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03:00 Uhr, Nordkoreanisches Grenzgebiet, Temperaturen weit unter null. Eine strenggeheime Mission unter dem Kommando des routinierten CIA-Agenten Laszlo Kovic endet in einem einzigen Fiasko. Sein Auftrag lautet, einen Nuklearforscher aus Nordkorea auszuschleusen, doch Kovic führt seine Marines unabsichtlich ins Verderben, während er selbst entkommen kann. Zurück in der relativen Sicherheit Schanghais setzt Kovic alles daran, herauszufinden, warum die Mission zum Scheitern verurteilt war. Doch es dauert nicht lange und er gerät erneut ins Visier eines bislang unbekannten Feindes. An der Spitze eines bunt zusammengewürfelten Teams aus der Schanghaier Unterwelt nimmt Kovic den Kampf auf. Er ahnt noch nicht, dass er längst zu einer Schachfigur in einem heraufziehenden globalen Krieg zwischen Ost und West geworden ist.
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Seitenzahl: 465
Veröffentlichungsjahr: 2014
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COUNTDOWN
Roman
Von Peter Grimsdale
Ins Deutsche übertragen
von Jan Dinter
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
In neuer Rechtschreibung.
Deutsche Ausgabe: Panini Verlags GmbH, Rotebühlstraße 87, 70178 Stuttgart. Alle Rechte vorbehalten.
Englische Originalausgabe: „Battlefield 4: Countdown to War“ by Peter Grimsdale first published 2013 by Orion Books, UK.
© 2014 Electronic Arts Inc. Battlefield 4 and the DICE Logo are tradesmark of EA Digital Illusions CE AB. EA and the EA Logo are trademarks of Electronic Arts Inc. All Rights Reserved.
No part of this publication may be reproduced, stored in or introduced into a retrieval system, or transmitted, in any form, or by any means (electronic, mechanical, photocopying, recording or otherwise) without the prior written permission of the publisher. Any person who does any unauthorized act in relation to this publication may be liable to criminal prosecution and civil claims for damages.
Übersetzung: Jan Dinter
Lektorat: Grinning Cat Productions
Redaktion: Mathias Ulinski, Holger Wiest
Chefredaktion: Jo Löffler
Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart
Satz und eBook: Greiner & Reichel, Köln
ISBN 978-3-8332-2881-0
Gedruckte Ausgabe:
ISBN 978-3-8332-2862-9
www.paninicomics.de
Für Martin
1.
chinesisch-nordkoreanische grenze
Der Drahtzaun erstreckte sich über 1400 Kilometer. Er war vier Meter hoch und alle hundert Meter an Betonpfeilern befestigt, die sich zur Spitze hin in ein Y gabelten, um dort eine doppelte Reihe aus Klingendraht zu bilden. Die Botschaft war deutlich: Nicht überschreiten!
Kovic wünschte, er hätte es nicht getan. Er sah, wie die kaum erkennbare Grenze unter ihnen in der Dunkelheit verschwand, während das Kondenswasser auf den Innenseiten der Scheiben des Sea Hawks bereits gefror.
Olsen, der leitende Marine, drückte sich sein Mikro dicht an den Mund, der wie der Rest seines Gesichtes im grünen Licht der Instrumente kränklich fahl aussah.
„Vielleicht trittst du den nächsten Koreakrieg los.“ Olsens Blick zeigte seine Einstellung zur CIA mehr als deutlich.
Das Ganze sollte die große Nummer des Chiefs of Station werden. „Wenn Sie das hinkriegen“, hatte Cutler zu Kovic gesagt, „dann gratuliert Ihnen das Weiße Haus höchstpersönlich. Highbeam wird unser größter Coup seit Bin Laden.“ Wie oft hatte er das schon gehört? Cutler war als Leiter der CIA-Vertretung neu in der Region und ganz versessen darauf, sich einen Namen zu machen, mit China als Zwischenstopp im Fahrstuhl zur siebten Etage von Langley. „Alles schon mit Peking geklärt, die stehen hinter uns. Die erste Sino-US-Geheimoperation überhaupt. Zu schade, dass wir’s nicht in alle Welt rausposaunen können.“
Kovic wusste, dass die Chinesen ihr Veto dagegen eingelegt hätten. Die arbeiteten lieber hinter den Kulissen. Peking hatte ihnen unter die Arme gegriffen und sie in die Vorteilsposition gesetzt, indem sie den Heli auftankten und einen Stromausfall arrangierten, der zehn Minuten vor ihrem Eintreffen über der LZ einen 50-Kilometer-Korridor nach Korea hinein verdunkeln würde.
Er kratzte an der Eisschicht an der Scheibe neben ihm. Ein Stück davon sprang ab und gab den Blick auf das dunkle Nichts in der Tiefe frei. Ein paar dünne Fetzen niedriger Wolken huschten vorbei. Der Sea Hawk schwang mit einem Ruck nach links, der die Marines aus den schmalen Klappstühlen schleuderte, die sie für den Flug eingepackt hatten. Der Pilot johlte fröhlich.
„Sachte, Tex. Wir sind hier nicht beim Rodeo.“
Kovic hätte sich für diese Sache lieber ein paar eigene handverlesene Leute aus Schanghai besorgt, aber der Chief hatte dagegen gestimmt. „Highbeam erwartet John Wayne; wenn der sieht, dass ein Haufen Schlitzaugen angeritten kommt, könnte er in Panik geraten.“ Wie stellte Cutler sich das eigentlich vor – als Kennenlerntreffen? Unter der ganzen Ausrüstung und bei dem Licht, mit dem sie ihn anleuchten würden, konnte ihr Mann sie nicht einmal sehen. Sie hätten genauso gut Klingonen sein können. Aber Cutler wollte es auf seine Art machen – ganz egal, ob es die beste Art war – und das bedeutete nun mal Marines.
„Zehn Minuten bis zur LZ“, meldete sich Tex’ Stimme über Kopfhörer. Eine unerwartete Thermik brachte ihn wieder zum Schweigen und schleuderte erneut alle von ihren Stühlen.
„Hey, Mr Pilot! Willst du mein Frühstück überall in deinem schönen, sauberen Heli?“, rief Faulkner.
„Hoffentlich ist das diese Spritztour wert“, meinte Olsen und sah Kovic an.
„Bringen Sie mir meine Jungs ja in einem Stück zurück“, hatte Garrison, ihr Commander, Kovic gewarnt. Er hatte gute Gründe dafür, die keiner von beiden noch einmal vertiefen wollte.
Kovic betrachtete sie sich. Trotz Panzerwesten und Kampfanzügen sahen sie alle viel zu jung aus, um überhaupt hier zu sein, obwohl er wusste, dass er für sie mit seinen vierunddreißig in mittlerem Alter war. Das Problem mit Erfahrung war immer das Wissen darum, was alles schiefgehen konnte.
Er beschloss, dass es an der Zeit war, sie ins Bild zu setzen. Cutler hatte darauf bestanden, damit zu warten, bis sie in der Luft waren. Er schaltete sein Mikro ein.
„Also, hört zu, Jungs, unser Highbeam hat für den geliebten Führer das Raketenabschussprogramm geschrieben und den Quellcode – die ganze Palette. Er ist der Mann hinter Nordkoreas Atompotenzial. Noch höher in der Nahrungskette können Überläufer nicht aufsteigen.“
Großes Tamtam lag Kovic nicht. Sein Standardmodus war ungeschminkte Wahrheit, verpackt in Klarsichtfolie, nicht mit Schleifchen oder irgendwelchem Schnickschnack, aber er musste diese Jungs bei der Stange halten.
„Scheiße, ja Mann!“ Deacon, Baby der Truppe und am lautesten, reagierte zuerst, so als wollte er sein junges Alter wettmachen. „Wir machen Geee-schichte!“
„Das ist der Plan, Bruder“, nickte Kovic und hoffte auf den richtigen Geschichtsablauf.
Acht Stunden zuvor hatte er sie in der Basis vor Xi’an aus einem Sea Hawk steigen sehen – ganz das Harte-Kerle-Gehabe, dazu Rapstar-Prahlerei – und bei sich gedacht, wie fremd sie doch wirkten, was ihn wieder daran erinnerte, wie gut er sich in China eingewöhnt hatte. Sie sahen aus wie eine Invasionstruppe, standen in Wachstellung um die Maschine, als wären sie eben in Mogadischu gelandet, und beäugten jeden um sich herum wie einen Feind, sogar das Bodenpersonal, das alles zum Auftanken vorbereitete. Die Chinesen hatten mit Umgangsformen nicht viel am Hut, aber wenn man wollte, dass der Laden für einen arbeitete, musste man schon ein bisschen Respekt zeigen.
„Er ist ein großer Fisch, also behandelt ihn gut, heißt ihn willkommen“, fügte Kovic hinzu, da er wusste, sie würden nach sechs Monaten Piratenbekämpfung im Südchinesischen Meer erst einmal ihre innere Einstellung neu justieren müssen.
Die sechs Jungs quetschten sich in voller Montur in die enge Kabine des Black Hawk: Dyneema-Helme, Schutzwesten und Fleecejacken unter ihren Ponchos, jeder mit einem M4 und einer Beretta M9 – der typische Marines-Overkill –, dazu die neu ausgegebenen Vier-Röhren-Nachtsichtgeräte, die aussahen wie irgendwas aus Terminator. Deacon und Kean spielten mit ihren wie Kinder an Weihnachten. Tex, der Pilot, hatte einen nachgebesserten M79-Granatwerfer mitgebracht, dessen Lauf so kurz war, dass er aussah wie eine Muskete aus Fluch der Karibik.
„So beschissen, wie ich schieße, nehm ich lieber was, das im Umkreis von achtzig Metern alles umlegt, ohne dass ich die Augen aufmachen muss.“
„Klar, mit Augen zu schießt sich’s auch besser, was, Tex?“
Kovic hielt es unkompliziert und blieb bei einem Zwei-Röhren-Nachtsichtgerät und seiner SIG Sauer P226 mit Nightforce-Zielfernrohr, Schalldämpfer und fünf, sechs Magazinen.
„Lässig, Alter.“
Deacon bewunderte die P226 und nickte dabei zu allem, was ihn über seinen Ohrstöpsel erreichte. Faulkner war völlig in irgendein Spiel auf seinem Handy vertieft. Kean hatte sich zusammengerollt wie eine Katze, komplett ausgeschaltet, was ihn aber nicht davon abhielt zu furzen, und zwar oft.
„Hey, Kovac.“ Faulkner blickte auf und wedelte mit einem halb gegessenen Schokoriegel, der in seinen baseballhandschuhgroßen Händen aussah wie ein Streichholz.
„Kov-itsch.“
„Kriegst du dabei Heimweh?“
Er schüttelte den Kopf. An irgendeinem Punkt seiner Karriere war ihm der Geschmack für amerikanische Süßigkeiten abhandengekommen und für jede Menge anderes amerikanisches Zeug auch. Er dachte darüber nach, worauf er jetzt Appetit haben könnte. Auf Garnelen spezial mit Abalone im Mancun’s vielleicht. Wenn es heute irgendwo ein Zuhause für ihn gab, dann in Schanghai. Hier gab es alles, was er brauchte, aus der ganzen Welt importiert oder zusammengeklaut, in den Einkaufszentren, den Kinos und entlang der Bürgersteige, auf denen man alle erdenklichen Arten Delikatessen fand, serviert in köstlich dampfenden Schüsseln. Und dann war da auch noch Louise, weder Amerikanerin noch Chinesin, die Schanghai unverhofft in sein Leben geworfen hatte. Was machte sie wohl gerade – außer sich zu fragen, wohin, verdammt, er jetzt wieder unterwegs war?
Faulkner biss ein Stück ab und redete mit vollem Mund weiter.
„Also, Jason Bourne, wie kommt’s, dass du in ’nem Hawk voller Marines sitzt, anstatt irgendwo über Hausdächer zu hopsen?“
Das war eine gute Frage. Er hätte die Sache locker ablehnen können. Sein Spion-Status war abgelaufen, er hatte seit Afghanistan keine Waffe mehr benutzt, war nicht mehr in Form und hatte außerdem jede Menge in Schanghai am Laufen. Jeder Knochen in seinem Körper riet ihm, die Finger davon zu lassen, aber er wusste, dass er für Cutler irgendetwas abziehen musste, wenn er seinen Posten behalten wollte. Sie waren nie richtig warm miteinander geworden. „Sieh dich vor“, hatte Krantz ihn am Schreibtisch in Langley gewarnt. „Cutler hat ein Auge auf China geworfen, um zum Oberklops im eigenen Königreich zu werden. Streichel ihm ’n bisschen den Schwanz. Kannst es dir leisten. Deine Vita ist eh fetter als seine.“
Es stimmte, Kovic hatte mehr als genug heiße Einsätze hinter sich gebracht: im Libanon die Hisbollah aufmischen, einen Waffenhändler in Liberia hochnehmen, eine verdeckte Nummer als tschechischer Heimkehrer in Grosny, zwei lange Ausflüge durch den Irak, dann Afghanistan. Der Olivton seiner Haut und die markanten Wangenknochen ließen ihn so ziemlich überall zwischen Wladiwostok und Venezuela als Einheimischen durchgehen. Schanghai war als Belohnung gedacht, als „Möglichkeit, sich neu zu erfinden“, wie die Personalabteilung behauptete. Die ersten zwei Jahre hatte er es gehasst, mit der Sprache gerungen und versucht, hinter die mysteriösen Codes in den Arbeitsweisen der Chinesen zu kommen. Heute konnte er sich gar nicht mehr vorstellen, irgendwo anders zu leben. Wenn es nach ihm ginge, würde er hier sterben – allerdings nicht in Nordkorea, nicht heute Nacht.
Price, der große Stille, meldete sich zu Wort. „Wen rufen wir, wenn wir’s verkacken?“
Sein Leiter fuhr ihm über den Mund. „Hey, niemand verkackt hier. Okay, Junge?“
Wurde auch Zeit, dass Olsen mal Klartext redete. Er und Kovic wussten nur zu gut, dass sie allein dastehen würden, falls sie es verkackten. Das war nicht zu leugnen. Die anderen begriffen es nicht, aber konnte man ihnen das vorwerfen? Sie dienten als eingeschriebene Soldaten und hatten Regeln, nach denen zu spielen war. Regel Nummer eins bei der CIA lautete: Nicht erwischen lassen. Weil niemand kommt, um dich rauszuhauen.
„Bei Tagesanbruch sind wir hier raus, Mann“, sagte Price. „Mit unserem Paket oder ohne.“
Kovic nickte. Während sie sich der LZ näherten, ließ auch das Zampano-Gehabe nach. Manchmal verwechselten ausgerechnet diejenigen, die am härtesten aussahen, das Ausbildungslager mit der Turnhalle.
„Schon klar. Aber ohne Paket auch kein Bonus“, ergänzte Faulkner.
Das Thema Geld weckte Kean auf. „Kein Bonus bedeutet für mich noch ’n Einsatz, sonst hat mich der Anwalt meiner Alten am Arsch.“
Er sollte sich lieber darüber Sorgen machen, dass ihm die Nordkoreaner die Eier wegschießen könnten, dachte Kovic. Von zwei Übeln wählt man lieber das, was man schon kennt. Wie brave Patrioten hatten sie sich alle freiwillig gemeldet, aber es war das Geld, das ihnen Feuer machte, der sagenumwobene Spec-Ops-Bonus, der allerdings – und Kovic hatte es noch nicht übers Herz gebracht, ihnen das zu sagen – ermessensabhängig war. Und zwar abhängig vom Ermessen irgendeines anonymen Erbsenzählers im Pentagon.
„Und ich krieg morgen keinen Querschlitz ab.“
„Hat dir deine Alte nicht genau deswegen ’nen Anwalt auf den Hals gehetzt, weil du ihn nicht in der Hose behalten kannst?“
„Ex-akt, Baby! Man nennt ihn nicht umsonst die Bestie!“
Kovic lächelte. Eine Million Pentagonrichtlinien zur Verwendung angemessener Sprache, und diese Jungs redeten trotzdem noch genauso, wie sein Vater es getan hatte. Vermutlich hieß es nicht umsonst, dass Reisen die Sichtweise einschränkten. Als er einmal gewagt hatte, Cutler auf eine fremdenfeindliche Äußerung anzusprechen, hatte der Chief ihn nur über den Rand seiner Brille angesehen und gemeint: „Wir sind nicht hier, um Freundschaften zu schließen, Agent Kovic. Wir sind hier, um abzurechnen.“
US-Außenpolitik auf den Punkt gebracht, und das aus dem Mund von jemandem, der sich seine Karriere gebastelt hatte, indem er allen großen und üblen Nummern aus dem Weg gegangen war. Kovic verachtete Schreibtischhengste wie Cutler, der wiederum in seiner Einsatzakte eine Bedrohung sah. Er nahm an, dass es auch das war, was Cutler am meisten an ihm ärgerte. Es würde erklären, weshalb er ihm immerzu zeigen musste, wer der Boss war. Und Gott bewahre, wenn ein Wahljahr anstand.
Kean war jetzt voll dabei und spornte die anderen an. „In Susie’s Bar in Ningbo gibt’s diese Zwillinge …“
„Das sind keine echten Zwillinge, du Nase. Die sehen für dich nur alle gleich aus. Die könnten dir ein Mädchen und ihre Großmutter vorsetzen, und du würdest sie für Zwillinge halten.“
„Wenigstens muss ich nicht dafür zahlen.“
„Deacon, du bist noch Jungfrau, Mann! Du weißt doch nicht mal, wo du ihn reinstecken musst.“
Eine Lachsalve rüttelte die Klappstühle erneut durch.
Olsen knurrte. „Das reicht jetzt. Schaltet mal um, ja?“
„Hey, Kovic, was ich mich gefragt hab … Ist der Bär bei denen wirklich glatt?“
Olsen brachte Deacon mit einem scharfen Blick zum Schweigen. Es wurde stiller. Tex drosselte das Tempo. Er drehte sich kurz im Sitz um und deutete nach unten. „Oooh-ja! Drei Meter Weihnachtswatte!“
Schnee. Die angeblich so hochmoderne meteorologische Bildverarbeitung des Flottenkommandos hatte klaren Himmel bestätigt. Sie hätten sich genauso gut nach dem TV-Wetterfuzzi aus Pjöngjang richten können, dessen Vorhersage von der Partei abgesegnet werden musste.
War das nicht klar?, dachte Kovic. Der Job wird von Minute zu Minute besser.
Zu diesem Zeitpunkt wusste er jedoch noch nicht, dass der Schnee ihm das Leben retten würde.
2.
Der Motorenlärm des Sea Hawks wechselte zu einem tief dröhnenden Pulsieren, mit dem er von den flackernden Rotoren im Schwebeflug gehalten wurde. Kovic schob die Tür auf, und eine eiskalte Windbö fegte den warmen menschlichen Mief hinaus, der sich in der Kabine angestaut hatte. Sein Blick wanderte über die öde Mondlandschaft unter ihm. Nichts von dem, was er sah, ähnelte auch nur annähernd den Satellitenbildern. Cutler hatte ihm nur dürftige Informationen gegeben. Er sagte, Highbeams Fahrzeug würde nördlich von einer Ansammlung Betonblöcken parken, die er in der Vorbesprechung fantasievollerweise als „verlassenes Dorf“ bezeichnet hatte. „Einfach nur aufknacken und einsacken“, hatte er hinzugefügt und seinen tollen Slogan mit einem Grinsen unterstrichen.
Kovic entdeckte einen dunkelfarbenen Kombi, der neben der Straße parkte. Hoffentlich war es der richtige, nicht der Wagen von einem jungen Pärchen, das nach einer Annehmlichkeit suchte, die hier noch rarer war als Essen: Intimsphäre.
Er schaltete auf Mannschaftskanal und ging noch einmal den Drill durch.
„Wir umstellen das Fahrzeug, ein Mann an jeder Ecke, nicht näher als drei Meter, Waffen unten, aber bereit. Er soll nicht denken, dass wir gekommen sind, um ihn umzulegen. Hab ich seine Identität bestätigt, holen wir ihn aus dem Wagen und durchsuchen ihn. Hat er Gepäck, muss ich das auch filzen. Wir sind zehn Minuten am Boden. Nicht länger.“
„Sie sind der Chef“, sagte Kean.
Olsen unterbrach ihn: „Meine Information lautet zwei Minuten.“
„Wir ziehen ab, wenn ich es sage. Wenn ich zufrieden und bereit bin.“
Es blieb keine Zeit, Olsens Einstellung zu den Befehlen der CIA zu erörtern. Kovic wusste bestens Bescheid. Er und Garrison kannten sich schon lange. Er wusste von ihren offenen Rechnungen. Im Augenblick musste Olsen nur seinen Job erledigen. Sie fuhren nicht zusammen in Urlaub – es ging nur rein, raus und wieder heim. Keine Facebook-Freunde.
„Wenn du früher wieder loswillst“, sagte er zu ihm, „dann mach hin und sag deinen Männern, wer sich wohin stellen soll.“
Olsen seufzte und wies dann jedem eine Ecke zu. Kovic war es egal, wer wo stand, ihn interessierte nur eine klare Befehlskette.
„Okay, Tex, bring uns runter.“
Während der Sea Hawk absank, schaltete Kovic sein Nachtsichtgerät ein und die Schneeflocken leuchteten auf wie Klumpen grellweißer Baumwolle. Scheiß unnütze Ausrüstung. Auf diesem kargen Abhang fühlte er sich schutzlos; er zog überfüllte Orte mit Unmengen an Ablenkungen vor. Hier draußen konnte man sich nirgends verstecken.
Der Schnee fiel jetzt schnell und in dicken Flocken und verwandelte die Gegend in ein für März unpassendes Weihnachtskartenmotiv, ganz zu schweigen von dem weißen Teppich, auf dem sie auffallen würden wie Figürchen auf einer Hochzeitstorte. Aber Tarnung fiel heute sowieso flach. Dafür sorgte schon das Wummern des Sea Hawks.
In Nordkorea gab es keine neuen Autos, ebenso wenig wie es neue Waschmaschinen oder Fernseher gab. Der ramponierte Nissan Kombi, bei dessen Anblick man in Amerika die Kinder hereingerufen hätte, wenn er durchs Viertel gefahren wäre, konnte also sehr wohl die Privatkarosse des Spitzenatomprogrammierers des Landes sein.
Die Scheibenwischer fuhren einmal hin und her, und durch das Glas konnte Kovic gerade so eine einzelne Gestalt am Lenkrad erkennen. Seiner Erfahrung nach konnten Überläufer echte Stresskolben sein. Manche hatten völlig schiefe Vorstellungen davon, wie nützlich sie waren, und versuchten in letzter Sekunde noch irgendetwas auszuhandeln. Andere schleppten Angehörige an, von denen sie sich partout nicht trennen wollten – Geliebte, Freunde, Mütter oder sonstige Mitläufer, die auf einen Last-Minute-Platz auf dem fliegenden US-Teppich hofften, der sie herausbrachte aus dem Höllenloch, in dem sie dummerweise geboren wurden. Einer, den Kovic aus Beirut raushauen sollte, hatte versucht, seinen Hund mitzunehmen. Einen anderen überkam aus Angst vor Vergeltung in letzter Sekunde ein Sinneswandel. Das waren die emotionalen Härtefälle. Manche Gulags waren voll mit dem gesamten Familienanhang solcher Leute – jede Person, die sie jemals geliebt hatten, allesamt lediglich Geiseln auf Abruf.
Tex setzte den Sea Hawk auf die Straße.
„Wir sind soeben in der Demokratischen Volksrepublik Nordkorea gelandet. Bitte stellen Sie Ihre Uhren fünfzig Jahre zurück.“
„Lass ihn laufen, Tex.“ Kovic sprang hinaus und duckte sich unter den Rotorblättern.„Ich gehe von hier aus links die Straße hoch bis zur Fahrertür. Olsen, machen Sie Ihre Männer bereit und bringen Sie sie in Position, wenn ich anfange, mit ihm zu sprechen.“
Der Schnee schichtete sich dick auf den Boden. Kovic näherte sich dem Wagen, blieb fünf Meter entfernt stehen und richtete seine Taschenlampe auf die Gestalt am Lenkrad. Hohe Stirn, hohle Wangen, lang gezogene Oberlippe, leichte Scharte in der linken Augenbraue – alles klar. Er trug einen Anzug, der ihm zu groß war, ohne Frage das Allerfeinste der DVRK-Couture. Er hatte ein unnatürliches Grinsen aufgesetzt. Und er zitterte so sehr, dass sich das Revers seines Mantels bewegte.
Kovic räusperte sich still und schaltete im Gehirn auf Koreanisch, wobei er im Geist noch einmal kurz nachhakte, ob er sich den Namen des Typen auch richtig gemerkt hatte.
„Shun-Kin. Ich überbringe Grüße im Namen der Regierung der Vereinigten Staaten.“
Der Mann am Lenkrad grinste weiter, sagte aber nichts; er sah sich nicht einmal um. Deacon, Kean, Faulkner und Price gingen in Position, jeder an einer Ecke des Wagens, Olsen stand an der Rückseite und Kovic vor der Motorhaube. Er wollte, dass Highbeam die Männer sah, dass sie ihm ein Gefühl der Sicherheit vermittelten und die Zusicherung, dass sie es ernst meinten.
Kovic ließ sein Nachtsichtgerät hochgeklappt, damit er etwas menschlicher wirkte, und trat näher an das geöffnete Fenster der Fahrertür heran. Im Inneren roch es nach Aschenbecher und Schweiß. Auf dem Rücksitz lag ein großer Koffer aus Kunstleder, dem nicht unähnlich, den seine Großeltern in den Dreißigern mit nach Amerika gebracht hatten.
„Sind Sie bereit, diesen mutigen Schritt in die Freiheit zu tun?“
Kein Wort, nur rasches, heftiges Nicken.
„Alles in Ordnung. Sie können mit mir sprechen, ich werde es verstehen.“
Kovics Sprachgefühl war auch so eine Sache, die Cutler kirre machte. Der zog es vor, sich über Dolmetscher zu verständigen.
Weiter nichts als ein dümmliches Grinsen und das Zittern. Highbeam rührte sich nochimmernicht von der Stelle. Kovic machte einen weiteren Schritt auf ihn zu. In Pakistan hatte er einmal einen Typen auf eine Trage schnallen und abtransportieren müssen, nachdem dieser vor Angst ohnmächtig geworden war.
„Shun-Kin. Bitte steigen Sie aus dem Auto. Wir bringen Sie nach Amerika. Verstehen Sie? Wir nehmen Sie jetzt mit.“
Was hielt ihn bloß wie angewurzelt auf seinem Sitz? Zweifel in letzter Minute, Furcht vor dem Unbekannten?
Vielleicht war der Klang eines Amis, der ihn in seiner Muttersprache anredete, zu verwirrend. Kovic versuchte es noch einmal auf Englisch und mit etwas mehr Dringlichkeit.
„Hey, Shun-Kin. Zeit zu gehen, okay?“
Der Koreaner öffnete die Tür und trat zögerlich in die Nacht hinaus. Trotz der Kälte glitzerte Schweiß auf seiner Stirn. Das dümmliche Grinsen ließ ihn nicht besonders aufgeweckt erscheinen. Aus der Nähe sah er auch sehr jung aus – zu jung. Entweder war der Typ ein Wunderkind oder …
Als Kovic den Arm ausstreckte, um ihm die Hand zu schütteln, machte der Koreaner einen Satz nach links und rannte los. Kean, der ihm am nächsten stand, versperrte ihm den Weg.
„Lasst mich!“, schrie er in deutlichem Englisch. Er warf sich mit seinem schmächtigen Körper gegen Kean, was bei dem kräftigen und stämmigen Marine jedoch keinerlei Wirkung zeigte. „Bleibt bloß von mir weg! Die …“
Kean hielt ihn fest in einer Ringerumarmung.
Da begriff Kovic plötzlich. Er rief Kean zu: „Lauf, Mann, lauf! Setz ihn ab! Los! Los!“
Die erste Detonation, ein Zünder, kam irgendwo aus dem Brustbereich des Typen. Kovic sah es gerade noch, als er sich zum Wegrennen umwandte. Die zweite Explosion machte die Nacht zum Tag und riss ihn von den Füßen, als ihre Wucht ihn den halben Weg zum Sea Hawk zurückschleuderte. Er schlug auf der Straße auf und rollte in den Schnee.
Shun-Kin war weg, verdampft in der gleißenden Eruption. Das Auto brannte und löste eine dritte Explosion aus, als der Tank Feuer fing. Kean lag fünf Meter von der Stelle, an der er gerade noch gestanden hatte, auf dem Boden. Ein Arm fehlte, das Gesicht eine Maske aus Blut. Deacon, der ein Bein nachzog, erreichte ihn zuerst. Kean streckte seine verbliebene Hand nach ihm aus und sackte dann zurück. Er war tot. Deacons Gesicht erstarrte schockiert.
Tex war am Funk und brüllte: „Kovic, sag was!“
Die Explosion hatte Kovics Gehör kurzzeitig lahmgelegt, aber sein Verstand lief wie ein Turbo. Shun-Kin hatte versucht davonzurennen; er hatte die Ladung nicht selbst gezündet. Ein Timer kam auch nicht infrage, da ihre genaue Ankunftszeit nicht abzusehen gewesen war. Also musste jemand, der sie im Blick hatte, die Zündung ausgelöst haben. Kovic wirbelte herum und rief Tex zu, er solle abheben und außer Reichweite fliegen. Am Boden war der Heli ein leichtes Ziel, außerdem brauchten sie Augen in der Luft.
„Flieg eine Schleife und sag uns, was du siehst.“
Schnee und Schotter peitschten durch die Luft, als der Sea Hawk abhob.
„Hey, hierher zurück, sofort!“
Olsen schrie und winkte, als ob Tex ihn in der Dunkelheit sehen könnte. Kovic lief an ihm vorbei und sah Deacon am Boden liegen, der sich in Embryonalhaltung die Brust hielt, so als würde ihm sein Mageninhalt hochkommen, wenn er losließ. Kovic eilte zu ihm und riss einen Druckverband aus der Seitentasche seines Tarnanzugs. Der gesamte Oberkörper war ein einziger Blutklumpen.
„Ganz ruhig. Nicht so heftig atmen.“
„Scheiß Selbstmord…“
Kovic wusste, dass Shun-Kin kein Selbstmordattentäter gewesen war. Er hatte versucht sie zu warnen, obwohl er gewusst hatte, dass es aus mit ihm war. Wahrscheinlich hatte er Kovic sogar das Leben gerettet.
„Hey, seht mal!“ Faulkner streckte seine Hand aus. Das verlassene Dorf war voller Männer, die auf sie zukamen.
„Die Scheiße hat uns gerade noch gefehlt“, fauchte Olsen.
Kovic packte Deacon und zerrte ihn hinter die Überreste des Kombis, lief dann zurück und holte das M4. Sein Nachtsichtgerät hatte sich mit der Explosion verabschiedet, und in seinen Augen brannte der Staub. Es reizte ihn, einfach eine Salve Kugeln loszuschicken, in der Hoffnung, ein paar davon würden ihr Ziel finden. Widersteh der Verlockung, denk nach!, ermahnte er sich. Er zog Deacons Nachtsichtgerät von dessen Helm, setzte es auf und sah ein Dutzend Nordkoreaner – nur schwarze Silhouetten vor dem blanken Weiß –, die mit der russischen Standard-RPK bewaffnet waren. Wenigstens würden die es bei der Dunkelheit und dem Schneetreiben schwer haben, denn er nahm nicht an, dass sie mit Nachtsichtgeräten oder Lasern ausgestattet waren. Andererseits fassten die RPK-Magazine fünfundsiebzig Schuss, ideal für Blindlingsballerei.
In Deacons M4 steckten nicht mehr als dreißig Schuss, von denen er jeden einzelnen brauchen würde.
Er sah Bewegungen vor sich und zu seiner Linken, sprang auf und gab ein halbes Dutzend Schüsse ab. Drei Koreaner fielen getroffen rücklings in den Schnee, wo ihre Blutlachen zu etwas wie einem riesigen verschütteten Becher Slush zusammenliefen.
Wenn sie hier herauskommen wollten, dann musste noch sehr viel mehr Blut fließen.
Kovic sah einen Scharfschützen auf sie zurennen und wieder im Schatten verschwinden. Er zielte auf die Stelle, feuerte und hörte einen Schrei.
„Wo steckt Faulkner?“
Der wankte wie betäubt auf sie zu und hielt seine Schulter umklammert, während er seine Waffe nutzlos in seiner zertrümmerten Hand hielt. Kovic rannte los und stieß ihn zu Boden, während Price ihnen Deckung gab. Er zog einen Verband aus seiner Tasche und riss Faulkners Ärmel mit den Zähnen ab, bevor er den Arm bandagierte, so gut es ging. Er hatte auch Morphium in seiner Tasche, aber etwas lenkte ihn ab.
Olsen schrie Tex über Funk an. „Verdammt, was tust du? Gib uns Deckung, Scheiße noch mal! Wir müssen hier raus.“
„Negativ.“ Kovic konnte das im Augenblick überhaupt nicht brauchen. „Wir müssen die erst kaltstellen. Wenn er näher kommt, holen die ihn sofort runter.“
Olsen hörte nicht hin. Kovic packte ihn an der Schulter und riss ihn herum. „Die müssen nur einen Treffer landen, und wir sitzen hier fest, kapiert? Niemand wird uns holen.“
Olsen schüttelte seine Hand mit wutverzerrtem Gesicht ab. „Du hast uns direkt in einen Hinterhalt geführt, du verdammter Idiot. Du bist in die Falle gerannt. Dein Intel war scheiße. Das Ganze war von Anfang an scheiße. Ich hol meine Jungs hier raus. Diese Mission ist offiziell am Arsch. Ich bringe meine Jungs hier weg, und du – du kannst dich ins Knie ficken!“
Kovic stürzte sich auf Olsen, doch der wich aus, rammte ihm das Knie in die Eier und verpasste ihm einen Stiefeltritt in den Bauch, der ihn rücklings in den Schnee katapultierte.
Dann hörten sie das tiefe Wummern des Helis. Kaum sichtbar, als grauer Schleier hinter dem Schnee wie ein halb eingestelltes Fernsehbild, bewegte sich der Sea Hawk über ihnen.
Tex lenkte ihn zurück. „Sayonara, Arschlöcher!“, johlte er über Funk. Die ganze Operation schien ihm zu Kopf gestiegen zu sein. Er hatte ein Seitenfenster aufgeschoben und fuchtelte mit seinem Granatwerfer in die Richtung, in der er die NK vermutete. Er schoss drauflos, während er zur zweiten Landung ansetzte.
Doch während Olsen Price noch Zeichen gab, er solle Faulkner zur LZ helfen, schlingerte der Sea Hawk zur Seite, als wäre eine riesige unsichtbare Hand aus den Wolken aufgetaucht und hätte ihn gepackt. Die Motordrehzahl schoss auf Kreischniveau hoch, und die Schnauze richtete sich nach oben, als ob die Maschine an Höhe gewinnen wollte. Dann begann sie zur Seite zu kippen, und der Heckrotor fräste genau dort, wo die Koreaner in Position gegangen waren, über den Boden. Eines der Hauptblätter brach ab und schoss wirbelnd in die Nacht. Dann flog der Sea Hawk in Zeitlupe eine horizontale Schraube und krachte schließlich auf die Erde.
Kovic warf sich über Faulkner, Price und Olsen stolperten hinter die Überreste des Kombis, während der Heli in einem Feuerball aufging und die Gegend mit einem Hagel aus Maschinenteilen überzog, bevor er sich in einem Pilz aus feurigem Rauch auflöste.
Es gab nichts zu sagen. Sie befanden sich fünfzig Kilometer weit in nordkoreanischem Gebiet, ihr Rückflug war hin, ihr Überraschungsvorteil nicht existent, und eine Säule aus Flammen und Rauch, die in die Nacht aufstieg, alarmierte jeden im Umkreis von fünfzehn Kilometern, der nicht sowieso schon wusste, dass sie da waren.
Allein hätte Kovic vielleicht abtauchen können, den Patrouillen entgehen und die Grenze erreichen. Aber mit zwei Toten und zwei Verwundeten …
Olsen sah ihn voller Verachtung an. „Wieder was für die Halle der Schande der CIA.“
Kovic war über Wut hinaus. „Du hast ihm gesagt, er soll zurückkommen.“
Olsen schob seinen Unterkiefer vor und öffnete den Mund, als wollte er sagen: Ach ja? Komm mal her! Für einen Augenblick dachte Kovic, er würde zur nächsten Beleidigung ansetzen, doch dann zuckte Olsen zusammen, verdrehte die Augen, das Gewehr fiel aus seinen Händen, und er sackte mit dem Gesicht voraus in den Schnee.
Price eilte zu ihm. „Er wurde getroffen!“
„Scharfschütze! Deckung!“
Der Schuss war irgendwo zu ihrer Linken von einer höheren Position gekommen. Blut pumpte aus einem Loch in Olsens Oberschenkel. Wenn die Schlagader durchtrennt war, hatte er keine Chance mehr. Price zerrte an einem Erste-Hilfe-Beutel. Kovic zerriss die ohnehin schon zerfetzen Überreste von Olsens Tarnanzug, legte einen provisorischen Druckverband an und band den Oberschenkel ab.
Price reichte ihm das Morphium. Dann schaufelten sie Schnee auf die Wunde, damit sich die Blutgefäße zusammenzogen, bis sie ihn abtransportieren konnten.
Mündungsfeuer und ein hochtourig laufender Motor kündigten einen großen jeepartigen Laster an, der den Abhang herunter auf sie zukam. Ein zweiter folgte dichtauf.
„Scheiße, was ist das?“
„Grenzschutz. Kaengsaeng 69, das heißt Schrottschüssel auf Koreanisch.“
Keiner von ihnen bewegte sich. Sie waren überwältigt.
„Wir sind so was von im Arsch.“
Kovic beobachtete, wie die beiden Fahrzeuge anhielten. „Noch nicht. Ich will diese Kiste.“
Er glaubte, einen Vorteil zu haben. Diese Typen waren Wehrpflichtige, keine Spezialeinheit. So etwas wie das hier hatten sie wahrscheinlich noch nie erlebt. Das Beste, worauf er hoffen konnte, war, so viele wie möglich von ihnen auszuknipsen und den Rest dadurch zu verscheuchen. Er legte mit dem M16-Infrarot auf den Fahrer im ersten Wagen an. Volltreffer. Der Kerl rutschte vom Sitz, während seine Passagiere davonsprangen, um Deckung zu suchen. Kovic folgte ihnen mit dem Zielfernrohr und schaltete zwei weitere aus. Er mochte außer Form sein, aber seine Treffsicherheit hatte nicht nachgelassen.
Der Letzte sprang in das zweite Fahrzeug, das schlitternd durch den Schnee davonbrauste.
Kovic rannte zu dem verlassenen Jeep und sprang hinein. Der Motor lief noch. Er zerrte am Schalthebel, bis der erste Gang drin war, ließ die Kupplung kommen und steuerte auf die Gruppe hinter dem ausgebrannten Kombi zu.
„Ich hab euch hier reingebracht, ich bring euch auch wieder raus, okay?“
Olsen war kaum noch bei Bewusstsein. Faulkner ging es etwas besser, aber er hatte einen Schock wegen seines zerfetzten Arms. Er schloss die Augen und wartete darauf, dass die Wirkung des Morphiums einsetzte.
„Plan B: Wir nehmen den Militärübergang.“
Auf Kovics Beharren hin hatten die Chinesen einem Fluchtweg über Land zugestimmt, der über einen ausgedienten Berggrenzposten führte.
Price half Kovic, die Verwundeten in das Fahrzeug zu laden. Er zitterte unter der Angst und dem Schock. „Lass uns von hier abhauen.“
Kovic winkte ihn zu den Leichen. „Kean und Deacon nehm ich auch mit.“
Der Schnee fiel jetzt dichter, und der Wind blies ihnen das Gestöber direkt entgegen. Kovic schaltete die Scheinwerfer aus und verließ sich auf sein Nachtsichtgerät, auch wenn die Flocken dadurch riesengroß erschienen, fast so, als würde man durch eine überdimensionale explodierte Steppdecke fahren.
„Bei dem Tempo werden wir’s nicht schaffen“, bemerkte Olsen unnötigerweise.
„Willst du aussteigen und schieben?“
Im Rückspiegel sah Kovic, dass der zweite Jeep gewendet und die Verfolgung aufgenommen hatte. Sie holten auf.
So viel zum Thema Verscheuchen!
Er wollte in einen höheren Gang schalten, fand aber keinen, und durch den Versuch hochzuschalten hatte er jetzt auch noch an Tempo verloren.
Der zweite Jeep kam immer näher, und Kovic rief Price zu, er solle ihn abwehren, doch keiner der Schüsse schreckte die Verfolger ab. Die Straße führte immer noch bergauf und verlief weiter geradeaus, so weit er sehen konnte – und das waren nicht einmal hundert Meter. Der andere Jeep fuhr jetzt fast schon neben ihnen. Kovic riss das Lenkrad herum. Das Kreischen kollidierenden Metalls war zu hören, aber der feindliche Jeep blieb hartnäckig auf der Straße. Kovic rammte ihn erneut von der Seite, und dieses Mal kam er von der Piste ab. Die Räder auf der Beifahrerseite gerieten in den Graben, der Wagen holperte von der Straße und kippte auf die Seite.
Doch die erste Erleichterung hielt nicht lange an. Eine Kurve zeichnete sich im Schnee ab, eine scharfe Linkskurve mit tückischer Untertiefung. Kovic riss das Lenkrad mit aller Kraft herum, aber der Schwung behielt die Oberhand über den Jeep. Er ließ sich nicht mehr lenken und fuhr schnurgerade von der Piste hinunter, wo er einen Satz machte und auf und ab hüpfte, sodass Price, die Verwundeten und die Toten in den Schnee geschleudert wurden, bevor der Wagen zwischen ein paar Bäumen zum Stehen kam.
Heute ist nicht meine Nacht, dachte Kovic. Er robbte an die Böschung und spähte zu dem anderen Jeep hinüber. Die Insassen hatten ihn aufgerichtet und stiegen wieder ein. Der Motor sprang an, dann kamen sie auf ihn zugefahren. Kovic duckte sich dicht auf den Boden, als der Wagen auf der schneebedeckten Straße an ihm vorbeischlitterte. Dann hechtete er los, sprang von hinten auf die Ladefläche des fahrenden Jeeps und legte an. Dank des Schalldämpfers auf seiner SIG waren die beiden auf den Rücksitzen ausgeschaltet, ohne dass die beiden, die vorn saßen, es bemerkten. Aber das Fahrzeug ruckte, als es über ein Schlagloch fuhr, und Kovic wurde gegen den Fahrer geschleudert; die SIG fiel ihm aus der Hand. Der Mann auf dem Beifahrersitz versuchte den Lauf seine RPK freizubekommen, der zwischen seinen Knien steckte. Kovic rammte dem Koreaner seine linke Faust gegen den Kopf und stürzte sich auf die Waffe, bevor der Soldat sie heben konnte. Abgelenkt von Kovics Auftauchen nahm der Fahrer jedoch die Hände vom Lenkrad, und das Fahrzeug knallte gegen einen Pfosten, wodurch Kovic in den Fußraum geworfen wurde und dabei mit dem Kinn gegen den Gewehrlauf schlug. Vergeblich versuchte er die SIG wieder in die Finger zu kriegen, die jetzt unter den Pedalen klemmte. Der Beifahrer bekam sein Maschinengewehr richtig zu fassen und feuerte eine Salve in den Himmel, die nur Zentimeter vor Kovics Gesicht losging und seine Gesichtshälfte für einen Augenblick dermaßen lähmte, dass er glaubte, er wäre getroffen worden.
Was für ein verdammter, heilloser Dreck!, dachte er, während er versuchte, sich aus dem Chaos von ineinander verschlungenen Waffen und Gliedmaßen zu befreien. Er bekam den Lauf der RPK zu fassen, den er sengend heiß durch seine Handschuhe spüren konnte, und stemmte ihn zur Seite in Richtung des Fahrers, gerade in dem Augenblick, als der Beifahrer wieder abdrückte. Auf so kurze Distanz zerfetzten die Kugeln der Salve den Hals des Fahrers, und sein fast abgetrennter Kopf klatschte auf seine Brust. Die Augen des Beifahrers weiteten sich vor Entsetzen.
Kovic fiel auf, wie jung er aussah, und er spürte einen Anflug von Mitleid, als er ihm die Kanone aus den Händen riss, den Kolben in die Brust stieß und ihn damit hinaus in den Schnee beförderte.
Damit war die Arbeit aber noch nicht getan. Der Stiefel des halb geköpften Fahrers stand immer noch fest auf dem Gaspedal. Kovic packte das Lenkrad – doch zu spät, um zu verhindern, dass der Jeep gegen eine niedrige Mauer fuhr und ihn hinausschleuderte. Er segelte über die Motorhaube und die Mauer hinein in einen eiskalten Graben. Noch im Sturzflug verfluchte er Olsen, Cutler, die Agency und schließlich auch sich selbst, weil er so dumm gewesen war, die Mission überhaupt anzunehmen. Dann knallte seine Nase gegen einen Stein, und er hörte das Knacken eines brechenden Knochens.
Eine volle Minute lag er bewegungsunfähig da. Er konnte vor Schmerz nichts sehen und versuchte bei Bewusstsein zu bleiben, doch er spürte, wie sein Gehirn langsam aufgab, dichtmachte. In diesem Graben, versteckt hinter dem Mäuerchen, konnte er liegen bleiben, und vielleicht würden seine Feinde abziehen … Der Schnee würde ihn bedecken, und er würde nie gefunden werden. Wie ruhig und erholsam das sein würde.
Er spürte, wie er wegsackte.
Irgendjemand schrie.
Ruckartig kam er wieder zu Bewusstsein, richtete sich ein Stück auf und spähte über die Mauer, an der der Jeep stehen geblieben war. Niemand saß darin. Vielleicht bekam er ihn wieder zum Laufen. Er kletterte über das Mäuerchen und sprang hinein. Am Lenkrad klebte Blut und Gehirnmasse. Er wischte flüchtig mit seinem Ärmel darüber und tastete über die Armaturen, bis er die Zündung fand, drehte den Schlüssel um und trat aufs Gas. Der Jeep sprang hoffnungsfroh an und soff sofort wieder ab. Kovic drehte erneut – wieder Anspringen und Absaufen. Price taumelte mit Olsen und Faulkner im Schlepptau auf ihn zu. In dem Schneetreiben sahen sie aus wie Geister.
Schließlich schaffte es Kovic, den Motor zum Laufen und auf Touren zu bringen, setzte zurück und wieder vor, bis die Reifen Halt fanden, dann fuhr er den andern im Rückwärtsgang entgegen.
Er zog sein Handy hervor. Es gab drei abgesprochene Textcodes: Alpha bedeutete: Mission ausgeführt. Beta bedeutete: abgebrochen. Und Gamma bedeutete: extrahieren über Land. Er wollte Gamma eingeben, was Cutler alarmieren würde, um den Grenzübertritt zu bestätigen – falls sie es schafften.
„Scheiß drauf, wir sind sowieso aufgeflogen“, sagte er zu sich selbst.
Er wählte Cutlers Nummer.
Der ging sofort dran. „Was ist los?“
„Aufgeflogen. Zwei Mann und Pilot verloren. Es war eine beschissene Falle. Highbeam trug eine Überraschungsweste.“
Schweigen. Am anderen Ende hörte er nur Cutlers kurze, rasche Atemzüge. Am liebsten hätte er ihn zusammengestaucht, aber das musste warten. Im Augenblick gab es Wichtigeres.
„Wir sind dreißig Kilometer innerhalb der DVRK. Fahrzeug vorhanden, aber wir brauchen die Rückmeldung, dass der Grenzposten offen ist. Ansonsten heißt es, alle Marines tot und einer von euch – auf der falschen Seite des Zauns, klar?“
„Wir sind dran. Seid vorsichtig.“ Cutler legte auf.
Jetzt waren die Chinesen ihre einzige Hoffnung – wenn die nur den Grenzposten öffneten. Allerdings wird Peking sofort auf Schadensbegrenzung schalten, dachte Kovic wütend, während Cutler auszuknobeln beginnt, wie sich das Ganze auf Langley auswirkt und wie er seinen Arsch retten kann.
Aber Wut brachte ihn jetzt auch nicht weiter. Die Ablenkung, für die der Rauch des brennenden Heli gesorgt hatte, verflog bereits. Seine Wut verlieh ihm allerdings wieder neue Kraft. Sie würden in diese Kiste steigen, über diese verdammte Grenze fahren, und Faulkner und Olsen würden leben, ganz egal, wie viel Schnee oder wie viele Nordkoreaner sich ihnen in den Weg stellten.
Er half den anderen in den Jeep, der schon wieder abgesoffen war.
„Wo fahren wir hin?“, fragte Faulkner, benommen von Kälte und Schmerz.
„Nach Hause. Wir überqueren in dem Ding hier die Grenze, und auf der chinesischen Seite holt uns jemand ab.“
Keiner sprach ein Wort. Alle hatten sie noch das Bild der beiden Toten und des brennenden Sea Hawks mit Tex darin vor Augen.
Olsen stöhnte. „Garrison hat mich vor dir gewarnt. Oh ja, ich weiß alles über …“
Kovic fiel ihm ins Wort. „Spar’s dir. Ich hab dir die Fahrt hier raus organisiert. Wenn wir die Grenze hinter uns haben, brauchen wir uns nie mehr im Leben auch nur zu sehen. Aber bis dahin arbeiten wir als Team und passen aufeinander auf! So haben wir die größten Überlebenschancen, richtig? Versucht, euch gegenseitig warm zu halten. Wir haben noch dreißig Minuten Fahrt vor uns.“
Er wartete keine Antwort ab, zerrte am Schalthebel, bis er den ersten Gang drinhatte, und der Jeep machte einen Satz nach vorn. Die Straße vor ihnen lag komplett unter einem weißen Teppich verborgen.
Immer wenn die Dinge so schlimm standen, blieb nur der Gedanke an all die anderen schlimmen Situationen, die er schon überstanden hatte. Damals im Sudan, als ihm Kindersoldaten auf H einen Gewehrlauf in den Arsch geschoben und darüber gestritten hatten, wer abdrücken durfte. Oder in Kurdistan die aufgebrachte Nutte, die mit einem Messer rumgefuchtelt hatte, weil sie glaubte, er wolle sie übers Ohr hauen, nachdem sich der Taliban-Commander, den sie für ihn hatte abziehen sollen, als schwul herausgestellt hatte. Und in seinem ersten Monat in China, als ihn der indonesische Waffenhändler an den Füßen von einem Hochhaus hatte baumeln lassen, weil er ihn für einen Konkurrenten hielt …
An Garrisons Sohn wollte er allerdings nicht denken.
Der Schnee fiel mit jeder Minute dichter, und die Reifen fanden zunehmend weniger Halt. Er drosselte das Tempo auf unter dreißig, was für die Straßenverhältnisse immer noch zu schnell war.
Die Piste traf am Hang einer Bergflanke auf die Grenze, und der Jeep protestierte rabiat gegen die Steigung. Die Kupplung war durch, aber Kovic schaffte es, vom zweiten zurück in den ersten Gang zu schalten. Er folgte dem Umriss der Anhöhe, aber die Untertiefung einer Rechtskurve zog das Fahrzeug zur Seite. Er trat fester aufs Gas, doch die Räder drehten durch. Dann ging die Drehzahl runter, und für einen Augenblick sah es so aus, als würden sie es schaffen. Kovic starrte mit zusammengekniffenen Augen nach vorn und konzentrierte sich mit aller Kraft auf die Karten und Satellitenbilder in seinem Gedächtnis, auf die Fahrspur, die zu einer Haarnadelkurve hin enger wurde, und auf die Stelle dahinter, an der ein Erdrutsch Teile davon zugedeckt hatte. Er gab stetig Gas, und der Jeep holperte über die ungleichmäßige Piste, doch schließlich siegte die Steigung über das Getriebe, und ein plötzliches metallisches Krachen verriet ihm, dass die Antriebswelle gebrochen war. Er trat auf die Bremse, aber die Räder blockierten bereits. Sie rutschten rückwärts, während der Motor, erlöst von seiner Last, kreischend überdrehte.
„Ich kann ihn nicht mehr halten! Raus!“
Sie sprangen. Kovic zerrte Olsen mit, und Price hielt Faulkner, während der Jeep über den Fahrbahnrand rutschte, sich auf die Seite legte und ihnen die gebrochene Antriebswelle wie ein heraushängendes Körperglied präsentierte. Der Motor lief noch, aber das Fahrzeug war klinisch tot.
„Okay, von hier aus gehen wir zu Fuß.“
„Wie weit?“
„Zwei Kilometer.“
Zwei Kilometer unter diesen Umständen bedeuteten mindestens zwanzig Minuten, bergauf fünfundzwanzig. Und mit Verwundeten im Schlepptau …
Kovic nahm Olsen auf den Rücken, während Price sich Faulkners heilen Arm über die starken Schultern legte, um ihn halb zu stützen, halb zu tragen. Faulkner war der Größte von ihnen, doch Olsen kam Kovic vor wie ein Ochse, der sein Gewicht alle zwei Meter verdoppelte. Er schöpfte tief aus seinen verbliebenen Kraftreserven und zwang seinen Verstand, sich von der Erschöpfung zu lösen. Die Kälte hatte die Blutung von Olsens Oberschenkel verringert, trotzdem wurde er blasser. Kovic spürte, wie ihm die eisige Luft tief ins Gesicht biss und seine Nasenhaare vereiste. In Afghanistan im Winter 2008 war er auf einen seltsam geformten Hügel im Schnee gestoßen. Neugierig hatte er hineingegraben und eine ganze Familie gefunden, die sich in einem letzten verzweifelten Versuch, Wärme zu finden, aneinandergedrängt hatte. Ihre Körper waren komplett durch- und aneinandergefroren; sie waren zu ihrem eigenen Mahnmal geworden.
„Hey, seht ihr?“
Price, der ein paar Meter vor ihm ging, blieb stehen und zeigte ins Dunkel vor ihnen.
„Zaun.“
„Hey“, keuchte Faulkner. „Wir sind fast da.“
Kovic feuerte eine Leuchtfackel ab, die von den Schneewolken einfach verschluckt wurde. Der Wind, der um den Hang herumblies, nahm zu und schlug ihnen direkt entgegen, was ihr Vorankommen weiter verlangsamte. Kovic begann seine Schritte zu zählen, damit er sich auf etwas anderes konzentrieren konnte als auf die Kälte. Bei jedem Schritt dachte er an ein anderes Gericht auf der Speisekarte im Mancun’s und versprach sich, von allem das Doppelte zu nehmen, falls er es jemals aus dieser Hölle herausschaffen würde. Hier draußen im trostlosen weißen Nichts erschien ihm das marod-schnoddrige Schanghai wie der Himmel auf Erden.
Der Kontrollpunkt war verlassen, das riesige Maschendrahttor nicht verschlossen. Irgendetwas hatte geklappt, auch wenn Kovic abstruserweise auf eine chinesische Willkommensparty gehofft hatte. Er kletterte den Wachturm hinauf und fand ein Telefon in einer metallenen Allwetterkiste. Es besaß weder Wählscheibe noch Tasten – bloß abnehmen und auf Antwort warten. Hoffentlich würde jemand im Grenzhauptquartier drangehen.
Er blickte hinunter zu Price, der die Arme um Faulkner und Olsen gelegt hatte und versuchte, sie vor dem erbarmungslosen Wind zu schützen, der mittlerweile selbst zu einer Waffe geworden war und sie gnadenlos peitschte.
Die Telefonverbindung knisterte. Die Stimme klang, als käme sie vom anderen Ende der Welt. Kovic versuchte zu sprechen. Die eiskalte Luft malträtierte seine Luftröhre. Der Schweiß, der ihm beim Tragen von Olsen aufs Gesicht getreten war, fühlte sich an wie eine Eiskruste. Er sank auf die Knie, seine Muskeln stellten den Betrieb ein, sein Gedächtnis ebenfalls. Wie zum Teufel sagte man auf Mandarin „Hilfe“?
Er kramte in den hintersten Winkeln seines Gehirns und spürte sein Bewusstsein schwinden, während die Kälte ihn übermannte. Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, kam es ihm. Er versuchte die Lippen zu bewegen, doch sie wollten ihm kaum gehorchen.
„Yu – cheng … Hilfe!“
Er ließ den Hörer fallen und stürzte zur Treppe, in der einzigen Hoffnung, zurück zu den Männern zu kommen und mit ihnen ihre letzte schwindende Wärme zu teilen, bevor es für sie alle zu spät war. Er fand Halt auf einer Stufe, verlor ihn wieder, versuchte eine neue, dann fiel er ungefähr fünf Meter tief in die Schneeverwehungen, die sich am Fuß des Wachturms aufgehäuft hatten. Er landete weich, ganz und gar umhüllt von frischem Schnee.
Er hatte es geschafft, hatte sie zurück zur Grenze gebracht. Jetzt übermannte ihn die Erschöpfung. Vielleicht würde er für immer hierbleiben – einfach loslassen. Ja, warum nicht? Hatte er nicht gesagt, er wolle in China sterben?
Was ist das Letzte, woran man denken möchte, bevor man stirbt? Es heißt, man solle sich etwas Besonderes, etwas Kostbares vor Augen führen, jemanden, den man liebt.
Kovic sah sie auf sich zugehen. Da bist du ja. Ich habe mich schon gefragt, wann du kommst. Louise’ Gesicht, das auf ihn herabblickte … wie sie mit wallendem Haar den Kopf schüttelte. Sie lachte und streckte ihre Hand aus. Na komm, komm ins Bett. Na komm …
Er wurde von etwas geweckt, das sich anhörte wie dumpfe Schläge, womöglich Stiefel, die von einem Fahrzeug hinuntersprangen. Wieder hörte er das Geräusch. Er öffnete die Augen, aber alles war dunkel, noch dunkler als zuvor. Irgendwas befand sich vor seinem Gesicht. Er blinzelte und spürte Nässe. Er lag unter Schnee begraben. Wie lange lag er schon so da? Er blinzelte weiter den Schnee fort, bis er mit einem Auge einen Teil der Umgebung vor sich erkennen konnte.
Der Haufen, den Price, Faulkner und Olsen gebildet hatten, war weg. Ein SUV stand jetzt dort. Hilfe war eingetroffen. Die Silhouetten zweier Männer luden etwas ins Heck des Wagens. Kovic meinte, die abstrahlende Hitze des Fahrzeugs zu spüren – Wärme, Behaglichkeit, Sicherheit. Er versuchte sich zu bewegen, doch es gelang ihm nicht. Er sah einen dritten Mann mit erhobenem Arm vor einem anderen Haufen am Boden.
Wieder das dumpfe Schlagen, dazu winziges Aufflackern. Dann gesellten sich die beiden Männer aus dem SUV zu dem Einzelnen. Einer zog einen Handschuh ab und griff nach einer Zigarettenschachtel. Seine Hand zeichnete sich grellweiß vom Rest der Dunkelheit ab, dazu drei pfeilähnliche Zeichen, die unter dem Ärmelaufschlag prangten. Sie standen einen Moment um den Haufen am Boden, rauchten und redeten, während kleine Fähnchen aus Qualm und Atemluft von ihnen fortzogen. Schließlich beugten sich zwei von ihnen hinunter, packten die Leiche an einem Arm und einem Bein, als wäre es die frisch erlegte Beute einer Jagd, und schleiften sie zum SUV. Es war Olsen.
Kovic schloss die Augen – und bewegte sich nicht mehr.
3.
uss valkyrie – südchinesisches meer
Commander Garrison sah den jungen Funker über den Rand seiner Brille hinweg an. „Ich darf Sie hier gleich mal unterbrechen, Sohn.“
Er wusste, der Junge meinte es gut, aber im Augenblick sah er aus, als würde er sich wünschen, im Deck zu versinken.
Bale holte tief Luft und versuchte die Nerven zu behalten. Er wusste, eine klar verständliche Ausdrucksweise war eine Besessenheit des Commanders. Er hatte gehört, wie der einen Nachrichtenoffizier angepfiffen hatte, weil er von „Einbringung informationsorientierter Fähigkeiten“ geredet hatte. Bale blickte zu Lieutenant Duncan hinüber, doch die musste sich gerade auf irgendetwas an ihrer Stiefelspitze konzentrieren.
Der Junge tat Garrison leid, also versuchte er, ihm unter die Arme zu greifen. „Stellen Sie sich vor, Sie erklären es Ihrer …“ Nein, das würde sexistisch klingen. Bei so etwas musste man heutzutage aufpassen. Er sah zu Duncan, auf deren Lippen sich ein kaum sichtbares Lächeln abzeichnete, und ließ seinen Blick dann weiter nach Osten zum ersten Purpur des Sonnenaufgangs schweifen.
Bale drängte weiter. „Sir, es ist nur so, dass wir diese Algorithmusschleife haben, und in den vergangenen drei Stunden sind … unsere Reflexbeobachtungen …“ Bale stockte mitten im Satz wie ein Motor, dem der Sprit ausgegangen war.
Garrison konnte sich ein Kichern nicht verkneifen.
„Bale, was für ein Jahrgang sind Sie?“
„91, Sir.“
„Wissen Sie, was ich 91 gemacht habe? Ich war genau auf diesem Schiff hier, mitten im Ersten Golfkrieg. Also, wenn wir uns im Krieg befinden, dann reden wir Klartext. Kein Bockmist, kein Kauderwelsch.“
Bale wünschte bei der Jungfrau Maria, er hätte die Klappe gehalten. Eigentlich hätte er dieses Mal gar nicht nach Norden abtasten sollen. Aber dieses Signal, wenn es denn ein Signal war, ähnelte keinem, das er jemals gesehen hatte. Er hatte es Ransome gezeigt, als der zum Dienst antrat, doch der hatte es als Weißes Rauschen abgetan. Aber Bale war sich sicher, dass an der Sache etwas dran war. Es war zu deutlich, und auch der Impuls hatte etwas Markantes. Als er dann den Kontrollraum verlassen hatte, war er Garrison direkt in die Arme gelaufen, der gerade seinen morgendlichen Rundgang machte, und … Nun ja, er hatte es sich nicht verkneifen können.
„Versuchen Sie es noch einmal.“
Bale atmete tief durch.
„Lassen Sie sich Zeit.“
„Es gibt da dieses Kommunikationssignal, das von einem Punkt auf dem chinesischen Festland ausgeht.“
Garrison nickte. Der Sonnenaufgang tauchte das spiegelglatte Meer in ein spektakuläres Rosa.
„Okay, ich verstehe. Weiter bitte.“
„Es begann um 04:10 und dauerte dreißig Sekunden. Ein weiteres Signal empfingen wir um 05:50, etwa einen halben Grad südlich. Beide prallten auf einen Empfänger 4500 Kilometer weit im Landesinneren Chinas.“
„Okay, so weit bin ich auch auf Empfang. Schon irgendetwas entschlüsselt?“
„Das ist es ja, Sir. Man kommt nicht dran. Es ist wie Weißes Rauschen. Keine Konturen, kein Impuls.“
„Und der Empfänger?“
„Keiner, den wir auf unseren Listen hätten. Es könnte sein, dass er eben erst den Betrieb aufgenommen hat, aber er befindet sich nicht in der Nähe irgendeiner bekannten Militär- oder Geheimdiensteinrichtung.“
„Können Sie es … einfangen?“ Garrison war sich nicht sicher, was genau man mit solchen Dingen anstellte, daher griff er nach einem vertrauten Wort.
„Das ist auch so eine Sache, Sir. Es geht nicht. Es besitzt keine … Es ist wie ein Kondensstreifen. Es verläuft einfach.“
„Schöne Analogie, Bale. Schreiben Sie das alles auf, dann setzen wir unsere Jungs vom Geheimdienst dran.“ Garrison drückte ihm die Schulter. Er wollte dem Jungen nicht den Tatendrang nehmen, nur wegen so einer – Scheiße! Der Gedanke brach abrupt ab, und ein anderer rückte in den Vordergrund.
„Wo in China, sagten Sie?“
„An der Grenze zu Nordkorea. Eine Bergregion mit …“
Garrison hatte sich schon in Bewegung gesetzt. „Geben Sie mir die genauen Koordinaten – sofort.“
4.
Garrison bewegte sich mit strammen Schritten durch das Schiff. Männer wichen zur Seite und salutierten, wenn er vorbeiging, was er aus Gepflogenheit mit einem Nicken quittierte, aber im Grunde waren sie für ihn im Augenblick alle unsichtbar. Er hatte Olsen angewiesen, Signal zu geben, wenn alles erledigt war. Jetzt war es nach0700, was bedeutete, Olsen war zu spät dran. Und von Cutler war auch nichts zu hören. Ein Satellit hatte nahe ihrem Sektor an der Grenze einen verdächtigen Absturz ermittelt. Er brauchte Antworten.
„Es steht alles für Sie bereit, Commander. Langleys Chinaressort ist online und wartet, und das Pentagon hört mit.“ Duncan hielt ihm die Tür auf.
„Danke, Lieutenant. Es tut mir leid, aber Sie werden draußen warten müssen.“
„Verstanden, Sir.“
Was immer er zu hören bekam, wollte er zuerst allein verdauen. Er zog die Tür zu und schloss ab. Der Raum roch abgestanden. Es war einen Monat her, seit man ihn das letzte Mal benutzt hatte. Duncan hatte eine Karaffe Wasser und ein Glas bereitgestellt und frischen Kaffee bringen lassen. Zu schade, dass Garrison das ohne ihr Beisein erledigen musste. Wenn sie in der Nähe war, benahm er sich immer besser. Aber es war unumgänglich, dass die anderen offen und ehrlich zu ihm waren, und wenn sie Duncan neben ihm sahen, würden sie vielleicht dichtmachen.
Er strich sich die Uniformjacke glatt und bediente sich an etwas Stärkerem aus Jacks Silberflachmann. Dann tippte er seinen persönlichen Code ein und drückte auf Enter. Zwei Bildschirme erwachten zum Leben.
„Guten Tag, Sir.“ Es war Krantz vom Chinaressort in Langley. „Und wir haben heute Colonel Benskin im Pentagon bei uns.“
„Hey, Roland.“
„Hi, Brad.“
Es steht ihnen ins Gesicht geschrieben, dachte Garrison. Krantz’ Augenbrauen, die er so weit hochgezogen hatte, wie es nur ging, zeigten, dass er verzweifelt auf Positives hoffte. Benskin wirkte ergrauter denn je, ein Schreibtischkämpfer, der seit ihrem letzten Gespräch zehn Kilo zugelegt hatte.
Garrison setzte sich vor die Schirme. „Also gut, Gentlemen, schießen Sie los.“
Krantz machte den Auftakt. „Die Sache sieht so aus, Sir: Uns liegen von chinesischer Seite Berichte vor bezüglich eines abgeschossenen Luftfahrzeugs im zugeordneten Korridor, dazu Wärmebildaufnahmen, die augenscheinlich den Rauch vom Brand einer Flugmaschine in der Wolkendecke bestätigen.“ Er richtete seinen Blick auf Benskin.
„Sieht nicht gut aus, Roland.“
„Das sagt das Pentagon dazu? Sieht nicht gut aus?“
Der Colonel nickte ernst. Wie oft hatten sie so etwas jetzt schon gehabt? Er hatte aufgehört mitzuzählen. Er wandte sich an Krantz. „Was ist mit Cutler? Das ist seine Show.“
„Er ist bereits dran, Sir. Er spricht in diesem Moment mit Peking.“ Krantz hob sein Handy hoch. „Einen Augenblick, Sir, ich habe vielleicht gleich noch mehr für Sie.“
„Ich scheiß auf Peking. Ich will meine Männer zurück.“
Gott, wie er die verdeckten Operationen hasste! Die Männer liebten es, liebten das Geheimnisvolle, das Beugen oder gar Brechen der Regeln, die Befreiung von der Langeweile, die sie bei ihren Routineaktionen unweigerlich überkam. Marines waren voller Tatendrang; Untätigkeit war nach dem Tod das Zweitschlimmste. Aber verdeckt bedeutete immer auch problematisch. Befehlsketten wurden durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Agencys und durch widersprüchliche Absichten gestört. Langley war am schlimmsten. Zu viele Missionen auf den letzten Drücker, die zwischen Tür und Angel geplant wurden. Ein paar Männer auf ein Problem loslassen und alles abstreiten, wenn es in die Hose geht.
Garrison spürte, wie ihm langsam die Nerven durchgingen. Dieser Kram wurde nicht leichter. Eigentlich wurde er sogar schwerer. Deshalb schickten sie ja auch Leute, die jünger waren als er, in Rente.
Er versuchte seine Worte in vernünftiger Lautstärke hervorzubringen.
Krantz wand sich auf seinem Stuhl. „Sie verstehen, wie sensibel dieses Thema ist, Sir?“
„Oh ja, ich bin scheißsensibel, das verstehe ich.“
Benskin hob eine Hand. „Roland, alle sind an der Sache dran. Wir gehen davon aus, dass das Wetter nicht mitgespielt hat, unvorhergesehener Schnee.“
„Dieser Pilot kann durch Grütze fliegen. Da müssen Sie sich schon was Besseres einfallen lassen.“
Krantz suchte nach einem rettenden Strohhalm, mit dem er Garrison hinhalten konnte. „Sir, das Weiße Haus ist informiert. Nichts davon wird weitergegeben, bevor die Jungs nicht wieder zurück sind.“
Garrison schaltete die Bildschirme ab und starrte vor sich hin ins Leere. Unter sich spürte er die Schiffsbewegungen. Er wusste, dass es sinnlos war, einen Schuldigen zu suchen. Mit Schuldzuweisungen erreichte man nichts. Aber Antworten würde er dieses Mal bekommen. Jede noch so kleine Einzelheit.
Er tastete nach einer Zigarette, dann fiel ihm ein, dass er aufhören wollte – mal wieder. Mit Cutler würde er sich auch noch unterhalten müssen. Und jetzt war auch dieser andere Name wieder aufgetaucht, um ihn zu verfolgen – der, den er am liebsten nie wieder im Leben gehört hätte – der Name Kovic.
5.
chinesisch-nordkoreanische grenze
