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Becca reist nur widerwillig nach Island. Als sie die Insel Island betritt kostet ein Sturm Becca fast das Leben. Für Becca beginnt ein Abenteuer, von dem sie nie zu träumen gewagt hätte. Ihr bisheriges Leben nimmt eine drastische Wendung. Denn Island ist nicht nur eine Insel, die man gesehen haben sollte, sondern eine Welt, die sich nicht nur über der Erde abspielt. Island hat noch mehr zu bieten: Vulkane, die manchmal auch »anklopfen« können. Und wenn dann dieser Vulkan ausbricht, wird ein ganzes Leben auf den Kopf gestellt und für Becca ist Nichts mehr wie es war.
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Seitenzahl: 372
Veröffentlichungsjahr: 2020
Prolog
Kapitel 1: Frankfurt
Kapitel 2: Island
Kapitel 3: Rundfahrt
Kapitel 4: Der Wikinger
Kapitel 5: Wahrnehmung
Kapitel 6: Fossile Flüssigkeit
Kapitel 7: Thyres Welt
Kapitel 8: Steigende Tendenz
Kapitel 9: Eyja klopft an
Kapitel 10: Zwölf Uhr
Kapitel 11: Drachenwut
Kapitel 12: Versteckspiel
Kapitel 13: Erkenntnis
Kapitel 14: Spuren des Lebens
Becca verschlägt es nach Island, dieser wilden, kalten und windigen Insel, die so klein ist, dass das Weltall schlichtweg Mühe hat, sie zu finden. Und doch ist es lohnenswert, dass man sich ihrer annimmt. Island, dieser raue, kleine Erdteil, der irgendwo abgesprungen ist, vielleicht auch weggeschoben wurde, von den Normannen, den Germanen oder den Eisbären, die schließlich dort in der Nähe wohnen. Trotzdem sind sie ihren tierischen Freunden aus dem Süden, den Pinguinen noch nie begegnet. Obwohl diese doch auch auf einer Eisscholle leben.
Becca reist zunächst nicht freiwillig dorthin, in erster Linie hatte sie ihre Mutter dazu gedrängt. Immer wieder hatten sie darüber diskutiert, ob nicht ein anderes Land für ihre Auszeit besser gewesen wäre. Sie wollte keine Wanderungen unternehmen oder sich in irgend welchen Thermen erholen. Sie brauchte Action, zwischendurch eine Lesepause und Leute um sich herum. Warum hatte sie sich zu dieser Reise von ihr überhaupt überreden lassen? Im Grunde genommen würde sich Island aber für Becca nach einigen Wochen doch noch zu einer Herzensangelegenheit entwickeln. Dieses wilde Land, dieser Drang nach Sehnsucht.
Es würde nicht mehr viel Zeit vergehen, bis sie einen Fuß auf diese Insel aufsetzte. Je länger Becca darüber nachdachte, umso größer war der Hunger, hier in Island nach einem Neuanfang zu suchen.
Der Weg, den sie bisher eingeschlagen hatte, existierte nicht mehr. Ihr Ziel war nun etwas anderes und sie hoffte, dass diese Reise ihr den Weg zeigen würde, den sie anschließend in Angriff nehmen konnte.
Becca erhoffte sich von dieser Auszeit eine neue Sichtweise auf ihr Leben. Ihre Zukunft würde jetzt erst geschrieben und dieser Plan würde ihr Ziel sein.
Doch war das alles nicht nur ein Vorwand, um nach sich selbst zu suchen? Denn ihre Ziele, die sie sich gesteckt hatte, hatte sie längst erreicht.
Island war eine willkommene Abwechslung. Die Beziehung mit ihrem letzten Partner war gescheitert. Sie hatten keine gemeinsame Zukunft mehr gefunden und waren nicht auf einen Nenner gekommen. Daraufhin hatten sie sich dann nach einer Zeit letztendlich getrennt. Für beide war das die richtige Entscheidung. Es gab keine andere Lösung. Warum sie überhaupt zu einander gefunden hatten, war ihr bis heute unbegreiflich.
Wie gerne hätte sie sich schon früher auf und davon gemacht, aber ihre Familie brauchte sie. Becca brachte es nicht fertig, alles von einem Moment auf den anderen, Stehen und Liegen zu lassen. Das allererste, was jetzt auf ihrer Liste stand, war Abstand. Abstand von dem, was sie hier vorfand. Becca wollte unter allen Umständen heraus finden, wo sie im Leben ihren Platz hatte, welche Hürden sie in der nächsten Zeit überwinden musste und wie das Ziel aussah, dass sie mit diesem Plan verfolgte.
Jetzt aber stand Island auf ihrer Liste, diese Insel, die sich unscheinbar inmitten eines rauen Meeres befand. Sie war keine dieser Touristenhochburgen, die Becca bisher überrollt hatten.
Diesmal würde sie den richtigen Weg einschlagen und Ruhe finden. Außerdem konnte sie es sich gut vorstellen, während ihres Aufenthaltes dort, in der freien Wildbahn unter Anleitung, mit wilden Tieren zu arbeiten. Pferde und Schafe liefen frei herum und wurden nur dann gefangen, wenn man sie brauchte. Es war ein Miteinander, dass seinesgleichen suchte.
Zwar hatte sie sich schon überlegt, nach Harnas zu gehen, einer Tierfarm in Namibia. Zutreffender war es aber, dass sie in Südafrika am Heimweh wahrscheinlich zerbrechen würde, aufgrund dessen, was sie dort vorfand. Harnas, das waren karge Landschaften, trockene Weideflächen, hohes Pampasgras und wilde Tiergeräusche, die sie nicht zuordnen konnte. Fremde Menschen, deren Sprache sie nicht verstand und die wahrscheinlich völlig anders tickten wie sie selbst. Zivilisation und heimische Komfortzone waren hier nicht erwünscht. Back to the roots galt hier als Überlebensmotto. Dennoch würde ihre Hilfe dort sehr gerne gesehen, dessen war sie sich sicher.
Die Sehnsucht nach einer familiären Atmosphäre, die Sprache, die sie kannte und fatale Erinnerungen an ihre Studienzeit kamen dort mit großer Wahrscheinlichkeit an die Oberfläche. All das war in Island vermeidbar. Schon alleine deshalb hatte sie sich dazu entschlossen, diese dreiwöchige Reise jetzt doch dorthin anzutreten. Eine Bekannte hatte ihr davon vorgeschwärmt. Mit Reiterzöpfen war sie zurückgekehrt und einem stapfenden Gang, der so gar nichts mit der Freundin zu tun hatte, mit der sie damals studierte.
Momentan hatte sie sich aber eher gewünscht, zu erfahren, wer oder was dort im Norden Besitz von ihr ergriffen hatte. Sie selbst wollte spüren, wozu dieses kleine Land auf der Weltkarte fähig war.
Mit dem alten Familien-Jeep, der dennoch jeden Kilometer kräftig durchackerte, hatte sie ihre Mutter nach Frankfurt/ Main gefahren. Im Grunde genommen war dieses Fahrzeug ihr »Wald- und Wiesenfahrzeug«.
Doch ab und zu durfte es seine Ventile auf der Autobahn aushusten. Das gab ihm hinterher seinen verdienten Lebensgeist zurück und dann hielt er wieder ein paar Tage länger. Somit war die anstehende Abgasprüfung kein Problem mehr.
Becca hatte seit langem mit ihren Eltern darüber diskutiert, dass ihr Lieblingsauto aufgrund seines Alters, ein »H« auf dem »Popo« verdient hatte. Das »H« stand für »historisch«. Denn seine Jahre hatten längst den Zenit überschritten. Andererseits wäre ein »z«, wie »zärtlich« oder »zart« auch verdient gewesen. Diesen Jeep hatte damals ihr Vater gekauft, um sicher durch die Feldwege zu kommen, wenn es denn mal regnete. Jetzt, einige Jahre später, strich Becca mit einem Lachen im Gesicht über die verbeulte Motorhaube des alten Wagens. Erinnerungen wurden geweckt. Zahlreiche Dellen darauf konnte sie Tieren bzw. den Weiden zuordnen, die dem Wagen diese Misere eingebrockt hatten. Einige Beulen hatten sich »einfach so ergeben«, andere waren »irgendwie« hinzugekommen. Aber das schadete seinem Aussehen überhaupt nicht. Er war ein altes Auto und das durfte man ihm ansehen!
Ihre Mutter sah Becca an. »Geht es Dir gut mein Kind?«. Sie wusste, dass es ihrer Tochter in diesem Moment nicht leicht fiel, so zu tun, als wäre sie mit dieser Reise einverstanden. Aber manchmal mussten Eltern ihre Küken eben zu ihrem Glück zwingen oder zumindest sie dort hinschieben. Und jetzt war es eben an Becca, dass sie flügge wurde. Beccas Mutter tätschelte sie ein wenig und sprach ihr Mut zu: »Es wird Dir dort oben schon gefallen. Nun mach nicht so ein missmutiges Gesicht! Von Island habe ich bisher nur Gutes gehört!«, grinste sie und tätschelte Beccas Wange. Als Kind hatte sie schon immer vor irgendetwas Angst gehabt. Dies hatte sich im Laufe der Zeit aber gelockert. Inzwischen besaß Becca genug Selbstvertrauen in sich selbst, um gewisse Situationen von vorneherein besser einzuschätzen, denen man im ersten Moment nicht gewachsen war.
Becca brachte ein gequältes Lächeln zustande. »Es ist alles in Ordnung Mum! Wirklich«, log sie beiläufig und sah aus dem Fenster. »Du musst auch mal neue Wege wagen, neue Länder kennen lernen und das tun, was Dein Herz Dir sagt. Trau Dich und mach auch mal was Unvernünftiges! Das Leben ist zu kurz, um nur vernünftig zu sein! Außerdem wird Dir diese kleine Trip bestimmt gut tun und Dir eine Menge Freude machen. Island ist einfach nur unglaublich!«, freute sich ihre Mutter. Becca war das fast schon peinlich, wenn sich diese wie eine 20-Jährige aufführte. Zudem entsprach ihr Outfit nicht ihrem Alter, dennoch stand sie hinter dem, was sie tat. Das wiederum gefiel Becca! Sie stützte sich mit dem Ellenbogen auf das Seitenfenster des Jeeps und sah hinaus. Wenn sie sich beeilten, konnten sie Frankfurt/Main schon in einigen Minuten erreichen. Auf der Autobahn tummelten sich nicht mehr Fahrzeuge als an anderen Tagen. So schien es bislang niemanden zu geben, der ihr diese Reise auszureden versuchte.
Da sie schon im Vorfeld das Ticket gekauft hatte, würde sie garantiert einchecken und diesen Flug antreten. Becca überlegte allen Ernstes, das Flugzeug ohne sie abfliegen zu lassen. Ein anderes würde kommen.
Dann hätte sie noch einen weiteren Moment lang die Möglichkeit, weiterhin in Deutschland zu bleiben, ohne dass es jemandem schaden würde. Irgendetwas ließ sie daran zögern, wenngleich sie selbst die Initiative zu dieser Reise ergriffen hatte, nachdem ihre Mutter sie mehr oder weniger dazu gedrängt hätte.
Ihre Freundin war damals in Island geblieben. Beide hatten studiert, waren auf die gleiche Uni gegangen und hatten beim gleichen Arbeitgeber »eingecheckt«. Dann hatte ihre Freundin jedoch aus irgend welchen unerfindlichen Gründen »umgesattelt« und ein Journalismus-Studium absolviert. Sie war als Journalistin jetzt erfolgreich und hatte dort ihren Mann kennen gelernt. Ihm war sie dann nach Island gefolgt. Becca stützte ihren Kopf auf ihre Hand und seufzte. Sie selbst hatte im Moment keinerlei Sinn für Männer. Ihre letzte Beziehung zerbrach, weil »die Luft raus« war.
Sie hatten sich zwar einvernehmlich getrennt, dennoch lag da irgendetwas in der Luft, was ihr nicht schmeckte. Musste jede Partnerschaft so verlaufen?
Was sollte sie mit so einem Kerl, der ihr nicht den »Hype« des Lebens bieten konnte? Ihre Beziehung war »erkaltet«, sie hatten nichts mehr miteinander. Sie saßen sich schweigend gegenüber und kamen sich vor, als würden sie in zwei verschiedenen Räumen sitzen. Sie sahen sich an wie Fremde, die sich erst kennen lernten.
Je länger sie das durchzogen, desto mehr entfernten sie sich voneinander. Vor einem halben Jahr waren sie sich dann einig, dass ihre Beziehung, wenn man das überhaupt noch so nennen durfte, zu Ende war. Sie gaben sich die Hand und Leere erfüllte sie. Jeder konnte jetzt seinen eigenen Weg finden und ihn gehen, ohne den anderen dadurch einzuengen oder von seinen bisherigen Plänen abzudrängen. Becca seufzte.
Es begann zu regnen. Frankfurt/Main kam näher, die Hochhäuser der Millionenstadt ragten über den Horizont und füllten ihn vollends aus. »Wir sind gleich da!«, flötete ihre Mutter glücklich und betätigte den Blinker am Lenkrad nach rechts. Das alte Auto machte einen Schlenker und sie fuhren zur Abzweigung des Terminals, der sie jetzt herzlich in Empfang nehmen würde.
Im Grunde genommen war immer Terminal 1 ihr Ziel. Hier kannten sie sich aus. Wenn sie einen Gast hier abholen oder ihn hier wieder hinbrachten, dann steuerten sie nur dieses Gebäude an. Stets war es ihr Plan, das Auto in die gleiche Parketage zu steuern wie sonst üblich. Doch meistens gelang es ihnen nicht. Im Laufe der Zeit hatten sie schon in allen möglichen Etagen des Parkhauses 1 ihren Wagen abgestellt. Beccas Mutter sah zu ihr hin und grinste. Es war verrückt, wie genau diese Logistik hier griff.
Ihre Mutter hielt den Wagen an. »Parkebene 8« sagte sie. »Jetzt haben wir es nicht mehr so weit bis zum Check-In-Schalter. Das kommt mir sehr gelegen«, brummte sie. Dann stieg sie aus. »Kommst Du mein Kind« fragte sie Becca. Suchend kramte sie in ihrer Tasche und schaute schnell ins Wageninnere. Dadurch vergewisserte sie sich, dass sie nichts vergessen hatte.
Becca war noch immer angeschnallt. Unschlüssig saß sie auf ihrem Autositz und wartete, bis ihr der Befehl gegeben wurde, auszusteigen. Den hatte sie in diesem Augenblick! Tat sie jetzt das Richtige? War dieser Weg das Ziel? Konnte sie ihm entgegengehen? Sie wusste es nicht und zweifelte immer noch daran.
Beccas Mutter hatte den Trolley inzwischen aus dem Kofferraum gezogen und mit einem kräftigen Rumms die Heckklappe des Wagens wieder geschlossen. »Hast Du alles von vorne mitgenommen?«, fragte sie leise in Beccas Richtung. Diese nickte. »Ich glaube schon«.
Sie sah an sich herunter und überlegte. »Ja, ich habe alles!«. Der Arm ihrer Mutter schob Becca nach vorne. »Nun gib Dir einen Ruck und geh!«, sagte sie. »Sieh doch das alles nicht so pessimistisch!«. Becca hatte keine Meinung. Sie setzte einen Fuß vor den anderen ohne darüber nachzudenken, wohin sie eigentlich ging. Nach wenigen Schritten hatten sie den Aufzug erreicht, der sie ins Terminal bringen würde, wo sie am Check-in-Schalter die Koffer abgab und im Gegenzug die Bordkarte erhielt.
Dieser Reise nach Island hatte sie als flüchtige Ausrede schließlich zugestimmt, um wegzukommen, aus dieser Lage, in der sie sich befand. Sie brauchte sprichwörtlich einen Tapetenwechsel und wollte zuhause nicht ständig daran erinnert werden, wie sie die letzten Wochen verbracht hatte. Daher hoffte sie damals, mit dieser Reise auf diese Insel genau das richtige Ziel gewählt zu haben.
Doch jetzt, wo es Zeit war, schlug ihr Herz gegen ihre Brust und ihr Kreislauf drohte ihr den Magen umzukehren. Becca hatte das Gefühl, dass ihre Füße rückwärts liefen und inzwischen raubte ihr Atem ihr allmählich die Sinne. Doch für solche Ausflüchte war es zu spät. Der Abflugschalter kam in greifbare Nähe und hundert Menschen, die ihr folgten, die genau das Gleiche planten wie sie, schoben sie unaufhörlich in diese Richtung. Die nette Dame hinter dem Schalter winkte sie heran, doch dies lockerte die Situation nicht. Sie streckte die Hand nach Becca aus, um das Ticket einzuscannen, damit Becca eincheckte. »Geben Sie mir bitte Ihr Ticket über den Tresen!«, bat sie Becca.
Jetzt gab es kein Zurück mehr. Wie ein Schulkind hob Becca den Kopf und sah sie an. »Guten Morgen!«, sagte die nette Frau gegenüber und hoffte inständig, ihr den Flug nach Island positiv darzustellen. »Guten Morgen, ich wollte...!«. Ohne zu zögern, zog ihr die Dame die Unterlagen aus der Hand und grinste.
»Ich weiß, was sie wollten. Dafür bin ich ja da!«. Sie tippte auf ihrer Tastatur einige Tasten, sah Becca wieder an und ließ ein Klebeband vom Drucker beschriften. »Legen Sie bitte ihren Koffer hier herauf!«, wies sie Becca an. Dann stellte Becca ihn dort ab, die Stewardess klebte in Sekundenschnelle das Band um den Griff und schon verschwand er mit ihren Klamotten im Bauch des Terminals. »Guten Flug!«, flötete die Dame, noch bevor Becca ihr etwas entgegnen konnte.
Dann wurde sie dazu angehalten, doch ein wenig zur Seite zu treten, um dem nächsten Passagier, der eincheckte, Platz zu machen.
Jetzt hatte sie ihre Papiere und würde in dieses Flugzeug nach Reykjavik einsteigen müssen, ob sie wollte oder nicht! Ihre Mutter nickte ihr zu und lächelte. »Du tust das Richtige, Du wirst sehen!«, sagte sie und tätschelte ihre Wange. Becca unterdrückte eine Träne. Gestern war sie felsenfest von ihren Plänen überzeugt, freute sich auf Island und wollte es allen beweisen, was für eine erwachsene Wissenschaftlerin sie doch jetzt war.
In ihrem Bekanntenkreis hatte sie sich davon überzeugt, dass man sie in ihrem Job ernst nahm und sie hinter dem stand, was sie tat und alle wussten genau, dass sie das Ziel nicht aus den Augen ließ, wenn sie es einmal verfolgte. Doch keine 12 Stunden später, war sie sich dessen nicht mehr so sicher. Jetzt zweifelte sie an ihrer Tätigkeit, an dem wofür sie stand und an ihrem »Sprung nach Island«. Doch dafür war es zu spät. Das, was sie sich eingebrockt hatte, musste sie jetzt auslöffeln.
Von Frankfurt aus flogen sie schätzungsweise vier Stunden. Mit einer kleinen Maschine, die einem Lear-Jet ähnelte, hoffte Becca, dass keine Übelkeit in ihr aufstieg, falls das Flugzeug in der Luft tanzen würde.
In Island steuerten sie den Flughafen in Keflavik an. Er lag in unmittelbarer Nähe des Stadtgebietes von Reykjavik, was nicht verwunderlich war. Andere Ausweichmöglichkeiten einen Flughafen dort zu bauen, gab es auf dieser Insel nicht. Südlich davon grenzte schon das Meer, und im Osten hatte man ein Erholungsgebiet platziert, was Becca im Moment so jetzt überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Aber dafür kannte sie Island eben noch nicht.
Langsam steuerte Becca auf den Fluggast-Steig zu, von dem aus sie zu ihrem Zielflughafen abheben würde. Ihre Mutter klopfte ihr auf die Schulter. »Ich muss gehen Liebes! Melde Dich, wenn Du dort bist!«. Sie nahm ihre Tochter in die Arme, gab ihr einen Kuss und nickte. In diesem Augenblick war Becca bewusst, dass ihre Mutter ihre Unsicherheit spüren konnte. Das komische Gefühl, dass sich in diesem Moment in ihr aufgebaut hatte, würde wohl nie vergehen, egal wie alt Becca sein würde. Eltern fiel der Abschied immer schwer, egal wie als ihre Kinder waren oder wie lange die Trennung von ihnen dauerte, die sie überwinden mussten. Warum sollte es ihr anders gehen, als ihrer Mutter vor einigen Jahrzehnten. Damals hatte sie, wie Becca jetzt, vor einer schweren Entscheidung gestanden und musste das Für und Wider gegeneinander aufwiegen. Für alle Töchter und Söhne gab es einen Punkt im Leben, an dem sie sich abnabelten. Jungs tickten zu diesem Zeitpunkt etwas anders. Aber Mädchen?
Becca drückte zum Abschied ihre Mutter. Ihre Mutter gab Becca einen Kuss auf die Stirn und hielt sie mit beiden Händen an den Schultern fest. »Ich gehe jetzt! Melde Dich, wenn Du im Hotel bist!«, sagte sie mit ermahnender Stimme. Becca wusste, dass sie es bewusst machte, weil es ihr garantiert schwerfiel, Becca gehen zu lassen. Dann streichelte sie ihr über die Wange und drehte sich herum.
»Wiedersehen!«, rief sie Becca noch zu, allerdings ohne sich noch einmal umzudrehen. Sie ahnte, dass Becca sonst ihre Tränen sehen konnte. Es waren zwar nur wenige Tage, bis Becca wieder hier sein würde, aber trotzdem. Ein Abschied war ein Abschied!
Becca schluckte. Langsam ging sie zu einer der Sitzreihen und setzte sich auf einen der äußeren Stühle, die man für die wenigen Passagiere, die nach Island reisen wollten, bereitgestellt hatte.
Sie sah sich um. Nur wenige würden heute den Flieger mit ihr teilen. Becca dachte nach. Wie sah eigentlich ein typischer Isländer aus? Konnte man diese überhaupt auf den ersten Blick erkennen? In Beccas Kopf entstanden die unterschiedlichsten Bilder von typischen oder auch nicht isländischen Einwohnern.
Becca sah durch die großen Fenster der Abflughalle, während sich vor ihrem Auge die phantasierten Gestalten präsentierten. Männer mit langen, zottigen und blonden Mähnen, ähnlich wie bei den typischen Islandpferden. Wahrscheinlich trugen sie auch mit Sternmustern gestrickte Socken und dickte, grünweiße Pullis. Ihre Frauen trugen sicherlich lange, braune Haare, die sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatten und die der Wind zerzaust hatte. Auch trugen sie bestimmt die gleichen Socken wie ihre Männer, was wahrscheinlich keinen Unterschied machte!
Irgendwie hätten sie auch mit den Norwegern verwandt sein können. Schließlich waren sie fast Nachbarn! Becca schmunzelte.
Der Regen in Frankfurt/M. hatte aufgehört. Becca sah durch das Fenster des Flugzeugs, dessen Triebwerke unaufhörlich rotierten. Der Druck in ihren Ohren verstärkte sich und es fiel ihr schwer, zu atmen. Sie war nervös und konnte sich nicht vorstellen, was sie dort in Island erwartete. Ihr Gesprächspartner hatte ihr zwar vor einigen Tagen am Telefon versichert, dass er alles für ihre Ankunft vorbereitet hatte. Aber SIE war nicht vorbereitet und dieses Risiko machte sie jetzt mit sich alleine aus!
Der Flugkapitän versuchte in seiner kurzen Begrüßungsrede, die Stimmung an Bord ein wenig aufzulockern. Allerdings scheiterte er kläglich dabei, die Fluggäste mit seiner fast schon erotischen Stimme zu überzeugen, dass es ein phantastischer Flug nach Island sein würde. Island wäre DAS Ausflugsziel schlechthin und keiner seiner Gäste würde bereuen, in sein Flugzeug gestiegen zu sein.
Nach dem sich anschließenden Morgengruß reichte er das Mikrofon an die einzige Stewardess weiter. Langsam schob der Steward den Kaffeewagen durch den Gang. Die Stewardess schenkte ihm ein Lächeln und erklärte fast schon gelangweilt einiges zur Geschichte Islands.
»Meine sehr verehrten Fluggäste! Vielleicht lauschen Sie einfach ein paar meiner Worte, damit ich Ihnen die grüne Insel Island ein wenig näher bringen kann und sie einiges darüber erfahren!«, flötete sie. »Ich möchte Ihnen ein wenig zu deren eigentlicher Ursprungsgeschichte erzählen«. Dann fuhr sie fort und zeigte mit ihrer linken Hand zum Fenster hinaus.
»250 km südöstlich von Grönland liegt die Insel Island. Island hatte im Jahr 2019 ca. 360.500 Einwohner. Die Distanz mit dem Flugzeug zwischen Deutschland und Island beträgt ca. 2200 km Luftlinie. Mehrere hohe Berge werden Sie in Island allerdings vermissen.
Die höchste Erhebung dort misst nur 2110 m. Diese Insel liegt sowohl an der Nordamerikanischen als auch an der eurasischen Erdplatte. Im Gegensatz zu den anderen Erdteilen dieser Welt besteht Island nicht aus kontinentalem Gesteinsmaterial, was im Grunde genommen am naheliegendsten wäre, zumal sie gleich von zwei Erdplatten hätte schöpfen können.«
Die Stewardess holte tief Luft und fast schon ehrwürdig pustete sie heraus: »Sie ist aus dem Meer erwachsen, aus purem ozeanischem Grund-Ursprung«. Für einen kurzen Moment bremste sie ihren Redefluss, um erneut Luft zu holen. Wahrscheinlich hatte ihr Rest-Atem für einen weiteren Satz nicht mehr gereicht. Becca schüttelte den Kopf!
Becca kramte in ihren Unterlagen. Diese komische Insel, auf die sie flog, würde sie schon in wenigen Minuten betreten. Inzwischen waren die Landelichter unter dem Flugzeug zu sehen. Die Kontrollleuchten im Inneren der Kabine wiesen darauf hin, dass man sich jetzt besser wieder anschnallte, falls die Landung doch ein wenig holprig werden würde.
»Na klasse«, überlegte Becca und verschränkte die Arme vor ihrer Brust. Ich kehre sofort wieder um. Kehrt marsch!, rief sie leise in sich hinein. Doch der Flugkapitän tat überhaupt nichts dafür, ihrem Befehl nachzukommen. Es würde zudem wenig Sinn machen jetzt umzudrehen, denn gerade in diesem Moment ließ er das Flugzeug in den Sinkflug gleiten und »bremste« es aus.
Die Stewardess hatte inzwischen ihre Lehrstunde beendet und Becca seufzte genervt durch. Warum hatte sie sich überhaupt auf diese Reise eingelassen? Sie bereute es jetzt schon!
Der kleine Flieger setzte hart auf der relativ kurzen Landebahn von Reykjavik auf. Lächelnd öffnete die Stewardess die Ein- und Ausstiegsluke.
Auf dem gesamten Flug hatte sie immer wieder versucht, den Gästen hier die Insel Island positiv einzureden. Das war ihr Job!
Sie zögerte einen Moment und sah nach draußen. Eine Gangway wurde herangeschoben und jetzt bat sie die ersten Passagiere auszusteigen. Becca musste aussteigen, doch sie hatte dazu überhaupt keine Lust! Aber das Flugzeug hatte schon wieder geplant, in wenigen Minuten nach Frankfurt zurückzufliegen, bevor es dunkel wurde. Wobei dies relativ war, da es in Island entweder im Sommer durch das aufkommende Nordlicht über ganze Tage nicht richtig dunkel wurde bzw. im Winter nur einige Stunden hell war. Es gab keinen Sonnenauf- oder -untergang, wie man ihn hier gewohnt war. Schon alleine dieser Gedanke bereitete ihr Sorgen. Würde sie sich an Lichtverhältnisse gewöhnen, die sie nicht kannte? Becca brauchte einen strukturierten Tages- und Nachtablauf, ihr gewohntes Bild vom Leben. Dann stieg sie aus.
Der Wind pfiff in das kleine Flugzeug hinein, so als wolle dieser sie hinaus befördern. Becca schob den Kragen ihrer Jacke nach oben, so hoch es eben ging und griff nach der Reling der Gangway. Es nieselte. Genauso habe ich mir das vorgestellt, überlegte Becca genervt. Das Rollfeld war ähnlich überschaubar wie in Paderborn und der Flughafen war auch nicht größer.
Die Passkontrolle sowie die Abfertigung ihres Gepäcks ging relativ zügig vonstatten und Becca murmelte nur immer wieder »Mmh« oder »Okay«. Mehr brachte sie nicht zustande. Sie hatte keine Lust darauf, Freude zu zeigen. Sie war eher der Typ, ehrlich ihre Meinung zu vertreten und wenn sie keine Meinung hatte, dann vertrat sie diese auch!
Das nächste »Highlight« an diesem Tag war der Bus, der sie zum Hotel bringen sollte. Sie hatte da eher an einen 12-Sitzer-Van oder einen Reisebus gehofft.
Aber DAS hier war ein Witz! Ein alter, klappriger Bus aus den 60-er Jahren, mit rundem Dach und nicht mal einem Airbag und Sitzgurten? Fehlanzeige. Becca staunte. Die Tür des Busses öffnete sich leise. Sie erwartete, dass sie ein quietschendes Geräusch vernahm. Doch nichts geschah. Der Busfahrer begrüßte alle Gäste und klappte die Ladeluke im hinteren Teil des Busses hoch. Die Taschen und Koffer wurden verstaut und dann konnten die Touristen Platz nehmen. Nach den ersten beiden stieg Becca ein. Vorsichtig sah sie sich um.
Die Sitzpolster schienen neu aufgefrischt worden zu sein. Wärme schlug ihr entgegen und der Busfahrer hieß sie mit einem strahlenden Gesicht Willkommen. Er half ihr sogar beim Einsteigen, was Becca jetzt positiv entgegennahm. Erschöpft ließ sie sich in der Mitte des Busses in die Reihe hinter dem Fahrer fallen. Nur noch wenige Fahrgäste stiegen ein, so dass einer raschen Abfahrt zum Hotel nichts mehr im Wege stand. Dieses hatte sie sich schon im Internet ausgesucht und es versprach, einen angemessenen Standard aufzuweisen.
Nachdem sie das Gelände des Flughafens verlassen hatten, fuhren sie auf einer zunächst gut ausgebauten Straße. Sie wurde als die Aorta bezeichnet, die die beiden größten Städten Reykjavik und Kopavögur miteinander verband. Bald allerdings endete diese. Dann bogen sie auf eine Straße, die nicht sonderlich gefestigt war. Sie war nur spärlich geteert und man konnte den Eindruck gewinnen, so als würde sie eine Bundesstraße auf Probe darstellen. Somit mutete sie als bessere Landstraße an. Von Fahrbahn-Begrenzung oder dergleichen keine Spur. Von den korrekt und genau definierten Autobahnen in Deutschland war das hier ein besserer Feldweg. Becca schüttelte den Kopf.
Ihre schlechte Laune pflanzte sich fort.
Das, was sie wahrnahm, waren nur niederes Gestrüpp, holzige kleine Bäume und Schotter. So, als ob man mitten in einem Steinbruch Schotter aufgefahren hätte, um damit eine Straße irgendwo hinein zu planen. Nur graues Steinwerk und Bäume, die wohl nicht in der Lage waren, in dieser rauen Landschaft ihre Gene auszubilden. In diesem Moment hasste sie Island. Ihr Vater war Straßenbauer gewesen und immer um alle und jeden besorgt. Ein Lkw hatte ihn überfahren, als er auf der Autobahn arbeitete. Zwar hatte er seine Signalweste angelegt, aber es regnete an diesem Tag sehr. Daher hatte ihn der Lkw-Fahrer schlichtweg übersehen, als er durch die Baustelle fuhr. Aber ihr Vater war immer für alle da und verrichtete auch Arbeiten, die ihn eigentlich nichts angingen. Stets ging er allen zur Hand und Becca überlegte jetzt ernsthaft, ob er damals nicht auch noch nachgesehen hatte, ob der Unterboden des Lkw in Ordnung war, während dieser ihn überrollte.
Tränen stiegen in Beccas Augen, die sie augenblicklich wegwischte. Sie vermisste ihren Vater und wahrscheinlich war er dort gestorben, wo er sein wollte; auf der Autobahn, wo sich das Leben abspielte.
Er hatte seinen Job geliebt und damals im Dienste für alle sein Leben lassen müssen. Er wollte auch nie jemandem zur Last fallen. Das war ihm ja gelungen. Becca hustete verächtlich. Ihr hätte das nichts ausgemacht. Sie hatte ihn noch gebraucht. Sie seufzte und ließ die karge Landschaft an sich vorbei ziehen. Ihre Mutter hatte ihr von Island vorgeschwärmt. Das Land der Feen und Trolle hatte sie gesagt. Doch Becca konnte sich bei aller Liebe nicht vorstellen, was hier an diesem Steinland mystisch sein konnte.
Noch nicht einmal eine rote Blume oder ein buntes Haus hatte sie bisher wahrgenommen.
Frustriert suchte sie jetzt im Busraum nach etwas, das sich lohnte, angesehen zu werden. Doch sie konnte auch hier nichts entdecken, dass ihre Neugier weckte. Also sah sie wieder aus dem Fenster. Vielleicht konnte sie im Hotel gleich in Erfahrung bringen, wann der nächste Flug zurückging. Den würde sie nehmen!
Becca hatte kaum wahrgenommen, was die Landschaft ihr bot. Irgendwie war sie achtlos an ihr vorbeigezogen, so als ob sie diese schon täglich gesehen hätte und nichts Neues mehr hinzugekommen war.
Endlich hielt der kleine Bus vor einem anschaulichen Hotel. Man hatte hier versucht, mit ein wenig hellbrauner Farbe wenigstens einen Farbklecks in die Natur zu setzen, ohne aufdringlich zu wirken.
Inzwischen hatte es aufgehört zu nieseln und Becca atmete aus. Gott sei Dank, sagte sie leise und stieg aus. Die Luft war angenehm, wenngleich es immer noch sehr windig war. Der Busfahrer hatte inzwischen die Bordklappen geöffnet und stellte sämtliche Koffer wild durcheinander auf den Vorplatz des Hotels. Becca nahm ihren Koffer, der jetzt aus dem Businnern befreit wurde und zog die Haltevorrichtung heraus. »Auf Wiedersehen« sagte sie zu dem Busfahrer. Es war ihr egal, ob er sie verstand oder nicht. »Tschüss!«, hörte sie ihn sagen. Irritiert drehte sie sich um und sah in ein verschmitztes Lächeln. Er freute sich immer, wenn seine Fahrgäste über ihn verwundert waren. Dann widmete er sich wieder seinen Koffern und Becca stapfte zur Hoteltür, die ständig auf und zu gemacht wurde, um jetzt die vielen Hotelgäste hinein- bzw. heraus gehen zu lassen.
Becca trat ein. Das Hotel hatte seinen eigenen Flair. Braunes, und doch sehr helles Ambiente zierte die große Eingangshalle und doch sie hätte die Ausstattung eher nach Finnland verschoben.
Es hatte etwas von winterlichem Touch, der durch hellrotbraunes Holz mit hellen Lampen untermauert war.
Hellbrauner Holzboden dämpfte jeden ihrer Schritte und auch die Rezeption mutete eher finnisch als isländisch an. Sie hatte dunkelgrün vermutet, vielleicht auch dunkelbraun oder grau, so eben wie die gesamte Landschaft hier. Aber diese Farbkomposition war ihrer Meinung nach, hier völlig fehl am Platz. Dennoch musste sie sich eingestehen, dass sie ihr sympathisch war.
Der Concierge war kaum älter als sie und begrüßte die Gäste in drei verschiedenen Sprachen. Er sortierte die Schlüssel auf der Theke auseinander und schob sie wild gestikulierend den einzelnen Gästen zu. »Sie können später einchecken, gehen Sie erstmal auf Ihre Zimmer und kommen Sie an. Herzlich Willkommen!«, schrie er schon fast.
Becca nahm ihren Schlüssel und eine Hausangestellte wies sie an, den langen Flur entlang zu gehen. Dort waren einige der Zimmer angeordnet.
Leise rollte der Trolley über den Flur, den Becca jetzt entlang schlurfte. Sie war müde von der dreieinhalbstündigen Flugreise. Hoffentlich war ihr Zimmer freundlich eingerichtet und sie musste nicht aus Enttäuschung darüber in Tränen ausbrechen. Der Flur strahlte Helligkeit aus und war mit einigen Bildern ausgestattet, die die Landschaft von Island sehr deutlich demonstrierten. Gletscherlandschaften, wilde Islandpferde und sprudelnde Geysire waren hier abgebildet. Becca grinste. Wo ist der Strand, an dem ich in der Sonne brutzeln kann? Doch im nächsten Augenblick bereute sie ihre Bissigkeit. Island war nicht die Türkei!
Dann hatte sie ihr Zimmer erreicht und ließ die Schlüsselkarte leicht durchs Schloss gleiten. Mit einem kleinen Klick sprang die Tür auf. Becca trat ein und war positiv überrascht. Das helle Holz, dass ihr schon im Eingang des Hotels aufgefallen war, setzte sich auch in diesem Raum fort. Eine überaus große und warme weiche Decke überzog ihr riesiges Bett. Harmonisch waren helle Hölzer geschnitzt herum gestellt und ergänzten die Harmonie dieses Raumes.
Ein dickes Tau hing von der Decke herunter, an der man die Deckenbalken des Holzbaus freigelassen hatte. Weiße dicke Steine dekorierten die Seitenwände und lenkten den Blick auf das große Terrassenfenster, das jetzt noch mit hellen, schweren Vorhängen zugehängt war. Becca sah sich um. Zwei weitere helle Türen deuteten auf einen zweiten Schlafraum und das Bad hin. Das würde sie sich gleich antun, wenn sie den Vorhang geöffnet hatte.
Becca trat zwei Schritte dort hin und schob den Vorhang auf. Doch das, was sie dort sah, hätte sie jetzt nicht erwartet.
Ein langgezogener, erhabener Gletscher thronte inmitten der Landschaft. Eine Erhebung mitten zwischen kargen Baumreihen und einer Felswand. Schneebedeckt und bis zum Horizont reichend. Becca war sprachlos. DAS entschädigte sie für die letzten Stunden. Ihre Laune stieg merklich an. Was für ein wunderbarer Ausblick. Sogar ein Lächeln überzog jetzt ihr Gesicht. Eine ganze Weile konnte sie sich nicht von diesem Anblick lösen. Ihre Mutter hatte nicht übertrieben. Wenn sie noch einmal so einen Ausblick genießen konnte, dann war das alleine schon die Reise nach Island wert!
Irgendwann allerdings spürte sie dennoch die Strapazen der Reise. Sie würde sich jetzt erst einmal umziehen und unter die Dusche springen, bevor sie eincheckte und zum Speisesaal ging.
Ihr Magen erinnerte sie daran, dass sie lange nichts mehr gegessen hatte und dies jetzt schleunigst nachholen sollte. Nun musste sie sich beeilen. Das Bad war ebenfalls liebevoll gestaltet und sehr groß. Man legte wohl hier doch ein wenig Wert auf ein gewisses Wohlfühl-Klima.
Becca musste grinsen, als sie den kleinen Zuber und die Holzkelle sah, die wohl für einen Saunagang gedacht war. Es war nur Zierde, aber liebevoll dekoriert. Sie grinste. »Ich hab schon verstanden!«, sagte sie jetzt laut. »Ich fange an, Island zu mögen!«. Dann ging sie unter die Dusche, um sich ein wenig besser zu fühlen.
In der Hotellobby waren jetzt nur noch wenige Gäste, die sich hier aufhielten. Die meisten hatten inzwischen wohl schon eingecheckt und auf ihren Zimmern oder hatten sich im Foyer ein wenig ausgeruht. Becca trat an die Rezeption heran und klingelte. Eine Dame kam aus der Tür hinter dem Tresen hervor und lächelte. »Was kann ich für Sie tun?«, wollte sie wissen. »Ich möchte einchecken!«, sagte Becca und senkte ihren Blick. Die junge Frau hatte blaue Augen und sah so gar nicht aus, wie sich Becca eine typische isländische Dame vorgestellt hatte. Aber vielleicht hatte sie sich auch einfach nicht genug auf Island vorbereitet. Es war völlig egal. Diese Dame arbeitete hier und kam aus Island, fertig!
Die junge Frau reichte ihr ein Klemmbrett mit zwei Zetteln und einem Stift, der aus Holz bestand. Becca nahm alles irritiert entgegen. Man war hier wohl sehr auf Umweltbewusstsein ausgerichtet. Bis auf den Bus, der hatte seine Abgasnorm wahrscheinlich schon 50 Jahre überschritten! »Danke!«, sagte Becca und setzte sich auf einen der kleinen Sessel, die in der Nähe standen. Dann überflog sie den Zettel und füllte ihn aus.
Ein älterer Herr mit weißen Haaren saß ihr gegenüber und musterte sie auffällig. Seine Kleidung war alles andere als inseltypisch und er schien zum Hotelpersonal zu gehören.
Er trug neben einem dunklen Anzug und einem hellen Hemd zudem einen Stock bei sich, der edel genug war, um einem britischen Gentleman zu stehen. Weder dieser Stock passte zu diesem Ambiente noch er selber. Dennoch ließ sich dieser Herr nicht aus der Ruhe bringen und ließ sein Augenmerk auf Becca ruhen, nachdem seine Augen sich erneut in der Hotellobby umgesehen hatten. Er grinste.
Becca hatte ihn schon vor einigen Minuten wahrgenommen, als sie die Hotelhalle betrat. Vorhin aber hatte sie noch kein Augenmerk für ihn gehabt. Doch jetzt fühlte sich unwohl in seiner Nähe. Irgend etwas an ihm kam ihr sonderbar vor. Becca bildete sich ein, bisher eine gute Menschenkenntnis zu haben und war eigentlich auch zunächst immer offen für ihr Gegenüber. Doch dieser Herr bereitete ihr Unbehagen. Sie konnte sich nicht erklären warum dies so war. Aber so fühlte sie es.
Becca stand wieder auf und ging zurück zur Rezeption. Die Augen des älteren Herrn folgten ihr. Er hatte seinen Stock neben sich gestellt, bereit für einen Sprung im nächsten Moment.
»Sie können jetzt in den Speisesaal gehen!«, sagte die Dame und wies in die entsprechende Richtung, aus der schon der Essensgeruch kam. Becca nickte. »Dankeschön!«, sagte sie. »Morgen früh 9 Uhr beginnen wir mit dem Ausflug!«, rief sie Becca noch nach. Becca nickte wortlos und ging dem Geklapper der Teller und Tassen entgegen, um endlich ihren Magen zufrieden zu stellen. Der ältere Mann sah ihr nach.
Obwohl Becca schon im Flugzeug hierher Einiges an Informationen über diese Insel erfahren hatte, konnte es nichts schaden, wenn man sich einem Trupp Touristen anschloss, um die Insel zu erkunden. Schließlich wollte sie ihrer Mutter vermitteln, dass sie auf deren Spuren hier in Island gewandelt war und auch einiges von der Gegend mitbekommen hatte. Also buchte sie am Nachmittag noch die Reise mit und kramte in ihrem Gepäck, was sie denn als Reiseausrüstung brauchte. Sie konnte nur hoffen, dass es nicht schon wieder dieser kleine Bus war, mit dem sie hierher gekommen waren, obwohl er vom Sitzkomfort nicht schlecht war.
Becca hatte sich inzwischen ins Freigelände vor dem Hotel begeben, um wenigstens vor der Nacht, die hier eigentlich keine Nacht mehr war, ein wenig umzusehen. Die Luft roch hier anders als in Deutschland. Irgendwie salziger und schwefelhaltiger und irgendwie komisch. Becca verzog das Gesicht. Industriestaub konnte das wohl schlecht sein. Durch die Klimaanlage des Busses war ihr davon bis jetzt allerdings nichts Wesentliches aufgefallen. In Reykjavik standen nur einige hohe Türme, die aber auch keinerlei Rauchgasentwicklung sichtbar machten, so dass es wohl keinerlei Emissionsbelästigung hier gab. Der Schwefel konnte wohl nur von den Geysiren her stammen, die über die Insel verteilt waren.
Der Gletscher, der von ihrem Zimmer aus zu sehen war, erschien hier so ganz anders. Inzwischen hatte sich auch die Dunkelheit herübergezogen, so dass er drohend und wie ein wildes Tier, das auf dem Sprung lag, imponierte.
Becca stemmte die Hände in die Hüften und sah zu diesem komisch anmutenden Gletscher herüber. »Ich weiß nicht, wie ich Dich ansprechen soll, aber Du machst mir keine Angst!«, sagte sie leise. Sie wollte nicht peinlich erscheinen, wenn sie mit einem toten Gelände sprach.
Eine Weile verharrte sie in dieser Position. Dann nickte sie ihm noch einmal höflich zu und wandte sich ab. Trotzdem war ihr so, als ob er sie beobachtete.
Becca strich noch ein paar Mal über das Gestrüpp, das am Weg zum Hoteleingang ihren Weg kreuzte, dann ging sie hinein. Drinnen erklang über die Lautsprecher leise, fremde Musik und sie beschloss, an der Bar noch einen letzten Cocktail zu sich zu nehmen, bevor das Bett in ihrem Zimmer nach ihr rief.
Zu grell schien das Zimmerlicht auf die Terrassentür, so dass sie den Gletscher jetzt nicht mehr richtig erkennen, bevor sie die Vorhänge schloss. Schade, dachte sie. Aber morgen früh sehe ich Dich ja wieder, grinste sie!.
Am nächsten Morgen erwachte Becca durch das schon helle Morgenlicht. Mit Schwung sprang sie aus dem Bett, was aber beinahe Folgen für sie gehabt hätte, denn das Fell vor ihrem Bett rutschte einige Zentimeter Richtung Terrassentür. Im letzten Moment konnte sie sich noch fangen und grinste. »Verunfallt beim Aufstehen!«, grinste sie. Ein gefundenes Fressen für die Versicherung. Dann riss sie die Vorhänge auf, um einen Blick auf »ihren Gletscher« zu bekommen. Verwundert rieb sie sich die Augen. Dort, wo gestern noch ein wenig Schnee die Kuppe des Gletschers überzogen hatte, war jetzt ein ganzer Abhang voller Schnee. Es hatte dort geschneit.
Doch vor ihrer Terrassentür und auch auf dem nahen Gelände keine Spur einer einzelnen weißen Flocke. Sie überlegte. Wie weit würde der Gletscher wohl entfernt sein? Das konnte doch nicht so weit sein. Schließlich war Island eine kleine Insel von gerade Mal 103.000 Qkm. Und mehr als jeder dritte Isländer konnte einen ganzen Quadratkilometer für sich in Anspruch nehmen. Das war eine Menge!
Allerdings waren sie dort nicht ganz alleine, denn außer den »paar Leutchen« bevölkerten noch 460.000 Schafe und 4 Millionen Papageientaucher dieses Eiland.
Die Hotellobby war ein wenig gefüllt und einige »Rucksack-Touristen« hatten schon eigene Charter-Gesellschaften aufgesucht. Auf einem großen Schild prangte der Aufdruck: »Inselrundfahrt 9.00 Uhr. Bitte festes Schuhwerk anziehen!«. Becca leuchtete das ein. Auf den Baustellen, die ihr Vater immer wieder aufsuchen musste, hatte er immer Sicherheitsschuhe an mit einem besonders harten und dicken Profil. Oft hatte er erzählt, dass er die Hitze des Straßenbelages durch die Schuhe spürte, wenn die Autobahn frisch geteert worden war. Dann waren Becca und ihre Mutter immer froh gewesen, wenn seine Schuhe das hielten, was sie eigentlich auch versprechen sollten. Doch einem Lkw konnte diese leider auch nicht standhalten. Becca malte sich jetzt bereits aus, wie es war, auf warmen Steinchen den Gletscher hinauf zu wandern, hindurch durch schwefelhaltige Luft und rauen Wind. Sie freute sich jetzt doch ein wenig auf diese wohl außergewöhnliche Fahrt.
Becca trat in den Speisesaal ein. Auch von hier aus hatte mein einen wunderbaren Ausblick auf die Insel.
Der große Golfplatz vor der Tür lud dazu ein, gleich vom Frühstückstisch einen der kleinen weißen Golfbälle dahin zu manövrieren, wo man ihn am besten gar nicht mehr wiederfand: In den Schnee des Gletschers, sie grinste. Golf war absolut nicht ihr Ding.
Der Gletscher, der von ihrem Zimmer aus zu sehen war, war hier nicht präsent. Stattdessen die wild zerklüfteten Hänge der Felsen, die das Eiland ausmachte und im krassen Gegensatz dazu der äußerst aufwendig gestaltete und sehr gepflegte Golfplatz.
Der Frühstückssaal war mit hellen Stühlen ausgestattet, ebenso wie das ganze Flair des Hotels. Einige dunkle Steinplatten waren an den Wänden angebracht. Becca ging davon aus, dass es kein Schiefer, sondern Lava war, die inzwischen erkaltet und wahrscheinlich schon mehrere hundert Jahre alt war. Auch der ältere Herr kreuzte ihren Blick und nickte ihr zu. Unbehagen stieg erneut in Becca auf. War das jetzt nur ein Nicken, weil sie sich gestern begegnet waren, oder nickte er, weil er höflich sein wollte? Becca erwiderte sein Nicken. Dann wandte sie sich verstört ab und steuerte einen der noch leeren kleinen Tische an.
Das Frühstück war üppig und der Fruchtsaft schmeckte intensiver, als sie es von zuhause her gewohnt war. Die junge Frau am Nachbartisch sah sie an. »Ich war schon dreimal hier!«, raunte sie ihr zu. »Der Fruchtsaft stammt aus einer kleinen Fabrik hier und ist von den einheimischen Früchten. Da schmeckt man die Kraft der Sonne, die den ganzen Sommer über nicht untergehen will!«, sagte sie leise. Becca nickte. Das konnte sie sich gut vorstellen.
Nachdem Becca gefrühstückt und sich für den Ausflug umgezogen hatte, trat sie vor das Hotel. Zwei große Jeeps von Mercedes standen vor der Tür. »Nobel geht die Welt zugrunde!«, sagte sie grinsend. Einer der Ranger wies sie an, näher zu kommen. »Sind Sie schwindelfrei? Leiden Sie unter der Reisekrankheit?«, wollte er platonisch wissen, doch Becca schüttelte den Kopf. »Dann wäre ich wohl kaum auf diese Insel gekommen, oder?«, meinte sie keck zurück. Der Ranger nickte nur kurz und zeigte auf das Wageninnere des ersten Vans. Dann stieg Becca ein und schnallte sich an. Weitere Gäste gesellten sich daraufhin zu ihr.
Es dauerte nicht mehr lange, bis beide Autos besetzt waren. Becca setzte sich mit dem ersten Tross in Bewegung, während der zweite Jeep ihnen folgte. Über die Landstraße war es bestimmt kein Problem, mit diesem Luxus-Auto durch die Gegend »kutschiert« zu werden.
Gespannt durfte man allerdings darauf sein, wie er sich denn im Gelände bewegte. Sie hatte ja nur Erfahrung mit ihrem alten klapprigen Auto, dass aber bis heute seinen Dienst verrichtete. Das hoffte sie zumindest, dass es auch heute noch hielt.
Die Fahrt dauerte noch nicht allzu lange, als der Fahrer sich an seine Fahrgäste wandte.
»Wir werden jetzt an einigen Naturschauspielen vorbei kommen meine Herrschaften«, flötete er.
»Die Namen brauchen Sie sich nicht zu merken, dass werden Sie ohnehin nicht schaffen bei Ihrer ersten Reise in dieses phantastische Land. Wir hoffen dennoch, dass Ihnen dieser kleine Road-Trip ein wenig Freude bereitet. Festes Schuhwerk haben Sie ja alle an, damit dürfte das kein Problem darstellen!«. Damit beendete er seine kurze Ansprache und widmete sich wieder dem Verkehr.
Nach gefühlten zwei Stunden steuerte er endlich seinen Jeep in etwas unwegsames Gelände. Vor ihnen tat sich eine weite Ebene auf, die seinesgleichen suchte. Dann hielt der Ranger den Wagen in der Nähe eines kleinen Hotels an. »Wir sind jetzt an der nördlichsten Spitze von Island und werden uns hier ein wenig die Beine vertreten. Ich werde Ihnen ein wenig über diese Besonderheit der Bergspitze erzählen«. Er sah in die Runde und räusperte sich. »Nordwestlich der Insel Islands erstreckt sich hier ein Randgebiet, dass einem Cockerspaniel ähnelt«, begann er und erntete damit seinen ersten Lacher. Dann aber winkte der Ranger. »Wenn Sie vom Helikopter aus diese Landzunge anfliegen, dann es sieht wirklich so aus, als ob dieser im hohen Sprung auf die Insel ansetzte!«. Der Ranger drehte sich jetzt der zerklüfteten Felslandschaft zu. »Der Sage nach heißt es, dass seine Ohren hoch in der Luft standen und mit einem kläffenden Grinsen im Gesicht hatte sich der junge Cockerspaniel vorgenommen, diese Insel zu erreichen.« Die Gäste der beiden Autos wurden still, als der Ranger seine Stimme ein wenig senkte. Dann sprach er fast schon ehrfürchtig weiter. »Es war wohl die Freundschaft zwischen dem Geysir und diesem Hund-ähnlichen Gebirge, was den Wind davon abhielt, diesen Nebel in seine Richtung zu treiben. Nur leichte Schleier hüllten die Küste ein, so als ob der Geysir seinen kleinen Hund damit zudecken wollte, so dass er nicht frieren musste.« Dann machte der Ranger eine kleine Pause. Er zeigte mit beiden Armen jetzt nach oben in den noch hellen blauen Himmel.
»Andererseits war da noch das jetzt eigentlich üblicherweise aufkommende und zur Jahreszeit noch passende Nordlicht«. Dies gab dem kleinen Welpen die Wärme, die er jetzt sicherlich gut gebrauchen konnte. Die Fahrgäste schauten gebannt nach oben und auch Becca lief ein Schauer über den Rücken.
Sie stellte sich diese Szene schön vor, als der junge Hund um Hilfe bat und der Geysir ihm diese gewährte.
Becca drehte sich um. Einerseits fand sie diese märchenhafte Geschichte phantastisch, denn sie liebte Geschichten, die man sich »an den Haaren herbei ziehen konnte«. Andererseits wusste sie sehr gut Bescheid über dieses Nordlicht, denn als Biochemikerin hatte sie auch schon das ein oder andere Mal damit zu tun gehabt, wenn es z.B. um Photosynthese ging. Vielleicht würden sie noch die Gelegenheit haben, das Nordlicht »live« zu sehen!
Vom Hotel zog man also zunächst hoch bis zum Fischereihafen Borganes
