Basler Blutgericht - Armin Zwerger - E-Book

Basler Blutgericht E-Book

Armin Zwerger

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Beschreibung

Ferdinand Deislers Laufbahn als Einbrecher und Dieb begann im Schoße der Familie. Als junger Mann fand er in jenen unsicheren Zeiten schnell Gleichgesinnte. Zusammen mit drei Elsässern machte der Inzlinger die Gegend um Basel unsicher. Die Wirren der Napoleonischen Kriege wussten sie dabei stets zu ihrem Vorteil zu nutzen. Neben der Gendarmerie waren auch Wachtmeister Ruedi und sein Assistent Würselin angehalten, den räuberischen Umtrieben Einhalt zu gebieten. Obwohl die beiden manche Rückschläge einstecken mussten, zog sich das Netz um die vier Männer immer mehr zu …

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Seitenzahl: 481

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Armin Zwerger

Basler Blutgericht

Historischer Roman

Zum Buch

Die letzten Hinrichtungen in Basel Basel um 1800. In der Zeit der Napoleonischen Kriege und infolge des Ausbruchs des Vulkans Tambora hatte Basel und die gesamte Region unter Missernten, Hunger, Krankheit und Not zu leiden. Manch einer wusste sich nur noch durch Schmuggel, Diebstahl, Einbrüche bis hin zum Straßenraub zu helfen. Bedroht fühlten sich vor allem die Bürger der besseren Basler Gesellschaft. Dort kümmerte man sich kaum darum, der notleidenden Bevölkerung in dieser schweren Zeit zu helfen. Dagegen übte man einen immer stärker werdenden Druck auf Gendarmerie und Landjäger aus, den sich ausbreitenden Gaunereien ein Ende zu bereiten. Auch Wachtmeister Thaddäus Ruedi und sein junger Assistent Amadeus Würselin, die im minderen Basel ihren Dienst verrichteten, mussten sich dieser Aufgabe widmen. Besonders in den Fokus rückte eine Gruppe von Männern, denen Mord, Einbruch, Räuberei und Diebstahl zum Vorwurf gemacht wurde. Obwohl Ruedi und Würselin manche Rückschläge einstecken mussten, zog sich das Netz um die vier Männer immer mehr zu …

Armin Zwerger, 1953 in Friedrichshafen geboren, hat an der Universität Freiburg Germanistik, Politische Wissenschaften und Geschichte studiert. Er war als Schulbuchautor tätig, wechselte danach in den Schuldienst und war viele Jahre Lehrer, unter anderem in der deutsch-schweizerischen Grenzregion. Er lebt seit Jahren unweit von Basel und beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte dieses Länderdreiecks. Der Autor hat bereits einen Roman sowie mehrere Beiträge in Anthologien veröffentlicht. Außerdem ist er Mitglied im Vorstand der Arena Literatur-Initiative Riehen (CH), die sich seit 1978 der Förderung regionaler und überregionaler Literatur widmet.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung der Bilder von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nicolas_Poussin_-_Le_Massacre_des_Innocents_-_PDUT879_-_mus%C3%A9e_des_Beaux-Arts_de_la_ville_de_Paris_-_4.jpg und https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CH-NB_-_Basel_und_Kleinbasel,_von_Osten_vom_linken_Rheinufer_aus_-_Collection_Gugelmann_-_GS-GUGE-BENZ-B-1.tif

ISBN 978-3-8392-7454-5

Zitat

Durch Vernunft, nicht durch Gewalt soll man Menschen zur Wahrheit führen.

Wenn man einen falschen Weg einschlägt, verirrt man sich umso mehr, je schneller man geht.

Denis Diderot (1713 – 1784)

Basel im August 1848

»Da seid Ihr hier an der falschen Stelle, Völler.«

Amtmann Übelin war ein wenig genervt, als er sich erneut dem jungen Mann zuwandte, der an diesem heißen Augustnachmittag bei ihm vorsprach weil er, wie er sagte, »eine dringende Bitte vorzubringen habe, die keinen Aufschub dulde.«

Übelin schätzte den Mann auf etwa 30 Jahre. Wieso ein Totenschein eines Mannes, der vor mehr als einem Vierteljahrhundert das Zeitliche gesegnet hatte, derart dringlich war, wollte ihm so ohne Weiteres nicht einleuchten.

»Wohl haben wir ein Totenregister. Für die gesamte Stadt sogar. Aber Totenscheine werden von der Kanzlei nicht ausgestellt. Da müsst Ihr Euch an das zuständige Pfarramt wenden. Wenn Euer Vater – wie war noch einmal sein Name?«

»Jakob Johann Feller von Sondernach aus dem Elsass, Herr Amtmann«, gab der junge Mann bereitwillig Auskunft.

»Wenn Euer Vater, wie Ihr sagt, 1819 in Basel gestorben ist, wird das in den Kirchenbüchern zu finden sein«, erklärte der Amtmann.

Womit für ihn die Angelegenheit erledigt war und er sich wieder seinen Akten zuwandte.

»Könntet Ihr nicht doch nachsehen, ob sich etwas Amtliches über Vaters Tod in Euren Unterlagen finden lässt?«

Übelin wirkte nicht sonderlich begeistert, als er wieder von seinem vor ihm liegenden Haufen an Papieren aufsah, die eine Menge Arbeit versprachen. Der junge Mann sah sich nun doch genötigt, sein Anliegen genauer zu erläutern, wollte er nicht unverrichteter Dinge das Amt wieder verlassen.

»Es ist wegen meiner Hochzeit. Ich brauche das Papier mit großer Dringlichkeit«, erläuterte er. »Im Elsass kann man keine Ehe eingehen ohne die Zustimmung des Vaters. Oder man muss den Nachweis führen, dass er gestorben ist. Als Vater starb, war ich zwei Jahre alt. Jetzt sagt man mir, dass ich einen Totenschein vorlegen muss.«

»Warum geht Ihr nicht auf das infrage kommende Pfarramt?«

»Dort war ich schon«, entgegnete Feller, der seine wachsende Nervosität und Verlegenheit immer weniger verbergen konnte. Unruhig trat er von einem Fuß auf den anderen und drehte seinen Hut in der Hand hin und her.

»Wie hat man Euch dort beschieden?«

»Dass der Name des Vaters in keinem der Kirchenbücher erscheint. Ich war auch noch in zwei anderen Pfarrämtern, in deren Sprengel der Vater sich einige Zeit aufhielt. Aber nirgendwo taucht sein Name auf.«

Übelin grübelte ein wenig und besah sich dann noch einmal die Unterlagen, die der junge Mann mitgebracht hatte. Im Wesentlichen handelte es sich um einen Trauschein, der die Heirat des J. J. Feller mit einer Susanna Decrousaz von Diesse bei Neustadt bestätigte, ausgestellt in Binningen.

»In dieser Urkunde steht, dass der Geschlechtername Eures Vaters ›Feller‹ lautete. Wenn ich Euch recht verstanden habe, nennt Ihr Euch ›Völler‹. Könnte es daran liegen, dass man das Dokument in den Kirchenbüchern nicht findet?«

»Nein«, sagte der junge Mann. »Ich habe meinen Namen geändert. Nur ein wenig. Aber es war notwendig.«

Das kam Übelin jetzt seltsam vor. Namensänderungen waren ungewöhnlich.

»Warum?«, wollte er wissen und sah dem jungen Mann ins Gesicht.

»Um die Wahrheit zu sagen«, antwortete Völler, »lässt sich das nicht so einfach erklären. Vor allem, weil die Familie meiner Braut davon nichts erfahren darf. Und auch meine Verlobte weiß noch nichts davon.«

Völler stockte und atmete schwer durch, bevor er weitersprach. Es schien, als müsse er erst ein wenig mit sich ins Reine kommen.

»Früher oder später wird sie es wohl erfahren müssen. Wenn ich Euch diesen Sachverhalt genauer schildere, so bitte ich Euch, darüber Stillschweigen zu bewahren, mindestens, bis die Hochzeit stattgefunden hat. Überhaupt wäre ich Euch sehr verbunden, wenn man das Ganze nicht an die große Glocke hängte.«

Übelin war nun doch neugierig geworden, und er entschloss sich, dem jungen Mann ein wenig seiner kostbaren Zeit zu opfern. Freilich nur unter einer Bedingung, die er seinem Gegenüber auch sofort eröffnete.

»Das kann ich nur, wenn Ihr Euch nichts habt zuschulden kommen lassen, das muss Euch klar sein.«

»Darauf könnt Ihr Euch verlassen. Aber das gilt eben nur für mich und nicht für den Vater.«

»Dann heraus mit der Sprache«, forderte Übelin den jungen Mann auf.

Johannes Völler sah ein, wenn er die Erlaubnis für seine Hochzeit haben wollte, musste er jetzt die Wahrheit über seinen Vater erzählen. Warum er und zwei seiner Kumpane nicht kirchlich beigesetzt worden waren und in den Kirchenbüchern nicht auftauchten. Niemals auftauchen würden.

Zwei, drei Male schluckte er, dann aber legte er los. Was hatte er schon zu verlieren? Er wusste zwar, dass man nicht nur in der Baselstadt sehr genau darauf achtete, aus welcher Familie man stammte. Aber dieses Risiko musste er eingehen.

»Drei Männer waren es, die am 4. August 1819 zu Tode kamen«, fing er an. »Eigentlich vier, der vierte hatte ein kaum weniger grausiges Schicksal. Die drei starben auf eine fürchterliche Art und Weise, wie sie seither in Basel nicht wieder vorgekommen ist. Einer dieser Männer war mein Vater…«

Übelin hatte das Gefühl, nun eine längere Geschichte zu Gehör zu bekommen, schob seine Akten beiseite und hieß den jungen Mann, auf dem freien Stuhl gegenüber Platz zu nehmen, lehnte sich ein wenig zurück und war ganz Ohr.

Inzlingen(Herbst 1796)

»Ich bin spät, ich weiß.«

Sobald Ferdinand durch die Tür ins Haus kam, setzte er zu einer Verteidigungsrede an, noch bevor ihn die Mutter mit Vorwürfen traktieren konnte.

»Aber der Lehrer hat mich nicht gehen lassen. Gartenarbeit wäre da noch, hat er gesagt. Und ein Nichtsnutz wie ich wisse ohnehin nicht, was mit der Zeit anfangen. Dann musste ich umgraben. Im Garten.«

Die Stimme des achtjährigen Jungen klang etwas weinerlich, als er der Mutter ins Gesicht sah. Ob sie gemerkt hatte, dass das nur die halbe Wahrheit war? Aber was hätte er tun sollen?

Er war in der Schule geblieben und hatte seine Hilfe angeboten, weil er schon lange gemerkt hatte, dass sich der alte Lehrer viel mehr um die Kinder kümmerte, deren Eltern großzügig mit dem Schulgeld sein konnten oder die ihm in seinem Haushalt und im Garten irgendwie behilflich waren.

Großzügig mit dem Schulgeld konnten Ferdinands Eltern nicht sein. So blieb nur die Hilfe im Garten, wenn er bessere Noten haben und nicht angeschrien werden oder mit dem Stock Bekanntschaft machen wollte wie der Engler Alfons. Geld hatten dessen Eltern auch keines, um es dem Lehrer in den Rachen zu schmeißen. Trotzdem schickten sie den Jungen in die Schule. Da waren die Großeltern hinterher. Nur machte sich Alfons nichts aus Schule und Lehrer, schwänzte, so oft er konnte, und wurde angeschrien, wenn er mal da war. Und der Stock des Schulmeisters dürfte schon auf allen Körperteilen des Jungen sein Tänzlein gehalten haben.

Eine Frau hatte der Lehrer Franz Keller nicht, nur die Gicht. Da ging ihm die Arbeit als Zimmermann nicht mehr so leicht von der Hand. Sein Einkommen als Dorflehrer reichte nicht aus. Bezahlt wurde der Lehrer nur während der Schulzeit. Im Frühsommer selten und im Hochsommer und Herbst gar nicht. Erst im Spätherbst kamen die Kinder wieder einigermaßen regelmäßig in den Unterricht.

So musste er immer wieder in seinem gelerntem Beruf tätig werden und sich als Zimmermann verdingen. Das führte ihn manches Mal bis ins Schweizerische Rheinfelden hinein oder hinab nach Riehen und ins Mindere Basel. Mäßig bezahlt wurde er aber auch da, und wenn die Schmerzen in den Händen gar überhandnahmen, wünschte er sich bald wieder ins Inzlinger Schulhaus zurück. Obwohl es in der kleinen Schule am Ort alles andere als heimelig war.

Der Bau hätte ein neues Dach dringend notwendig gehabt. Wie oft hatte er da schon herumgezimmert, aber die knausrigen Dorfräte rückten keinen Kreuzer für die Reparatur des alten Schuldaches heraus.

Wollte nach dem Schlussgebet keines der Kinder bei ihm bleiben und helfen, schimpfte er erst und drohte. Erbarmte sich trotzdem niemand, weil sie alle daheim erwartet wurden, verlegte er sich aufs Jammern. Beklagte den Tod der früh verstorbenen Frau, seine Kinderlosigkeit und den kargen Lohn, von dem er zu leben habe.

Dann tat er Ferdinand leid, und während alle davonsprangen, blieb er beim Lehrer und half ihm. Meistens bei der Arbeit im Garten. Zulangen konnte er, auch mit seinen acht Jahren. Außer ihm war da nur die Marie Keller, mit der zusammen er beim Schulmeister aushalf. Sie war irgendwie entfernt mit dem Lehrer verwandt, nannte ihn »Onkel Franz« und half ihm bei der Küchenarbeit. Aber Maries Eltern wussten, dass ihre Kleine beim Lehrer aushalf und hatten nichts dagegen. Dafür machte der Schulmeister sich auch das eine oder andere Mal auf dem Keller’schen Hof nützlich.

Dass Ferdinand ihm gelegentlich zur Hand ging, machte Eindruck auf den Lehrer. Zumal er wusste, wie man bei den Deislers zur Schule stand. Er hätte dem Jungen Besseres gewünscht als die zu erwartende Arbeit als Leinen- oder Seidenweber, zu der schon die Eltern Ferdinands und seine Geschwister gezwungen waren, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die sie mehr schlecht als recht ernährte und die zu einer gewissen Verwahrlosung der Kinder geführt hatte.

Ferdinand war da noch eine löbliche Ausnahme, weil er gerne in die Schule kam und ein aufmerksamer Zuhörer der Bibelgeschichten war.

Als Keller davon hörte, dass man in Basel eine neue Schule eröffnete, wo man bereit war, dem Nachwuchs weniger betuchter Eltern eine Bildungsmöglichkeit zu eröffnen, nahm er den Jungen eines Tages beiseite.

»Das wäre etwas für dich, Ferdinand. Da könntest du ein wenig mehr lernen als das, was ich oder deine Eltern dir beibringen können«, versuchte er, ihm die Sache schmackhaft zu machen, und schaute den Jungen aufmunternd an. Aber Begeisterung weckte er damit beim jungen Deisler nicht.

»Der Vater meint, dass ich mit Latein nichts anfangen könne. Dass sei keine Sache für den Sohn eines Leinenwebers. Da brauch’ ich mit solchen Flausen gar nicht kommen«, meinte er nur. »Und Geld ist eh’ keins da«, fügte er noch verschämt hinzu, senkte den Kopf und starrte auf die alten Holzdielen vor der Schiefertafel. Die waren genauso schäbig wie die Tafel selbst, die voller Risse war, in denen noch einige Kreidereste prangten, die gar nicht mehr wegzuwischen waren.

»Nichts mit Latein«, meinte der Lehrer. »Dort kannst du solides Handwerk lernen. Nicht nur die Leinenweberei und die Bleicherei oder das Seidenbandherstellen.«

Er wusste, dass der Junge nicht das gleiche Schicksal haben wollte wie der Vater, den die Leinenbleicherei im Ryhiner Werk immer mehr in Mitleidenschaft zog und den man jahraus, jahrein nur hustend durch das Dorf gehen sah. Das ging den anderen Berufswebern im Dorf freilich kaum besser, weil sie bei ihren Webstühlen in den dumpfen, kalten und feuchten Steinkellern irgendwann alle mit Lungenbeschwerden zu kämpfen hatten. Aber auch das Seidenbandweben, das sein älterer Bruder Johannes gelernt hatte, hätte ihm keine Freude gemacht. Der Junge hatte ihm das auf seine etwas gehemmte, schüchterne Art einmal gestanden.

Vielleicht, meinte der Lehrer, wenn er sich arg Mühe gäbe, wäre die neue Schule etwas für ihn. Schnell genug im Begreifen sei er ja. In zwei oder drei Jahren sei er alt genug und reif dafür. Da könne sich sein Vater erkundigen und dort anfragen, ob man Ferdinand in der Schule aufnähme. Er wäre durchaus bereit, ein gutes Wort für ihn einzulegen.

Den Einwand des Jungen, dass das doch sicher viel Geld koste, ließ der Lehrer nicht gelten.

»Wenn einer mittellos ist, müssen die Eltern kein Schulgeld bezahlen. Würde dich das nicht reizen, in so eine Schule zu gehen?«

»Schon«, meinte Ferdinand. »Aber hier ist Inzlingen. Das gehört doch nicht in den Basler Kanton. Die Basler nehmen doch sicher keinen aus dem Österreichischen.«

»Ins Österreichische gehört der Ort nicht, merk dir das!«, brummte der Lehrer. »Zum protestantischen Kanton unten im Tal allerdings auch nicht«, fügte er etwas resigniert hinzu. »Andererseits muss das ja nicht immer so bleiben.«

Den verschwörerischen Blick, den der Lehrer Ferdinand dabei zuwarf, verstand der Junge nicht.

»Der Herr des Wasserschlosses gehört zum Markgrafen«, erläuterte Schulmeister Keller daraufhin. »Auch wenn sich das in Inzlingen noch nicht überall herumgesprochen hat. In Basel weiß man allerdings, wohin der Reichensteiner gehört.

Ergeben nickte Ferdinand, obwohl ihm der Sinn der Keller’schen Ausführungen verborgen blieb.

»Und wenn die Inzlinger auch katholisch sind, so ist der Weg nach Riehen und Basel näher als der über den Berg in eine Schule im Markgräflichen.«

Damit versuchte er, dem jungen Deisler Hoffnung zu machen, eines Tages doch hinab an den Rhein gehen zu können, um dort in der Stadt die Schulbank zu drücken.

Ferdinand wäre gerne nach Basel gegangen. Aber das konnte er den Eltern, die ihn ohnehin nur ungern in irgendeine Schule gehen ließen, schwerlich gestehen.

Der Vater meinte immer, man sei nicht in Preußen, wo man jetzt die Kinder von zu Hause wegnähme, um sie in Anstalten zu schicken, in denen sie etwas Vernünftiges lernten. Aber er fräße einen Besen, wenn das dort mehr sei, als den Katechismus rauf und runter zu beten. Das ginge zur Not auch unter dem eigenen Dach, so mickrig das auch sei. Dagegen könnten die Kinder im Haus und auf dem Hof genug Vernünftigeres beigebracht bekommen.

Johannes und Anna, Ferdinands ältere Geschwister, waren jedenfalls nicht in die Schule geschickt worden. Dazu war einfach kein Geld da, und auch sonst gab es nichts Überflüssiges im Haus, was man statt des Schulgeldes hätte entbehren können.

Anna war im Haushalt nicht wegzudenken, würde irgendwann im Dorf heiraten und wäre dann versorgt. Johannes hatte man schon die Leinenweberei beigebracht, und auch aufs Seidenweben würde er sich verstehen. Alles, ohne dass man ihn auf eine Schule geschickt hatte.

Der Webstuhl für die Seidenbandweberei stand in der Kammer, ein zweiter für die Leinenweberei im immer feuchten Keller. Fast die ganze Familie arbeitete in Heimarbeit für den Hoffmann in Basel, und früh schon hatten die Kinder mithelfen müssen.

Für den Jüngsten, den achtjährigen Ferdinand, hatte der Vater das Gleiche vorgesehen. Als der Pfarrer und der Schulmeister auf den alten Josef Deisler eingeredet hatten, dass doch zumindest einer aus der Familie ein wenig mehr als nur drei Kreuze auf einem Bogen Papier zustande bringen sollte, wenn er mit seinem Namen zeichnen musste, hatte er nachgegeben. Irgendwann lohne sich das, hatte man dem alten Deisler versichert. Nicht nur für den Jungen. Zähneknirschend hatte er schließlich zugestimmt, dass der Junge im Spätherbst, im Winter und ein wenig ins Frühjahr hinein auf die Schule gehen sollte. Das Schulgeld hatte er noch heruntergehandelt, indem man, statt barer Münzen, einige Fuhren Holz akzeptiert hatte.

»Nun heul nicht gleich.« Die Mutter legte einige Reste des Leinentuchs zusammen, das sie gerade in Arbeit hatte, und sah auf ihren Jungen.

»Das nächste Mal, wenn er dich wieder für seine Gartenarbeit einspannen will, sag ihm, dass bei den Deislers jeder weiß, was mit der Zeit anfangen«, maulte sie bissig. »Der kann seinen Garten selber umgraben oder eines der anderen Kinder einspannen. Jetzt hilf deiner Mutter!«

Ferdinand war froh, mit dieser Belehrung davongekommen zu sein, und legte sich ins Zeug. Nachdem er seine Schulsachen in der Kammer, die er mit dem Bruder teilte, abgelegt hatte, half er beim Zusammenlegen der Tücher. Er wollte nicht, dass die Mutter ärgerlich war und mit ihm schimpfte.

»Hättest Trauben mitbringen können. Hängen doch überall jetzt«, nörgelte sie weiter. Immer erwartete sie, dass er etwas Essbares mitbrachte. Dabei war die Zeit der Traubenernte fast wieder vorbei.

»Hab’ letzte Woche doch schon geherbstet. Der Gruny hätt’ mich ums Haar gesehen. Ich will nimmer. Wenn der einen erwischt, geht’s zur Sach.«

»Möchtest den neuen Hut oder nicht?«

»Schon, aber so nit. Nit immer mit dem Klauen bei den Nachbarn unten. Oder im Schlipf hinten in Riehen.«

»Wo soll’s Geld herkomme? ’s fällt nit vom Himmel. Und der Hoffmann hat au nichts, was man so hört. So schlecht, wie der zahlt, könnt man’s fast glaube.«

Heftig zog die Mutter das Leinen glatt, sodass Ferdinand sich mächtig dagegen stemmen musste.

»Klauen doch au, die Edlen. Was sie kriegen können. Sollen wir den Richensteiner um ein paar Kreuzer bitten?«, lachte die Mutter bitter.

Sie verwies immer auf den Reichensteiner, wenn kein Geld im Haus war. Als ob es von dem je etwas gegeben hätte. Der konnte selbst nur zusehen, wie das alte Wasserschloss langsam verfiel, weil er kein Geld hatte, um es herrichten zu lassen. Hatte der Lehrer erzählt.

Ferdinand hatte den Herrn von Reichenstein noch nie zu Gesicht bekommen. Zu selten, dass der Herr des Wasserschlosses im Ort auftauchte. Der Junge hatte auch nicht das Bedürfnis, ihm in die Quere zu kommen. Zu oft schon hatte er sich im Weinberg des Schlossherrn und auf dessen Äckern, Wiesen und Feldern bedient. Aber flink und aufgeweckt wie er war, war er bis dahin nie erwischt worden. Er hielt viel darauf, dass sich das nicht änderte.

Gefallen fand er aber nie an dieser Herbsterei.

Stehlen ist Sünde, hatte der Lehrer oft genug gepredigt. So hatte er immer nur mit schlechtem Gewissen in den Gärten und Feldern gehaust, und nur, weil ihn der Hunger plagte. Sich immer gleich beim Herrgott entschuldigt.

»Wenn ich genug Trauben hab, kann ich auf den Markt nach Riehen runter«, löcherte die Mutter weiter. »Oder über den Berg nach Lörrach. Dann gibt’s das Geld für einen neuen Hut. Denk dran, wenn du nächstes Mal an den Weinbergen im Schlipf vorbeiläufst.«

»Ist doch schon abgeerntet überall«, versuchte der Junge abzuwiegeln.

»’s gibt immer was! Schau halt genau hin. Was lernst denn in der Schul?«

»’s Klauen nit! Sünde ist das, sagt der Lehrer«, antwortete Ferdinand, eher leise, weil er sich nicht traute, laut aufzutrumpfen.

»Nix G’scheites wird euch da beibracht. Not kennt kein Gebot, verstehst? Wenn du nicht erwischt wirst und niemand was weiß, ist es au kei Sünd«, meinte die Mutter, die gerne das letzte Wort behielt.

Von der Hütte der Deislers, die oberhalb des Muggenheuwegs gelegen war, konnte man über das ganze Dorf sehen. Zum Wasserschloss hinunter und über den Kirchturm und das alte Rathaus hinweg. Über das Haus des Lehrers, das neben der Schule lag, bis hinab nach Riehen. Dann ging der Blick über das Mindere Basel hinweg, über den Rhein bis zu den Türmen des Münsters. An schönen Tagen reichte der Blick noch weit über das Schweizer Juragebirge hinweg, bis ins Französische hinein.

Wenn Ferdinand sich frühmorgens auf den Weg in die Schule machte, blieb er oft stehen und sah hinab nach Basel und träumte davon, in die Stadt zu gehen. Alles musste leichter sein, dort, wo die reichen Leute in ihren schmucken Bürgerhäusern saßen. Die nicht wussten, wohin mit dem Geld. Da lebten die Menschen sicher bequem und angenehm, in schönen Häusern mit soliden Dächern und nicht in schäbigen Bauernhäusern oder gar Holzhütten wie in Inzlingen, dachte er. Dass es nicht gerecht zuging in der Welt, fand er und schickte dann böse Blicke hinab in die Stadt.

An diesem Morgen nahm er sich vor, doch noch einmal zum »Fremdherbsten«, wie er es nannte, im Riehener Schlipf vorbeizuschauen. Er wusste, dass dort noch Trauben in den Reben hingen, die besonders süß waren und die auf dem Markt einen guten Preis erzielten. Den schon lang versprochenen Hut wollte er von der Mutter endlich haben.

Er hätte es auch im Weinberg an den Hängen zum unteren Dorf hin versuchen können, unmittelbar in der Nachbarschaft. Aber die meisten Inzlinger Rebhänge waren abgeerntet, die Trauben waren auch nicht so gut wie die auf der anderen Seite des Berges.

Außerdem hatte er keine Lust, dem Gruny zu begegnen, der ein Auge auf jeden der Deislers hatte, der bei ihm am Hof vorbeikam. Einmal hatte er schon mit Steinen nach seinem Bruder Johannes und ihm geworfen und ihnen Prügel angedroht, wenn sie nicht sofort verschwänden. Dabei hatten sie nur einen oder zwei Äpfel vom Baum geholt, und davon hatte der Gruny wahrhaftig genug.

Als er sich nach der Schule in Richtung Riehen und Weil aufmachte, wusste er, dass er wieder spät nach Hause käme. Aber mit einem Korb voller Trauben über der Schulter würde die Mutter kein Geschrei machen. Damit konnte sie anderntags in Lörrach auf dem Markt gutes Geld verdienen. Dann müsste es doch für den neuen Hut endlich reichen.

Ferdinand hatte die Tafel und den Griffel unter die Bank in der Schule gelegt. Viel wurde nicht geschrieben. Auswendig lernen mussten sie zumeist, was ihnen der Lehrer Keller vorbetete. Nachplappern halt.

Dann war er schnell davon gerannt, sodass der Lehrer ihn nicht bitten konnte, noch eine Weilchen bei ihm im Garten zu arbeiten. Auf dem kürzesten Weg war er auf den Berg bis an den Rand des Waldes gelaufen, hatte dort aus einem Versteck einen alten Weidenkorb herausgefischt, den er auf den Rücken binden konnte. Damit verschwand er geschwind im Riehener Herrenwald und machte sich über schmale Waldwege auf den Weg über die Grenze Richtung Tüllinger Berg. Auch am Ortsrand von Riehen achtete er darauf, dass er nicht gesehen und möglicherweise erkannt wurde. Oft genug hatte er sich hier schon herumgetrieben.

Immer wieder hatte er sich umgesehen, aber niemand, der ihn kannte, lief ihm über den Weg, sodass er keine neugierigen Fragen beantworten musste. Auch nicht, als er am Weiler Schlipf noch einmal die Grenze überquerte. Die wenigen alten Weiblein, die ihm über den Weg liefen, gingen zum Abendgebet in die Sankt Ottilienkirche und beachteten den Jungen nicht weiter.

Einige Soldaten hatte er in der Ferne gesehen und hatte sich schnell hinter einem Gebüsch versteckt, bis sie hinter einem Hügel verschwunden waren.

Überall im Basler Raum tauchten jetzt Soldaten auf, einige aus den Schweizer Kantonen, andere aus dem Österreichischen. Seit die kaiserlichen Truppen ins Badische marschiert waren, kam es immer wieder vor, dass kleinere oder größere Scharmützel mit den Franzosen ausgetragen wurden.

Seit dem Frühsommer hatte es in der Gegend hinter dem Tüllinger Berg und weiter im Norden Belagerungskämpfe zwischen den Österreichern und den Franzosen gegeben, und des Öfteren war Kanonendonner über die Hügel entlang des Rheins zu hören gewesen.

Deswegen war man bei der Feld und Gartenarbeit vorsichtig geworden. Hatte, je nach Sympathie und Vermögen, entweder den Österreichern den baldigen Untergang oder den Franzosen sämtliche Höllenstrafen auf den Buckel gewünscht.

Vielen Bauern, vor allem den Winzern, waren aber die einen ebenso verhasst wie die anderen. Auch dem Markgrafen war man nicht unbedingt wohlgesonnen, der mit seinem Hü und Hott am Ende zwischen alle Stühle geraten würde, weil er sich nicht für die eine oder andere Seite entscheiden konnte. Vielleicht mochte er auch nicht.

Das würde nichts Gutes bringen, seine Liaison mit dem großen Franzosen Napoleon und dem gleichzeitigen Schielen nach dem Habsburger Kaiser.

Ins abgelegene Inzlingen hatte sich aber kaum ein Soldat verirrt, und die dennoch ausdrückliche Warnung an die Töchter des Ortes, ja keine Fisimatenten zu machen, entbehrte schlicht jeder Möglichkeit dazu.

Anders sah es über dem Berg aus, wo die Österreicher zwischen Weil und Eimeldingen einige Lager aufgestellt hatten, von denen aus sie die Gegend unsicher machten.

Von all dem wusste Ferdinand wenig, außer eben, dass er den Soldaten wohlweislich aus dem Weg zu gehen habe. Gleichzeitig wusste er die Tatsache geschickt auszunutzen, dass die Weinberge nun wegen der immer wieder hin und her wogenden Kämpfe an der Hüninger Fortifikation vor der großen Stadt Basel recht oft unbewacht waren.

Schon fast mit Beginn der Dämmerung schlich er sich in den Schlipf hinein und bediente sich an den Weinstöcken, an denen noch reife und süße Trauben hingen. Die hätte man sicherlich in den nächsten Tagen restlos abgeerntet. Mit dem Fremdherbsten wäre es dann vorbei gewesen.

Jetzt musste er sich sputen, um das letzte Tageslicht auszunützen. Geschwind füllte er seinen Korb mit den immer noch reichlich vorhandenen späten Trauben.

Das fehlt jetzt noch, dachte er, als er in der Ferne Stimmen vernahm, die, immer lauter werdend, geradewegs auf ihn zu kamen. Mit seinem schon fast bis an den Rand gefüllten Korb verkroch er sich hinter eine Steinmauer, die zwei Weingärten voneinander trennte, und verhielt sich still wie eine Maus.

Die Stimmen gehörten zwei Soldaten, wahrscheinlich aus dem Habsburgischen. Österreichische Soldaten waren seit längerer Zeit verstärkt aufgetaucht und hatten sich in der Gegend, von Waldshut herkommend, breitgemacht.

Der Vater hatte gesagt, dass man ihnen so wenig vertrauen konnte wie den Franzosen, die aber immerhin Revolutionäre waren und ihre Revolution sicher noch bis in die Schweiz tragen würden. Dann, so der Vater, ginge es endlich gerechter zu. Der Lehrer hatte da eine entschieden andere Meinung. Ferdinand war das alles ziemlich gleichgültig.

Vor den Soldaten hatte man sie zu Hause gewarnt. In der Schule hatte der Lehrer sie angewiesen, von allen Feldlagern Abstand zu halten. Und erst recht der Pfarrer hatte gewettert. Der meinte zwar ausschließlich die gottlosen französischen Revolutionsgarden, aber Ferdinand machte da keine Unterschiede. Soldaten waren Soldaten, und er fühlte so etwas wie Furcht, als er die Stimmen immer lauter werden hörte. Dass die Soldaten gefährlich für ihn werden konnten, davon war er überzeugt.

Er war schon fast so weit, alles liegen und stehen zu lassen und in den Weinbergen zu verschwinden, aber zu seinem Glück waren die beiden in einen ziemlichen Disput miteinander verwickelt. Der Junge verstand zwar nicht, worum es ging, das Wortgefecht wurde aber mit so einer Heftigkeit geführt, dass sie rechts und links für nichts anderes Augen und Ohren hatten und ihn einfach übersahen, obwohl sie sehr knapp an ihm vorbeikamen.

Als ihre langen Schatten vorbeigezogen waren und sich die Stimmen wieder verloren, ohne dass man ihn entdeckt hatte, verließ er sein Versteck. Füllte den Korb mit ein paar letzten Trauben und machte sich auf den Heimweg.

Den Weg zurück fand er bei hereinbrechender Dunkelheit ohne große Mühe, wobei ihm die aufkommende klare Mondnacht und ein Himmel voll mit Sternen gute Dienste leisteten.

Der Korb drückte auf den Rücken, und sicherlich würden ein paar Trauben in Mitleidenschaft gezogen werden. Mehrmals musste er die schwere Last abstellen und ein wenig ausruhen, auch wenn er mit seinen nur acht Jahren schon etliche Lasten zu schleppen gewohnt war. Vor allem über den Maienbühl zurück tat er sich schwer und kam ganz schön außer Atem.

Als er dann den Hang wieder hinablief und am Gruny vorbeihuschte, bellte der Hofhund kurz auf, aber niemand machte sich die Mühe, so spät noch vor die Tür zu gehen.

Nur die Ofenhäusle Agathe, die zu dieser Stunde noch ein Stelldichein mit dem Muchenberger Xaver gehabt hatte, sah den Deisler Ferdinand vorbeischleichen und wunderte sich, was der Junge mit dem schweren Korb auf dem Rücken noch so spät auf der Gasse zu suchen hatte. Es war nicht ungewöhnlich, spät am Abend jemanden von den Deislers außer Haus anzutreffen. Und dafür, dass die immer etwas mit sich führten, das ihnen nicht unbedingt gehörte, war die Familie im ganzen Dorf bekannt. Gut möglich, dass der Junge eine Ladung Holz aus dem Wald geholt hatte. Der Wald gehörte dem Reichensteiner, der seinen Besitz zu schützen wusste. Besonders beliebt war der Herr des Wasserschlosses aber nicht, da er überall Geld aufzutreiben versuchte und den Inzlingern das Leben nicht leicht machte.

So zerbrach sich Agathe nicht weiter den Kopf wegen des jungen Deislers. Sie dachte mehr daran, ob das mit ihr und dem Xaver etwas werden würde. Versprochen waren sie ja, aber der alte Muchenberger war mit der ausgehandelten Mitgift nicht einverstanden. Den ganzen Weg über machte sie sich Gedanken darüber, wie man den Alten von den Vorzügen ihrer Verbindung mit dem Xaver überzeugen konnte.

Zu Hause in Stetten angekommen, musste sie allerdings erst einmal erklären, wo zum Teufel noch mal sie sich so spät abends noch herumtreibe. Wo sie doch wisse, dass die kaiserlichen Soldaten überall ihre Lager aufgestellt hatten, die jungen Mädchen in ihre Zelte lockten und überhaupt hinter jedem Weiberrock her waren. Sie druckste herum, faselte etwas von Zeit völlig vergessen, weil doch ihre Freundin Barbara von den Muchenbergern ihr unbedingt noch einen dieser neuen Webstühle hatte zeigen müssen. Den jungen Deisler hatte sie da schon völlig vergessen.

Als Ferdinand zu Hause ankam und einen Korb voll reifer, süßer Trauben auf dem Boden abstellte, die einiges auf dem Markt in Lörrach einbringen würden, gab es statt eines Donnerwetters ein Lob von der Mutter. Wo er die Trauben herhatte, ahnte sie wohl, fragte aber nicht weiter nach. So süß, wie die waren, kamen sie von keinem Inzlinger Weinberg.

Der Vater ahnte ebenso, wo der Junge sich herumgetrieben hatte. Dabei hatte er ihm schon tausendmal erklärt, dass es viel zu gefährlich sei, sich im Umfeld der Soldaten zu bewegen, gleichgültig ob preußische, österreichische oder französische. Es herrsche Krieg, und da habe ein Achtjähriger wirklich nichts verloren. Dass er der Mutter einen bösen Blick zuwarf, konnte Ferdinand zwar sehen, aber auch, dass sie den Alten einfach ignorierte. Sie kümmerte sich nicht um den vorwurfsvollen Blick des Mannes und meinte nur, dass es jetzt für einen neuen Hut wohl reichen könnte.

Völlig abgekämpft und erschöpft, war der Junge sehr mit sich und seiner Beute zufrieden. Auf diesen neuen Hut hatte er sich schon lange Zeit gefreut.

Wenn er warten müsste, bis der Vater genug Geld für einen neuen Hut oder gar Rock heimbringen würde, wäre er alt und grau.

Der alte Deisler war kaum in der Lage, die Familie über die Runden zu bringen. Allerhand Leiden zwangen ihn immer wieder, jede Arbeit einzustellen, und vergeblich wartete man auf das Geld, das zum Unterhalt der Familie notwendig war.

Bis Ferdinand eines Tages in der Lage sein würde, als Leinen- oder Seidenweber eigenes Geld zu verdienen, musste man eben schauen, wie man zu Streich kam. Oft genug hatte die Mutter dem Jungen das eingebläut.

»Der Alte hat das Geld genommen. In den Krug hat er es getragen. Nichts mehr ist da davon. Musst halt weiter schauen, wo du was herbekommst.«

Das war es, was er von der Mutter zu hören bekam, als er Tage später fragte, wann er denn nun den neuen Hut bekäme und ob es ein bunter sei, so wie ihn der Sohn vom Gruny habe.

Jetzt war es also schon wieder nichts mit dem neuen Hut. Dabei hatte der Ferdinand schon seit Tagen in der Schule damit angegeben, dass er seinen alten Hut bald durch einen neuen ersetzt bekäme, weil er schon wisse, wie man Geld beschaffe. Und bald schon hätte er auch einen neuen Tschopen, hatte er noch eins draufgesetzt, als er merkte, dass ihm niemand glauben wollte. Da hatten sie ihn ausgelacht und gesagt, dass überall bekannt sei, wie die Deislers an Geld kämen, und irgendwann würden die Büttel vom Reichensteiner die gesamte Bagage in den Kerker im Wasserschloss oder sogar in den Spalenturm nach Basel stecken.

»Neidisch seid ihr«, hatte er geschrien.

»Worauf denn«, hatte Franziska, eines der Rüsch-Kinder, zurückgebrüllt. Auch bei ihnen waren eine Menge Mäuler zu stopfen, und neue Kleider gab es nicht einmal an Weihnachten. Meistens wurden die alten zurechtgeschnitten und irgendwie dem Wachstum der Kinder angepasst, und neue Schuhe gab es bestenfalls einmal im Winter, wenn es gar nicht mehr anders ging.

»Gar nichts hast du«, lachte ihn auch die Chrischona aus, und das tat ihm besonders weh, weil er das Mädchen mochte, auch wenn er ihr das nie gesagt hätte.

»Wart’s halt ab«, hatte er trotzig geantwortet und ihr die Zunge herausgestreckt.

Jetzt sagte die Mutter, dass es wieder nichts mit dem neuen Hut werden würde, und Ferdinand wandte sich ab und rannte aus der Stube, damit man die Tränen nicht sah, die ihm die Backen herunterliefen. Dann rannte er durch das ganze Oberdorf hinab ins Autal und wieder hinauf auf den Eselsberg und schwor sich, nie wieder etwas für die Mutter zum Verkaufen auf dem Markt aus den Feldern und Weinbergen zu holen. Nicht auf dem Schlipf, und in Inzlingen schon gar nicht.

Wie so manch anderer Schwur, den der Ferdinand in seinem Leben noch geloben würde, so hielt auch dieser nicht lange vor. Wenn er auch eine ganze Weile zu Hause den Trotzkopf mimte und nichts von dem tat, was man ihn hieß, sich herumtrieb und die Schule sausen ließ. Bis dem Vater dann der Kragen platzte und er eine Tracht Prügel einstecken musste, die sich gewaschen hatte. Tagelang noch brummte ihm der Schädel, schmerzte das Hinterteil und glühten die Wangen. Von da an tat er wieder, was man ihn hieß. Gelegentlich brachte er auch etwas von den Feldern mit. Da die Erntezeit sich aber dem Ende zuneigte, war ohnehin nicht mehr viel zu holen.

Der Winter drohte hart zu werden, und so kam es, dass man immer wieder den einen oder anderen Inzlinger in den Wäldern der Umgegend Holz schlagen sah. Aus dem Dorf kümmerte das niemanden, und der Reichensteiner hatte nicht genug Männer zur Hand, um immer und überall des Waldfrevels Herr zu werden.

Darüber hinaus machten eine Menge Soldaten, die sich im südbadischen Raum herumtrieben, das Leben für die Menschen nicht leichter. Der Markgraf tat ein Übriges, den Alltag beschwerlich zu machen. Da er von den österreichischen Truppen keine Hilfe mehr erwartete, hatte er einen Frieden mit den Franzosen geschlossen, ließ sich aber für die endgültige Unterzeichnung erheblich Zeit, sodass in vielen Orten nicht klar war, ob man sich im Frieden oder im Krieg befand und wohin man eigentlich gehörte.

Einerseits war dies ein recht unbefriedigender Zustand, der nicht gerade förderlich für das Sicherheitsgefühl der Menschen war, andererseits konnte man diesen schwebenden Rechtszustand ausnutzen und sich in den Wäldern des Markgrafen und in denen des Bischofs von Basel schadlos halten.

Die Habsburgischen Truppen waren in ständige Auseinandersetzungen mit den Franzosen verwickelt, worunter man zwischen Waldshut und Schliengen sehr wohl zu leiden und mit allerhand Unannehmlichkeiten zu rechnen hatte. Dort waren schlecht versorgte und heruntergekommene Soldaten plündernd durch die Lande gezogen und hatten ganze Dörfer in Brand gesteckt.

Obwohl den Inzlingern die bedrohliche Situation sehr wohl bewusst war, bekamen sie von den marodierenden Soldaten nicht viel mit und blieben vor Zerstörung und Raub weitgehend verschont. Das abgelegene kleine Tal fand sich nicht im Visier der Soldaten.

In dieser Zeit war Ferdinand seltener in der Schule erschienen, trieb sich dafür immer öfter auf Feldern und in Wäldern herum, wo immer es etwas zum Herbsten gab. Auch wurde behauptet, dass er gemeinsam mit seinem älteren Bruder gesehen wurde, wie die beiden aus den Schuppen oder den Gärten verschiedener Höfe allerhand Verwertbares hatten mitgehen lassen, weil sie sich nicht beobachtet glaubten.

Es gab Anzeigen unten in Riehen, weil sich einige Riehener Grundeigentümer, deren Besitz bis ins markgräfliche Inzlingen reichte, betroffen fühlten. Dort erklärte man sich allerdings für nicht zuständig. Die vorgebrachten Beschwerden blieben meist sehr vage und rechtfertigten kein Eingreifen. Wo auch und für wen, dachte man dort. Ohnehin wehte der Geist der Französischen Revolution bis in die Amtsstuben des Riehener Landvogts. Man war der Meinung, dass geringere Zinsabgaben und mehr Gerechtigkeit, Achtung der Menschenwürde und nicht zuletzt bessere Schulen dem Wald- und Flurfrevel am ehesten Einhalt gebieten würden.

Solch fortschrittliches Denken war dem Inzlinger Lehrer eher fremd, obwohl er sehr wohl sah, unter welchen Bedingungen die Inzlinger versuchten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. War er doch selbst nicht mit Reichtümern gesegnet. Aber die gottgewollte Ordnung, die von den französischen Revolutionären ganz offensichtlich infrage gestellt wurde, über den Haufen zu werfen, dazu konnte er sich niemals bereitfinden.

Als ihm dann Gerüchte zu Ohren gekommen waren, wonach die Deisler-Brüder des Diebstahls bezichtigt wurden, hatte er sich bei den seltener werdenden Gelegenheiten, zu denen Ferdinand in die Schule kam, des Jungen angenommen. Hatte ihm die Leviten gelesen, was den nur störrischer machte, sodass er schließlich nicht wieder auf die neue Schule in Basel zu sprechen kam, und Ferdinand letztlich nichts anderes übrig blieb, als den Leinenweberberuf zu erlernen wie vor ihm schon der Vater und der Bruder. Obwohl sein Bruder Johannes sich zudem noch auf das Handwerk des Seidenwebens verstand, trugen die Deislers am Ende mehr zum Reichtum des Basler Bürgertums bei, als dass ihre Arbeit ihr eigenes Säckel füllte.

Während so manch einer im kleinen Ort hin- und hergerissen war – einerseits von den Ideen, die aus Frankreich in die Schweiz und dort vor allem nach Basel und zu ihnen drangen und andererseits den althergebrachten Verbindungen nach Österreich nachhingen – so war für die Deislers doch immer klar, wo ihre Sympathien lagen.

Die Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit war es, die sie begeisterte. Ebenso wie manch anderen im Ort und die Menschen über Basel hinaus bis weit hinein in die Eidgenossenschaft.

Wenn man manchmal durchaus Unterschiedliches darunter verstand, so war man doch geneigt, sich hinter diesen Schlagworten der französischen Revolution zu versammeln. Den Untertanengeist abzulegen, war ganz im Sinne der Eidgenössischen Tradition. Hatte man nicht über die Jahrhunderte schon immer wieder versucht, gegen die Obrigkeit aufzustehen? Wenn auch zumeist mit bescheidenem Erfolg.

Nunmehr gab es das große Vorbild beim westlichen Nachbarn, und Freiheit, vor allem aber Gleichheit und Brüderlichkeit sollten endlich dort einziehen, wo man die gnädigen Herren schon lange nicht mehr dulden wollte. Dass damit auch eine gerechtere Verteilung irdischer Güter einhergehen sollte, fand durchaus Gefallen bei den niederen Schichten. Auf weit weniger Zustimmung traf dies allerdings bei denen, die fürchteten, dass das auf ihre Kosten geschehen würde.

Als dann die Revolution auch die Eidgenossenschaft erreicht hatte, ohne dass sich die Verhältnisse wirklich änderten, meinte man nicht nur im Deislerschen Familienkreis, dass mehr auf Gleichheit und Brüderlichkeit Wert gelegt werden müsse.

Da von den maßgeblichen Basler Kreisen wenig zu erwarten war, musste man eben nachhelfen. Zumindest, wenn man die Ideen der Revolution nicht gleich wieder verraten wollte. Sonst blieben Gleichheit und Brüderlichkeit allzu sehr auf die althergebrachten Standesgrenzen beschränkt.

Dafür waren weder die Pariser auf die Barrikaden gegangen noch hatten sich nicht wenige der Eidgenossen für die Revolution entschieden. Die Parolen der französischen Revolution konnten nicht nur den Abschied von adligen Privilegien bedeuten, sie sollten für ein besseres Leben aller Menschen stehen.

Davon waren auch die Deislers überzeugt. Vor allem der Alte meinte, wenn sie sich schon in so unmittelbarer Nachbarschaft von Riehen und Basel befanden, dass sie der Durchsetzung aller Revolutionsparolen verpflichtet seien. So nahmen sie die Sache ganz eigenständig in die Hand.

Inzlingen, Basel, Saint-Louis – Herbst 1806 bis Herbst 1807

»Sie sagen, dass es ihnen schlecht ginge wegen der Kontinentalsperre, die Napoleon den Briten auferlegt habe. Das träfe insbesondere die Basler Handelshäuser. So hört man unten in Riehen und Basel.«

Ferdinand grinste schräg.

»Die armen Basler Händler«, war vom alten Deisler zu hören, der dabei die Augen verdrehte und zur Zimmerdecke schielte.

»Wirklich schlecht geht es anderen«, bellte er dann in den Raum. Er, der mit seinen 56 Jahren, dem langen schmalen Gesicht mit den tief liegenden, glanzlosen grauen Augen fast schon wie ein Schatten seiner selbst wirkte. Die Arbeit in der Bleicherei hatte ihn in letzten Jahren immer mehr mitgenommen, seinen Bart grau werden lassen. Nur die schwarzen Haare vermochten den geisterhaften Eindruck seiner Erscheinung etwas abzumildern.

Die Mutter nickte zustimmend, nur Anna schaute gelangweilt zum Fenster hinaus. Sie hatte sich mit dem Keller Bernhard verabredet, und der wartete sicher schon im Unterdorf an der Sankt Anna Kapelle auf sie. Einfach ins Unterdorf gehen, ließ man sie nicht, weil man sich wieder zusammengesetzt hatte, um zu beraten, wie man das bescheidene Familieneinkommen etwas aufbessern konnte.

Seit der Handel mit Britannien verboten war, waren die ganz rosigen Zeiten der Basler Handelshäuser vorbei. Das wirkte sich auf das gesamte Wirtschaftsleben der Stadt aus. In der Folge waren die Aufträge ins Umland immer rarer geworden. Wo es an Stoffen und Wolle fehlte, konnte nicht weiterverarbeitet werden, und die Webstühle standen nun immer länger still. Was sich nicht nur bei den Deislers in Inzlingen bemerkbar machte.

Die karge Landwirtschaft hatte Josef Deisler schon seit Jahren aufgegeben. Sie brachte nicht viel ein, und man hatte auf die Weberei gesetzt. Wenn alle mitarbeiteten, würde man besser dastehen, hatte es geheißen, da die Landwirtschaft einiges mehr an Zeitaufwand erforderte und der Ertrag daraus spärlich war.

Aber bald stellte sich heraus, dass auch zwölf Stunden harte Arbeit am Tag kaum ausreichten, um bei dem mageren Lohn über die Runden zu kommen. Wenn dann noch der Webstuhl Schaden nahm oder einer in der Familie krank wurde, wurden die Einbußen so dramatisch, dass man sich anders zu helfen versuchte. Man hatte ja Kinder, und die mussten eben dazu taugen, das Einkommen ein wenig aufzubessern. Ausgestattet mit den nötigen Hinweisen auf die nicht unbeträchtlichen Möglichkeiten, die sich nicht nur in der Nachbarschaft der Riehener Umgebung auftaten, sondern die vor allem die Verhältnisse einiger Basler Bürger boten. Was gab es da nicht alles zu holen an wertvollen Gütern, die in den schmucken Bürgerhäusern oder den Lagerhallen der Kaufmannshäuser zu finden waren. Die nur darauf warteten, dass geschickte Hände zugriffen und erbeuteten, zu wie viel immer sie in der Lage waren.

Das war zwar weitaus gefährlicher als die krankmachende Arbeit im düsteren Steinkeller am Webstuhl, aber wesentlich einträglicher. Sodass sich das Interesse, vor allem des Deislerschen Nachwuchses, zunehmend auf Tätigkeiten dieser Art verlagerte.

In letzter Zeit ging Johannes, der ältere Sohn der Deislers, aber nicht mehr nach Riehen hinunter, weil man ihn beinahe rekrutiert hätte. Jedem Gemeindebeamten im Kanton, der einen Rekruten ablieferte, war eine besondere Belohnung versprochen worden. Diese Herren waren nicht sehr zimperlich in ihrer Auswahl, um die 10.000 Soldaten, die von den Eidgenossen für die französische Armee zugesagt waren, zusammenzubringen.

Bei einem seiner Besuche in Riehen war Johannes dann einem dieser Beamten über den Weg gelaufen. Der hatte zwei französische Anwerber bei sich, und die hatten ihn gestellt. Obwohl er versicherte, aus dem markgräflichen Inzlingen zu sein, wollte man ihn nicht wieder laufen lassen. Zumal man in Riehen geneigt war, die Wasserschlossgemeinde in solchen Fällen großzügig dem Basler Kanton zuzurechnen.

Da Johannes keineswegs bereit war, sich in sein Schicksal zu fügen und Zeter und Mordio schrie, verursachte die Szene auf dem Riehener Marktplatz einen gewissen Aufruhr. Auch von den Riehenern war niemand versessen darauf, in Napoleons Armeen zu dienen. Im aufkommenden Tumult gelang es Johannes, sich wieder loszureißen und in Richtung Maienbühl davonzulaufen.

Dem beleibten Beamten zu entkommen, war ein Leichtes, aber die Büttel des Kaisers verfolgten den Inzlinger bis hinauf in den Herrenwald, wo es ihnen gelang, ihn hinter den alten Grenzsteinen zu stellen. Ausgepumpt, wie der lange und dennoch schmächtige Johannes war, hatte er den beiden durchtrainierten und auf alle Händel eingestellten Soldaten nichts mehr entgegenzusetzen.

Sie hätten ihn sicherlich mitgenommen und letztlich zwangsrekrutiert, wenn er nicht das Glück gehabt hätte, dass Franz-Josef Moser, der die untere Inzlinger Mühle betrieb, ganz in der Nähe damit beschäftigt war, seinen Holzvorrat etwas aufzubessern. Er hatte gesehen, wie die Anwerber einen der Deisler-Jungen in die Mitte genommen hatten und ihn mit Gewalt nach Riehen hinabbringen wollten. Da war er furchtlos hinzugesprungen und hatte auf seine handfeste Art den beiden Werbern klar gemacht, dass sie eine Tracht Prügel riskierten, wenn sie sich nicht aus dem Staub machten. Dabei hatte er auf den alten Grenzstein verwiesen und den beiden angedeutet, dass sie den Baselkanton bereits hinter sich gelassen hatten.

Der Inzlinger Müller war in Riehen kein Unbekannter, und man wusste, dass er mit seinen breiten Schultern keiner Rauferei aus dem Wege ging.

Die Androhung der Prügel hatte sie weniger beeindruckt, schließlich waren sie handfeste Auseinandersetzungen gewöhnt, und ganz ohne solche hätten sie kaum jemanden rekrutieren können. Aber in Sichtweite waren plötzlich ein paar Inzlinger Bauern aufgetaucht. Man hatte die Anwerber für die kaiserliche Armee Frankreichs schon des Öfteren auf dem Gemeindegebiet angetroffen und ihnen zu verstehen gegeben, dass sie die Grenze gefälligst zu beachten hätten. Sonst würden sie sich eines Abends nicht mehr in gemütlicher Familienrunde versammeln können. Das hatte dann schon Eindruck hinterlassen, und da schauten sie, dass sie den Inzlinger, wenn auch nur widerwillig, wieder freiließen und Fersengeld gaben.

So war Johannes noch einmal davongekommen. Zumindest tagsüber trieb er sich danach nicht mehr in Riehen oder Basel herum.

Da war Ferdinand anders. Zum einen war er nicht so sensibel wie sein schmaler Bruder und zum anderen roch er Gefahren jedweder Art und war ein Meister des Untertauchens. Ihn konnte nichts davon abhalten, in Riehen oder Basel nach Einträglichem zu schauen. Dabei diente er sich hie und da als Taglöhner an, lernte eine Menge Leute kennen, von der Marktfrau bis zum Hausmädchen, vom Kutscher bis zum Hufschmied. Nach und nach bekam er so Einblick in einige der wohlhabenden Bürgerhäuser Riehens und Basels. Seine einnehmende und interessierte Art kam bei den Leuten gut an. Ordentlich zupacken konnte er auch, was seinem Auftritt nicht schadete.

Dass er manchem etwas zu neugierig war, kann nicht bestritten werden, aber Ferdinand gelang es immer, aufkommendes Misstrauen zu zerstreuen.

Basler Handelshäuser hatten ebenso wie die Tuch- und Seidenfabrikanten schließlich andere Sorgen, als sich darum zu kümmern, mit wem das Personal Umgang hatte.

Als herauskam, dass Schmuggelware durch das Elsass über das Bruderholz nach Basel gekommen war, und dass man in Belfort eine regelrechte Niederlassung für Waren dieser Art eingerichtet hatte, war das bis zum französischen Kaiser durchgedrungen, dessen Ohren das nicht gerne vernahmen.

In einer Postkutsche waren Musselins gefunden worden, in geheimen Behältern versteckt, die für einige Basler Handelshäuser gedacht waren.

Da Napoleon ohnehin wegen der nur schleppenden Rekrutierung der versprochenen Soldaten nicht gut auf die Eidgenossenschaft zu sprechen war, gab es eine scharfe Note an den Landammann.

Der wiederum sah die ganze Eidgenossenschaft durch diesen Schleichhandel in Gefahr. Wer sollte denn den großen Franzosen mit seiner gigantischen Übermacht aufhalten, wenn es dem einfiel, die gesamte Schweiz in die Knechtschaft zu führen? So kam es zu einem ungewöhnlich heftigen Tadel des Landammanns an die Basler, die sich allerdings nicht sonderlich davon beeindrucken ließen.

Die in einigen Handelshäusern durchgeführten Untersuchungen des Kaufhausschreibers förderten nichts Belastendes zutage. Sie kamen schlicht zu spät und liefen ins Leere.

Dieser Misserfolg mäßigte den Argwohn des Kaisers aber keineswegs. So lag als permanente Drohung eine dunkle Wolke über allem, man könne mit der Schweiz ebenso verfahren wie mit anderen Ländern Europas.

Die Deislers, denen sich inzwischen der Inzlinger Bernhard Keller und der Müller Franz-Josef Moser angeschlossen hatten, suchten auf ihre Art Nutzen aus diesen unsicheren Zeiten zu ziehen.

Allen voran Ferdinand, der immer eine Idee hatte, wie man den mit wertvollen Möbeln und Stoffen überladenen Bürgerhäusern unten in Riehen, im Minderen Basel und selbst in der großen Stadt ein wenig Luft verschaffen konnte. Die waren so vollgestopft mit allerhand Plunder und Klunker, dass man hier den Bewohnern nur Gutes tat, wenn man sie von den unnötigen Staubfängern befreite.

Gut organisiert musste das sein. Dazu gehörte, dass man gar nicht genug Informationen über die wohlhabenden Basler Bürgerhäuser bekommen konnte. Trotz aller Widrigkeiten, die die Handelssperre ihnen ohne Zweifel bereitete, hatte man dort keine Probleme, über die Runden zu kommen. Nach wie vor lebte man in beneidenswertem Luxus.

Als Ferdinand eines Tages Wind davon bekam, dass der Apothekerfrau Ryhiner im Minderen Basel der Mann gestorben war und der Sohn sich nach des Vaters Tod ins ferne Surinam aufgemacht hatte, reifte bei den Deislers ein Plan, der ein einträgliches Geschäft zu werden versprach.

Die Ryhiners besaßen ein weitläufiges in den Schoren gelegenes Landhaus, mit Haupt- und Nebengebäuden. Ein gutes Stück vor den Toren der Stadt, hinter den Langen Erlen gelegen und damit geschickt von Inzlingen aus zu erreichen. Wenn man einen Bogen um Riehen herum machte und sich dem schmalen Fluss Wiese entlang Richtung Rhein bewegte, konnte man ungesehen auf das Anwesen gelangen.

Als Ferdinand dann noch von einer Inzlinger Bekanntschaft, Zita Stechlin, der Freundin eines der Hausmädchen, erfuhr, dass die gesamte Familie Ryhiner samt Hauswirtschaft sich zum Erholen hinter die eidgenössische Grenze nach Frankreich zurückgezogen hatte, wo die Witwe eine Kur machen wollte, stand einem nächtlichen Besuch des Ryhiner Anwesens nichts mehr im Wege.

»Wollen die Stänzler jetzt die Polizeiwache übernehmen?«, schimpfte Wachtmeister Ruedi, als er gesehen hatte, wer soeben durch die Tür hereingekommen war. Ohne anzuklopfen oder sich sonst wie bemerkbar zu machen.

»Dann können wir dem Gesindel ja gleich Tür und Tor öffnen«, setzte er noch eins drauf, und ihm war anzusehen, dass er das bitterernst meinte.

Dabei sah er den Korporal der Basler Standeskompagnie nicht eben freundlich an, als der ins Richthaus im Minderen Basel eintrat und erklärte, er käme im Auftrag des Sergeanten der Blömleinkaserne vorbei.

Die Standeskompagnie hatte die Aufgaben der früheren Stadtgarnison übernommen und war etabliert worden, gleich nachdem die französischen Truppen abgezogen waren. Die drei Jahre, in denen sie seither die Wachaufgaben übernommen hatten, hatten ihnen gereicht, sich einen durchaus zweifelhaften Ruf zuzulegen.

Ruedi war nicht der Mann, der mit seiner Meinung über die Soldaten der Standeskompagnie hinter dem Berg hielt.

Das Lachen des Korporals klang etwas gezwungen, als er mit einer wegwerfenden Handbewegung abwiegelte. Wachtmeister Ruedi war ihm als Mitglied der Basler Zünfte nicht unterstellt. Der Sergeant hatte ihm deswegen gesagt, er solle vorsichtig vorgehen. Man wolle mit der Wache im Richthaus keinen Ärger haben.

»Nicht doch! Keine Sorge, über den Fluss kommen wir nicht so häufig. Hier könnt Ihr Eure Arbeit weitermachen«, versuchte er, den Wachtmeister zu beruhigen.

»Aber für die Brücke ist die Standeskompagnie zuständig. Uns wurde zugetragen, dass Ihr gestern dort einen der wachhabenden Soldaten rund gemacht habt. Einen von diesen ganz jungen. Da gehört nicht viel dazu, einen der Jungen anzubrüllen.«

Daher weht der Wind, dachte der Wachtmeister und sah dem Korporal direkt ins Gesicht.

»Hat es eine Beschwerde gegeben?«, wollte er wissen.

»Direkt beim Sergeanten.«

»Warum kommt der Sergeant nicht selbst?«

»Er wollte die Sache nicht so hoch hängen. Aber ganz ignorieren konnte er die Beschwerde auch nicht. Das käme bei der Truppe nicht gut an.«

Der Wachtmeister erhob sich von seinem Stuhl. Etwas schwerfällig bewegte er sich hinüber zum Fenster, wo er auf den Fluss und zur Brücke schauen konnte.

Dann wandte er sich wieder an den Korporal.

»Ich hab nichts dagegen, wenn so ein Jungspund mal wegschaut, wenn ein paar Reiter über die Brücke traben oder gar galoppieren. Mit denen ist meistens nicht gut Kirschen essen. Und ich sage auch nichts, wenn Eure Leute lieber ins Wasser schauen, als einem Fuhrmann zu sagen, dass er mit seiner schweren Last nicht stehen bleiben soll. Die sind selten um passende Antworten verlegen. Aber wenn so ein junger Trottel einfach zuschaut, wenn einer seine glühende Pfeife auf der Brücke ausklopft, dann geht mir der Hut hoch. Der bekommt dann etwas zu hören, was er so schnell nicht vergisst. Es wäre nicht die erste Brücke, die so in Brand gesetzt wird.«

Dem Korporal war seine Verlegenheit ins Gesicht geschrieben, als er dem Wachtmeister gestand, dass man ihm davon nichts gesagt hatte.

»Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir den Jungen vorgenommen. Aber das lässt sich ja noch nachholen. Da kann er froh sein, wenn er mit ein paar Stunden Eselreiten vor dem Rathaus davonkommt. Nichts für Ungut, Wachtmeister.«

Damit verabschiedete er sich kurz angebunden, indem er auf das Tschako tippte und sich in Richtung Rheinbrücke verzog.

Der Wachtmeister folgte ihm und sah, wie er hastig und grußlos an dem stramm stehenden Wachsoldaten vorbeilief und über die Brücke zur Schifflände hin verschwand.

Dem Jungen würde jetzt gehörig die Leviten gelesen, dachte er. »Mit Recht«, sagte er halblaut vor sich hin. Nicht einmal das Rauchen war auf der Holzbrücke erlaubt. Das dürfte man den jungen wie den alten Soldaten eingebläut haben, die dort Wache schieben mussten. Wenn der junge Stänzler jetzt einige Stunden auf dem scharfkantigen Rücken des hölzernen Esels reiten musste, den sie vor dem Rathaus postiert hatten, so hatte er sich das selbst zuzuschreiben. Diese Strafe war für alle in der Standeskompagnie vorgesehen, die sich nicht an Befehle hielten oder unangenehm aufgefallen waren.

Die Stänzler, wie man die Soldaten der Standeskompagnie in Basel sehr bald nannte, waren eine bunt gemischte angeworbene Truppe, die sich nicht gerade durch diszipliniertes Verhalten auszeichnete. Die meisten kamen vom Land, irgendwo aus der Schweiz. Nicht wenige benahmen sich rüpelhaft oder ignorant. Im Wesentlichen hatten sie Sicherheitsaufgaben an den Stadttoren und an der einzigen Brücke über der Rhein zu leisten, und oft genug gab es Beschwerden über ihr Verhalten.

Andererseits wusste der Wachtmeister aber auch, wie schäbig man sie in der Blömleinkaserne untergebracht hatte, und dass die einfachen Soldaten nicht gerade üppig bezahlt wurden. Da war es nicht weiter verwunderlich, wenn sich für diesen Sicherheitsdienst nur bestimmte Zeitgenossen fanden.

In der Regel kamen sie ihm bei seiner Arbeit nicht in die Quere, und wenn sie ihren Dienst gewissenhaft durchführten, nahmen sie ihm zweifellos eine Menge davon ab.

Wenn sich Fremde nach einbrechender Dunkelheit vor der Stadt, an den Stadttoren und an der Brücke herumtrieben, ohne dass sie ein Bündel oder Gepäck bei sich führten, mussten die Stänzler sie anhalten, was nicht ungefährlich war. Oft genug hatten sie dabei einen Faustschlag oder Schlimmeres abbekommen, wenn dieses Gesindel versuchte, sich der Anhaltung zu entziehen und aus dem Staub zu machen.

Dann wurden diese späten Besucher dem Wachtmeister zugewiesen. Er kontrollierte als Torschreiber dann Pässe und Wanderbücher. Wenn etwas unklar war, brachte ein Soldat sie zur Hauptwache, wo sie gehörig examiniert wurden. Da hatten sie schon manchen Strolch erwischt.

Aber der Wachtmeister machte sich nichts vor. Er selbst hatte sich schon des Öfteren davon überzeugen können, dass nach dem Einnachten, wenn die Torglocke geläutet hatte, die Riegel und Schlösser nicht immer ordnungsgemäß angebracht waren. Wenn dann der Postenchef sich ohne sorgfältige Überprüfung davongemacht hatte, dürfte so manch einer noch in die Stadt gekommen sein, der anderes vorhatte, als ein Nachtlager zu suchen.

Wenn man andererseits in Rechnung stellte, was man der Standeskompagnie alles an Aufgaben aufgehalst hatte – Nachtwächter sollten sie sein, das Rathaus und andere Gegebenheiten wie die abgestellten Waren und Wagen hinter dem Kaufhaus sollten sie besonders schützen, Fremdenpolizei sollten sie sein und schließlich auch noch die Aufgaben einer Feuerwehr übernehmen, und das alles rund um die Uhr und bei mäßiger Bezahlung. So war schon zu verstehen, wenn auch nicht zu akzeptieren, dass sie ihren Dienst gelegentlich nachlässig ausführten. Die dabei gewonnene Zeit nutzten sie dann, um mit Nebengeschäften etwas dazuzuverdienen oder sich einen schlauen Lenz zu machen und sich irgendwo zu verdrücken.

Dass sie ihr sauer verdientes Geld im Käsmerian, ihrem Stammlokal, umgehend in Alkohol umsetzten oder des nachts bei den Huren ließen, stand wieder auf einem anderen Blatt. Das vor allem hatte ihnen bei den Baslern den Ruf eingebracht, eine unmoralische und liederliche Truppe zu sein.

Der Wachtmeister jedenfalls verließ sich nicht auf diese trinkfeste Truppe, sondern verrichtete seinen Dienst oft allein und ohne Unterstützung. Damit war er solang gut gefahren, bis die nächtlichen Einbrüche zugenommen hatten. Da war er bei der Hauptwache vorstellig geworden und hatte um eine Assistenz nachgefragt. Die man ihm nur widerwillig gewährte, und es hatte lange gedauert, bis man ihm den jungen Rekruten Würselin zur Seite stellte.

»Bei den Ryhiners gab es einen Vorfall. In einer der letzten Nächte. Es muss vom 13. auf den 14. Februar gewesen sein. Das Haus ist seit einigen Tagen unbewohnt. Eine der Nachbarinnen, die immer wieder dort vorbeischaut, um ein wenig nach dem Rechten zu sehen, hat von einem Einbruch gesprochen. Heute am Morgen will sie das festgestellt haben. Sie sei sofort hierhergekommen, um es zu melden.«

Der Rekrut Würselin war früh zum Dienst erschienen und schon einige Zeit im Richthaus in der Schreibstube gesessen, als die vollkommen aufgelöste Nachbarin der Ryhiners Anzeige im Richthaus erstattet hatte.

Der Wachtmeister hatte seine Arbeitsstätte eben erst betreten, als Würselin brühwarm vom möglicherweise nächtlichen Einbruch berichtete, noch bevor sein Vorgesetzter aus seinem Mantel geschlüpft war.

Der junge Mann, eben erst hatte er seinen 17. Geburtstag gefeiert, hatte sich zunächst überlegt, ob er gleich über die Brücke in die große Stadt laufen sollte. Hatte das aber dann unterlassen. Erstens würde der Wachtmeister sicher bald auftauchen, und zweitens wusste man nicht, ob nicht genau dann jemand mit einer wichtigen Nachricht auftauchen würde. Außerdem war die Frau mit ihrer Aussage nicht so klar gewesen, sodass das Ganze wahrscheinlich nur ein Lausbubenstreich war. Ein eingeschmissenes Fenster oder Ähnliches. Wenn er auch nicht hätte sagen können, was »Ähnliches« hätte sein können. Jedenfalls wollte er Ruedi nicht mit irgendeiner Bagatelle auf die Nerven gehen. Sowieso käme es jetzt nicht mehr auf die eine oder andere Stunde an. So schickte er die Nachbarin wieder zurück und erklärte ihr, man käme baldmöglichst vorbei, um sich die Sache anzuschauen. Im Augenblick sei wohl keine Gefahr gegeben.

»Bei den Ryhiners? Wo genau?«, wollte der Wachtmeister wissen.

Die Familie besaß mehrere Anwesen, und interessant für einen Raubzug waren sie alle.

»Im Ryhiner’schen Gut im Minderen Baselstadtbanne. Vor den Langen Erlen«, kam die prompte Antwort. Man hatte Würselin beigebracht, bei Ortsangaben so genau wie möglich zu sein.

»Im Haus der Apothekerwitwe?«