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Die Geschichte beschreibt den Kraftakt, Selbstdisziplin zu entwickeln; als Sieger hervorzugehen im Kampf gegen die Sucht und den inneren Widerstand. Paul (25), der Protagonist, will den Neuanfang wagen und stellt sich der Herausforderung. Er wird auf eine harte Probe gestellt, muss Niederlagen und Rückschläge verkraften und erkennt letztendlich, dass nicht der Alkohol sein größter Feind ist, vielmehr sein Ego.
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Seitenzahl: 424
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Moni Sabourin
Barfuß durch Schlammpfützen
Roman
Buchbeschreibung:
Paul (25) hat sich mit Skrupellosigkeit und mangelndem Respekt gerade Frauen gegenüber
ein Image kreiert, das sein wahres Ich verleugnet. Niemand weiß, wie es hinter der Fassade aussieht, wie verletzlich und einsam der Schwerenöter tatsächlich ist.
Versagensängste, Aggressionen und beruflichen Stress dämmt er mit Alkohol und Drogen ein.
Nach einem Zusammenbruch will er aussteigen, den Sumpf hinter sich lassen.
Paul kämpft gegen alle Widerstände an und erleidet Schiffbruch. Er verliert seinen besten Freund, seine Traumfrau und er überwirft sich mit seinem autoritären Vater. Enterbt, arbeitslos und völlig auf sich allein gestellt trotzt er dem Gegenwind, der ihn immer wieder aus der Bahn wirft. Einziger Halt Lisa, ein geistig zurückgebliebenes Mädchen, das ihm zufällig über den Weg lief und zu dem er sich auf unerklärliche Weise hingezogen fühlt. Die ungewöhnliche Freundschaft spornt ihn an, sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Als er glaubt, es geschafft zu haben, ist der Weg für ihn plötzlich zu Ende.
Die Geschichte spielt in den 1990ern, Schauplätze sind Hannover und Umland, sowie Northumberland/England.
Impressum:
Texte: © Copyright by Moni Sabourin
Umschlaggestaltung: © Copyright by Moni Sabourin
Moni Sabourin
c/o M. Schäfer
Hahnenrückstr. 51
55743 Idar-Oberstein
Vertrieb: epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
1. Kapitel – Wachgerüttelt
2. Kapitel – Das Licht kehrt zurück
3. Kapitel – Das andere Leben
4. Kapitel – Lisa
5. Kapitel – Der Zweck heiligt die Mittel
6. Kapitel – Selbstekel
7. Kapitel – Lauter Abschied
8. Kapitel – Auf gute Nachbarschaft
9. Kapitel – Abgrenzung durch Provokation
10. Kapitel – Neue Horizonte
11. Kapitel – Bei Regen schmeckt der Wald nach Marzipan
12. Kapitel – Schwein gehabt
13. Kapitel – Hurra, ich bin frei!
14. Kapitel – Das Testament
15. Kapitel – Verpasste Chance
16. Kapitel – So kommt eins zum anderen
17. Kapitel – Eine aussichtslose Mission
18. Kapitel – Ein Auf und Ab
19. Kapitel – Die Hiobsbotschaft
20. Kapitel – Wenn Reue keinen Sinn mehr macht
21. Kapitel – Das Versprechen
22. Kapitel – Ein Wiedersehen mit Folgen
23. Kapitel – Ausgeträumt
Die Stimmung in der Diskothek erreichte ihren Höhepunkt. Das Licht der Scheinwerfer brach sich in der riesigen Kugel aus spiegelndem Glas und streute es wie Konfetti in den Raum. Nikotinschwaden und Alkoholdunst hingen in der Luft, die Musik war ohrenbetäubend. Die Gäste hatten einen Kreis gebildet und heizten dem Paar, das wie im Clinch klammerte, mit Anzüglichkeiten ein. Die in den vorderen Reihen grölten, als die junge Frau im gelben Minirock und knappen Pulli den Kopf in den Nacken warf und ein Bein um die Hüfte ihres Tanzpartners schlang; der Auftakt zu einer Darbietung, mit der sich Tina im Drogenrausch gerne in Szene setzte.
Heute bekleidete Paul, ein Lebemann mit zweifelhaftem Ruf, die Nebenrolle, obgleich die selbst ernannte Disco-Queen nicht annähernd in sein Beuteschema passte. Schon deshalb mochte sich der eine oder andere wundern, warum er sich auf das Spiel einließ.
Pauls Motiv war ein anderes als seine exhibitionistischen Neigungen auszuleben. Er wollte Tina und allen hier demonstrieren, was Weibsbilder, die sich schon für einen Joint, einen Drink erniedrigten, verdienten.
Tina nahm das Bein zurück, ließ das Becken kreisen und leckte Paul über die Wange. Pauls Kopf zuckte zurück, er wischte sich mit dem Handrücken Speichel vom Gesicht. Unbeirrt zog Tina ihm das Shirt aus, schleuderte es zur Seite und zeichnete mit dem Zeigefinger die Konturen seiner Brustmuskeln nach. Sie entließ abstoßende Laute, stülpte ihre Lippen über seinen Nippel und kaute darauf herum.
Um den Ekel zu unterdrücken, atmete Paul tief in den Bauch hinein. Er riss Tina herum und presste den rechten Unterarm gegen ihre Kehle. Ein bekifftes Milchgesicht mit Wolfsaugen sprang vor und schob ihren Pulli über die prallen Brüste. Die Meute honorierte es mit Pfiffen und Applaus. Paul schickte ihn weg. Dann ein Blick hin zum Beleuchter auf der Galerie und ein Kopfnicken als verabredetes Zeichen. Nacheinander erloschen die Scheinwerfer. Allein die Lichtblitze des Stroboskops skizzierten die Szene auf der Tanzfläche, bizarr laufende Bilder fügten sich aneinander. Die Musik brach ab, die Zuschauer verstummten. Hintergrundgeräusche und entferntes Klirren von Glas umrahmten die Stille.
Tina kam frei, fuhr herum und attackierte Paul mit Küssen. Der umklammerte ihr Handgelenk und zwang sie in die Knie. Mit der anderen Hand packte Paul sie an den Haaren und drückte ihr Gesicht gegen seinen Hosenstall. Hingebungsvoll leckte Tina über den Reißverschluss seiner Jeans. Sie sah zu ihm auf und zog daran.
„Aufgepasst!“, rief Paul und verpasste der jungen Frau einen Kniestoß. Tina schlug rücklings hart auf. Ein Raunen ging durchs Publikum, die Gaffer hinten drängten nach vorn. Kalt grinsend trat Paul vor und schleuderte Tina einen Fladen ins Gesicht. Seine Brust hob und senkte sich wie bei einem Helden, der seinen Sieg davontrug. „Abschaum wie du gehört ausgeräuchert, noch vor Ungeziefer und Schädlingen“, presste er hervor, stieg über sie hinweg und bahnte sich mit unbewegter Miene einen Weg durch die Schaulustigen.
Irgendwer warf ihm sein Shirt zu. Paul fing es auf und zog es über. Er trat gegen die Tür. Sie segelte auf, krachte an die Wand, schwang zurück und verfehlte ihn nur knapp. Draußen atmete er tief kühle Luft ein. Ihm wurde augenblicklich schwindlig. Er torkelte zum Parkplatz und lehnte sich an die Kühlerhaube eines Toyotas. Drinnen setzte die Musik wieder ein. Paul ließ den Kopf hängen und hielt sich die Ohren zu.
Die Eisentür ging auf, harte Bässe monotoner Techno-Musik wurden wie eine schwere Gewitterwolke von der Nachtluft erfasst und davongetragen. Christian, Pauls bester Freund, schaute sich um und entdeckte die dunkle Gestalt zwischen den Fahrzeugen. Festen Schrittes stiefelte er hin. „Hey, was'n los?“
Paul nahm die Arme herunter und ließ sie schlaff an sich baumeln. Sein ausdrucksloser Blick klebte am Asphalt, der vom Licht einer nahen Laterne glitzerte.
Chris watschte sein Hinterhaar. „Du, ich rede mit dir.“
„Lass mich in Ruhe!“, kam es lahm zurück.
„Erst will ich wissen, warum du austickst!?“
„Eine Hure ist die“, sagte Paul.
„Ja und? Bist doch selbst eine“, offenbarte Chris ihm.
Paul hob den Kopf und schlug fröstelnd die Arme vor der Brust übereinander. „Halt einfach den Rand! Ich hab das alles so satt. Jeden Abend das gleiche: saufen, Weiber aufreißen, volldröhnen. Wozu soll das gut sein, he?“ Unvermittelt packte er Chris an den Schultern und schüttelte ihn. „Sag! Brauchen wir diese Kacke, um das Leben auszuhalten?“
„Lass los, du Spinner!“
Ein Zucken ging durch Pauls Körper, als hätte er eine gewischt bekommen. Er knickte ein, sein Kumpel fing ihn auf.
Chris erschrak über die merkwürdigen Töne, die Paul absonderte. „Heiliger Bimbam, was ist denn bloß in dich gefahren!? Steh gerade, verdammt und reiß dich am Riemen.“
„Gar nichts mach ich mehr“, erwiderte Paul leise und gequält.
„Hopp, lass den Autoschlüssel rüberwachsen!“ Weil Paul keine Anstalten machte, fummelte Chris ihn aus seiner Hosentasche. Er schob den hampelnden Freund vor sich her, entriegelte den Wagen und wuchtete ihn umständlich auf den Beifahrersitz. Er umlief das Heck, kletterte hinters Lenkrad und schaute auf die erbärmliche Gestalt neben sich, die unmöglich sein hart gesottener Kumpel sein konnte. Dass er es doch war, machte ihn betroffen. Ähnliche Aussetzer und die Schicksale, die sie ausgelöst hatten, waren Christian nicht fremd. Uwe fiel ihm ein, der so ziemlich alles konsumiert hatte, was der Markt hergab und als Konsequenz heute an Epilepsie litt und nicht mehr richtig tickte. Und Guido, der während eines Entzugs in der Klapse durch die Hölle gegangen war, rückfällig wurde und spurlos verschwand. Die einen behaupteten, er habe sich nach London abgesetzt, andere wollten ihn in Frankfurt/Zoo gesehen haben; heruntergekommen, wie kurz vorm Abkratzen. Und Rupert Tröndle, der unter Verfolgungswahn gelitten und sich mehrmals die Schere in Brust und Hals gerammt hatte, um sich davon zu befreien. Seine Mutter hatte ihn verblutet in der Badewanne gefunden.
Verschwendete Leben! Junge Menschen, die sich im Krieg mit sich selbst zerstört hatten. Christian klimperte mit den Wimpern, als ließen sich die Erinnerungen wegblinzeln. Er kam ins Grübeln. Ereilte Paul das gleiche Schicksal? Der war doch kein Junkie! Gut, der zog sich hin und wieder was durch die Nase oder schluckte Muntermacher, um nicht schlapp zu machen, aber...! Wieso kippte der plötzlich aus den Latschen? Beim Anblick seines apathischen Freundes stellten sich Chris die Nackenhaare auf und er fragte sich, ob er die Wirkung und Gefahren von Rauschmitteln unterschätzt hatte. Dabei war doch klar, dass Stimulanzien Energieräuber waren und negative Effekte auf die Hirnleistung hatten. Paul war zudem leidenschaftlicher Whiskytrinker. Zwei Liter irischer Edelsprit allein am Wochenende waren keine Seltenheit, eher die Normalität. Unbedingt pur, in einem Glas mit ausreichend Platz zum Atmen. Zwischendurch Bier in rauen Mengen. Chris stupste ihn an. „Soll ich dich zu deinem Doc fahren?“ Eine rein rhetorische Frage in Anbetracht der späten Stunde. „Ein Gesundheitscheck kann vielleicht nicht schaden.“
Paul starrte stumm durch die Windschutzscheibe. Es hatte zu nieseln begonnen. Geistesabwesend und mit glasigem Blick verfolgte er einzelne winzige Tropfen, die im Zickzack herunterliefen. Seine Hände zitterten wie die eines Tattergreises. Kurzerhand schob er sie unter die Oberschenkel.
Chris startete den Motor. „Ich bring dich in die Notaufnahme“, sagte er und lachte gekünstelt, ein Zeichen von Unsicherheit. „Liegt praktisch auf dem Weg.“ Das Getriebe krachte, als er den Schalthebel in den ersten Gang rammte. „So ein Mist“, fluchte er. „Was mach ich denn jetzt? Und du sag was!“
Speichel lief in dünnen Rinnsalen Pauls Mundwinkel hinab, Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Chris fühlte seine Temperatur. „Frostig. Gar kein gutes Zeichen.“ Er umklammerte das Lenkrad, trat das Gaspedal durch und ließ die Kupplung schnalzen. Der Motor würgte ab, der Jaguar machte einen Satz vorwärts. Paul knallte gegen das Armaturenbrett und wurde zurück in den Sitz geschleudert. Kotze schoss ihm in den Rachen. Er blies die Backen auf, ein Schwall ergoss sich über seine Beine und in den Fußraum; Spritzer auch auf der Frontscheibe.
Chris sprang aus dem Wagen, spurtete ums Heck und riss die Beifahrertür auf. Paul hatte die Hand am Türöffner, er fiel aus dem Sitz und rumste auf den nassen Asphalt. „Eijeijei!“ Geräuschvoll stieß Chris die Luft aus und stieß ihn mit dem Fuß an. „Geht's einigermaßen?“
„Pump mir Luft in die Venen“, krächzte Paul.
Chris bückte sich, griff ihm unter die Arme und schleifte ihn zu einer begrünten Einfassung. Er hockte sich unter die Laterne und nahm den Freund zwischen die Beine. „Mensch Kerle, tust du mir gerade leid. Was ist das denn? Hab voll den Schrecken gekriegt.“
„Mein Schädel fühlt sich leer an“ sagte Paul stockend, „als hätte ich mein Hirn ausgekotzt.“
„Hast du! Liegt verstreut im Jaguar.“ Chris wieherte hohl.
„Sei endlich still!“
„Bekomme ich nicht hin.“ Chris legte beide Arme um den Kumpel.
Paul hielt die Augen geschlossen. Ihm wurde warm, das wohltuendes Gefühl von Geborgenheit durchströmte ihn, verknüpft mit der Erinnerung an seine Kindheit und das abrupte Ende.
Im seidenen Nachthemd lag Julia in ihrem Himmelbett. Ein zartblauer Schleier, der sich über die gesamte Breite des Bettes spannte, fiel seitlich wie ein Wasserfall herab. Die lila Bettwäsche roch nach Lavendel – der Duft der Provence, wo die Familie jedes Jahr die Pfingstferien verbrachte. Eine rotierende Nachttischlampe spuckte Sterne in den Raum. Der 9-jährige Paul kletterte aufs Bett und versank in Julias Umarmung. Ihre Haut duftete nach Mandelöl. Das lange, haselnussbraune Haar glänzte wie lackierte Schokolade.
Julia spielte mit Pauls blonder Mähne und verlor sich in einer lebendigen, freien Erzählung. Es war keine der üblichen Gutenachtgeschichten, wo es um Fabelwesen und Trolle ging, vielmehr um einen heimlichen, abstrakten Wunsch. „Ich werde dich immer lieb haben“, sagte Julia abschließend und zog mit ihren langen Fingernägeln Linien über Pauls Rücken. „Auch wenn ich ganz weit weg bin.“
„Wo bist du denn dann?“, flüsterte Paul dösig.
Die Antwort blieb Julia ihm schuldig.
Am Morgen wachte Paul alleine auf. Die Mutter war fort. Klammheimlich hatte sie sich aus dem Haus gestohlen und aus seinem Leben.
„Lass uns heimfahren“, bettelte Paul, nachdem der letzte Funke Erinnerung erloschen war. „Hab saumäßige Magen- und Kopfschmerzen. Muss mir was einwerfen und eine Runde pennen.“
„Bin dafür. Mein Hintern ist kalt und feucht.“ Umständlich kamen die beiden hoch. Aus dem Jaguar schlug ihnen beißender Geruch entgegen.
Paul gab ein Geräusch des Ekels von sich.
„So riechst du von innen“, sagte Chris.
„Ich pflanz mich hinten hin.“
„Stinkt hinten wie vorne. Ich reiher auch gleich. Die Karosse kannst du fortschmeißen. Da hilft auch kein Essigreiniger.“
„Doch doch.“
Wundert mich ohnehin, dass Friedhelm dir den Wagen überlassen hat. Der wird jubeln.“
„Hat er nicht, habe mich bedient. Ist gerade in Berlin. Und nenne den Alten nicht beim Vornamen. Wie sich das anhört!?“
„Taugt die eigene Karre nicht mehr fürs mickrige Ego?“
„Mein Ego hat Urlaub.“
Chris setzte sich hinters Steuer. Er holte den Verbandskasten unterm Beifahrersitz hervor und kippte den Inhalt aus. Mit den Zähnen riss er eine Packung auf und wickelte sich eine Mullbinde als Atemschutz um den Kopf.
Der Anblick amüsierte Paul so sehr, dass er von einem Lachkrampf geschüttelt in den Fußraum rutschte. Er zog sich an der Mittelarmlehne hoch, legte sich seitlich hin und hielt sich mit angezogenen Beinen den Bauch.
Chris, selbst nicht mehr fahrtauglich, schnalzte mit der Zunge, startete den Motor und fuhr los.
Pauls irres Lachen ging in ein jämmerliches Schluchzen über, seine Tränen brandmarkten das beige Leder der Rückbank.
„Krass!“ Chris justierte den Innenspiegel. „Kriegst gleich warme Milch und dann ab in die Heia. Wirkt Wunder und macht munter, hahaha!“
Paul wand sich wie ein Wurm. „Halt endlich die Waffel und erspar mit deine Papatöne“, sagte er durch die Zähne.
Chris schaute über die Schulter. „Machst du Kunststücke da hinten?“
„Kapierst du's nicht?“, wehklagte Paul. „Ich will nichts mehr hören und sehen. Lade mich einfach wo ab und lass mich krepieren. Ich hasse dich.“
„Seit wann?“
„Schon ganz lange. Ging's mir nicht so dreckig, ich würde dich...!“
„Was?“
Paul behielt die Gemeinheit für sich. „Im Grunde bin ich längst tot“, sagte er stattdessen.
„Emotional in jedem Fall“, so Chris.
Es war bereits später Nachmittag, als Paul zu sich kam. Der Oberkörper war nackt, die Jeans hatte er anbehalten. Orientierungslos stemmte er sich hoch, alles um ihn herum geriet aus der Ordnung. Er ließ sich zurückfallen und stopfte sich ein Kissen in den Nacken. Er blinzelte, als sich die Wände wölbten und die Zimmerdecke bedrohlich nahe kam. Paul schloss die Augen und fügte sich der Willkür seines Bettes, das wie ein ruderloses Boot auf den Wellen schaukelte. Ihm war speiübel. Er quälte sich aus dem Bett, schwankte ins Bad und kniete sich vor die Kloschüssel. Was er hervorwürgte stank schlimmer als Odel. Angewidert wischte er sich den Mund mit Toilettenpapier ab, sank vor der Wanne auf den Boden und fixierte einen Punkt an der Wand an, damit das Karussell im Kopf endlich aufhörte sich zu drehen. Seine Gedanken waren ein heilloses Durcheinander, das sich nicht entwirren ließ.
Entkräftet zog sich Paul am Wannenrand hoch, streifte Jeans und Slip ab und ging unter die Dusche. Ihm stockte der Atem, als kaltes Wasser über seinen Körper rauschte, das wie ein Dopingmittel wirkte. Sein Kopf war mit einem Mal klar. Er biss die Zähne zusammen, bis seine knüppelharten Brustwarzen schmerzten und er es nicht länger aushielt. Paul drehte den Hahn zu und stieg aus der Dusche. Er riss das Handtuch vom Haken, tupfte sich grob ab und ließ es fallen. Seine nassen Füße hinterließen Spuren auf den Fliesen im Flur und auf dem Teppich im Schlafzimmer.
Paul schlüpfte in den Trainingsanzug, zog den Reißverschluss der Jacke hoch und begegnete sich in der Spiegeltür des Kleiderschranks. Die frappierende Ähnlichkeit mit seinem Vater erschreckte ihn. Er streckte den Kopf vor und fuhr sich mit dem Finger über die Augenringe, als ließen sie sich wegwischen. Der müde Blick und der matte, graue Teint ließen ihn krank aussehen. Die Stirn war vom Aufprall aufs Armaturenbrett geschwollen und hatte eine blaurote Farbe angenommen. „Simons junior zu einem Wrack verkommen“, höhnte er. „Ein Lebemann am Abgrund, ein Säufer am Limit, ein verachtenswertes Nichts.“ Beschämt senkte Paul den Blick. Kurz nur, als die Verzweiflung ihn übermannte und er mit einem tiefen Brummen auf den Spiegel eindrosch. Er zerbrach, Blut tropfte und versickerte im weißen Veloursteppich. Mit unbewegter Miene riss Paul ein Hemd in Streifen, umwickelte beide Hände und schielte auf die vorherrschende Unordnung. Unterhosen, Socken, leere Flaschen, Zigarettenschachteln und anderes Zeug lagen verstreut am Boden. Auf dem Beistelltisch standen ineinander gesteckte Pappschachteln von verschiedenen
Schnellrestaurants mit verschimmelten Essensresten. Daneben ein voller Aschenbecher. Halb über dem Rand hing ein benutztes Kondom. Die Bettwäsche! Paul konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt gewechselt wurde. Er roch am Kopfkissen, dann am Laken. Beides muffelte unangenehm. Er riss das Laken heraus, wickelte das gesamte Bettzeug darin ein und warf den Packen in die Badewanne. Aus dem Einbauschrank im Flur holte er Plastiktüten und fütterte sie mit allem, das im Schlafzimmer lose herumlag und nicht zum Mobiliar gehörte.
Das Telefon klingelte.
Mit dem Einhandmesser, das griffbereit unterm Bett lag, kappte Paul die Verbindung. Dann riss er die Schranktüren auf und zerschnitt nach und nach und mit unglaublicher Zerstörungswut alles, was darin aufgehängt war. Der Stoffberg wanderte ebenfalls in die Wanne. Ein Aufatmen brachte nur kurz Erleichterung, weil sich das Chaos in der Küche fortsetzte. Erschöpft und ratlos rutschte Paul am Türstock entlang zu Boden und klopfte mit der linken Faust gegen die Schläfe. Die stummen Vorwürfe galten der Mutter, die er im Geiste vor sich sah, groß und imposant, wie aus der Sicht eines Neunjährigen; mit einem Samuraischwert in der vorgestreckten Hand, das sich in seine Brust bohrte.
Paul kam hoch, schnappte sich erneut das Messer und fegte im Wohnzimmer Julias gerahmtes Portrait vom Regal, das er gern im kümmerlichen Zustand und sternhagelblau aufstellte. Er zuckelte das Foto unter den Scherben hervor, legte es auf den Tisch und stach siebzehn Mal drauf ein; einen Stich für jedes Jahr, das er ohne sie hatte aushalten müssen. Ein symbolischer Akt, Julia Schmerzen zuzufügen. Und um im System zu bleiben, wollte er ebenso viele Tabletten schlucken, um bloß nie wieder denken zu müssen. Er legte das Messer weg, griff sich die Flasche Brandy, entkorkte sie auf dem Weg ins Schlafzimmer und machte die Tür hinter sich zu. Die oberste Schublade der Nachtkonsole beherbergte eine Kollektion an Medikamenten. Wahllos warf sich Paul nacheinander Tabletten in den Rachen und spülte mit Brandy nach. Der Alkohol rauschte mit voller Wucht ins Blut, ihm wurde heiß. Er stellte die Flasche ab, ließ das Rollo runter und legte sich aufs Bett. Mit dem Anknipsen der Nachtlampe schickte er Sterne auf Reisen. Paul begleitete sie mit Blicken und spürte bald die wohltuende Wirkung, die ihn leicht wie eine Feder werden ließ. Mit einem hauchdünnen Lächeln auf den Lippen dämmerte er dahin und schaukelte in die Unendlichkeit.
Den Hörer ans Ohr gepresst zählte Christian die Freizeichen, bis die Verbindung endlich stand. „Stefan, ich bin's. Du, mit Paul ist was. Versuche ihn seit Stunden zu erreichen. Habe ein saukomisches Gefühl.“
„Moment mal“, kam es zurück. „Wer ist ich? So geht's schon mal los.“
„Lass den Scheiß.“ Chris hörte Stimmen im Hintergrund. „Hast du Besuch?“
„Die Zockerbrüder sind da. Halt mich also nicht unnötig auf.“
„Mein siebter Sinn sagt mir, dass Paul eine Riesendummheit gemacht hat. In bestimmten Situationen neigt der nämlich zu Kurzschlusshandlungen.“
„Der doch nicht!“, widersprach Stefan. „Mach bloß kein Theater wegen dem. Ich sage dir, der lässt es sich in irgendeiner Koje gut gehen. Wäre nicht das erste Mal, dass er für ein paar Tage von der Bildfläche verschwindet.“
Achtlos klopfte Chris die Asche seiner Zigarette ab und fegte sie vom Tisch. „Wenn's so wäre! Glaub ich aber nicht. Dem ist gerade nicht nach pimpern.“
„Gab's noch nie“, entgegnete Stefan.
„Bis gestern. Hatte ein Ei am Wandern.“
„Bin im Bilde. Sein Auftritt hat die Runde gemacht.“
„Ich meine das Ding hinterher, sein Todeskampf.“
Stefan grunzte. „Mach halblang.“
„Warst du dabei oder ich?“
„Du.“
„Ich hatte echt Fracksausen. Dachte, Paul stirbt mir unter den Händen weg.“
„So schnell stirbt man nicht.“
„Wenn man nachhilft schon“, erwiderte Chris.
„Nein, den Suizidler nehm ich ihm nicht ab. Entweder hat der Knabe einen gewaltigen Durchhänger oder er macht auf Hypochonder, um auf sich aufmerksam zu machen.“
„Hat Paul nicht nötig!“ Chris wusste nicht wohin mit der Kippe und drückte sie kurzerhand am Tischbein aus. Die Glut fiel auf den Teppich. Er fluchte und trat sie aus, sie hinterließ einen hässlich schwarzen Brandfleck.
„Was'n jetzt wieder?“
„Nichts! Nur ein Missgeschick“, erwiderte Chris ungeduldig. „Stefan, wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wir müssen was tun!“
„Dann tu halt was! Ich hab eh zwei linke Hände.“
„Mensch, ich brauch jetzt auch mal jemanden. Ich habe Angst um Paul. Ohne ihn bin ich nur halb.“
Mit einem Wehklagen lenkte Stefan ein. „Also gut und meinetwegen! Ich sahne nur noch rasch beim Doppelkopf ab und melde mich dann.“
„Knallt's bei dir? Jetzt gleich und auf der Stelle! Wenn es womöglich um Leben und Tod geht, spielt man nicht noch seelenruhig Karten. Schmeiß dich in deine Karre, wir treffen uns bei Paul.“ Chris legte auf und schnappte sich den Autoschlüssel.
Beide trafen zeitgleich ein. Christian klingelte Sturm.
„Läute überall, um erstmal ins Haus zu kommen,“ riet ihm Stefan.
„Wäre ich jetzt von selbst nicht draufgekommen.“
„Darum sag ich ja. Und wehe, das Ganze ist ein Flop. Hatte gerade eine Glückssträhne wie selten.“
Eine verschlafene Männerstimme ertönte über die Gegensprechanlage. „Was soll der Krach? Sind da wieder Idioten unterwegs?“
„Mach die Tür auf!“, befahl Chris. „Das ist ein Notfall. Ein Mieter schwebt in Lebensgefahr. Wir müssen die Wohnungstür eintreten.“
„Wer soll das sein?“, kam es geistreich zurück. „Mach augenblicklich die Düse oder ich ruf die Bullen.“
„Die sich dann definitiv dich wegen unterlassener Hilfeleistung vorknöpfen werden“, signalisierte Chris dem Unbekannten. „Hernach rücken wir beiden zusammen. Verdammt, mach hin!“ Er drückte die Tür auf, als der Summer krächzte und spurtete die Treppe rauf.
„Ich nehm den Aufzug“, posaunte Stefan. „Latsche doch nicht in den vierten Stock!“ Er tat es dennoch. Als er oben ankam, pfiff er aus dem letzten Loch.
„Ganz schön eingerostet, was?“ Chris, gleichermaßen außer Puste, klingelte und hämmerte gegen die Tür. Drinnen rührte sich nichts. „Los, wir werfen uns dagegen.“
„Jetzt warte doch mal“, sagte Stefan heiser. „Meinem Hirn ist der Sauerstoff ausgegangen. Ich weiß grad nicht, wo hinten und vorne ist.“
Chris zerrte ihn vom Geländer weg und trat ihm in die Kehrseite. „Das ist hinten. Und jetzt eins, zwei und...“
Stefan hielt ihn am Arm zurück. „Wie denn? Nur mit dem Fuß oder mit vollem Körpereinsatz.“
Chris riss sich los und warf sich gegen die Tür. Sie brach ohne großen Widerstand aus den Angeln und krachte zu Boden, er obenauf. Umständlich kam er wieder auf die Beine und rieb sich fluchend den Arm.
„Übermut tut selten gut“, spottete Stefan.
Chris stolperte ins Schlafzimmer. Er sah Sterne und dachte für einen Moment, sie kämen vom stechenden Schmerz in der Schulter. Er knipste die Deckenlampe an. „Wusst ich's doch! Da liegt er.“
Stefan nickte. „Der Tod steht ihm gut, falls er hinüber ist. Liegt da wie Schneewittchen.“
„Seit wann ist Schneewittchen blond!?“ Chris legte zwei Finger auf Pauls Halsschlagader.
„Und?“
„Schwach.“
„Na bitte!“
Chris warf einen Blick in die geöffnete Schublade und schauderte. „Sieh dir das an! Der ist ausgestattet wie eine Apotheke. Und hat zugeschlagen, ich sag's dir! Das Zeug muss raus. Aber dalli. Dass er noch Puls hat heißt nicht, dass es ihm langfristig gut geht. Wenn der Dreck bereits in die Blutbahn gelangte, wovon ich ausgehe, kann es zu Lähmungen und Krampfanfällen kommen.“
„Lass mich mal ran!“ Stefan zerrte an Paul und schlug ihm rechts und links auf die Backe. Der reagierte mit Augenflackern und Klagelauten.
„Ha! Unterdosiert.“ Stefan ließ los. Paul fiel zurück, die Matratze schwang nach. „Und ich wette, mit voller Absicht. Machen Pseudo-Selbstmörder in einem Anfall von Anerkennungswahn. Um ihr Umfeld in ihrem Sinne zu beeinflussen.“
„Hä?“ Chris zog die Oberlippe einseitig hoch.
„Vielleicht wollte er auch nur die Zeit totschlagen.“ Stefan lachte. „Der war gut, ne?“
„Ja, du wirst immer besser“, sagte Chris scharf. „Komm, pack mit an!“
Mit vereinten Kräften hievten die Freunde Paul aus dem Bett und schleiften ihn durch die Wohnung. „Sprich mit uns!“, befahl Stefan. „Und beweg deine Stelzen.“ Und zu Chris: „Halt ihn aufrecht, ich hol warmes Wasser.“
Chris hatte seine Mühe mit Paul, der wie ein Knochengerüst schlingerte. Kurzerhand stellte er ihn an die Wand und stützte ihn auch mit dem Knie ab. „Mach die Glotzer auf! Ich weiß, dass du mich hören kannst.“
Paul hob den Kopf, sein rechtes Lid klappte auf. „Bin ich im Himmel?“ Es klang hoffnungsvoll.
„Gestatten, Erzengel Christian. Freut mich, Sie in unserem Verein begrüßen zu dürfen.“
„Jesus!“, stöhnte Paul und knallte mit dem Hinterkopf gegen die Wand.
„Wäre zu vermessen. Bin nur ich, dein Chrisilein. Hast du geglaubt, du kannst dich einfach so davonmachen? Nee, mein Lieber, so funktioniert das nicht.“
Stefan war mit einem Steinkrug zurück auf dem stand: Bier ist billiger als eine Therapie.
Chris ließ Paul zu Boden gleiten, kniete sich hin und stützte seinen Kopf, als Stefan ihm den Krug an die Lippen hielt. „Ex und hopp! Deine Königsdisziplin.“
Paul trank in großen Schlucken, ihm wurde augenblicklich schlecht. Ein Zucken ging durch seinen Körper, die Augen traten aus den Höhlen und eine weiße Fontäne schoss aus dem Rachen. Die Freunde wandten sich angeekelt ab und spuckten schräge Töne. „Das ging ja flotter als flott.“ Chris schüttelte sich.
Stefan sah an sich herunter. „Bei der Menge Salz auch kein Wunder! Die Klamotten ersetzt der mir.“
„Du hast ihm Salzwasser zu trinken gegeben? Du bist doch beknackt. Macht alles noch schlimmer. Geh und hol frisches Wasser.“
„Meinte, gelesen zu haben, dass...!“ Stefan marschierte raus.
„Hab ich noch...! Sind meine Füße noch dran?“, krächzte ein kreidebleicher Paul.
„Wo sonst?“, fragte Chris zurück.
„Ich spür sie nicht.“
Chris umklammerte Pauls rechten Knöchel und kratze mit dem Fingernagel über die Fußsohle.
Paul zappelte und schrie unfreiwillig auf.
Stefan war zurück „Was brüllt'n der so?“
„Freut sich über funktionierende Reflexe.“
„Wer sich freut, kann auch eigenständig trinken.“ Stefan drückte Paul den Krug in die Hand und hatte ein Auge auf ihn. Währenddes ging Chris auf Sockensuche. „Seit wann trägst du so was?“, fragte er, als er seinem Kumpel blaue Stricksocken mit roter Spitze überzog.
Paul stellte den Krug ab. „Hab ich an, wenn ich Horrorfilme schaue.“ Er fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund. „Nichts geht mehr. Bei Wasser macht meine Kehle dicht.“
Mit einer stummen Geste bedeutete Stefan Chris seine Absicht. Gemeinsam halfen sie Paul auf und setzten den Rundgang durch die Wohnung fort, um seinen Kreislauf in Schwung zu bringen. „Komm, erzähl uns einen Witz“, sagte Stefan und meinte Paul.
Paul atmete stoßweise, sein Mund mit den vorstehenden Lippen wurde zum Fischmaul.
Chris sah es. „Willst du was sagen?“
„Ja.“
„Mach doch!“
„Warum darf ich nicht abkratzen!? Gott, bitte, hab Erbarmen und erlöse mich!“
„Nix Gott! Verhandelt wird mit mir.“
„Ich will nicht zurück in diese Arschwelt. Musst du mir immer dazwischenfunken?“
„Der redet in einem Affenzahn“, sagte Stefan und meinte das Gegenteil. „Redet so langsam wie hoch.“
Paul drehte den Kopf und erschrak, als sähe er eine Spukgestalt. „Wer bist du? Und welcher Idiot hat dich reingelassen? Das ist meine Wohnung.“
Stefan stutzte. „Tut der nur so?“
„Der tut nur so“, wusste Chris.
„Drum! Einen alten Schluckbruder vergisst man doch nicht.“
Paul verdrehte die Augen. „Gebt mir Zyankali!“
Stefan knuffte ihn in die Seite. „Urplötzlich abgeneigt? Sag bloß!“
„Nimm's nicht persönlich“, sagte Chris dazu.
„Wie denn sonst? Und wegen dem habe ich alles stehen und liegen lassen? Soll der doch verrecken. Nein, ernsthaft jetzt: Wir sollten besser einen Krankenwagen rufen. Eine Medikamentenvergiftung ist auch vermindert dosiert nicht zu unterschätzen.“
„Mach's nicht!“, sagte Paul lahm. „Die stecken mich in die Psychiatrie.“
Chris nickte. „Sehe ich genauso. Das reicht jetzt auch. Wir setzen ihn in den Sessel, pumpen ihn mit Kaffee voll und schauen was passiert. Die Rettung können wir notfalls immer noch rufen.“ Er rümpfte die Nase. „Ich muss die Klamotten loswerden. Stinken wie Sau.“
„Auch wir können die Rettung rufen“, ertönte es vom Flur her. „Guten Abend, die Herren. Was ist hier los?“
Christian konnte mit seiner Geschichte überzeugen, die er den beiden Streifenbeamten auftischte und die auch das Eintreten der Tür erklärte. Routinemäßig überprüften die Ordnungshüter noch die Personalien aller und beließen es bei einer mündlichen Belehrung über Ruhezeiten.
„Du lügst wie aus der Pistole geschossen“, sagte Stefan und wollte sich den Beamten anschließen. Sollte sich Chris die Nacht um die Ohren schlagen und Pauls Hand halten. „Er braucht eine neue Tür. Beide Angeln sind rausgerissen. Bin dann weg. Tschüss!“
„Ja, tschüss und danke.“ Chris hörte, wie Stefan die Tür aufstellte. Er lauschte seinen Schritten die Treppe hinunter, dann fiel die Haustür unsanft zu. Jemand sollte den Schließer einstellen, dachte er. Wenn er hier wohnen würde, wäre das längst geschehen. Ungestörter Schlaf war ihm heilig.
Paul saß mit krummem Rücken und die Beine ordentlich nebeneinandergestellt im Sessel und löffelte seinen Kaffee. Chris lümmelte in Unterhosen am Sofa und schaute ihn erwartungsvoll an. „Lass es raus! Dein ewiges Schweigen geht mir auf den Senkel.“
„Die Welt ist so abartig“, kam es prompt zurück.
Chris zuckte mit der Schulter. „Nichts Neues.“
„Abartig und krank.“
„Du meinst die Menschen. Die Welt kann nichts dafür.“
„Ja, die Menschen“, gab Paul ihm recht.
„Seit wann gibt es sie überhaupt?“
„Weiß keiner so genau. Aber seit sie da sind, machen sie Ärger.“
„Den haben die Dinosaurier auch gemacht.“
„Nicht so.“
„Sie sind wie sie sind, die Menschen“, erwiderte Chris.
„Jeder einzelne sollte sich für das Gute stark machen“, hängte Paul an.
„Wenn du weiter philosophierst, geh ich.“
„Chris, du bist ein gottverdammter Egoist.“
„Egoismus war jahrelang dein Lebensmodell.“
„Mein Vater hat mich so erzogen. Weil ich auf ihn gehört habe, bin ich der Drecksack geworden, der ich bin.“
„Soso! Er hat dir also zu Drogen und Alkohol geraten und dich gelehrt, wie man Frauen erniedrigt. Hat er gut hinbekommen. Hätte er bloß auch erwähnt, dass Kondome nicht allein zur Verhütung taugen.“
„Sondern?“
„Frag deinen Schniedel. Kann dir schöne Geschichten erzählen“, sagte Chris.
„Na komm, hör auf, es reicht!“ Paul lehnte sich vor, stellte die Tasse lautstark auf den Tisch und nahm den Schneidersitz ein. „Die alten Kamellen! Und die dummen Sprüche! Lass uns wie zivilisierte Menschen unterhalten.“
„Worüber nochmal?“
„Egal, aber halt vornehm.“ Paul blinzelte rasch.
„Vornehm! Eine primitive Sprache ist mittlerweile standesgemäß“, so Chris.
„Davon will ich weg.“
„Das Privileg einer verkorksten Gesellschaft“, sagte Chris weiter.
„Zu der ich nicht länger gehören will.“
Chris rieb sich die juckende Nase. „Woran hakt's? Ich hab's nämlich noch immer nicht verstanden. Du hast alles, bist im Großen und Ganzen gesund und siehst passabel aus. Du lebst wie die Made im Speck und plötzlich fliegt dir das Blech weg. Erklär's mir! Oder ist es was Neurologisches!? Dann muss ich passen.“ Chris drückte die Zigarette aus und steckte sich eine neue zwischen die Lippen ohne sie anzuzünden. Er hielt den Kopf schief und wartete auf Antwort.
„Welche Farbe hat das Laub?“, fragte Paul unvermittelt.
„Was für Laub? Und weich mir nicht immer aus.“
„Erst du!“
„O Mann!“, sagte Chris entnervt. „Ich habe noch gelernt, dass die Blätter aufgrund der Photosynthese und der Wahrnehmung des Lichtes durch unser Auge grün sind. Wenn nicht gerade Herbst ist. Kann aber sein, dass sich da was geändert hat, bei der rasanten Weiterentwicklung. Wissenschaftler revidieren öfter mal aufgestellte Thesen. Test bestanden?“
„Will eigentlich nur wissen, wann du das letzte Mal bewusst durch die Natur gegangen bist. Mein letzter Spaziergang – ewig her! Stehen noch genügend Bäume rum?“ Eine nicht ernstgemeinte Frage.
Chris nickte. „Zumindest einer, der ausgerechnet mit meiner Karre eng umschlungen Freundschaft schloss.“
Paul stieß Luft aus. „Wer zu blöd zum Lenken ist! Die Kurve war extrem langgezogen. Man kann sie praktisch nicht als Kurve bezeichnen. Wärst du auf dem Beifahrersitz gesessen, wärst du hinüber.“
„Gut, dass das Lenkrad links ist.“ Christian gluckste.
„Sterne gucken ist auch ewig her“, sinnierte Paul weiter.
„Nennst du das eine vornehme Unterhaltung? Apropos! Deine sternespuckende Tischlampe – bist du für so was nicht zu alt?“
Mit einer derben Geste fuhr sich Paul durchs Haar. „Zieh dir was über, wir gehen in den Wald.“ Ein machtvolles Bedürfnis nach Natur trieb ihn an, insbesondere der Duft von Holz und Erde.
Mit einem Ruck saß Chris senkrecht. „Um was zu tun? Bäume zählen?“
„Spazieren gehen.“
„Zu Fuß?“
„Von mir aus lauf auf Händen.“
„Vergiss es! Ich bin seit Jahren nicht mehr als fünfzig Meter an einem Stück gelaufen. Völlig untrainiert für Langstrecken.“
Paul kam hoch, ging raus und war gleich darauf mit der Lederjacke an zurück. „Ich gehe. Komm doch mit!“
„Willst du dir nicht untenrum noch was überziehen?“
Paul schürzte die Lippen. „Sieht doch keiner.“
„Nicht, dass dein Spätzchen das Loch erwischt. Der Schnabel guckt schon raus.“
Paul sah an sich herunter und schaffte Ordnung. „Von wegen Spätzchen. Das ist der Kondor unter den Penissen. Auf geht's!“
„Sachte, sachte! Eben warst du noch halb tot. Außerdem ist es Nacht. Was soll das also werden?“
„Ich giere nach reiner Luft und ich will wissen, was im Wald abgeht. Kommst du?“
„Aber nur, wenn du dich vollständig anziehst und für mich auch was hast. Meine Sachen sind unbrauchbar.“ Chris kam hoch. „Mensch, Mensch, Mensch, als hätte ich nichts Besseres zu tun.“
Auf der Suche nach einer Abzweigung fuhr Chris gemächlich über die Landstraße. Die Lichtkegel der Scheinwerfer tasteten sich von Baum zu Baum. Wie schwarze Riesen säumten sie die Straße. Chris entdeckte eine Lücke und ein Hinweisschild. Er lenkte den Wagen in einen Forstweg, stellte den Motor ab und schaute sich um. „Schweinedunkel. Man sieht die Hand vor Augen nicht.“
„Wer will sich Hände anschauen?“ Paul stieg aus, knallte die Tür und überquerte die Straße. „Man sieht meilenweit. Die im Himmel haben das Licht angemacht.“
Chris quälte sich aus dem Auto und verriegelte die Türen. „Warum jetzt in die Richtung?“ Er bekam keine Antwort und folgte Paul in angemessener Eile. Als er ihn eingeholt hatte, blieb der abrupt stehen.
„Ist das nicht grandios?“, sagte Paul launig. „Zieh mal so richtig durch.“
„Könnte mir meine Lunge krumm nehmen. Lass uns umkehren! Fürs erste reicht's.“
Paul schüttelte langsam den Kopf. „Was haben wir getan!?“ Es hörte sich an wie die einleitenden Worte eines religiösen Vortrags. „Wie oberflächlich waren wir, wie eitel und eingebildet. Wir haben kostbare Zeit vergeudet und wirklich Bedeutsames aus den Augen verloren. Unsere Begriffsstutzigkeit hat uns gelähmt.“
„Wirst du gerade erleuchtet?“, wunderte sich Chris.
„Mir wurden die Augen geöffnet.“
„Und was siehst du?“ Chris fuhr herum, als es im Unterholz raschelte. „Was war das?“
„Du tragischer Held!“, spottete Paul. „Was wird's gewesen sein? Große Klappe, dicke Muckies, aber Schiss vor einer Maus.“
„Das eben? Nie und nimmer. Aber ein Reh war's auch nicht. Was gibt es sonst noch für Tiere, die einem gefährlich werden können? Hasen! Du, die hoppeln gern auf die Fahrbahn, um Autofahrer zu erschrecken. Und ich halt gern drauf.“
Paul ging weiter. „Du bist und bleibst ein Arschloch.“
„Darauf war ich immer stolz. Hör mal! Wie weit willst du noch? Meine Zehen sind schon wund gescheuert.“
„Dreh dich mal um. Deine Karre ist noch immer in Sichtweite.“
Chris' Kopf zuckte. „Hast du gesehen?“
„Was?“
„Das Auto hat lichtgehupt. Ihm ist auch nicht geheuer.“
Paul machte kehrt und baute sich vor Chris auf. „Ich sollte dir die Freundschaft kündigen.“ Es klang bitter. „Ja, das sollte ich. Weil du hohl bist und weil du es warst, der mich in den Sumpf zog, den du Leben nennst. Du bist kein Freund. Du weißt überhaupt nicht, was eine Freundschaft ausmacht.“
„Aber du, ne?“
„Benutzt hast du mich, meine Gutmütigkeit ausgenutzt, um an meiner Seite zu glänzen“, ereiferte sich Paul weiter. „Du hast alles an dich gerissen, was du kriegen konntest.“
Chris ließ die Anschuldigungen nicht auf sich sitzen. „Reiß dich am Riemen! Der Unterschied zwischen dir und mir...“
Paul ließ ihn nicht ausreden. „Du konntest die Wahrheit noch nie ab. Und böse sind immer die anderen.“
„Soll ich jetzt schuld sein, dass du nichts mehr auf die Reihe kriegst? Erst deine Mutter, dann dein Vater und jetzt ich? Wie bequem von dir, die Verantwortung auf andere abzuwälzen. Nur komisch, wie wohl du dich in dieser Seiche gefühlt hast, von der du sprichst. Soll ich dir sagen wieso? Weil du geil auf dieses Leben warst, wie man nur geil sein kann. Und was Freundschaft betrifft: Mit deinen miesen Machenschaften hast du dir immer nur Feinde gemacht. Wenn sich je einer dein Freund nannte oder umgekehrt, dann aus niedrigen Beweggründen. So sieht's aus!“ Ein Faustschlag gegen die Brust brachte Paul zum Taumeln.
Paul wischte über sein Shirt, als hätte der Hieb Spuren hinterlassen. „Musst du so schreien?“
Chris nickte. „Wenn ich wütend bin, schrei ich. Wer hört uns denn? Niemand ist so bescheuert und spaziert nachts durch den Wald. Oder hast du Angst, die Bäume knicken um, wenn ich über dich auspacke!? Würde mich ehrlich gesagt nicht überraschen.“
„Stell mich nicht als Unhold hin. Ich habe Fehler gemacht, ja, aber...“
„Unhold? Wo hast'n das ausgegraben? Ein gewissenloser Bastard bist du, der die Gefühle anderer anzweifelt oder ignoriert. Ich sag auch weiter nichts, weil sich sonst der Mond beschämt abwendet und man hier gar nichts mehr sieht.“
Paul markierte den Ahnungslosen. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
„O doch! Nicht wenige Weiber, die dir in die Falle gingen, leiden lebenslang unter einem Trauma. Dazu der ganze andere Mist, den du dir mal vor Augen halten solltest. Sieh zu, wie du damit klarkommst auf deinem neuen Lebensweg. Ohne meine Unterstützung, weil sich unsere Wege hier und jetzt trennen. Ich gebe dem Antrag auf Freundschaftsrücktritt hiermit statt.“ Chris spuckte aus, um seiner Entscheidung einen Stempel aufzudrücken. „Und ich Hornochse rette dir das Leben. Ich bin wirklich hohl. So und nun bring dein Abenteuer zu Ende. Folge einfach dem Leuchtstreifen am Boden. Wo er endet ist der Notausgang. Mach's besser und auf Nimmerwiedersehen!“ Er drehte sich um und ging zügig davon.
„Verdammt, warte! Du kannst mich doch hier nicht zurücklassen.“
„Und wie ich kann“, brüllte Chris über die Schulter. „Du bist für mich gestorben. Paul Simons? Wer soll das sein? Nie von ihm gehört.“ Sein dunkler Lacher kam als Echo zurück.
„So was will gut überlegt sein“, schrie Paul. „Hey, Chris!“
„Ein Soziopath bist du, ein Ultrapsychopath, ein Narzisst vom Allerfeinsten.“
„Und was bist du?“, schnauzte Paul zurück.
Mit nach oben gestreckten Armen zeigte Chris ihm beide Mittelfinger.
Paul wandte sich ab.
Die Zentralverriegelung klackte, die Leuchten blinkten. Chris stieg ein, startete den Motor und sah im Rückspiegel die schwarze Gestalt, die der Wald verschluckte. Er legte den Rückwärtsgang ein und trat das Gaspedal durch. Die Reifen drehten auf dem feuchten Boden durch, das Auto ruckelte vor und zurück. Er rammte den Schalthebel in den ersten Gang ein, fuhr eine Wagenlänge nach vorn und startete einen zweiten Versuch. Die Karre schoss rückwärts auf die Straße. Chris riss das Lenkrad herum, schaltete erneut in den ersten Gang und fuhr mit quietschenden Reifen an.
Nachdenklich schlenderte Paul den Waldweg entlang. Was hatte ihn geritten, weit ab vom Schuss einen Streit mit Chris anzuzetteln. Wie sollte er zurückkommen? Zu Fuß würde er vermutlich Stunden brauchen und ob jemand um diese Zeit einen Forstweg entlangkam und ihn mitnahm war eher unwahrscheinlich. Er hielt das Zifferblatt ins Mondlicht. Viertel nach drei. Wann wurde es hell Ende Mai? Um fünf? Um sechs? Sonnenaufgänge waren ihm so fremd wie das Paarungsritual asiatischer Heuschrecken. Er stellte den Jackenkragen auf, rammte die Hände in die Taschen und lief immer tiefer in den Wald hinein.
Der Waldweg, von schweren Reifen der Forstfahrzeuge zerfurcht, war tückisch. Wurzeln ragten hervor, die leicht zu Stolperfallen werden konnten. Paul erschrak, als rechter Hand eine Eule auftauchte und mit sanften Flügelschlägen über seinen Kopf hinwegflog. Er rief sich Biolehrer Krause ins Gedächtnis, der verwaiste und verletzte Vögel aufgepäppelt hatte und der einmal sogar einen flügellahmen Waldkauz mit zum Unterricht brachte.
Bio! Paul schmunzelte. Die Lehre über Lebensformen hatte ihn nie sonderlich interessiert, bis das Naturwunder 'Frau' ihn aus der Fassung brachte. Elf war er, als Chris ihm auf der Schultoilette Schmuddelhefte unter die Nase hielt und Paul erstmals Lust entwickelte. Mit einer Heftigkeit, die ihn selbst überraschte. Mit dem Läuten der Schulglocke zur nächsten Unterrichtsstunde war auch das Ende seiner Kindheit eingeläutet, wenn man so will, die Weichen für sein weiteres Leben gestellt. In der Folgezeit und noch ehe Paul mit Alkohol und Drogen experimentierte, war er der Sexsucht verfallen. Wiederkehrende Seximpulse ließen sich nicht kontrollieren, mit gravierenden Folgen.
Im Dämmerlicht näherte sich Paul einer Waldblöße. Ein Hochsitz stand da, mit seitlichem Einstieg und offener Kanzel. Das Ding sah verwittert aus und wirkte verwaist. Er kletterte rauf und prüfte mit jedem Schritt die Statik. Sitzbank und Ablage waren mit Teppich bezogen. Paul setzte sich, lehnte sich entspannt zurück und knüpfte gedanklich an jene Zeit an, als der Wunsch nach Sex krankhafte Züge annahm.
Rückblick!
Der Nervenkitzel auf der Schultoilette hatte bewirkt, dass Selbstbefriedigung zum Einschlafritual wurde, bis Paul die 'Handarbeit' nicht länger genügte. Er stellte den Mädchen nach, die zu jener Zeit allesamt seine aufdringlichen und tollpatschigen Annäherungsversuche abwehrten.
Paul war vierzehn, als ihm sein Vater erstmals erlaubte, bei Christian zu übernachten. Und wie das in dem Alter so ist, redeten die Freunde über Fußball, rauchten heimlich, verglichen ihre Körper und schmökerten auch in Pornoheften; unter der Bettdecke mit einer Funzel als einzige Lichtquelle.
„Hörst du das?“ Paul schreckte hoch. „Was ist das? Wird da jemand gekillt?“
Chris schob mit den Füßen die Bettdecke weg. „Ach wo! Das sind Lustschreie. Mein Dad besorgt es Karin.“
Die Information drang nur langsam in Pauls Hirn vor. „Es ist gerade mal neun oder so um den Dreh!“
„Was quatscht'n du da? Gibt es feste Zeiten für Sex?“
„Wissen die nicht, dass du sie hörst?“
„Juckt die nicht. Die sind so benebelt, die merken auch nicht, wenn ich zusehe.“
„Du schaust zu?“ Die Vorstellung ließ Paul erröten, er hielt die Luft an.
„Ab und an. Laufende Bilder sind abenteuerlicher als das da.“ Chris klopfte mit dem Finger auf die aufgeschlagene Seite, wo sich ein blutjunges Mädchen einem älteren Mann hingab und ein zweiter zusah. „Hast du Bock?“
„Worauf?“
„Von was reden wir denn, Depp!? Los, komm!“
Die Freunde zogen sich was über, kletterten aus dem Fenster und die Eisentreppe rauf, die zum Balkon des Elternschlafzimmers führte. Die Tür war zu, das Rollo unten. Das Faltrollo am Fenster daneben aber war ein Stück hochgezogen. Drinnen sorgten marokkanische Nachttischlampen für stimmungsvolles Licht.
Das Bild, das sich Paul bot, eröffnete ihm eine neue Dimension sinnlichen Genusses. Er hatte umgehend einen Steifen. Die Erregung löste Schielen aus, er sah doppelt. Er tauchte ab, watschte sich und stürmte kopflos davon.
Ein Weilchen später erschien Chris. „Wieso bist du abgehauen?“
„So halt.“ Paul lag am Rücken, mit Händen unterm Kopf.
„Wenn Karin kommt, explodiert die Welt. Ihr Höhepunkt ist spektakulär. Du verpasst was.“ Chris schraubte den Verschluss der Colaflasche auf. „Deine Hose ist nass.“ Er stülpte die Lippen über den Flaschenhals und ließ es laufen.
Paul warf sich die Bettdecke über und atmete tief in den Bauch hinein. „Ich will das auch.“
Chris hielt ihm die Flasche hin.
„Nicht trinken, du Eumel, pimpern.“
„Wird auch Zeit. In dem Alter noch Jungfrau! Mein erstes Mal ist so lange her, ich kann mich nicht erinnern.“
„Is klar! Und gerade flog ein Pinguin vorüber“, spottete Paul.
„Kann gut sein. Der Zoo ist nicht weit und bei starkem Ostwind...“
„Halt die Klappe.“
„Rutsch!“, befahl Chris und legte sich dazu.
Paul drückte sich an die Wand. „Jemand anderes wäre mir lieber.“
„Ich kümmere mich“, sagte Chris mitfühlend. „Aber mach den Flaum aus deinem Gesicht und leg dir eine coole Frisur zu. Dein engelsgleicher Lockenschopf bringt's nicht.“
„Du spinnst! Die Girls stehen auf meine Mähne.“
„Die Acht- bis Zwölfjährigen. Die darüber finden dich nur niedlich. Die wollen richtige Kerle, wie mich.“ Chris zählte seine Vorzüge auf.
Paul ließ ihn reden. Er gab nur ungern zu, dass sein Kumpel trotz Pickel, Mitesser und einer Figur wie Lupo beim anderen Geschlecht punktete. Wusste der Geier warum! Vielleicht war es sein Charme, den er auf Knopfdruck versprühen konnte und sein selbstsicheres Auftreten. Die Weiber klebten an ihm, auch wenn sich längst herumgesprochen hatte, dass er jeder an die Wäsche ging, die schon einen BH trug.
*
Hausarrest und Nachhilfe brachten nicht den gewünschten Erfolg, Pauls Leistungen rutschten unaufhaltsam in den Keller. Mit Eifer lernte er nur, wie man Mädchen klarmachte. Schnell zeichnete sich ab, dass er nicht in die höhere Klassenstufe aufrücken würde. Chris wollte ihn auf der Ehrenrunde begleiten und versemmelte absichtlich die Tests.
Chris bat seine Stiefmutter, Paul detailliert aufzuklären. „Wenn der sich bei seiner neuen Flamme blamiert, kriegt der im Leben keinen mehr hoch, sensibel wie der ist.“ Karins Mitgefühl war geweckt. Die mochte den schüchternen Jungen, der ohne Mutter aufwuchs und unter seinem despotischen Vater litt. Sie willigte ein. Dass es nicht allein bei schnöder Theorie blieb, verdankte Paul seiner Kunst des Blödstellens und Karins Freizügigkeit. Da hatten sich zwei gefunden.
Paul war der charismatischen Frau verfallen. Mit üppigen Rundungen und einer fesselnden Aura konnte sie das andere Geschlecht begeistern und für sich gewinnen. Man sah Karin die zweiunddreißig nicht an. Kindliche Gesichtszüge und die kurze, fuchsrote Lockenfrisur ließen sie jünger aussehen. Auffallend sexy gekleidet verfiel die Männerwelt in wilde Träumereien, wenn sie durch die Straßen stolzierte und mit sinnlichen Lippen Signale aussandte. Chris' Vater hatte Karin vor knapp vier Jahren geheiratet; noch keine fünf Monate nach dem Tod seiner Frau, die an Lymphdrüsenkrebs gestorben war. Man erzählte sich, er habe Karin in einem einschlägigen Club außerhalb Hannovers kennen und lieben gelernt. Ob an dem Gerücht was dran war, wussten nur die beiden.
Als der zweite blaue Brief ins Haus flatterte, meldete der Senior den Filius im Internat Hohenstein an, das wegen disziplinarischer Ordnung berühmt-berüchtigt war; strenge Betreuung garantiert. Der Alte ließ die Katze erst aus dem Sack, als sich das Tor zur Zufahrt der Eliteschule hinter ihnen schloss.
Fortan diktierten strikte Regeln Pauls Tagesablauf. Es gab kaum Privatsphäre. Das Verlassen des hoch umzäunten Internatsgelände war allein an Sonn- und Feiertagen und nur in Begleitung von Eltern oder Betreuern gestattet. Wer sich gegen bestehende Regeln widersetzte, musste eine oder mehrere Nächte in einem feuchtkalten Verlies des Kellergewölbes verbringen.
Der Hausmeister war angehalten, die Zimmer nach Schmuggelware zu durchsuchen. Und der suchte gründlich. Wer sich erwischen ließ, wurde vier Wochen vom ohnehin spärlichen Freizeitangebot ausgeschlossen. Übergriffe auf Kameraden, wie auch immer, wurden mit eiskalten Duscharien geahndet und auch der Rohrstock kam zum Einsatz. Solche Maßnahmen waren zwar nicht in den Statuten des Internats verankert, wurden jedoch von den Eltern weitgehend toleriert, um ihre Sprösslinge zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft reifen zu lassen. Als wenn das alles nicht schon schlimm genug wäre, waren auch die Kommunikationsleitungen nach außen blockiert. Die Isolation, die unkontrollierte sexuelle Gier und der Verzicht bescherten Paul Albträume und laugten ihn physisch wie psychisch aus. Er wurde zunehmend reizbarer, Niedergeschlagenheit begleitete ihn durch den Tag. Das Abnabeln vom Leben draußen fühlte sich an wie eine nicht endende Folter.
Paul störte den Unterricht, provozierte Lehrer und Schüler. Zur Maßregelung musste er Gedichte in Französisch und Latein auswendig lernen oder Nasszellen und Toiletten unter Aufsicht schadenfroher Mitschüler reinigen. Von seinen Zimmergenossen bezog er Dresche, wenn er frech wurde oder querschlug.
Da der Vater seine Hilferufe ausnahmslos dem Anrufbeantworter überließ, verweigerte Paul schließlich den Unterricht und trat in den Hungerstreik. Internatsleiter Mildenberger, ein knallharter, engherziger Typ, ließ ihn antreten. Der beleibte Mann mit Halbglatze schaute Paul über den Brillenrand hinweg an und sprach mit überraschend sanfter Stimme. „Mein lieber Simons! Wie mir zu Ohren gekommen ist, fühlen Sie sich bei uns nicht wohl und ziehen die Kellerzelle Ihrem Zimmer vor. Sie sabotieren den Unterricht, prügeln sich und verweigern die Mahlzeiten. Auch wollten Sie zweimal unerlaubt das Gelände verlassen.“ Nach einer Atempause fuhr er fort: „Ihr Vater hat Erziehungsfehler eingeräumt und ist gewillt, ein Heidengeld zu berappen, damit wir Versäumtes wettmachen; retten, was noch zu retten ist. Und glauben Sie mir, wir werden ihn nicht enttäuschen. Wenn ich Ihnen also einen guten Rat geben darf, beenden Sie den Zwergenaufstand. Halten Sie sich an die Hausordnung und an die Regeln für ein Zusammenleben. Gliedern Sie sich in die Gemeinschaft ein. Bei einem reibungslosen Ablauf können Sie in fünf Jahren Abitur machen, danach steht Ihnen die Welt offen. Jede Auszeit, die Sie sich unerlaubt nehmen, verlängert Ihren Aufenthalt hier nur.“
„Fünf Jahre?“, krakeelte Paul kreidebleich. „Vergessen Sie's! Lieber nehm ich mir den Strick oder...“
Mildenberger ließ ihn nicht ausreden. „Ich muss wohl deutlicher werden, Simons“, sagte er, der Ton schärfer jetzt. „Beugen Sie sich, oder Sie wandern in die Jugendpsychiatrie, wo man sich Ihrer armen Seele annimmt; kein Sonntagsspaziergang, so viel ist sicher.“ Um seinen Zögling mürbe zu machen, sattelte er noch einen drauf. „Tagsüber stehen Sie unter ständiger Beobachtung, nachts fesselt man Sie ans Bett. Man hält Ihnen sogar den Penis beim Urinieren, von Aufpassern, die ein Faible für hübsche Knaben haben. Verweigern Sie Therapien, beschallt man Sie mit Klängen, bis Ihr Wille gebrochen ist.“ Er ließ es sacken. Pauls entsetzter Blick entlockte ihm ein Lächeln. „Nun?“ Mildenberger zog die Augenbrauen hoch.
„Leere Drohungen!“, spie Paul aus. „Mein Vater würde diesen mittelalterlichen Methoden niemals zustimmen.“
Mildenberger versank tiefer im Ledersessel und legte die gefalteten Hände auf den runden Bauch. „Hat er“, sagte er mit spitzem Mund. „Besiegelt mit seiner Unterschrift. Ich kann Sie nur warnen, Simons: Sind Sie erst einmal in der Geschlossenen, kann es sehr lange dauern, bis Sie wieder Freiheit genießen.“ Ein lautes Räuspern signalisierte das Ende der Belehrung. „Das war's! Erscheinen Sie nicht zum Abendessen, werde ich aktiv.“ Mildenberger rückte die Brille zurecht und widmete sich irgendwelchen Papieren, ohne den renitenten Schüler weiter zu beachten.
Paul marschierte aus dem Büro, stinksauer auf seinen Vater, der mit diesem Eselstreiber gemeinsame Sache machte. Das würde er ihm heimzahlen. Von Mutlosigkeit und Verzweiflung beherrscht warf sich Paul in seinem Zimmer aufs Bett und flennte ins Kissen.
Knut, Sohn eines Musikverlegers, auf dessen Konto etliche Autodiebstähle und Vandalismus gingen, hörte sein Schluchzen durch die Wand und ging rüber. Auch wenn er Paul nicht leiden konnte, sympathisierte er jetzt mit ihm. Er setzte sich auf die Bettkante und tätschelte ihm aufmunternd den Rücken. „Das Weinen der Besiegten! Die haben hier noch jeden kleingekriegt, Simons. Ich habe vier Wochen Jugendknast hinter mir. Dagegen ist das hier ein Erholungsheim.“
Paul schüttelte ihn ab und warf sich herum. „Verpiss dich, oder ich fackel dir die Sackhaare ab.“
Knut erhob sich und schaute auf Paul herab. „Alles Schlechte kommt zu dir zurück, lautet ein ungeschriebenes Gesetz.“ Er ging raus und pfiff auf den Fingern. Türen öffneten sich, Mitschüler traten auf den Gang. „Gibt mir jemand ein Feuerzeug. Simons will den Flaum am Sack loswerden.“ Hinter ihm krachte die Tür ins Schloss. Er hörte das Kratzen von Tischbeinen über den Fliesenboden und andere eindeutige Geräusche. Paul hatte sich verbarrikadiert. Knut lachte lauthals und weihte die anderen ein.
Der Esssaal im Westflügel mit seinen hohen schmutzigen Wänden und metallumrahmten Fenstern auf beiden Längsseiten hatte den Charme einer Fabrikhalle. Bunte Vorhänge und eine angemessene Wandgestaltung hätten Behaglichkeit schaffen können, wie sie in der Bibliothek und im Aufenthaltsraum vorherrschte. Zum Mittagstisch Punkt eins erfolgte der Einmarsch, streng geordnet und in Zweierreihen. Und erst wenn alle auf ihren Plätzen saßen, durfte gesprochen werden. Die Essensverteilung übernahmen Schüler und Küchenhilfen. Das Angebot war vielseitig, auf gesunde Kost wurde Wert gelegt.
Paul stocherte im Essen herum – ein Mischmasch aus Kartoffelpüree, Bohnengemüse und Rindfleischwürfel. Der Küchenchef oder einer der Beiköche musste einen schlechten Tag haben. Das Püree klumpte, dem Bohnengemüse fehlte die Würze. Ihm gegenüber saß Winfried, ein Kraftpaket mit platter Nase und breiter Stirn. Als schwule Bulldogge wurde er betitelt, nur hatte kein Mitschüler jemals einen Übergriff zugegeben oder ihn darum beim Schulleiter angeschwärzt.
Winfried war ein leidenschaftlicher Krawallmacher. Heute hatte er erneut Paul im Visier. „Hau rein, damit du zu Kräften kommst“, raunte er mit unbewegter Miene. „Schwächlingen ziehe ich gerne mal den Schwanz lang.“
Die in Hörweite feixten.
Paul sah mit versteinerter Miene auf. Der Knilch zu seiner Linken schielte ihn von der Seite her an. „Er ist der Boss.“
„Bin mein eigener Boss“, sagte Paul grob. „Frage mich bloß, wie ich mein Essen behalten soll, mit dieser Analfratze im Blick.“
Winfried riss es förmlich vom Stuhl und noch ehe sich Paul versah, zerkratzte der ihm mit der Gabel das halbe Gesicht. Glücklicherweise entstanden nur oberflächliche Schnittwunden.
Vorkommnisse dieser Art waren kein Einzelfall, Machtkämpfe unter den Schülern bestimmten den Alltag. Dazu der Leistungsdruck, die Trennung von der Familie und der Umstand, vom normalen Leben abgeschnitten zu sein – all das führte zu Stress, der nur schwer zu bewältigen war auf diesem langen und steinigen Weg. Nicht wenige Schüler litten unter dem Internatssyndrom und kämpften mit dauerhaften psychischen Problemen auch noch im Erwachsenenalter.
Der Duft des späten Frühlings kitzelte in seiner Nase. Mit Luftschlägen vertrieb Paul lästige Plagegeister und las mit müden Augen die Zeit ab. Halb sechs. Die Sonne hatte sich bereits über den Horizont geschoben und warf zarte Strahlen durch das Laub der Bäume. Tautropfen hingen wie Glasperlen am satten Grün des Grases, die Luft war erfüllt von Vogelgesang. Der Anblick bunter Wiesenblumen, deren Blüten sich der wärmenden Sonne entgegenstreckten, erheiterte ihn und er wusste nicht warum.
Ein herzhaftes Gähnen verursachte ein Stechen in den Bronchien. Paul bekam Reizhusten. Als der Anfall vorüber war, entschuldigte er sich bei seiner Lunge für die stiefmütterliche Behandlung in der Vergangenheit. Weil er fröstelte, zog er den Reißverschluss der Lederjacke hoch bis zum Anschlag. Paul verschränkte die Arme und vergrub die Hände unter den Achseln. Noch kurz wollte er das seltene Bild genießen und sich dann auf den Heimweg machen. Das Verlangen nach einer Zigarette ließ ihn an die Marlboro-Werbung denken. Ein Cowboy hoch zu Ross in Amerikas unendlicher Weite, mit dem Gefühl von Freiheit und Abenteuer, ausgelöst durch Nikotin. „Blauer Dunst, der einen richtigen Kerl aus dir macht, bevor dich Lungenkrebs dahinrafft“, rief Paul mit flackernden Lidern in den Wald hinein. Die Bierwerbung drängte sich ihm auf, wo Textmacher das Reinheitsgebot mit kristallklarem Wasser assoziieren, in das ein vom Aussterben bedrohter Vogel eintaucht. Und dann die Werbebotschaft, Alkoholkonsum erfolgreich zu transportieren. Mit fröhlich singenden Bergwanderern, die sich unterm Gipfelkreuz einen hinter die Binde kippen. „ Langzeitgifte legal vermarktet.“
Paul durchleuchtete weiter im Geiste Sinn und Unsinn solcher Kampagnen. Einerseits investierte der Staat in Suchtprogramme und erlaubte andererseits die Werbung, die seine Bürger zum Saufen verleitete. Wegen der Milliarden, die sich damit verdienen ließen. Selbst schädliche Haushaltschemikalien fanden da ihre Berechtigung. „Aber wehe man kippt den Auto-Aschenbecher in den Rinnstein.“ Er lachte. „Alter, du hast eindeutig zu viel Zeit vor der Glotze verbracht. In den Wald hättest du gehen sollen!“ Ein Rascheln ließ ihn aufhorchen. Paul nahm die Arme herunter und lehnte sich vor. Ein Ferkel kam auf flinken Beinen über die Wiese gelaufen. Litt er an Halluzinationen? Paul hielt kurz die Augen geschlossen und als er sie wieder öffnete, war das Bild das gleiche. Das wollte er sich aus nächster Nähe ansehen. Er machte Anstalten runterzuklettern, als ein glockenhelles Summen zu ihm drang, das definitiv nicht aus dem Ferkel kam. Er setzte sich wieder hin und verhielt sich mucksmäuschenstill. Ein Mädchen mit rotblonden Haaren kam hinter Bäumen hervor und stelzte über die Blumen hinweg. Armselig sah es aus in dem Blümchenkleid, das um den mageren Körper schlotterte und bis über den Rand grüner Gummistiefel hing. Darüber trug es eine graue, grobmaschige und viel zu große Strickjacke. Paul siedelte sein Alter zwischen zehn und zwölf an.
