Bei der Knallhütte - Friedrich Brunold - E-Book

Bei der Knallhütte E-Book

Friedrich Brunold

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Beschreibung

Zweiteiliger historischer Roman in einem Band. [1862] Aus dem Inhalt: Im Tilsiter Frieden hatte Preußen bekanntlich seine Länder diesseits der Elbe an Frankreich abtreten müssen. Russland und Preußen hatten den jüngsten Bruder Napoleons, Jerome, ausdrücklich als König von Westphalen anerkannt; Österreich hatte mit schweren Opfern den Frieden erkauft, während die übrigen Fürsten, den Umständen sich beugend, dem Protektor des Rheinbundes huldigten. Tiefe Schmach lag auf dem gesamten Vaterlande - aber ein Stein, Hardenberg, Scharnhorst, Gneisenau, Fichte, Schleiermacher u. a. verzagten nicht. Mit heiligem Ernst suchten sie den Funken der Freiheit, der tief im Herzen der geknechteten Völker glimmte, wach zu erhalten. Der Geist der Insurrektion wurde genährt und erhalten. Ein allgemeiner Aufstand in Pommern, in der Mark, in Niedersachsen, Westphalen, Hessen, Thüringen und Franken wurde beabsichtiget. Ein rascher, kühner Angriff auf das Königreich Westphalen wurde beschlossen. Waren doch in keinem Lande die Aussichten auf glücklichen Erfolg in so hohem Grade vorhanden, als hier. In der westphälischen Armee standen viele ehemalige preußische Offiziere, welche nur gezwungen dem fremden Herrscher dienten, wie es zugleich mit den meisten Hessen der Fall war. Das Volk im Lande hielt mit unendlicher Treue und Zähigkeit an dem Kurfürsten und mochte von dem Neuen nichts wissen, selbst wo es das Bessere war. Jetzt war die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Ausbruches des Krieges zwischen Österreich und Frankreich näher gerückt. Preußen, meinte man, könne dem Kampfe nicht fernbleiben - und so wurde selbst von einem Stein, Scharnhorst und Gneisenau kein Bedenken getragen, eine beabsichtigte Erhebung von Seiten Hessens für gut zu heißen.

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Bei der Knallhütte

1. / Erstes Kapitel.

1. / Zweites Kapitel.

1. / Drittes Kapitel.

1. / Viertes Kapitel.

1. / Fünftes Kapitel.

1. / Sechstes Kapitel.

1. / Siebentes Kapitel.

1. / Achtes Kapitel.

1. / Neuntes Kapitel.

1. / Zehntes Kapitel.

1. / Elftes Kapitel.

1. / Zwölftes Kapitel.

1. / Dreizehntes Kapitel.

1. / Vierzehntes Kapitel.

1. / Fünfzehntes Kapitel.

1. / Sechszehntes Kapitel.

1. / Siebzehntes Kapitel.

1. / Achtzehntes Kapitel.

2. / Erstes Kapitel.

2. / Zweites Kapitel.

2. / Drittes Kapitel.

2. / Viertes Kapitel.

2. / Fünftes Kapitel.

2. / Sechstes Kapitel.

2. / Siebentes Kapitel.

2. / Achtes Kapitel.

2. / Neuntes Kapitel.

2. / Zehntes Kapitel.

2. / Elftes Kapitel.

2. / Zwölftes Kapitel.

2. / Dreizehntes Kapitel.

2. / Vierzehntes Kapitel.

Impressum

Bei der Knallhütte

von Friedrich Brunold

Historischer Roman

Band 1 und 2

Original: 1862. Verlag von E. Roeder, Wriezen.

_______________________________________ 

gerik CHIRLEK

2017

1. / Erstes Kapitel.

Stehe fest, o Vaterland!

Deutsches Herz und deutsche Hand.

Halte fest am Rechten!

Wo’s die alte Freiheit gilt.

Sei Dir selber Hort und Schild,

Freiheit zu versechten.

(C. Göttling)

Am Fenster des Fräulein-Stifts Wallenstein in der Neustadt Hombergs saß ein junges Mädchen eifrig stickend. Aber es war keine Arbeit für den Geburts- oder Weihnachtstisch, keine Arbeit für den Vater, die Mutter – oder wohl gar für den Geliebten – es war eine Fahne; ein Geschenk dem teuren Vaterlande geweiht, an der so eifrig Stich um Stich gefördert wurde.

Und jetzt war die jugendliche Stickerin mit ihrer Arbeit bis zur Vollendung des Wortes „Tod“ gekommen; hell und klar markierten sich auf dem rotweißen Banner die Worte „Sieg oder Tod“, nun fehlte nur noch „im Kampfe für das Vaterland“; aber ihre Hand fiel lässig nieder, der dem jungen Mädchen eigentümlich schwärmerische Blick umflorte sich – und die Lippe hauchte unwillkürlich, geisterhaft leise: Tod! Wer wird das Ende des Kampfes erleben, wer wird siegreich daraus hervorgehen?

Aber sofort die ernsten, trüben Gedanken verscheuchend, hob sie das Auge wieder, in dem ein schönes, heiliges Feuer zu glühen begann – und die Fahne hoch emporhebend, rief sie, sich selber Mut zusprechend: Sieg oder Tod! Die Freiheit kann nur siegen, das Vaterland darf nicht untergehen!

Und als in diesem Augenblick die Tür sich öffnete und die Dechantin Marianne von Stein eintrat, eilte sie derselben entgegen, warf sich ihr an den Hals, und sagte: „Wie gut, dass Du kommst! Die Wintersonne scheidet des Tages jetzt so früh; es wurde so düster, unheimlich im Zimmer hier, sodass mir plötzlich recht bang ums Herz wurde!“

„Und was für Geister hatte meine sonst so mutige Caroline heraufbeschworen?“, fragte die Dechantin und ließ auf den nahestehenden Sessel sich nieder. „Ertönt doch jetzt in unserm Stifte, wo eigentlich nur Psalmen und geistliche Lieder erklingen sollten, nicht häufig genug fröhliche Ballmusik? Werden nicht schon wieder morgen von Fern und Nah Vettern, Brüder und sonstige lebensfrohe Bekannte kommen, um in diesen, sonst so ernsten Räumen der Freude und dem Vergnügen zu leben?“

„Und sind alle diese Freuden nicht Blumen auf Gräbern?“, fiel das junge Mädchen fragend ein.

Marianne von Stein schaute auf, ihr Auge leuchtete und voll Hoheit und innerer Würde sagte sie: „Mein liebes Kind!, ist nicht unser ganzes Leben ein Tanzen auf Gräbern? Aber lass uns nicht diese Stunde durch trübe Gedanken unerquicklich machen; lass auch uns fest und stark sein, wie dies die Zeit erfordert. Wir wollen des Vertrauens uns würdig zeigen, das die Männer in uns gesetzt, das mein Bruder mir gegeben. Hat er nicht in dem unglücklichen Briefe, den hier Fürst von Wittgenstein erhalten hatte, und der in die Hände seiner erbitterten Feinde fiel, wodurch Napoleon sich veranlasst gefunden, die Acht über ihn auszusprechen, klar, fest und bestimmt geschrieben: „Die Erbitterung nimmt in Deutschland täglich zu und es ist ratsam, sie zu nähren und auf die Menschen zu wirken. Schreibt er nicht weiter, dass er wünsche, dass die Verbindungen in Hessen und Westphalen erhalten würden? Und sagt er nicht, dass man den Krieg mit Österreich als unvermeidlich ansehe, dass dieser Kampf über das Schicksal Europas entscheiden werde und also auch über das unsrige? Sagt er nicht, es ließen sich Pläne, die man im Frühjahre 1807 hatte, erneuern?“

„O, diese Pläne“, fiel Caroline von Baumbach zitternd ein, „sind es eben, die bei dem Worte „Tod“ mir so lebhaft vor die Seele traten. Kurfürst Wilhelm zeigte seiner Residenz, nach der unglücklichen Schlacht von Jena, den Rücken; er floh – und sein armes, zertretenes, geknechtetes Volk stand für ihn auf. Es konnte, es mochte es nicht denken, dass ein Fremder so leicht ihm Herrscher könne geworden sein; es konnte, es mochte an die Macht des Corsen nicht glauben – und griff zu den Waffen. Überall im ganzen Lande Hessen, stand das Volk auf – und wie viele sind es nicht gewesen, die ihre Liebe zu dem Vaterlande, zu einem Herrscher, der sie nie geliebt und der sie jetzt feig im Stich gelassen hatte – mit dem Leben bezahlten? Wie so mancher ward begnadigt zu Pulver und Blei; wie so mancher schläft nicht unter kühler Rasendecke, die Brust von Flintenkugeln durchbohrt, die auf sie von Henkershänden abgesendet wurden! Dieser Unglücklichen musste ich denken, und deshalb wohl zog ein so eigentümliches Wehe durch meine Brust, als ich das Wort „Tod“ auf unserm Banner las.“

Die Dechantin stand auf, die kleine Gestalt schien sichtbar größer und größer zu werden; es war, als ob der Geist ihres gewaltigen, tatkräftigen Bruders über sie gekommen sei, mit ruhiger Überzeugung, mit klarer Stimme sagte sie: „Was sprichst Du nur immer und ewig von diesem Kurfürsten, von dieser Scholle Erde, die Hessen heißt – und das Napoleon in sein neues Königreich Westphalen geknetet hat? Was kümmert den Männern, die drüben in Preußen die Flamme des Aufruhrs nähren – dieser König in Kassel? Nicht Preußen, nicht Hessen, nicht Sachsen, nicht Hannover und wie die Länder heißen, die der Fuß Napoleons mehr oder weniger zertreten hat, seufzen nach den Tagen einer leuchtenden, wärmenden Freiheit, das ganze Vaterland, das ganze Deutschland sehnt sich, das verhasste Joch, das dieser Eroberer uns aufgelegt – abzuwerfen, – und soll etwa hier in Hessen allein die Fahne der besseren Zeit entfaltet werden? Hast Du vergessen, dass in Preußen mein Bruder gewirkt, dass ein Scharnhorst noch lebt und ein Schill mit uns im Bunde ist? – O, glaube mir, Mädchen, es ist etwas Großes, etwas Herrliches, das in dem Worte „Vaterland“ liegt. Und wer der Knechtschaft drückende Fesseln nie empfunden, der weiß auch nicht, was Freiheit heißt. Frei sein ist nichts – aber frei werden ist der Himmel. Ich würde meiner Ahnen nicht würdig sein, wollt’ ich verzagen und nicht freudig Gut und Blut, Leben und Ehre einsetzen, wo es des Vaterlandes Frieden und Ehre gilt. Die Freiheit ist ein Glück, das durch Leid gesühnt und erkämpft sein will. Und hast Du nie vernommen, was die Ahnfrau unseres Hauses getan? Als sie einst in bogiger Halle saß, traten sechs Ritter ein. Es waren ihre beiden Söhne und vier Tochtermänner. Sie standen vor ihr in Kraft und Fülle der Gesundheit, in untadelhafter Mannesschönheit. Sie fühlte und erkannte den ganzen Umfang dieses Glückes; aber zugleich musste sie auch des Ausspruches der Alten gedenken: dass ungetrübtes Glück der Götter Neid erwecke und durch Leid gesühnt sein wolle. In diesem Gedanken legte sie die Hand segnend auf die Häupter ihrer Söhne – schritt zur Tür hinaus – und war und blieb verschwunden und verschollen. Sollt’ ich weniger tun, als die Urahnen unseres Haus getan? Noch blüht unser Geschlecht und soll es für der tun – groß und kräftig! – Und was tun wir Großes? Du schwärmerisches Kind, sitzest hier in meiner Zelle, einsam, verstohlen – und stickest an einer Fahne, während ich Festarrangements treffe, damit Ihr, junges Volk, tanzen und froh sein könnt.“

„Was kümmert es mich, was die Männer in den Pausen, wo die Musik schweigt, miteinander verhandeln und besprechen! Und müssen bei solch ausgebreiteter Bekanntschaft, die wir haben, nicht Boten kommen und gehen und müssen nicht Briefe gewechselt werden?“

Caroline sagte lachend: „Die aber gewiss nicht für den Kabinettssekretär Sr. Majestät des Königs Jerome, diesem boshaften Marinville, geschrieben werden.“

„Mag sein!“, sagte Marianne von Stein kurz ab. „Wäre die Welt im Ganzen eine bessere, könnten und würden solche Kreaturen nicht zu Macht und Ansehen kommen; so aber ist es eine Schande, wenn man sieht, wie Deutsche, Hessen, namentlich Frauen, sich an den Hof dieses üppigen, schwelgerischen, nichtsnutzigen Jerome drängen – und seinen Lüsten frönen. Durch solche Schandtaten wird das Gute, das diese Fremdherrschaft bringt oder bringen kann und würde, im Keime erstickt.“

„Aber lass uns nicht weiter von diesen Sachen sprechen! Die Tage des Handelns nahen und auch wir dürfen nicht lässig sein.“ – Nach einiger Zeit fuhr sie fort:

„Es ist notwendig, dass die Männer in Preußen Nachricht von dem hiesigen Tun und Treiben erhalten. Ein Bauer aus dem Ravensbergischen, mit Namen Romberg, wird in einigen Tagen zu dem Major Schill reisen, nach Berlin. Auch ich möchte diesem Boten Aufträge geben. Kennst Du hier einen Menschen, dem wir die Sache anvertrauen können und der bereit wäre, nach Remsfelde zu gehen – meine Worte dem Romberg zu überbringen?“

Caroline sann einen Augenblick nach, dann sagte sie leichthin errötend:

„Ich wüsste wohl einen jungen Mann, der zu diesem Dienst geschickt wäre, nur weiß ich nicht gleich, wie er ohne Aufsehen zu sprechen ist; – es ist der Philipp Ehrenfeld, der Sohn des Tuchmachers.“

„Kenne ihn“, rief die Dechantin kurz ab. „Ihn herzubescheiden wird ein Leichtes sein. So Du für ihn stehst, will ich ihn rufen lassen!“

Und ohne eine Antwort weiter abzuwarten, schritt sie zur Tür hinaus.

Das junge Mädchen blieb allein zurück. Sie nahm die Fahne wieder zur Hand, sie wollte weiter arbeiten – aber es wollte nicht gehen – die Fäden verwirrten sich, wie ihre Gedanken weit ab von der Arbeit schweiften.

Plötzlich jedoch schrak sie auf. Es klopfte – und herein trat ein junger hoch aufgeschossener Mann, der wie bezaubert, verlegen an der Tür stehen blieb. Es war Philipp Ehrenfeld – der Bote.

Der junge Mann blieb stehen, er schien es nicht zu wagen, näher zu treten, aber sein Auge blieb wie gefesselt auf dem jungen Mädchen haften und seine Stimme zitterte, als er sagte: „Ich wurde hierher beschieden!“

„Ganz recht“, rief Caroline und trat dem jungen Manne näher. „Die Dechantin von Stein wünscht einen zuverlässigen Boten. Ich dachte mir, Ihr, Philipp, würdet diesen Gang übernehmen. Habe ich mich geirrt?“

„In mir sollen Sie sich niemals irren, Fräulein von Baumbach“, sagte der junge Mann und legte, wie beteuernd, die Hand auf das Herz. „Für Sie gehe ich“

Er brach ab und vollendete den Satz nicht. Aber das junge Mädchen mochte wohl fühlen, was er sagen wollte, und die eigene Verlegenheit zu verbergen suchend und das Erröten der Wangen nicht wollen sichtbar werden lassend, sagte sie, sich zu dem Banner niederbeugend und es hochhebend und ausbreitend: „Und wisst Ihr auch, wozu dies dienen soll?“

Der junge Mann glühte auf, er zitterte vor innerer Erregung – und die Fahne umfassend, rief er freudig begeisterungsvoll: „Ob ich sie kenne? Ob nicht jeder brave Mann im Vaterlande wüsste, dass Sie eine eifrige Patriotin sind? O, Fräulein, es ist vielen unter uns kein Geheimnis mehr, was hier im Stifte beraten und beschlossen wird. Und dieses Banner, das meine Hände hier halten und das Ihre Hand mit schönen Worten schmückt, es ist mir ein Zeichen, dass die Stunde der Erlösung nahe ist, dass wir uns bereit halten sollen, zu kämpfen, zu siegen oder zu sterben für das Vaterland. Auch mich sollen Sie bereitfinden!“

„Aber, wenn dieser Tag der Entscheidung kommt, wenn es wieder im Hessenlande Sturm läutet, wenn der mahnende Glockenruf von Kirchturm zu Kirchturm getragen wird, wenn die Feuer auf den Bergen zu leuchten beginnen – dann – dann lassen Sie mich dies Banner halten, dann lassen Sie mich diese Fahne den Scharen voraustragen – und den Sieg mit erkämpfen helfen – Sieg oder Tod!“ Und der junge Mann kniete unwillkürlich nieder, sein Auge glühte – und die Fahne schwenkend, rief er aufs Neue: „Sieg oder Tod!“

Caroline von Baumbach aber stand hoch aufgerichtet vor dem jungen Mann. Der siegreichen Jungfrau von Orleans gleich, ergriff sie das Banner, ließ es flattern und fliegen; und ihre Hand, wie segnend auf das Haupt des Knienden legend, rief sie, heiliger Begeisterung voll: „Sieg oder Tod im Kampfe für das Vaterland!“ 

1. / Zweites Kapitel.

Seid mir gegrüßt, ihr deutschen Frauen,

Der schönern Zukunft Morgenrot!

Wem soll vertrau’n, aus wen soll bauen

Das Vaterland in seiner Not?

(Hoffmann von Fallersleben)

Und andern Tages, wie ging es so froh, so freudig in den weiten Räumen des Stiftes zu; wer hätte glauben und ahnen sollen, dass alle diese Lust, diese Freudigkeit nur ein Deckmantel sei – um die französischen Spione des Königs irrezuführen – um, unter Spiel und Tanz, Zeit zu gewinnen, zur Beratung für Pläne, die die Befreiung des Vaterlandes bezwecken.

Im Tilsiter Frieden hatte Preußen bekanntlich seine Länder diesseits der Elbe an Frankreich abtreten müssen. Russland und Preußen hatten den jüngsten Bruder Napoleons, Jerome, ausdrücklich als König von Westphalen anerkannt; Österreich hatte mit schweren Opfern den Frieden erkauft, während die übrigen Fürsten, den Umständen sich beugend, dem Protektor des Rheinbundes huldigten.

Tiefe Schmach lag auf dem gesamten Vaterlande – aber ein Stein, Hardenberg, Scharnhorst, Gneisenau, Fichte, Schleiermacher u. a. verzagten nicht. Mit heiligem Ernst suchten sie den Funken der Freiheit, der tief im Herzen der geknechteten Völker glimmte, wach zu erhalten. Der Geist der Insurrektion wurde genährt und erhalten. Ein allgemeiner Aufstand in Pommern, in der Mark, in Niedersachsen, Westphalen, Hessen, Thüringen und Franken wurde beabsichtiget. Ein rascher, kühner Angriff auf das Königreich Westphalen wurde beschlossen. Waren doch in keinem Lande die Aussichten auf glücklichen Erfolg in so hohem Grade vorhanden, als hier. In der westphälischen Armee standen viele ehemalige preußische Offiziere, welche nur gezwungen dem fremden Herrscher dienten, wie es zugleich mit den meisten Hessen der Fall war. Das Volk im Lande hielt mit unendlicher Treue und Zähigkeit an dem Kurfürsten und mochte von dem Neuen nichts wissen, selbst wo es das Bessere war. Jetzt war die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Ausbruches des Krieges zwischen Österreich und Frankreich näher gerückt. Preußen, meinte man, könne dem Kampfe nicht fernbleiben – und so wurde selbst von einem Stein, Scharnhorst und Gneisenau kein Bedenken getragen, eine beabsichtigte Erhebung von Seiten Hessens für gut zu heißen.

Hier herrschte Unzufriedenheit! Das von dem König eingeführte Konskriptionssystem, zu dessen Durchführung eine zahlreiche Polizei, eine Legion Gensd’armen nötig wurde, hatte vorzugsweise zu tiefer Erbitterung beigetragen. Außerdem gab es im Lande viele Soldaten, die nicht wieder in die Regimenter eingereiht waren worden und die nun im Lande lebten und umherzogen, überall Hass und Unzufriedenheit anschürend und fördernd. Schon im November 1806 hatten diese entlassenen Söldlinge mannigfache Aufstände im Lande verursacht; und wenn diese auch im höchsten Grade unglücklich geendet hatten, wenn auch viele der aufständischen Soldaten damals waren dem Kriegsgerichte anheimgefallen – und viele ihr Unternehmen mit dem Tode gebüßt hatten, so gab es dennoch unzählige dieser Männer noch, die nur eines Winkes gewärtig schienen, um ein fremdes, längst verhasstes Joch abzuschütteln.

Seit langer Zeit waren daher bereits geheime Verbindungen im ganzen Lande genährt, eine allgemeine Erhebung vorbereitet worden.

Und nun waren heut wieder Anhänger der Verschwörung versammelt. Marianne von Stein, die Dechantin des Fräulein-Stifts Wallenstein, hatte ja Einladungen ergehen lassen an Freunde, Bekannte und Verwandte. Sie, die würdige Schwester des Freiherrn von Stein, hatte alle Fäden in die Hand genommen. Und wenn sie selbst auch nicht anordnend und befehlend einzugreifen schien, so wurde ihren Worten doch nur zu oft und nur zu gern Beachtung gezollt. Schien es doch, als ob sie stets tief in die Pläne und Ideen des feurigen Bruders eingeweiht sei. Freundlich grüßend ging sie durch die Reihen ihrer Gäste, hier ein Wort der Ermutigung hinwerfend, dort durch einen Blick zur Vorsicht mahnend.

Und als sie den jugendlichen Rittmeister von Weißen an der Seite Carolinens fand, drohte sie freundlich schalkhaft mit dem Finger und sagte, langsam vorübergehend: „Hat Euch der Tanz ermüdet? Was habt Ihr nur so eifrig zu besprechen?“

Caroline glühte auf, ihr jugendlicher Begleiter aber ergriff die Hand der davon schreitenden Dechantin und sich zu ihrem Ohre neigend, sagte er leise: „Was geschehen soll, muss bald geschehen. Oberst Dörnberg hat den Befehl erhalten, mit seinem Bataillon nach Spanien zu marschieren.“

Marianne von Stein zuckte unmerklich zusammen, doch sofort die gewohnte Ruhe gewinnend, sagte sie langsam weitergehend: „In meinem Kabinett sprechen wir weiter.“

In diesem Augenblick ertönte aufs Neue die Musik; die Paare traten zusammen, der Tanz begann.

Drinnen aber im Kabinett der Dechantin wurde zwischen Einzelnen der Verschworenen eine ernste Beratung gepflogen. Peter Martin, der Friedensrichter zu Frietendorf, sprach nicht ohne einen Anflug von Selbstgefälligkeit: ,,Hätte man meinen Ratschlägen gefolgt und die Erhebung nicht noch länger hinausgeschoben, wir wären jetzt bereits am Ziel. Was kümmern uns die übrigen Länder! Was fragen wir stets ob Preußen oder Österreich unsere Pläne billige und unterstütze; ich denke, wir leben und sterben für unser engeres Vaterland – für Hessen – und leben der Hoffnung, dass unserm Beispiel andere folgen werden.

Marianne von Stein schaute dem Sprecher einige Augenblicke mit ihren großen leuchtenden Augen in das gerötete Angesicht, dann sagte sie ernst: „Ist dieser enge Geist noch immer nicht überwunden? Wohl weiß ich, dass es hier zu Lande eine deutsche und eine hessische Partei gab – und dass namentlich Sie, lieber Martin, der Fürsprecher der letzteren waren; ich meinte, Ihre letzte Zusammenkunft mit dem Obersten Herrn von Dörnberg habe Sie von der Schwäche Ihrer Ansicht überzeugt! Das ganze Deutschland muss es sein! Und es wird es sein und werden, wenn ein jeder zum Besten des Gesamten seine kleineren Interessen unterordnet.“

„Mit den Patrioten in Preußen haben die Verbindungen nicht aufgehört, sie werden vielmehr in diesem Augenblicke noch enger geknüpft. Wir können täglich die sichere Nachricht erwarten, dass mit uns zugleich der Aufstand auch anderseits organisiert sei; und sollte es wirklich begründet sein, dass Oberst von Dörnberg, der Leiter unseres ganzen Unternehmens, nach Spanien beordert ist, so – –“

„So müssen wir früher losbrechen“, rief hier Louis von Trott, ein eifriges Mitglied des Bundes. „Lassen Sie uns unsere Lage klarmachen und ruhig überschauen. Wir beabsichtigen eine allgemeine Erhebung des Hessenlandes, die ganze Bevölkerung ist darauf vorbereitet. Trotz aller Spione dieses neugemachten Königs, hat sich bis jetzt kein Verräter unter uns bemerkbar gemacht; es haben sich vielmehr beide Parteien, die so lange jede einzeln, unbekümmert um die andere, ihren Zielen nachstrebten, fest verbunden – und nun sollte alle Mühe und Arbeit umsonst getan sein? Ist Oberst Dörnberg nach Spanien zu gehen bestimmt, so hat Bercagny, dieses Muster aller Polizeichefs, Witterung von unserm Vorhaben und wir müssen früher losschlagen, wenn wir uns nicht selbst in die Hand der Schergen geben wollen.“

Die Dechantin schwieg, endlich sagte sie: „Lassen Sie uns –“

Sie vermochte nicht weiter zu reden. Caroline von Baumbach trat leise, aber hastig erschrocken ein und rief: „Um Gott! Marinville ist gekommen!“

„Der Kabinettssekretär des Königs?“, rief Franz von Gayl und verfärbte sich ein wenig.

Marianne von Stein jedoch lächelte und sagte ruhig: „So muss ich wohl dem ungebetenen Gaste entgegengehen? Ruhig, meine Freunde! Es ist noch nichts verloren.“

Und mit ernster Würde schritt sie zur Tür hinaus, während die übrigen Anwesenden sich trüben Vermutungen Hingaben oder schweigend sich zu entfernen suchten.

Doch alle gehegte Besorgnis, alle Furcht vor Entdeckung war für diesmal umsonst gewesen. Die Polizei des Königs schien mit Blindheit geschlagen, sie schien keine Ahnung zu haben, was im Lande sich vorbereitete.

Rittmeister von Weißen war zuletzt mit Caroline von Baumbach allein im Kabinett zurückgeblieben. Sie standen sich eine Zeit lang ernst, schweigend gegenüber, dann aber blickten sie auf und schauten sich an, sinnend, lange.

Endlich sagte der junge Mann: „Kann und werde ich immer Deiner Fahne folgen dürfen? Wird sie mich zum Siege oder zum Tode führen?“

„Zum Siege“, rief die Jungfrau. „Das Heilige, das in uns lebt, es kann nicht ewig unterliegen, das Vaterland muss auferstehen und der Freiheit Palme dem mutigen Kämpfer rauschen!“

Es klopfte. Caroline verstand das Zeichen. Hastig verließ sie das Gemach und eilte in den Saal zurück.

Hier kam ihr der Kabinettssekretär sofort entgegen.

„Wie habe ich Sie bereits vergebens so lange gesucht“, sagte er und bemühte sich, der Jungfrau Hand zu erfassen.

Diese aber zog ihre Hand wie absichtslos zurück und ihren Blick ernst auf den Sprecher richtend, entgegnete sie: „Wie käme ich zu dieser Aufmerksamkeit, zu dieser Ehre?“

Marinvilles Auge glühte auf, ein Zug hämischen Spottes zog durch sein Gesicht und langsam, jedes Wort betonend, sagte er: „Sollte die schöne Caroline von Baumbach nicht wissen, dass selbst bereits des Königs Auge – –“

„O, sprechen Sie nicht weiter“, fiel ihm das junge Mädchen hier in die Rede. „Jedes Wort der Art ist eine Schmach für mich. Schande genug, dass deutsche Frauen, deutsche Mädchen sich nicht entblöden, dem fremden Herrscher ihre Ehre, ihr Heiligstes zu Füßen zu legen. Caroline von Baumbach tut es nicht! – Sie sehen, mein Herr, dass ich Ihre Pläne durchschaut habe, dass ich weiß und fühle, weshalb Sie meine Nähe suchen!“

Der Franzose lächelte hämisch und sich zu dem Ohr der Jungfrau neigend, flüsterte er: „Sollte Caroline von Baumbach allein unempfindlich sein gegen die Huldigungen eines Königs? Oder wie! Wäre das Herzensstübchen vielleicht bereits vermietet?“

Die Angeredete wandte sich heftig ab, vielleicht um die verräterische Röte, die sich auf ihren Wangen bemerkbar machte, nicht sehen zu lassen und mit tiefem Unwillen rief sie: „Ihre Worte sind eine Beleidigung für mich!“ Und schritt davon.

Doch der Staatssekretär ließ sich nicht so leicht verscheuchen; er hatte hier einen Plan im Auge, den er um jeden Preis verfolgen wollte – und der Davongehenden zur Seite bleibend, sprach er leise: „Hat mein Stachel getroffen? So wären also wirklich diese häufigen Zusammenkünfte der Unzufriedenen hier im Stift nur eine Gelegenheit Herzen zu täuschen?“

Caroline von Baumbach erschrak. Sie warf einen Blick verstohlen auf den Sprecher, um zu erforschen, ob diesen Worten eine tiefere, geheimere Absicht zu Grunde liege, doch das Gesicht des Franzosen war so kalt, so glatt, dass ihr Bemühen in jeder Hinsicht ein vergebliches war.

Marinville aber hatte den Blick bemerkt; er, der seine Rede nur gleich einer Angel ausgeworfen, fühlte und sah, dass er hier ein Feld berührt habe, dessen geheime Früchte, dessen Samen er zu erforschen streben musste. Er wusste es, dass geheime Verbindungen im Lande bestanden, dass der König und seine Anhänger gehasst wurden, dass man nach dem alten Herrscherhause sich zurücksehnte – und dies überdenkend, dies erwägend, sagte er lächelnd: „Ich wollte fast meinen, ich hätte hier ein zärtliches Rendezvous störend durchbrochen – aber nun sehe ich, dass dies Renkontre eine tiefere Bedeutung hat.“

Mit diesen Worten wendete er sich um, und ließ Caroline in tiefster Erregung und innerster Angst zurück.

Marinville aber verlor sich sinnend in der Menge. Es ist hier nicht alles, wie es sein sollte, sagte er zu sich selbst. Ich muss sehen und hören, was hier vorgeht. Und sich in die Vertiefung des Fensters zurückziehend, warf er seine Blicke lauernd in die Menge.

Doch Marianne von Stein hatte den unliebsamen Gast nicht aus den Augen verloren, wenn sie auch scheinbar denselben bisher weniger beachtet zu haben schien; sie hatte jetzt kaum sein Alleinstehen bemerkt, als sie auch sofort zu ihm trat und ihn in ein heiteres anziehendes Gespräch zu verwickeln suchte, wobei es ihm unmöglich wurde, zu spähen und zu erforschen, was um ihn vorging.

Überdies waren die Anwesenden durch seine Nähe gewarnt und so bemerkte und sah er nichts, was seinem erregten Argwohn neue Nahrung hätte zu geben vermocht.

Missmutig empfahl er sich daher, seinen Unmut, seine getäuschte Erwartung hinter größere, zur Schau getragene Freundlichkeit verbergend.

1. / Drittes Kapitel.

Da wir tranken unsern Trank,

Da wir sangen unsern Gesang,

Und uns kleiden mit unserm Gewand,

Da stund es wohl in unserm Land.

(Altes Lied)

Die Sonne, die überhaupt sich nur wenig an diesem Tage hatte blicken lassen, neigte sich dem Untergange zu. Ein feiner leichter Schnee begann zu fallen und in den Hütten des Dorfes Remsfeld warfen die Kienflammen vom Kamin her ihr flackerndes Licht umher, zur Einkehr einladend.

Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines Häuschen, in dem ein altes Mütterchen geschäftig hin und her lief, hier und dort ein Stäubchen abwischend oder die Decke des Bettes zurechtrückend, während ihr Auge doch unwillkürlich einen Blick durchs Fenster hinauszuwerfen versuchte und ihr Ohr nach jedem Geräusch lauschte, das sich auf der Straße etwa vernehmen ließ.

Endlich schien sie mit ihren häuslichen Arbeiten im Reinen zu sein; sie warf noch einen Kienspan auf die glimmende Glut im Kamin, holte ihr Spinnrad hervor, wischte den Schemel ab und rückte ihn sich zurecht – dann warf sie noch einmal einen Blick zur Tür auf die Straße hinaus, auf der es bereits einsam und dunkel war – und ließ sich nieder, leise vor sich hinsprechend: „Bleibt lang’ – aber er kommt den Weg!“

In diesem Augenblick ging die Tür auf und ein junges, hübsches Mädchen trat ein – ihr Spinnrad unter dem Arme – das sofort der alten Frau freundlich die Hand bot und gutmütig, zutraulich sagte: „Da bin ich, Mutter Ennewald. Schön guten Abend – und freundlichen Gruß von der Mutter.“

Die alte Frau hatte sich beim Eintreten des jungen Mädchens rasch erhoben, trottelte derselben freundlich entgegen und sagte, derselben die Hand zum Willkommen reichend: „Da bist ja, Margareth’ – dacht’ schon, würdest warten, bis der Wilhelm an Dem Fensterlein klopfe. Der Junge bleibt lang’ – könnt’ schon hier sein.“

„Es ist ein gut Stück von Homberg bis Remsfeld“, sprach die Margarethe und setzte ihr Spinnrad nieder. „Der Wilhelm wird schon zuschreiten!“

„Das wird er!“, sagte die alte Frau mit Nachdruck und Überzeugung, während sie zugleich aber gutmütig redete: „Musst aber nicht denken, Mädel, er tue es allein Dir zur Lieb’! Ho! Ho! Da bin ich auch noch dabei. Und wenn Du Schelm mir auch den Wilhelm hast abspännig gemacht – die Mutter bleibt doch immer Mutter und lässt sich den Sohn so ganz nicht nehmen.“

Margarethe glühte auf und die alte Frau umfassend, rief sie, glücklich zufrieden: „Wir haben ihn beide! Aber es bleibt doch hart, der alten Mutter den einzigen Sohn zu nehmen und unter die Soldaten zu stecken.“

„Und der Braut den Bräutigam, dem Mädel den Schatz“, spöttelte die Alte und kniff der Margarethe freundlich die Wange. „Und was das Alter betrifft, so denke ich es mit Gottes Hilfe noch so ein zwanzig Jahre zu machen. – Aber hast Recht, es ist hart, in seinen alten Tagen so einsam, verlassen zu sitzen und den einzigen Sohn bei den Soldaten zu wissen. Doch der liebe Gott weiß, was uns gut ist und schickt nicht mehr, als wir tragen können. So hat er auch zum Ersatz für den Wilhelm mir Dich, Margarethe, gegeben. Lass’ es gut sein – und mache mir das Herz nicht schwer – wisch ab die Augen. Dacht’ auch nicht, als Ihr Euch fandet, und es nun ein Hin- und Hertrotteln gab, erst im Geheimen, dann leicht verstohlen am Gartenzaun, dann in der Spinnstube bei der Kunkel und sofort, wie es nun einmal junge Liebesleute tun, die da meinen, ihr Tun und Treiben seh’ und beobachte niemand, während doch alle Welt längst ihr Geheimnis erraten hat, dass es so kommen würde. Na, werd’ nicht rot, Mädel und nimm mein Geplauder nicht unwirsch, mein’s gut.“

„Der Napoleon wird schon Ruhe machen und wenn es geschehen, kann es uns gleich sein, ob der Jerome unser König, oder der Kurfürst, unser alter guter Herr, der jetzt dahinten in Böhmen – –“

„In Prag sitzt“, fiel die Margarethe ein.

„Richtig, so heißt der Ort“, rief schmunzelnd die Alte. „Bist beim reichen Vetter in der Stadt gewesen, so’n Winter lang; hast manches gehört und gelernt. Aber der Wilhelm hat’s ja auch erzählt und da muss es wahr sein. Der Junge ist ja jetzt bei den Soldaten und sein Rittmeister hält auf ihn, reitet auch im ersten Glied. Bin ich alte Frau nicht hingelaufen bis zum Krug, trotz Schnee und Wind, als sie vor Kurzem, von Braunschweig kommend, hier einrückten! Potz Welt, sah der Junge hübsch aus auf seinem Braunen! Als er ausgehoben wurde, und es hieß, er solle Kürassier werden, da ließ er freilich den Kopf hängen und deine Augen, Mädel, waren nicht allein rot geweint – wir haben alle rechtschaffen mitgeholfen. – Und als nun die Soldaten nach Braunschweig zogen, glaubten wir beide, es ginge aus der Welt. Na, und doch kehrte er nach einigen Wochen schon zurück und wurde hier in Remsfeld eingelegt mit all’ seinen Kameraden.“

„Gelt, Mädel, das war eine schöne Zeit, als der Wilhelm so Abend für Abend Dich abholte und zu Tanz und zur Kunkelstunde Dich mitnahm. O, da konnt’ ich alte Frau immer allein zu Haus’ sitzen bleiben und Grillen fangen!“

„Freilich! Als nun plötzlich der Befehl kam – auf – und Marsch nach Homberg, da gab es wieder ein Heulen und Weinen – und ich alte Frau stand wieder am Krug und sah die hübschen Soldaten all’ – und vor allem meinen Wilhelm, der im ersten Glied reitet – abschwenken – und reiten – weit, weit! Und der Wilhelm sah sich noch um und schwenkte mit dem Säbel und grüßte so lang’ er konnte. Und als er fort war, als wir nichts mehr von ihm sehen konnten, als auch das letzte Pferd hinter dem Berge verschwunden war, da gingen wir beide – Du, Margareth’ und ich – hierher in unser Stübchen und haben uns recht satt geweint.“

Die alte Frau schwieg. Eine Träne stahl sich leise von der gefurchten Wange – und Margarethe sagte schluchzend: „Ach, der unglückliche Krieg!“

Leiser setzte sie hinzu: „Und denkt Euch, Mutter, der Rodensteiner hat wieder seinen Auszug nach dem Schnellert getan! Das bedeutet Krieg! Es hat des Abends überall getrommelt und geläutet und doch hat niemand gesehen, wer den Lärm mache; dann ist der Geist der Rodensteiner vom Rodenstein hinüber nach dem Schnellert gefahren, hoch durch die Luft. Dabei hat er mit der Peitsche fürchterlich geknallt und seine wilden Geisterhunde haben geheult und gebellt, dass es gewesen ist, als zöge ein ganzes Heer tobend durch die Luft. – Und Ihr wisst, wenn der Rodensteiner ausfährt, gibt’s Krieg. Der Napoleon hält nicht Ruhe. Das sagt der reiche Vetter auch. – Und wie er hier seinen Bruder, den Jerome, zum Könige gemacht, so wird er deren noch mehrere machen.“

„Wenn’s geht“, fiel die alte Frau hastig ein. „Noch ist nicht aller Tage Abend – und der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht – und für jeden Topf findet sich auch ein Deckelchen. Und so wird der Napoleon auch seinen Mann finden. Verlass’ Dich drauf, Margareth’! Ich denke mir, der Rodensteiner ist nicht umsonst durch die Luft gefahren. Der weiß mehr, als wir. Zudem schlägt so ein neuer Herr nicht Wurzel gleich. ‘s ist wie mit einem Baum, der verpflanzt wird. Drum wenn wir jetzt auch einen König haben – der alte Kurfürst ist uns allen doch ein lieberer Herr. – Und wenn der neue zehnmal besser wäre – er ist doch nur so ein neuer aufgestülpter Hut – der auf dem Kopf lang’ nicht so bequem sitzt, wie die alte Mütze, die vielleicht hin und wieder schon zerrissen war.“

„Um Gott, Mutter Ennewald!“, rief erschrocken Margarethe und sah sich scheu um. „Ihr sprecht wie der Krugwirt, von dem die Leute sagen, er sei ein Aufrührer, den die Franzosen nächstens einstecken würden.“

„Ho, ho!“, lachte die Alte bitter. „Bist Du ein Hasenherz – und willst eines Soldaten Schatz sein? Meinst, dass bis zu meiner Hütte die Spürhunde des Franzosen kommen werden, um zu schnüffeln, was ich alte Frau sage und denke? Mädel, ich wollt’ sie kämen, denn wenn die hohen Herren erst Furcht bekommen und glauben, irgendein Wörtlein könne sie umstoßen – dann sitzen sie auch nicht mehr recht fest – und ihr Regiment ist bald aus. Und das wollt’ ich. Der alte Kurfürst ist unser Herr und der soll’s bleiben. Damit Basta!“

Die alte Frau schwieg und Margarethe hielt es nicht für gut, darauf etwas zu erwidern. Plötzlich jedoch sprang sie auf, sie lief zur Tür, sie lauschte, und rief dann freudig bewegt: „Es nahen Tritte! Der Wilhelm ist’s – aber nicht allein – –“

„Wenn’s Der nur ist“, rief die Mutter und schob das Mädchen sanft von der Tür zurück. „Den Wilhelm haben alle gern und so wird er gleich einen Bekannten gefunden und mitgenommen haben.“ Mit diesen Worten öffnete sie die Tür, so dass der Schein des hellauflodernden Feuers weit hinaus in den dunklen Abend leuchtete. Dann aber rief sie mit kräftigem Ton: „Bist’s?“

Und draußen vom Wege her antwortete eine feste männliche Stimme: „Bin’s Mutter! Bin’s!“ Rasche laute Schritte wurden hörbar und wenige Augenblicke darauf lag der Sohn an der Mutter Brust.

Die Freude machte die alte Frau zittern, sie musste sich setzen. Der Schrecken erblindete die Margarethe, die sich schämig, scheu zurückgehalten, zumal sie bemerkt hatte, dass mit dem Wilhelm zugleich noch ein anderer junger Mann eingetreten war und rasch auf sie zueilend, rief er freudig, jubelnd sie umfassend: „Siehst, da hast mich wieder!“

Und als er sah, wie sie verlegen nach dem Fremden schaute, lachte er auf und rief: „Scheust Dich wohl, mir einen Kuss zum Willkommen zu geben, weil’s ein anderer sieht? Das ist der Philipp Ehrenfeld, ein Tuchmacher. Lieg’ bei dem Vater im Quartier. ‘s ist mein Freund! Wollt’ sehen, wo ich zu Haus’ bin. Heiß’ ihn Willkommen, Mutter!., und du, Margareth’, auch!“

Während die Letztere dem Gaste stumm die Hand zum Gruße reichte, sagte die alte Frau: „Wen Du bringst, ist mir lieb. Willkommen!“ Und zu dem jungen Mädchen sich wendend, sagte sie rasch, kurz ab, nach Gewohnheit: „Du, Margareth’, tummle Dich, haben vorhin zu viel geschwatzt, aber die Supp’ wird nicht kalt geworden sein. Trag’ auf! Und Ihr beide langt zu.“ 

1. / Viertes Kapitel.

Wohl heute noch und morgen,

Da bleibe ich bei Dir,

Wenn aber kommt der dritte Tag,

So muss ich fort von hier.

(Wunderhorn)