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David March ist ein Bär von Mann, ein Outdoor-Abenteurer, ein scheinbar glücklicher Familienvater. Doch hinter dem äußeren Schein verbirgt sich tief in seinem Inneren ein Gefühl gähnender Leere, ein tiefes, schwarzes Nichts. Von der Schwere seiner Depressionen fast erdrückt, beschließt David, sich das Leben zu nehmen. Dazu sucht er die Einsamkeit der Rocky Mountains auf, einen Ort längst vergangener Kindheitstage, umgeben von der vermeintlichen Idylle wild lebender Grizzlybären... Völlig unverhofft stellt eine schicksalhafte Begegnung in der Wildnis Davids Welt auf den Kopf und sein gesamtes Denken in Frage – und nimmt ihn an seinem Abschiedsort gefangen, gefangen zwischen Tod und Leben. In erschütternder Eindringlichkeit erzählt „Bärentage“ von dem verzweifelten Ringen eines Mannes, der sich vor dem Scherbenhaufen seines Lebens sieht. Dabei geht es um Momente des In-den-Spiegel-Schauens und des Erschreckens, aber auch um Lichtblicke, mutmachende Selbsterkenntnisse und beherzte Entscheidungen. EIN ROMAN, DER UNTER DIE HAUT GEHT, DER PROVOZIERT UND INSPIRIERT!
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Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
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D.P. Krüger
BÄRENTAGE
gefangen zwischen Tod und Leben
Roman
www.tredition.de
© 2015 by D.P. Krüger
Umschlaggestaltung: pk special designs
Titelbild: www.pixabay.com
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN Paperback:
978-3-7323-2296-1
ISBN Hardcover:
978-3-7323-2297-8
ISBN e-Book:
978-3-7323-2298-5
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Widmung
Diesen Roman habe ich für all jene geschrieben die damit ringen, dem Bären ins Gesicht zu schauen.
Fasst Mut und wagt es!
Mögen wir alle lernen, dem Blick des Bären stand zu halten und unseren Weg unbeirrt zu gehen!
Insbesondere widme ich dieses Buch
Inhalt
1 Wildnis
2 Sternenzelt
3 Familienglück
4 Krise
5 Zorn
6 Widerhall
7 Gefängnis
8 Bärenkind
9 Bärenmutter
10 Bärenvater
11 Kampf
12 Heimat
1
Wildnis
David March war ein Bär von Mann. Wer ihn kannte, der wusste, dass es für diesen sportlichen Mittvierziger kaum eine Strapaze gab, die er nicht mit beneidenswerter Leichtigkeit meisterte. Oft trieb es ihn tagelang in die nahe gelegenen Rocky Mountains, wo er wahre Gewaltmärsche zu Fuß unternahm, stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Er liebte es, sich immer wieder von neuem an die Grenzen seiner Kräfte heranzutasten, und es hatte fast den Anschein, als ob er diese nie tatsächlich erreichte. Zu groß war die sportliche Energie, die diesen Abenteurer zu immer neuen Unternehmungen beflügelte. Doch hatte David bei allem Wagemut und aller Abenteuerlust nie seinen klaren Sachverstand und sein Verantwortungsbewusstsein gegenüber seiner eigenen Gesundheit, aber auch seiner Frau und seinen Kindern, verloren. Es gelang ihm stets, Risiken gut abzuschätzen und seinen Kräften gemäß zu agieren. Nie hatte er sich oder andere, die gelegentlich mit ihm unterwegs waren, in unkalkulierbare Gefahrensituationen gebracht.
David March war ein liebenswerter Mensch und ein vorbildlicher Familienvater. Abgesehen von den intensiveren Phasen seiner sportlichen Höhenflüge, nahm er sich stets ausgiebig Zeit für seine Frau Katie und seine drei Töchter Rose, Lilly und Emma und kümmerte sich rührend um sie. Er genoss es, von vier Frauen umgeben zu sein, von denen eine hübscher als die andere war. Emma, mit ihren vier Jahren die jüngste und zugleich vorlauteste, sorgte regelmäßig für heitere Momente, wenn sie mal wieder in ihre selbst kreierten Märchenwelten abtauchte und diese in farbenfrohen und äußerst fantasievollen Wortschöpfungen zu beschreiben versuchte. Lilly und Rose, die beiden älteren, gingen bereits in die Primary School und waren, abgesehen von gelegentlichen Streitigkeiten, meist ein Herz und eine Seele. Wie oft hatten sie sich bei David und seiner Frau beklagt, dass sie keine Zwillinge geworden waren, hätten sie dann doch sogar ihre Geburtstage zusammen feiern können!
Doch all sein Kinderglück wurde noch weit überstrahlt von Katie, der Frau an Davids Seite. Sie war ein durch und durch lebenslustiger Mensch, sehr kontaktfreudig und damit die wichtigste Außenverbindung der Familie zum gesellschaftlichen Umfeld, in dem David sich nie so unbeschwert zu bewegen gelernt hatte wie sie. Sie hatte meist ein sehr sonniges Gemüt – abgesehen von Situationen, in denen sie sich unverstanden oder in ihren Empfindungen von David übergangen fühlte und ihm dies in gewitterähnlichen Gefühlsausbrüchen deutlich zu verstehen gab. Doch waren diese Unwetter meist von kurzer Dauer und sorgten dafür, dass sich dicke Luft selten länger als einen halben Tag im Haus halten konnte. David hatte Katie vor fast 15 Jahren geheiratet und es seither trotz so mancher stürmischer Phasen eigentlich nie bereut. Obwohl er gelegentlich dazu neigte, dies zu vergessen, so war ihm doch sehr bewusst, was er an ihr und seiner Familie hatte, und war dankbar für diesen Segen. In der kleinen Ortschaft Glenridge unweit von Brookster in Alberta/Kanada, das David seit seinem siebten Lebensjahr seine Heimat nannte, gab es nicht wenige, die ihn um sein Familienglück beneideten.
Doch heute hatte David all dies nicht vor Augen. Zu voll war sein Herz mit anderen Gedanken, und seine Seele mit Abgründen, mit deren Existenz hinter allem äußeren vermeintlichen Glück er sich stets zu arrangieren versucht hatte. Heute war von dem unternehmungslustigen und liebenswerten, wenn auch eher stillen und scheinbar in sich ruhenden David wenig zu spüren.
Die Sonne brannte erbarmungslos auf ihn herab, doch konnte auch sie kein Licht in das Dunkel seiner trüben Gedanken werfen. Ungewohnt schwerfällig bewegte sich David durch den dichten Wald des Penelopee National Forest, eine halbe Tagesreise von seinem Heimatörtchen Glenridge entfernt. Er war jetzt erst knappe vier Stunden zu Fuß unterwegs gewesen, doch schienen seine Beine ihn kaum noch weiter tragen zu wollen. Als wäre sein Rucksack mit Blei gefüllt, schleppte David sich mühsam voran, jeder Schritt von einem lautlosen Seufzen begleitet. Es war die Last seiner Seele, die ihn schier zu Boden zog. Und die Angst vor der ultimativen Herausforderung, die ihm bevorstand und bei der ihm seine Bärenkräfte nichts, aber auch gar nichts nützen würden.
Schwerfällig erklomm er einen eigentlich nur leichten Anstieg, der ihm von früheren Touren noch sehr vertraut war. Am oberen Ende konnte er im zunehmend goldgelb gefärbten Abendlicht sein Ziel bereits deutlich erkennen: ein Hochstand, auf dem er in seinen Kindheits- und Jugendjahren schon viele Male gesessen und den Ausblick über die gebirgige Wildnis des Penelopee National Forest genossen hatte. Er hatte stets die Einsamkeit dieses Ortes geliebt. Es konnte passieren, dass man hier tagelang keiner Menschenseele begegnete. Offensichtlich war dieser äußerst geräumige Jägersitz nur sehr wenigen Wanderern bekannt – und seit der Einrichtung des Nationalparks vor knapp 20 Jahren gab es auch für Jäger keinen Anlass mehr, diesen Ort aufzusuchen.
Zum ersten Mal war David im Alter von acht Jahren dort oben gesessen. Sein Vater, ein leidenschaftlicher Jäger, hatte ihn schon früh auf Wandertouren ins Gelände mitgenommen und so schon in jungen Jahren in ihm die Liebe zur Natur und zur sportlichen Herausforderung in der Wildnis geweckt. Auch sein Vater war durch und durch ein Abenteurer gewesen, und David hatte ihn immer dafür bewundert. Wären viele Dinge nicht so gelaufen, wie sie gelaufen waren, David würde noch heute mit ihm gemeinsam die ein oder andere Tour unternehmen. Sein Vater war mittlerweile Anfang 70, doch hatte David bereits seit über 10 Jahren keinerlei Kontakt mehr zu ihm.
Warum nur hatte dies alles so kommen müssen? Hätte er etwas daran ändern können? David wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er hob einen Stein auf, über den er, in Gedanken versunken, fast gestolpert wäre, und schleuderte ihn in verzweifeltem Zorn gegen eine hoch aufragende Douglasie am Wegesrand. Er wehrte sich innerlich gegen diese wehmütigen Gedanken, hatte er diese in all den langen Jahren doch schon so oft durchgespielt – ohne Ergebnis, ohne Lösung, ohne Perspektive. David musste sich einmal mehr eingestehen, dass ihn die Trennung von seinem Vater schmerzte, doch sah er keinen Weg, etwas daran zu ändern. Die Geschichte war einfach zu lang und zu kompliziert, als dass er sie ein weiteres Mal durchdenken wollte. Doch der Anblick des plötzlich vor ihm auftauchenden Hochstands führte David unweigerlich auf innere Ausflüge in längst vergangene und verdrängte Zeiten. Der Kampf seiner kreisenden Gedanken mit den mächtig aufwallenden Gefühlen von Zorn und Ohnmacht und Selbstmitleid verwehrten ihm endgültig das Weitergehen. Er warf sich auf den Boden, vergrub sein Gesicht in den Händen und schrie seine Verzweiflung in den Abendhimmel: „Warum, warum, warum? Warum musste es bloß so weit kommen?“
Wellen der Schwermut und des Zorns spülten durch seine Seele wie ein plötzlicher Tsunami und ließen seinen Körper erbeben. Minutenlang lag er da wie ein Häufchen Elend – er, den in Glenridge in Anbetracht seiner ungeheuren Kraft und athletischen Statur, gepaart mit einer übermäßig üppigen Körperbehaarung, alle nur liebevoll ‘Teddybär’ nannten. Ja, er war ein Bär, er strotzte vor Gesundheit und Kraft, doch was nützte ihm das im Gefängnis seines erbärmlichen Daseins?
Erst als David realisierte, dass es schon bald Abend werden würde, raffte er sich missmutig auf und ging die letzten Meter bis zum Hochstand weiter. Dort angekommen, hielt er inne und schaute einen sehr langen Moment die 27 Leitersprossen hinauf zum Jägersitz. Wie oft hatte er als Kind die Stufen gezählt und jedes Mal geprüft, ob es immer noch genauso viele waren wie beim letzten Besuch! Doch heute war ihm nicht nach Zählen zumute. Ein Kampf tobte tief in ihm, den man dem Bär von Mann an jeder Faser seines Gesichts ablesen konnte. Es schien, als bereite er sich mental auf eine große Reise in ein ungewisses Abenteuer vor. Was würde ihn dort oben erwarten? Was versprach er sich eigentlich davon, nach so langer Zeit ausgerechnet an diesen Ort zurückzukehren, der ihm aus zumindest phasenweise unbeschwerten Kindheitstagen noch so vertraut war?
Endlich gab er sich einen Ruck und betrat die erste Sprosse. Langsam und vorsichtig erklomm er Stufe um Stufe, so sorgsam, als befände er sich ohne sicherndes Seil in einer gefährlichen Steilwand. Ihm waren Abenteuer vertraut, doch vor diesem Abenteuer hatte er Zeit seines Erwachsenenlebens gekniffen: das Abenteuer, sich seiner Vergangenheit und der Realität seiner seelischen Abgründe zu stellen – mit allem, was dazugehörte, mit allen Konsequenzen. Komisch, dachte er, dass die stärksten Männer oft die größten Feiglinge sind.
Als er endlich oben ankam, war er überrascht, wie niedrig der Hochstand eigentlich war. Ihm waren die knapp fünf Meter über dem Boden als Kind viel höher vorgekommen. Dennoch war diese Aussichtsplattform ohne Zweifel von stattlicher Größe. Sie maß in der Breite etwa 2,50 m und war gut 2 m tief. Damit war diese Konstruktion eine der größten ihrer Art, die David in den gesamten Rocky Mountains kannte – und er kannte mit Sicherheit einige Hundert! Hier oben hatte früher, als das Jagen in dieser Gegend noch erlaubt gewesen war, ohne weiteres ein halbes Dutzend Jäger gemeinsam nach Wild Ausschau halten können. Heute bot der Hochstand aufgrund seiner großzügigen Maße die ideale Möglichkeit, ein bärensicheres Nachtlager aufzuschlagen. Der Schutzraum ruhte auf vier äußerst stabil anmutenden Holzpfeilern, die tief in den Erdboden eingelassen und zusätzlich mehrfach miteinander verstrebt waren.
Ein zu allen Seiten einen halben Meter überstehendes und zur Rückseite des Hochstands leicht abfallendes Wellblechdach schützte den Innenraum vor Regen im Sommer und Schnee im Winter. Insbesondere zum zusätzlichen Schutz gegen letzteres konnten die glaslosen Fensteröffnungen – es gab in drei Richtungen jeweils eine – sogar mit außen angebrachten Fensterläden verschlossen werden. Dies war momentan nicht der Fall, was darauf schließen ließ, dass seit dem letzten Winter schon Wanderer hier gewesen waren.
Ob wohl auch sein Vater in den letzten Monaten mal wieder hier gewesen war? Dieser Gedanke, der sich unwillkürlich in Davids Bewusstsein drängte, behagte ihm kein bisschen. Also schob er ihn so schnell er konnte wieder beiseite. Sein Blick fiel auf die verwitterte, aber noch recht stabil anmutende Holzbank an der fensterlosen Rückseite des Hochstands, die er auch schon von früheren Besuchen kannte. Er setzte sich darauf und warf den Rucksack neben sich in die Ecke, wobei der Kolben seines Gewehrs hart gegen die Seitenwand des Hochstands schlug. David hatte auch das Jagen von seinem Vater abgeschaut, doch betrieb er dieses Hobby nur sporadisch und weit weniger leidenschaftlich als sein Vater es seinerzeit getan hatte. Einen Moment lang fragte David sich, warum er das Gewehr überhaupt auf diese Reise mitgenommen hatte, befand er sich doch in einem Nationalpark, in dem Jagen unter Androhung von Gefängnisstrafe verboten war. Auf der Suche nach einer plausiblen Antwort bemerkte David plötzlich, wie erschöpft, müde und vor allem durstig er war. Er hatte trotz der sengenden Augustsonne unterwegs völlig vergessen, von Zeit zu Zeit etwas zu trinken, so verloren war er in seinen schwermütigen Grübeleien gewesen.
Hastig öffnete er seinen Rucksack und holte seine filzummantelte Trinkflasche hervor. Er nahm einen Schluck und ließ das Wasser genüsslich seine Kehle hinunterlaufen. Dann setzte er ein weiteres Mal an und trank ohne Absetzen fast die halbe Flasche aus. Nachdem er diese wieder verschlossen und zu seinen Füßen abgestellt hatte, lehnte er sich zurück und schloss die Augen. Eine halbe Ewigkeit saß er so regungslos da, während seine Gedanken aufs Neue zu rasen begannen wie ein wehrloser Mann, der einem aufgescheuchten Bären in freier Wildnis zu entfliehen versucht. Was um alles in der Welt hatte ihn an diesen Punkt gebracht? Hätte nicht alles ganz anders kommen können? Wieso saß er, zu dem viele in seinem Umfeld nahezu neidvoll aufblickten, hier, von aller Welt verlassen, auf diesem Hochsitz?
David versuchte, seine unruhig kreisenden Gedanken zum Schweigen zu bringen, indem er sich auf den unglaublich schönen Ausblick konzentrierte, der sich hier oben seinen Augen bot. Vor ihm breitete sich eine im letzten Schimmer des Tages goldgelb gefärbte Pracht aus rauen und teilweise schneebedeckten Gebirgsmassiven, dunklen Wäldern und versprengt darin eingebetteten Seen, Flüssen und Wasserfällen aus. Während David diese Wunder der Schöpfung in sich aufsog, gelang es ihm allmählich, zur Ruhe zu kommen. In Gedanken hob er wie ein in den Rockies nur selten anzutreffender Steinadler von seinem Hochsitz ab und segelte mit weit ausgespannten Schwingen den mächtigen Bergriesen entgegen, die ihn schon von Kind auf so sehr fasziniert hatten. Er glitt über waldbedeckte Anhöhen, gigantische Felsmassive, schwindelerregende Abgründe und schneebeladene Höhenzüge hinweg. In der Ferne erblickte er den Mount Mentis, der mit einer Höhe von über 4.000 m die gesamte Umgebung beherrschte.
Die Rocky Mountains übten eine magische Anziehungskraft auf David aus, der er sich nicht entziehen konnte. So oft er in ihnen unterwegs gewesen war, war ihre raue Naturgewalt zugleich Kraftquelle und Inspiration für ihn gewesen. Er konnte sich niemals sattsehen an ihren Schönheiten, die in jeder Jahreszeit anders und an jedem neuen Ort immer wieder unbeschreiblich und einzigartig waren. Da waren die von den Wassermassen der Schneeschmelze überschäumenden Wasserfälle vor der Kulisse steil abfallender Bergwände; da waren die unbeschreiblich hellblauen und klaren Gebirgsseen, die im Sommer willkommene Abkühlung bescherten; da waren die in Dutzenden von Gelbund Braunschattierungen gefärbten Blätter der herbstlichen Birkenwälder in den tiefer gelegenen Tälern; und da waren die tiefverschneiten Hänge in den langen Wintermonaten, über die sich nicht selten Spuren einzelner verzweifelt nach Nahrung suchender Elche zogen. Es war unmöglich zu entscheiden, welche Jahreszeit die schönste in den Rockies war.
Ein kühler Windstoß riss David jäh aus seinen Tagträumen. Er griff nach seiner Jacke, die er neben sich auf der Holzbank abgelegt hatte, und zog sie über. In der Ferne versank der mittlerweile blutrot angelaufene Sonnenball langsam hinter einem Berggipfel und tauchte den ganzen Horizont in ein wundersam anmutendes Licht. Als wollte diese untergehende Lichtkugel ihm noch einen letzten Abschiedsgruß mit auf seine Reise geben, kam ihm plötzlich ein Gedanke, der ihn selbst überraschte: „Wenn es jemanden gibt, der diese Pracht einfach so aus dem Ärmel geschüttelt hat, wäre es für ihn nicht eine Kleinigkeit, die Trümmer meines Lebens wieder zu sortieren und zu einem heilen Ganzen zusammenzusetzen? Die Last auf meiner Seele einfach wegzuwischen?“
Der Gedanke hatte nur wenige Sekunden lang Bestand, bevor aus der Tiefe seines Inneren eine über viele Jahre aufgestaute Flut von Rebellion, Wut und Frustration hervorbrach und ihm den Garaus machte: „Und selbst wenn es diesen Schöpfergott gibt, so sitzt er ganz sicher auch nur den ganzen Tag auf seinem himmlischen Hochsitz und genießt das Resultat seiner Kreativität wie ein Künstler, der sich selbst Bewunderer genug ist. Was scheren ihn die kleinen Pinselausrutscher im Kontext des Gesamtkunstwerkes, die man mit bloßem Auge sowieso nicht wahrnimmt? Was kümmern wir Menschen schon den Schöpfer? Hat er nicht viel Größeres geschaffen, als dass er sich mit uns abplagen müsste?“
Die Idee eines Gottes, der nicht nur das Universum geschaffen hatte, sondern auch seine kleine Existenz in seiner liebevollen Hand hielt und sich persönlich um ihn kümmerte, kannte David von Kind auf. Er war damit aufgewachsen, weil seine Eltern stets sehr fest und unbeirrt daran geglaubt hatten – zumindest waren sie stets darum bemüht gewesen, diesen Anschein zu erwecken. Er selbst hatte diese Vorstellung aber schon seit vielen Jahren abgelegt. Er konnte gar nicht mehr so genau sagen, wie das gekommen war und wann genau dieser Prozess der Reife, wie er ihn zu bezeichnen pflegte, begonnen hatte. Es war irgendwie eine lange Kette von negativen Erfahrungen und Enttäuschungen gewesen, die ihn dazu geführt hatte, allmählich seinen Kindheitsglauben abzulegen. Er hatte sich in letzter Zeit oft gefragt, wodurch er diesen eigentlich ersetzt hatte. Er wusste es nicht. Irgendwie ahnte er aber, dass er ihn durch nichts, allenfalls durch Zynismus und Fatalismus, ersetzt hatte, so dass letztlich ein gewisses Vakuum zurückgeblieben war.
Mit dem Verschwinden des letzten rotglühenden Punktes hinter dem ebenso rot leuchtenden Berggipfel verschwand auch die in David aufgebrochene Flut genauso urplötzlich, wie sie gekommen war. Es wurde still um ihn herum. Das Vogelgezwitscher, das er an diesem langen Tag ohnehin kaum wahrgenommen hatte, verstummte allmählich und am östlichen Firmament zeigten sich die ersten Sterne als Vorboten einer zu erwartenden nächtlichen Himmelspracht.
Es wurde langsam Zeit, das Nachtlager aufzuschlagen. Er würde hier oben schlafen, sicher vor umherstreifenden Bären und unter dem Dach geschützt vom nächtlichen Tau. Er brauchte dringend Schlaf. Selten hatte er sich so müde gefühlt wie jetzt. Er hatte plötzlich nur noch den Wunsch zu schlafen, nie mehr aufzuwachen, einfach seine Ruhe zu haben, nicht mehr denken zu müssen, nicht mehr grübeln zu müssen, über Dinge, an denen er ohnehin nichts ändern konnte. Er war von alledem müde geworden. Er musste schlafen, musste Kraft tanken für den morgigen Tag. Morgen würde er eine weite und lange Tour unternehmen, einen Treck ins Ungewisse; er würde dieses Mal eine Route wählen, deren Ende er nicht kannte. Es würde die ultimative Herausforderung werden, über die er schon so oft nachgedacht hatte, der sich zu stellen er bislang aber nie gewagt hatte.
David rollte seine Isomatte auf dem Boden der Hochsitzkabine aus und breitete noch eine Decke darüber. Er packte seinen Schlafsack aus und schüttelte ihn kräftig auf, so dass sich seine dicken Daunen mit frischer Luft füllten wie das Gefieder eines Vogels, der sich an kalten Herbsttagen aufplusterte. Er wollte es sich schon auf seinem Lager bequem machen, als er realisierte, dass er unbedingt noch einmal pinkeln musste. An sich wäre dies ja kein Problem gewesen, gäbe es nicht jede Menge Bären in dieser Gegend. Penelopee National Forest war besonders für seine große Zahl an Grizzlybären bekannt, und nicht selten war es auch zu unangenehmen Begegnungen zwischen Mensch und Tier gekommen. Obwohl Bären an sich scheue Tiere waren, die die Nähe des Menschen eher mieden und deshalb im Gelände selbst von erfahrenen Rangern oft gar nicht so leicht aufzuspüren waren, konnten sie doch zu reißenden Bestien werden, wenn sie sich bedroht fühlten. David entschloss sich deshalb dazu, die letzten Reste des verblassenden Tages zu nutzen, um noch einmal schnell seinen Hochsitz zu verlassen. Der Wald war noch hell genug, um potentielle Gefahren rechtzeitig erkennen zu können.
Vorsichtig stieg er Sprosse um Sprosse die Leiter hinab, sich alle paar Schritte nach beiden Seiten umschauend. Als er sich vergewissert hatte, dass sich kein Bär im Umkreis von mindestens 100 m – denn so weit konnte er mit seinen geschulten Augen noch sehen – befand, betrat er den mit einem dicken Moosteppich weich gepolsterten Waldboden unterhalb der Aussichtsplattform. Nachdem er sich erleichtert hatte, kletterte er so schnell wie möglich wieder nach oben zu seinem, wie er fand, sehr gemütlich eingerichteten Schlafplatz. Dort angekommen, merkte er, dass sein Herz heftig klopfte. Er fragte sich, ob dies an der Angst vor den Bären lag, oder vielmehr an dem Tempo, mit dem er soeben die Leiter erklommen hatte.
Er legte sich nun endgültig zur Ruhe, was seinen Gedanken aber noch nicht so schnell gelang. Seine Erinnerungen schweiften zurück zu jenen Kindheitstagen, als sein Vater ihm diesen Hochstand mitten in der weiten und rauen Wildnis des Penelopee National Forest erstmals gezeigt hatte. Stundenlang hatten sie hier gemeinsam gesessen und Bären beobachtet, die in jenen Sommertagen häufig in Sichtweite des Hochsitzes im Schatten des Waldes ihre Mittagszeit verbrachten, ehe sie in der Kühle des Abends die offeneren Wiesen und den See hangabwärts aufsuchten. Fast konnte er ganz neu jenes Glühen der Faszination auf seinen Wangen spüren, das er als Achtjähriger erlebt hatte, als er zum ersten Mal in seinem Leben junge Grizzlybären tollpatschig und unbeschwert miteinander raufen sah. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie sein Vater ihn fast davon zurückhalten musste, im Eifer der Begeisterung vom Hochstand zu klettern, um den lustigen und ach so süß anmutenden Gesellen dort unten Gesellschaft beim Spielen zu leisten.
Es wunderte David, dass er heute noch gar keinem Bären begegnet war und insbesondere von seinem jetzigen Beobachtungspunkt aus noch keinen gesehen hatte. Hatten sie im Laufe der Jahre ihr Revier vielleicht verlagert? Oder waren sie nur schon weiter hangabwärts gewandert, noch bevor er am Hochstand ankam? Er würde ja sehen, ob sie morgen vielleicht auf einen Besuch vorbeikamen. Nur gut, dass Grizzlys sehr schlechte Kletterer waren und niemals einen Hochstand wie diesen erklimmen könnten.
Diesen beruhigenden Gedanken bewegend, unternahm David nun einen weiteren Versuch, seine bleierne Müdigkeit über die Aufgewühltheit seiner Erinnerungen und Emotionen siegen zu lassen. Bei dem Versuch, sich umzudrehen, um eine bessere Schlafposition einzunehmen, schlug er ungewollt mit seiner Hand gegen die Holzwand, woraufhin das dort angelehnte Gewehr mit einem lauten Scheppern umfiel. Mist! Jetzt wäre ihm das Ding doch beinahe noch den Hochstand runtergesegelt und hätte womöglich Schaden genommen! Das hätte jetzt gerade noch gefehlt. Brauchte er das Gewehr doch noch für seine lang geplante Tour am nächsten Tag. Vorsichtig schob er das Mordwerkzeug an die Seite, so dass es nicht ein weiteres Mal umfallen oder gar hinunterstürzen konnte. Dabei fiel ihm auf, wie kalt und unangenehm es sich anfühlte. Einen Moment schauderte ihn, so dass er sich noch tiefer in seinen Schlafsack einkuschelte und vom Anblick der Waffe wegdrehte.
Endlich siegte die Müdigkeit. Die Last dieses denkwürdigen Tages löste sich im Dahindösen von seinen Schultern und seinem Herzen und die Leichtigkeit des Schlafs gewann die Oberhand.
2
Sternenzelt
Was für ein Anblick! Der sonnendurchflutete Wald umschloss behutsam und fast liebevoll die kleine, von üppigem Gras bedeckte Lichtung, in deren Schutz sich Tausende von Bienen, Schmetterlingen und Libellen tummelten. Aufgeregtes Vogelgezwitscher übertönte noch das Summen und Surren der Insektenhorden, die den bunt gefiederten Schönheiten an diesem herrlichen Sonnentag ein geradezu überschwängliches Festmahl bescherten. Das Grün der Lichtung war durchdrungen vom Gelb, Blau und Rot zahlreicher Blumen, die David alle mit Namen kannte: Da war der in dieser Gegend weit verbreitete Hahnenfuß, da war der Feinstrahl, da war die Große Wachsblume. Alle anderen überstrahlend aber war der blau-violett leuchtende Gewöhnliche Natternkopf.
Doch diese wunderschöne Szenerie bildete nur den Rahmen für das, was Davids Aufmerksamkeit voll und ganz in seinen Bann zog. Es waren drei kleine Grizzlybären, die inmitten der Bäume, Blumen, Insekten und Vögel umhertollten und das Leben in einer Ausgelassenheit genossen, die den Betrachter geradezu wehmütig machte. Sie bewegten sich auf der Lichtung, als seien sie Federgewichte, ja als schwebten sie durch ihr noch junges und unbeschwertes Leben. Sie jagten einander in unermüdlichem Spieltrieb und hatten offensichtlich ihre wahre Freude daran. Mal rollten sie am Boden umeinander her, dann lagen sie ineinander verkeilt und bissen sich in spielerischem Kampfdrang, dann sprang einer der drei auf und rannte davon, nur um im nächsten Moment von seinen Jägern in vollem Lauf gestellt zu werden. Zwischendurch legten die drei kleinen Grizzlybären auch mal eine Pause ein, streckten für einen Moment alle Viere von sich und genossen die wärmenden Sonnenstrahlen auf ihren fettgepolsterten Bäuchen.
Man merkte den kleinen Raufbolden an, dass es ihnen rundum gut ging und der schon ungewöhnlich lang anhaltende Sommer es bestens mit ihnen gemeint hatte. Sie waren wohlgenährt und kräftig und ihr Fell schimmerte in einem leicht seidenen Glanz, der auf Gesundheit und gutes Gedeihen hinwies. Kaum hatten sie einen Moment lang die wärmende Sonne eingefangen, da sprang schon wieder einer von ihnen auf und stürzte sich auf sein nächstbestes Opfer, das seinerseits höchst vergnügt den Kampf aufnahm. Eben rollten zwei der Bären ineinander verschlungen über die Wiese, während der dritte im Bunde versuchte, sich zwischen sie zu zwängen und sie auseinander zu reißen, um so selber wieder in das Kampfgeschehen einzusteigen. Er hatte größte Mühe, die beiden zu trennen, und als es ihm endlich gelungen war, machte er mit einem Mal kehrt und nahm Reißaus, wohlwissend, dass er seine beiden Sportsgesellen sofort an seinen Fersen haben würde.
So wogte das Kämpfen, Rennen, Springen und Rollen eine scheinbare Ewigkeit hin und her über die gesamte Ausdehnung der Lichtung. In den ihre Spielwiese umgebenden Wald aber wagten sich die drei jungen Grizzlys zu keiner Zeit, als wäre ihnen klar, dass sie sich nur auf der Lichtung aufzuhalten hatten.
Die Zeit verging wie im Flug, während David diese Szene beobachtete. Er fühlte sich in Kindheitstage zurückversetzt, in denen er auch noch mit dieser Unbeschwertheit und Leichtigkeit durchs Leben ging, die Erwachsenen gemeinhin suspekt, ja geradezu bedrohlich erscheint. Warum gelang es so wenigen Menschen, die Unbeschwertheit der Kindheit mitzunehmen in ihr Leben als Arbeitnehmer, Ehepartner und Familienvater? War es etwa ein Zeichen von Reife, sorgenvoll und beschwert durchs Leben zu gehen? War die Leichtigkeit des Seins, wie nur wenige sie lebten, etwa nur ein Auswuchs von Verantwortungslosigkeit und Egoismus?
Schmerzlich sehnte David sich zurück zu jenen Tagen, als er sich noch Sorgen darüber machte, ob die Vögel im Winter wohl genug Futter finden würden, oder ob die Sonne seinen Schneemann, den er zusammen mit seinem Papa gebaut hatte, allzu schnell wieder zum Schmelzen bringen würde. Er fragte sich manchmal, ob diese scheinbaren Banalitäten, als die sein Vater seine Kindersorgen oft allzu schnell abgetan hatte, nicht viel wichtiger waren als so manche Gedanken, die Erwachsene sich tagein tagaus machten. Was machte es für einen Sinn, sich um alle möglichen Dinge einen Kopf zu machen, die man sowieso nicht ändern konnte und die einen eigentlich nur unglücklich machten? Und doch war man es gewohnt, genau über diesen Dingen zu brüten, so dass man allzu oft die schönen Momente des Lebens gar nicht mehr bewusst genoss.
David konnte seinen Blick einfach nicht abwenden von den drei Raufbolden auf der Lichtung. Das ausgelassene Treiben der Bärenjungen war solch ein schöner Moment, unglaublich anrührend in seiner Intensität und Verspieltheit. Die Szene lud dazu ein, die Zeit zu vergessen und einfach nur zu sein um des Seins willen und das zu beobachten, was sich gerade abspielte. David versuchte, im Hier und Jetzt zu bleiben und den Moment zu genießen, aber es gelang ihm immer nur für wenige Sekunden, bevor seine Gedanken wieder abschweiften in längst vergangene Tage, als deren Produkt er heute und hier angekommen war. Es war eine lange Reise gewesen, und – wie er mittlerweile überzeugt war – eine ungute. Ein Abschied in Raten von der Illusion einer glücklichen Zukunft, mit der er ins Leben gestartet war.
Nicht dass das Schicksal es nicht gut gemeint hatte mit ihm. Ganz im Gegenteil – er hatte alles, was man nach allgemeinem Dafürhalten zum Glücklichsein brauchte: einen guten Job als Projektleiter einer kleinen Firma, die Solarkollektoren herstellte, eine äußerst attraktive Frau, drei wohlgeratene und ebenso hübsche Töchter, die in Schule und Kindergarten bestens zurechtkamen, und nicht zuletzt ein schönes Häuschen mit einem beachtlich großen Garten. Er hatte aber auch bereits früh begonnen zu realisieren, dass man all das nur begrenzt genießen kann, wenn man sich in seiner eigenen Haut nicht wohlfühlt. Ein Haus konnte man wechseln, die Frau auch, wenn es gar nicht mehr ging, aber sich selbst war man stets hoffnungslos ausgeliefert. Man war dazu verdammt, mit sich selbst gut auszukommen – und wehe dir, wenn es dir nicht gelang! Es war Davids schmerzlichstes Eingeständnis, das er erst vor wenigen Monaten endgültig zugelassen hatte, dass ihm genau dies nie gelungen war und vermutlich auch nie gelingen würde. Seither hatte die Depression ihre häufig recht beherzte Umarmung – seine Frau hatte diese in ihrer sehr direkten und manchmal geradezu taktlosen Art stets als Selbstmitleid bezeichnet – in einen tödlichen Griff verwandelt, der ihm zunehmend die Luft nahm.
David atmete tief und schwer und versuchte abermals, sich auf die drei Raufbolde in ihrem wunderschönen braunen Fell zu konzentrieren. Gerade standen sie auf ihren Hintertatzen, tänzelten umeinander her wie Boxer und versuchten, sich gegenseitig umzustoßen. Fiel einer, so rollte er sich wohlig brummend über die Lichtung und stand erst wieder auf, wenn er außer Reichweite seiner Kampfgenossen war. David konnte sich noch gut an solche Kämpfe aus seiner Kindheit erinnern. Sie waren vier Brüder gewesen. Als dem ältesten fiel ihm meistens die Rolle des Kampfrichters zu, wenn seine jüngeren Geschwister ringen wollten. Das hatte ihn aber nie gestört – er liebte es Regie zu führen und im Zweifelsfall das letzte Wort zu haben. Da er selbst mit Abstand der beste Ringer unter seinen Brüdern war, traten die anderen immer nur zu zweit gegen ihn an. Das war zwar nicht immer sehr fair gewesen, hatte ihm aber trotzdem stets einen Riesenspaß gemacht. Meist hatte er diese ungleichen Kämpfe auch in Unterzahl gewonnen und sich anschließend selbst mit dem Eis, das seine Mutter zuvor für den Gewinner ausgelobt hatte, belohnt.
David seufzte. Das waren noch Zeiten gewesen, in denen er ausgelassen gespielt hatte wie diese Bärenkinder unweit seines Beobachtungspunktes! Diese Raufbolde genossen die Leichtigkeit des Seins so sehr, dass sie keinen Blick mehr zu haben schienen für die pure Schönheit ihrer Spielwiese und sich nicht im entferntesten darüber Gedanken machten, dass sie von einem dunklen und vielleicht gefährlichen Wald umgeben waren.
David fröstelte. Er öffnete die Augen und sah im ersten Moment überhaupt nichts. Es war stockdunkel. Nicht einmal die eigene Hand konnte er vor Augen sehen. Und er hatte sich schon in einem neuen sonnig-warmen Tag gewähnt! Dann waren die bärigen Tollpatsche nur Produkte seiner Fantasie gewesen! Aber wer wusste es schon genau? Vielleicht gab es in diesem Wald ja wirklich drei Bärenkinder mit ihrer Mutter; dann würde er ihnen morgen bestimmt begegnen.
David stutzte bei diesem Gedanken. Mutter? Wo war eigentlich die Bärenmutter in seinem Traum gewesen? Oder gab es vielleicht gar keine? Hatte es sich um Waisenbären gehandelt? David musste lächeln über seine kindliche Fantasie, die nun sogar den Begriff des Waisenbären geboren hatte. Vielleicht war es für seine Traumbären ja ohnehin ganz egal, wer oder wo die Mutter war. Vielleicht ging es ihnen ja gerade deshalb so gut, weil sie sich ganz ungestört entfalten konnten, ohne Erwachsene, denen allzu viel Unbeschwertheit ohnehin nur ungelegen kam.
Jetzt, da sich seine Augen ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt hatten, begann David zu realisieren, welch prachtvoller Sternenhimmel sich über ihm aufspannte. Erst konnte er nur einzelne hellere Sterne erkennen, dann ganze Sternbilder und schließlich ein wahres Sternenmeer. Da direkt über ihm das Dach des Hochstands den himmlischen Ausblick verwehrte, konnte er nur einen kleinen Ausschnitt des Firmaments halbrechts über ihm sehen. Das musste in etwa die Südrichtung sein. Er konnte die Sternbilder des Schlangenträgers, der Waage und des Wolfs ausmachen. Er meinte sogar, den Raben zu erkennen, den man normalerweise gar nicht sehen konnte, da er sich aufgrund seiner besonders großen Entfernung nur sehr schwach vom Dunkel des kanadischen Nachthimmels abhob, insbesondere dann, wenn es zu viele irdische Störlichter gab. Doch von letzteren war David hier eine ganze Tagesreise weit entfernt, so dass sich ihm eine Fülle von Sternen präsentierte, wie er sie schon lange nicht mehr gesehen hatte.
Ihm fiel eine Passage aus den Psalmen Davids ein, die er von seiner Mutter gelernt hatte, als er eines Abends mit ihr auf einer nahegelegenen Parkbank gesessen und Sterne beobachtet hatte: „Ich bestaune den Himmel, das Werk deiner Hände, den Mond und alle die Sterne, die du geschaffen hast: Wie klein ist da der Mensch, wie gering und unbedeutend! Und doch gibst du dich mit ihm ab und kümmerst dich um ihn!“
Kümmerst dich um ihn? Kümmerte Gott sich wirklich um ihn? Wie David so die Pracht des Sternenzeltes weit über sich betrachtete, konnte er einfach nicht glauben, dass der Schöpfer dieses Universums, an den er von Kind auf zu glauben gelernt hatte, sich wirklich um ihn, David March aus Glenridge in Alberta/Kanada, kümmerte. Zu übermächtig, zu prunkvoll und zu unendlich waren die Weiten der Galaxien über ihm, als dass der, der diese in seinen Handflächen halten konnte, sich Gedanken über seine kleine und unbedeutende Existenz machen sollte. Insofern hatte der Psalmist recht: Wie klein ist der Mensch, wie gering und unbedeutend im Vergleich zu den Galaxien über ihm!
Plötzlich empfand David den zweiten Teil dieses Psalmzitats, das sich unverhofft einen Weg aus den Tiefen seiner Kindheitserinnerungen an die Oberfläche seiner resignierten und verzweifelten Existenz gebahnt hatte, wie puren Hohn. Zynisch grinste ihm der Schlangenträger aus 127.000.000 Lichtjahren Entfernung zu, und die Sternbilder von Schild, Adler und Skorpion schienen sich Witze über seine erbärmliche Gestalt in den Weiten der kanadischen Wildnis zu erzählen. Die Masse der Sterne drohte ihn zu erdrücken, die Unendlichkeit über ihm ihm den Atem zu rauben. Wer war er schon in Anbetracht dieser Sternenscharen? Würde auch nur eines dieser nächtlichen Lichter für eine Sekunde zu leuchten aufhören, wenn er nicht mehr wäre? Würde es irgendeinen Unterschied machen?
David setzte sich auf. Er öffnete seinen Schlafsack, griff nach seiner Jacke und zog sie an, um sich noch besser vor der empfindlichen Kühle dieser Nacht zu schützen. Doch, dachte er mit einem Mal, es gab Sterne in seinem Leben, die zu leuchten aufhören würden, wenn er nicht mehr wäre. Diese Sterne hießen Rose, Lilly und Emma – seine Töchter, eine strahlender als die andere! Sie standen ihm nahe, sie waren greifbar, sie bedeuteten ihm mehr, als es ihm wohl je auch nur ansatzweise auszudrücken gelungen war.
Aber diese Sterne dort oben und der, der sie in Händen hielt? Ohne es in diesem Moment zu realisieren, ballte David zornig seine im Schlafsack verborgenen Fäuste. Der Unendliche hatte doch viel zu viel damit zu tun, die Galaxien zu jonglieren, als dass er ihm auch nur ein Augenzwinkern schenken könnte. Nicht ganz ohne Wehmut dachte er zurück an die Tage seiner Kindheit und Jugend, in denen er noch an einen empathischen und ihm persönlich zugewandten Gott glauben konnte. Lange schon war dieses religiöse Urvertrauen den Widrigkeiten des Lebens und insbesondere der Schwere seiner depressiven Phasen zum Opfer gefallen, aus denen ihm niemand, auch Er dort oben nicht, hatte helfen können. Auch der Sternenglanz in den Augen seiner reizenden Töchter hatte es über die Jahre immer weniger vermocht, ihn über den einzelnen Moment hinaus aufzumuntern und emotional auszugleichen. Er hatte den Anker seiner Seele verloren. Er wusste nicht wie und wann, aber er spürte zunehmend häufig, dass er wie ein Schiffbrüchiger auf den Wellen des Schicksals hin- und hergespült wurde, ohne Halt, ohne Balance, ohne Ruhepol. Letzterer konnte auch seine Frau Katie nicht für ihn sein, das hatte er sich schon vor Jahren schmerzlich eingestehen müssen. Wenngleich sie ein wahrer Sonnenschein in seinem Leben war, konnte auch sie nicht die stetig dunkler und größer werdenden Wolken durchdringen, die sich immer öfter um seine Seele legten.
David hielt verdutzt inne. Wie war er jetzt bloß vom Anblick der Sterne zu seiner Frau und seinen Kindern gekommen? Der unverhoffte Gedanke an seine Familie behagte ihm in dieser nächtlichen Stunde überhaupt nicht, und so versuchte er, diese Bilder vor seinem inneren Auge so schnell wie möglich wieder auszublenden. War er doch hierhergekommen, um alleine zu sein, fernab von seiner Familie, egal wie lieb und teuer ihm diese auch war.
Mühsam versuchte David, sich mitsamt seinem Schlafsack aufzurichten, um auch einen Ausblick auf den nördlichen Sternenhimmel erhaschen zu können. Leider musste er feststellen, dass in dieser Richtung eine riesige kanadische Douglasie jede Sicht versperrte. Also legte er sich auf sein Lager am Boden des Hochstands zurück und versuchte wieder einzuschlafen. Er musste ausgeruht sein für den morgigen Tag. Die für morgen angesetzte Tour, lange geplant und durchdacht, wollte er in Ruhe und mit vollen Kräften angehen. Ein kühler Windstoß ließ die Zweige der unweit entfernt stehenden Douglasie erzittern, so dass ein Rauschen Davids Ohren erfüllte und ihn abermals frösteln ließ. Zugleich trug ihn die nächtliche Sommerbrise zurück in den ihm so vertrauten Wald und die darin eingeschlossene, von Sonnenstrahlen durchflutete Lichtung voll von Leichtigkeit und Leben.
Aber wo waren seine drei kleinen Freunde? David durchdrang mit den neugierigen Blicken eines Kindes die Lichtung unterhalb seines Beobachtungspunktes, konnte aber keine wuschelig weichen Spielgefährten mehr entdecken. Doch! Da bewegte sich etwas Braunes im üppigen Grün der Lichtung. Zwei der Bärenjungen waren gerade mit Fressen beschäftig und ließen es sich dabei sichtlich gut gehen. Woran sie sich dort unten labten, konnte David beim besten Willen nicht erkennen. Aber dafür hatte er auch gar keinen Blick, denn seine Augen suchten nach dem Dritten im Bunde.
Instinktiv spürte er, dass irgendetwas nicht stimmte. Irgendetwas war anders als vorhin, als die drei noch unbeschwert umhergejagt waren und nur so von Spieldrang und jugendlicher Kraft gestrotzt hatten. Eine verhaltene Bedächtigkeit schien sich auf die zuletzt so ausgelassene Szenerie gelegt zu haben. War den drei Raufbolden einfach nur die Kondition ausgegangen? Brauchten sie eine Pause, um neue Kraft für weitere Raufereien zu tanken? Aber warum fehlte dann der eine im Bunde? War ihm vielleicht etwas zugestoßen? Wieder und wieder durchstreiften Davids Blicke die Lichtung und den sie umschließenden Waldrand. Nichts zu sehen! Da war kein dritter Bär. Die beiden hungrigen Gesellen dort unten, die gerade ihre Mahlzeit beendet und sich ins Gras gelegt hatten, schienen gänzlich allein zu sein. Seltsam!
Erneut tauchte nun die Frage in David auf, wo eigentlich die Bärenmutter war. Er wusste aus seiner langjährigen Auseinandersetzung mit Bären und ihren Verhaltensweisen, dass Jungtiere selten für längere Zeit auf sich allein gestellt waren. In der Regel war die Bärenmutter in der Nähe, um zu gewährleisten, dass dem Nachwuchs nichts zustieß. Außerdem mussten die Jungtiere gestillt und zusätzlich mit anderweitiger Nahrung versorgt werden. Mehrfach hatte David schon Jungtiere in den Wäldern der Rocky Mountains zu Gesicht bekommen, aber nie ohne Begleitung eines ausgewachsenen Tieres.
Während er noch so grübelte, tauchte am Waldrand plötzlich das dritte Bärenjunge auf und betrat langsam die Lichtung. David war erstaunt zu spüren, wie ihm ein wahrer Zentnerstein vom Herzen fiel. Er hatte überhaupt nicht wahrgenommen, wie angespannt und beunruhigt er offensichtlich gewesen war ob des unerklärlichen Fehlens dieses Familienmitglieds. Nun aber stellte er fest, dass sein Herz heftig schlug und er vor freudiger Erregung innerlich schier schwerelos wurde, als ob er in diesem Moment ein wenig Anteil nehmen konnte an der Leichtigkeit des sich vor ihm austobenden Bärendaseins.
Erst im zweiten Augenblick wurde er gewahr, dass irgendetwas nicht in diese Stimmungslage passte, wie er sie bei seiner ersten Beobachtung der drei verspielten Geschwister und gerade eben auch bei sich selbst wahrgenommen hatte. Der dritte Bär hatte zwar die Lichtung betreten, schien sich aber keineswegs zu seinen beiden Geschwistern gesellen zu wollen. Vielmehr tapste er eine Weile unsicher und schier verzagt durch das Gras am äußersten Rand der Lichtung und kauerte sich dann flach auf den Boden. Er machte sich regelrecht klein, als wollte er sich vor einem aufziehenden Gewittersturm schützen, und blieb so regungslos liegen. Seine beiden Geschwister, die immer noch im Gras lagen und sich nach ihrer Mahlzeit die Sonne auf den Bauch scheinen ließen, nahmen anscheinend keinerlei Notiz von ihm. Ob er sich vor ihnen verstecken wollte? Aber warum sollte er? Hatten sie nicht vor kurzem erst noch ausgelassen miteinander gespielt und getobt?
David konnte zu seinem Erstaunen beobachten, wie der zu Boden gekauerte Bärenjunge ab und zu seinen Kopf ein wenig erhob, kurz in Richtung Wald blickte und sich dann schnell wieder in seine geduckte Position begab. Was hatte dieser verstörte Zeitgenosse bloß? Was hatte zu dieser so unglaublichen Veränderung in seinem Wesen geführt? Lauerte eine Gefahr in diesem Wald, von der David noch nichts wusste? Aber warum warnte dieser Bär dann nicht seine beiden Geschwister in der Mitte der Lichtung?
David versuchte, den Wald mit seinen Augen zu durchdringen, konnte aber außer Bäumen nichts Außergewöhnliches erkennen, zumal die Sonne ihn aus dieser Richtung blendete. Wieder erhob der Bär sich vorsichtig und nur für einen kurzen Moment, schaute in Richtung des Waldes und dann schnell wieder hinüber zu seinen Geschwistern. David überkam plötzlich eine Ahnung, dass dieser Bär sehr gerne bei den beiden anderen wäre, die soeben wieder ihre Fang-mich-doch-Spielchen aufgenommen hatten, ihn aber irgendetwas davon abhielt, dem er nichts entgegensetzen konnte. Die beiden ausgelassenen Gesellen tanzten durch die sonnendurchflutete Lichtung wie Federn im warmen Sommerwind, die sich ohne Ziel und Richtung einfach davontragen ließen. Mal erhaschte der eine den anderen, dann rannte letzterer wieder davon, dann balgten sie sich, bis beide durch das hohe Gras der Sommerwiese rollten und für einen Moment erschöpft, aber glücklich, liegen blieben. Auch ihr Bruder am Rand der Lichtung lag am Boden, doch wirkte dieser nicht im geringsten glücklich oder ausgelassen. Er beobachtete seine beiden Geschwister und machte dabei einen geradezu wehmütigen Eindruck auf David.
„Lauf doch rüber zu ihnen!“, dachte David, doch im selben Moment spürte er, dass dies aus irgendeinem Grund nicht möglich war. Er spürte bei diesen Gedanken Schmerz und Wehmut tief in seinem Inneren, als wäre er selbst der verstörte Bär. Paradoxerweise musste er im selben Augenblick schmunzeln. Teddybär – so wurde er von vielen aus seinem näheren Umfeld genannt. Das war stets liebevoll und positiv gemeint und hatte ihn auch nie gestört. Er konnte gar nicht mehr genau sagen, seit wann er diesen Spitznamen innehatte; einige Jahre waren es auf jeden Fall schon. Vielleicht war dieser Spitzname passender als er immer gedacht hatte. Auf jeden Fall merkte er, dass es eine unerklärliche und nicht beschreibbare Verbindung zwischen ihm und diesem unglücklichen Geschöpf am Rande der Lichtung gab. David konnte geradezu mitfühlen, was in diesem einsamen, ängstlichen und verstörten Bären vor sich gehen musste, obgleich er sich immer noch zutiefst darüber wunderte, was der Auslöser für dieses Verhalten gewesen sein konnte. Wie schmerzlich musste es für ihn sein, dem lustigen Treiben seiner Geschwister zuschauen zu müssen, aber nicht daran teilhaben zu können, weil eine unsichtbare Mauer ihn davon abhielt. Oder war es eine unsichtbare Kette, die ihn unfreiwillig mit irgendeinem Objekt des angrenzenden Waldes verband? David versuchte erneut, das Dunkel des Waldes mit seinen Blicken zu durchdringen, aber es gelang ihm nicht.
Gerade wollte David seinen Blick von diesem Dickicht ab- und den beiden tobenden Bären inmitten der Lichtung zuwenden, da hörte er das laute und durchdringende Brüllen eines ausgewachsenen Gryzzlys, das ihn ob seiner Unerwartetheit und Kraft zusammenzucken ließ. Auch der auf den Boden gekauerte Bär zuckte sichtlich zusammen und versuchte sich noch weiter zu ducken, als wollte er gänzlich im Erdboden verschwinden. Bei genauerem Hinsehen konnte David jetzt sogar erkennen, dass der kleine Bär am ganzen Körper zitterte. Wovor hatte er Angst? Wo war dieser ausgewachsene Bär, der sich gerade so lautstark zu Wort gemeldet hatte? Das Brüllen schien aus der Richtung des Waldes gekommen zu sein, in die der kleine Bär wiederholt ängstlich geschaut hatte.
Plötzlich hörte David ein Rascheln und Knacken und nahm bei genauerem Hinsehen nun auch eine Bewegung im Dunkel des Waldes wahr. Da! Auf einem Felsbrocken, der zwischen zwei mächtigen Douglasien eingeklemmt war, saßen zwei ausgewachsene Bären - ein männliches und ein weibliches Exemplar. David konnte die Unterschiede in Größe und Statur trotz des schwachen Lichts im Wald so deutlich ausmachen, dass es für ihn keinen Zweifel gab, dass es sich um ein Pärchen handelte. Ungewöhnlich, waren männliche Bären doch eigentlich Einzelgänger, die sich – hatten sie einmal ihrer Zeugungspflicht genüge getan - nicht um Muttertier und Nachwuchs kümmerten.
Die beiden ließen sich langsam auf der flachen Seite des Felsens hinabgleiten und bewegten sich gemütlich hinunter zur Lichtung. David fiel sofort auf, dass sie dabei die drei kleinen Bären vor ihnen keinen einzigen Moment aus den Augen ließen. Keine Frage – das waren die Eltern der drei kleinen Tollpatsche! Diese beiden braunen Riesen waren der bislang fehlende Rest der Familie! Dieser Gedanke begeisterte und schmerzte David zur gleichen Zeit. Wie nahe beieinander konnten Himmel und Hölle doch liegen, Familienglück und Familiendrama, Gemeinschaft und Einsamkeit, Eingebundensein und Isolation. Was war mit
