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England 1904: Vor zwei Jahren raubte ein schreckliches Unglück Captain Archie Curtis seine Zukunft beim Militär. War es ein Unfall oder Sabotage? Fest entschlossen, die Hintergründe aufzudecken, nimmt er eine Einladung auf ein abgelegenes Anwesen an. Ebenfalls zu Gast ist Daniel da Silva - dekadent, exotisch und kultiviert. Der Poet verkörpert alles, was der geradlinige Offizier fürchtet, und übt doch eine ungeahnte Anziehungskraft auf Curtis aus. Und während die elegante Fassade der Gesellschaft zu bröckeln beginnt und darunter Verrat, Erpressung und Mord zum Vorschein kommen, stellt Curtis fest, dass er den faszinierenden Daniel braucht wie keinen Menschen zuvor ...
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Seitenzahl: 313
Veröffentlichungsjahr: 2016
Titel
Zu diesem Buch
Widmung
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Danksagung
Die Autorin
Impressum
KJ CHARLES
Roman
Ins Deutsche übertragen von Ursula Prawitz
Zu diesem Buch
England 1904: Vor zwei Jahren verlor Captain Archie Curtis seine Freunde und seine Zukunft bei einem schrecklichen Militärunfall. Allein gelassen, ohne Perspektive und voll innerem Zorn, ist Curtis fest entschlossen aufzudecken, ob er und seine Kameraden Opfer des Schicksals oder mutwilliger Sabotage waren. Curtis’ Recherchen führen ihn zu einem abgelegenen Landhaus, wo er auf Daniel da Silva trifft, der ebenfalls zu Gast auf dem Anwesen ist. Dekadent, fremdländisch und ganz offensichtlich homosexuell, verkörpert dieser all das, was der geradlinige britische Offizier fürchtet und mit Argwohn betrachtet. Und doch fühlt er sich auf unerklärliche Weise von dem exotisch aussehenden Mann angezogen. Da Silva verbirgt hinter seiner kultivierten und schillernden Persönlichkeit weit mehr, als auf den ersten Blick erkennbar ist, und verfolgt während seines Aufenthalts ganz eigene Ziele. Und während die elegante Fassade der Hausgesellschaft zu bröckeln beginnt und Verrat, Erpressung und Mord ans Tageslicht kommen, stellt Curtis fest, dass er den cleveren, faszinierenden Daniel braucht wie keinen Mann zuvor …
Für Natalie, die einfach brillant ist.
Oktober 1904
Der Zug von London war Stunden unterwegs, eine ermüdende Fahrt für einen Mann, der zu angespannt war, um zu schlafen, und zu sehr in seine Gedanken vertieft, um zu lesen. Er wäre lieber mit dem Automobil gefahren, aber das war ihm jetzt unmöglich.
Am Bahnhof wartete ein Wagen auf ihn, das neueste Austin-Modell. Der uniformierte Chauffeur stand in militärischer Haltung daneben, machte dann aber gleich einen Satz, als Curtis auf ihn zukam, und überschlug sich fast, während sich dieser auf dem Beifahrersitz niederließ. Unermüdlich bot er ihm Decken zum Schutz vor der Kühle der abendlichen Herbstluft an, die er jedoch allesamt ablehnte.
»Sind Sie sicher, Sir? Lady Armstrong gab mir die Anweisung …«
»Ich bin doch kein Invalide.«
»Nein, Captain Curtis.« Der Chauffeur berührte salutierend seine Kappe.
»Und ich bin auch kein Offizier.«
»Ich bitte um Verzeihung, Sir.«
Es war eine lange Fahrt nach Peakholme. Sie mieden die Industriegebiete von Newcastle, obgleich er den dicken schwarzen Rauch vor dem dunkler werdenden Himmel gut ausmachen konnte. Erst ein paar Meilen zuvor hatten sie die Stadt hinter sich gelassen und fuhren jetzt übers offene Land. Aus Ackerland wurde Buschwerk, das sich über die Ausläufer der Pennines erstreckte, und schließlich bogen sie auf eine ansonsten leere, kurvenreiche Straße an einem trostlosen und unbewachsenen Hügel ein.
»Ist es noch weit?«, fragte er.
»Wir sind fast da, Sir«, versicherte ihm der Chauffeur. »Sehen Sie das kleine Licht dort vorn?«
Curtis musste etwas blinzeln, konnte dann das Licht auf dem Hügel aber ausmachen und bald darauf auch eine dunklere Form, die sich darum herum abzeichnete. »Es ist doch etwas kahl hier für einen Landsitz«, bemerkte er.
»Ja, Sir. Sir Hubert sagt immer, jetzt mag es noch kahl aussehen, aber warten wir mal hundert Jahre ab.« Der Chauffeur gluckste loyal. Curtis schloss mit sich selbst eine Wette ab, wie oft Sir Hubert diese geistreiche Bemerkung während seines Aufenthalts wohl äußern würde.
Der Austin schnurrte durch die kleinen Pflanzungen, aus denen sich eines Tages in ferner Zukunft ein berauschender Wald um das Peakholme-Anwesen entwickeln würde. Endlich kamen sie vor dem großen neuen Haus zum Stehen, und hellgelbes Licht ergoss sich aus dem Eingang. Ein Dienstbote wartete an der Auffahrt, um die Autotür zu öffnen. Curtis biss sich vor Schmerzen auf die Lippen, als er das Knie streckte. Er schüttelte sein Bein ein paarmal aus, bevor er über den knirschenden Kies bis zur Steintreppe ging, wo ihm ein Dienstbote seinen Mantel abnehmen wollte.
»Mr Curtis!«, rief Lady Armstrong, während sie durch die hell erleuchtete Halle schritt, um ihn zu begrüßen. Ihr Kleid war ein Traum in Blau, der ihre nackten Schultern umspielte und ihr blondes Haar perfekt zur Geltung brachte. In London hätte sie umwerfend ausgesehen, ganz zu schweigen davon, wie sie in dieser abgelegenen Region wirkte.
»Wie wundervoll, dass Sie da sind. Hierher zu gelangen hat schon beinahe etwas von einer Pilgerfahrt, nicht wahr? Ich bin so froh, dass Sie kommen konnten.« Sie streckte ihm beide Hände entgegen, Ausdruck ihrer charakteristischen, charmant informellen Begrüßung.
Er reichte ihr seine linke Hand und hielt die rechte zurück, woraufhin er einen Anflug von Mitleid in ihrem Gesicht wahrnehmen konnte. »Vielen Dank, dass Sie zu unserer kleinen Gesellschaft stoßen. Hubert!«
»Hier, meine Liebe.« Sir Hubert war hinter ihr in den Gang getreten. Er war ein stämmiger, kahlköpfiger Mann, gut drei Jahrzehnte älter als seine Gattin, mit einem gütigen Blick, der in Widerspruch zu seinem professionellen Ruf stand. »Na sieh mal einer an, Archie Curtis.« Sie gaben sich so etwas wie einen Händedruck, wobei Sir Huberts Hand die von Curtis zwar umfing, aber kaum berührte. »Es ist mir ein großes Vergnügen, Sie zu sehen. Wie geht es Ihrem Onkel?«
»Er ist in Afrika, Sir.«
»Um Himmels willen, schon wieder? Er hatte schon immer Fernweh, dieser Henry. Schon in der Schule hat er alle Verbindungen abgebrochen, müssen Sie wissen. Ich würde mich freuen, den alten Kerl irgendwann einmal wiederzusehen und diesen Kameraden von der Marine, den er da hat. Ich schätze, die beiden ziehen noch immer gemeinsam durch die Gegend?«
»Wie gewöhnlich, Sir.«
Sir Henry Curtis hatte sich um das verwaiste Kind seines jüngsten Bruders kümmern müssen, als Archie gerade einmal zwei Monate alt gewesen war. Sir Henry und sein enger Freund und Nachbar Captain Good hatten den Jungen zusammen großgezogen und ihre Reisen in die entferntesten Winkel der Welt jahrelang eingeschränkt, damit sie jeden Sommer da sein konnten, wenn er aus der Schule kam. Er war mit der Annahme aufgewachsen, dass eine ungezwungene, unkomplizierte Kameradschaft die natürlichste Sache der Welt war. Jetzt schien es ein verlorenes Paradies zu sein.
»Nun, ich denke, wir werden dafür sorgen, dass Sie sich hier wirklich wohlfühlen. Dann müssen Sie den beiden einfach einen Besuch bei uns ans Herz legen. Und wie geht es Ihnen, mein lieber Kamerad? Es tat mir sehr leid, von Ihrer Verletzung zu hören.«
Das war nicht nur so dahingesagt, denn Sir Huberts Augen drückten echtes Bedauern aus. »Das war eine schlimme Sache, ein schrecklicher Fehler. Es hätte Ihnen nicht passieren dürfen.«
Lady Armstrong fiel ihm mit einem perlenden Lachen ins Wort. »Mein Lieber, Mr Curtis hat eine schrecklich lange Reise hinter sich. Und wir essen in einer Stunde. Wesley wird Sie nach oben geleiten. Der Ostflur, Wesley«, sagte sie zu einem gut gebauten Dienstboten, der in der dunkelgrünen Livree des Peakholme-Anwesens gekleidet war.
Curtis folgte dem Mann über die breite Treppe nach oben, wobei er sich ein wenig über das Treppengeländer lehnte, um das Haus besser bewundern zu können. Sir Hubert, ein reicher Industrieller, hatte Peakholme nach seinen eigenen Vorgaben vor etwa fünfzehn Jahren bauen lassen. Zu dieser Zeit war es ein außergewöhnlich moderner Bau gewesen, ausgestattet mit den neuesten Annehmlichkeiten, mit fließendem Wasser in allen Badezimmern, beheizten Warmwasser-Heizkörpern und elektrischem Licht durch einen eigenen hydroelektrischen Generator. Solchen Luxus war man immer mehr von Londoner Hotels gewohnt, ihn aber in einem derartigen Ausmaß in einem Privathaushalt vorzufinden, weit weg von der Hauptstadt, war durchaus eine Überraschung.
Die langen Gänge, in die die elektrischen Lampen ihren hellgelben Schein warfen, zuverlässig und sauber, aber so viel greller als Gaslicht, wären ansonsten herkömmlich erschienen. Sir Huberts Sohn war dafür bekannt, dass er für sein Leben gern jagte, und das schien in der Familie zu liegen, denn die Durchgänge hingen voller Ölgemälde von Fuchsjagden und waren zugestellt mit ausgestopften Trophäen in dramatischen Posen, allesamt sicher verwahrt in Glasvitrinen. Eine Eule in gebückter Haltung, die Flügel heftig gekrümmt in dem Versuch, eine Maus zu fangen. Ein Habicht, der sich von einem Ast neigt, bereit zum Angriff. Ein Adler, ausgestattet mit Glasaugen. Curtis würde sie als Orientierungspunkte in einem Haus nutzen, das insgesamt gesehen nicht sehr überschaubar war.
»Das ist doch eine recht ungewöhnliche Anordnung«, bemerkte er gegenüber dem Dienstboten.
»Ja, Sir«, stimmte Wesley ihm zu. »Das Haus wurde so entworfen, dass es einen Servicekorridor hinter den Schlafzimmern gibt. Dort sind die elektrischen Kabel verlegt, und dort verläuft auch die Zentralheizung.« Er sprach diese technischen Begriffe mit sichtlichem Stolz aus. »Eine fabelhafte Sache. diese Elektrik. Ich weiß nicht, ob Sie mit der Bedienung vertraut sind, Sir?«, fragte er hoffnungsvoll und öffnete die Tür zu einem Raum am Ende des Korridors.
»Nein, zeigen Sie es mir bitte.« Curtis war ein praktischer Mann und recht vertraut mit der Elektrizität, aber diese Tour war für den Dienstboten offensichtlich der Höhepunkt des Tages. Also ließ er sich von Wesley die Wunder der Knöpfe erklären, die andere Dienstboten herbeiriefen, und Schalter, die für Licht sorgten oder einen Deckenventilator in Betrieb setzten. Angesichts der an diesem kalten Oktobertag vorherrschenden Kühle, und ganz zu schweigen von der Lage des Hauses im Norden Englands, bezweifelte er, dass er Letzteres benötigen würde.
An der Innenwand des Raums, gegenüber vom Bett, stand ein großer, goldgerahmter Spiegel. Curtis betrachtete sich darin, um zu prüfen, wie sehr ihm die Reise zugesetzt hatte, und fing dabei Wesleys Blick auf.
»Willkommen in Peakholme, Sir, wenn ich so frei sein darf.« Der Dienstbote schaute sein Spiegelbild an, ohne die Augen zu senken. »Wenn es irgendetwas gibt, das ich während Ihres Aufenthalts für Sie tun kann, läuten Sie bitte, Sir. Sie haben keinen Diener dabei, nehme ich an?«
»Nein.« Curtis wandte sich vom Spiegel ab.
»Darf ich Ihnen dann jetzt behilflich sein, Sir?«
»Nein. Vielen Dank! Bitte packen Sie später aus. Ansonsten werde ich nach Ihnen läuten, wenn ich etwas brauche.«
»Das hoffe ich, Sir.« Wesley nahm den Schilling, den Curtis ihm zusteckte, zwar entgegen, zögerte aber einen Moment. »Gibt es sonst noch etwas …?«
Curtis fragte sich, worauf der Mann wartete; das Trinkgeld war mehr als großzügig gewesen. »Das ist dann alles.«
»Ja, Mr Curtis.«
Wesley ging aus dem Zimmer, und Curtis ließ sich schwer auf das Bett sinken. Er wollte einen Moment lang in sich gehen, bevor er sich umziehen und für die Begegnung mit den anderen Gästen zurechtmachen musste.
Er wusste nicht, ob er das konnte. Was hatte er sich nur dabei gedacht hierherzukommen? Was glaubte er, damit erreichen zu können?
Früher hatten ihm Hausgesellschaften Vergnügen bereitet, zu Zeiten, in denen sie noch seltene Oasen der Unterhaltung und Entspannung zwischen militärischen Einsätzen darstellten. Seit seinem Rückzug aus dem Krieg vor eineinhalb Jahren hatte er drei besucht, wurde von all den Menschen bei Laune gehalten, die ihm immer wieder sagten, er müsse sich aus seinem Kokon befreien, wieder Anteil am gesellschaftlichen Leben nehmen, ein guter Kamerad sein. Jeder Besuch war noch öder gewesen als der letzte, war ihm noch sinnloser erschienen – eine Ausgeburt der Zügellosigkeit von Menschen, deren Leben hauptsächlich darin bestand, ihrem Vergnügen zu frönen.
Zumindest war er zu dieser Gesellschaft mit einer Art Mission im Gepäck gekommen, auch wenn ihm deren Ziel jetzt beinahe absurd erschien.
Er schob den schwarzen Lederhandschuh von seiner rechten Hand und bog Daumen und Zeigefinger. Das vernarbte Gewebe, das seine Knöchel dort bedeckte, wo einst seine restlichen Finger gewesen waren, spannte. Er rieb eine lindernde Salbe ein, zog dann den »Tarnhandschuh« wieder über das vernarbte Fleisch und begann sich zum Dinner umzukleiden.
Das war an sich keine wirklich große Sache, jedoch mühsam. Vielleicht hätte er den Dienstboten Wesley nicht so voreilig wegschicken sollen. Doch er hatte achtzehn Monate Zeit gehabt, den Umgang mit Manschettenknöpfen und Knöpfen mit weniger Fingern zu üben. Zwar brauchte er etwa dreimal so lange beim Ankleiden wie ein unversehrter Mann, aber so bewahrte er sich wenigstens seine Unabhängigkeit.
Er justierte seine weiße Piqué-Weste und die Kragenenden zu seiner Zufriedenheit. Ein wenig Pomade half dabei, die Wellen seines dichten blonden Haars zu bändigen, dann war er fertig.
Er betrachtete sich im Spiegel. Zwar war er wie ein Gentleman gekleidet – mit seinem Gebaren und seiner von der afrikanischen Sonne gebräunten Haut jedoch strahlte er noch immer die Aura eines Soldaten aus. Er sah nicht aus wie ein Spion, ein Spitzel, ein Lügner. Und leider fühlte er sich auch nicht wie einer.
Er war der Letzte, der in den Salon trat, und Lady Armstrong klatschte in die Hände, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. »Meine Lieben, unser letzter Gast. Mr Archie Curtis. Sir Henry Curtis’ Neffe, müssen Sie wissen, der Entdecker.«
Man hörte Gemurmel. Curtis lächelte und fand sich damit ab, war er doch sein Leben lang mit ähnlichen Vorstellungen seiner Person konfrontiert worden. Die abenteuerliche Afrikareise, die seinen Onkel vor gut fünfundzwanzig Jahren reich gemacht hatte, faszinierte die Öffentlichkeit noch immer.
»Und jetzt muss ich Sie mit allen bekannt machen«, fuhr Lady Armstrong fort. »Miss Carruth und Miss Merton.«
Miss Carruth war eine hübsche, lebhafte junge Frau Anfang zwanzig, schick gekleidet und mit einem Funkeln in ihren rostbraunen Augen. Miss Merton, die ihre Begleiterin zu sein schien, war ein paar Jahre älter, etwas einfacher zurechtgemacht und mit wachsamem Blick, aber sie murmelte die korrekten Höflichkeitsfloskeln.
»Mr Keston Grayling und Mrs Grayling aus Hull.« Emporkömmlinge aus der Provinz, dachte Curtis, als das Paar grüßend lächelte. Mr Grayling sah etwas töricht aus, er trug teure Kleidung, aber ohne Schliff, und hatte den Ansatz eines Doppelkinns. Mrs Grayling trug ein Gewand, das für Curtis’ Geschmack zu eng saß und zu viel Einblick gewährte. Er fragte sich, ob sie die Art von Dame war, die einem kleinen Landhausabenteuer der konventionellen Art nicht abgeneigt war.
»Mein Bruder John Lambdon und Mrs Lambdon.«
Bei diesem Paar war es der Mann, der den Eindruck erweckte, als würde er zwischen verschiedenen Schlafzimmern wandeln. Lambdon hatte das auffallend gute Aussehen seiner Schwester und war gut gebaut, wenn auch nicht so breit wie Curtis. Neben ihm war Mrs Lambdon eine blasse Erscheinung mit glattem Haar, schlaffem Händedruck und der Aura einer professionellen Kopfschmerzpatientin.
»Huberts Sohn James.«
Curtis wusste, dass dieser Sir Huberts erster Ehe entstammte. Der Mann war wohl Ende zwanzig, höchstens fünf Jahre jünger als die aktuelle Lady Armstrong. Er hatte einen fröhlichen Blick und ein breites, offenes Gesicht, das von Aktivitäten im Freien verwittert war und keine auffälligen Anzeichen von Intelligenz aufwies.
»Curtis, schön, Sie kennenzulernen.« James Armstrong streckte ihm die Hand entgegen.
Curtis streckte ebenfalls die rechte Hand aus und zuckte zusammen, als der junge Mann sie packte. Sein Griff quetschte das vernarbte Gewebe.
»Darling, ich habe es dir doch gesagt«, rief Lady Armstrong mit scharfer Stimme.
»Oh, es tut mir so leid, Mutter.« Armstrong schenkte ihr ein entschuldigendes Lächeln, das er anschließend auch an Curtis weitergab. »Daran habe ich überhaupt nicht mehr gedacht.«
»Mr Peter Holt. James’ lieber Freund«, fuhr Lady Armstrong fort. Der Mann, auf den sie zeigte, war eine stattliche Erscheinung. Er war von Curtis’ Größe und Statur, knapp einen Meter neunzig mit kräftigen Schultern, einer Nase, die wohl mindestens schon ein Mal gebrochen war, und der Ausstrahlung eines Faustkämpfers. Seine wachen grünbraunen Augen ließen auf ebenso viel Intelligenz wie Stärke schließen, und sein Handgriff war bestimmt, ohne qualvollen Druck auszuüben. Ein Mann, der es verstand, seine Muskeln zu gebrauchen.
Beeindruckend, dachte Curtis und runzelte die Stirn bei dem Versuch, sich zu erinnern. »Waren Sie nicht in Oxford?«
Holt lächelte und freute sich sichtlich, dass er ihn erkannt hatte. »Keble. Ein paar Jahre unter Ihnen.«
»Mr Holt war ebenfalls Mitglied im Boxteam«, warf Lady Armstrong ein.
»Natürlich. Ich werde Sie in … Fenton’s gesehen haben?«
»An der Broad Street, genau. Ich war aber nicht in Ihrer Liga«, erklärte Holt mit fröhlicher Offenheit. »Es war bei Ihrem Kampf mit Gilliam. Grandioses Match.«
Curtis grinste, als er sich erinnerte. »Härtester Kampf meines Lebens.«
»Sie beide können sich übers Boxen unterhalten, solange Sie wollen, wenn ich mit meiner Vorstellungsrunde fertig bin«, rügte Lady Armstrong amüsiert.
»Mr Curtis, das hier ist Mr da Silva.«
Curtis musterte den Gentleman und entschied sofort, dass er selten einen unsympathischeren Mann gesehen hatte.
Er war etwa in Curtis’ Alter und nur ein paar Zentimeter kleiner, hatte aber nicht mal annähernd dessen körperliche Masse. Eine gertenschlanke Erscheinung, sehr dunkel und mit glattem, glänzend schwarzem Haar, das bis in die letzte Faser mit Brillantine bearbeitet war. Seine Augen waren so dunkel, dass man Pupille und Iris kaum voneinander unterscheiden konnte. Zu seinem weißen Hemd trug er einen olivfarbenen Teint. Er war ganz offensichtlich irgendein Ausländer.
Ein Ausländer und Dandy, denn obgleich sein Hemd makellos war und der Frack und die spitz zulaufenden Hosen perfekt geschnitten waren, trug er einen riesigen grünen Glasring und, wie Curtis mit aufkommendem Entsetzen wahrnahm, eine hellgrüne Blume im Knopfloch.
Da Silva trat ein paar Schritte auf ihn zu und ließ Curtis ausreichend Zeit, um zu bemerken, dass er einen sehr geschmeidigen Gang hatte. Er hielt ihm eine Hand hin, die derart schlaff war, dass er mit sich kämpfen musste, sie nicht wie ein totes Tier fallen zu lassen.
»Entzückt«, flötete da Silva affektiert. Zu Curtis’ Überraschung klang sein Akzent wie der eines echten Engländers. »Ein Militärkavalier und Boxer, wie reizend. Ich verbringe gern Zeit mit unseren tapferen Jungs.« Er schenkte Curtis ein schiefes Lächeln und wandte sich wieder ab, dabei nahm er mit geschmeidigem Hüftschwung Lady Armstrong in den Schlepptau, während sich die Gesellschaft in kleine Gruppen aufteilte.
»Tja. Wer ist denn dieser Kerl?«, fragte Curtis leise.
»Ein grässlicher Kanake«, erwiderte James nicht leise. »Es ist mir schleierhaft, wieso Sophie diesen Mann toleriert.«
»Oh, er ist schrecklich amüsant und so clever.« Die hübsche Miss Carruth lächelte Curtis an. »Ich bin Fenella Carruth, falls Sie sich nicht an alle Namen erinnern können. Woher kennen Sie die Armstrongs? Über Ihren Onkel? Es klingt, als wäre er ein wundervoller Mann.«
Bis sie zum Abendessen gerufen wurden, plauderten sie ein wenig über seinen Onkel und über Miss Carruths Vater, einen Industriellen, der die Telefonanlage in Peakholme entwickelt hatte. Curtis fand sich am Tisch zwischen Miss Carruth und der trostlosen Mrs Lambdon wieder, wobei Holt, sein Kommilitone aus Oxford, auf Miss Carruths anderer Seite saß. Die junge Frau glänzte mit geistreicher Schlagfertigkeit, kühn, ohne jedoch jemals die Grenzen zu übertreten, und Holt parierte mit ein paar schneidigen, koketten Kommentaren. Er hielt mit seinem Interesse an Miss Carruth nicht hinterm Berg; ihre Antworten waren ausreichend schmeichelhaft, bezogen jedoch immer auch geschickt Curtis und James Armstrong, der ihnen gegenübersaß, mit ins Gespräch ein, damit sie ebenfalls um ihre Aufmerksamkeit buhlen konnten. Sie schien es zu genießen, aus ihren Verehrern wählen zu können.
Curtis konnte sich nicht dazu durchringen mitzuspielen. Er konnte sich vorstellen, wie sein Onkel Maurice angesichts seines Mangels an Enthusiasmus verzweifelt aufstöhnte. Miss Carruth war eine hübsche, angenehme und wohlhabende junge Frau, genau die Sorte, nach der er Ausschau halten sollte, jetzt, da er keinen Grund mehr hatte, sich nicht niederzulassen. Aber er verspürte nicht den Wunsch, die anderen beiden Männer auszustechen, und hätte es auch nicht gekonnt, selbst wenn er gewollt hätte. Flirten und derartige Wortgeplänkel waren noch nie seine Stärke gewesen. Es war ihm ein Rätsel, wie Menschen mit solch schnellen, cleveren Bemerkungen und scharfen Erwiderungen aufwarten konnten. Er schaffte es, ein paar angemessene Antworten zu formulieren, um den Schein zu wahren, aber seine Konzentration war eher auf die ermüdenden Anstrengungen gerichtet, das Besteck mit seiner verletzten Hand zu dirigieren. Und darauf, die Anwesenden zu beobachten.
Es schien sich um eine übliche Landhausszenerie zu handeln. Die Graylings und Lambdons sahen aus wie unscheinbare Paare; die beiden alleinstehenden Damen waren ausgesprochen sympathisch. James Armstrong und Peter Holt waren typische junge Lebemänner, wobei James mehr Geld hatte und Holt mehr Hirn. Da Silva stach aus der Gesellschaft hervor. Er gehörte mehr zu der »Bloomsbury«-Sorte, die in der Gesellschaft wie Pilze aus dem Boden schossen – verweichlicht, künstlerisch, beunruhigend modern für eine solide viktorianische Seele, wie Curtis eine war. Es war jedoch recht offensichtlich, weshalb Lady Armstrong diesen Kerl eingeladen hatte. Er hatte eine erstaunlich flinke Zunge, und seine geistreichen, bissigen Bemerkungen brachten die ganze Gesellschaft während des Mahls mehrfach zum Lachen. Deswegen mochte ihn Curtis zwar nicht mehr – drei Jahre hatte er in Oxford damit verbracht, diese giftigen, dekadenten Typen mit ihrem bösartigen und wissenden Lächeln zu meiden –, aber er musste doch zugeben, dass dieser Geselle recht amüsant war. Nur Holts Kichern schien etwas oberflächlich zu sein. Vielleicht war er besorgt, da Silva würde seine eigene Konversation vor Miss Carruth in den Schatten stellen. Doch Curtis hatte nicht den Eindruck, dass er sich Sorgen um einen Rivalen machen müsste.
Keiner der Anwesenden war in Sir Huberts Alter: Seine Gattin füllte das Haus mit Gästen ihrer eigenen Generation. Vielleicht fühlte sich ihr Mann dadurch etwas jünger. Es war schwierig zu sagen, da er nur wenig zur Unterhaltung beitrug, aber er strahlte seine Gäste hinreichend an, und die Konversation verlief problemlos, bis die Damen den Tisch verließen und ihr Gastgeber nach dem Portwein verlangte.
»Nun, Curtis«, sagte Grayling, als er den Dekanter weitergab. »Sehe ich das richtig, Sie waren im Krieg?«
»Das stimmt.«
»Verletzt?« Lambdon deutete auf seine Hand.
Curtis nickte. »Bei Jacobsdal.«
»Was war das, eine Schlacht?«, fragte Grayling. Der Wein hatte ihm etwas zugesetzt, und er versuchte, diese Tatsache zu verbergen, indem er vermeintlich intelligente Fragen stellte.
»Nein. Keine Schlacht.« Curtis goss sich ein Glas Portwein ein. Er packte dazu den Hals des Dekanters mit Daumen und Zeigefinger und stützte das Gewicht des Gefäßes mit der linken Hand ab.
»Nein, stimmt ja, das war diese Sache mit der Sabotage, nicht wahr?«
»Das wurde nie bewiesen.« Mit seinem Tonfall wollte Sir Hubert die Richtung, die diese Unterhaltung nahm, im Keim ersticken.
Curtis überging den Hinweis. Er verabscheute es, über dieses Thema zu reden, verabscheute es, darüber nachzudenken, aber schließlich war er genau deswegen überhaupt gekommen. Und wer wusste schon, ob sich eine weitere Gelegenheit ergab, wo doch Sir Hubert offensichtlich überhaupt nicht willens war, diese Angelegenheit zu diskutieren. »Meine Kompanie war in Jacobsdal und wartete auf Verstärkung, als eine Sendung Material ankam. Sehnlichst erwartet.«
»Die Versorgung im Krieg war schrecklich«, sagte Lambdon mit der Kompetenz eines Mannes, der regelmäßig Zeitung las.
»Wir hofften auf Stiefel, bekamen aber ein paar Kisten Schusswaffen. Eine ganz neue Art. Ein Lafayette-Fabrikat. Natürlich konnten wir die ebenfalls gut brauchen. Wir hatten ein paar Tage verfügbar und jede Menge Munition geliefert bekommen, also dachten wir, wir sollten uns am besten an sie gewöhnen. Wir teilten sie unter uns auf und verteilten uns, um sie auszuprobieren.«
Hier hielt er inne und nahm einen Schluck Portwein, um die plötzlich aufkommende Beklemmung in seiner Kehle zu verbergen. Selbst jetzt, nach all den Monaten, hatte er den Geruch noch immer in der Nase. Den Duft der heißen, trockenen Erde Afrikas, und dann den Geruch von Kordit und von Blut.
»Und die Gewehre waren fehlerhaft.« Sir Hubert wollte eindeutig mit dieser Geschichte abschließen.
»Viel schlimmer, Sir. Sie explodierten in unseren Händen. Explodierten überall auf dem Feld.« Curtis hob seine rechte, behandschuhte Hand leicht an. »Ich verlor drei Finger, als das Lager meines Revolvers hochging. Der Mann neben mir …« Leutnant Fisher, dieser warmherzige, lebensfrohe rothaarige Schotte, der zwei Jahre lang sein Zeltgenosse gewesen war, war auf die Knie gefallen, den Mund aufgerissen vor Erstaunen, während das Blut aus seinem zertrümmerten Handgelenk schoss. Wie er dort auf dem Feld starb, während Curtis die blutüberströmten Reste seiner eigenen Hand nach einer Berührung ausstreckte, die niemals mehr stattfinden konnte.
Darüber konnte er einfach nicht reden. »Es war eine verfluchte Sache. Meine Kompanie verlor in zwei Minuten Schussübungen mehr Männer als in den sechs Monaten Krieg zuvor.« Sieben Tote auf dem Feld, sechs weitere im Feldlazarett, zwei Selbstmorde etwas später. Drei Männer erblindet. Verstümmelungen und Amputationen. »Die gesamte Gewehrkiste war tödlich.«
»Unzweckmäßig tödlich«, murmelte da Silva.
Lambdon fragte: »Konnte der Firma Lafayette jemals etwas nachgewiesen werden, Hubert?«
»Die Nachforschungen verliefen ergebnislos.« Sir Huberts Gesicht war während Curtis’ Ausführungen sehr ernst gewesen, er lauschte der Geschichte mit Abscheu, aber auch nicht mehr. »Der Fertigungsprozess war natürlich fehlerhaft, und die Wände der Patronenlager waren katastrophal schwach, aber niemand hielt es für etwas anderes als einen Unfall. Ich hielt es niemals für etwas anderes. Lafayette war versessen auf Einsparungen, alle in der Branche wussten das. Er fand immer Wege, um noch einen Extrapenny aus einem Pfund zu quetschen. Er hat wohl dieses Mal einfach zu viel gewollt.«
James Armstrong setzte einen wissenden Blick auf. »Aber du mochtest seine Politik nicht, nicht wahr, Vater? Ich dachte, du sagtest, er unterstützte den Krieg nicht.«
Sir Hubert sah seinen Sohn stirnrunzelnd an. »Nichts wurde je bewiesen, und jetzt ist der Mann tot.«
»Tot? Was ist passiert?«, fragte Grayling.
»Man fand ihn vor ein paar Wochen in der Themse treibend«, sagte Sir Hubert schwermütig. »Er muss ausgerutscht und hineingefallen sein.«
James machte ein skeptisches Geräusch. »Wir alle wissen, was das bedeutet. Schuld, wenn Sie mich fragen.«
Mit gerunzelter Stirn schloss Sir Hubert das Thema ab. »Genug davon. John, waren Sie zum letzten Rennen in Goodwood?«
Lambdons Antwort verlagerte die Konversation auf das Thema Sport, und die meisten Anwesenden tauschten schon bald Bemerkungen über ihre bevorzugten Aktivitäten aus. Curtis und Holt hatten ein paar gemeinsame Boxbekanntschaften, und das Plaudern über Vertrautes entspannte ihn, vertrieb für einen Augenblick die schlimmen Erinnerungen. Die anderen diskutierten über Schießen und Kricket. Da Silva beteiligte sich nicht an der Konversation, sondern saß mit einem matten, abwesenden Lächeln da, das höfliche Langeweile ausstrahlte, und nippte an dem exzellenten Portwein mit der Aura eines Mannes, der eher für ein Glas Absinth zu haben gewesen wäre.
Welch ein verflixter Schönling, dachte Curtis.
Es war ein vollkommen normaler geselliger Abend gewesen, aber keinesfalls ein fruchtbares Erlebnis. Während er die Knöpfe aus seinem Kragen fummelte, musste Curtis seinem Spiegelbild eingestehen, dass er keine Idee hatte, wie er das ändern konnte.
Der nächste Morgen brachte einen hellblauen Oktoberhimmel, die Sonne ergoss sich warm über die umgebenden Hügel und Gipfel, und Lady Armstrong hatte reichlich Pläne für ihre Gäste.
»Eine Wanderung über die Hügel, gefolgt von einem Picknick, meine Lieben.« Sie klatschte in die Hände. »Also, machen wir uns bereit. Wir haben ausreichend Wanderausrüstung in allen möglichen Größen.« Sie überredete einen Gast nach dem anderen, bis sie schließlich auf zwei massive Hindernisse stieß.
Curtis war das erste. »Das klingt hinreißend, aber ich muss leider passen. In Jacobsdal habe ich mir eine Kugel im Knie eingefangen.« Ein verirrter Schuss eines in Panik geratenen Kollegen, der in dem Moment durch sein Bein ging, als er seine ruinierte Hand anstarrte. »Es ist inzwischen schon viel besser geworden, aber raues Terrain hat es in sich, und Zugfahrten machen ihm zu schaffen. Ich sollte es heute lieber schonen, wenn ich für den Rest der Woche beweglich sein will.«
»Oh, wir könnten den Wagen anfordern – oder ein Pferd?«
»Machen Sie sich keine Mühe. Ich habe wirklich reichlich Lesestoff dabei.« Curtis sprach so nachdrücklich, wie er konnte, in der Hoffnung, sie würde nicht widersprechen.
»Ich werde Mr Curtis Gesellschaft leisten«, hörte er eine samtige Stimme hinter seinem Rücken sagen.
Curtis verkniff sich eine Grimasse.
Stirnrunzelnd meinte Lady Armstrong: »Also wirklich, Mr da Silva, Sie brauchen etwas frische Luft und Bewegung.«
»Meine liebe Dame, meine Konstitution würde so einen Ausflug wohl kaum überleben. Diese Landluft auch nur zu inhalieren ist schon beinahe mehr, als ich ertragen kann. All diese gesunde Frische ist so schlecht für die Seele.« Da Silva schauderte dramatisch.
Miss Carruth kicherte.
»Nein, ich werde mich meiner Arbeit widmen. Ich muss mich plagen.«
»Womit?« Curtis konnte die Frage nicht unterdrücken.
»Den poetischen Künsten.« Da Silva glänzte an diesem Morgen in einem grünen Samtjackett.
Curtis kam nicht umhin zu bemerken, dass er zudem Hosen trug, die viel zu eng geschnitten waren, als dass man sie noch hätte anständig nennen können. Der Stoff umspannte fest und etwas zu offensichtlich eine zugegebenermaßen wohlgerundete Form. Gütiger Gott, aber der Geschmack dieses Kerls könnte himmelschreiender nicht sein!
»Poetische Künste?«, wiederholte er und sah Holts seltsam verzweifeltes Kopfschütteln.
»Ich habe die Ehre, Edward Levys neuesten Band zu bearbeiten.« Da Silva schwieg einladend, aber Curtis sah ihn nur ausdruckslos an. Da Silva verdrehte die dunklen Augen gen Himmel. »Der Fragmentalist. Der Poet. Sie sind wohl nicht vertraut mit …? Natürlich nicht. Nun ja, ein Genie bleibt oft unerkannt. Und Sie ziehen Ihre intellektuelle Nahrung womöglich lieber aus Mr Kiplings Balladen eines Winkelschreibers, was vielleicht mehr den Geschmack eines Mannes der Tat trifft. Sie reimen sich so schön, höre ich oft.«
Er winkte Lady Armstrong grazil zu und schwebte davon, wobei er Curtis mit offenem Mund stehen ließ.
»Von allen …« Er hielt inne.
»Mistigen Kanakenschwuchteln«, beendete James Armstrong den Satz für ihn und ließ es vollkommen an guten Manieren fehlen. »Ich verbitte mir diesen Mann. Ganz ehrlich, Sophie, warum musstest du ihn einladen …«
»Er ist selbst ein Poet«, sagte Lady Armstrong. »Furchtbar schlau. Und so modern.«
»Und er sieht auch noch schrecklich gut aus«, warf Fenella Carruth mit einem sittsamen Blick auf ihre Begleiterin ein. »Findest du nicht auch, Pat?«
»Es kommt nicht nur auf das Äußere an«, erklärte Miss Merton mit Nachdruck. »Bei Weitem zu schrill, wenn du mich fragst.«
Die Ausflugsgesellschaft machte sich gestärkt durch ein ausgiebiges Frühstück auf den Weg und überließ Curtis und da Silva das Haus. Da Silva gab seine Absicht bekannt, sich in der Bibliothek niederzulassen, um mit seiner Muse Zwiesprache zu halten. Curtis, dem die Muse leidtat, sagte, er würde es vorziehen, das Haus zu erkunden und sich mit seinen Eigenschaften bekannt zu machen.
Er hatte tatsächlich vor, sich auf Entdeckungstour zu begeben, aber sein Ziel waren nicht die modernen Annehmlichkeiten.
Sir Huberts Arbeitszimmertür stand offen. Curtis glitt hinein und drehte den Schlüssel im Schloss, um sich selbst einzuschließen. Sein Herz klopfte, und sein Mund war trocken.
Das war nicht seine Berufung. Er war kein Spion, um Himmels willen, er war Soldat. Oder vielmehr war er Soldat gewesen, bis die Schusswaffen in Jacobsdal dem ein Ende gemacht hatten.
Er begann den Schreibtisch zu durchsuchen und wollte beinahe schon aufgeben, als er sah, was darauflag: eine silbergerahmte Fotografie eines lächelnden jungen Mannes in der Uniform eines britischen Leutnants. Er erkannte die Gesichtszüge aus dem Ölgemälde, das in Lebensgröße im Salon neben dem atemberaubenden Porträt der aktuellen Lady Armstrong von John Singer Sargent hing. Sir Huberts älterer Sohn Martin war auf dem trockenen Boden des Sudan gestorben.
Sicher hätte ein Mann, der seinen eigenen Sohn im Krieg verloren hatte, britische Soldaten nicht verraten können. Ganz sicher.
Ein weiteres Gemälde des toten Mannes hing gegenüber von Sir Huberts Schreibtisch und starrte mit bedächtigem Lächeln auf Curtis herab. Es befand sich zwischen einem einfachen Aquarell einer Dame, die Armstrongs erste Frau sein musste, wie Curtis vermutete, und einer Pastellzeichnung von Sophie, Lady Armstrong. Anscheinend gab es kein Bild von James.
Er zwang sich zum Weitermachen. Die Schreibtischschubladen waren verriegelt, nicht aber der Aktenschrank, und so blätterte er mit der linken Hand durch Akten und Ordner und fragte sich, was er da eigentlich tat.
Sir Hubert hatte sich durch den Zusammenbruch der Lafayette-Waffengeschäfte nach dem Vorfall in Jacobsdal zwar durchaus bereichern können, aber das musste noch nichts bedeuten. Schließlich war er ein Waffenfabrikant, und da war ein Krieg im Gange gewesen; irgendwer musste das Geschäft machen. Und natürlich hatte Mr Lafayette die Schuld auf die Schicht seiner Fabrik schieben wollen, um das Gewicht der Toten von Jacobsdal von seinen eigenen Schultern zu nehmen. Er hatte in Sir Henry Curtis’ Salon gestanden, unrasiert, dünn und verzweifelt, und hatte getobt und von Sabotage und Komplott, von Verrat und Mord geredet, und sein Körper wurde keine zwei Wochen später aus der Themse gefischt. Er hatte nichts gesagt, das nicht auch auf Schuld und Irrsinn zurückzuführen wäre.
Aber wenn auch nur die kleinste Chance bestand, dass Lafayette die Wahrheit gesagt hatte, konnte Curtis das nicht ignorieren. Er musste es tun, auch wenn er nicht genau wusste, wonach er eigentlich suchte. Also blätterte er peinlich berührt und mit hochrotem Kopf durch die privaten Unterlagen seines Gastgebers.
Er blieb, solange er es wagte, in diesem Zimmer, lauschte auf Geräusche auf dem Gang oder sich nähernde Dienstboten und fühlte enorme Erleichterung, als er auf dem Boden des Schranks ankam. Er hatte nichts Ungewöhnliches entdecken können, nur Rechnungen und Briefe, eben das alltägliche Geschäft eines wohlhabenden Mannes.
Er durchsuchte das Büro nach Schlüsseln für den Schreibtisch, wurde aber nicht fündig. Sir Hubert trug sie zweifelsohne an seinem Schlüsselbund. Er fragte sich, wie er an sie herankommen könnte.
Nun, hier gab es nichts mehr zu tun, es sei denn, er würde die Schubfächer aufbrechen wie ein gemeiner Dieb. Er beseitigte die Spuren seines Eindringens, so gut er konnte, und ging zur Tür, wo er zunächst auf Schritte horchte. Aber alles war still. Curtis schloss die Tür des Arbeitszimmers auf und glitt hinaus. Dabei spähte er über die Schulter und lief direkt in jemanden hinein.
»Jesus!«, schrie er auf.
»Wohl kaum«, erwiderte eine seidige Stimme, die Curtis klarmachte, dass er mit da Silva zusammengestoßen war. »Beide zwar jüdischen Ursprungs, aber das wären dann auch schon alle Gemeinsamkeiten.«
Curtis trat eilig zurück und stieß an den Türrahmen. Mit einer Geste übertriebener Höflichkeit machte da Silva den Weg frei und bemühte sich kein bisschen, seine Erheiterung zu verbergen. »Sie haben wohl etwas gearbeitet, nicht wahr?«, fragte er und blickte in das Studienzimmer ihres Gastgebers.
»Wie geht es Ihrer Muse?«, entgegnete Curtis und stolzierte mit glühendem Gesicht davon.
Meine Güte, wie peinlich, und welch verfluchtes Glück. Zumindest hatte ihn nur dieser verflixte Levantiner gesehen. Bestimmt würde da Silva nichts Ungewöhnliches dabei finden, die Privaträume eines Gastgebers zu erforschen, tröstete Curtis sich.
Das war zwar ein reizvoller Gedanke, aber eher unwahrscheinlich; selbst der missratenste Bürgerliche würde sich fragen, was Curtis in dem Arbeitszimmer gemacht hatte. Die Frage war, ob dieser Kerl jemandem von dem Vorfall erzählen würde. Curtis würde sich für den Fall der Fälle eine gute Erklärung zurechtlegen müssen.
Er ging auf sein Zimmer, verfluchte da Silva im Stillen und hatte keinen Schimmer, was er als Nächstes tun sollte. Er nahm an, ein echter Spion würde einen Blick in die Schlafgemächer der Armstrongs werfen, doch schon bei dem Gedanken daran wurde ihm schlecht. Er würde anderswo nachsehen müssen.
Nach ein paar Minuten hatte er seine Fassung zurückgewonnen und machte sich auf den Weg in die Bibliothek, nicht jedoch, ohne vorher um die Ecke gelugt zu haben, ob sie auch leer war. Es war ein weitläufiger Raum, im Stil vieler älterer Häuser mit Holz verkleidet und eher dunkel gehalten. In den oberen Bücherregalen standen ledergebundene Bände mit passenden Rücken, die Art von Nachschlagewerken und unlesbaren akademischen Studien, die ein Neureicher kaufte, um die Bibliothek zu füllen. Die unteren Regale hielten in bequemer Reichweite komplette Reihen von Dickens und Trollope bereit, dazu die neuesten klugen Romane und viele Bände mit Schauer- und Sensationsliteratur. Es gab nur ein Gemälde hier, das Porträt eines etwa neunjährigen Jungen, der ein Baby hielt. Curtis nahm an, dass es sich um Martin und James handelte. Wenn dem so war, war dies das erste Bild von James, das Curtis im Haus gesehen hatte. Er fragte sich, ob der Mann es ebenso verabscheute, Porträt zu sitzen wie er selbst.
Neben den Bücherregalen und ein paar bequemen Lesesesseln gab es eine Reihe verstreuter Tischchen, auf denen schwere Elektrolampen standen, und einen Schreibtisch. Die Schubladen enthielten nichts außer unbeschriebenem Briefpapier und Schreibwerkzeug.
Er sah sich um und bemerkte eine unauffällige Tür am anderen Ende, die in die Holztäfelung eingepasst war. Sie befand sich in der Mitte der Wand, und als er sich den Grundriss des Hauses kurz ins Gedächtnis rief, schien es sich eher um ein Vorzimmer zu handeln als um einen Gang, der irgendwohin führte. Vielleicht ein privater Studienraum? Er drehte am Türgriff. Verschlossen.
»Meine Güte, Sie sind aber wahrlich neugierig«, murmelte eine Stimme in sein Ohr und ließ Curtis beinahe aus seiner Haut fahren.
»Großer Gott!« Er drehte sich zu da Silva um, der direkt hinter ihm stand. Der Mann bewegte sich offensichtlich so leise wie eine Katze. »Würden Sie die Güte haben, sich nicht derart anzuschleichen?«
»Ach, ich bin also derjenige, der hier rumschleicht? Ich hatte ja keine Ahnung.«
Ein scharfsinniger Konter. Curtis schob seinen Unterkiefer nach vorn. »Es ist ein faszinierendes Haus«, meinte er lahm und sah mit ohnmächtiger Wut, wie da Silva amüsiert den Mund verzog.
»Dies ist das Dokumentenlager.« Da Silva nickte in Richtung Tür. »Hier verwahrt Sir Hubert den Großteil seiner Privatdokumente, hinter Schloss und Riegel.«
»Sehr vernünftig«, murmelte Curtis und hörte mit Erleichterung den Gong, der zum Mittagessen rief.
Aber die Erleichterung wich schnell der Bestürzung, als er erkannte, dass da Silva mit ihm gemeinsam speisen würde. Es schien, als würde der Kerl schon den ganzen Tag um ihn herumschleichen.
»Ich hoffe, Sie kamen mit Ihrer Arbeit gut voran«, brachte er hervor und versuchte, einen Schleier der Höflichkeit aufrechtzuerhalten, als sie sich einander gegenüber an den reich gedeckten Tisch setzten.
»Relativ gut, danke.« Da Silva bestrich mit großer Sorgfalt ein Brötchen mit Butter. »Und wie steht es bei Ihnen?«
Curtis’ Atem geriet bei dieser kleinen Spitze ins Stocken. »Ich bin nur etwas herumgewandert. Habe mir das Anwesen angesehen. Ein bemerkenswertes Haus.«
»Das ist es.« Da Silva beobachtete ihn, während er sprach. Dabei war sein Gesichtsausdruck undurchdringlich, und Curtis musste sich zwingen, unter seinem Blick nicht unruhig zu werden.
Er griff nach der nächstbesten Servierplatte und bot ihm etwas an, in der Hoffnung, dadurch auf ein anderes Thema zu kommen. »Schinken?«
»Nein, vielen Dank.«
»Er ist wirklich gut.«
Da Silva blinzelte, langsam wie eine Eidechse. »Ich fürchte, seit unserem letzten Gespräch habe ich nicht konvertiert.«
»Kon … Oh! Oh, ich bitte um Verzeihung! Ich habe schon wieder vergessen, dass Sie Jude sind.«
»Wie erfrischend. Das passiert sonst nur wenigen.«
