Begleitperson - Dietmar Sievers - E-Book

Begleitperson E-Book

Dietmar Sievers

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Beschreibung

Beim Odinshühnchen sind die Geschlechterrollen vertauscht: Das Weibchen hat das auffälligere Gefieder und verteidigt das Revier. Das Männchen ist meist im grau-weißen Schlichtkleid unterwegs und kümmert sich um den ganzen Rest. Das Odinshähnchen ist schon ganz ein moderner Mann und deshalb ist er das Lieblingstier des Lieblingsgottes.

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Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dietmar Sievers

Begleitperson

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Das Ganze in Hellgrün

2. Junge Wölfe

3. Lehensfrau

4. Haftnotizen

5. Frühstücksdirektor

6. Spatzenbad

7. Eine Sturmkanne erzählt

8. Bock und Gärtner

Impressum neobooks

1. Das Ganze in Hellgrün

Hans Dietmar Sievers

Begleitperson

© Hans Dietmar Sievers, Uranusstraße 31, 06118 Halle (S.)

Statt eines Klappentexts:

Ronnie Schmalwand-Tetzel, Spitzname Odin oder Odie, hat sein Studium abgebrochen und sitzt nach Gelegenheitsjobs unterfordert zu Hause. Seine Frau Sabine Schmalwand-Tetzel (Bini) hat ihr Studium mit Bestnoten abgeschlossen und eilt nun beruflich von Erfolg zu Erfolg. Die Beiden haben unter kuriosen Umständen geheiratet und nehmen ihre Ehe ernst. Sie driften sozial auseinander und müssen ständig ihre Beziehung retten. Die Frau geht scheinbar im Konventionellen auf, dann aber doch nicht. Der Mann changiert zwischen Recke und Witzfigur in einem Deutschland, das wieder von Besatzungsmächten verwaltet wird. Und Gestaltwandler gibt es in diesem Buch auch.

Der Autor dankt dem Land Sachsen-Anhalt für die freundliche Förderung der Arbeit an diesem Manuskript im Rahmen des Programms "Kultur ans Netz 2021".

Odin ist schon wieder da, er sitzt im Restaurant des Hotels Europa und hält sich an seinem zweiten Kännchen Kaffee fest. Bini ist gerade auf dem Weg zu ihm, berichtet am Mobiltelefon von völlig überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Stadt ist voller Flüchtlinge aus der kurdischen Besatzungszone, dem ehemaligen Niedersachsen. Auch das Restaurant war gut besucht, immer wieder nahmen Gäste an Odins Tisch Platz, aßen eine Kleinigkeit und gingen dann wieder.

Manche versuchten auch, ein Gespräch mit ihm anzufangen. Dann schützte er mangelnde Sprachkenntnisse vor und versteckte sich hinter einem Exemplar der Gazeta wyborcza, in der er plötzlich erstaunlich viel lesen konnte. In Polen hatte er immer mit Sprachschwierigkeiten zu kämpfen gehabt, die sich hier ganz zwanglos zu verflüchtigen schienen. Auch englischsprachige Lehrinhalte bereiteten ihm große Probleme, hinzu kam eine Art Trosttrinken. An einem Obstschnaps-seligen Herbstabend in der Alten Brauerei von Poznan fiel dann die Entscheidung: Odin beantragte seine Exmatrikulation vom Studium.

Währenddessen eilte Bini von einem Studienerfolg zum nächsten, absolvierte ihr Masterstudium mit Auszeichnung in etwas über einem Jahr. Dabei kümmerte sie sich auch noch rührend um Odin, der manchmal wirklich nicht mehr vorzeigbar war. Schließlich hatten sie sich am Papp-Amboss von Gretna Green Online die Treue geschworen, in guten wie in schlechten Zeiten. Bini bewarb sich bei einer Behörde des schönen EU-unmittelbaren Landes an Elbe und Saale und wurde auch sofort probeweise eingestellt. Odin räumte noch ihre gemeinsame Studentenbude, dann folgte er seiner Frau in die alte Saalestadt.

Gegen 19.00 Uhr erreichte Bini endlich das Hotel und eilte zum Restaurant. Ihre Umarmung war so innig, dass Odin Tränchen in die Augen traten. „Habe ich ein Glück“, murmelte er ergriffen. Sie bestellten Würzfleisch, dazu Apfelschorle und Bini erzählte von ihrem neuen Job. Dazu musste sie freilich ganz nah an ihren Göttergatten heranrücken, in sein Ohr flüstern und dabei seitlich mit der Hand ihren Mund verdecken.

Binis neue Arbeitsstelle war das Amt für Hygienesicherheit, einer Art Geheimdienst, dessen Aufgabe es sein sollte, Krankheitsüberträger und Hygieneferkel ausfindig und dingfest zu machen. Odin hatte am Bahnhof die riesigen Plakatwände gesehen, die mit Sprüchen wie ‘Im Dunkeln Gutes munkeln!‘ für eine lukrative Karriere im neuen Geheimdienst warben.

Bini gestand flüsternd, dass sich ihre neuen Kollegen als riesig nett erwiesen hätten, auch nicht lauernd oder gar spitzelnd. Eher unkompliziert und offen, so offen, wie man in solch einem Job eben sein könnte. Nur die Arbeitsaufgaben wären leider „voll der Dreck“. Dabei sei Bini sogar für Höheres ausersehen, sie sollte die Forschungs- und Entwicklungsabteilung der neuen Behörde aufbauen. Für einen Moment glaubte Odin, Verzweiflung in den großen rehbraunen Augen seiner jungen Gattin aufblitzen zu sehen. Er flüsterte ihr Tröstliches ins Ohr, fragte dann in einer plötzlichen Eingebung:

„Frau Meisterin, habt Ihr Arbeit für mich?“ Bini hatte längst daran gedacht, war dabei aber auf einige Probleme gestoßen: Odin konnte keinen Berufsabschluss vorweisen, er kam gerade aus dem nicht-globalistischen Ausland und er hatte vor Jahren einige unklare Datenspuren in den großen Daten-Staubsaugern hinterlassen. Bei seiner direkten Anstellung im Amt hätten sie sofort eine interne Ermittlung an den Hacken gehabt. Bini konnte ihm ein anderes Angebot machen: einen Honorarjob bei einem privaten Unterauftragnehmer des Amtes.

„Aber bitte keine Spitzelei“, wandte Odin ein.

„Was denkst du von mir“, tadelte sie leise, „das ist ein selbstverwaltetes Designer-Kollektiv und die bekommen den Auftrag, innovative neue Uniformen für das Amt zu entwerfen.

„Dann is‘ ja gut“, säuselte er in ihr Ohr und ließ seinen Kopf auf ihre Schulter sinken.

„Du musst nach der langen Reise müde sein“, sagte sie und ließ die Summe der Verzehrrechnung auf ihre Hotelrechnung übertragen, setzte schwungvoll ihre Unterschrift auf das entsprechende Formular.

Am Empfang musste Odin seinen Ausweis vorzeigen, kein Zweifel: Herr Ronnie Schmalwand-Tetzel war seit über einem Jahr glücklich mit Frau Sabine Schmalwand-Tetzel verheiratet. Trotzdem räusperte sich die Rezeptionistin peinlich berührt und legte ihnen ein Merkblatt vor: gemäß des Gesetzes zur Verhütung weiß-faschistoiden Nachwuchses war es weißen Männern streng untersagt, die Hotelzimmer weißer Frauen zu betreten.

„Ja, wenn Sie ein fescher stark Pigmentierter wären oder ein prächtiger Mulatte ...“, gab die Empfangsdame zu bedenken.

„Ich dachte, das Gesetz wäre längst aufgehoben?“, fragte Bini.

„Wo leben Sie denn? Das Gesetz wurde novelliert und dabei eher noch verschärft“, gab die Rezeptionistin Auskunft. Odin spürte, dass die Meister-Philosophin an seiner Seite nahe daran war, emotional zu werden und machte noch einen Vermittlungsversuch.

„Wie haben Sie das mit dem prächtigen Mulatten gemeint?“

„Nun“, raunte die Empfangsdame verschwörerisch, „in unserem kleinen Reiseshop gibt es eine Bräunungscreme auf rein pflanzlicher Basis, mit Biosiegel. Wenn Sie damit ihrer natürlichen Bräune ein wenig nachhelfen wollten, würde ich beide Augen zudrücken ...“

In einer nahegelegenen Besenkammer schminkte Bini ihren Göttergatten und schimpfte: „Weißt du, dass wir uns gerade des Blackfacings schuldig machen? Darauf stehen hohe Vermögensstrafen und lebenslange Berufsverbote!“

„Und genau deshalb können wir die Empfangskraft nun nicht mehr anzinken, auch wenn wir noch so hochrangige Spitzel wären“, erläuterte Odin. Am Empfang bekamen sie problemlos die Zimmerschlüssel ausgehändigt und im Aufzug grübelte Bini: „Alles wird irgendwie aushaltbar gemacht.“

„Alles wird besser, aber nichts wird gut“, bestätigte Odin und zog sie zu sich heran. Dann verrieb er noch ein wenig die Bräunungscreme auf seinen Wangen und schmierte überschüssige Creme auf Binis Nase, was er anscheinend lustig fand: "Brown nosing".

Im Zimmer wollte sie noch an der Aufgabenstellung für die Designfirma arbeiten. Odin durfte zuerst ins Bad und duschte ausgiebig, doch die Bräune in seinem Gesicht erwies sich als haltbar. Auch Rasierwasser half da kaum, Abschminktücher waren völlig wirkungslos. Er putzte so lange in seinem Gesicht herum, bis Bini ins Bad wollte. Während sie duschte, schaute er vom Bett aus noch ein wenig Fernsehen. Einen Degeto-Krimi, in dem ein superschlauer schwarzer Kommissar ältliche weiße Ermittler alt aussehen ließ.

Bini sah überwältigend aus in dem großen weißen Bademantel und mit der lustigen braunen Nase. Im Bett begann sie wieder zu flüstern: „Komm, lass uns Pimpfe zeugen!“

„Und Pimpfinnen“, flüsterte er zurück.

„Unbedingt“, bestätigte sie und löschte das Licht.

„Gibt es weibliche Schwejk-Charaktere?“, fragte Ronja Peer-Hajo. Der Chefdesigner schüttelte den Kopf.

„Frauen in Uniform gehen ganz in ihren zugeschriebenen Rollenbildern auf, etwa als Flintenweib oder als Mutter Theresa. Während Männer auch in ordentlich getragenen Uniformen immer nur ein Missgeschick weit vom Komischen entfernt sind.“

Da schauten sie Odin über die Schulter, der gerade Uniformierte zeichnete. Der dicke Schwejk mit der Knollennase war ihm schon recht gut gelungen. Chefdesigner Peer-Hajo fühlte sich an Josef Lada erinnert.

Auszubildende Ronja wandte ein, dass die Gewaltigen der Hygienewächter wohl kaum mit Schwejk-Mützen herumlaufen wollen würden. Peer-Hajo befürchtete das auch. Ronja kehrte an ihren Computer-Arbeitsplatz zurück, wo sie Bilder von japanischen Eisenbahnern und chinesischen Polizistinnen aus dem Netz kopierte. Doch die Asiaten hatten sich auch nur bei den Briten bedient, so dass sie hier kaum weiterkamen.

Odin brauchte eine Pause, er trat auf die Balkonfront, die sich über die gesamte Breite des Coworking space am Kotgraben erstreckte. Es war ein schöner Vormittag im Mai, die Vögel sangen und überall regte sich frisches Grün. Der Kotgraben unter ihm führte zwar keinen Kot mehr, roch aber immer noch so.

Das Telefon klingelte, Oma Inge war dran. Sie erkundigte sich nach seinem Befinden. Erfuhr, dass es ihrem Nachwuchs gut ginge. Der Enkel orientierte sich gerade beruflich neu und vielleicht lägen seine Stärken ja auch wirklich im Gestalterischen?

Die Oma hielt dies für möglich, sie lud beide zu einem Wochenendbesuch ein. Wollte doch endlich einmal persönlich die hübsche junge Braut kennenlernen, die ihr auf den Handyfotos gleich so sympathisch gewesen sei.

Zwei Wochen später waren Bini und Odin auf dem Weg nach Neu-Rojava, dem früheren Hannover. Mit der Regionalbahn fuhren sie nach Stendal und dann weiter mit dem Zubringerbus zur Zonengrenze. Das Land Stagnat-Unhold wollte es sich nicht mit der Türkei verderben, deshalb gab es keine Schienen- oder Straßenübergänge in die kurdische Zone, nur drei Trampelpfade bei Marienborn, Stendal und Ilsenburg.

Im Gänsemarsch strebten sie einer baufälligen Baracke zu, wo tieftraurig wirkende Kurdinnen in Tarnkleidung ihre Passierscheine abstempelten. Weiter ging es über schlammige Feldwege und provisorische Bretterstege zum Zubringerbus, der die Reisenden bis zur Endhaltestelle der großstädtischen S-Bahn brachte.

Oma Inge hatte Streuselkuchen gebacken und Opa Stefan hatte die gute Stube geheizt. Es gab "Friedens-Kaffee" mit Kondensmilch vom Schwarzmarkt. Odin berichtete von seiner beruflichen Umorientierung und Bini von ihrem neuen Job. Die Kollegen dort seien eigentlich ganz nett, wären auch mit Humor darüber hinweg gegangen, dass ein notorischer Spaßvogel ihre Nase braun gefärbt hätte.

Odins Eltern hatten unter den nächtlichen Luftangriffen sehr gelitten, befanden sich gerade zu einem längeren Erholungsaufenthalt in der Slowakei. Die Großeltern hielten derweil die Stellung, Opa engagierte sich im ehrenamtlichen Luftschutz und Oma restaurierte Kostüme, die bei einem Bombentreffer auf das Heimatmuseum einer benachbarten Kleinstadt zu Schaden gekommen waren.

Abends dann der Ernstfall: Anflug starker Bomberverbände aus dem Raum Bielefeld in Richtung Neu-Rojava.

„Alles halb so schlimm“, gab Opa Stefan Entwarnung. „Heute sind sie stark, da fliegen sie bis über die Innenstadt. Gefährlich wird es, wenn nur wenige Bomber unterwegs sind. Dann getrauen sie sich nicht bis in die Innenstadt und werfen ihre Bomben über den Vorstädten ab.“ Dumpfes Brummen schwoll rasch an, zwei dichte Bomberverbände überflogen in kurzem Abstand Tetzels Hausgarten. Der Opa kauerte sich in den selbst gezogenen Splittergraben im Kräuterbeet und bedeutete Odin, in Deckung zu bleiben. Dann zückte er sein Handfunkgerät und setzte einen knappen verschlüsselten Funkspruch ab.

„Da kommt ganz schön was runter“ sagte er und reichte Odin sein Fernglas. Der Enkel beobachtete Bombeneinschläge und Rauchsäulen am Horizont, hörte zeitversetzt das Donnern der Einschläge.

„Stefan, kommst du bitte mal“, rief Oma von der Haustür aus.

„Das geht jetzt ganz schlecht Liebes“, antwortete der Angesprochene. Odin gab das Fernglas zurück und eilte gebückt ins Haus. Es gab ein Problem mit dem Hightech-Kühlschrank.

„Das ist der Fluch des vernetzten Hauses“, erklärte Oma Inge. Während der Luftangriffe sollten elektromagnetische Strahlungsquellen möglichst ausgeschaltet werden. Oma hatte längst den Netzstecker gezogen, doch der Kühlschrank hatte eine eingebaute unterbrechungsfreie Stromversorgung. Mit einiger Mühe hatte Bini dann den Resetknopf gefunden, doch der Kühlschrank startete einfach neu und suchte nach verfügbaren Funknetzen. Und die Rückwand war mit raffinierten Spezialschrauben verschlossen.

„Da hilft nur noch rohe Gewalt“, meinte Odin, doch das wollte Oma Inge nicht. Der Kühlschrank war immer noch nützlich. In besseren Zeiten hatte er die Lebensmittel-Vorräte verwaltet und Bestellungen beim örtlichen Bio-Supermarkt ausgelöst. Mit zunehmender Lebensmittelknappheit gab es Software-Updates und der Kühlschrank zeigte fortan Kochtipps mit Huflattich und Brunnenkresse auf seinem stylischen Display an. Und glücklicherweise konnte das Gerät nicht nachprüfen, ob es sich bei den als Eicheln und Baumrinde deklarierten Päckchen wirklich um solche handelte. Inge fand noch zwei Rollen Alufolie in ihrem Küchenschrank, in die sie das verräterische Gerät einwickelte. Sie prüfte mit dem Elektrosmog-Detektor nach, es war keine Strahlung mehr feststellbar.

Die Oma und ihre Schwiegerenkelin zogen sich zum Lesen bei Kerzenschein in den Partykeller zurück, während Odin im Garten nach Opa Stefan suchte. Der saß auf einer halb eingegrabenen Hollywoodschaukel am Ende des Splittergrabens. Sie politisierten noch ein wenig über die Wirtschaftskraft der Türkei und den Kriegsindex nach Heinsohn, dann kam per Funk-Rundspruch die Entwarnung für ihren Luftschutz-Sektor.

Im Flur wechselte Opa Stefan seine Gartenschuhe gegen häusliche Schlappen und zog sich zu einem Bierchen in die Küche zurück. Odin verspürte das dringende Bedürfnis, seine Angetraute in den Arm zu nehmen. Im Partykeller tröstete Bini ihren Gatten, dann wandte sie sich wieder ihrem Comic zu. Oma war eine große Sammlerin von 90er-Jahre-Comics, dozierte über Jason Pearson, Adam Warren und Mark Beachum, vor allem über Letzteren.

In einer nahen Zukunft beherrscht ein Netzwerk männerhassender Lesbo-Feministinnen faktisch das Land. Im Zentrum der Macht befindet sich die tyrannische Herrscherin Suborna Ross. Sie ist Chefin eines Sozialkonzerns, der den Armen auf privatwirtschaftlicher Basis die Bissen in den Mund zählt. Doch Suborna treibt auch ein geheimes Eugenik-Programm des Konzerns voran. Das Doppel-Y-Projekt hat zum Ziel, endlich das alte Comic-Versprechen einzulösen und Menschen mit Superkräften zu züchten. Doch die Lebewesen mit den Geschlechtschromosomen aus zwei Y-Strängen entwickeln sich zu einer Gruppe von Super-Lesben, die nichts weniger als die Weltherrschaft anstrebt.

Hier kommt nun Roberta Lindsay ins Spiel, eine hoffnungsvolle Medizinstudentin mit Grundsätzen und einem ausgeprägten Aufstiegswillen. Tyrannin Suborna rekrutiert sie für ihr Doppel-Y-Projekt. Roberta steigt rasch in die Führungsebene des Konzerns auf und auch die Superlesben mit den beiden Y-Strängen sind ganz versessen auf die umgängliche und hübsche Roberta. Die körperlich schon ein wenig überlagerte Suborna entbrennt in heftiger Eifersucht. Sie unterzieht Roberta einer Hightech-Gehirnwäsche mit dem Ziel, sie zur gefügigen Sexsklavin der gesamten Doppel-Y- Belegschaft zu machen.

Doch eine Außenseiterin der Doppel-Y-Trägerinnen hat längst Kontakt zum Widerstand aufgenommen. Die mysteriöse Anführerin des Untergrunds Mostress W. tritt in Aktion. Mit ihrem fliegenden Motorrad knallt sie in die Glasfassade des Labors, teilt freigiebig Tritte mit ihren Highheels aus und rettet Roberta vor dem Schicksal, eine gefügige "Sexbetreuerin" für frustrierte Superlesben zu werden.

Im Untergrund des Großstadtslums trainiert Roberta hart, wird zu Backlash, der Super-Soldatin mit eigenem fliegenden Motorrad und dem gnadenlosen Peitschenschlag. Roberta/Backlash dringt in die Wolkenkratzer-Festung Subornas ein, in der sie mithilfe eines fingierten Telefonanrufs versucht, die Tyrannin in eine Falle zu locken. Doch der Plan misslingt. Sie wird entdeckt und von einer Übermacht Kampflesben in schwarzem Latex in die Enge getrieben. Nur die eingebaute Intelligenz und Feuerkraft ihres fliegenden Motorrads lässt sie noch einmal entkommen. Übel lädiert verkriecht sich die Freiheitskämpferin in den Slums.

Opa Stefan hatte Schnittchen gemacht, mehrere Sorten Wurst auf fast frischem Bauernbrot. Es sollte ja schließlich niemand hungrig zu Bett gehen müssen. Auch neue Informationen hatte er: Teile der Innenstadt standen in Flammen, der S-Bahn-Ring war unterbrochen.

"Ich muss Montag früh wieder im Amt sein", meinte Bini besorgt. Da müssten sie, rieten die Großeltern, am Sonntag gleich früh aufbrechen, um noch vor der zu erwartenden Flüchtlingswelle einen Bus in Richtung Grenze zu erwischen. Odins Eltern riefen aus der Slowakei an und waren besorgt.

"Alles im Griff", gab Oma Inge gelassen Auskunft. Familiärer Smalltalk folgte, Odin sprach einen Gruß ins Telefon, Bini schloss sich an. Als Odin im Comic weiterlesen wollte, meinte Oma, sie schenke ihm das Buch, wollte lieber noch ein wenig reden: über die Hungersnot in Berlin, jetzt Nordkoreanische Besatzungszone, über die Clankriege im ehemaligen Hessen und die neue Rede der UN-Generalsekretärin Angela Merkel.

Opa stellte sein vor einiger Zeit erschienenes Ebook vor: „Permakultur unter Luftschutz-Bedingungen“. Er schrieb auch schon an einem neuen: „Terra Preta im Felde“. Dafür liefen noch einige Feldversuche. Oma belustigte sich über die gespreizte Sprache, in der ihr Angetrauter beschrieb, wie er Heizungsasche im Hausgarten ausstreute. Gegen 23.00 Uhr gingen alle zu Bett. Odin träumte von eiskalten Latex-Lesben, die sich gegenseitig mit Peitschenhieben und Fußtritten traktierten.

Zum Frühstück gab es aufgebackene Brötchen und selbst gemachte Hagebutten-Marmelade. Im Nachrichtenradio hörten die Tetzels, dass es einen Notfahrplan bei der S-Bahn geben sollte, Abfahrten zur vollen Stunde vom Hauptbahnhof. Opa rechnete nach und meinte dann, dass in etwa 20 Minuten eine Bahn vom Haltepunkt unten im Dorf abfahren würde. Heute würden sich bestimmt wieder viele derer, die schon länger hier lebten, auf die Flucht in Richtung Osten begeben, aber im Moment würden die noch packen. Bini und Odin hatten nicht viel zu packen, den Reisebedarf, das Comicbuch, ein Wurstpäckchen: „Aber das wäre doch nicht nötig gewesen!“

Mit vollem Mund verabschiedeten sie sich und eilten zum Haltepunkt, wo sie auch gar nicht lange zu warten brauchten.

Backlash und ihr getreues Motorrad sind immer noch auf der Flucht vor den Greiferinnen-Trupps der Konzernlenkerin. Suborna ist per Videodrohne zugeschaltet und feuert ihre knapp bekleideten Untergebenen an: "Holt sie euch, Ihr faulen Schlampen!"

"Sie ist zu schnell, Suborna!" Und sie macht seltsame Geräusche: "Schrazt! Smash! Psht! Bratta! Bratta! Wha-Boom!" Irgendwann ist Backlash dann ihren Häscherinnen entkommen und taumelt durch vernachlässigte Gassen. Die Heldin sucht eine Zuflucht, um ihre Wunden zu lecken (!) und findet sie in der Kirche des Widerstands. Im großen Taufbecken vollziehen nackte Schönheiten laszive Taufrituale, beziehen ihre neue Heldin erfreut mit ein. Das Wasser der Vergebung fließt freigiebig, später nimmt die Hohepriesterin Backlash die Beichte ab, alle ihre Sünden sind vergeben. Gemeinsam sprechen sie das Glaubensbekenntnis. Backlash legt ihr lila Oberteil ab, nicht aber das schwarze Latex an Armen und Beinen.

Doch der Kampf geht weiter! Wochen später sind die Häscherinnen der Heldin wieder dicht auf den Fersen. Suborna selbst setzt ihr mit einem Kampfhubschrauber gehörig zu. In einem fulminanten Endkampf bringt Backlash per Peitschenhieb Subornas Hubschrauber zum Absturz. Die Tyrannin verbrennt unbefriedigt in einem flammenden Inferno und das Glaubenssystem der brunzgeilen Latexluder steigt zur führenden Weltreligion auf. Was sonst?

Auszubildende Ronja zeichnete kleinwüchsige Frauen in braunen Lederjacken, deren Dienstränge durch Stoffstreifen auf Schulterstücken angezeigt wurden.

„Schlüpfergummi-Gefreite“, maulte Herr Ozelot, eine grauhaarige Altlast aus der volkseigenen Konsumgüter-Werbung. Odin mochte keine Schwejk-Gestalten mehr zeichnen. Seine Uniformierten sahen plötzlich aus wie die Latex-Lesben des Mark Beachum. Mit quietschgelben statt pink Oberteilen, blonden Bubiköpfen, verspiegelten Sonnenbrillen, sinnlich roten Lippen und absurd hohen Highheels. Chefdesigner Peer-Hajo fand das „zweifellos mutig“, nur bei den Herren wollte er gar nicht so viel sehen. Die bekamen statt der engen braunen Latexunterhosen großzügig geschnittene Wathosen in Marineblau, ihre latexschwarzen Eierköpfe zierten fusselige graue Haarkränze und verspiegelte halbrunde Glotzaugen.

„Der Frosch mit der Maske“, spottete Ronja.

„Ich leg‘ alles vor“, versprach Peer-Hajo, „dann werden wir ja sehen, was passiert.“

Als Bini und Hauptabteilungsleiter Dr. Müller von der Hygiene-Geheimpolizei drei Wochen später mit ihren Dienstfahrrädern am Kotgraben eintrafen, störten sie sich an dem Geruch, wollten auch nicht auf der Terrasse Platz nehmen. Erst als Räucherstäbchen in Peer-Hajos notdürftig freigeräumten Büro angezündet wurden, konnte die Präsentation beginnen.

Herr Ozelot kämpfte noch ein wenig mit dem Projektor, dann stellte er seine Uniformkollektion vor: elegante Stewardessen und Flugkapitäne mit dem Chic der 1970-er Jahre. Damit hatte er sich im internen ranking durchgesetzt, Peer-Hajo und Ronja gaben seinem "fliegenden Personal" die besten Chancen, die neue Uniform der Waschzwang-Geheimpolizei zu werden. Odin wurde nicht gefragt.

Dann stellte Ronja ihre "Förstertruppe" vor: bequeme Lederjacken in Grün- und Brauntönen, dazu Reithosen, Schaftstiefel und lustige Filzhütchen, Bini zeigte sich angetan. Peer-Hajo folgte mit seinen "Trümmerfrauen", bei denen auch die Herren Kopftücher aufgesetzt bekamen. Die hellen Kittel sollten wohl Assoziationen zu medizinischem Personal wecken. Herr Dr. Müller machte sich interessiert Notizen.

Dann war Odin an der Reihe, seine Präsentation polarisierte. Während Dr. Müller mehrfach interessiert nachfragte, schrie Bini an einer Stelle sogar empört auf. Diese absurden Fetisch-Klamotten würden spätestens beim Bund der Steuerzahler für heftige Kritik sorgen.

"Nun lassen Sie den jungen Freund doch mal ausreden!", wies der promovierte Hauptabteilungsleiter seine Untergebene zurecht. Peer-Hajo mischte sich ein, das sei, erläuterte er, zweifellos ein Außenseiter-Entwurf, aber eben auch ein disruptiver Entwurf, ein außergewöhnliches outfit für eine außergewöhnliche Behörde.

Odin fuhr fort und wies darauf hin, dass das quietschgelbe Oberteil bei Bedarf mit einem wärmenden Kunstfell-Kragen ergänzt werden könnte. Die blonde Bubikopf-Perücke könnte im Innendienst problemlos abgenommen werden, ebenso die verspiegelte Sonnenbrille. Auch könnten die Highheels auf Wunsch durch bequeme Pumps mit halbhohen Blockabsätzen ersetzt werden.

Während einer Pause bei Gebäck und Tee suchte Odin Blickkontakt zu seiner Angetrauten. Doch die las angestrengt in den vor ihr liegenden farbigen Ausdrucken. Chefdesigner Peer-Hajo moderierte die Feedback-Runde, ließ auch durchblicken, dass das Designerteam mit Herrn Ozelots Entwurf sympathisierte.

"Sozusagen als Flugbegleiter auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft." Bini sah den stoppelbärtigen Designer dankbar an, der sie danach noch mehrfach direkt ansprach. Anscheinend hielt er sie für die Entscheiderin in dieser Sache.

Dr. Müller dankte und ging noch einmal auf Odins Entwurf ein, dessen disruptive Intention ihm einleuchtend erschiene. Bini war sofort wieder stinksauer und warf böse Blicke in die Runde, was dem Hauptabteilungsleiter nicht entging. Wieder verbindlicher erläuterte er, dass die Uniformfrage ohnehin noch einmal in der Runde der Hauptabteilungsleiter plus Staatssekretär und Personalrat behandelt würde, in die sie dann wohl mit zwei Vorschlägen gehen würden. Bini atmete tief durch und bestätigte dies. Danach ging es um Detailfragen wie die Bereitstellung von Kopien. Die Präsentation endete mit höflichen Floskeln. Kurz darauf strebte Bini entschlossen dem Ausgang zu und schwang sich energisch aufs Rad, während Dr. Müller noch seine Aktentasche packte.

Peer-Hajo gab dem Designerteam für den Rest des Tages frei. Odin räumte noch ein wenig seinen Arbeitsplatz auf, dann spazierte er am Fluss entlang zur Freiluft-Gaststätte und war besorgt. Bini hatte unerwartet emotional auf seine Uniform-Entwürfe reagiert, was er nicht recht zu deuten wusste. Jedenfalls fühlte er sich schuldig an jenem Zerwürfnis zwischen seiner Angetrauten und diesem schnöseligen Hauptabteilungsleiter.

Das Mobiltelefon klingelte, Bini war dran und sie hatte gleich zwei Neuigkeiten. Bei ihrer Rückkehr ins Amt hatte sie die Einladung zu einer Wohnungs-Besichtigung vorgefunden, gleich morgen Nachmittag. Und dann hatte ihre Familie sie beide nach Berlin eingeladen.

„Tschuldigung Kim-Il-Sung-Stadt“, verbesserte sie sich. Bini hatte längst schon Heimweh nach der Spree verspürt, fand aber ihre Urkunde über die Familien-Zusammenführung nicht wieder. In ihrem Bundes-Personalausweis stand immer noch Berlin als einziger Wohnsitz, so dass Schwierigkeit bei der Ausreise aus der Kim-Il- Sung-Metropole möglich erschienen. Aber das Problem sei ja wohl bald gelöst.

„Ich freu‘ mich drauf!“, log Odin und Bini hatte noch zu arbeiten. Die Familienbande also, durchaus eine zweischneidige Angelegenheit. Bei einer Berliner Weißen mit Johannisbeer-Schuss erinnerte er sich, dass in ihrer Beziehung nach jener Bombennacht bei Hannover durchaus etwas anders geworden war. Bini nannte ihn plötzlich Odie, wie jenes leicht beschränkte Hündchen aus dem Garfield-Comic. Den Spitznamen Odin hatte er sich durch seine pubertäre Begeisterung für Wagneropern redlich erworben, Odie war nur eine Verniedlichung, die Oma Inge aufgebracht hatte.

Der Plattenbau am Gisela-Steineckert-Ring war seit mindestens 40 Jahren nicht mehr renoviert worden. Das Amt hatte ihn günstig bei einer Genossenschafts-Pleite erworben und wollte in den nächsten Wochen mit der Instandsetzung beginnen. Wer es eilig hätte, könnte auch sofort mieten und die Renovierung selbst übernehmen.

Die Kleinfamilie Schmalwand-Tetzel entschied sich für eine geräumige Dreiraum-Wohnung in der vierten Etage und lobte die einmalige Aussicht. Vom Wohnblock am Stadtrand ging der Blick über eine kleinteilige Hügellandschaft, in der früher Braunkohle in Untertage-Gruben abgebaut worden war. Der Boden über den Gruben war teilweise eingesunken, aber kaum zerstört worden. Mit einigen Teichen und Feuchtgebieten hatte die Landschaft sogar interessante neue Akzente bekommen.

Bini unterschrieb gleich am nächsten Tag den Mietvertrag und Odin lieh in einer Selbsthilfe-Werkstatt ein Lasten-Fahrrad aus, mit dem er am Samstag allerlei Malerutensilien aus einem Baumarkt in ihre neue Wohnung schaffte. Bini machte inzwischen einen Zug durch ein benachbartes Möbelhaus, wo sie ein geräumiges Doppelbett und allerlei Kleinmöbel bestellte.

Im Designer-Kollektiv gab es derweil kaum etwas zu tun. Peer-Hajo gab seiner Honorarkraft auch am Montag und Dienstag frei, was dieser für Malerarbeiten nutzte. Am Montag Nachmittag wurde das Bett geliefert, am Dienstag hatte Odin alle Decken geweißt und das Schlafzimmer tapeziert. Dann reinige er die Fußböden und baute das Bett auf. Bini kam mit dem 18-Uhr-Bus, Odin sah sie kommen und öffnete ihr erwartungsvoll die Wohnungstür. Doch Madame hatte die Laune eines Bullenbeißers und sah ihn vorwurfsvoll an.

„Ich reiße mir für uns alle Körperöffnungen auf und du denkst dir solchen Schmutz aus!“ Es stellte sich heraus, dass sich die Führungsetage der Behörde für Odins Uniformentwurf entschieden hatte. Der Sexismus der „alten Sabbergreise“ mochte ihre Vorliebe für eng anliegende Frauenbekleidung erklären, aber die grundhäßlichen Männer-Uniformen mussten sie doch selbst tragen?

„Vielleicht Selbsthass?“, vermutete Odin.

„Jedenfalls hast du mit deiner perversen Phantasie aus einer ganz normalen, leicht trotteligen Behörde ein unberechenbares Etwas gemacht!“

Odin mochte das nicht glauben, er zeigte Bini das ganz in Grün bezogene Doppelbett. Doch die Behörden-Mitarbeiterin wollte noch nicht zu Bett gehen. Im künftigen Wohnzimmer baute sie sich aus Pappkartons einen provisorischen Arbeitsplatz und nahm auf dem Malerhocker Platz. Ihr Handy lieferte dem Laptop mobilen Internet-Zugang, bald surfte sie ausgiebig auf Unterhaltungs- und Spieleseiten. Odin hörte das Knirschen unablässig fallender bunter Edelsteine, während er die Nachttischchen aufbaute und die ein wenig kitschigen Nachttischlampen anschloss. Im Dämmerlicht entdeckte er Putzstreifen auf den Fensterscheiben, polierte mit Zeitungspapier nach. Dann wusch er sich, so gut es ging, mit kaltem Wasser und ging zu Bett.

Bini hatte inzwischen den Laptop ausgeschaltet. Noch lange schaute sie grüblerisch aus dem Fenster auf die blühende Hügellandschaft im Mondschein.

Am Mittwoch gab es im Designer-Kollektiv Sekt zum Frühstück. Trinksprüche auf eine glänzende Zukunft machten die Runde, denn zweifellos würde man sich in der Ausschreibungsrunde um den Ausstattungsauftrag bewerben. Peer-Hajo hatte schon Kontakt zu einer versierten Fetisch-Schneiderin aufgenommen, deren Atelier in Hildesheim ausgebombt worden sei. Die wollte auch noch zwei langjährige Kolleginnen mitbringen …

„Drei versexte Freundinnen?“, vermutete Herr Ozelot, der schon ein wenig beschwipst war.

„Eher drei szenebekannte Damenschneiderinnen Mitte Fünfzig“, verbesserte Peer-Hajo. Die Drei hausten zur Zeit unter elenden Bedingungen in einem Flüchtlingslager bei Haldensleben, wollten sich aber noch am Freitag hier vorstellen.

„Allerdings muss sich das Ganze auch wirtschaftlich rechnen“, fuhr der Chefdesigner fort. „Angenommen, wir bekommen den Auftrag, dann erbringen geschätzte 5000 Uniformen im ersten Geschäftsjahr ein hübsches Sümmchen. Wir müssen aber auch in den Folgejahren individuelle Schneiderleistungen vorhalten, für Kleinwüchsige genau so wie für 8XL-Recken. Und da sind vier Vollzeitstellen wahrscheinlich gerade noch so in der Gewinnzone.“

„Es folgt die Reise nach Jerusalem, das beliebte Gesellschaftsspiel.“ Ronja ließ den Rest aus der zweiten Sektflasche in ihr Glas tröpfeln.

„Für Herrn Ozelot zahlt die Arbeitsagentur Eingliederungs-Beihilfen, Ronjas Auszubildenden-Entgelt kommt ohnehin vom Land, da bleibst doch nur noch du“, meinte Peer-Hajo bedauernd zu Odin. „Außerdem endet deine Probezeit am Freitag, da sind wir auch rechtlich noch auf der sicheren Seite.“

„Ich geh‘ ja schon“, grummelte Odin und packte den Krimskrams aus seinem Schreibtisch in einen Pappkarton.

Mit dem Mittagsbus kehrte er in den Plattenbau zurück und begann, den Flurraum ihrer neuen Wohnung zu tapezieren. Er stand gerade auf der Leiter, als das Telefon klingelte. Bini wollte heute Nachmittag mit ihm „schön was essen“ gehen, sie hätte ihm etwas mitzuteilen. Odin hatte ihr auch etwas zu erzählen, berichtete von seiner Entlassung.

„Das tut mir jetzt aber leid“, sagte sie, doch es klang so, als ob es ihr nicht leid täte. Um 16.00 Uhr hätte sie einen Termin im Einwohner-Meldeamt wegen ihres neuen Personalausweises. Dort wollte man sich treffen.

Zur vereinbarten Zeitpunkt hatte Bini schon Irisscan und Fingerabdrücke abgegeben, wartete nur noch auf die Fertigstellung ihres Personalausweises. Eine Viertelstunde später saßen sie in der Filiale einer Kette von Fischbratereien bei Heilbutt-Filet und Cider. Bini deutete ihrem Angetrauten an, dass Nachwuchs unterwegs sei.

„Hast du einen Test gemacht?“, fragte er überflüssiger Weise. „Ausbleibende Regel, Heißhunger auf Saures, eine Frau spürt so etwas“, war Bini überzeugt. Wie zum Beweis träufelte sie Zitronensaft aus mehreren Folienbriefchen über ihr Fischfilet.

Odin verspürte eine unbändige Freude in sich aufsteigen. Er ergriff Binis Hand und vollführte etwas wie einen Handkuss. Dann wanderten seine Lippen weiter zu ihren Fingerspitzen, wo er die Reste des Zitronensafts abzulecken versuchte. Mit einem nachsichtigen Lächeln entzog sie ihm ihre Hand und griff zu Fischmesser und Gabel. Später schritten sie lächelnd, Hand in Hand durch den leichten Nieselregen der abendlichen Innenstadt.

2. Junge Wölfe

„Weiß-faschistoider Nachwuchs, was für eine Schande!“ Familie Schmalwand war bestürzt. Dabei hatten sie den Schwiegersohn gerade erst freudig an der Wohnungstür begrüßt. Bis dieser seinen komplett weißen Bauch entblößte, zum Beweis, dass er kein stark Pigmentierter sei. Über seine Hotelerlebnisse konnten sie auch nicht lachen. Dass dabei eine Sittenwächterin getäuscht oder gar korrumpiert worden war, kam noch strafverschärfend hinzu. Genosse Schmalwand war verstimmt, lud den Schwiegersohn dann aber doch zu einem Glas nordkoreanischen Exportbiers ein, Marke Kirschblütenfest.

Das Kind, fand er, müsste natürlich sofort umerzogen werden, am Besten in einer Ganztags-Krippe der Roten Kim-Jugend. Aber die gab es ja leider nicht im Imperium des olivgrünen Renegaten von Magdeburg. Irgendwie schienen die Beziehungen der Nordkoreaner zu dem schönen Freistaat an Elbe und Saale angespannt zu sein. Seit einigen Wochen lief eine Kampagne gegen den grünen Ministerpräsidenten, wohl weil dieser sich von der AfD tolerieren ließ. Olivgrüner Renegat und faschistischer Kriegstreiber waren dabei noch die mildesten Bezeichnungen.

Odin war der einheimische Regierungschef Dr. Strube bisher nicht als sonderlich kriegerisch aufgefallen, nicht einmal als konfrontativ. Einige Konservative bespöttelten ihn zwar manchmal als „kleines grünes Männchen“, umgarnten ihn aber sonst eher und suchten seine Gunst zu erlangen.

Der Schwiegersohn konnte hier nur mit dem Kopf schütteln: das „kleine grüne Männchen“ sollte ein Faschist sein und das ungeborene Kind musste unbedingt umerzogen werden.

„Ihr verdient es nicht besser, als von Kims Kadern gepeinigt zu werden!“, murmelte er in sich hinein und sah auf die Uhr. Sie mussten unbedingt noch zur Bank, um ihren Zwangsumtausch vorzunehmen.

„Na dann los!“, rief Bini und schlüpfte in ihre Straßenschuhe. „Sie sind eigentlich ganz nett und unkompliziert, das darfst du alles nicht eins zu eins nehmen.“ Nachdem sie die seltsam lappigen und abgenutzten Geldscheine in Empfang genommen hatten, fuhren sie mit der S-Bahn in die Innenstadt. Der Alexanderplatz versprühte wieder einen dezenten DDR-Charme mit gammeligen Markthallen, Ramsch-Kaufhäusern und Spruchbändern, nur die Problembürger von damals fehlten.

Bini und Odin fuhren mit dem Fahrstuhl den Fernsehturm hinauf. Oben tranken sie lauwarmen Pfefferminztee und schauten hinunter. Das Stadtschloss wurde wieder einmal abgerissen und sollte einem riesigen Denkmal des weisen Staatsgründers Kim Il-sung Platz machen, wofür die Ex-Berliner schon fleißig spendeten.

„Stets zum Ruhme der Partei!“, zitierte Odin ein Spruchband und warf seiner Frau verliebte Blicke zu. Später stellten sie sich in der sozialistischen Großgaststätte nach Reisbier an, das aber ausverkauft war, kurz bevor sie an der Reihe waren. Unter den Linden kehrten sie in eine auf alt-berlinerische getrimmte Devisen-Gaststätte ein, wo sie endlich ihr Reisbier bekamen. Eine wohlbeleibte Frau und ein schmächtiger Bursche betraten die Gaststätte. Bini sprang auf und winkte dem Burschen erfreut zu:

„Hans-Dietrich!“ Der Angesprochene winkte zurück und machte einen Schritt auf sie zu, merkte aber noch rechtzeitig, dass seine Begleiterin umzufallen drohte. „Mensch Bini“, freute sich Hans-Dietrich, „was machst du denn noch so?“ Sie erzählte es ihm. Hans-Dietrich war jetzt Aufnahmeleiter beim Besatzer-Fernsehen, seine Begleiterin hieß Luzie und sie sollte in einer halben Stunde mit der Roten Abendschau auf Sendung gehen. Im Moment war sie nur in der Lage zu lallen und ihre Ersatz-Sprecherin war unauffindbar.

Ein ältlicher Kellner kam und machte einen tiefen Bückling vor Luzie. Bini bestellte Steak mit Letscho und Hans-Dietrich einen Fencheltee. Bini kannte er aus einer linkssektiererischen Jugendgruppe und später vom Deutschen Landradio. Von letzterem hatte Bini auch noch eine Unbedenklichkeits-Bescheinigung für Medienauftritte. Sie könnte also sofort im Fernsehen auftreten, wozu Hans-Dietrich sie jetzt drängte. Er sprach schnell und leise auf sie ein und schließlich hatte er sie überredet. Bini verschwand noch kurz auf der Toilette, dann folgte sie dem Aufnahmeleiter ins Fernsehstudio, das nur ein paar Blöcke weit entfernt lag. Der Kellner brachte Luzies Riesen-Eisbein und wünschte guten Appetit. Gewohnheitsmäßig, beinahe mechanisch begann Luzie zu essen, während Odin in Binis Steak herumstocherte, das diese ihm noch herüber geschoben hatte.

„Eigentlich bin ich gar nicht fett“, brabbelte sie zwischen zwei Bissen, nur sei Körpermasse für Asiaten ein Zeichen für Erfolg und Wohlhabenheit. Beides sollte sie bei ihren TV-Auftritten ausstrahlen, wozu der Sender ihr Lebensmittel-Marken für Schwerstarbeiter besorgt hatte. Und normaler Weise saufe sie auch nicht tagsüber. Nur sei heute im Morgengauen ihr Lieblingstroll erschossen worden und sie sollte die Nachricht darüber heute Abend verlesen. Der Troll hatte ihr mehrfach beleidigende Mails geschrieben, die ihre Körperlichkeit betrafen und hatte sie „Rubbel-Luzie“ genannt.

„Wenigstens interessierte er sich für mich“, murmelte sie traurig. „Und was machst du so?“ Odin erzählte vom unsicheren Erwerbsleben eines Modedesigners und berichtete auch von seinem Besuch bei den Großeltern in der kurdischen Zone.

„Dagegen ist es hier noch goldig“, fand er.

Eine Fanfare ertönte, auf dem großen Flachbildschirm über der Theke rotierten Hammer, Sichel und Ährenkranz. Dann begrüßte Bini ihre Zuschauer. Sie sprach hinreißend in einer betörenden Mischung aus Scheu und Begeisterung verlas sie Erfolgsmeldungen, Propaganda-Floskeln und immer neue Selbstverpflichtungen der Kollektive im sozialistischen Wettbewerb.

„Sie ist so geil“, murmelte Odin und spürte sein Glied erigieren.

„Du bist so ein Glückspilz“, bestätigte auch Luzie. Dann kam der Einspielfilm von der Erschießung des Trolls. Luzie erbleichte und begann zu weinen, schluchzte bald hemmungslos.

„Niemand kann mich so hassen, wie ich selbst das tue“, bekannte sie. „Erschlagt mich und vergrabt mich an der nächsten Wegbiegung!“ Odin fand das zu pathetisch, er verbesserte die Angaben auf seiner Visitenkarte und reichte ihr das kleine Designerstück.

„Falls mal was ist, in den Weiten Anhalts kann man gut untertauchen.“

Die „Rote Abendschau“ war längst vorüber, doch Bini ließ weiter auf sich warten. Luzie rief im Sender an und erfuhr, dass Hans-Dietrich unbedingt noch ein paar „Aufsager“ mit Bini drehen wollte. Gegen 20.00 Uhr erzählte Luzie von sich. Ursprünglich sei sie ein badisches Mädel, hatte in den nuller Jahren in Südkorea Sprachwissenschaften studiert und wollte anschließend in Richtung seltene karibische Sprachen gehen. Dann musste sie aus familiären Gründen nach Deutschland zurück, landete später in Berlin und nahm das Angebot der Nordkoreaner an.

Ihre Zukunft sah sie nun noch düsterer. Nach dem heutigen Abend würden die Oberen des Senders zweifellos Bini auf den Thron der Chefansagerin heben wollen. Luzie hatte nichts dagegen, in die zweite oder dritte Reihe zurückzutreten, aber damit wäre es nicht getan. Was überall sonst auf der Welt das Gewohnheitsrecht der herrschenden Machos war, bräuchte hier eine Begründung. Welche nur in einem Fehlverhalten Luzies bestehen könnte, einer ideologischen Abweichung oder gar einem Geheimnisverrat. Die Chefsprecherin starrte düster auf die Reste ihrer Eisbein-Mahlzeit.

„Du wirst den Schwarzwald wiedersehen“, versuchte Odin sie aufzumuntern.

„Meine Urne wird den Schwarzwald wiedersehen“, raunte Luzie düster, um dann laut zu werden: „Meine Urne! Herr Obär, meine Urnäää!“ Das war aus einer alten Clowns-Nummer. Woher das Gehirn nur diese längst verschüttet geglaubte Erinnerung nahm?