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Eine junge Frau, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in einem Dorf im Südwesten von Deutschland lebt. In dem Ort, wo der Schriftsteller Albrecht Goes Pfarrer war. Und wo dessen Frau Elisabeth im Pfarrhaus Juden versteckt hält. Eine Frau, deren Ehemann zunächst als Soldat im Krieg und dann in russischer Gefangenschaft ist. Und die nicht weiß, ob ihr Mann jemals wieder zurückkommen wird. Eine Frau, die hin- und hergerissen ist. Zwischen der nationalsozialistischen Überzeugung, die nach wie vor tief in ihr sitzt. Und der Befürchtung, dass alles, woran sie bisher geglaubt hatte, grundlegend falsch war.
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Seitenzahl: 226
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Hubert K.
Bei der Laterne wolln wir stehn
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Lili Marleen
Handelnde Personen
Chronologie
Impressum
Kapitel 1
Den Widerstand der deutschen Wehrmacht hatte sie sich anders vorgestellt. Als am 20. April 1945, ausgerechnet am Geburtstag des Führers, die Franzosen ins Dorf kamen, war von einer Gegenwehr nichts mehr zu sehen. Sie hatte sich noch überlegt, ob sie sich mit den beiden Kindern verstecken sollte. Im Luftschutzkeller oder zumindest im Keller ihres Hauses. Ob sie irgendwann mit erhobenen Händen herauskommen würde, oder ob sie besser am Straßenrand stehen und eine weiße Fahne schwenken sollte.
Der Gedanke daran war ihr unheimlich. Wer weiß, wie die Franzosen reagieren würden. Sie fragte sich, ob sie einfach darauf los schießen würden. Auf alles, was sich bewegt und sich nicht in Sicherheit gebracht hatte. Oder ob sie die Frauen und Kinder am Rathaus in der Ortsmitte zusammentreiben und alle Männer erst einmal einsperren würden.
Wobei gar nicht mehr so viele Männer im Dorf waren. Außer den alten waren die meisten an der Front oder bereits gefallen. Auch Richard, ihr eigener Mann, war seit Jahren Soldat. Zunächst in Frankreich, dann in Russland. Und dort mittlerweile in Gefangenschaft. Sie konnte sich nicht einmal sicher sein, ob er noch lebte. Nun war sie mit Kurt und Karla alleine zurückgeblieben. Abgesehen von einigen Verwandten ihres Mannes sowie dessen Bruder Robert, der in der Ortsmitte im Haus ihrer Schwiegereltern wohnte.
Es war ein kleines Dorf im Südwesten von Deutschland mit nicht einmal 500 Einwohnern. Die Menschen hier lebten von der Landwirtschaft oder arbeiteten etwa fünf Kilometer entfernt in der Stadt. In den Fabriken, die nun Munition oder andere kriegswichtige Dinge produzierten. Richard war Schlosser und hatte früher in der Gießkannenfabrik gearbeitet. Dort wurden mittlerweile Patronenhülsen hergestellt.
Der Ort war den Franzosen schutzlos ausgeliefert. Die deutschen Soldaten und selbst der Volkssturm hatten sich längst zurückgezogen und waren wohl weiter in östliche Richtung gegangen. Wahrscheinlich war das Dorf es nicht wert, dass man darum kämpfte. Mit Sicherheit waren die Fabriken in der Stadt strategisch wichtiger. Sie war davon überzeugt, dass alles seinen Grund hatte und die deutschen Soldaten den Ort nicht grundlos aufgegeben hatten.
Noch bevor die ersten französischen Panzer an der Kirche vorbei die Hauptstraße herunter kamen, konnte man ihre Motoren schon von weitem hören. Die Kirche stand auf dem Hügel, der nach Westen lag und hinter dem gerade die Sonne unterging. Es war ein Bild, das sie immer sehr genossen hatte, doch an diesem Tag bemerkte sie nichts davon.
Das laute Dröhnen der Panzer klang bedrohlich und schmerzte in ihren Ohren. Sie wollte davonlaufen und stand doch da wie gelähmt. Sie wollte die Kinder auf den Arm nehmen und nach Hause rennen. Doch sie blieb wie angewurzelt stehen und sah die grauen Ungetüme langsam die Straße herunter kommen.
Kurt, mittlerweile bereits fünf Jahre alt, schaute gebannt und beinahe fasziniert auf die beiden Panzer und auf die drei Jeeps, die einige Meter dahinter im Schritttempo in den Ort hereinkamen. Sie hatte ihn an der Hand und bemerkte, wie er sich los reißen wollte. Die Kraft, die sie aufwenden musste, um ihn festzuhalten, lenkte sie tatsächlich etwas davon ab, sich auf ihre eigene Angst zu konzentrieren.
Mit der anderen Hand hielt sie Karla auf dem Arm. Mit ihren knapp drei Jahren war die Kleine auf Dauer ungewöhnlich schwer und es machte ihr Mühe, mit ihrer Tochter auf dem Arm nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Karla hatte sich an ihre Schulter gelehnt und wusste wohl nicht so recht, wie sie die Situation einschätzen sollte. Ihr selbst ging es genauso und sie stand da und wartete, was als nächstes geschehen würde.
Die Panzer und Geländewagen waren am Rathaus angekommen und blieben unvermittelt stehen. Die Fahrzeuge waren denen der Wehrmacht sehr ähnlich, die vor einigen Tagen durch den Ort gekommen waren. Von der Besatzung der beiden Panzer war nichts zu sehen, auf den offenen Jeeps saßen jeweils vier Soldaten, die ihre Gewehre in den Händen hielten und einigermaßen gelassen wirkten.
Anscheinend waren die Franzosen darauf vorbereitet, auf keinen Widerstand mehr zu stoßen. Einer der Geländewagen hatte seitlich ein Megaphon, aus dem, für sie völlig überraschend, plötzlich eine Stimme in schlechtem Deutsch zu hören war: “Deutsche Bevölkerung. Hier spricht die französische Armee. Wir sind gekommen, um Sie von der Herrschaft der Nationalsozialisten zu befreien.”
Neben ihr waren außer einigen älteren Männern auch andere Frauen, die ebenfalls ihre Kinder oder einen mit Wäsche beladenen Leiterwagen in der Hand hielten. Sie alle standen da und machten keine Anstalten, irgendetwas zu unternehmen. Wieder war die Stimme aus dem Lautsprecher zu hören, die mit französischem Akzent versicherte: “Bitte leisten Sie keinen Widerstand, dann geschieht Ihnen nichts. Wir werden Ruhe und Ordnung wieder herstellen”.
Spontan fragte sie sich, wieso Ruhe und Ordnung wieder hergestellt werden müssten. Abgesehen davon, dass Richard in Russland gefangen war, ging hier bis dahin eigentlich alles seinen gewohnten Gang. Sie schaute fragend zu den anderen hinüber, die mit regungslosen Gesichtern dastanden und nach wie vor ohne jegliche Reaktion auf die französischen Soldaten starrten.
In der Zwischenzeit waren weitere Jeeps und auch zwei Lkw im Dorf angekommen. Die Fahrzeuge hatten Mühe, die Kolonne zu verlassen und sich auf dem Platz in der Ortsmitte zu sammeln. Ihr war die Hauptstraße nie so schmal vorgekommen, doch die nächsten Minuten waren geprägt davon, dass die Lkw hin und her rangierten und ihren anscheinend vorgesehenen Platz bezogen.
Von den Ladeflächen der beiden Lkw sprangen etwa zehn Soldaten, zumeist sogenannte Marokkaner, die gemeinsam mit zweien der Geländewagen in die Schulstraße einbogen. Sie hatten wohl vor, auch dort ihre Ankunft mitzuteilen und für “Ruhe und Ordnung” zu sorgen. Durch die entstandene Unruhe schienen einige der Dorfbewohner ihre Furcht verloren zu haben und begannen, sich leise und unauffällig miteinander zu unterhalten.
Kurt und Karla waren erstaunlich still und stellten keinerlei Fragen. Fragen, auf die auch sie keine Antwort gehabt und die sie selbst gerne wem auch immer gestellt hätte. Auch die anderen Kinder schienen sehr beeindruckt und blieben an der Hand ihrer Mütter. Es war wohl für jeden einzelnen, ob Mutter oder Kind, das erste Mal, dass französische Soldaten oder auch Menschen mit dunkler Hautfarbe vor ihnen standen.
Mittlerweile hatte sie Karla vom Arm genommen und hielt sie nun an der Hand. Auch Kurt stand brav neben ihr und versuchte nicht mehr, sich loszureißen. Mit seinen wachen, blauen Augen schaute er umher und bemühte sich wohl, die Lage zu beurteilen. Plötzlich kam auch sie sich vor wie ein Kind, das etwas nicht verstand und bei dem keiner in der Nähe war, der es ihm hätte erklären können.
Ein weiteres Mal war die Stimme aus dem Megaphon zu hören: “Bitte geben Sie Ihre Waffen ab. Wenn Sie uns unterstützen, wird Ihnen nichts geschehen.” Sie hatte keine Waffen, die sie hätte abgeben können. Lediglich ihr Schwager Robert hatte noch das alte Gewehr des Schwiegervaters, das im Schlafzimmer neben dem Schrank an der Wand lehnte. Er schien im Haus geblieben zu sein, stand wahrscheinlich am Fenster und überlegte genauso wie sie, wie er sich am besten verhalten sollte.
Die Franzosen verhängten eine Ausgangssperre bis zum nächsten Morgen. Weil die Mannschaftsdienstgrade nun anfingen, einige junge Frauen zu belästigen, hatte sie es sehr eilig, mit den Kindern nach Hause zu kommen. Erst jetzt fiel ihr wieder ein, warum sie ins Dorf gekommen war. Sie hatte im Backhaus Brot gebacken und wagte es tatsächlich noch, vor dem Nachhause gehen die beiden mittlerweile etwas angebrannten Laibe aus dem Ofen zu holen. Daraufhin ging sie mit den Kindern die Hauptstraße entlang und, so schnell und unauffällig sie konnte, zurück nach Hause.
Sie hatte die Brotlaibe in ein Geschirrtuch eingewickelt und unter den Arm geklemmt. Karla hielt sie mit der rechten Hand, Kurt lief ruhig neben ihnen her. Sie kam am Haus der Schwiegereltern vorbei und schaute, ob sie hinter den Fensterscheiben irgendetwas erkennen konnte. Von Robert, ihrem Schwager, war jedoch nichts zu sehen. Anscheinend hatte er mitbekommen, dass nun jeder im Haus bleiben sollte.
Das alte Fachwerkhaus stand da wie immer, als ob ihm noch keiner gesagt hätte, dass nun alles anders werden würde. Dass die Welt oder das, was man hier im Dorf für die Welt hielt, nicht mehr länger so bleiben würde wie bisher. Die Geranien an den Fenstern waren kurz davor zu blühen und schienen nicht bemerkt zu haben, dass nun alles, woran die Menschen hier geglaubt hatten, schlagartig und unwiderruflich in sich zusammenbrach.
Kapitel 2
Sie war erst 1936 in den Ort gekommen, als sie mit damals 21 Jahren Richard geheiratet hatte. Ursprünglich stammte sie von einem Bauernhof, der nahe an der Grenze zu Bayern lag. Sie sah den Hof ihrer Eltern und die Scheune vor sich und wusste sogar noch die Namen der vier Kühe und der beiden Pferde, die zuhause im Stall standen.
Vor allem die Pferde liebte sie über alles, obwohl es keine Reitpferde waren, die sie als Kind hin und wieder auf Bildern gesehen hatte. Es waren Kaltblüter, die in erster Linie dazu da waren, schwere Arbeit zu verrichten und einen Wagen oder den Pflug zu ziehen. Die beiden Pferde hießen Elsa und Emma und sie verbrachte viel Zeit damit, sie nicht nur zu striegeln und die Mähne zu kämmen, sondern ihnen auch Futter zu geben und den Stall auszumisten.
Als kleines Kind träumte sie immer davon, auf einem der beiden Tiere über die Felder zu galoppieren. Hinter dem Wald ging die Sonne unter und das warme, weiche Licht ließ die Tannen noch dunkler als sonst erscheinen. Ihre langen Haare wehten im Wind und das Pferd bewegte sich mit einer Leichtigkeit und Eleganz, die man einem Kaltblüter niemals zugetraut hätte.
Ihr Vater schien kein Verständnis für die Vorliebe seiner Tochter zu haben. Er wusste es zu schätzen, dass sie sich intensiv um die beiden Pferde kümmerte und er das Ausmisten des Stalles nicht auch noch selbst erledigen musste. Die beiden Pferde waren aber zum Arbeiten da und seine Tochter konnte froh sein, wenn sie auf dem Weg zum Feld ab und zu auf dem Rücken eines der Pferde sitzen durfte.
Umso mehr freute sie sich, als der Vater an ihrem achten Geburtstag Elsa und Emma aus dem Stall holte und sie zu zweit das Tal hinaus ritten. Überglücklich kam sie zurück und noch im Haus umarmte sie mehrfach ihren Vater und auch ihre Mutter. Wahrscheinlich steckte sie dahinter und hatte ihrem Mann solange zugeredet, bis er die Sättel und das Zaumzeug aus der Scheune holte und seiner Tochter ihren bis dahin größten Wunsch erfüllte.
Die Mutter war früh gestorben und von einem Tag auf den anderen hatte sie als älteste Tochter die kleineren Geschwister zu versorgen. Deshalb wusste sie sehr früh Verantwortung zu übernehmen, den Haushalt zu führen und die Tiere zu füttern. Neben den Pferden und Kühen waren dies sechs Schweine, einige Hühner und ein Hahn, der sie und sie ihn nie richtig leiden konnte.
Als sie fünf Jahre alt war, war ihr der Hahn einmal auf den Kopf gesprungen. Er versuchte, sich an ihren Haaren festzuhalten, und die scharfen Krallen verursachten einen Schmerz, an den sich heute noch erinnern konnte. Sie fing an zu schreien und herum zu springen, doch ihre Eltern waren zu weit weg, um ihr schnell zu Hilfe kommen zu können. Ihr Vater spaltete Holz und die Mutter war wohl in der Küche beschäftigt.
Der Hahn war durch ihr Schreien so verunsichert, dass er zu allem Übel auch noch begann, auf sie einzupicken. Sie blutete an der Stirn und auch heute noch konnte man oberhalb ihrer linken Augenbraue eine kleine Narbe erkennen. Richard hatte sie aber trotzdem geheiratet und sie sogar ab und zu mit der Geschichte aufgezogen.
Sie hatte nach dem Tod ihrer Mutter erstaunlich schnell in ihre neue Rolle hineingefunden. Wohl auch deshalb, weil sie ein so gutes Verhältnis hatten und sie ihr gerne bei der Arbeit half. So lernte sie, sozusagen nebenbei, wie man Brot backte, wie man die Wäsche machte und am Samstag die Kinder badete. Diese Prozedur hatte sie auch später mit Kurt und Karla so beibehalten.
Mit Richards Mutter hatte sie regelmäßig Streit, weil sie Kurt samstags um fünf Uhr zum Baden zuhause haben wollte. Mittlerweile verbrachte er vor allem samstags sehr viel Zeit auf dem Hof der Schwiegereltern und konnte erstaunlich gut mit den Ochsen umgehen. Er war noch nicht kräftig genug, um auf dem Feld den Pflug zu führen, dennoch war sein Ehrgeiz sehr groß, Aufgaben zu übernehmen, die andere erst sehr viel später tun konnten.
Ihre Schwiegermutter war der Ansicht, dass Kinder nicht jeden Samstag baden müssten. Sie wusste nicht, ob sie über diese Ansicht lachen oder sich ärgern sollte. Immer wieder war sie verärgert, weil Kurt zu spät kam und das Wasser bereits wieder kalt war. Mit ihm zu schimpfen fiel ihr schwer, weil sie wusste, dass es nicht an Kurt lag, sondern die Schwiegermutter dahinter steckte.
Sie hatte es sich angewöhnt, am späten Nachmittag das Wasser heiß zu machen und die Kinder unten in der Waschküche zu baden. Dies musste einigermaßen schnell gehen, damit alle mit dem Baden fertig waren, bevor das Wasser wieder zu kalt war. Zuletzt stieg sie selbst in die verzinkte Wanne und in das oft schon viel zu kalte Wasser, nachdem sie Kurt und Karla abgetrocknet und nach oben in die warme Stube geschickt hatte.
Mit ihren Geschwistern zuhause war es nicht anders und ein Kind nach dem anderen musste in die Wanne. Schon bei ihrer Mutter wurden die Kinder dem Alter nach gebadet und vor allem die kleineren hatten keine Lust, sich waschen zu lassen. Sie hatte sich oft darüber geärgert, weil das Wasser mit der Zeit immer trüber wurde und sie sich davor ekelte, im Dreck der kleineren Geschwister zu sitzen und sich damit waschen zu müssen.
Deshalb freute sie sich insgeheim darüber, wenn sie an die Reihe kam, das Wasser aber bereits zu kalt und zu dreckig war. Ihre Mutter musste dann noch einmal Wasser heiß machen, und sie und ihr älterer Bruder Albert sowie Vater und Mutter konnten erst baden, nachdem sie zu Abend gegessen hatten und die Kleinen im Bett waren.
Sie hatten auch damals schon einen Kessel, in den sie Wasser füllte und Feuer darunter machte. Der Kessel war gerade groß genug, dass hinterher das Wasser etwa 20 Zentimeter tief in der Wanne stand. Sie holte es im Eimer vom Brunnen und benötigte allein dafür eine gute Viertelstunde. Eine weitere Stunde verging, bis das Feuer brannte und dann das Wasser die entsprechende Temperatur hatte.
Als die Mutter gestorben war und sie diese Arbeit selbst tun musste, achtete sie sehr darauf, dass alles entsprechend schnell ging. Und anstatt noch einmal Wasser zu holen und Feuer zu machen, zog sie es sogar vor, im kalten und dreckigen Wasser der Kleinen zu sitzen. Nur Albert schimpfte regelmäßig und manchmal erbarmte sich sein Vater, der müde vom Feld zurück kam und dann trotzdem noch einmal zum Brunnen ging.
Neben Schule und Hausaufgaben hatte sie mehr als genug damit zu tun, die Wäsche zu waschen und alles in Ordnung zu halten. Während sie gewissenhaft die Arbeiten im Haushalt erledigte, musste sie nebenbei noch nach den Kleinen sehen und die Mahlzeiten vorbereiten. Am einfachsten und schnellsten war eine Suppe, die sie mit Mehl etwas dicker machte und in die sie Karotten oder anderes Gemüse hinein schnitt, das sie zuvor aus dem Garten geholt und sauber gemacht hatte.
Heute staunte sie über sich selbst, wie viel Verantwortung sie als junges Mädchen schon zu tragen in der Lage war. Manchmal fühlte sie sich noch schwächer als damals, hilflos und von wem auch immer im Stich gelassen. Nicht von ihren Kindern, die sie über alles liebte. Auch nicht von ihrem Mann, von dem sie nicht einmal wusste, ob er überhaupt noch am Leben war.
Sie fühlte sich im Stich gelassen von ihrer Schwiegermutter, die ihr das Leben unnötig schwer machte und die sie, so hatte sie den Eindruck, nie als Schwiegertochter akzeptiert hatte. Wahrscheinlich konnte sie mit der Situation nicht umgehen, dass nun eine weitere Frau in der Familie war, der Richard noch näher stand als bisher seiner Mutter.
Kapitel 3
Auch Richard war in der Partei wie mittlerweile fast alle Männer hier im Dorf. Er war schon vor 1933 eingetreten und keiner dieser charakterlosen Feiglinge, die keine eigene Meinung hatten und irgendwann der breiten Masse gefolgt waren. Als sie sich kennen gelernt und 1936 geheiratet hatten, war sie stolz darauf, einen so guten Fang gemacht zu haben. Einen Mann, der in der Öffentlichkeit etwas galt und als dessen Frau man sich sehen lassen konnte.
Am Tag ihrer Hochzeit war in der Zeitung sogar ein Hinweis auf die Trauung erschienen. Nicht unter den standesamtlichen Nachrichten, sondern im Lokalteil der Stadt. Das war keineswegs üblich, sondern hing damit zusammen, dass Richard schon seit Jahren Parteimitglied war. Der Artikel war nicht besonders gut geschrieben und es war die Rede von der Familie als Keimzelle des Volkes und als Voraussetzung für den Fortbestand der deutschen Rasse.
Sie wollte Richard nicht heiraten, um dem Führer Kinder zu schenken, sondern weil sie ihren Mann von Herzen liebte. Und obwohl ihr der Artikel nie so recht gefallen hatte, war sie doch stolz auf ihn. Ihr Name hatte zuvor noch nie in einer Zeitung gestanden, deshalb hatte sie den Artikel ausgeschnitten und zu den Hochzeitfotos in die Zigarrenkiste gelegt, in der mittlerweile auch die Feldpostbriefe lagen.
Richard hatte regelmäßig von der Front geschrieben und sie hatte die Briefe auch Kurt vorgelesen, obwohl er damals erst einige Monate alt war und wohl kaum etwas davon verstehen konnte. Ihr Kind kam zur Welt, als Richard schon in Frankreich war und erst später, als er im Herbst 1941 zwei Wochen Fronturlaub hatte, konnte er seinen Sohn zum ersten Mal auf den Arm nehmen.
Richard schrieb, dass es ihm gut ging und sie erfolgreich nach Westen vorrückten. Dass er sich hervorragend mit den Kameraden versteht, sie gut verpflegt werden und er bestimmt bald wieder nach Hause kommt. Damals war sie noch erleichtert, dass wohl doch alles nicht so schlimm war und Richard in absehbarer Zeit zurück sein würde.
Sie hatte die Briefe in die Zigarrenkiste in der Küchenschublade gelegt, damit sie sie bei Gelegenheit wieder hervorholen konnte. Und obwohl sie mittlerweile jedes einzelne Wort auswendig kannte, zog sie das verknitterte Papier noch Monate und Jahre später immer wieder heraus, weil ihr die Worte von Richard Kraft und Hoffnung gaben.
Weil er schon lange in der Partei war und sowohl im eigenen Dorf als auch in den benachbarten Ortschaften sehr geschätzt wurde, hatte ihr Mann sehr bald einen verantwortungsvollen Posten innerhalb der Ortsgruppe. Die Menschen hörten auf ihn und dennoch schimpfte Richard manchmal über diejenigen, die allem Anschein nach nur Parteimitglied wurden, weil es gerade opportun war. Die anscheinend versuchten, in der Partei nach oben zu kommen, weil sie es im Berufsleben zu nichts gebracht hatten.
Über den Führer jedoch hatte sie von ihrem Mann nie ein negatives Wort gehört. Auch nicht während seines Heimaturlaubs, als Richard nach knapp zwei Jahren in Frankreich wieder nach Hause kam. Er war anders als sonst und nicht mehr so gesprächig wie früher. Er vermied es, ihr von den Ereignissen an der Front zu berichten. Wohl deshalb, damit sie sich nicht allzu viele Sorgen machte, wenn er zwei Wochen später wieder zurück musste.
Es beunruhigte sie, wenn er in Gedanken weit weg war, ins Leere oder aus dem Fenster schaute und sich dabei auf die Lippen biss. Das hatte er schon immer getan, wenn ihn irgendetwas sehr beschäftigte. Es verletzte sie, wenn sie Richard dann in den Arm nehmen wollte und er sie stattdessen zurückwies. Sie konnte nur ahnen, dass die Ereignisse an der Front ihre Vorstellungskraft bei weitem überstiegen. Es schien ihr fast so zu sein, als ob Richard nicht getröstet werden wollte, weil er der Meinung war, diesen Trost aus welchem Grund auch immer nicht mehr verdient zu haben.
Richard war um die Mittagszeit zu Fuß aus der Stadt gekommen, wo er gegen elf Uhr mit dem Zug angekommen war. Er hatte seinen Fronturlaub im letzten Brief angekündigt, konnte aber nicht auf den Tag genau sagen, wann er wiederkommen würde. Nun stand er plötzlich da, in Uniform, frisch rasiert und den schweren Rucksack neben sich auf der Straße.
Sie hatte die Zeit am Nachmittag, in der Kurt noch einmal schlief, für einen Einkauf genutzt und kam eben die Hauptstraße entlang zum Haus zurück. Es lag in der Seitenstraße, die hinunter ins Tal führte, und schon von weitem sah sie ihren Mann auf sie warten. Als sie ihn vor dem Haus stehen sah, merkte sie, wie ihre Knie weich wurden und sie nicht mehr in der Lage war, auf ihn zuzugehen und ihn zu umarmen.
Stattdessen ließ er den Rucksack stehen, rannte nicht, sondern ging mit entschlossenem Schritt auf sie zu und in seinem Gesicht erkannte sie die Liebe, die er für sie empfand. Weinend fielen sie sich um den Hals und küssten sich, als ob ihr Wiedersehen nur eine Einbildung sei oder Richard im nächsten Moment wieder fort müsste.
Richard hätte ohne weiteres den Schlüssel nehmen können, der immer rechts oben am Haustürrahmen hing. Sie war froh, dass er draußen gewartet hatte, weil sonst Kurt vielleicht wach geworden wäre. Der Kleine kannte seinen Vater bisher nicht und wäre mit der Situation wahrscheinlich überfordert gewesen.
Als Kurt kurz darauf aufwachte, konnte Richard seinen Sohn zum ersten Mal auf den Arm nehmen und fing dabei sogar an zu weinen. Kurt saß mit verschlafenen Augen auf seinem Schoß und bemerkte davon nichts. Sie saßen zu dritt am Küchentisch und für einen Augenblick fühlten sie sich wie eine ganz normale Familie.
Als Richard eingezogen wurde, war sie bereits im neunten Monat schwanger. Sie wussten damals nicht, ob es ein Junge oder ein Mädchen werden würde. Für den Vornamen Kurt hatte sie sich entschieden, weil ihr eigener Vater so geheißen hatte. Wäre es ein Mädchen geworden, hätte es nach ihrer Mutter Karla heißen sollen.
Kurt war Anfang des Jahres ein Jahr alt geworden und fing bereits an, mit unsicheren Schritten langsam in der Küche herum zu stapfen. Als Richard nach Hause kam, konnte Kurt bereits “Mama” sagen. Er schien so stolz darauf zu sein, dass er ständig und scheinbar ohne Grund mit lauter Stimme nach ihr rief.
Sie hatte damals versucht, Kurt auch beizubringen, seinen Vater mit “Papa” anzusprechen. Er lernte dieses Wort während der zwei Wochen nicht und es dauerte noch eine ganze Weile, bis er anfing, von seinem Vater zu sprechen. Wie sollte er auch über einen Mann reden, den er nur von dem Hochzeitsfoto kannte, das im Wohnzimmer neben dem Schrank hing.
Karla kam im Sommer 1942 zur Welt. Sie hatte ihren Vater nie gesehen und auch sie hatte zu dem Bild an der Wand nie einen Bezug finden können. Für die Kinder war der Mann auf dem Foto ein Fremder, mit dem sie keine Erinnerungen verbanden und den sie deshalb auch nicht vermissen konnten.
Sie hatte sich immer bemüht, der scheinbaren Gleichgültigkeit ihrer Kinder entgegenzuwirken. Sie konnte nachvollziehen, dass man nur dann etwas vermissen kann, wenn man es kennen gelernt und lieb gewonnen hatte. Es war beinahe so, als ob Kurt und Karla nie einen Vater gehabt hätten. Mit dem sie zusammen spielen und lachen konnten. Der sie ihn den Arm nahm und liebevoll küsste. Sie hatte diese Erinnerungen an Richard, die sie sozusagen am Leben hielten, den Kindern schienen sie völlig zu fehlen.
Wenn Kurt und Karla bereits im Bett waren, stellte sie sich manchmal vor, dass alles so war wie früher. Manchmal ertappte sie sich dabei, dass sie mit Richard sprach, als ob er direkt neben ihr stand. Sie erzählte ihm von den Dingen, die sie heute zu tun gehabt hatte. Fragte ihn, ob er auf dem Feld gut vorangekommen ist. Und hörte ihn reden, als ob es diesen Krieg niemals gegeben hätte und er nach wie vor bei ihr war.
Kapitel 4
Als Richard auf Heimaturlaub war, schliefen sie gleich am ersten Abend miteinander. Sie hatte Kurt bereits um sieben Uhr im Bett und saß mit Richard, wie früher auch, in der Küche. Sie war dabei, Kartoffeln zu schälen und wollte sie am nächsten Tag in der Pfanne anbraten. Richard liebte Bratkartoffeln mit Speck und hatte dies seit zwei Jahren nicht mehr gegessen.
Wie früher auch unterhielten sie sich, ohne dass sie den Blick vom Küchenmesser und den Kartoffeln ließ. Richard hatte sich zu Beginn ihrer Ehe darüber beschwert, sah dann aber ein, dass dies kein Desinteresse und von seiner Frau nicht unhöflich gemeint war. Er hatte irgendwann verstanden, dass sie keinen Blickkontakt brauchte, um aufmerksam zuhören zu können.
An diesem Abend aber nahm Richard plötzlich die Schüssel, die sie auf ihrem Schoß stehen hatte und in der sie die Kartoffelschalen sammelte. Er stellte sie auf den Küchentisch, nahm ihr das Messer aus der Hand und schob behutsam ihre Knie auseinander. Dann kniete er zwischen ihren Beinen und begann, seinen Kopf an ihren Brüsten zu reiben.
Sie erwiderte seine Zärtlichkeiten und streichelte ihn an Rücken und Nacken. Sie küsste sein immer lichter werdendes Haar und bemerkte dabei, dass er nachmittags in der Badewanne sich wieder nur mit Kernseife gewaschen hatte. Doch sie vergaß schnell, wegen dieser Unart mit ihm zu schimpfen. Seine rechte Hand war inzwischen unter ihren Rock gewandert und streichelte zärtlich die Innenseiten ihrer Oberschenkel.
