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Minobu Tetsuhara ist ein loyaler Krieger des Draconis Kombinats. Als Samurai im Dienst Haus Kuritas ist sein Leben und Handeln fest an die Vorgaben des Bushido Kodex gebunden. Bei seiner neuen Aufgabe als Verbindungsoffizier zu einer der besten aber auch berüchtigsten Söldnereinheit der Nachfolgestaaten – Wolfs Dragoner – wird er mit einer zunächst vollkommen gegensätzlichen Philosophie konfrontiert. Söldner gelten im Draconis Kombinat als ehrlose Krieger, für die man nur Spott und Verachtung übrig hat. Im Verlauf des Geschehens erkennt Minobu, daß auch die Dragoner hohe Vorstellungen von Pflicht und Ehre haben und sich die eigentlich ehrlosen Individuen in den Reihen des Kombinats verstecken.
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Seitenzahl: 642
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Titel
Robert N. Charette
Wölfe an der Grenze
Impressum
Yellow King ProductionsLegenden-Band 8
Titelbild: Catalyst Game LabsRedaktion: Mario WeißÜbersetzer: Christian JentzschKorrektorat: Peter DachgruberLayout: Michael Mingers
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Deutsche Ausgabe Yellow King Productions, Neuöd - Gewerbepark 12a, D-92278 Illschwang unter Lizenz von INMEDIARES PRODUCTIONS, LLC., also doing business as CATALYST GAME LABS.
Alle Rechte vorbehalten. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags erfolgen.
Produkt-Nr.: YKBTL08E-Book-ISBN: 978-3-95752-608-3
Danksagung
Für meine Eltern, ohne die ich nicht wäre,was ich bin,und für ERJ und RW,ohne die dieses Buch nicht wäre, was es ist.
KARTE DER NACHFOLGERSTAATEN 3022
DIE HAUPTPERSONEN
JAIME WOLF — Begründer und mysteriöser Kommandant der Söldnereinheit »Wolfs Dragoner«.
MINOBU TETSUHARA — Auf den Dienst am Haus Kurita vereidigter Samurai, ursprünglich Verbindungsoffizier des Kombinats zu Wolfs Dragonern, später Begründer der Ryuken-Regimenter.
GRIEG SAMSONOW — Kriegsherr des Militärdistrikts Galedon im Draconis-Kombinat und als solcher nur Takashi Kurita verantwortlich.
JERRY AKUMA — Kriegsherr Samsonows Adjutant, später Verbindungsoffizier des Kombinats zu Wolfs Dragonern.
NATASCHA KERENSKY — Gefürchtete Kommandeurin der Schwarzen Witwen, eine der unabhängigen Einheiten bei Wolfs Dragonern.
HANSE DAVION — Prinz der Vereinigten Sonnen.
TAKASHI KURITA — Koordinator des Draconis-Kombinats.
SUBHASH INDRAHAR — Leiter der Internen Sicherheitsagentur (ISA), dem Geheimdienst des Hauses Kurita.
QUINTUS ALLARD — Leiter des Ministeriums für Geheime Untersuchungen und Operationen (MGUO), dem Geheimdienst des Hauses Davion.
MICHI NOKETSUNA — Adjutant von Minobu Tetsuhara, dem ursprünglichen Verbindungsoffizier zu Wolfs Dragonern.
HAMILTON ATWYL — Kommandeur der Staffel Blau, einer Einheit der Luft-/Raum-Einsatzgruppe von Wolfs Dragonern.
JASON CARMODY Kommandeur der Luft-/Raum-Einsatzgruppe von Wolfs Dragonern.
DECHAN FRASER — MechKrieger, der zum Kommandeur einer Kompanie befördert wird, die zum Able Bataillon des Alpha-Regiments der Dragoner gehört.
KENNETH QUO — Kommandant von Hephaistos, der orbitalen Raumstation der Dragoner.
ANTON SHADD — Kommandeur des Siebten Kommandos, der Spezialeinheit der Dragoner.
FADRE SINGH — Zunächst MechKrieger bei Wolfs Dragonern, später ein Abtrünniger und Überläufer zum Draconis-Kombinat.
PROLOG
Provinz Franchelco, Dromini VI
Militärdistrikt Dieron, Draconis-Kombinat
14. September 3021
Die Geräusche der Schlacht waren verstummt — und mit ihnen die Funkkanäle zu Tercians Kompanie. Minobu Tetsuhara konnte noch immer Rauch von jenseits der Hügelkette aufsteigen sehen. Der ölige Qualm bedeutete brennende Fahrzeuge, und brennende Fahrzeuge bedeuteten Probleme beim Gegenangriff der Herzoglichen Gepanzerten Dromini-Husaren.
Tetsuharas Scoutkompanie hatte den Befehl erhalten, Tercians Einheit zu unterstützen, nachdem Meldungen eingegangen waren, dass sich BattleMechs der angreifenden Söldnertruppen des Hauses Steiner in dem Gebiet aufhielten. Wenn der Feind im Begriff stand, eine größere Offensive zu beginnen, steckten die Streitkräfte des Draconis-Kombinats in Schwierigkeiten. Minobus zwölf Mechs würden nicht ausreichen, um einen ernsthaften Vorstoß zu stoppen.
Da die felsigen Gebirgsausläufer sowohl seine Sensoren blockierten als auch die Sicht versperrten, konnte Minobu nur hingehen und nachschauen, wenn er herausfinden wollte, was geschehen war. Während er zwei seiner drei Mechlanzen zum Flankenschutz beorderte, um die beiden Zugänge zum Tal zu versperren, führte er seine Befehlslanze auf direktem Wege zum Kamm der Hügelkette.
Die drei 35 Tonnen schweren PNT-9R Panther der Lanze bewegten sich mit einer Anmut, die ihre Größe Lügen strafte. Aus größerer Entfernung kann ein zufälliger Beobachter einen Panther mit einem laufenden Menschen in Rüstung verwechseln, aber die Ähnlichkeit verblasst, sobald er sich einem Baum oder Gebäude nähert. Wie alle Mechs ist er so groß wie ein dreistöckiges Haus.
Die vierte Maschine der Lanze war ein OTT-7J Ostscout. Obwohl er sich ebenfalls auf zwei Beinen fortbewegt, kann man ihn auch aus noch so großer Entfernung nicht mit einem Menschen verwechseln. Seine langen Beine enden in einem gedrungenen, eiförmigen Rumpf, und hinter der kleinen Cockpithaube befindet sich eine Zwillingsantenne. Seine Arme bestehen aus einer Ansammlung von Sensoren, dünne, spitz zulaufende Gehäuse, die beim Laufen rudern und kreisen, während sie die Daten für den hochspezialisierten Scoutcomputer sammeln.
Als das ohnehin zerklüftete Gelände zum Kamm hin steiler wurde, musste Minobu mit dem Tempo herunter. Kurz vor dem Kamm blieb er stehen und signalisierte dem Rest seiner Lanze, dasselbe zu tun. Er kroch mit seiner Maschine auf den Rand des Kamms zu, sorgsam darauf bedacht, nicht mit dem rechten Arm des Panther und seiner empfindlichen Partikelprojektorkanone gegen Gesteinstrümmer zu stoßen. Nachdem er für einen ersten Überblick das sichtbare Lichtspektrum angewählt hatte, hob er den Kopf des Mechs, damit die Scanner ihrer Aufgabe nachkommen und seinen Schirm mit Daten füllen konnten.
Unter sich im Tal sah er blankes Chaos. Die rauchenden Trümmer der leichten Schwebepanzer von Tercians Kompanie kündeten von einem Gemetzel. Minobu zählte alle neun Fahrzeuge, die die Kompanie unterhielt. Einen halben Kilometer hinter dem nächsten Wrack stand ein einzelner gegnerischer BattleMech.
Minobu identifizierte ihn als einen Archer, ein 70-Tonnen-Mech. Sein auffälliger blau-goldener Anstrich war durch Brandnarben verunstaltet und größtenteils zu sehr geschwärzt, um noch anhand von etwaigen Einheits- oder Rangabzeichen zugeordnet werden zu können. Die Panzerung des Archer war aufgerissen und an manchen Stellen durchschlagen, und ein Arm baumelte schlaff und halb abgetrennt von den Schulternahtstellen direkt unterhalb seines schweren Raketenwerfers. Die gewaltige Maschine hatte für ihren Sieg zweifellos teuer bezahlt.
Der üblichen taktischen Doktrin entsprechend wurden Archer zumeist angefordert, um die Aufgaben der schweren Artillerie zu übernehmen, aber dieser hier schien allein operiert zu haben. Minobu fragte sich, ob sein Pilot ausgezogen war, um sich mit anderen Mechs zu duellieren und dadurch Ruhm zu ernten.
Die Husaren hatten den Archer hier auf der offenen Talebene gestellt, wo sie ihre Manövrierfähigkeit voll ausnutzen konnten. Sie hatten ganz ohne Zweifel einen leichten Sieg erwartet. Der MechKrieger musste sie überrascht und sich als zu stark für die Panzer erwiesen haben, obwohl ihm der Gegner zahlenmäßig weit überlegen gewesen war. Solch ein Krieger musste ein furchtbarer Gegner sein.
»Angriffskeil!«, befahl Minobu, als er mit seinem Panther den Kamm überschritt und mit hohem Tempo ins Tal hinunterlief. Als gut ausgebildete MechKrieger übernahmen die Männer in den beiden Panthern den Flankenschutz und rannten ihm nach. Der schlecht bewaffnete Ostscout, der die Aufgabe hatte, nach etwaigen Gefahren für seine vorstürmenden Kameraden Ausschau zu halten, folgte in einigem Abstand im Archer der Keilspitze nach. Der Mech war zu wertvoll, um ihn den Risiken eines Feuergefechts auszusetzen.
Minobu war seinen Lanzengefährten zweihundert Meter voraus, als er den glatteren Talboden erreichte. Zwar befand sich sein Ziel klar innerhalb der theoretischen Reichweite seiner leichten Lord-PPK, doch kannte er die Grenzen des Zielsystems nur allzu gut. Es war eine Ironie der Kriegsführung des einunddreißigsten Jahrhunderts, dass unglaublich mächtige Waffen auf Entfernungen zum Einsatz kamen, die die Krieger ein Jahrtausend zuvor als lächerlich gering betrachtet hätten. Die Zielsysteme gehörten zu dem in den fast drei Jahrhunderten des Krieges unter den fünf Großen Häusern der Nachfolgestaaten verloren gegangenen technischen Wissen.
Direkt vor sich sah Minobu, wie Leben in den Archer kam. Er drehte sich in seine Richtung, dann erloschen die Lebenszeichen wieder. Klar in Reichweite für genaue Treffer kamen die KuritaMechs näher heran, aber der Archer reagierte nicht.
»Gibbs, Scannermeldung«, befahl Minobu über Takkom. »Ist es ein Trick?«
»Ich glaube nicht, Tai-i«, antwortete der Pilot des Ostscout. »Ich glaube, er hat sich einfach abgeschaltet.« Gibbs klang überrascht. Minobu war es auf jeden Fall. Er rief eine Infrarot-Abtastung auf seinen Bildschirm. Der feindliche Mech glühte vor Abwärme.
Minobu brachte seinen Mech zum Stehen und befahl seiner Lanze Halt.
»Zur Hölle mit Ihrem närrischen Codex!«, fauchte MechKrieger Jerry Akumas Stimme wütend über Takkom. »Er ist leichte Beute, Tai-i.«
»Einen Schritt an mir vorbei oder einen Schuss, Akuma, und die Beute sind Sie«, schnauzte ihn Minobu an. Er hatte mit so einem Ausbruch seines Stellvertreters gerechnet, war aber dennoch enttäuscht, als er tatsächlich kam.
In seinem Cockpit bei abgeschaltetem Sender fluchte Akuma. Die eisige Ruhe in Minobus Stimme ließ die Drohung in den Augen des stürmischen MechKriegers nur allzu realistisch erscheinen. Durch diesen übel zugerichteten Koloss und seinen Piloten war das Ehrgefühl des Tai-is angesprochen worden. Akuma nahm den Finger vom Feuerknopf und brachte seinen Mech zum Stillstand. »Er ist ein Teki, Tai-i. Ein Feind, dem wir keinen Pardon geben dürfen. Ein schwerer BattleMech, den wir wegen seiner Schwäche vernichten können, ohne selbst Schaden zu nehmen.«
»Ohne selbst Schaden zu nehmen? Sie entehren Ihre Vorfahren. Dieser Pilot ist ein Krieger, aber sein Mech reagiert nicht auf seine Befehle. Bushido gebietet, dass wir seine Schwäche jetzt nicht ausnutzen, so dass er später als Krieger kämpfen und sterben kann. Wir werden das Tal jetzt verlassen.«
»Verlassen?« Akumas Stimme wurde lauter. »Sie drehen einem Feind den Rücken zu. Sie sind ...« »Stellen Sie meine Autorität in Frage, MechKrieger Akuma?«, unterbrach ihn Minobu.
Akuma wusste, dass die anderen Mitglieder der Lanze über Takkom genau zuhörten. Alle wussten, dass eine Befehlsverweigerung einem Todesurteil gleichkam. Die speichelleckerischen Muttersöhnchen, die er als Lanzenkameraden hatte, würden auch im Licht seines wesentlich praktischeren Vorschlags noch für Tetsuhara eintreten. Angesichts der bereits geöffneten Klappe vor Kemsais Raketenwerfer kam Akuma zu dem Schluss, dass Kapitulation nicht gleichbedeutend mit endgültiger Niederlage war.
»Nein, Tai-i Tetsuhara. Ich stelle Ihre Autorität nicht in Frage. Ich sterbe auf Ihren Befehl.« Die formellen Phrasen kamen ihm glatt über die Lippen. Akuma schaltete seinen Sender ab. »Deine Autorität, nein. Deine Zurechnungsfähigkeit, ja. Dein kostbarer Bushido-Codex war schon tot, bevor die Menschheit die alte Erde verlassen hatte. Hier ist kein Platz dafür. Hier ist das wirkliche Leben, und wir befinden uns im Krieg.
Ich vergesse nichts. Du hast mich einmal zu oft beschämt.«
Minobu beobachtete Akumas Panther auf weitere Reaktionen. Er kannte schon seit langem die abfällige Meinung, die der ignorante Akuma über den Codex hegte und hatte mit Spott und Beschwerden nach dem Kampf gerechnet. Allerdings hatte er nicht einkalkuliert, dass Akuma bis an die Grenze zur Befehlsverweigerung gehen würde, obwohl jener Befehl auf dem Codex beruhte. Dennoch, letztlich hatte sich der MechKrieger Minobus Autorität gebeugt. Der kritische Punkt war überwunden, und Akumas Blut würde sich abkühlen.
Minobu wandte seinen Mech wieder dem Archer zu und schaltete die Außenlautsprecher ein. Der Pilot des gegnerischen Mechs hatte seine Cockpithaube geöffnet und sich auf den Sitz gestellt, so dass sein Oberkörper sichtbar war. Ein klobiger Neurohelm verbarg seine Gesichtszüge.
»Krieger«, sagte Minobu. »Ich, Minobu Tetsuhara, kommandierender Tai-i der Scoutkompanie Gold im Zweiten Regiment des Schwert des Lichts, Samurai des Hauses Kurita und Soldat des Draconis-Kombinats, verbeuge mich vor deinem Mut und deinem Können. Wir werden dich jetzt nicht töten. Kehre zu deinen Truppen zurück, wenn du kannst. Stirb im Kampf als wahrer Krieger.«
Damit wendete Minobu seinen Mech und führte seine Lanze aus dem Tal heraus.
Die Grenze zwischen dem DRACONIS KOMBINAT und den VEREINIGTEN SONNEN
ERSTES BUCH: EHRE
1
Familiensitz der Tetsuhara, Awano
Militärdistrikt Benjamin, Draconis-Kombinat
9. März 3023
Das Licht von Awanos Sonne blitzte auf dem Metall und blendete ihn. Minobu blinzelte, aber der grelle Glanz trieb ihm die Tränen in die Augen und trübte ihm die Sicht. Er durfte nicht zulassen, dass er sich davon ablenken ließ, weil Präzision jetzt von allergrößter Wichtigkeit war. Wenn er es verdarb, würde dies ein großes Unglück sein. Er wartete. Seine Sicht klärte sich nur minimal, aber er war ruhig. Der Augenblick war gekommen. Zwischen den Schlägen seines Herzens senkte er die Hand. Sie war sicher.
»Bruder!«
Der unerwartete Ruf von der Lichtung neben dem Haus unterbrach seine Konzentration. Minobu biss sich auf die Lippe, als der Pinsel über die Vase schmierte und dadurch Stunden geduldiger Arbeit ruinierte und die dunkle Haut seiner Hand mit goldenen Farbklecksen besprenkelte. Er hatte Muga heute nicht erreicht. Wieder nicht. Seit den verhängnisvollen Kämpfen auf Dromini VI war er nicht mehr dazu fähig gewesen, jenen Zustand des ›Eins seins von Denken und Handeln‹ wahrhaft zu erreichen.
Nachdem die Falle Haus Steiners zugeschnappt war und sich dessen reguläre Truppen den Söldnern von Wolfs Dragonern angeschlossen hatten, wurden die draconischen Entsatztruppen für Dromini von ihnen geradezu zerlegt. Die Kombinatstruppen hatten den Planeten gehalten, dabei aber große Verluste erlitten. Einen Monat nach dem Debakel war Minobu nicht nur seines Kommandos enthoben worden, sondern man hatte ihm auch das Recht abgesprochen, in Zukunft bis auf weiteres — seinen Panther zu steuern. Damit war er kein MechKrieger mehr. Die Befehle waren ohne Erklärung und von höchster Stelle, dem Büro des Koordinators, ergangen. Sie waren vom Koordinator persönlich unterzeichnet, von Takashi Kurita, dem Herrscher des Draconis-Kombinats. Eine Beförderung hatte die neuen Befehle begleitet, aber Minobu fühlte sich immer noch beschämt und wurde von dem Gedanken heimgesucht, er habe das Ideal verraten, er habe nicht dem Codex des Bushido gemäß gelebt. Diese Sorgen und Bedenken waren es, die es ihm verwehrten, Muga zu erreichen.
Vor Dromini hätte etwas so Geringfügiges wie ein Schrei niemals seinen Pinselstrich beeinträchtigt. Er stellte die Vase weg. Rein äußerlich war sie ruiniert, doch sie würde ihren Zweck dennoch erfüllen, so wie er auch. Abgesehen von der Verzierung war die Vase immer noch das, was sie war: robust und stark. Wie auch er es sein musste.
»Bruder!« Minobu war noch mit der Reinigung seiner Werkstatt beschäftigt, als Fuhito von der Anstrengung des Rennens in der dünnen Luft des Plateaus keuchend ins Zimmer platzte. Das Lächeln auf seinem Gesicht verriet Minobu, dass er diese Störung wenigstens guten Neuigkeiten zu verdanken hatte.
»Deine Hast ziemt sich nicht für einen Samurai, kleiner Bruder. Setz dich und beruhige dich!« Fuhito tat, wie ihm geheißen wurde, und nahm sich die Zeit, ruhiger zu atmen und eine gelassene Haltung anzunehmen. Minobu saß regungslos, sein Gesicht verriet nichts von seinem Wunsch zu erfahren, welche Neuigkeiten seinen Bruder dazu veranlasst hatten, über den Besitz zu ihm zu rennen. Schließlich hatte Fuhito seine Selbstkontrolle wiedererlangt und verbeugte sich vor Minobu.
»Älterer Bruder, ich habe einen Brief vom Verwaltungsamt erhalten. In zwei Wochen muss ich fortgehen, um meinen Dienst als MechKrieger anzutreten.« Fuhitos Lächeln entzog sich seiner Kontrolle, seine Freude war zu groß, um sie bezähmen zu können. Er suchte auf dem Gesicht seines Bruders nach einem Zeichen der Anerkennung, aber sein Lächeln verschwand, als diese Anerkennung nicht unmittelbar sichtbar wurde.»Ich bin ein Dummkopf, älterer Bruder. Verzeih mir. In meiner Freude über meine Chance habe ich an deinem Kummer gerührt. Du solltest derjenige sein, der ein Kommando erhält.«
Nach unten schauend, fiel Minobus Blick auf die ruinierte Vase. Seine mangelhafte Selbstkontrolle bekümmerte ihn. Sogar sein wenig feinsinniger kleiner Bruder konnte den inneren Aufruhr in ihm erkennen. Die langen Monate der Isolation hier auf Awano forderten einen Tribut, der sich von Tag zu Tag vergrößerte. Er schien unfähig, die Gelassenheit wieder zu finden, die ihm als MechKrieger immer vertraut gewesen war. Er zwang seine Gesichtsmuskeln zur Entspannung. »Meine persönlichen Gefühle sind nicht von Bedeutung, obwohl ich mich freue, dass du diese Chance bekommst. Du wirst unserer Familie Ehre bereiten. Katana Kat ist jetzt dein Mech.«
Fuhito erhob sich abrupt. »Nein. Ich werde nicht gehen. Du solltest den Panther steuern. Ich werde darauf bestehen.« Er ging in Richtung Tür, blieb aber zusammenzuckend stehen, als Minobu ihm nachrief.
»Jetzt bist du ein Dummkopf. Der Mech ist seit über einem Jahr auf deinen Namen registriert. Du hast bei deinen Übungsstunden mit mir keine Abneigung erkennen lassen, ihn zu steuern, und deine Fortschritte sind ordnungsgemäß vermerkt worden. Eine Verweigerung zu diesem Zeitpunkt würde nur die Familie in Verlegenheit bringen.«
»Aber ich habe gedacht, du würdest den Mech schließlich wiederbekommen. Die ganze Sache ist unfair. Du bist ein großer Krieger, vielleicht sogar der beste in der Familie, seitdem der alte Jackson Hayes sein afrikanisches Erbe aufgegeben und den Namen Tetsuhara angenommen hat. Mir steht Katana Kat nicht zu, solange du ihn steuern kannst. Du solltest im Cockpit sitzen. Du bist nicht alt oder verkrüppelt oder ... oder ...«
»Tot? Nein, ich bin nicht tot. Noch bin ich weiterhin Herr über den Kat.« Minobu erhob sich und ging auf seinen Bruder zu. Er legte einen Arm um die Schultern des jüngeren Mannes und führte ihn durch das Zimmer. Am anderen Ende blieben sie stehen, während Minobu die Schiebetür zur Veranda öffnete. Er sah nach draußen über die Bäume hinweg, die sein Haus vom Hauptteil des Anwesens trennten. Hinter diesen Bäumen befanden sich die Familienvilla, die Kasernen seiner Gefolgsmänner und die Trainingsanlagen. Der Panther der Tetsuharas stand auf dem Übungsfeld, sein Kopf war über die Baumkronen hinweg sichtbar.
»Da ist deine Aufgabe.« Minobu deutete auf den Mech. »Du bist der anerkannte Pilot dieses BattleMechs. Er wird dein Schwert in der Schlacht sein, die Seele eines Samurais. Trübe seinen hellen Glanz nicht durch unüberlegte Handlungen oder unwürdige Taten. Sein Glanz wird deine Ehre widerspiegeln, so wie deine Ehre die deiner Familie widerspiegeln wird. Du hast jetzt eine Chance, den Makel auszulöschen, der durch meine Schande diese Ehre befleckt hat. Es ist ausreichend Wiedergutmachung geleistet worden. Deine Befehle sind Beweis dafür, kleiner Bruder. Der Tetsuhara-Clan hat wieder eine Möglichkeit, Haus Kurita Ehre zu bereiten.« Minobu hielt inne und entfernte sich etwas von seinem Bruder. »Wohin bist du abkommandiert?«
Minobu hatte gehofft, seine Rede würde Fuhito dabei helfen, die unverrückbaren Gegebenheiten dieser Situation zu erfassen. Fuhitos feste Stimme verstärkte diese Hoffnung, aber der matte Tonfall verriet seine Mutlosigkeit. »Distrikt Benjamin. Das Siebzehnte Regiment.«
»Also kein Regiment vom Schwert des Lichts.«
»Es war mir nicht möglich, die Sun Zhang-Akademie zu besuchen, so wie du, Bruder. Ich hatte keinen Gönner. Bei den Schwertern hat man wenig für Krieger übrig, die ihre Ausbildung in der Provinz absolviert haben.«
»Traurig, aber wahr. Die Ehre und die Hingabe eines Mannes sollten mehr wert sein als seine Schule. Es war übertrieben zu erwarten, du würdest mein früheres Kommando erhalten. Trotzdem, Kriegsherr Yorioshi ist ein redlicher Mensch und in den Fragen des Codex sehr versiert. Das Siebzehnte ist sein persönliches Regiment, und er ist Distrikt-Kriegsherr. Es ist eine gute Berufung. Du kannst dich dort bewähren. Wenn du dich als tapferer Krieger erweist, wirst du es auch zu den Schwertern schaffen.«
Minobu betrachtete seinen Bruder, der sich gegen einen Pfosten gelehnt hatte. Fuhito ließ den Kopf hängen und trat nach nicht vorhandenen Kieselsteinen auf dem öligen Holz. Obwohl er schon in den Zwanzigern war, benahm er sich oft noch wie ein dickköpfiges Kind. Ihr Vater hatte Schwäche gezeigt, als er der Mutter gestattet hatte, Fuhito, ihren jüngsten Sohn, zu verhätscheln und zu verwöhnen. Dadurch hatte Fuhito eine glühende Kraft, die auflodern und ihm oft über etwas hinweghelfen konnte, aber dieses innere Feuer fand nur selten Nahrung, es gab keine konstante Quelle für diese Kraft. Seine Fertigkeiten und seine Selbstkontrolle waren gut genug entwickelt, dass er als MechKrieger überleben würde, wenn er das Glück hatte, das jeder Soldat brauchte, um sich auf dem Schlachtfeld zu behaupten. Fuhito würde niemals ein eigenes Kommando erhalten, wenn er nicht die innere Kraft fand, die Gelassenheit, handeln zu können ohne nachzudenken, und Entscheidungen zu treffen, ohne sie hinterher zu bedauern. Solange er diese Gelassenheit nicht besaß, würde er seinen Platz im Universum akzeptieren müssen.
»Ich habe ebenfalls Befehle erhalten. In einer Woche trete ich mein neues Kommando an.«
Fuhito hob den Kopf, und seine Augen strahlten.
»Ein Kommando? Ein neuer Mech? Ein Dragon, möchte ich wetten.«
»Etwas ganz anderes. Ich soll im Verbindungsamt für Berufssoldaten arbeiten.«
»Söldner!«, zischte Fuhito zornig. »Sie haben dich angewiesen, auf ehrlose Köter aufzupassen. Das ist eine Beleidigung.«
»Es ist keine Beleidigung. Es ist der Befehl Lord Kuritas. Er weiß, was das Beste für sein Reich ist«, sagte Minobu in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. Wir sind Samurai und müssen den Befehlen unseres Herrn gehorchen. Es ist unsere Pflicht. Du darfst nie vergessen, dass die Pflicht immer Vorrang vor den eigenen Wünschen hat.«
»So wie es der Wille des Herrn war, dass du deines Kommandos enthoben wurdest.« Fuhito trat von der Veranda in den Garten. Er bückte sich, hob einen Stein auf und warf damit nach den entfernten Bäumen. »Dass dir dein Mech weggenommen wird.« Ein zweiter Stein folgte dem ersten. »Dass du über ein Jahr lang auf Awano eingesperrt wirst.« Ein dritter Stein. Fuhito drehte sich in Erwartung einer Antwort zu Minobu um.
»Ja.«
»Dann bist du damit einverstanden, wie er dich behandelt hat?«
»Ich habe nicht gesagt, dass ich damit einverstanden bin.« Minobu zwang seine Stimme zur Ruhe. Wie konnte man mit etwas einverstanden sein, das man nicht verstand? »Ich finde mich damit ab. Ich folge meinen Befehlen, weil ich ein Samurai bin.«
»Aber ...«
»Für einen Samurai gibt es kein aber. Du würdest gut daran tun, das niemals zu vergessen. Du bist jetzt ein Tetsuhara-Samurai, der Pilot des Familien-BattleMechs. Achte auf deine Ehre. Sie ist kostbarer als alles, was du sonst besitzt.«
»Was ist mit deiner Ehre?«, protestierte Fuhito, während er sich den Nacken rieb. »Seit über einem Jahr lebst du hier in Schande. Dann erhältst du den Befehl, mit käuflichen Soldaten zusammenzuarbeiten, geldgierigen Schurken, ehrlos und ohne den Glauben an den Triumph des Drachen. Man hat dich beschämt.«
»Ich habe einen Befehl. Ich werde meine Pflicht erfüllen.«
Minobu schritt zum anderen Ende der Veranda. Den Rücken seinem Bruder zugewandt, fuhr er fort: »Zumindest befinden sich unter diesen Söldnern auch Krieger.«
Minobu drehte sich um. Fuhito sah ihn verwirrt an.
»Das Karma kann seltsam sein, findest du nicht auch? Ich werde mit der Einheit zusammenarbeiten, die mein letzter Gegner in der Schlacht war.« Als er bemerkte, dass Fuhito die Anspielung nicht verstand, fügte er hinzu: »Nun, da Fürst Kurita sie unter Vertrag genommen hat, werde ich Erster Verbindungsoffizier zu Wolfs Dragonern sein.«
»Die Dragoner! Sie sind die besten Kämpfer in der Inneren Sphäre«, rief Fuhito. »Wenn man den Berichten aus den anderen Staaten Glauben schenken kann«, fügte er hastig hinzu. »Und sie sind auch sehr groß. Manche sagen, sie haben mehr Mechs als sämtliche Regimenter des Schwerts des Lichts zusammen. Aber du bist nur Sho-sa. Augenblick ...« Er neigte den Kopf und sah seinen Bruder argwöhnisch an.
»Ich werde die Streifen eines Chu-sa tragen«, bestätigte Minobu.
Fuhito lachte. »Du hast mich an der Nase herumgeführt. Das sind ja wunderbare Neuigkeiten. Eine Beförderung und ein Kommando, das mit einer so großen Truppe verbunden ist. Ungeachtet deiner Niedergeschlagenheit stehst du wieder in alter Gunst. Lord Kurita hat sich deiner Treue erinnert und einen neuen Anfang gemacht. Ein Kommando mit richtigen Kriegern wird ganz sicher folgen.« »Vielleicht hast du recht, kleiner Bruder.«
»Hast du es Vater schon erzählt?« Fuhitos Tonfall war plötzlich sehr zurückhaltend. »Nein.« »Bestimmt lässt er sich erweichen und ist bereit, dich jetzt zu sehen.« »Das glaube ich nicht.« »Dann wirst du es nicht einmal versuchen?« »Nein. Du wirst ihm auch nichts darüber erzählen.« »Du bist stur.« »Er auch.«
Eine peinliche Stille trat ein. »Ich muss jetzt gehen«, sagte Fuhito schließlich. »Es ist noch viel zu tun, bevor ich aufbreche. Wie wäre es mit einer abschließenden Unterrichtsstunde im Katana-Kat, sagen wir in drei Tagen?« »Das würde mich freuen.«
Minobu sah ihm nach. Als der junge Mann hinter den sorgfältig gepflegten Kryptomerien verschwand, drehte er sich um und betrat das Haus. Er durchquerte das Zimmer und blieb vor einer hohen Kommode stehen. Aus der obersten Schublade holte er ein Kästchen und einen ComStar-Umschlag heraus. Der Umschlag enthielt seine Befehle in Form eines Shuga-to-hama, eines Briefes von froher Feierlichkeit, ordnungsgemäß gestempelt und versiegelt vom Zuteilungsamt. Er musste das Geschriebene nicht noch einmal überfliegen, um sich daran zu erinnern, dass sein Abreisedatum schon übermorgen war. Minobu wusste, Fuhito würde auf ihre letzte gemeinsame Unterrichtsstunde warten, um ihn noch einmal von der Notwendigkeit einer Unterredung mit Vater zu überzeugen. Diese Stunde würde nicht stattfinden. Minobu würde schon unterwegs sein, bevor sein Vater überhaupt von seinem neuen Kommando erfuhr. Dies würde des alten Mannes Sinn für Anstand beleidigen und seine schlechte Meinung über seinen ältesten Sohn bestätigen. Minobu ging in seine Werkstatt und kniete zwischen den Töpfen und Kannen nieder. Er legte die Befehle auf den Fußboden und öffnete das kleine Kästchen, das mit den Befehlen gekommen war. Auf dem Samtfutter lagen zwei Rangabzeichen, die Doppelstreifen eines Chu-sa. Er zog an einem, und es sprang widerstandslos aus der Halterung. Mit einem Arbeitsmesser brach er die dünne grüne Metallauflage ab, die es bedeckte. Die Rangabzeichen waren aus billigem Material, und nichts an ihnen deutete darauf hin, dass die Beförderung nur zum Schein erfolgte und nicht auf Dauer gedacht war. Sein neues Kommando war ganz gewiss ein gut kalkuliertes Manöver. Womit hatte er Haus Kurita so beleidigt, dass seine Bestrafung immer weiterging und seine Gesuche, Buße zu tun, abgelehnt wurden?
Minobu legte die Rangabzeichen wieder zurück in das Kästchen. Er stand auf und ging zurück zur Kommode. Indem er eine Schiebetür öffnete, aktivierte er die verborgene Kommunikationskonsole und beantragte eine Offiziersuniform der Vereinigten Soldaten des Draconis-Kombinats einschließlich Rangabzeichen, beides auf eigene Kosten. Dieser Antrag würde sicher genehmigt werden. Den VSDK fehlte in materieller Hinsicht kaum etwas. Minobu ging zur Verandatür. Bevor er sie schloss, warf er noch einen Blick nach draußen. Die blühenden Pflanzen versprachen die kommende Sommerhitze, und das Sonnenlicht des Spätnachmittags färbte den klaren Himmel. Am Horizont jedoch, hinter dem Kopf des Panther, konnte Minobu die dahin jagenden düsteren Wolken eines aufziehenden Sturms erkennen.
2
Luftraum über Batan, Quentin IV
Mark Draconis, Vereinigte Sonnen
13. Juni 3023
Die Hauptgewalt des planetaren Sturms war selbst für eine so zähe Maschine wie Lieutenant Hamilton Atwyls Lucifer eine Bedrohung. Der Luft-/Raumjäger bockte und taumelte, während er durch die Turbulenzen der heulenden Winde pflügte. Der Sturm war schon schlimm genug, auch ohne sich Gedanken um das feindliche Landungsschiff irgendwo dort draußen machen zu müssen. Das große Raumschiff würde weit weniger durch die Winde und Druckänderungen, die seine eigene 65 Tonnen schwere LCF-R15 umherwarfen, beeinträchtigt sein.
Das Davion-Landungsschiff, dem er hinterher jagte, hatte sich von den Kämpfen im Raum direkt über Quentin IV gelöst. Atwyls Staffel Blau war angewiesen worden, es nach unten zu verfolgen. Auch beschädigt war ein Landungsschiff der Union-Klasse immer noch eine Bedrohung.
Tage zuvor waren die Sprungschiffe von Wolfs Dragonern im Zenitsprungpunkt des Systems aufgetaucht. Es war ihre erste Mission in Diensten des Draconis-Kombinats, ein Angriff auf den Davionplaneten Quentin IV. Offiziell standen sie seit drei Monaten in Diensten Kuritas, Zeit, die sie damit verbracht hatten, den Weltraum zwischen dem Reich ihres vorangegangenen Arbeitgebers, Haus Steiner, und der Grenze zwischen ihrem neuen Arbeitgeber und den Vereinigten Sonnen Haus Davions zu durchqueren.
Als die Sprungschiffe der Dragoner ihre aus Landungsschiffen bestehende Fracht für den interplanetaren Flug nach Quentin ausgesetzt hatten, hatte das Davionschiff, das auf den Sprungpunkt zuflog, seinen Kurs aufgegeben und war vor ihnen geflohen. Luftwaffencolonel Jason Carmody war der Ansicht gewesen, es hätte möglicherweise unangenehme Fracht an Bord. Es war außerdem nah genug gewesen, um zuverlässige Daten über die Stärke der Streitkräfte sammeln zu können, mit denen die Dragoner ins Quentin-System einrückten, und eben diese Stärke wollte Colonel Wolf nicht zu einem so frühen Zeitpunkt bekannt werden lassen. Carmody war für die sofortige Vernichtung des Davionschiffes eingetreten, und Colonel Wolf hatte zugestimmt. Carmodys Luft-/Raum-Streitkräfte hatten die Verfolgung aufgenommen, aber der Kapitän des Landungsschiffes war den Jägern in den Weiten des Raumes geschickt ausgewichen. Dann, über Quentin IV, hatte sich das Landungsschiff der hastig organisierten Verteidigung angeschlossen, die die Vereinigten Sonnen aufgeboten hatten, um sich des unerwarteten Dragonerüberfalls zu erwehren.
Als sich ein Landungsschiff aus der Schlacht zurückgezogen hatte und den Planeten ansteuerte, hatte es der Hauptgefechtscomputer an Bord von Wolfs Landungsschiff der Overlord-Klasse, der Chieftain, als dasjenige identifiziert, das schon früher vor den Angreifern geflohen war. Der Kampf in der Umlaufbahn war noch immer nicht entschieden, und Carmody konnte nur die hastig zusammengestellte Staffel Blau entbehren. Leutnant Atwyls Luft-/Raumlanze, bestehend aus zwei Lucifer, und zwei Luft-/Raumlanzen, bestehend aus SPR-H5 Sparrowhawk, sollten es verfolgen und stellen.
Gegen ein intaktes Landungsschiff der Union-Klasse hätten sie keine Chance gehabt, aber Colonel Carmody hatte ihm mitgeteilt, die sechs Luft-/Raumjäger würden für ein Schiff genügen, von dem man annahm, dass es ernsthaft beschädigt sei. Carmody hatte nicht mit dem schweren Sturm gerechnet, in dem die Staffel die Spur ihres Opfers verloren hatte. So, wie die Lucifer jetzt herumgeworfen wurde, war Atwyl froh, dass er nicht in einer Sparrowhawk saß. Der Gedanke an dieses winzige Dreißigtonnenschiff, das wenig mehr war als ein Triebwerk mit aufgepflanztem Cockpit, erinnerte ihn daran, die Formation zu überprüfen. Das hier war seine erste Mission als Staffelkommandeur, und auf diesem Posten musste man eben an viel mehr denken als an sich selbst und an seinen Flügelmann.
Atwyls Radarschirm war eine einzige Ansammlung von Geisterechos, zeigte aber auch mehrere periodisch wiederkehrende Signale, die die anderen Maschinen seiner Staffel sein mussten. Bei der anschließenden rein optischen Rundumbetrachtung des Luftraums entdeckte er nur Luft-/Raumpilot Gianni Bredel in der anderen Lucifer, der wie üblich an seiner linken Flügelspitze klebte. Um die Interferenzen übertönen zu können, erhöhte er die Sendeenergie und rief über den für Staffel Blau reservierten Kanal: »Lasst uns etwas zusammenrücken, Kinder. Da draußen ist ein großes, böses Landungsschiff. Schwerbeschädigt oder nicht, es kann eine Sparrowhawk in der Luft zerreißen. Ich will nicht, dass das einer von euch am eigenen Leib erfährt.«
Von Gordon, Hall und Reischauer kamen Bestätigungen, aber nicht von Morris. Er gab noch mehr Energie auf den Kommkreis und versuchte es noch einmal.
»T. J., bist du da draußen irgendwo, Mädchen?«
»Klar bin ich, Boss. Was gibt›s denn?« Die Worte waren verzerrt und kaum hörbar, aber T. J.s unbeschwerter Tonfall kam durch. Hamilton war überrascht über die Erleichterung, die er verspürte. Luft-/Raumpilot T. J. Morris hatte erst kürzlich das Luft-/Raumpilotenprogramm der Dragoner mit Erfolg absolviert und war auf ihrer ersten Mission. Ihre hohen Ergebnisse und hervorragenden Simulatorvorstellungen konnten dennoch nicht verhindern, dass er sich Sorgen um sie machte. Begeisterung und Training zählten im Felde oft genug sehr wenig, besonders dann, wenn die Bedingungen so schlecht waren wie im Augenblick.
»Rücke enger mit Reischauer und dem Rest der Staffel zusammen. Ich kann dich das Landungsschiff nicht ganz alleine auseinandernehmen lassen, Heißsporn.«
»Roger, Boss.«
Atwyl hielt nach den aufschließenden Jägern Ausschau. Zu seiner Rechten konnte er die Maschinen der Beta-Lanze durch die Wolken brechen sehen. Durch den leuchtend gelben Anstrich auf beiden Maschinen waren sie vor dem Hintergrund der Sturmwolken gut sichtbar. Die dunklen, mit einer dünnen Oxidschicht überzogenen Metallhüllen der Martell-Laser, die zu beiden Seiten des Rumpfes nach vorne ragten, gaben einer Sparrowhawk das Profil einer geflügelten Patrone. Es bedurfte eines Blitzes, um den dunklen Wolfskopf auf rotem Kreis sichtbar zu machen, der den schlanken vertikalen Stabilisator zierte, der sich hinter dem Cockpit jedes Schiffs erhob.
Da er die Jäger der Gamma-Lanze nicht sehen konnte, schaltete Atwyl seinen Kommunikator auf die Frequenz um, die er mit seinem Flügelmann teilte.
»Hallo, Gianni. Ich habe in dieser Suppe keinen Sichtkontakt zu unseren kleinen Gamma-Vöglein. Meine Scanner zeigen sie mir zur Linken, glaube ich. Ich weiß nicht so recht, was ein wirkliches Echo und was ein Geisterecho ist. Der Sturm hat alles so richtig durcheinandergewirbelt. Ich hoffe nur, die Schlammhüpfer, die diesen Felsbrocken hier halten, haben ähnliche Schwierigkeiten.«
»Ich werde mal nachsehen, Ham.« Der Lautsprecher knackte und knisterte eine Begleitmelodie zur Stimme des Flügelmanns, die ruhig und gelassen war wie immer. Es war schon mehr nötig als ein holperiger Ritt durch einen wüsten Sturm und ein Versteckspiel mit einem feindlichen Landungsschiff, um Luft-/Raumpilot Gianni Bredel aus der Ruhe zu bringen. »Nicht zu weit, Gianni. Ich will dich in dieser trüben Brühe nicht auch noch verlieren.« Atwyl beobachtete, wie das andere Schiff Schub gab und von seiner Seite wegschoss. Bei der ganzen Flickschusterei und den vielen Provisorien in der Technologie der Nachfolgestaaten, tendierten viele Dinge dazu, vorzeitig den Geist aufzugeben. Selbst in der längst vergangenen Ära des Sternenbundes, waren Lucifer für die Anfälligkeit ihres Kommunikations- und Sensorsystems berüchtigt gewesen. Da er die Befürchtung hegte, die jüngsten Kommunikationsprobleme könnten noch andere Ursachen haben als die Interferenzen des Sturms, wollte Atwyl seinen Flügelmann nicht aus den Augen verlieren.
»Dann wir beide zusammen, Boss«, sagte Bredel, aber die übrigen Worte gingen in statischem Rauschen unter. Atwyl ärgerte sich, während sich die andere Lucifer weitere 200 Meter von ihm entfernte, dann parallel zu ihm flog und schließlich langsam zu ihm aufschloss. Währenddessen veränderte sich Atwyls Sichtwinkel, wodurch es den Anschein hatte, als würde er langsam von einem fliegenden Skelett überholt. Flügel und Cockpit der anderen Lucifer waren vor dem mitternachtsblauen Hintergrund des Schiffsrumpfes verschwunden. Die Umrisse des dunklen Jägers verschmolzen mit dem stürmischen Himmel, so dass nur die weißen Streifen und Formen der hervorgehobenen Verkleidungs- und Konstruktionselemente übrig blieben.
»Ich hab sie, Harn.« Bredels Meldung riss Atwyl aus seinen Betrachtungen. »Heil und gesund.«
»Roger, Gianni.« Er schaltete auf die Staffelfrequenz um. »In Ordnung, Kinder. Formation beibehalten, soweit es eben geht.« Er beschloss, sich wieder seiner eigentlichen Aufgabe zuzuwenden, und konzentrierte sich auf die Signale seiner Sensoren.
Die Minuten schleppten sich dahin, während der Sturm die Jäger der Staffel durchschüttelte. Zweimal musste Atwyl die jungen Piloten ermahnen, mit der Nörgelei über den unruhigen Flug aufzuhören und die Kommfrequenz freizuhalten. In einer der kurzen Phasen, in denen die Heftigkeit des Sturms ein wenig nachließ, war Luft-/Raumpilot Friedrich Reischauer der erste, der ein Echo des Landungsschiffs hereinbekam. »Großes Echo auf dem Magnetscanner, Lieutenant«, kam die Meldung.
»Ich hab es auch, Friedrich«, sagte Atwyl. Der größere Computer der Lucifer hatte das Zielobjekt noch schneller erfasst, aber Atwyl ließ nur wenig von seiner Aufregung darüber, die Beute aufgespürt zu haben, nach außen dringen. »Die Anzeige entspricht einem Davion-Landungsschiff. Laut Computer ist es vor dem Raumhafen von Batan gelandet. Solange wir von den Geschützen des Raumhafens wegbleiben, ist das Schiff ein leichtes Ziel für uns.«
Atwyl tippte ein paar Zahlen ein und wartete darauf, dass der Gefechtscomputer den Entwurf seines Anflugplans bestätigte. Als er es tat, erklärte er ihn der Staffel.
»Wir gehen auf Bodenhöhe und kommen tief rein. Dadurch müssten wir die Verteidigungsanlagen des Raumhafens unterfliegen können. Der Computer meldet einen Wald, der uns den größten Teil der Flugstrecke bis zum Landungsschiff abschirmen wird. Beta und Gamma, wenn wir unten sind, fliegt ihr weit voraus. Ihr macht einen schnellen Überflug und haltet die Augen nach möglichen Gegnern offen. Beim ersten Anflug nur Aufklärung. Sobald ihr freie Bahn meldet, kommen Bredel und ich rein und geben dem Penner Saures. Wenn wir ihn dann mürbe gemacht haben, ist es ein reines Tontaubenschießen. Noch Fragen?« Morris Kanal leuchtete auf.
»Was ist eine Tontaube, Boss?«
Atwyl lachte. Absichtlich oder nicht, T. J. hatte die Spannung gelöst, die die Präsenz des Landungsschiffs in ihm aufgebaut hatte. Hoffentlich würden ihre Worte die anderen ebenfalls ein wenig auflockern. »Nicht so wichtig, T. J. Es bedeutet, dass ihr eure eigenen Angriffsanflüge machen könnt, nachdem Bredel und ich das Schiff bei unserem ersten Anflug getroffen haben.«
»Roger, Boss, Mann. Ihr knackt den Panzer, und wir holen uns die Tontaube.« Das gab Gelächter von Bredel und Hall. Atwyl brachte sie zum Verstummen.
»Wir gehen alle zusammen runter. Gleitflug abwärts im Winkel sechs-acht Grad bis runter auf drei-null Meter über Bodenhöhe. Dann Vollschub und los! Verstanden?« Fünf Stimmen bestätigten im Chor, während Atwyl die endgültigen Zahlen in seinen Gefechtscomputer eintippte. Dadurch wurde in der linken Ecke seines Überkopfdisplays ein Countdown-Timer in Gang gesetzt.
»In Ordnung. Recorder an. Drei. Zwei. Eins. Los!«
Die Beschleunigung presste Atwyl in seinen Pilotensitz. Ein leises Heulen wurde hinter ihm hörbar, als der Andruckabsorber einsetzte. Das System sollte luftgefüllte Hohlräume in seinem G-Anzug erzeugen, um zu vermeiden, dass sich das Blut unter dem Druck der enormen Beharrungskräfte, die im Sturzflug und bei Hochgeschwindigkeitsmanövern auftraten, in seinen Gliedmaßen sammelte. Wenn das System ausfiel, konnte er durchaus ohnmächtig werden und die Kontrolle verlieren. Obwohl der Absorber recht laut war, schien er zu funktionieren.
Ein plötzliches Trommeln verkündete das Ende der Wolken, als das rasende Schiff auf eine Regenwand traf. Der Regen überzog das Kanzeldach sofort mit einer Wasserschicht, wodurch die Welt dahinter grau und trübe erschien. Vor sich konnte Atwyl die aufflammenden Nachbrenner der Sparrowhawks erkennen, als die Jäger in den Geradeausflug gingen und beschleunigten. Den Steuerknüppel gleichmäßig zu sich heranziehend, ging er reibungslos aus dem Sturzflug heraus. Er hielt kurz nach Bredel Ausschau und sah seinen Flügelmann direkt hinter sich. Vor ihm erloschen die Leuchtpunkte der Triebwerke der kleineren Jäger, als sie ihre Angriffsgeschwindigkeit erreichten. Er lenkte allen Schub nach hinten, um mit seinem eigenen Schiff Geschwindigkeit aufzunehmen.
Die Jäger der Dragoner brachen durch die Gewitterfront. Unter dem klareren Himmel wurde die offene wellige Hügellandschaft um sie herum sichtbar. Soweit Atwyl erkennen konnte, waren die Straßen verlassen. An manchen Stellen sichtete er die Trümmer ehemaliger Städte und Industrieanlagen, Hinterlassenschaften zahlreicher Schlachten, die im Zuge der Nachfolgekriege immer wieder über den Planeten hinweggefegt waren. Planmäßig zeichnete sich vor ihm der Wald ab, dessen Bäume sich fast einhundert Meter hoch erhoben. Die Jäger zogen ein wenig hoch und donnerten über den Wald hinweg.
Als sie den Rand des Batan nächstgelegenen Waldstücks erreichten, tauchte eine Schneise frisch geknickter Bäume auf. Es war so, als sei eine riesige brennende Hand über sie hinweggefegt, die sie trotz ihres regennassen Zustands gefällt und verbrannt hatte. Als die letzten Bäume verschwanden, wurde die Ursache sichtbar.
Halb in den Feldern vor der Stadt eingesunken, lag die gewaltige Kugel des Davion-Landungsschiffes. Der Pilot war offensichtlich auf Raumhafenkurs gewesen, als ihn das Verhängnis ereilt hatte. Das Schiff war abgestürzt, hatte dabei die Bäume umgemäht und sich durch die freien Felder westlich der Stadt gepflügt. Sieben Kilometer vor seinem Ziel war das Landungsschiff steckengeblieben.
In der Außenwandung gähnte ein großes Loch, dessen Ränder geschwärzt und nach außen gewölbt waren. Eine Trümmerspur verlief vom Waldrand bis zur Absturzstelle. Hoch oben auf der Oberseite wies die Öffnung einer der großen Verladeschleusen in den Himmel, ihre schützende Panzerung war eingedrückt und zerfetzt. Neben dem Schiff, schlaff wie ein bewusstloser Mensch, erhob sich die Gestalt eines BattleMechs. Im Vergleich zu dem Schiffskoloss wirkte die riesige Maschine winzig. Gerade als Atwyl das Bild der Verwüstung registriert hatte, schossen die Sparrowhawkpaarweise auf beiden Seiten an dem Wrack vorbei.
Genau in diesem Moment durchschnitt der Doppelblitz zweier Laserstrahlen den Himmel, dem augenblicklich die abgehackten Lichtpunkte der Leuchtspurmunition aus Autokanonen folgten. Der führende Jäger des linken Paares kreuzte die Lichtstrahlen und verschwand in einem Feuerball. Kein Geräusch erreichte Atwyl über das Brüllen seines eigenen Triebwerks. Reischauer war nicht mehr.
Der Urheber der Zerstörung der Sparrowhawk tauchte aus dem Schatten des heruntergegangenen Landungsschiffs auf. Es war ein BattleMech vom Typ Rifleman. Die Flügelantenne seines Garret D2-j Zielsystems rotierte, als der Torso der Maschine herumschwenkte, um die beiden Autokanonen, aus denen seine Arme bestanden, auf ein neues Ziel auszurichten.
Durch den plötzlichen Verlust seines Piloten fühlte sich Atwyl wie gelähmt. Seine Hände lagen wie fest gefroren auf den Kontrollen der Lucifer, aber die anderen Mitglieder der Staffel Blau handelten. Die Beta-Lanze teilte sich und flog Zickzackkurs, um dem Sucher des FeindMechs keine Möglichkeit der Zielerfassung zu geben. Morris riss ihre Sparrowhawk steil nach oben und entging dadurch den tödlichen Strahlen kohärenten Lichts und den panzerbrechenden Granaten, die genau dort durch die Luft schossen, wo sich der Jäger noch vor Sekundenbruchteilen befunden hatte. Sogar Bredel reagierte. Er schoss eine Raketensalve ab, die weit vor dem Landungsschiff aufschlug. Die Lucifers waren noch immer zu weit entfernt, um Schaden anrichten zu können, aber Bredels Angriff riss Atwyl aus dem Schock. Er übernahm wieder das Kommando.
»Vollschub, Gi! Wir müssen da schnellstens mitmischen.« Atwyls Stimme war schrill vor innerer Erregung. Er hatte einen Mann verloren. Er wollte nicht noch weitere verlieren.
»Roger.« Wie immer im Gefecht war Bredels Stimme völlig emotionslos. »Ich übernehme den Mech.«
»Nein! Der gehört mir. Knöpf dir das Landungsschiff vor.« Atwyl wollte den Mörder für sich. Er wusste, dass dies nicht die Reaktion eines Profis war, aber das kümmerte ihn nicht. Er machte die Raketen scharf und warf sein Schiff in eine ausweichende Rolle. Himmel und Erde blitzten abwechselnd über seinem Cockpit auf. Einmal erhaschte er einen kurzen Blick auf Bredels Lucifer bei einem ähnlichen Manöver.
Noch bevor sie auf Schussweite heran waren, sah Atwyl hoch über dem Feld Metall im Sonnenlicht aufblitzen. Eine rasche Überprüfung seiner IFF-Scanner ergab, dass es sich bei dem Metall um Morris‘ SPR-B5 handelte, die im Sturzflug auf die Absturzstelle niederschoss.
»Nicht, T. J.! Dreh ab!« Atwyls Angst um die junge Pilotin drückte sich in seiner angespannten Stimme aus. Der kleine Jäger war zu leicht, um es mit einem BattleMech aufnehmen zu können, der sich insbesondere bei der Luftabwehr hervortat.
Aus dem Luft-/Raumjäger, der auf seinem Sturzflug eine verrückte Korkenzieherbahn beschrieb, kam keine Antwort. Alle seine vier Laser flammten auf. Einige der Strahlen erwischten den Rifleman, und Fetzen Blasen werfender Panzerung platzten von seinem Torso ab. Die Schüsse des Mech woben ein tödliches Netz um den Jäger, aber das kleine Schiff stürzte herab wie der Raubvogel gleichen Namens. Ein Feuerstoß der Sparrowhawk erwischte eine der Zwillingskanonen am rechten Arm des Mechs und trennte sie ab. Dann brach der Jäger seitwärts aus und donnerte über das Feld, wobei er die Schüsse des Riflemanwunderbarerweise unbeschadet überstand. Durch den Rumpf des Landungsschiffes jetzt vor dem Mech geschützt, raste T. J. auf die sich rasch nähernden Lucifers zu. Erstaunt über diese virtuose Vorstellung schüttelte Atwyl den Kopf.
»Kein Grund zur Sorge, Boss.« T. J.s Stimme war klar, obwohl zwischen den einzelnen Worten winzige Pausen lagen, als würde sie heftig atmen. »Diese Blechheinis sind zu langsam, um meine ...«
T. J.s Kommentar brach ab, als ihr aus einer verborgenen Stellung plötzlich Raketen entgegenschossen. Eine traf ihren linken Flügel. Ihr Sprengkopf und das Tempo, mit dem sie unterwegs war, reichten aus, um den Flügel vom Rumpf des Jägers abzureißen. Als die Sparrowhawk zu rollen begann, rissen durch die Turbulenzen weitere Stücke von der getroffenen Maschine ab. Einen Flammenschweif hinter sich herziehend, verlor sie schnell an Höhe. Morris‘ Schreie dauerten an, bis der Jäger sich in den Boden bohrte und explodierte.
Während die Schreie noch in seinen Ohren widerhallten, hieb Atwyl auf den Feuerknopf. Alle seine Frontlaser beharkten die Stelle, von der aus er die tödlichen Raketen hatte aufsteigen sehen. Dampfwolken bildeten sich, als Kilojoule Energie den Erdboden blitzartig aufheizten, dann brachen Flammen aus, als die Munition des Raketenwerfers explodierte. Das Infanterieteam, das die KSRs abgeschossen hatte, hörte auf zu existieren. Ein grausames Lächeln erschien auf Atwyls Gesicht. Es verschwand ebenso plötzlich, wie es aufgetaucht war, als seine Lucifer unter dem Beschuss der Autokanonen des Rifleman erbebte, der soeben aus der Deckung des Landungsschiffes hervorgetreten war.
Eine schnelle Änderung des Schubvektors ließ den Jäger seitlich ausbrechen, weg von den sengenden Energiestrahlen und dem Trommelfeuer der Mechgranaten. Er beschrieb mit der Lucifer eine scharfe Kurve und kam von der anderen Seite des Landungsschiffs wieder heran.
Der Rifleman erwartete ihn bereits, die verbliebenen drei Kanonen auf den Dragonerjäger ausgerichtet. Atwyl, der ganz in seiner Wut aufging, flog direkt auf ihn zu. Die Panzerung seines Jägers verdampfte im Kreuzfeuer der höllischen Laserenergie und der Autokanonengeschosse des Mechs. Er kümmerte sich nicht darum. Raketensalve auf Raketensalve zischte aus seinem Holly-LSR-Werfer unter dem Cockpit. Er zielte schlecht, und die meisten der Raketen schossen am BattleMech vorbei oder trafen den Erdboden neben ihm. Einige gruben sich in die schweren Panzerplatten des abgestürzten Landungsschiffs und ließen harmlose Splitterregen auf den Mech und die verbrannte Erde um ihn herum niederprasseln. Einige wenige fanden ihr Ziel und zahlten dem BattleMech einen Teil der Schläge heim, die er austeilte.
Atwyl hatte die zusammengebissenen Zähne gebleckt. Schweiß lief ihm über das Gesicht, sammelte sich unter den Augen und trübte seinen Blick.
Der Abschaltalarm schrillte, eine Warnung, dass der Hitzestau jedes akzeptable Maß überschritten hatte. Seine Hand schlug auf den Vetoschalter und brachte den Alarm zum Schweigen. Mit einem weiteren Schlag verschoss er die letzten Raketen des Holly.
Der Rifleman wurde immer größer. Atwyl verfluchte die Hitze und löste alle Laser aus. Rotes Feuer stach hervor.
Während sich in der Panzerung des Mechs noch Risse bildeten, gab es in seinem Innern eine kleine Explosion, der eine Reihe größerer folgte. Der BattleMech erbebte und stolperte rückwärts, während sein Torso aufriss. Die Lucifer schoss durch den Feuerball, dort wo eben noch der Rifleman gestanden hatte.
Jetzt musste Atwyl den Preis für sein Vorgehen bezahlen. Der Hitzestau war für das Kühlsystem des Jägers zu groß geworden. Die Abschaltautomatik hatte den Reaktor des Jägers stillgelegt. Das Schiff war im Begriff abzustürzen, und er mit ihm. Um einen Mangel im Design der LCF-R15 zu beseitigen, hatten die Ingenieure einen neuen geschaffen. Der Jäger hatte keinen Schleudersitz.
Jetzt, wo er den Mech erledigt hatte, sterben zu müssen, wäre ein lausiges Schicksal. Verzweifelt versuchte er jeden Steuerungstrick und glaubte schließlich, dass er die Nase der Lucifer doch noch ein wenig hoch bekam. Genug?
Nein.
Vielleicht.
Er war froh, in einem Schiff zu sitzen, das zumindest ein Minimum atmosphärischer Stromlinienform aufwies. Einige Luft-/Raumjäger verließen sich beinahe ausschließlich auf ihre Maschinen als Quelle für den Auftrieb. Auftrieb, den die Lucifer brauchen würde. Um den Absturz zu vermeiden ...
Absturz ...
3
Landungsschiff Starblade, unterwegs nach Quentin IV
Mark Draconis, Vereinigte Sonnen
13. Juni 3023
Vor neun Tagen hatte sich das Kurita-Landungsschiff Starblade von seinem interstellaren Transporter gelöst und seinen Flug vom Sprungpunkt ins System hinein begonnen. Hinter ihm war das Sprungschiff zur Ruhe gekommen und hatte sein kilometergroßes Sprungsegel entfaltet, um die Sonnenenergie zu sammeln, die für das Aufladen der Hypertriebwerke erforderlich war.
Jetzt, vier Stunden vor dem Erreichen seines Bestimmungsortes, betrachtete Minobu Tetsuhara nachdenklich den Hauptsichtschirm auf der Brücke der Starblade. Das vergrößerte Bild zeigte den vierten Planeten des Quentin-Systems. Der Terminator halbierte den Hauptkontinent von Aja, und im dunklen Teil der Kugel zeichneten funkelnde Lichter die Umrisse der Landmasse und ihres kleineren Begleiters, Kleinaja, nach. Lichter markierten auch die Hauptbevölkerungszentren. Sogar mitten in einem Großangriff gab es keine Verdunklung in Städten, die keinen Angriff befürchteten. Ihre Lichter leuchteten weiter, gleichgültig wie die Sterne in der größeren Dunkelheit des Weltraums.
Er wandte den Blick von dem Planeten ab und suchte das Glitzern von Nirasaki. Erst vor ein paar Tagen war das Sprungschiff Okomaru von dort aus zum Quentin-System aufgebrochen und hatte die Kluft mittels seines Kearny-Fuchida-Hyperantriebs in der Kürze eines Augenblicks übersprungen. Es würde Jahre dauern, bis das Licht Nirasakis Quentin erreichen würde. Bis dahin würde Minobu sonst wo sein und seine gegenwärtige Aufgabe längst beendet haben. Und doch war Licht von Nirasaki heute hier, Licht aus vergangenen Jahren. Vergangenheit, die mit der Gegenwart verschmolz. Heute, sinnierte er, traf die Vergangenheit auf eine stofflichere Art mit der Gegenwart zusammen. Heute griffen Streitkräfte des Draconis-Kombinats das Quentin-System an. Wieder einmal kämpften die Vereinigten Sonnenund das Kombinat um den Besitz dieser unwirtlichen Welten, ganz so, wie die beiden Staatengebilde dies fast seit Anbeginn ihrer Geschichte getan hatten. Der Reiz des Quentin-Systems lag nicht darin, freundliche Welten zu beherbergen, die reif für eine Kolonisation waren, sondern in einem Glitzern, das die Gier der Anführer der Häuser wachrief. Der Mineralreichtum des dritten Planeten und die Industrie- und Forschungsanlagen des vierten waren eine fette Beute.
In den Tagen, als der Sternenbund die Innere Sphäre und ihre Tausende von Menschen besiedelten Welten regiert hatte, waren die Schlachten um Quentin politischer Natur gewesen. Der Bund war ins Wanken geraten, nachdem Stefan Amaris versucht hatte, die Macht des Ersten Lords des Bundes an sich zu reißen, und zerfallen, als General Alexandr Kerensky im Jahre 2784 plötzlich aus der Inneren Sphäre verschwunden war und mit ihm der Großteil des Sternenbundmilitärs. Als Fürst Minoru Kurita für sich in Anspruch genommen hatte, der rechtmäßige Thronerbe des Ersten Lords zu sein, hatten die anderen Fürsten des Rates sich ihm widersetzt. Der erste Nachfolgekrieg hatte begonnen.
Fünf Staaten hatten sich aus dem Chaos in der Inneren Sphäre konsolidiert. Ob zum Guten oder Schlechten, jeder war sehr eng mit einem Herrscherhaus verbunden. Führend unter diesen miteinander im Streit liegenden Reichen waren das Draconis-Kombinat und die Vereinigten Sonnen. Das Kombinat wurde vom Kurita-Clan und dem Codex des Bushido regiert. Das Amt des Koordinators des Draconis-Kombinats wurde gegenwärtig von dem kraftvollen, unbeugsamen Takashi Kurita ausgefüllt. Unter ihm war der Drache stark.
Die Vereinigten Sonnen wurden von einem Abkömmling ihrer Herrscherfamilie, dem scharfsinnigen Prinzen Hanse Davion regiert. Minobu hatte oft gehört, Fürst Kurita betrachte Davion als einen der wenigen Feinde, die dem Kombinat würdig seien.
Minobu war kein Herrscher über ein Sterne umspannendes Königreich. Er war nur ein MechKrieger, und ein Entrechteter obendrein. Es stimmte, dass beide Herrscher in früheren Tagen als MechKrieger gedient hatten, aber keiner von beiden kämpfte noch persönlich in den Schlachten der Nachfolgekriege. Fürst Kurita und Prinz Davion lenkten große Staaten. Sie gaben die Befehle, während er, ein einfacher Soldat, sie ausführte. Seine Befehle hatten ihn hierher ins Quentin-System geführt, wo er unter dem Licht der gegenwärtigen Sonne und vergangener Sterne seiner Zukunft begegnen würde.
Wolfs Dragonern.
Bis jetzt hatte ihn seine Reiseroute, die entlang der Handelsstraßen verlief, davon abgehalten, sich den Söldnern anzuschließen, denen er zugeteilt worden war. Die Tatsache, dass die Dragoner ihr eigenes Transportsystem besaßen, verlieh ihnen eine immense strategische Flexibilität, und sie hatten das Kombinatsgebiet sehr schnell hinter sich gelassen und waren in Aktion getreten.
Minobu hatte es schließlich geschafft, ihren Weg zu kreuzen. Bald würde er sein erstes wirkliches Zusammentreffen mit Wolfs Dragonern oder zumindest mit denjenigen von ihnen erleben, die beim Angriff auf Quentin zugegen waren. Er würde den Leuten begegnen, die hinter den offiziellen Verlautbarungen und Situationsberichten standen.
Ein Söldnerregiment und mehrere Hilfseinheiten waren weitergeeilt und hatten sich dem Angriff auf das Hoff-System angeschlossen. Ein zweites Regiment war auf Erholungsurlaub und diente als Begleitschutz für die Unterstützungs- und Versorgungseinheiten sowie die nichtkämpfende Truppe, die alle auf dem Weg zu der ihnen zugeteilten Heimatbasis auf An Ting waren. Somit blieben drei volle BattleMech-Regimenter für die Kämpfe hier im Quentin-System, eine ungewöhnlich große Streitmacht. Wahrscheinlich war es einfach eine Frage des Timings. Die Dragoner sollten im Distrikt Galedon entlang der Grenze zwischen dem Draconis-Kombinat und den Vereinigten Sonnen stationiert werden. Bei der Durchquerung von Distrikt Benjamin hatte sich die Gelegenheit für den Überfall auf Quentin ergeben. Die Dragoner setzten einfach die gesamten verfügbaren Streitkräfte ein, weil dadurch der Kampf rascher entschieden sein, und dies eine schnellere Ankunft auf ihrem Garnisonsstützpunkt bedeuten würde.
In den drei Monaten seit Erhalt seiner Befehle war Minobus Kontakt mit Wolfs Dragonern ausschließlich indirekter Natur gewesen, und zwar mittels Berichten und von ComStar übermittelten Verlautbarungen. Bald würde er von Angesicht zu Angesicht mit den rätselhaften Söldnern von jenseits der Inneren Sphäre zu tun haben. Tatsächlich wusste er immer noch nicht, wie der Söldnerführer aussah. Aus unerfindlichen Gründen waren seinen Instruktionen weder Solidografien noch Computerbilder beigefügt gewesen, und Minobu kam zu Bewusstsein, dass er nicht einmal in Bezug auf Wolfs Geschlecht sicher sein konnte.
Der Name war auch keine Hilfe. Minobu waren bislang mindestens sieben Personen namens Jaime begegnet, und nur fünf davon waren Männer gewesen. Zwar wurde in allen Kombinatsunterlagen in Bezug auf Wolf das männliche Fürwort benutzt, aber das war keineswegs ein schlüssiger Hinweis auf Wolfs Geschlecht. Die Kombinatstruppen hatten ernsthafte Niederlagen erlitten, als die Dragoner beim Lyranischen Commonwealth, dem anderen an das Kombinat angrenzenden Nachfolgestaat, unter Vertrag gestanden hatten. Viele Kurita-Offiziere würden niemals den Gedanken akzeptieren können, eine Frau könne erfolgreich als militärischer Befehlshaber fungieren. Wäre der Anführer der Dragoner eine Frau, hätten die Kombinatsoffiziere diese Tatsache aus Scham darüber, von einer Frau besiegt worden zu sein, durchaus verheimlichen und bestreiten können.
Minobu hatte die Geschichte von Wolfs Dragonern gründlich studiert. Über ihre Entstehung war nichts bekannt. Sie waren im Jahre 3005 schlicht und einfach im Gebiet des Hauses Davion aufgetaucht und hatten einen Vertrag als Söldner unterzeichnet. Einzelheiten über ihre spätere Geschichte waren ebenso dünn gesät, wenn man einmal von einem langen Verzeichnis ihrer Siege und einem viel kürzeren ihrer Niederlagen absah. In den vergangenen zwanzig Jahren hatten sie der Reihe nach für jedes der Häuser gekämpft, schienen aber immer der Auseinandersetzung mit ihrem jeweils letzten Arbeitgeber aus dem Weg zu gehen. Minobu wusste, dass der Vertrag mit Haus Kurita den Einsatz der Dragoner gegen Haus Steiner ausdrücklich ausschloss, und er hatte den Verdacht, dass ihre vorangegangenen Verträge allesamt ähnliche Klauseln enthalten hatten.
Die kuritanische Interne Sicherheitsagentur hatte Denkschriften über die militärische Organisation der Dragoner vorgelegt, aber die Daten der ISA waren unvollständig. In Minobus Augen war die auffallendste Lücke das Fehlen persönlicher Dossiers über die meisten Dragoneroffiziere.
Sho-i Rudorff, der Zweite Offizier des Schiffs, räusperte sich und unterbrach Minobus Gedankengang.
»Sho-sa Terasu und Sho-sa Hawken sind auf dem Weg zur Brücke«, verkündete Rudorff, dem die Besorgnis Minobus Lage betreffend auf dem Gesicht geschrieben stand. Die beiden Offiziere der Schwerter des Lichts hatten deutlich gemacht, dass sie Minobus Anwesenheit auf der Brücke nicht billigten. Rudorffs Warnung war erneut eine von vielen kleinen Gefälligkeiten, die er Minobu während der Reise erwiesen hatte. Minobu erwiderte die unnötige Anteilnahme des Mannes mit einem Nicken.
Wegen der offensichtlichen Feindseligkeit der Schwerter des Lichts an Bord des Schiffes hatte Minobu einfach versucht, ihnen aus dem Weg zu gehen. Mit geübter Leichtigkeit kletterte er den abgenutzten Stahl der Leiter empor, die die Brücke mit dem ersten Deck des Schiffes verband. Er hatte es noch nicht ganz bis zu dem Kreuzgang geschafft, in dem er untertauchen wollte, als die beiden Offiziere aus dem Lift stiegen. Die Ehre verbot Minobu, ihnen auszuweichen, also ging er einfach geradeaus weiter.
Während die drei Männer aufeinander zugingen, trat Minobu einen Schritt zur Seite des Kabinengangs, um den Schwertoffizieren Platz zu machen. Technisch gesehen, war er höherrangig, aber sie waren der kämpfenden Truppe zugeteilt, und er stand nur im Range eines Stabsoffiziers. Desweiteren war jeder von ihnen Kommandeur einer Elitekompanie der Schwerter des Lichts und ein aktiver MechKrieger, während er ein Entrechteter war. Unterm Strich befanden sich die Schwerter dadurch in einer sozial höheren Stellung, die sie auch weidlich ausnutzten.
Minobu hatte das Gefühl, sie verachteten ihn aufgrund einer maßlosen Überschätzung der eigenen Wichtigkeit, die die Sticheleien in ihren Augen gerechtfertigt erscheinen ließ. Seitdem er von einem kommerziellen Landungsschiff, das an Nirasakis Zenitstation angelegt hatte, auf die Starblade umgestiegen war, hatten sie ihn unablässig mit kleinen Demütigungen und missbilligenden Kommentaren bedacht. Minobu ignorierte sie, wann immer das möglich war, obwohl er wusste, dass sie das als ein Zeichen der Schwäche auslegten.
Heute würde es kein Ausweichen geben.
Sho-sa Brett Hawken vom Ersten Regiment der Schwerter des Lichts blieb praktisch Seite an Seite mit Minobu stehen. Seine in weiter Vergangenheit liegende Abstammung vom terranischen Kontinent Afrika war genauso offensichtlich wie die von Minobu, aber er hatte in vorangegangenen Begegnungen unmissverständlich klar gemacht, dass er keine Anspielung auf eine Gemeinsamkeit mit Minobu, wie geringfügig auch immer, dulden würde.
»Es sieht so aus, als hätte sich unser Schreibtischhengst da herumgetrieben, wo er nicht gebraucht wird«, sagte der Mann affektiert.
»Vielleicht sogar unerwünscht ist«, fügte Sho-sa Gensei Terasu vom Siebenten Regiment der Schwerter des Lichts gehässig hinzu.
Die beiden Offiziere waren außer in ihrer Abneigung gegenüber Minobu nur sehr selten einer Meinung.
»Wir sind fast in Reichweite der planetaren Verteidigungsanlagen, Tetsuhara«, fuhr Terasu fort. »Sollten Sie nicht auf Ihrer Andruckliege sein? Mir ist zu Ohren gekommen, dass es dort viel sicherer ist.«
»Ich glaube, Sie haben recht«, sagte Minobu, dessen absichtliche Zweideutigkeit dem nüchternen Schwertoffizier vollständig entging.
»Dann sollten Sie sich besser beeilen«, sagte Hawken, wobei er so nahe an Minobu herantrat, dass diesem die Katanascheide des dunkelhäutigen Offiziers fast in den Unterleib gerammt wurde.
Terasu bellte ein kurzes Lachen, als Minobu sich seitwärts wandte, um der Berührung auszuweichen, und stapfte dann weiter den Korridor entlang, hinter seinem Gefährten her.
Minobu sah ihnen kopfschüttelnd nach. Der Codex des Bushido umfasste eine Vielfalt von Anhängern. Manche mochten diese beiden sogar für besonders vorbildliche Samurai halten. Dewa, dachte er. Ein Mann hatte sich um die eigene Ehre zu kümmern.
4
Batan-Territorium, Quentin IV
Mark Draconis, Vereinigte Sonnen
13. Juni 3023
Hamilton Atwyl konnte sich an den Aufprall nicht erinnern.
Als er die Augen aufschlug, lag der Dragonerlieutenant auf dem Rücken und schaute in den Himmel. Eine kühle Brise strich über sein Gesicht. Der kräftige Duft nach Lehm und Humus überdeckte beinahe den strengen Gestank nach brennendem Öl, Plastik undBlut.
»Gianni, er ist wach!«
Der Ausruf ließ Atwyl zusammenzucken. Von seinen verspannten Muskeln gingen Schmerzwellen aus, die durch seinen Kopf schossen und sein Gesichtsfeld auf Stecknadelkopfgröße reduzierten. Die Vibrationen sich rasch nähernder Schritte ließen eine neue Schmerzwelle in seinem Kopf entstehen, die sich bis in den Rücken fortpflanzte. Die angenehme Wärme der Sonne verschwand, als sich die verbliebenen Piloten der Staffel Blau um ihn herum versammelten.
Etwas piekte in seinen Arm, dann schnitt Gianni Bredels Stimme durch den Nebel. »Bist du in Ordnung? Wir dachten schon, du hättest mit der Landwirtschaft angefangen, als sich deine Lucifer in die Erde gepflügt hat.«
»Hab ich doch auch.« Atwyls Stimme war kratzig und kam aus einer Kehle, die rau war vom Einatmen der überhitzten Luft im Cockpit der Lucifer. »Schätze, für die Nummer wird Colonel Carmody meine Streifen einkassieren.«
»Verdammt blöde Nummer«, schalt Bredel, »aber eindrucksvoll, Harn. Dein Cockpitrecorder muss beim letzten Anflug auf den Mech Überstunden gemacht haben. Zu dumm, dass du für deinen Heldenmut keine Auszeichnung erhalten wirst.«
Atwyl begriff nicht, wovon sein Flügelmann da redete. Zum Teufel, aber in seinem Kopf verschwamm alles. Bredel bemerkte seine Verwirrung.
»Die Blackbox ist im Eimer«, erklärte er, die Laserpistole in seinem Seitenhalfter tätschelnd. »Es gibt keine Aufzeichnung von deinem Selbstmordversuch, und ...« — er deutete auf Gordon und Hall — »wir werden niemandem davon erzählen.«
Die anderen Piloten nickten, während ein Grinsen ihre Gesichter aufhellte.
Jetzt verstand Atwyl. Seine Staffelkameraden hatten die Blackbox herausgeholt und zerstört. Wenn die Box zerstört war, dann galt dies auch für die Aufzeichnung seines zeitweilig getrübten Urteilsvermögens. Carmody würde es niemals erfahren. Staffel Blau lohnte ihm die schützende Loyalität, die er denjenigen gegenüber, die unter seinem Befehl standen, hatte walten lassen. Für sie war diese Loyalität viel wichtiger als die Vorstellung irgendeines blechverzierten Colonels von professioneller Unvoreingenommenheit. Atwyl spürte nicht einmal den Schmerz, den ihm sein Antwortlächeln bereitete.
Das Piepsen des Kommunikators in Bredels Jäger unterbrach sie. Bredel erhob sich und beeilte sich, den Anruf zu beantworten. Hall und Gordon besprachen etwas, aber Atwyl konnte sich nicht auf ihre Worte konzentrieren. Ihre Stimmen schwanden langsam aus seinem Bewusstsein. Er hatte ein Gefühl, als sei er beduselt, und kam schließlich zu dem Schluss, dass sie ihm ein schmerzstillendes Mittel verabreicht hatten.
Als Bredel aus der Lucifer zurückkehrte, trug er einen Rucksack. Er blieb stehen und unterhielt sich zunächst leise mit Hall und Gordon, bevor er neben Atwyl niederkniete. »Das war der Mann ganz oben. Er sagt, es ist jetzt Zeit für Phase Zwei. Und da wir hier so prima in Stellung sind, will er Staffel Blau als Teil der Luftunterstützung für die Pfadfinder haben.«
Atwyl versuchte aufzustehen, aber Bredel war darauf vorbereitet und hielt ihn unten. »Mit Staffel Blau bist diesmal nicht du gemeint, Boss. Dein Schiff ist ziemlich hinüber, und du bist es auch. Du wirst diesen Teil der Party nicht mitmachen.«
Seine Proteste ignorierend, hoben die Piloten Atwyl an und legten ihn auf eine behelfsmäßige Bahre. Sie trugen ihn eine Anhöhe hinauf und in den Schatten eines nahegelegenen Wäldchens. So behutsam sie auch vorgingen, das unvermeidliche Rütteln bereitete ihm Schmerzen, die das Medikament nicht dämpfen konnte. Bredel stützte ihn sorgfältig ab, während die anderen Schösslinge und kleine Büsche fällten, um eine Tarnung zu errichten. Hall breitete eine Thermaldecke über dem Gerüst aus, bevor er es mit Buschwerk bedeckte. Als sie überzeugt waren, dass Atwyl so gut getarnt war, wie eben möglich, gab Bredel ihm einen Binox-Bildverstärker.
»Nun, Euer Majestät, habt Ihr für die Feierlichkeiten einen Platz in der ersten Reihe. Und Eure ganz private Tonanlage.« Er klopfte leicht auf die Kommeinheit, die neben Atwyl lag. Das Lächeln des Flügelmannes wurde ein wenig schwächer. »Rühr dich nicht von der Stelle, Harn. Wir holen dich hier ab, sobald wir können.« Dann war er auf den Beinen und forderte Hall und Gordon auf, zu ihren Jägern zu gehen. Mit einem Gefühl des Losgelöstseins, von dem er wusste, dass es chemisch erzeugt war, sah Atwyl zu, wie sie den Abhang hinunter zu ihren wartenden Jägern trotteten.
