicksal dieser Kinder eine wesentliche Rolle.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Carsten Verhein
BÄRENFANG
Eine Erzählung über das Schicksal von „Wolfskindern“ im Memelland
Engelsdorfer Verlag Leipzig 2013
Bibliografische Information durch die Deutsche
Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.
Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Kartenausschnitt Memelland:
Stielers Handatlas, Gotha 1905
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
1. Unser Leben im Memelland
2. Die Front kommt näher
3. Der Sturm
4. Der selbsternannte Gutsherr
5. Bei russischen Soldaten
6. Max kommt zu uns
7. Als Cowboy durch Russland
8. Unsere Abenteuer
9. Unsere litauischen Eltern
10. Vater in Libau
11. Mutter als Krankenschwester bei den Sowjets
12. Der Seemann Peter
Carsten Verhein
Fußnoten
Der Titel „Bärenfang“ – die Bezeichnung für einen typisch ostpreußischen Honigschnaps – soll nicht die Geschichte dieses Getränks beschreiben, viel mehr begleitet dieser „Honigsaft“ oft lebensentscheidend die handelnden Personen. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen zwei Brüder im Alter von acht und zwölf Jahren, die am Ende des Zweiten Weltkrieges im Memelland von ihren Eltern getrennt wurden und auf sich allein gestellt waren. So erging es in dieser Zeit unzähligen Kindern in Ostpreußen, die zu aller Ironie und Tragik von Litauern und Russen „Wolfskinder“ genannt wurden. Diesen Begriff würde man unweigerlich mit der Gründung Roms in Verbindung bringen, als man Romulus und Remus bei einer Wölfin fand. Niemand würde Wolfskinder da vermuten, wo dieser Begriff entstanden ist und trotzdem hat man sie als Kinder von Wölfen bezeichnet.
Welche Tragik liegt in dieser Namensgebung, konnten doch diese Kinder zuletzt für das, was ihre Eltern oder andere im Namen des „Führers“ begangen hatten oder begangen haben sollen. Die, die diesen Kindern den Namen gaben, sind Menschen aus Ländern, die von Nazideutschland zuvor überfallen wurden und die in ihrer Verbitterung über das Ertragene so empfanden.
Versuchen wir uns zurückzuversetzen in die Jahre 1944/45 in diese Provinz im damaligen Deutschen Reich. Der Zweite Weltkrieg hat seit Stalingrad und der Normandie-Landung eine Wende genommen. Mehr und mehr beginnt die deutsche Bevölkerung an den Naziparolen zu zweifeln. Der Kriegsgegner nähert sich den Grenzen des Deutschen Reiches. Ostpreußen und das Memelland werden zuerst zum Kriegsschauplatz auf heimischem Boden, bevor sich die Fronten nur noch in Deutschland bewegen. Das Grenzland an der Memel hatte über siebenhundert Jahre eine unveränderte, stabile Grenze, bis der Erste aber vor allem der Zweite Weltkrieg Tod und Zerstörung und letzten Endes den Verlust dieser Gebiete mit sich brachten. Aufgebote des Volkssturms, rekrutiert aus Alten und der Hitlerjugend, verstärkt mit wenigen Frontsoldaten zu sogenannten Volksgrenadierdivisionen, sollen den Gegner aufhalten. Der an Selbstmord grenzende Erlass des Gauleiters Koch, wonach der Zivilbevölkerung die Flucht bis zuletzt verboten wurde, führte dazu, dass fliehende Menschen mit ihren Trecks orientierungslos zwischen die Fronten gerieten. Ostpreußen und das Memelland wurden von der Roten Armee eingeschlossen. Letzte Fluchtwege blieben über die Kurische und Frische Nehrung oder von dort mit dem Schiff in Richtung Westen. Obwohl über 2,2 Millionen Flüchtlinge auf dem Seeweg in Richtung Westen transportiert wurden, kamen fast alle Maßnahmen zu spät.
In dieser katastrophalen Situation machten sich weder die Nazis, noch die Sieger große Gedanken über das Los der Schwächsten, der Kinder, der Alten und Kranken. Vereinzelt fanden Kinder Schutz beim Sieger, das war jedoch die Ausnahme und nicht der Regelfall. Trotzdem oder gerade deshalb, soll hier unter anderem von so einer Geschichte berichtet werden, die sicherlich nicht den Regelfall darstellt. Gefühle wie Mitleid und Hilfsbereitschaft gegenüber der Zivilbevölkerung waren auf den Kriegsschauplätzen eine seltene Ausnahme und trotzdem gab es neben unzähligen Gräueltaten auch Beispiele, dass Soldaten Essen an hungernde Kinder des „Feindes“ verteilten oder Sanitäterinnen ihnen medizinische Hilfe zukommen ließen.
Der Autor möchte sich mit dieser Erzählung gegen klischeehaftes Denken wenden, wie es vor allem durch die Propaganda beider Seiten verbreitet wurde. In Einzelfällen beschreibt das Leben immer wieder andere, spezielle Begebenheiten.
Den Kindern, die sich durch diesen harten Weg ins Leben kämpfen mussten, sei diese Erzählung gewidmet.
Den Sommer 1944 erlebte ich als Zwölfjähriger mit meinem achtjährigen Bruder Frank in Krettingen, früher Crottingen, im nördlichen Memelland, ohne wesentliche Kriegseinwirkungen, obwohl die Front keine zweihundert Kilometer entfernt war.
Diese Kleinstadt lag unmittelbar an der deutsch-russischen oder litauischen Grenze. Jenseits der Grenze gab es das russische Crottingen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus Krettingen das litauische Kretinga.
Während der Eroberung Polens und solange es beim Überfall auf die Sowjetunion vorwärts ging lagen wir abseits der großen militärischen Vorgänge. Abgesehen von wenigen Einschränkungen verlief unser Leben wie in tiefsten Friedenszeiten.
Das sollte sich aber bald ändern!
Vater unterhielt als Landarzt, Dr. Wilhelm Mauruschat, eine Praxis im Stadtzentrum, unweit des Marktes dieser Kleinstadt. In dem großen zweigeschossigen Haus mit einem weithin leuchtenden Ziegeldach befand sich über der Praxis im Erdgeschoss unsere geräumige Wohnung. Seitlich des Hauses führte eine mit Kopfsteinen gepflasterte Einfahrt auf den Hof des Grundstückes, wo sich der Pferdestall und daneben die Garage befand, in der zu Friedenszeiten Vaters Auto stand, mit dem er seine Krankenbesuche über Land machte.
Nachdem der Wagen im Krieg eingezogen wurde, diente die ehemalige Garage als Remise für den einachsigen Dogcart1. Mit solch einem Gespann machte Vater jetzt seine Krankenbesuche über Land.
Über dem Pferdestall wurden Stroh und Heu gelagert. Von Zeit zu Zeit wurde in einer Kammer neben dem Pferdestall mit einer Maschine Stroh zu Häckel geschnitten. Für uns Kinder war das ein beeindruckender Vorgang, wenn das große Schneidrad durch eine Kurbel in Bewegung gesetzt wurde und das lang faserige Stroh wie Späne zu Boden fiel. Selbstverständlich durften wir Kinder diese gefährliche Maschine nur von weitem betrachten. Ansonsten wurden wir mit allem rund um das Pferd vertraut.
Genau so interessant waren für uns die Praxisräume, die wir aber außer den Sprechzeiten und erst recht nicht während der Sprechstunde betreten durften. Vater wurde ganz streng, wenn er erfuhr, dass wir in seiner Abwesenheit in den Praxisräumen gewesen waren. Eine Ausnahme machte er jedoch, wenn wir an Wochenenden unsere Eisenbahn im Wartezimmer aufbauen wollten. Wenn er dann nach Hause kam und uns mit anderen Kindern auf dem Fußboden liegend im Wartezimmer, inmitten der Eisenbahn, fand, siegte in ihm seine Begeisterung für das „Dampfross auf Rädern“.
Eine strikte Teilung in Dienst- und Freizeit gab es für den Landarzt nicht. So gesehen war er immer im Dienst, denn eine Geburt, ein schwerer Unfall oder andere, plötzlich auftretende starke Schmerzen fragen nicht nach Dienst- oder Freizeit, nach Tag oder Nacht oder Feiertag. Für seine Patienten war Vater immer da, und das wussten und schätzten seine Patienten an ihm.
Neben einer Krankenschwester half Mutter in der Praxis.
Während des Krieges kamen auch Kriegsgefangene als Patienten, unter anderem Franzosen, Italiener, Holländer, Belgier, Polen und Russen, Menschen aus vielen Ländern Europas, die von deutschen Truppen besetzt waren. Die Gefangenen arbeiteten in der Landwirtschaft, beim Be- und Entladen auf dem Bahnhof oder überall dort, wo deutsche Arbeitskräfte fehlten, die für den Krieg eingezogen wurden.
Holländer und Franzosen waren unsere besonderen Freunde. Uns Kindern schenkten sie manchmal Schokolade, welche sie aus den tiefen Taschen ihrer braunen Militärmäntel zogen. Anfangs waren wir misstrauisch, denn in der Kriegszeit wussten wir zunächst überhaupt nicht, was Schokolade war.
Vater sah es nicht gerne, wenn wir von den Gefangenen Süßigkeiten bekamen, denn fanatische Nazis machten daraus eine Anzeige. In deren Augen war es für einen „guten“ Deutschen unter aller Würde, von einem Gefangenen etwas anzunehmen, aber erst recht nicht, zu geben.
Erst später erfuhr ich, dass gefangene Holländer und Franzosen Hilfspakete vom Roten Kreuz erhielten und den Inhalt meistens auch behalten durften.
Unsere Eltern hatten uns besorgt den Ernst der Lage erklärt, dass die Front, an der erbittert gekämpft wurde, allmählich keine einhundert Kilometer mehr entfernt sei.
Den näher kommenden Krieg spürten wir unter anderem daran, dass Verwundetentransporte durch die Stadt zunahmen und selbst in unserer unmittelbaren Umgebung ein Lazarett eingerichtet wurde.
Während früher in den Ferien die Klassenzimmer für Schulkinder aus den Großstädten des Reiches vorübergehend geräumt wurden, kam jetzt eine Schule nach der anderen für militärische Zwecke in Betracht und der Unterricht fiel aus.
Gern erinnere ich mich an das bunte Markttreiben in unserer Kleinstadt, das jeden Sonnabend im Zentrum von Krettingen organisiert wurde. Bedingt durch das Nationalitätengewirr der nahen Grenze, waren die Angebote auf dem Markt unheimlich interessant und vielseitig. Da kamen neben den Einheimischen auch Polen, Litauer, Russen, Letten und boten an, was sie auch nur bis hierher transportieren konnten.
Neben Obst und Gemüse, Fleisch, Fisch, Pilzen, Honig, Kleinvieh, Hunden und Pferden wurden wertvolle Holzarbeiten und sogar Möbel angeboten, nicht zu vergessen, der Bernstein.
Straßenmusiker schoben sich mit „Fiedel und Quetschkommode“ durch die engen Gassen der aufgebauten Stände und sorgten für die auf dem Markt so typische Atmosphäre. Oft waren die Passagen so eng, dass sich die Vordächer der Stände fast berührten, so dass kaum noch Licht auf die Auslagen fiel, was vielleicht sogar beabsichtigt war. Dazwischen duftete Essen und Trinken verführerisch.
Dieses Markttreiben zog natürlich auch Leute an, die fahrend durchs Land zogen und allzu viel Licht scheuten, vor denen man sich besser in Acht nahm. Großmutter gab immer den Rat: “Saite auf der Hut, jestohlen wird heite überall und haltet eier Jeld zusammen.“ Trotz alledem, oder gerade deshalb, die Besuche des Marktes blieben mir unvergessen.
Mein Bruder und ich verbrachten eine sorglose Kindheit und hatten neben der Schule viel Freizeit.
Unvergessen und in lebendiger Erinnerung bleiben mir auch die Feste in der Familie, wie Geburtstage, Weihnachten und Ostern. Wenn bei solchen Anlässen nicht die Großeltern und Tanten zu Besuch waren, fehlte etwas.
Unterstützt von der Großmutter gab sich Mutter die größte Mühe, die Feste für alle Beteiligten zu einem besonderen Erlebnis zu machen, in dem sie für das leibliche Wohl sorgte, was wir Kinder damals noch gar nicht richtig wahrnahmen und würdigen konnten. Wenn am Abend die Gäste gegangen waren, hörte ich, wenn Vater die Mutter in die Arme nahm und sich bei ihr für den schönen Tag bedankte. An solchen Festtagen hatte sie die Hauptlast zu tragen, während die Familie und der Besuch diesen Tag voll genießen konnten.
Erst als ich älter wurde, merkte ich, dass der Weihnachtsmann der verkleidete Großvater war, denn es fiel mir allmählich auf, dass dieser bei der Bescherung niemals zugegen war.
Auch Ostern gab es Merkwürdigkeiten, die mir früher nicht aufgefallen sind. Bei diesem Fest wurden die Ostereier im nahe gelegenen Auwald versteckt, durch den ein kleiner Bach in kurzen Windungen seinen Weg suchte. An diesem Ostereiersuchen nahmen die ganze Familie und auch die Gäste teil. Je mehr Menschen anwesend waren, umso undurchsichtiger wurde Vaters Trick.
Er trug immer den Korb, in den wir Kinder die gefundenen und von ihm vorher versteckten Ostereier und Süßigkeiten legten. Ich hatte bald bemerkt, dass Vater die Ostereier versteckte und nicht der Osterhase. Um die Osterbescherung nicht zu gefährden, ließ ich ihm aber die Freude zu glauben, wir Kinder hätten das nicht gewusst.
Was wir bei der Prozedur nicht bemerkten war, dass er in einem Augenblick, in dem er sich unbeobachtet fühlte, die von uns bereits gefundenen Ostereier aus dem Korb erneut versteckte. In der Aufregung merkten wir Kinder nicht, dass der Inhalt des Korbes nicht zunahm.
Wenn schlechtes Wetter den Osterspaziergang verhinderte, musste alles im Haus stattfinden. Höhepunkt war ein lebendiges Kaninchen, welches vom Nachbarn ausgeliehen, durch das Wohnzimmer hoppelte und einen riesigen Spaß bereitete. Uns Kindern wurde dann erzählt, dass dieser Osterhase für das Verstecken der Ostereier zuständig sei. Nur Mutter bangte um ihren Teppich, denn der falsche Osterhase könnte ja auch etwas verlieren, was nicht gerade mit Ostern im Zusammenhang stand.
Ähnlich wie zu Weihnachten musste ich als der Ältere vor dem Ostereiersuchen, Goethes Osterspaziergang aufsagen und ich kann ihn heute noch auswendig vortragen, weil er auf diese Weise alle Jahre wieder geprobt wurde. Bei den Tanten erntete ich dafür viel Lob und Beifall für meinen Vortrag.
„Nichts gibt es umsonst“, waren meine stillen Gedanken.
So oft es ging, begleiteten wir den Vater bei seinen ausgedehnten Krankenbesuchen im Landkreis und darüber hinaus. Sein Tätigkeitsfeld erstreckte sich bis über die damalige Reichsgrenze hinaus. Im kleinen Grenzverkehr machte er keinen Unterschied zwischen Deutschen, Litauern und Russen.
Für seine Hausbesuche hatte Vater den einspännigen Dogcart, der von der umgänglichen und sanften Stute Lajana gezogen wurde, denn das Auto, welches sonst für diesen Zweck bereitstand, konnte in Folge des Krieges schon lange nicht mehr benutzt werden. Lajana brachte Vater bei Wind und Wetter, Sommer wie Winter sicher ans Ziel und wieder nach Hause.
Gerade im Winter und davon gab es im äußersten Norden Deutschlands, hier im Memelland, harte Kostproben. Wo das Auto schon längst streikte, war keine Schneeschanze für sein Gespann zu hoch. Diese Überlandfahrten machte Vater an zwei Tagen in der Woche.
Wenn wir Jungs ihn begleiteten, übernahm ich das Kutschieren. Meinen kleineren Bruder Frank nahmen wir in die Mitte. Hinter der Sitzbank befand sich ein Kasten mit einer verschließbaren Klappe, in dem die Tasche mit den Instrumenten und Medikamenten stand.
Auf der Rückfahrt hatte dieser Kasten meistens noch eine andere sehr wichtige Funktion. Dort hinein wanderten allerlei Lebensmittel, wie Eier, eine Milchkanne, ganze Hähnchen und Enten sowie Gemüse aller Art. In der Landpraxis war es üblich, wenn möglich, mit Naturalien zu bezahlen und in der Kriegszeit, als die Lebensmittel immer knapper wurden, war das sehr willkommen.
Um von der Landbevölkerung anerkannt zu werden, musste ein Arzt deren Sprache sprechen. Vater beherrschte nicht nur den ostpreußischen Dialekt, sondern er konnte auch Litauisch und Russisch, selbst die alte Sprache der Kuhren verstand er.
Oft bat man ihn nach der Behandlung eines Patienten auch nach kranken Schweinen und Kühen zu sehen. Nicht selten konnte er in solchen Fällen auch helfen. Nur gut, dass die Anforderung nicht umgekehrt war und Vater wäre Tierarzt gewesen. Als solcher wäre es weit schwieriger gewesen, kranken Menschen zu helfen.
Der Landarzt war dort nicht nur für physische Krankheiten zuständig. Die Leute vertrauten ihm so, dass er auch in vielen anderen Dingen zu Rate gezogen wurde. Er war für die Menschen auf dem Lande nicht nur eine Vertrauensperson als Arzt, sondern auch Pastor, Berater für Finanz-, Versicherungs-, Steuerfragen und andere Dinge. Selbst bei Ehekonflikten wurde er zu Rate gezogen. Dementsprechend lange dauerte auch immer der einzelne Patientenbesuch und wir Jungs mussten vor der Tür auf ihn warten.
Das war selten langweilig, denn meistens waren wir bei Bauern auf dem Hof und da gab es viel Interessantes zu beobachten. Beim Füttern und Melken konnten wir zusehen. Außerdem konnten wir miterleben, wie eine Kuh kalbte, wie Pferde beschlagen und wie ein Schwein geschlachtet wurde. Bei Letzterem verschwand Frank lieber und ließ sich erst wieder blicken, wenn das Schwein an der Leiter hing.
Wenn Vater zu Hause Sprechstunde machte, graste Lajana auf der Weide neben dem Haus. An solchen Tagen übten wir Jungs reiten und Lajana ließ alles über sich ergehen.
Uns fehlte zwar die richtige Reitausrüstung, aber eine zusammengeschlagene, mit einem Gurt auf dem Pferderücken verzurrte Decke tat es auch. Am schwierigsten war das Trab-Reiten, denn auf dem Pferderücken ohne Sattel und Steigbügel hoppelte man von einer Seite zur anderen. Kam das Pferd erst in den Galopp, saß man wie in einem Sessel.
Im Laufe der Zeit lernten ich und auch mein kleinerer Bruder perfekt Reiten. Wir lernten mit Pferden umzugehen, das Füttern, Striegeln und selbstverständlich auch das Ausmisten. Alle diese Kenntnisse sollten uns später noch von großem Nutzen sein.
So oft es möglich war, aber vor allem in den Ferien, besuchten wir die Großeltern in Nimmersatt oder Nimereseta, wie die Litauer es nannten. „Nimmersatt – wo das Reich ein Ende hat“, so spottete man gern über diesen Namen der nördlichsten Ortschaft im damaligen Deutschen Reich.
Gleich am Ortsrand war die russische oder die litauische Grenze. Zwei große nicht zu übersehende Grenzsteine kennzeichneten früher den Grenzverlauf. Sie ragten wie zwei Obelisken aus der Landschaft.
