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Eine spicy Roommate Romance voller Funkenflug und Knisterspannung !
Wie gewinnt man seinen Ex-Freund zurück, wenn der einen todlangweilig findet?Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Neuauflage Dezember 2025, zuerst erschienen unter dem Pseudonym Maddie Holmes
©2025, Bobbie Kitt (Simone Olmesdahl)
Oberlandenbeck 2
59889 Eslohe
Covergestaltung: Covers in Color (coversincolor.com)
Verwendete Stockbilder: Cityscape Image - Licensed with Adobe Stock Photo ID: 353743956, Photographer: ALBERTO GONZALEZ
Floral Effects - Licensed with Earthen Stock
Lektorat: Romance Edition, Österreich
Buchsatz: Kirsten Greco
Für alle reparierten Herzen – und die fabelhaften Menschen, die den Reparaturservice übernommen haben. Manchmal ist es nicht die Zeit, die dich heilt, sondern die richtige Person!
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Epilog
Über die Autorin
Der einzige Mensch, der mir je eine Lebensweisheit mit auf den Weg gegeben hat, ist mein Onkel Gordey gewesen: Begehe Dummheiten, solange du jung bist. Dann hast du ein paar lustige Geschichten zu erzählen, wenn du später alt bist.
Ich wusste nicht, ob diese Weisheit etwas taugte, schließlich war Gordey nicht unbedingt eine seriöse Quelle, was kluge Ratschläge anging. Er hatte sich schließlich mit Mitte dreißig zu Tode gesoffen. Allerdings wäre es gelogen, zu behaupten, dass ich ihn als abschreckendes Beispiel betrachtete und deshalb keine Dummheiten beging.
Im Gegenteil. Meine jüngste Schnapsidee des noch nicht mal vier Monate alten Jahres lag gerade neben mir im Bett, schlug die Augen auf und blinzelte benommen gegen das Licht des angebrochenen Tages an. Mein Plan, mich unbemerkt aus dem Staub zu machen und uns beiden einen überaus peinlichen Moment zu ersparen, war somit dahin.
»Guten Morgen, Prinzessin«, sagte ich mit trockenem Mund, setzte mich auf und schlug die Decke zur Seite.
Professorin Amelia Turner fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht und schob ein paar blonde Haarsträhnen aus der Stirn, bevor sie mich verschlafen anblickte. Ich konnte an ihrer Miene erkennen, wie sich hinter ihren Schläfen eins zum anderen fügte und die Erinnerungen an letzte Nacht ihren Verstand aufweckten. Ihre Wangen flammten auf, sie kniff die Lippen ein wenig zusammen, und in nächster Sekunde presste sie sich eine Faust auf die Stelle zwischen den Augen – einen Herzschlag lang. »Gott, ich dachte, das wäre ein Albtraum gewesen.«
»Wenn Weltklasse-Sex in deinen Albträumen vorkommt, will ich unbedingt wissen, wovon deine schönen Träume handeln.«
Das entlockte ihr ein kleines Lächeln. Sie richtete sich etwas auf und stützte sich auf einen Ellenbogen.
Ihr schulterlanges Haar war verstrubbelt, ihre Wimperntusche verschmiert. Durch die Röte auf ihrem Gesicht und dem Hals – Hölle noch mal, hatte ich ihr rechts einen Knutschfleck verpasst? – wirkte sie fünfzehn Jahre jünger als in dem adretten Kostüm, das trug, wenn wir uns im Hörsaal begegneten. Sie schien sich unwohl zu fühlen und zog die Bettdecke ein Stück höher. Vielleicht hatte sie Angst, dass ich ihr irgendwas weggucken könnte. Amüsant, da es keine Stelle gab, die ich letzte Nacht nicht gesehen, berührt oder vereinnahmt hatte.
»So war das nicht gemeint«, setzte sie an. »Es war gut. Wirklich gut. Der unbändige Johnny war … großartig. Ich wollte damit nur sagen …« Sie brach den Satz ab und biss sich auf die Lippe.
Stopp mal, der unbändige Johnny? Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, was sie damit meinte. Ihr war der Ausdruck gestern Abend und in der Nacht schon herausgerutscht, nur war ich zu beschäftigt gewesen, um mir darüber Gedanken zu machen. Bis jetzt.
Ungeheuerlich, sie hat meinem Schwanz einen Namen verpasst.
Na wunderbar.
»Ich meine …«, versuchte sie erneut, die richtigen Worte zu finden. Wer hätte gedacht, dass es der sonst so resoluten Frau einmal die Sprache verschlagen würde?
»Ich weiß, was du sagen willst. Der Sex war göttlich, aber du fühlst dich beschämt, wenn du darüber nachdenkst, wer ihn dir verschafft hat«, half ich ihr aus der Klemme und versuchte die Vorstellung zu verdrängen, dass sie mich während ihres Unterrichts versehentlich mit Johnny ansprechen könnte.
Ich war sicher, dass Amelia Turner normalerweise nicht mit ihren Studenten ins Bett ging und keine Übung darin hatte, so ein Malheur zu verheimlichen. Tja, Shit – oder viel mehr Wodka – happens. Ich vögelte in der Regel auch nicht meine Dozentinnen.
Amelia nickte langsam und brachte es fertig, noch ein bisschen zerknirschter auszusehen. »Ich schätze, das trifft es in etwa.«
»Hey. Lass uns keine große Sache draus machen.« Ich rückte etwas näher und fuhr ihr mit dem Daumen über eine Wange, bevor ich mich abwandte und die Beine aus dem Bett schwang.
Ich musste schleunigst aus diesem Schlafzimmer verschwinden, bevor die Situation noch unangenehmer wurde. Doch für eine Sekunde drehte sich der weiß eingerichtete Raum und bremste mein Vorhaben aus. Als einhundertprozentig nüchtern ließ sich mein Zustand also noch nicht beschreiben.
Interessant.
»Glaub mir, von großen Sachen habe ich seit letzter Nacht erst mal genug«, murmelte sie hinter meinem Rücken.
Ha, immerhin hielt sie den unbändigen Johnny für eine große Sache. Dennoch. Ich würde Wes töten, so viel stand fest. Das Dilemma war allein seine Schuld. Ich hatte mich gegen meine Gewohnheiten von ihm breitschlagen lassen, unter der Woche einen Abstecher in diese Bar in South Side Flats zu machen. Darts spielen, ein Bier trinken. Dass es nicht bei einem Bier bleiben würde, hätte ich wissen müssen. Die Erfahrung zeigte, dass Barbesuche mit Wes meistens damit endeten, dass ich verkatert in fremden Betten aufwachte. Als Amelia die Bar betreten und Wes mir seine persönliche Theorie über Frauen ab vierzig unterbreitet hatte, wirkten bereits die ersten Kurzen in mir.
Sie war allein unterwegs, seit diesem Semester trug sie links keinen protzigen Ring mehr am Finger, und ich war betrunken genug gewesen, sie auf einen Drink einzuladen. Irgendwann, als wir alle schon ziemlich benebelt waren, war Weston auf die unterirdische Idee gekommen, »Ich habe noch nie …« zu spielen. Als wären wir sechzehn.
Unglaublicherweise war Amelia von der Albernheit leichter zu überzeugen gewesen als ich.
»Ich habe noch nie mit jemandem geschlafen, der mehr als fünfzehn Jahre älter oder jünger ist als ich«, provozierte ich sie, sobald ich an der Reihe war, eine Wahrheit auszusprechen. Weder Weston noch Amelia führten daraufhin ihr Schnapsglas an den Mund, was bedeutete, dass sie das ebenfalls nie getan hatten. Tja, und weil Wes zuvor herausgefunden hatte, dass Amelia auf dunkelhaarige große Männer stand, bot ich ihr übermütig an, dass wir das ändern könnten.
Glanzleistung, Jerschow. Selbst für mich, König der Dummheiten, war das eine blöde Nummer gewesen. Von jetzt an konnten alle Montage nur noch beschissener werden, als Montage ohnehin waren. Wahrscheinlich musste ich ab sofort für jedes A oder B in meinem Soziologiekurs auf die Knie fallen und betteln, da ich der Frau, die ihn gab, letzte Nacht den Arsch versohlt hatte.
»Alles in Ordnung?«, wollte Amelia wissen. Vermutlich, weil ich mich nicht von der Bettkante rührte.
»Alles bestens«, behauptete ich.
Ich kniff ein paar Mal die Augen zusammen, um die Bilder von ihrem – zugegeben – sexy Hintern aus meinen Kopf zu verdrängen und das Schwindelgefühl in den Griff zu kriegen. Dann stand ich vom Bett auf und fing an, meine Sachen vom Boden aufzuheben.
Im Augenwinkel bemerkte ich, dass Amelia mir dabei zusah. Ihr Blick brannte auf meiner Haut, ich spürte ihn über jeden Zentimeter meines Körpers gleiten, meine Tattoos nachzeichnen, auf meinen entblößten Schritt fallen. Böses Mädchen. Ich legte mein Zeug aufs Bett und behielt nur meine schwarzen Boxer Briefs in der Hand, bevor ich mich ihr zuwandte und tadelnd eine Braue anhob. Sie besaß genug Anstand, sofort ertappt auszusehen.
»Hattest du nicht gesagt, du hättest vorerst genug von großen Sachen?«
»Ich …« Sie schüttelte den Kopf, wie um sich zur Besinnung zu rufen. Dann rutschte sie zur Bettkante und stand ebenfalls auf – wohl darauf bedacht, die Decke fest an sich zu drücken. »Willst du Kaffee? Ich sollte in die Küche gehen und welchen machen.«
»Sind wir uns einig, dass sich die letzte Nacht auf keinen Fall wiederholen wird?«, hielt ich sie mit einer Gegenfrage davon ab, das Schlafzimmer zu verlassen.
Sie nickte langsam und machte ein Gesicht, als wolle sie mich für verrückt erklären, falls ich glaubte, sie würde etwas anderes in Erwägung ziehen.
In meiner Welt war Sex eigentlich nichts, für das man sich schämen musste. Selbst dann nicht, wenn er schmutzig gewesen und bis zu einem gewissen Grad auf den Einfluss von Alkohol zurückzuführen war. Aber die Tatsache, dass sie mich als Professorin an der Uni unterrichtete, machte es mir ebenfalls schwer, an meiner Einstellung festzuhalten.
»Perfekt. Dann lautet die Antwort Nein. Danke, für mich keinen Kaffee. Ich glaube, es wäre das Beste, wenn ich so schnell wie möglich verschwinde.«
Unschlüssig stand sie einen Moment steif im Raum. »Ich kann auf deine Verschwiegenheit zählen?«
»Der unbändige Johnny und sein Besitzer halten die Klappe«, versicherte ich ihr.
Ihre Mundwinkel zuckten, ihre Haltung entspannte sich. Zum Vorschein kam die selbstbewusste Frau, die ich aus dem Hörsaal kannte. »Du solltest dich beeilen. Du hast gleich einen Kurs.«
Einen Kurs.
Das saß.
Mist!
Genau aus dem Grund ließ ich mich sonst nicht dazu hinreißen, mittwochs mit Wes in einer Bar abzuhängen. Um acht hielt eine australische Gastdozentin einen Vortrag, zu dem ich mich angemeldet hatte. Ich brauchte die Stunden für meine Credits und durfte den Termin keinesfalls verpassen.
Ich sah mich verzweifelt nach einer Uhr um, während Amelia die Chance ergriff, sich aus dem Schlafzimmer zu verkrümeln. Es hatte den Effekt eines Stromschlags, als mein Blick den Wecker auf der weißen Nachtkonsole erfasste und mir die Uhrzeit fast die Augen rausbrannte.
Zwanzig nach sieben. Unmöglich, es rechtzeitig zum Campus zu schaffen. Wir hatten ein Taxi zu Amelias Haus genommen. Mein Wagen stand noch in South Side Flats und somit am anderen Ende der Stadt. Pittsburgh war kein Dorf, und die Forbes Avenue nach Oakland war morgens der reinste Albtraum. Ich würde mindestens eine Stunde brauchen, um mein Auto zu holen und einen Zwischenstopp bei der WG einzulegen, in der ich wohnte.
Mein Kopf summte, und die Drinks von gestern Abend forderten ihren Tribut, während ich mich in Windeseile in meine Klamotten warf. Ich musste mich aufs Bett setzen, um meine Jeans, Socken und Schuhe anzuziehen, weil mir plötzlich kotzschlecht war und sich mein Magen wie ein Reagenzglas anfühlte, in dem giftige Substanzen schwammen. Vielleicht ergaben die durcheinandergewürfelten Drinks ja im Nachhinein einen tödlichen Mix.
Trotz allem schaffte ich es irgendwie, zwei Minuten später den Flur zu betreten und mit meiner Lederjacke über dem Arm die Wendeltreppe anzusteuern.
Amelia lehnte im Türrahmen zur Küche, die sich ein paar Schritte neben der Haustür befand. Sie hatte sich das Haar sortiert und einen blauen Morgenmantel übergestreift. In ihrem Blick lag eine gehörige Portion Mitleid, aber bevor sie etwas sagen konnte, um es zum Ausdruck zu bringen, nahm ich ihr Gesicht zwischen die Hände und drückte spontan meine Lippen auf ihre. »Danke.«
»Wofür?«, fragte sie perplex.
»Du hast mir letzte Nacht ein paar Orgasmen verschafft, und ich bin ein höflicher Mensch. Und jetzt tun wir so, als wäre das alles niemals passiert.« Ich ließ sie los und zwinkerte ihr zu, bevor ich mich mitsamt Achterbahn fahrendem Magen wacker nach draußen schleppte.
Leichter Nieselregen traf mein Gesicht, als ich die Tür des Reihenhauses hinter mir zuzog und durch den kleinen Vorgarten Richtung Straße ging. Ich nahm meine Jacke vom Arm und schob die Hände durch die Ärmel, während ich krampfhaft überlegte, wie ich auf schnellstem Weg zur Uni gelangte. Notfalls in den Sachen, die ich trug. In meinem verkaterten Zustand spielte es keine Rolle – ich würde ohnehin ein erbärmliches Bild abgeben.
Ich holte mein Handy aus der Innentasche der Jacke. Es zeigte einen verpassten Anruf meines Vaters an, mit dem ich mich jetzt nicht beschäftigen konnte. Oder wollte. In der Hoffnung, eine göttliche Eingebung zu erhalten, ging ich die Namen in meinen Kontakten durch und verspürte ein Ziehen in der Brust, als bei Willow hängen blieb. Mal wieder. Meine Lieblingsmitbewohnerin hatte sich längst den Titel Arschretterin des Jahres verdient. Es nervte mich, sie dauernd um einen Gefallen zu bitten, und sie nervte das wahrscheinlich noch drei Mal mehr.
»Es kann nichts Gutes bedeuten, wenn du um diese Zeit anrufst«, nahm sie das Gespräch an.
Ich beschloss, es kurz und schmerzlos zu machen. »Du musst mich abholen kommen.«
Stille. Dann ein Seufzen.
»Muss ich das?« Ich konnte mir bildhaft vorstellen, wie sie die braunen Augen verdrehte und sich mit der für sie üblichen Geste den schwarz-blaugesträhnten Pony aus der Stirn schob.
»Bitte, Will. Bist du noch zu Hause?«
»Ziehe gerade die Tür hinter mir zu.«
Ich hörte tatsächlich ein Geräusch, das dazu passte. Ich hatte sie gerade noch im rechten Moment erwischt. »Geh noch mal rein«, bat ich sie.
»Warum sollte ich das tun?«
»Um ein Shirt aus meinem Schrank zu holen und meine Zahnbürste.«
»Oh Mann, Kolja, du bist wirklich ein Chaos auf zwei Beinen«, schimpfte sie, aber ich registrierte, wie die Schlüssel an ihrem Bund klimperten. »Zuerst verrätst du mir, wo du steckst.«
»In Brookline. Moment …« Warum zum Henker war hier nirgendwo ein Straßenschild?
»Was hast du um diese Zeit in Brookline verloren? Halt, nein. Ich will es gar nicht wissen. Hast du eine Ahnung, wie lange die Fahrt dahin dauert?«
»Es ist wichtig, Will. Ich darf diesen Vortrag um acht nicht verpassen. Ich habe das Semester echt knapp geplant und komme gerade so auf die nötigen Credits.«
»Leute wie du sollten sowieso niemals ihren Abschluss machen und danach Kinder unterrichten. Du eignest dich nicht als Lehrer, Kol«, behauptete sie, meinte das aber bestimmt nicht ernst.
Ich verzog das Gesicht. »Lass mich nicht betteln. Ich bin schlecht darin.«
»Dir ist klar, dass wir beide zu spät kommen werden?«
»Ja«, gab ich zähneknirschend zu.
»Schön, du Held. Schick mir die genaue Adresse. Ich versuche, mich zu beeilen. Aber hey, du schuldest mir was.«
Ich atmete erleichtert aus und schrieb den Gefallen gedanklich auf die imaginäre Liste, auf der ich meine Schulden bei Willow sammelte. Ich würde zweihundert Jahre alt werden müssen, um sie in diesem Leben begleichen zu können. Leider war sie die einzige meiner vier Mitbewohner, die mit mir an der Pitt studierte und deshalb oft meine erste Wahl, wenn es darum ging, mich aus einer Misere retten zu lassen.
Ich lief die Straße entlang zu einer Kreuzung und schickte Will meinen Standort. Mein Blick verschwamm, während ich aufs Smartphone sah. Vielleicht würde ich den verdammten Vortrag ja nicht überleben, sondern an dem mordsmäßigen Kater sterben, der sich erst so richtig zur Hölle entfalten würde, sobald der Restalkohol aus meinem Blut verschwunden war. Immerhin könnte man mich gleich neben Gordey beerdigen.
Willow würde todsicher zwanzig Minuten bis hierher brauchen. Ich prügelte mich nicht darum, die Stimme meines Vaters zu hören, am liebsten war mir, er spielte den Nicht-Existierenden. Aber ich musste mir die Zeit vertreiben, und außerdem rief er so selten an, dass es sich bei seinem Anruf durchaus um etwas Wichtiges handeln konnte. Also sprang ich über meinen Schatten – nicht zuletzt, um es hinter mich zu bringen – und hörte die Nachricht ab, die er auf meiner Mailbox hinterlassen hatte.
» Koljascha, ruf mich zurück, wenn du das hörst. Ich werde Ende nächsten Monats nach Pennsylvania fliegen und deine Schwester besuchen. Es wäre schön, wenn wir uns dann auch sehen könnten.«
Wow. Seine harte Stimme hatte denselben Effekt wie ein Eimer Eiswasser. Alles in mir zog sich zusammen.
Er wollte in die Staaten kommen? Seit zwei Jahren hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Kurz nach meinem sechzehnten Geburtstag, also vor über sechs Jahren, war er zurück nach Moskau gezogen. Unsere Begegnungen konnte ich seitdem an einer Hand abzählen. Er bezahlte die Unterbringung meiner kleinen Schwester in einer Wachkomaeinrichtung. Das war der einzige Grund, warum ich den Mann nicht längst komplett aus meinem Leben verbannt hatte. Raisa war auf seine finanzielle Unterstützung angewiesen. Zumindest, bis ich meinen Abschluss in der Tasche und einen anständigen Job gefunden hatte. Ich durfte also nicht neben Gordey enden.
Ich lehnte mich gegen eine poröse Mauer, die das Grundstück eines großen Hauses umgab. Die toxische Mischung in meinen Adern verlor an Wirkung, und ich fühlte mich schlagartig schon viel nüchterner. Ich war nicht scharf darauf, meinen Dad zu treffen, und erst recht nicht, mit ihm zusammen Raisa zu besuchen. Der Mann hatte unser Leben zerstört, es zu pechschwarzem Konfetti zerfetzt. Ich wollte mit Andrej Jerschow nicht mehr zu tun haben, als unbedingt nötig. Nur leider war der Typ ein heilloser Egoist, der sich nichts aus den Wünschen anderer machte, solange ihm das keinen persönlichen Vorteil brachte.
Das Leben bestand nicht nur aus Schokolade, obwohl man das in der kleinen Konditorei, in der ich donnerstags nach der Uni arbeitete, beinah glauben konnte. Es war Viertel nach sechs, vor ein paar Minuten hatte meine Kollegin Isobel das Schild an der Eingangstür umgedreht, sodass jetzt von außen ein ‚Geschlossen‘ zu lesen war, und wir waren so gut wie ausverkauft.
Ich brach ein Stück Schokoglasur von einem der drei übriggebliebenen Muffins ab und versuchte, nicht durch die Fensterfront auf den Bürgersteig zu blicken, wo sich Julien und Audrey angeregt unterhielten. Mein Julien wohlgemerkt.
Ich war eigentlich keine besonders besitzergreifende Frau, aber sobald Audrey in seiner Nähe auftauchte, überkam mich das Verlangen, ihm wie eine Alphawölfin quer übers Gesicht zu lecken und ihn als meins zu markieren. Eifersucht war total scheiße.
»Meinst du, sie treiben es miteinander?«, fragte Isobel in ihrer unverblümten Art, stellte den Wassereimer vor den Kaffeevollautomaten und lehnte sich neben mir gegen die Arbeitsfläche. Ihr Blick folgte meinem nach draußen, und ich hätte mich am liebsten auf den Fußboden übergeben. Allerdings hätte ich die Schweinerei dann selbst wieder wegwischen müssen.
Audrey hatte eine Hand auf Juliens Arm gelegt, während sie irgendeine Geschichte zum Besten gab, die wahnsinnig komisch sein musste. Zumindest hörte ich sein Lachen bis in den Laden. Ich musterte Audreys Outfit, die knallenge schwarze Jeans, das tiefausgeschnittene rote Oberteil, für das es eigentlich viel zu kalt war und unter dem sich ziemlich schlampenhaft ihre Nippel abzeichneten. Ihre kinnlangen blonden Locken bewegten sich im Wind.
Ich kam nicht umhin, mich mit ihr zu vergleichen. Nicht, weil ich Komplexe gehabt hätte – ich hatte keine –, sondern weil ich das absolute Gegenteil von ihr war. Um einiges kleiner, um einiges kurviger, mein Haar war um einiges länger und dunkler.
Was wollte diese Teufelin bloß von meinem Freund?
Klar, Julien sah gut aus. Er war groß, dunkelblond und hatte unglaublich blaue Augen. Niemand wusste besser als ich, dass er ein Kerl war, in den man sich Hals über Kopf verlieben konnte. Aber er war auch bodenständig, zielbewusst und diszipliniert – alles Eigenschaften, die männerfressende Vamps wohl eher nicht zu schätzen wussten. Und vor allem war er vergeben.
»Erde an Nova«, erinnerte mich Isobel daran, dass sie eine Frage gestellt hatte, und fuchtelte mit einer Hand vor meinem Gesicht herum.
»Nein, Isobel. Ich glaube nicht, dass sie es miteinander treiben. Ansonsten hätte ich längst ein paar Jiu-Jitsu-Stunden genommen und der Schlange den Hals umgedreht«, entgegnete ich im Versuch, das Ganze mit Humor zu nehmen, wandte mich ab und warf den angegessenen Muffin in den Mülleimer.
Ich vertraute Julien. Seit meinem ersten Jahr an der CMU, an der ich Informatik und er Architektur studierte, waren wir ein Paar. Ein perfektes Paar, wie ich fand. Ich kannte ihn in- und auswendig. Julien war kein Betrüger.
Das bedeutete jedoch nicht, dass ich dieser Audrey vertraute. Mich nervte es, dass sie seit Wochen wie eine aufgescheuchte halbnackte Ballerina um ihn herumtanzte. Nur, was sollte ich machen? Ich konnte mir schlecht eine Kalaschnikow zulegen und ihr ein Loch in den hübschen Kopf pusten.
»Vielleicht bist du zu gutgläubig. Sie kommt nur donnerstags her, weißt du. An keinem anderen Tag«, sagte Isobel, die sechs Nachmittage pro Woche hinter der Theke der Konditorei stand. Sie strich sich eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn und fügte an: »Fast so, als wolle sie ihn kontrollieren oder überprüfen, ob ihr noch zusammen seid.«
»Setz mir keinen Floh ins Ohr.« Dass mich Julien donnerstags von der Arbeit abholte, war unser kleines Ritual. Er kam immer ein bisschen früher und trank einen Karamellcappuccino, während ich noch mit Isobel den Laden aufräumte. Ich bezweifelte, dass Audrey ihm hinterherspionierte, um herauszufinden, ob wir uns aus heiterem Himmel getrennt hätten. Es gab genug Situationen, in denen sich die beiden über den Weg liefen. Wir hatten Audrey gemeinsam auf einer Party in der Silvesternacht kennengelernt und Nummern ausgetauscht. Obwohl sie auf ein anderes College als wir ging, war sie seitdem praktisch überall. Sie brauchte Julien also nur nach uns zu fragen oder ihm eine Nachricht zu schreiben.
Ich ging in die Backstube, die streng genommen ‚Auftau- und Aufbackstube‘ heißen müsste, da Hapers Bakery die Torten, Kuchen und Cupcakes geliefert bekam, und holte den Besen und das Kehrblechset aus dem angrenzenden Abstellraum. Während ich den Laden fegte und die blauen Plastikstühle auf die Tische stellte, wischte Isobel die Auslage aus.
»Es bleibt dabei, dass du nächste Woche meine Schichten übernimmst?«, fragte sie, als die Konditorei blitzsauber glänzte und wir im kleinen Aufenthaltsraum neben dem Lager unsere Sachen holten.
Ich zog den Reißverschluss meines gelben Parkas nach oben und nahm meine rotkarierte Tasche vom Garderobenhaken. »Klar. Feiere du mal schön die Hochzeit deines Bruders.«
In meinem ersten Jahr an der Forschungsuniversität hier in Pittsburgh hatte ich neben den Donnerstagen in der Konditorei noch zwei Mal die Woche an einem Zeitungsstand gejobbt. Aber dann hatte Mr Franklin, unser Chef, gefragt, ob ich nicht die Urlaubs- und Krankheitsvertretungen übernehmen wollte. Auf diese Weise bekam ich ein monatliches Gehalt, das meine Unkosten deckte und für das ich die Stunden, die ich eigentlich dafür leisten musste, erst im Laufe des Jahres erbrachte. Also hatte ich den unbequemen Job am Zeitungsstand an den Nagel gehängt.
»Wenn ich eine Wahl hätte, würde ich hierbleiben. Du hast keine Ahnung, wie anstrengend meine Familie sein kann. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit versuchen sie, mich zu verkuppeln. Für meine Mom ist es ein Weltuntergang, dass ich mit Ende zwanzig noch keinen Ring am Finger trage und keine Enkel in die Welt gesetzt habe«, erzählte Isobel und folgte mir aus dem Aufenthaltsraum, als ich das Licht ausschaltete.
Vielleicht würde ich mir doch eine Kalaschnikow zulegen. Zumindest war das der vorherrschende Gedanke in meinem Kopf, als wir die Tür erreichten und mein Blick auf Audrey fiel. Julien hatte ihr seine Jeansjacke gegeben. Audrey war hineingeschlüpft, hatte den Kragen aufgestellt und die Arme um ihre Mitte geschlungen. So, als hätte sie nicht vor dem Verlassen ihrer Wohnung beschlossen, dass sie bei zwölf Grad auf einen Büstenhalter und warme Kleidung verzichten konnte.
In meinem Mund breitete sich ein bitterer Geschmack aus, und ich verspürte kleine Stiche im Herzen. Wie Eisnadeln, die sich hineinbohrten. Die Vertrautheit zwischen den beiden ließ mir die Kehle eng werden.
»Ich könnte sie vor ein Auto schubsen«, bot Isobel an, der nicht entgangen war, dass Audrey Juliens Jacke anhatte.
»Keine halben Sachen. Wenn du sie schubst, dann vor einen Truck«, kam es mir über die Lippen.
»Im Ernst, Nova. Du solltest dein Revier abstecken. Sag ihr, dass sie die Finger von deinem Kerl lassen soll.«
»Ich kann ihm nicht vorschreiben, mit wem er befreundet ist.« Wollte ich auch nicht.
Julien musste selbst entscheiden, mit wem er seine Freizeit verbrachte. Dass es über meine Definition von Freundschaft hinausging, wenn sie ihm zehn Kurznachrichten am Tag aufs Handy schickte, ihn ständig um Hilfe bei etwas bat und ihm bei jeder Gelegenheit auflauerte, stand auf einem anderen Blatt. Ich hatte meinen Unmut über die Intensität dieser Freundschaft bereits geäußert, und Julien war ziemlich aus der Haut gefahren. Sein Vortrag über Vertrauen in einer Beziehung lag mir noch gut im Gedächtnis. Ich konnte Streit nicht ausstehen, und ich würde nicht zulassen, dass Streitereien wegen dieser Frau meine Beziehung zerstörten. Also hatte ich beschlossen, mein Audrey-Problem einfach auszusitzen. Früher oder später würde sie das Interesse an ihm verlieren. Hoffentlich.
»Aber du kannst ihm erklären, was der Unterschied zwischen befreundet sein und flirten ist. Sorry, Süße, schau doch mal hin. Sie himmelt ihn an, und wenn er behauptet, das nicht zu merken, dann ist er ein verdammter Lügner. Auf mich wirkt es, als stünden sie kurz davor, sich vor aller Welt die Kleider vom Leib zu reißen und auf dem Gehweg zu vögeln.« Isobel fischte den Ladenschlüssel aus ihrer Jackentasche und zog die Tür auf. Sie hielt sie mir auf, und ich trat an ihr vorbei nach draußen.
»Herzlichen Dank für die aufbauenden Worte«, murmelte ich.
Ein dumpfes Gefühl schlängelte sich durch meinen Magen, während ich zu Julien und Audrey ging und bei ihnen stehen blieb. Isobel schloss die Tür ab und warf mir noch einen vielsagenden Blick zu, ehe sie zum Abschied die Hand hob und den Bürgersteig entlang in Richtung ihres Autos verschwand.
»… mindestens drei Stockwerke. Und ich will einen Pool im Keller«, erklärte Audrey gerade schwärmerisch.
»Die Frage wäre, wer diesen Kasten sauber halten soll?«, gab Julien zu bedenken. Er hatte die Hände in die Taschen seiner Jeans geschoben. Seine nackten Arme waren von einer Gänsehaut überzogen. Offensichtlich fror er sich ohne seine Jacke den Hintern ab.
»Angestellte?«, schlug sie mit einem Augenzwinkern vor, das sich auf zwei Millionen Arten interpretieren ließ. Die Hälfte davon war nicht keusch.
Julien lachte.
»Wovon redet ihr?«, fragte ich und schaffte es glücklicherweise, meiner Stimme nicht anmerken zu lassen, wie wenig Platz in meiner Kehle war. Ich wollte dieses eifersüchtige Mädchen nicht sein, das ich in letzter Zeit war.
»Bloß über Quatsch«, antwortete Julien. »Audrey hat mir gerade ihre Wünsche für das Haus mitgeteilt, das ich für sie entwerfen muss, sobald ich meinen Abschluss habe.«
Was? Wünsche für das Haus, das ER IHR entwerfen musste? Wahrscheinlich kam ich gerade noch rechtzeitig, um zu verhindern, dass sie gleich mitplanten, wie viele Babys er ihr machen sollte, die dann in diesem dreistöckigen Haus mit Pool aufwuchsen.
Reiß dich zusammen, ermahnte ich mich, bevor ich meine Gedanken noch aussprach.
»Vielleicht fragst du sie noch mal in drei Jahren, wenn du deinen Master hast. Geschmäcker verändern sich bekanntlich.« Nun klang ich doch unfreundlich.
Ich hasste es, dass mich die Gegenwart dieser Frau jedes Mal in eine Idiotin verwandelte. Ich wollte weder eifersüchtig sein noch eine Zicke. Ich war ein friedfertiger Mensch und liebte Harmonie. Dennoch lehnte ich in einem lächerlichen Anfall, mein Revier abzustecken, den Kopf an Juliens Schulter.
»Seit dem Kindergarten habe ich eine genaue Vorstellung von meinem Traumhaus«, entgegnete Audrey an seiner Stelle und lächelte mich an. Dann schweifte ihr Blick kurz über Julien. »Wir Frauen wissen doch meistens exakt, was wir wollen. Da sind wir dem männlichen Geschlecht weit voraus.«
Mein Magen krampfte sich zusammen. Das war eindeutig eine Anspielung auf Julien gewesen. Ich bemühte mich, sie nicht wütend anzufunkeln und an mein Karma zu denken.
»Stimmt, wir Frauen wissen ganz genau, was wir wollen.« Ich wollte vor allem, dass sie sich von Julien fernhielt, und mindestens für den Rest des Abends würde ich meinen Willen auch durchsetzen. Ich hob den Blick in sein Gesicht und zupfte an seinem Shirt. »Können wir los? Ich bin geschafft und möchte nach Hause.«
»Klar. Mein Wagen steht an der Straßenecke.« Er deutete mit einer Kinnbewegung auf den dunkelroten Chevrolet, den er am Rand der Einbahnstraße geparkt hatte. Er sah Audrey an. »Sollen wir dich nach Hause bringen?«
»Nicht nötig, es sind ja nur fünf Minuten«, sagte Audrey zu meinem Glück. Sie machte Anstalten, sich aus Juliens Jacke zu schälen, aber er berührte ihre Schulter und hielt sie auf.
»Gib sie mir einfach morgen Abend wieder.«
Morgen Abend?
Ich äußerte mich nicht dazu, spürte aber förmlich, wie die Wölfin in mir ihre Krallen wetzte. Sie fühlte sich bedroht – ich fühlte mich bedroht –, und vielleicht war die Zeit reif, nicht länger die Füße stillzuhalten, sondern etwas gegen die Bedrohung zu unternehmen.
Audrey war ein Virus. Glasklar. Sie hatte sich mit der Absicht, Schaden zuzufügen, in Juliens und mein Programm eingeschleust. Bisher hatte sie noch keine Veränderungen an unserem Betriebssystem vorgenommen, aber wenn Julien nun anfing, sich freitagabends mit ihr zu treffen, sah es so aus, als ob sich das sehr bald ändern würde.
Ich kannte mich mit Viren aus, schließlich war mein Dad Gamedesigner und Computerspiele-Entwickler gewesen, und ich auf dem besten Weg, in seine Fußstapfen zu treten. Viren hatten eine Achillesferse, an der man sie treffen konnte. Irgendein Scanner würde ihre Signatur aufspüren und sie aus unserem Programm löschen. Ich musste nur schnell die Software finden, die dazu in der Lage war. Das Problem auszusitzen war nun nicht mehr möglich.
Ich wandte mich ab, als Julien das Virus zum Abschied kurz in den Arm nahm, und lief zu seinem Wagen. Ich würde kein Drama auf offener Straße anzetteln. Ich würde ruhig und besonnen vorgehen und mir etwas einfallen lassen. Und allem voran würde ich einen Vorteil daraus schlagen, dass Julien heute Abend allein mir gehörte. Er wohnte mit mir unter einem Dach – okay, auch noch mit drei anderen Leuten –, und nicht mit dem BH-losen Monster.
»Man sieht sich, Novalie«, rief mir Audrey hinterher.
»Ja, man sieht sich«, erwiderte ich, ohne mich umzudrehen.
Nach einer halben Minute folgte mir Julien zum Chevrolet. Er sperrte das Auto auf und umrundete es, während ich auf der Beifahrerseite einstieg.
»Gott, war das ein Stresstag. Ich bin total erledigt und brauche unbedingt eine Dusche und eine Rückenmassage. Außerdem knurrt mir der Magen.« Ich streckte die Beine aus, als Julien den Schlüssel ins Schloss schob und den Motor startete. »Ich bin dafür, dass wir zu Hause eine Pizza in den Ofen schieben, Netflix einschalten und es uns im Bett gemütlich machen.«
»Ich muss morgen früh raus.«
»Ja, ich auch. Deshalb bin ich ja für einen entspannten Abend.« Ich sehnte mich nach Zweisamkeit. Nur er und ich. In dieser Woche hatten wir noch keine Nacht im selben Bett verbracht. Er schlief in seinem Zimmer, ich in meinem. Julien hatte sich in diesem Semester fast ausschließlich für spätere Kurse eingeschrieben, meine hingegen begannen immer um acht. Er hatte einen leichten Schlaf, und ich nahm es ihm nicht übel, dass er nicht von meinem Wecker geweckt werden wollte. Nur deshalb hatte ich seine Idee unterstützt, zwei Zimmer in einer WG zu beziehen, statt uns ein eigenes Apartment zu suchen. Damit sich jeder auch mal zurückziehen konnte. Freitags mussten wir allerdings beide den Hintern früh aus dem Bett kriegen. Heute Nacht gehörte Julien also mir.
»Isobel ist nächste Woche nicht da, ihr Bruder heiratet. Ich werde ihre Schichten in der Konditorei übernehmen«, erinnerte ich ihn daran, dass meine Zeit ab Montag knapp bemessen sein würde und mir ein paar anstrengende Tage bevorstanden.
Er brummte etwas Unverständliches.
Ich legte den Sicherheitsgurt um und lehnte mich in meinem Sitz zurück. Von Downtown nach Oakland brauchten wir ungefähr fünfzehn Minuten. Julien war ungewohnt schweigsam. Ich versuchte ein paar Mal, ein Gespräch anzufangen, aber seine einsilbigen Antworten brachten mich irgendwann zum Verstummen. Also begnügte ich mich damit, ihn heimlich aus dem Augenwinkel zu beobachten.
Er hatte beide Hände am Lenkrad, seine Kinnpartie wirkte angespannt. Normalerweise war sein Gesichtsausdruck weich und sein Blick wärmend. In meinem ersten Jahr auf dem College hatte ich mich in sein Lächeln verliebt, dann in seine blauen Augen. Später in seinen Charme, die Tatsache, dass er aufmerksam war und kluge Sachen sagte. Ich hatte nicht erwartet, während des Studiums den Mann fürs Leben zu finden, allerdings konnte ich mir durchaus vorstellen, mit ihm alt zu werden. Er und ich waren aus ähnlichem Holz geschnitzt. Noch bevor sich herausgestellt hatte, dass wir beide ehrgeizig waren, chaotisch, über dieselben Dinge lachen konnten und ein Faible für die alten James-Bond-Filme hatten, spürte ich, dass das mit Julien und mir eine ernste Sache war. Er war so anders als die Jungs, mit denen ich mich während der Highschool getroffen hatte.
Ich atmete gegen ein Seufzen an. Keine Ahnung, wer ihm in die Schuhe gepinkelt oder Schuld an seiner schlechten Laune hatte, aber es machte mir Sorgen, dass er nicht mit mir redete. In Audreys Gegenwart war er richtig gut drauf gewesen.
»Okay, schön. Raus mit der Sprache«, sagte ich, als er auf der am Fluss entlangführenden Interstate entsetzlich nah auf einen Campingbus auffuhr und erst in letzter Sekunde auf die mittlere Spur ausscherte, um das Fahrzeug zu überholen. »Hat dir jemand ins Mittagessen gekotzt oder was ist der Grund für deine hundsmiserable Laune?«
Er warf mir einen Seitenblick zu, konzentrierte sich aber sofort wieder auf die Straße. »Ich bin nicht schlecht gelaunt, bloß müde.«
»Zu müde, um mehr als einen Satz am Stück hervorzubringen?« Ich schlug die Stirn in Falten.
»Sieht ganz danach aus.«
Arschloch.
Ja, so sollte man seinen Freund nicht bezeichnen, schon klar, Aber er benahm sich schließlich wie eins. Vor wenigen Augenblicken hatte er in meiner Gegenwart mit einem anderen Mädchen geflirtet, mit ihr herumgealbert und lächerliche Zukunftspläne geschmiedet. Kaum war sie weg, behauptete er, er wäre zu erschöpft, um sich mit mir zu unterhalten? Das war … aussagekräftig. Und beunruhigend. Vielleicht hatte Audrey ja bereits doch Änderungen an unserem Betriebssystem vorgenommen? Der Junge, mit dem ich seit zweieinhalb Jahren zusammen war, redete nämlich gern mit seiner Freundin und interessierte sich für sie, ihren Tag und ihre Wünsche.
»Du triffst dich morgen mit ihr?«, fragte ich leise. Es war der falsche Zeitpunkt, das Thema anzusprechen. Ich wusste, dass ich besser einen günstigeren Moment abwarten sollte, da Julien in schlechter Stimmung schnell mal einen Streit provozierte. Allerdings ließ sich die Sache nicht länger hinauszögern. Ich musste ihm vor Augen führen, wie beschissen sein Verhalten war.
»Was meinst du?«
»Stell dich nicht dumm. Du hast ihr deine Jacke überlassen und gesagt, sie könne sie bis morgen Abend behalten. Also triffst du dich mit ihr?« Ich konnte nicht verhindern, dass in meiner Stimme meine verletzten Gefühle mitschwangen.
»Nicht wirklich.«
Nicht wirklich? Was war denn das für eine unpräzise Antwort? »Ist es so schwer, mir die Frage mit Ja oder Nein zu beantworten?«
»Ihre Schwesternschaft an der Pitt gibt eine Party im Verbindungshaus. Sie hat mich eingeladen. Das ist alles, okay?« Er klang genervt.
»Und du wirst hingehen.«
»Da ist nichts dabei, Novalie«, behauptete er in einer so belehrenden Tonlage, als würde er einem Kleinkind erklären, dass man nicht mit Steckdosen spielte.
»Um ehrlich zu sein, doch. Da ist etwas bei«, widersprach ich. »Sie steht auf dich, und ich denke, du bist dir dessen bewusst.«
»Sei nicht albern.«
»Sei du nicht albern, Julien. Glaubst du, ich würde nicht merken, wie sie dich umschwärmt? Du kannst ja praktisch nicht mal das Haus verlassen, ohne dass sie wie aus dem Nichts auftaucht und wie eine Klette an dir hängt. Und du machst dieses Spielchen mit. Nein, schlimmer. Du ermunterst sie sogar, indem du ebenfalls mit ihr flirtest. Es war kein schönes Gefühl, euch heute vor der Konditorei zu beobachten. Es tat mir weh, euch lachen und schäkern zu sehen.«
»Du übertreibst.«
»Ich übertreibe nicht. Seit Wochen geht das so, und ich bin wirklich geduldig gewesen. Aber mir reicht es jetzt. Ich will nicht, dass du morgen Abend auf diese Party gehst.« So, es war raus. Ich hatte ihm gesagt, dass ich nicht damit einverstanden war, wenn er sich mit Audrey traf. So viel dazu, ruhig und besonnen vorzugehen.
»Wie gut, dass wir uns gegenseitig keine Vorschriften machen«, murmelte er undeutlich. Als wäre es nicht für meine Ohren bestimmt.
»Ich schreibe dir nichts vor. Ich bitte dich und sage dir, dass ich mich im Augenblick grässlich fühle.«
Julien zog den Chevrolet auf die rechte Spur und drosselte das Tempo, um die nächste Ausfahrt zu nehmen. Er verfiel zurück ins Schweigen. Ich ließ das Fenster auf meiner Seite ein Stück nach unten, weil die Luft im Wagen so dick war, dass ich nicht atmen konnte. Er drehte daraufhin die Heizung auf.
Ich erkannte ihn nicht wieder. War er wirklich ein so unsensibler Mistkerl geworden, der nicht bemerkte, dass ich aufrichtig litt? Oder war es ihm einfach egal, dass er mir wehtat? Beide Möglichkeiten verursachten ein Stechen in meiner Brust, und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.
Das Haus unserer WG befand sich in der Nähe des Oakland Square. Es war das letzte in einer Viererreihe aus braunem Sandstein. Julien bog hinter einem blauen Van in die breite Nebenstraße. Ich löste den Sicherheitsgurt und stieß sofort die Tür auf, als er den Wagen wenige Meter vom Eingang entfernt unter einem Baum abstellte. Ich wartete nicht auf ihn, sondern suchte die Schlüssel aus meiner Handtasche und war innerhalb von fünf Sekunden die Stufen zur Tür hochgesprungen.
»Wir sind nur befreundet, Novalie. Audrey und ich verstehen uns gut, und ich glaube, dass es gesund für unsere Beziehung wäre, wenn wir zwischendurch mal getrennt ausgehen würden«, rief Julien mir hinterher, während er den Chevrolet verriegelte.
Ich hielt nun doch inne und umklammerte den Schlüsselbund in meiner Hand etwas fester, weil mich seine Worte wütend machten. »Du denkst, es sei gesund für unsere Beziehung, wenn du dich von Frauen auf Partys einladen lässt, denen der Speichel aus dem Mund tropft, sobald sie dich sehen? Ich sag dir was, Julien. Das ist pures Gift für uns. Mal Davon abgesehen werde ich die ganze nächste Woche in der Konditorei stehen. Ich hätte dieses Wochenende gern etwas Zeit mit meinem Freund verbracht. Bisher haben wir uns immer abgesprochen, bevor einer von uns eine Einladung annahm.«
Julien schob die Hände in die Hosentaschen und kam langsam auf mich zu. Sein Gesichtsausdruck war unergründlich. Ich würde fast behaupten, er wirkte etwas verärgert. Wahrscheinlich, weil ich ihm berechtigte Vorwürfe machte und er es nicht ausstehen konnte, wenn man ihn an die Wand stellte. Gleichzeitig lag aber auch eine Spur Mitleid in seinem Blick. Oder bildete ich mir das ein?
»Ich finde, bei uns ist ganz schön die Luft raus. Wir hängen andauernd nur zu Hause ab, haben uns nichts zu erzählen, es ist Woche für Woche derselbe Trott. Selbst im Bett …«
»Sprich den Satz nicht zu Ende«, warnte ich ihn. Ich wollte, dass er überhaupt nichts mehr sagte. So ein Gespräch führte man nicht draußen vor der Tür. Für eine solche Unterredung nahm man sich Zeit, legte sich Worte zurecht und tastete sich sensibel vor.
Mir war kotzschlecht.
»Ich bin gelangweilt von uns, Novalie«, sagte er dennoch.
Meine Augen brannten, in meiner Brust tobten zweihundert Gefühle.
Ich bin gelangweilt von uns.
In Wahrheit meinte er wahrscheinlich von mir. Ich langweilte ihn.
Wie konnte er etwas derart Gemeines sagen?
»Erst drängst du darauf, dass ich mit dir rede, dann tue ich es und du sagst plötzlich nichts mehr. Dir kann man es nicht recht machen«, hielt er mir vor.
Stimmt. Ich hatte ihn aufgefordert, mir zu sagen, warum er so übel gelaunt war. Ich wollte über das Thema Audrey sprechen. Nur hatte ich nicht erwartet, dass er plötzlich unsere komplette Beziehung infrage stellte. Genau das tat er aber gerade. Mit den unschönsten Worten.
Ich öffnete die Tür und betrat den grau gestrichenen Hausflur. Stimmen drangen aus der Küche, offensichtlich waren ausnahmsweise alle zu Hause. Ich hing den Schlüsselbund ans Reck, wo jeder von uns einen beschrifteten Platz hatte.
»Für heute, Julien, ist bei mir die Luft raus. Ich muss erst mal verdauen, was du gerade gesagt hast.« Ich vermied es, ihn anzusehen, da ich sonst losheulen würde. Die Blöße konnte ich mir nicht geben. Ich war keine Heulsuse.
Julien knallte die Tür hinter sich zu. Laut, als wollte er das Haus zum Einstürzen bringen. Ich zuckte zusammen und hielt den Atem an, als er an mir vorbeirauschte und die Holztreppe ins Obergeschoss anpeilte. Er nahm immer zwei Stufen auf einmal und verschwand aus meinem Blickfeld.
Was sollte das? Er hatte mich verletzt, nicht umgekehrt. Er hatte keinen Grund und auch kein Recht, sich so zornig aufzuführen.
Sollte ich ihm folgen? Nein. Ich würde ihm nicht hinterherlaufen und ihn damit langweilen, die Dinge zwischen uns zu klären. Außerdem musste ich erst einmal darüber nachdenken, was er gesagt hatte. War bei uns tatsächlich die Luft raus? Wieso war mir nicht aufgefallen, dass er so fühlte?
Ich wischte mir mit einem Handrücken über die Augen, um jeden kleinsten Hinweis auf Tränen zu vernichten. Dann straffte ich den Rücken und spielte für eine Sekunde mit dem Gedanken, zu den anderen in die Küche zu gehen. Aber die Lust auf Gesellschaft war ebenso wie mein Hunger verflogen. Ich wollte mich bloß ganz mädchenhaft in meinem Bett zusammenrollen und in Selbstmitleid suhlen, während ich dem Kerl, der nur durch eine dünne Wand von mir getrennt in seinem Zimmer schmollte, in Gedanken einen Haufen Beschimpfungen an den Kopf warf.
»Genau das ist der Grund, warum ich damals dagegen war, dass wir hier ein Liebespaar einziehen lassen. Die bringen abends sämtliche Wände dazu, in sich zusammenzufallen, und verbreiten dann in aller Frühe schon schlechte Laune«, sagte Kol, als ich in meiner grünen Shorty verschlafen die Küche betrat, und Julien daraufhin mit einem Kaffeebecher in der Hand und missmutigem Gesichtsausdruck aus dem Zimmer verschwand. Er musste schon das Bad benutzt haben, denn der Geruch seines Duschgels umwehte mich kurz, doch er würdigte mich keines Blickes. Kol hingegen stützte sich mit beiden Unterarmen auf der raumteilenden Frühstückstheke ab, rutschte auf seinem Hocker etwas vor und sah mir amüsiert in die Augen.
Willow, die den Platz neben ihm in Beschlag genommen hatte und ein Müsli löffelte, stieß ihm einen Ellenbogen in die Seite, während Davis von der Anrichte aus etwas murmelte, das wie ein ‚Weil du vor sieben ja so ein Sonnenschein bist‘ klang.
»Euch auch einen wundervollen Morgen«, erwiderte ich die durch und durch nette Begrüßung, schlurfte geradewegs zur Kaffeemaschine und schob Davis zur Seite.
Ich behielt also recht. Wir hatten letzte Nacht volles Haus gehabt, was eine echte Seltenheit in war. Davis verbrachte Dreiviertel der Nächte bei Jacky, mit der er seit zwei Jahren zusammen war, und Kol schlief sich die Hälfte der Zeit durch fremde Frauenbetten. Natürlich war es auf mein Karma zurückzuführen, dass sie ausgerechnet gestern alle zu Hause gewesen waren und Juliens Türknallen mitbekommen hatten.
»Davis und ich waren uns damals einig, dass wir einem Lady-Killer keine Singlefrauen vor die Nase setzen. Mit dir und einem alleinstehenden Mädel unter einem Dach? Da hätte der Haussegen das ganze Jahr schiefer gehangen, als ich Flöte spiele, mein Freund. Ich für meinen Teil bin also glücklich darüber, mit diesem zuckersüßen Liebespaar zusammenwohnen zu dürfen«, ergriff Willow noch mal fröhlich das Wort und zwinkerte mir zu.
Ich brachte ein Lächeln zustande.
»Seid ihr denn noch ein Liebespaar, Novalie?«, fragte Kol. »Oder ist Julien gerade nach oben gestapft, um seine Koffer zu packen?«
»Haha, sehr witzig«, sagte ich genervt und verdrehte die Augen. Warum musste er eigentlich ständig auf meiner Beziehung rumreiten oder mich aufziehen?
Ich mochte meine Mitbewohner. Meistens zumindest. Willow war, obwohl sie sich manchmal wie eine Diva anstellte, dauernd ihre Haare umfärbte und verdammt zynisch sein konnte, eine echte Freundin geworden. Davis brachte – wenn er uns seine Gesellschaft zuteil werden ließ – Ruhe in unseren buntgemischten Haufen. Der blonde Hüne studierte mit Julien Architektur, und wir hatten ihm unsere Zimmer hier zu verdanken. Kolja war … Eigentlich gab es kein Wort, das ihn richtig beschrieb. Er sah zu gut aus, er war zu chaotisch. Er war zu direkt und zu selbstverliebt. Er war von allem ein bisschen too much, und dass sich jedes Wochenende eine neue Frau aus seinem Schlafzimmer schlich, konnte einem fast so sehr auf den Zeiger gehen, wie die Tatsache, dass er mich permanent neckte. Trotzdem hatte er das Herz am rechten Fleck. Er war ein netter Kerl, so wie alle in diesem Haus ihre guten Seiten hatten. Heute Morgen fiel es mir allerdings schwer, besagte gute Seite zu sehen. Nachdem ich die komplette Nacht Trübsal geblasen, über Juliens Worte nachgedacht und mich unruhig von links nach rechts gewälzt hatte, war ich heute Morgen empfindlich. Ich konnte also gut und gern auf Witze über meine Beziehung verzichten.
Kol schenkte mir halbes Lächeln, das er in der Regel benutzte, um Frauen weichzukochen, und nahm dann endlich seinen stechenden Blick von mir.
Ich holte eine Tasse vom Regalbrett über der Spüle, stellte sie unter den Kaffeeautomaten und tat ein Pad in den Schiebebehälter. Während der Kaffee durchlief, rieb ich mir mit den Händen übers Gesicht und versuchte verzweifelt, etwas wacher zu werden.
»Falls einer von euch vorhat, am Wochenende einkaufen zu gehen, dann vergesst bitte nicht, mehr von diesem Müsli mitzubringen. Es schmeckt fantastisch, und ich schwöre, ich kann fühlen, wie sich meine Zellen mit Energie aufladen«, schwärmte Willow.
»Du bist doch dran mit Einkaufen«, entgegnete Davis, der gerade seinen leeren Kaffeebecher abstellte.
»Nein, ich verbringe das Wochenende am Susquehanna River. Ich bin eingeladen worden und habe euch schon ungefähr zehn Mal daran erinnert.« Willow wackelte vielsagend mit den Augenbrauen.
»Stimmt. Wie hieß der Typ noch gleich, der seine armselige Schwanzlänge damit kompensieren muss, dich alle zwei Wochen mit einem Kurztrip zu bestechen, damit du ihn noch in dein Höschen lässt? Brad? Bane?«, stichelte Kol.
»Er heißt Buck, und seine Schwanzlänge ist überhaupt nicht armselig, Schwachkopf.« Sie verpasste seinem Hinterkopf einen Klaps.
Das war definitiv mein Signal. Wenn es ein Thema gab, mit dem ich mich ganz und gar nicht befassen wollte, dann war es die Länge von Bucks Penis. Ich war dem Kerl schon ein, zwei Mal begegnet und wollte ihm weiterhin in die Augen blicken können, ohne mir dabei sein Geschlechtsorgan vorzustellen.
Ich nahm meine dampfende Tasse an mich und wandte mich ab, um auf dem Weg in mein Zimmer den Kaffee zu schlürfen und dann das Bad zu benutzen. Doch wie aus heiterem Himmel streifte etwas um meine Beine, und jeder Zentimeter von mir verwandelte sich augenblicklich in Stein.
»O mein Gott, tu ihn weg!«, rief ich panisch, da ich sehr genau wusste, was dort um meine Füße herumschlich. Meine nackten Füße. Ich wagte es nicht einmal, hinzusehen, und machte mir Sorgen um meine Zehen.
»Was ist?«, hakte Willow nach und hörte sich dabei beinah so erschrocken an wie ich.
»Dutch. Dutch schleicht um meine Beine«, presste ich hervor und hoffte, dass ich nicht anfangen würde zu zittern. Jede noch so kleine Bewegung stellte eine Riesengefahr dar.
Willow quietschte los. Ich warf vorsichtig einen Blick über die Schulter und sah, wie sie die Füße auf den Hocker zog und einen Arm um die Knie schlang. Selbst Davis gab sich die Blöße, sich mit seinem Hintern auf die Arbeitsfläche zu schwingen und die Beine anzuziehen. Alle Augen waren auf das Ungetüm gerichtet, während ich mich selbst nicht traute, den Blick zu senken.
Kolja brach in Gelächter aus. Er schob viel zu gemächlich seine Tasse von sich und rutschte langsam vom Barhocker. »Kommt schon, er ist nur ein Kater.«
»Du meinst, er ist ein Monster«, korrigierte ich ihn.
Ich liebte Vierbeiner. Alles, was Fell hatte, schloss ich sofort in mein Herz. Zu Hause in York hatte ich selbst eine Maine-Coon-Katze besessen – Pinky gehörte jetzt meiner Mutter. Aber Dutch war echt die Friedhof-der-Kuscheltiere-Version eines Katers. Er war ein zerzaust und zerrupft aussehendes graues Etwas, riesig, vierzehn Pfund schwer, mit mordlüsternen gelben Augen. Eine Woche nach meinem Einzug war ich in Gedanken versunken gewesen und hatte versucht, den Kopf des Tiers zu streicheln. Dieser Versuch endete damals in der Notaufnahme. Dutch hatte mich so böse mit seinen Krallen und Zähnen erwischt, dass die Wunde genäht werden musste. Alle in diesem Raum hatten schon die Wutattacken des Katers zu spüren bekommen. Meistens griff er ohne ersichtlichen Grund an, einfach aus einer Laune heraus oder weil er partout keine Menschen mochte. Außer Kol, seinem Besitzer, konnte ihn keiner anfassen.
»Die Vereinbarung war, dass er in deinem Zimmer bleibt«, beschwerte sich Willow. »Du hast versprochen, dass er nicht mehr durchs Haus stromert.«
»Ich kann ihn nicht den ganzen Tag im Schlafzimmer einsperren«, meinte Kol. Er war inzwischen bei mir angelangt und ging in die Hocke, um sich die Katze zu greifen.
»Dann schaff ihn ab. Bring ihn ins Tierheim oder besser gleich zum Einschläfern«, brachte Will ihre Abneigung gegen den Kater weiter zum Ausdruck.
Okay, einschläfern ginge definitiv zu weit.
»Solange ich der Hauptmieter dieses Hauses bin und mein Name als einziger im Mietvertrag steht, werde ich Dutch nirgendwo hinbringen. Du kannst ausziehen, wenn du so ein jämmerlicher Angsthase bist, dass du dir wegen einer Katze die Hose nassmachst.«
Kol richtete sich mit dem Kater im Arm auf und stand gefährlich nah vor mir. Ich war nicht sicher, ob er imstande war, einen Angriff abzuwehren, falls Dutch sich entschloss, mit den Krallen in meine Richtung zu schlagen. Ich hielt vorsichtshalber den Atem an und konzentrierte mich darauf, in Kols Gesicht zu blicken und das Untier an seiner Brust auszublenden.
»Bist du auch so ein herzloser Mensch, der einem unschuldigen Tier den Tod an den Hals wünscht, Novalie?«, fragte er leise.
Ich verzichtete darauf, ihm zu sagen, dass an dieser Bestie rein gar nichts unschuldig war, und schüttelte bloß mit dem Kopf. Ich wünschte Dutch nicht den Tod an den Hals. Mir reichte es, wenn er fünf Meter Abstand zu mir hielt.
Kol lächelte und … O mein Gott. Da waren Grübchen. Ich hatte diesen Kerl schon hundert Mal lächeln gesehen, aber noch nie aus nächster Nähe. Überhaupt war ich ihm noch nie so nah gekommen wie jetzt.
Ich merkte, dass ich unwillkürlich ausatmete. Mein Blick glitt über sein Gesicht, über das noch stoppelige Kinn, den dunklen Bartschatten auf seinen Wangen, bis hin zu seinen braunen Augen. Wobei die Farbe war viel zu komplex war, um sie einfach nur als braun zu bezeichnen. Sie war wie Karamell, das man in einen köstlichen Cappuccino tauchte, mit bronzefarbenen Kreisen, die nach außen zerliefen. Für eine Sekunde – ich schwöre, länger dauerte der Moment nicht – fühlte ich mich wie eins der vielen Mädchen, die ihn begehrten und denen das Wasser im Mund zusammenlief, sobald er den Raum betrat. Ich war heilfroh, dass sich Dutch zwischen ihm und mir befand, sodass sich mein Blick und meine Gedanken nicht weiter verselbstständigen und den Rest von ihm begutachten konnten. Ich war mir nämlich durchaus bewusst, dass er überflüssigerweise den passenden Körper zu seinem Gesicht hatte.
Ich schluckte fest und erwachte aus der Trance, in die ich gefallen sein musste. Da er meinen Blick nicht losließ, wandte ich den meinen ab und setzte meinen Weg aus der Küche zur Treppe fort. Vielleicht ein bisschen zu hastig, aber auf die anderen musste es wirken, als ob ich vor Dutch Reißaus nahm.
Keine Ahnung, was da gerade passiert war, aber ich schämte mich abgrundtief dafür. Kol war ein Frauenheld, ein Chaot, ein Kerl, um den Frauen wie ich einen Bogen machten. Ich stand nicht auf Chauvis – zur Hölle, ich stand ja nicht mal auf dunkelhaarige Männer, und ich war mit Julien zusammen. Obwohl nichts dagegensprach, woanders den Appetit anzuregen und sich den einen oder anderen Blick auf einen heißen Typen zu gönnen, sprach doch alles dagegen, in meinem Mitbewohner diese Art sexy Kerl zu sehen. Ein Jahr lang war ich gegen sein hübsches Äußeres und seinen Charme immun gewesen. Ich würde es auch weiterhin sein. Festentschlossen.
»Novalie«, hielt mich Kol auf, als ich auf der Hälfte der Treppe angelangt war. Dutch und er waren mir gefolgt. Wahrscheinlich wollte er das Monster in sein Zimmer einsperren. Kol bewohnte wie Willow eins im Erdgeschoss. »Sollten du und dein mürrischer Traumprinz zu der Erkenntnis kommen, dass ihr doch kein Liebespaar mehr sein wollt, lass es mich wissen. Du und ich könnten zusammen eine Menge Spaß haben.«
»Trag deinen Namen für die nächsten zwei Wochen auf die Putzliste fürs Badezimmer ein«, entgegnete ich geistesgegenwärtig.
Willow hatte diese WG-Regel aufgestellt. Kein Flirten unter Mitbewohnern, mit Ausnahme fester Pärchen. Wahrscheinlich war Kolja der Einzige, der je wegen Bruch dieser Regel zum Putzen des Bads verdonnert worden war, und ich sorgte nun ein weiteres Mal dafür, dass er außerhalb der Reihe einen Lappen in die Hand bekam.
Er grinste und trug Dutch kopfschüttelnd an der Treppe vorbei in sein Zimmer.
Meine Beine waren schwach, als ich die übrigen Stufen hinaufstieg und mich innerlich dafür ausschimpfte, nicht noch schlagfertiger gewesen zu sein. Ich fühlte mich ertappt, weil er ausgerechnet nach diesem seltsamen Moment zwischen uns mit so einem Bullshit daherkam. Ich hoffte inständig, dass er mir nicht angesehen hatte, wie vertieft ich kurzzeitig in seinen Anblick gewesen war.
Julien hatte die Tür zu seinem Zimmer geschlossen, meine hingegen stand offen. Wir mussten beide in etwa zwanzig Minuten das Haus verlassen.
Ich zögerte, obwohl ich mich beeilen und mein Zeug zusammensuchen sollte. Ich musste mich noch anziehen, Zähne putzen und die komplette Morgentoilette hinter mich bringen. Aber der Gedanke daran, dass wir uns an der Tür treffen könnten und er wortlos in seinen Wagen steigen würde, anstatt wie ich bei Davis mitzufahren, stellte etwas mit meinen Eingeweiden an. Sie krampften sich hässlich zusammen. Außerdem war es albern, sich wegen eines Streits aus dem Weg zu gehen. Wir waren erwachsene Menschen und sollten in der Lage sein, über unsere Probleme zu reden, um sie gemeinsam aus der Welt zu schaffen. Entgegen Kols blödsinniger Bemerkung hatte ich nämlich nicht vor, unsere Beziehung wegen einer lächerlichen Auseinandersetzung aufzugeben.
Ich nahm einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse im Türrahmen zu meinem Schlafzimmer ab. Ich wusste nicht genau, was ich sagen wollte, klopfte aber bei Julien an. Ich wartete nicht darauf, dass er mich hereinbat, sondern drehte den Türgriff und trat selbstbewusst ein.
Die Jalousien an den Fenstern waren noch heruntergelassen, nur die Nachtlampe war eingeschaltet. Julien saß auf seinem blau bezogenen Doppelbett und sortierte Zettel in einen Ordner. Er trug Jeans und das helle Sweatshirt, das mir gut an ihm gefiel. Ich fand, es brachte seine Augen zur Geltung. Leider sah er nicht auf, als ich die Tür hinter mir zudrückte, und auch nicht, als ich zu ihm hinüberging.
»Langweilig, wie ich bin, wollte ich dir anbieten, dich wieder mit mir zu vertragen«, sprach ich aus, was mir als Erstes in den Sinn kam.
Julien machte ein Geräusch, das sich verdächtig nach einem Seufzen anhörte. Er legte die Blätter aus seiner Hand zur Seite und raufte sich einmal durchs Haar. »Ich habe keinen Streit mit dir.«
»Ach nein? Für mich fühlte sich der gestrige Abend nämlich verdammt danach an.« Abgesehen davon, war er eben vor mir aus der Küche geflüchtet.
»Ja, aber es war kein richtiger Streit.«
»Hm«, machte ich. »Also ist die Welt zwischen uns in Ordnung? Ich meine, bis auf die Tatsache, dass wir anscheinend darüber nachdenken müssen, wie wir unsere Beziehung aufpeppen? Wie wäre es, wenn du damit anfängst, mir zu verraten, was dir so langweilig vorkommt.«
»Setz dich bitte mal hin«, forderte er mich auf.
Ich kam seiner Bitte nach und ließ mich neben ihm auf der Bettkante nieder. Instinktiv wollte ich nach seiner Hand greifen und die Finger meinen verknoten. Ich mochte schließlich seine Hände. Er hatte lange und sanfte Finger, mit denen er mir geschickt eine Gänsehaut am Körper zaubern konnte. Doch dann bemerkte ich, dass er angespannt war und nervös oder verlegen an seinen Nägeln knibbelte. Das tat er, wenn ihm etwas mörderisch schwerfiel.
»Ich werde ehrlich sein, okay?«, setzte er an. »Nichts beschönigen.«
O Mann, war das, was er zu sagen hatte, denn so schlimm, dass er in Erwägung ziehen musste, es schönzureden? Das machte mir Angst, immerhin hatte er unser angeblich langweiliges Sexleben gestern schon angedeutet. Was konnte noch schlimmer sein? Ich nickte trotzdem langsam. »Klar.«
»Die Wahrheit ist … Mich kotzt an unserer Beziehung einfach alles an. Schon eine ganze Weile. Wir leben irgendwie nebeneinander her, wir schmieden keine Pläne oder machen mal etwas Aufregendes. Selbst im Bett läuft es nicht. Du musst doch zugeben, dass es da schon mal besser mit uns funktioniert hat. Ich finde unseren Sex todlangweilig, und mir graut es bei der Vorstellung, mich schon wieder ein ganzes Wochenende mit dir in deinem oder meinem Zimmer zu verschanzen, anstatt vor die Tür zu gehen und was zu erleben. Ich bin manchmal so genervt von dir, dass mir deine bloße Anwesenheit auf den Geist geht.«
Ich wollte schlucken, aber meine Reflexe verließen mich. Sein Mund war eine Waffe, deren Lauf sich direkt auf mein Herz richtete, und seine Worte kamen wie Kugeln, die es durchbohrten.
»Was?«, stieß ich rau hervor.
Julien stand vom Bett auf. Vielleicht, weil er sich von meiner bloßen Anwesenheit genervt fühlte und Abstand zu mir aufbauen wollte. Doch anstatt zurückzuweichen ging er vor mir in die Hocke. Ich spürte seine Finger an meinem Kinn, und ich schloss unwillkürlich die Augen. »Versteh das bitte nicht falsch. Ich habe immer noch Gefühle für dich. Du bist mir wichtig. Aber ich glaube, ich brauche eine Pause.«
Mir wurde schlecht. Der kleine Schluck Kaffee von vorhin versuchte, sich meine Kehle emporzuwinden. Eine Pause? Das war die nette Umschreibung für Schlussmachen. Dabei wollte er doch gar nichts beschönigen.
Ich zwang mich, die Lider zu heben. In meinen Wimpern hingen Tränen, aber ich strengte mich an, sie nicht abperlen zu lassen. »Was meinst du mit einer Pause?«
Er ließ mein Kinn los und zuckte in einer verzweifelten Geste mit den Schultern. »Wir sollten nicht ständig zusammenhocken und vielleicht mal mit anderen ausgehen.«
Wir sollten uns mit anderen treffen? Wow. Das war unfassbar. Diese Äußerung war nicht zu fassen. Er wollte, dass ich ihm einen Freifahrtschein ausstellte, mit anderen Frauen ins Bett zu steigen und ihm gleichzeitig die Möglichkeit gab, ein Hintertürchen zurück in meins zu nehmen? Mir wurde plötzlich etwas klar.
»Das ist es. Es geht um Audrey, oder? Du willst einfach nur Audrey bumsen«, brachte ich erstickt und unbeherrscht hervor.
Mein Gott, wie sehr ich diese Frau hasste. Ich hasste es, dass ihre Brüste klein genug waren, dass sie ohne BH aus dem Haus gehen und jedem ihre hübschen Nippel präsentieren konnte. Ich hasste es, dass sie ihren Mund dauernd kirschrot schminkte und damit alle Blicke auf sich zog. Ich hasste, dass Julien über ihre Witze lachte und bei meinen nicht mal einen Mundwinkel verzog. Aber am meisten hasste ich es, dass sie aufregend war, während ich neben ihr das Paradebeispiel eines Mauerblümchens abgeben musste.
Ich war nicht prüde, ich hatte auch ein paar sexy Fummel im Schrank, und ich konnte mich ebenfalls aufbrezeln. Aber mir fehlte unter der Woche schlichtweg die Zeit, auch ein bisschen die Lust, und ich sah auch keinen Sinn in dem Ganzen.
»Können wir Audrey einmal aus dem Spiel lassen? Hier geht es um uns, Novalie. Wie ich gestern schon sagte, ist bei uns die Luft raus, und leider kann ich so nicht weitermachen. Du musst mir die Chance geben, dich zu vermissen, denn im Moment fühle ich mich in unserer Beziehung gefangen. Du engst mich ein, und du bist verdammt noch mal immer da.«
Die Tränen waren nun nicht mehr aufzuhalten. Sie rollten über meine Wangen, und weil ich unter keinen Umständen vor Julien heulen wollte, erhob ich mich abrupt vom Bett und schubste ihn unsanft aus dem Weg.
»Novalie, bitte wein jetzt nicht.«
»Das sind Wuttränen, du Mistkerl«, sagte ich, im kläglichen Versuch, meinen Rest Würde zu retten, bevor ich halb blind zur Tür lief, sie aufriss und nach draußen taumelte.
Er verdiente das Wasser aus meinen Augen nicht. Er hatte gerade auf die herablassendste und widerlichste Weise mit mir Schluss gemacht, auf die man mit einem Menschen Schluss machen kann. Er hatte mich beleidigt, gekränkt und mit Füßen getreten.
Verfluchter Bastard. Hundsgemeiner, elender Bastard.
Als ich meine Zimmertür hinter mir zugeworfen hatte und mich aufs Bett fallen ließ, bekam ich Schluckauf. Ich bekam dauernd Schluckauf, wenn ich weinte, deshalb weinte ich so selten wie möglich. Ich vergrub das Gesicht im Kissen und hielt die Luft an, da ich wollte, dass dieses schreckliche Hicksen aufhörte. Aber vor allem wollte ich, dass meine Brust aufhörte, wehzutun, als ob sie jemand in der Mitte durchsägte.
»Du hast vergessen, Meister Frosch Tschüss zu sagen, Kol.«
Ich hatte gerade die Ausgangstür der Musikschule aufgedrückt, als jemand von hinten an meinem weißen Kapuzenpulli zog. Ich wusste, dass dieser Jemand ein Meter fünfzig groß war, braune strubbelige Haare hatte und mich mit seiner runden Brille immer ein bisschen an einen übergewichtigen und leicht schielenden Harry Potter erinnerte.
