Begraben unter Gänseblümchen - Mirjam Dreer - E-Book

Begraben unter Gänseblümchen E-Book

Mirjam Dreer

0,0

Beschreibung

Schöngeredet wurde die Liebe schon oft genug. Doch damit ist jetzt Schluss. In ihrem zweiten Roman räumt Mirjam Dreer mit allem auf, was an Rosa-Plüsch-Zuckerwatte erinnert. Egal, ob man mit jemandem schläft, der es sowieso niemals ernst mit einem meinen wird, ob Herzen - im wahrsten Sinne des Wortes - brechen oder ob man erst erkennt, wie wichtig jemand ist, wenn er nicht mehr da ist, hier darf nach Herzenslust gelitten werden. Denn manchmal ist love eben doch nicht alles what we need, sondern alles, what we begraben können. Wenn's sein muss auch unter Gänseblümchen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 182

Veröffentlichungsjahr: 2011

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mirjam Dreer

Begraben unter Gänseblümchen

Impressum

1. Auflage Juni 2011

© Copyright 2011 by Autor

Titelbild: Gänseblümchen 1 © Patrizia Tilly

Rasenkante © Kaarsten

www.fotolia.de

Umschlaggestaltung: [d] Ligo design + development

Satz: Fred Uhde (www.buch-satz-illustration.de)

ISBN: 978-3-942920-02-5

Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags gestattet.

Hat Dir das Buch gefallen? Schreib uns Deine Meinung unter:

[email protected]

Mehr Infos jederzeit im Web unter www.unsichtbar-verlag.de

Unsichtbar Verlag | Wellenburger Str. 1 | 86420 Diedorf

eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmundwww.readbox.net

Mirjam Dreer

Begraben unter Gänseblümchen

Die folgenden Geschichten haben fast alle so oder so

ähnlich stattgefunden. Die handelnden Personen

in diesem Buch wurden dennoch so abgeändert,

dass etwaige Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten

Personen rein zufällig sind.

Davon ausgenommen ist die Band Muff Potter,

die gab es wirklich mal.

Für Flo

Wenn man die Enttäuschung von Anfang an mit einplant,

man muss gar nicht mit ihr rechnen,

man muss nur kurz an sie denken,

dann tut es danach weniger weh.

Track 1

The Prodigy – Breathe

Ausatmen.

Ich sehe dieses Häufchen Elend neben mir, sehe, wie es keucht, völlig außer Atem. Kleine Schweißperlen auf seiner Stirn.

Ich gehe ins Badezimmer, schaue mich im Spiegel an, frage mich, warum?

Warum schon wieder?

Das Übliche, stehe so rum, auf einer Party, Musik ist gut, aber keine Lust zu tanzen, lässig an der Bar gelehnt, an meinem Cocktail nippend, eindeutige Signale aussendend, zur Paarung bereit.

Leichte Beute.

Und da sehe ich ihn und innerhalb weniger Sekunden wird klar, er schläft heute nicht alleine. Und ich auch nicht.

Nach dem obligatorischem »Bist du öfter hier?« und »Ja, Mucke is ziemlich laut« kamen wir auf seine Freundin, jetzt Ex. Sie hatte schon seit längerem ein Verhältnis mit einem anderen, und das hatte er vor einer Woche herausgefunden. Durch einen dummen SMS-Zufall. Ja, ja, Handys können Leben retten. Die elende Schlampe hat ihm dann auch gleich alles unter Tränen gestanden. Mit leugnen war ja nicht mehr viel. Er hatte einen eindeutigen Beweis mit nur 160 Zeichen. Und er kriegt die Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Wie ein verschwommener Typ, ohne Gesicht, (er kennt ihn ja schließlich nicht) seine Perle fickt. Wie sie schreit. Ob sie sich bei ihm auch so in den Rücken krallt? Ob sie auch in seinen Armen einschläft?

»Und das Schlimmste ist, hätte ich diese dämliche SMS nicht gelesen, hätte ich wahrscheinlich immer noch keine Ahnung von allem.«

So beendet er seine Geschichte. Zum Schluss hat sein Ton schon fast etwas Qualvolles. Die untreue Fotze hat mit ihrem Fremdgeficke fast den ganzen Abend ausgefüllt, während ich nebenbei mich und den Typen abgefüllt habe. Und nachdem ich mir diese ganze Scheiße angehört habe, finde ich es nur fair, wenn der Kerl jetzt genauso fremdfickt.

Blöde Idee.

Ganz, ganz blöde Idee.

Meine Augen sind geschlossen, aber vorsichtshalber lege ich noch meinen Handrücken davor. Ich will das nicht sehen.

Gekeuche über mir. Stechende Schmerzen zwischen meinen Beinen.

Gottverdammt! Verfickte Schmerzen! Es tut so weh! Hör auf! Hör auf! Geh aus mir raus und von mir runter, und dann verpiss dich, und lass dich hier nie wieder blicken! Nie wieder, hörst du!

Schreit es in mir, in meinen Eingeweiden, in meinem Magen, schreit es aus jedem einzelnen Organ. Nur mein Mund, der bleibt verschlossen. In dem Moment hasse ich alle Männer. Und wofür? Sie können ja nicht mal was dafür. Ein Mann kann noch so lieb, noch so zärtlich sein, kann dir noch so viel Zeit geben, in dem Moment, in dem er in dich rein stößt, nimmt er automatisch die Rolle eines Vergewaltigers an. Wahrscheinlich haben deswegen so viele Frauen so selten Bock auf Sex. Sie wollen nicht so oft vergewaltigt werden. Und die, denen es Spaß macht, die steh’n drauf, vergewaltigt zu werden.

Aber dann muss ich mir dieses Trauerspiel doch kurz geben. Ich öffne die Augen.

Von meiner Warte aus projiziert dieser Hahnrei über mir gerade seinen gesamten Hass, seine Wut und seine Trauer, die sich in der letzten Woche angesammelt hat, auf seinen Schwanz und versucht, alles so weit wie möglich von sich wegzustoßen. Und wohin? In mich natürlich.

Leichtes Opfer.

In dem Moment öffnet auch er die Augen. Kurzer Schock. Ich bin nicht die, die die letzten zwei Jahre neben ihm eingeschlafen und aufgewacht ist. Ich bin nicht die, mit der er letzten Sommer Urlaub in Italien gemacht hat. Ich bin nicht die, die sonntags mit seinen Eltern Kaffee trinkt und Kuchen isst. Ich bin nicht die, mit der er die letzten zwei Jahre geschlafen hat. Und vor allem bin ich nicht die, die mit einem Anderen rumgevögelt hat.

Das trifft ihn wie ein Faustschlag ins Gesicht, die reine, eiskalte und grausame Wahrheit dringt in sein Bewusstsein. Und was macht ein Mann, während er fickt, während er in einer Frau steckt und merkt, dass es nicht seine eigene ist?

Klar, er dreht sie um.

Von hinten, die Schmerzen werden noch gewaltiger.

Er packt meine Hüften, wird schneller und schneller und lässt sich mit einem letzten energischen Seufzer auf mich und dann neben mich fallen.

Er keucht, völlig außer Atem.

Ich gehe ins Badezimmer, setze mich aufs Klo, spüre die Nässe, die an der Innenseite meiner Oberschenkel langsam eine Spur zieht. Ich fasse mir zwischen die Beine, halte meine Finger an die Nase. Es riecht nach Hass, Wut und Trauer eines betrogenen Mannes. Angeekelt wasche ich mir die Hände und versuche mich so gut es geht von der Spur zu reinigen, die er in mir hinterlassen hat. Wenn ich wieder ins Schlafzimmer gehe, werde ich ihm sagen, dass er jetzt gehen soll. Jetzt, sofort, auf der Stelle.

Ich gehe zurück.

Er ist eingeschlafen.

Am nächsten Morgen, nervöses Schweigen.

Der Höflichkeit halber frage ich ihn, ob er noch einen Kaffee möchte. Gott sei Dank lehnt er ab. »Hab wohl zu viel getrunken gestern.«

Ha, ha, Scherzkeks, ich lach mich kaputt, das ist keine Ausrede dafür, dass du deinen Seelenmüll in mich gespritzt hast.

»Ja, ich wohl auch.«

Kein, »Ich meld mich mal«, kein »Wir sehn uns«, kein Bussi auf die Backe.

»Tschüss«

»Ciao, mach’s gut.«

Ich schaue ihm aus dem Fenster nach, während er die Straße entlang geht.

Da geht er hin, der betrogene Mann.

Wenn er heimkommt, wird sie seinen Anrufbeantworter schon voll gequatscht haben mit lauter Entschuldigungen und sich wundern, warum er nicht ans Telefon geht.

Irgendwann wird er ihr verzeihen, und dann wird er wieder nur sie ficken.

»Was für eine Welt«, seufze ich in meinen Kaffee.

Die Schmerzen sind weg. Seinen Hass, seine Wut, seine Trauer habe ich in Gutes und Positives umgewandelt.

In mir.

Track 2

Wir sind Helden – Kaputt

Kaputt.

Das Aufstehen fällt immer am schwersten. Vor allem, wenn man die Nacht davor nur ein paar Stunden geschlafen und sich die meiste Zeit nur rumgewälzt hat. Die Gedanken haben einen so fest im Griff, dass man sich fühlt, als hätte man zehn Tassen Kaffee getrunken. Man möchte ja schlafen! Aber dieses ständige Nachdenken macht den Schlaf zunichte, gibt ihm noch mal kräftig einen Tritt, wenn er schon längst winselnd am Boden liegt. Und so habe ich mal wieder eine Nacht im Wachzustand verbracht. Bis gestern war ich noch krankgeschrieben, heute sollte ich eigentlich wieder zur Arbeit gehen. Eigentlich sollte ich schon seit einer Stunde auf meinem Platz sitzen. Aber ich bringe es nicht fertig. Ich schaffe es nicht mal, in der Arbeit anzurufen, um mich noch länger krank zu melden, starre nur auf mein Telefon, das schon von einer dicken Staubschicht bedeckt ist. Und bin zu schwach, um den Hörer zu nehmen und die Nummer einzutippen. Mir doch egal, was meine Chefin sagt, wenn sie stinksauer ist. Manchmal gibt es eben Wichtigeres im Leben als die Drecks-Arbeit.

Mein Blick fällt auf den Küchentisch, wo seit geraumer Zeit die Tasse steht, die ich nicht fertig bringe, abzuspülen. Mittlerweile haben sich auf dem Tassenboden braune Ränder vom Kaffee gebildet, der sich vor langer Zeit mal in dieser Tasse befand. Ich starre ein paar Sekunden zu lange auf die Tasse, und schon geht es los. Mein Magen rumort. Ich halte mir den Bauch, dann die Hand vor den Mund, haste zum Bad, schaffe es gerade noch rechtzeitig, den Klodeckel anzuheben, da bricht auch schon die Guten-Morgen-Begrüßungskotze aus mir heraus. Ich weiß überhaupt nicht, was da jetzt noch kommen soll. Galle? Immerhin ist die letzte feste Nahrung, die ich zu mir genommen habe, schon so lange her, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann, was es war. Aber dieses morgendliche Kotzen hört einfach nicht auf. Seit … ja, seit wann?

Ein Rest Flüssigkeit rinnt meine Mundwinkel hinab, vermischt sich mit Tränen, die sich den Weg aus meinen Augen Richtung Kinn bahnen. Schon wieder so etwas, ich hab einfach keine Kontrolle mehr über gar nichts. Über meinen Schlafrhythmus, meine Körperflüssigkeiten, alles schießt nur so aus mir heraus, und ich kann nichts dagegen tun. Steh nur da, kotzend und heulend.

Ich betrachte mich im Spiegel, ein Zombie starrt zurück. Leere Augen, dunkle Ringe darunter, leichenblass, Haare strähnig und fettig, Mundwinkel nach unten hängend, damit könnte ich jeden Angela-Merkel-look-alike-Contest für mich entscheiden. Und das mit Leichtigkeit. Wenn ich mich nicht so verdammt schwach fühlen würde, dann würde ich jetzt am liebsten den Spiegel einschlagen, mit der bloßen Faust so lange dagegen hämmern, bis er in viele, kleine Einzelteile zerspringt und ich mein Spiegelbild nicht mehr sehen muss. Doch stattdessen drehe ich den Wasserhahn auf und spüle meinen Mund aus, um den Kotzegeschmack wegzubringen.

Dann schleife ich mich zurück in die Küche. Die Tasse steht immer noch auf dem Tisch. Mit zitternden Händen greife ich danach, führe sie zum Mund, tu so, als würde ich daraus trinken, nur um mich ihm wieder näher zu fühlen.

Denn er war der letzte, der aus dieser Tasse getrunken hat. Eine Woche ist das jetzt her. Aber mir kommt es so vor, als wäre es Monate her. Als er mir gesagt hat, dass es nicht mehr funktionieren würde zwischen uns. Als er mir gesagt hat, dass er jetzt erst mal Zeit für sich braucht, zum nachdenken, dass ich ihn nicht anrufen soll. Als er den letzten Schluck Kaffee trank, die Tasse auf den Tisch stellte, den Wohnungsschlüssel daneben legte und ging.

Seitdem steht die Tasse da. Seitdem kann ich nicht mehr schlafen, aber dafür kotzen wie ein Jugendlicher nach 15 Tequila.

Natürlich habe ich ihn angerufen. Hab in den Hörer geflennt, hab gefleht, gedroht, geschrien, er solle es sich verdammt noch mal überlegen, er kann doch unsere gemeinsamen Jahre nicht einfach so wegschmeißen, ich liebe ihn doch!

Irgendwann war sein Handy dann permanent aus, ich hinterließ ihm mindestens 30 Nachrichten auf der Mailbox, und wenn ich es auf Festnetz probiere, dann ertönt seit gestern auch nur noch das Besetztzeichen.

Und immer wieder die Frage nach dem Warum? Warum hat er das getan? Warum hat er mich verlassen? Wir waren doch mal so glücklich gewesen. Und ich hab mich doch auch geändert. Ich hab versucht, nicht mehr ständig sein Handy zu kontrollieren und aufgehört, seine E-Mails zu lesen, schließlich konnte ich seine fünfte Passwortänderung nicht mehr entschlüsseln. Und bei seiner besten Freundin hab ich mich auch entschuldigt, nachdem ich ihr eine fast volle Bierflasche nachgeworfen hatte, als sie ihm auf der letzten Party einfach so ein Begrüßungsbussi direkt auf den Mund gegeben hat. Außerdem ist die Platzwunde wieder vollends verheilt, und die Reinigung ihrer Pradajacke hab ich ja auch bezahlt. Trotzdem bin ich nach wie vor der Meinung, dass dieses Bussi einen Tick zu lange gedauert hat, und insgeheim glaube ich ja sowieso, dass sie was von ihm will.

Und dass ich eine Treuetesterin engagiert habe, die zusätzlich von einem Pro7 Filmteam begleitet wurde, um ihn auf frischer Tat zu ertappen, fand ich meines Erachtens nach völlig legitim, schließlich hat doch jeder ein Recht darauf, zu erfahren, was sein Partner so – und vor allem mit wem – treibt, oder?

Und dann hat er ja mit dem Lockvogel auch auf Teufel komm raus geflirtet. Natürlich fand ich es total niedlich von ihm, dass er ihr nicht seine Nummer gegeben und ein Treffen zum Kaffee trinken abgelehnt hat, aber er hätte ihr immerhin sagen können, dass er in festen Händen ist, und außerdem hat er die Professionelle viel zu nett angelächelt.

Zumindest ist mir die Überraschung gelungen, als wir nachmittags bei seinen Eltern zu Kaffee und Kuchen eingeladen waren und ich Punkt 17:00 Uhr sagte: »Schatz, mach doch mal den Fernseher an, jetzt kommt gleich taff!«

Dass seine Mutter beinah an einem Stück Kuchen erstickt wäre, als ihr Sohn da plötzlich auf der Bildfläche erschien, wird wohl am Stolz gelegen haben, schließlich sieht man das eigene Kind nicht jeden Tag im Fernsehen. Zumindest konnte ich mir das nur so erklären. Und seine Reaktion, später, im Auto, als wir auf dem Weg nach Hause waren, als er mich anbrüllte und mit Worten um sich schmiss, wie »Kontroll-Wahn« und »Stasi-Methoden«, die fand ich dann doch ein wenig übertrieben.

Ich wollte doch nur wissen, ob er mich eventuell betrügen würde, wenn er wollen könnte.

Track 3

Eddie Vedder – Society

Fabo. Erster Teil.

Benno öffnet mir die Tür, sagt »Eeey!«, umarmt mich und drückt mir ein Bier in die Hand. Diese Party hier ist meine letzte Freitagabendrettung und die einzige Alternative zur Glotze, ich bin alleine hier, kenne nur den besoffenen Gastgeber, und die Hoffnung, dass diese Party noch irgendetwas rausreißen, geschweige denn meine Stimmung heben könnte, ist gleich null. Aber was soll’s. Schließlich sind wir jung und haben das Geld. Ich nippe an meinem Bier, gehe durch die Zimmer und schaue mir die Menschen an. Glücklicherweise erreiche ich diese Party zu später Stunde – wo einem keiner mehr so komische Blicke zuwirft, wenn man einen Raum betritt und niemanden kennt. Und dann erst mal gefühlte fünf Stunden in irgendeinem Sessel hockt und so viel raucht und trinkt wie in einer ganzen Woche, nur damit man irgendwas zu tun hat und inständig hofft, dass man von dem süßen Typen am PC angesprochen wird, aber nein, der erstellt gerade eine neue Playlist und nichts gegen Smells like teen spirit von Nirvana, ich mag den Song, aber als ich noch keine Brüste, dafür aber eine Zahnspange hatte, lief der auch schon auf jeder Party und wenn der Playlistjunge den jetzt reintut, dann schwöre ich bei Gott, dass ich Amok laufe. Und dann wird man doch nicht von dem süßen Typen angesprochen, sondern von dem Freak, der schon die ganze Zeit neben einem sitzt und mit dem auch keiner redet, aber nicht, weil er niemanden kennt, den kennt jeder, und er bringt sich nur immer selbst mit, weil’s kostenlos was zu saufen gibt. Ob man Captain Future oder He-Man besser findet, und man erwidert nur: »Weiß nich, ich kenn mich mit Eissorten nich so aus.«

Als dann plötzlich doch die altbekannten Akkorde von Smells like teen spirit aus den Boxen erklingen und der langhaarige Nirvana-Fan, dem man am liebsten zuschreien möchte: »Ey Alter, schick deine Klamotten zurück ins Jahr 1994!«, der natürlich genauso zu den Parties gehört wie der Song, auf die Tanzfläche stürmt, »Mach ma lauter!« brüllt, seine perfekt gepflegte Mähne in die Luft wirft und ein 1a-Luftgitarrensolo hinlegt, wobei er den Text auswendig mitgrölen kann, sofern das bei Cobains Genuschel überhaupt möglich ist, ist es Zeit für mich, den Raum zu verlassen.

Mit der letzten Zigarette und einem neuen Bier gerüstet, peile ich den Balkon an, halte aber inne. Im krassen Kontrast zum Nirvanamann hier drinnen, steht dort draußen ein Vertreter der Indiebewegung und Röhrenjeansträger aus Leidenschaft. Gibt es denn keine normalen Menschen mehr? Seine Hosen sind so eng, dass ich schon beim hinsehen nach Luft ringen muss, und da er sie bestimmt nicht erst seit gestern trägt, wird’s in zehn Jahren wohl ziemlich düster aussehen mit der Kinderplanung, wenn er sich jetzt schon so kontinuierlich die Klöten abklemmt. Außerdem hat er halt echt null Arsch. Doch da setzt Nirvanamann zum finalen Refrain an, und ich bin schneller draußen als Cobain schießen kann.

Angenehme Stille umgibt mich. Ein kühler Wind bläst und fährt dem Mann ohne Arsch durch die Haare. Gerade will ich ihn nach Feuer fragen, da dreht er sich um. Das hätte er nicht tun sollen. Vor Schreck mache ich einen Schritt rückwärts und stoße mir den Kopf an der Balkontür. Der Mann, der vor mir steht, ist weder attraktiv, noch sieht er sonderlich gut aus, noch ist er irgendwie süß. Er ist geradezu vollkommen. Noch nie in meinem Leben habe ich etwas Schöneres gesehen. Er sieht mir direkt in die Augen, geradezu fordernd. Mein ganzer Körper schreit danach, meine Hände auszustrecken, um sein Gesicht zu berühren, um mich zu vergewissern, dass er auch keine Einbildung ist. Dann lächelt er mich an, mir wird heiß und kalt und dann wieder heiß, mein Herz droht, mir aus der Brust zu springen, ich fange an zu zittern, ich bin einer Panikattacke nahe und danach gleich einer Ohnmacht und in diesem Moment fange ich an, an die Liebe auf den ersten Blick zu glauben, da öffnet er seinen vollkommenen Mund, und seine Worte klingen wie Musik in meinen Ohren, als er sagt:

»Coole Hose.«

Ich schaue an mir herunter. Dann schaue ich ihn an. Und als mir nach einer halben Ewigkeit klar wird, dass wir exakt das gleiche Unisex-Beinkleid von H&M tragen, hat der Sprung vom Balkon nur noch den Gedankensprung voraus, den ich aber aus lauter Feigheit doch nicht umsetze.

»Fuck off gleichgeschlechtliche Modetrends!« denke ich stattdessen.

»Äh … ja danke. Du auch.«

In diesem Moment sind alle sinnvollen Worte, die ich jemals gehört habe, alle interessanten Gesprächsthemen, alle witzigen Anekdoten aus meinem Hirn entfleucht. Mein Körper hat sämtliche Aktivitäten eingestellt, das Einzige, was ich noch kann, ist, ihm in die Augen zu schauen. Aber das dafür recht ordentlich.

»Was? Was guckst’n so?« fragt er.

Und wenn wir zu dem Zeitpunkt beide schon gewusst hätten, wie oft er mir in nächster Zeit diese Frage noch stellen muss, dann wäre ich wohl doch lieber vom Balkon gesprungen.

»’tschuldigung.« sage ich. Aber ich kann trotzdem nicht aufhören. Irgendetwas ist in seinem Blick, was mich magnetisch anzieht, und ich kann mich einfach nicht davon abwenden. Und so stehe ich da, mit der Kippe zwischen den Fingern, unfähig, noch etwas zu sagen oder zu tun. Er zieht ein letztes Mal an seiner Zigarette und wirft sie dann über den Balkon. Ein letzter abschätziger und zugleich durchdringender Blick streift mich und lässt mich aufs Neue erschaudern. Dann drückt er die Tür auf und geht an mir vorbei. Ich stehe immer noch da wie vom Donner gerührt, und da es ohne Feuer keiner Notwendigkeit mehr bedarf noch länger hier draußen zu bleiben, gehe auch ich wieder rein, die Kippe immer noch in den schweißnassen Händen.

»Hast du ein Gespenst geseh’n oder was?« fragt mich Benno und grinst mich mit glasigen Augen an. Er legt einen Arm um mich und zieht mich in die Küche. Tequila trinken. Gute Idee. Auf den Schock ist das genau das Richtige.

Benno schneidet eine Zitrone auf, gibt mir ein Stamperl und Salz. Der erste brennt mir noch gewaltig in der Kehle. Aber bei dem bleibt es nicht. Irgendwann stehen wir alleine in der Küche, die Flasche ist fast leer, und die Küchentheke ist voll von ausgelutschten Zitronenscheiben, die im eigenen Saft schwimmen.

»Sag mal, spinnt ihr?« schreit plötzlich jemand hinter uns. »Das Zeug klebt doch morgen wie Sau! Und so wie ich dich kenne, bist du dann zu verkatert, um das sauber zu machen!«

»Fabo … Fabo … Chill mal. S’ wird alls blitzeblitzeblitze … blank sein. Vasprochn.« lallt Benno.

»Darffich vorstelln … mein allaallaallaliebster Lieblingsmitbewohner. Fabo.«

Fabo. Der Mann in den zu engen Hosen. Bennos Mitbewohner. Mir wird schlecht.

»Ja. Das komische Mädchen, das lieber trocken raucht und dann meinen ganzen Tequila leer säuft.«

Wieder dieser abschätzige Blick. Ich flüchte aus der Küche, hole meine Jacke und wanke aus der Wohnung. Im Treppenhaus finde ich den Lichtschalter nicht und falle. Ich humple zur U-Bahn. Die Bahn fährt ein, ich halte mich an dem Fahrkarten-Entwertungs-Kasten fest, und der komplette Tequila inklusive Zitronenfetzen kommt wieder hoch, und diesen kurzen, klaren Moment direkt nach dem Kotzen, nutze ich, um all meine Kräfte zu sammeln, in die Bahn zu hechten, um dann entkräftet auf einen Sitz zu sinken und sofort einzuschlafen.

*

Am nächsten Tag stelle ich beruhigt fest, dass ich mir den gestrigen Abend komplett aus dem Hirn gesoffen habe. Oder gekotzt, wie man’s sieht. Na ja, fast komplett. Ein kleines Detail hat sich fest in meine Hirnwände eingefräst und ist fest entschlossen, dort zu bleiben. Hoffentlich nicht für immer.

Fabo.

So ziemlich jeden Part des Abends, bei dem er eine tragende Rolle spielte, habe ich noch so klar vor Augen, als hätte ich sie alle auswendig gelernt. Das Schlimme daran ist, dass ich mich nicht wohl fühle, wenn ich an ihn denke, ganz im Gegenteil. Ich fühle mich unruhig, krank, fiebrig. Am liebsten würde ich Benno anrufen und ihn fragen, ob ich nicht bei ihm vorbeikommen kann. Das Blöde ist nur, dass ich Benno noch nie einfach so angerufen habe. Man trifft sich eher immer so zufällig. Um mich abzulenken, verabrede ich mich mit Conni, einer guten Freundin, deren Freund gerade Schluss gemacht hat. Das heißt, ich werde mir den ganzen Abend ihr Geheule anhören und gar nicht erst dazu kommen, an Fabo zu denken.

Ich starte mein »Das-Arschloch-hat-dich-doch-gar-nicht-verdient«-Programm mit einer großen Portion von allem, was dich an Gehirnzellen ab- und am Bauch zunehmen lässt, sprich: Chips, Schokolade, Bier und Amsterdams finest. Nach der zweiten Packung Chips, der dritten Tafel Schokolade, dem vierten Bier und dem fünften Joint erklärten wir uns für ausgehbereit. Da wir für Party eindeutig zu fertig sind, fahren wir einfach zu Münchens grindigster Kneipe.

Das Kosmos