Bei Mordsgeschäften stört man nicht - Jan Gillsborg - E-Book

Bei Mordsgeschäften stört man nicht E-Book

Jan Gillsborg

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Beschreibung

Ein ermordeter Privatdetektiv im Göteborg. Dessen Partner stirbt in Deutschland. Eine tote Journalistin. Ein Unfall, der offenbar keiner ist, sondern Mord. Durch Zufall wird der junge, nicht sehr erfolgreiche Schriftsteller Benjamin Resch in diese Ereignisse einbezogen. Neugierig, wie er ist, versucht er die Hintergründe dieser Geschehnisse zu ergründen. Das hat unangenehme Folgen für ihn. Er wird bedroht und beinahe erschossen. Man unterschiebt ihm einen Mord, und er flieht vor der Polizei. Gut, dass er Freunde findet, die ihm helfen, aus seiner Situation wieder heraus zu gelangen. Zuneigung und Trost findet er in seiner Affäre mit der verheirateten Dajana, einer seiner wenigen Leserinnen, die ihm rät, die Finger von den Nachforschungen nach den Tätern der Verbrechen zu lassen. Er hört nicht auf sie und gerät immer wieder in Gefahr. Vor allem beschäftigt ihn die Frage: Wer ist der "Dirigent" – der Drahtzieher der Morde und Untaten? Es geht spannend und turbulent zu, ehe es letztlich auf einem verlassenen Gelände zum Showdown kommt. Und zu einem überraschenden Ende des Buches, wie man es nicht erwartet hat.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 317

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Bei Mordsgeschäften stört man nicht

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

PROLOG

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL DREISSIG

KAPITEL EINUNDDREISSIG

KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG

KAPITEL DREIUNDDREISSIG

KAPITEL VIERUNDDREISSIG

KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG

KAPITEL SECHSUNDDREISSIG

KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG

KAPITEL ACHTUNDDREISSIG

KAPITEL NEUNUNDDREISSIG

KAPITEL VIERZIG

EPILOG

ZU DIESEM BUCH

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Impressum neobooks

PROLOG

Mit den Kindern kam der Tod. Sie schlenderten vom anderen Ende des Parks herbei. Fröhlich, lässig, mit einem Ball spielend, den sie sich gegenseitig zuwarfen. Drei Jungen. Nicht sehr groß. Höchstens zwölf. Oder dreizehn. Im üblichen Outfit. Schlabberlook. Aber weiße Sneaker.

Frank Krebbs gönnte ihnen nur einen flüchtigen Blick. Er genoss das viele Grün um sich herum. Eine sichere Gegend hier in Göteborg. Nicht wie in Lövgärdet oder Hjällbo, wo die Kriminalität dieser Stadt öfter überschwappte und Banden die Viertel terrorisierten. Er hatte seinen Job gemacht und wollte noch schnell Haga besuchen, den hübschen Stadtteil mit dem Flair vergangener Zeiten. Mit den Cafès und Boutiquen, den sehenswerten Holzgebäuden und kleinen Läden, in denen auf kauflustige Touristen gewartet wurde. Und dann hatte er vor, mit einer der blauen Straßenbahnen wieder zurück bis Chapmans Torg zu fahren und aufs Schiff zu gehen. Er würde sich in seiner Kabine rasch umziehen und darauf warten, dass es auf der Fähre Abendessen gab.

Eines musste er aber unbedingt noch schnell hier erledigen. Er sah sich um und entdeckte eine Bank, auf der er Platz nahm. Legte den Fotoapparat mit dem großen Teleobjektiv neben sich ab. Holte sein Handy aus der Jackentasche. Tippte eine deutsche Nummer ein.

Es dauerte einige Sekunden, ehe sich jemand meldete.

„Bauer und Krebbs“, sagte eine Männerstimme. „Diskrete Ermittlungen!“

„Ich bin’s“, antwortete Krebbs. Er lachte übermütig. „Ich hab’s. An einem teuer aussehenden Boot am Wasser habe ich beide fotografiert. Ich schicke dir die Bilder auf deinen Laptop.“

„Und stimmte meine Vermutung?“

„Das war noch sehr untertrieben. Der Dirigent selbst war zu Saif gekommen. Du weißt schon…“

„Keine Namen am Telefon“, sagte Mike Bauer. „Jedenfalls steckt unser Freund bis zum Hals mit drin.“

Krebbs nickte, obwohl der andere es nicht sehen konnte. „Ja, ich habe eine Menge Fotos von beiden machen können. Für einen Moment dachte ich, einer der Bodyguards hätte mich entdeckt. Aber sollte mir jemand gefolgt sein, dann habe ich ihn abgehängt. Bin bei Nordstan in die Läden gegangen, habe dann in der nächsten Straße in einem großen Geschäft die Rolltreppen benutzt und bin zum Hinterausgang wieder raus. Alles tutti und ruhig.“

„Dann sieh zu, dass du bald auf die Fähre kommst und mir gleich die Fotos mailst. Halte trotzdem die Augen offen und pass auf dich auf.“

Sie wechselten nicht mehr viele Worte. Dann legte sein Partner auf, und Krebbs steckte ein Datenkabel am Handy und an der Kamera an. Er hatte Internet, und die Fotos waren im Nu gemailt. Dann steckte er das Handy wieder in die Jackentasche. Er wollte sich gerade von der Bank erheben, um weiterzugehen, als die drei Kinder auf ihn zukamen. Einer drehte den Ball, den sie mithatten, verlegen in seiner Hand. Ein kleiner Dünner mit krausem Haar. Ein anderer blickte nach unten auf seine weißen Schuhe.

Nur der dritte, der Kräftigste von ihnen, hatte den Mut, den fast einsachtzig großen Mann mit dunklem Haar anzusprechen.

„Please – a little bit money, Sir…“ Er streckte seine Hand bittend aus.

Eigentlich hatte Krebbs nicht vor, ihm etwas zu geben. Aber der schwarzhaarige Junge, höchstens zwölf, blickte ihn mit seinen großen dunklen Augen im braunen Gesicht so flehend an, dass er in die Innentasche seiner Jacke griff, um die Brieftasche herauszuholen. Er entnahm ihr einen Zehn-Euro-Schein und hielt ihn dem Kind hin.

Der Junge griff mit der Linken nach dem Geld. Er trat noch einen Schritt näher. Lächelte Krebbs vertrauensvoll an. Jener erwiderte das Lächeln. Hob schon die Hand, um das Haar des Kleinen zu streicheln.

Im gleichen Augenblick stieß ihm das Kind mit der Rechten ein Messer in den Hals. „Much greetings from Saif!“

Und zog das Messer quer durch den Hals des Privatdetektivs.

KAPITEL EINS

„Danke für den netten Abend!“ Sie sah mich mit ihren grauen Augen an. Ich wusste nur, dass sie Dajana hieß. Mehr nicht. Dann hielt schon das telefonisch bestellte Taxi vor uns. Sie stieg ein, eine Frau um die Dreißig, rothaarig, schlank und ziemlich gutaussehend. Blickte durchs Wagenfenster noch einmal zu mir. Kurz darauf war sie auch schon weg. Ich schaute nachdenklich dem Auto nach und trollte mich dann zu Fuß nach Hause. Es hatte aufgehört zu regnen, und die Luft roch frisch. Die Läden in der Straße hatten schon geschlossen. Auch die Buchhandlung, aus der wir gekommen waren.

Es war der Laden, in dem ich meine erste Lesung als frischgebackener Schriftsteller hätte haben sollen. Der Bezahlverlag, der mir für die Veröffentlichung meines Buches jede Menge Geld aus dem Kreuz geleiert hatte, war auch für etwas Marketing zuständig und hatte mir den Termin für eine Lesung aus meinem Krimi „Mondscheinmord bei Sonnenschein“ im „Guten Buch“ festgemacht. Wir haben zwei Buchhandlungen in unserer etwas verschlafenen Stadt R. nahe Berlin. Ich wusste, dass Eusebius Brede neulich hier gelesen hatte, aus seinem Werk „Schnarch‘ nicht, Rudolph“ – mit einem Riesenerfolg. Der Buchladen war fast aus den Nähten geplatzt, so viele Leute kamen. Vorwiegend ältere Besucher zwischen siebzig und scheintot, denn Bredes Buch spielte in einem Seniorenheim. Der Autor hatte hinterher jede Menge Bücher signiert und an den Mann und an die Frau gebracht.

Angesichts dessen waren meine Erwartungen an diesen Abend sehr groß gewesen. Sie hatten sich nicht erfüllt. Genau gesagt, war das Ganze ein riesiger Flop geworden. Ich weiß nicht, ob es am Wetter gelegen hatte oder am Titel meines Buches. Jedenfalls prasselte schon seit Stunden ein enormer Starkregen auf die Stadt herab und vertrieb Jung und Alt von den Straßen. Ich hockte mit der Buchhändlerin allein in ihrem Laden, und wir sahen uns nur schweigend an.

Eine rothaarige Frau in einem Polo-Shirt mit V-Ausschnitt und geblümten engen Hosen war die Einzige, die zu uns fand. Und sie hatte die Buchhandlung auch nur betreten, weil sie keinen Schirm mithatte und irgendwo ins Trockene flüchten wollte – Dajana, wie sie uns im Verlauf der nächsten Stunde ihren Namen verriet. Es sah nicht danach aus, dass ansonsten noch jemand kommen würde. Heimgehen konnten wir drei auch schlecht, weil es draußen immer noch schüttete, als sei die Sintflut ausgebrochen. Und so holte die Buchhändlerin drei Gläser und eine Flasche Merlot aus dem hinteren Raum, damit wir etwas in Stimmung kommen konnten. Schon nach dem zweiten Glas etwas angeheitert, las ich einige Passagen aus dem „Mondscheinmord“ vor, um die beiden Damen ein bisschen zu unterhalten. Nach dem dritten Glas sprachen wir uns mit Vornamen an und duzten uns. Hier und da kicherten die beiden heftig, obwohl ich die entsprechenden vorgelesenen Stellen eigentlich sehr ernst gemeint hatte, und die Buchhändlerin verriet mir, nachdem sie eine zweite Flasche Wein angebrochen hatte, dass mein Werk wie Blei auf ihren Tischen liegen würde. Ich nahm ihr das nicht übel, denn ich bin erst seit einem halben Jahr Schriftsteller, und es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Als auch die zweite Flasche leer war und der Regen draußen nachließ, machten wir Schluss. Die Buchhändlerin rief für Dajana ein Taxi herbei, setzte uns vor die Tür und machte auch endgültig Feierabend.

Vielleicht hätte ich Dajana nach ihrer Handynummer fragen oder ihr meine Telefonnummer geben sollen, ehe sie endgültig entschwand. Aber ich gehöre nicht zu denen, die sofort hinter einer attraktiven Frau hinterherhecheln. Heutzutage muss man sich sowieso dreimal überlegen, was man in einer solchen Situation macht. Man gerät schnell in den Verdacht, ein Sexist zu sein, einer von den „Menners“, ein „alter weißer Mann“. Aber ich machte mir nichts vor. Ich hätte sie allzu gern einmal wiedergesehen. Schade. Vorbei. Aus die Maus!

Mein Name ist Benjamin Resch. Ich bin neunundzwanzig, ledig und habe vor zwei Jahren im Lotto gewonnen. Es war ein Sechser mit Superzahl. Mehr muss ich nicht sagen. Natürlich habe ich es niemandem erzählt. Sonst hätte ich jede Menge Freunde.

Ich habe keine Eltern mehr. Als ich sechs war, starb mein Vater. Meine Mutter habe ich vor fünf Jahren verloren. Sie hat noch miterlebt, dass ich mein Germanistik-Studium erfolgreich abschloss und dann in einem Verband eine Stelle als Mitarbeiter in der Presseabteilung bekam. Ich nahm die Arbeit an, obwohl ich von R. täglich in die Hauptstadt hin und zurück fahren musste. Der Job war nicht das Gelbe vom Ei. Ein dominanter Chef, der seine Freundinnen und Freunde in seiner Abteilung untergebracht hatte. Alle durchweg Nieten. Mit der Sachbearbeiterin hatte er ein Verhältnis. Niemand von ihnen konnte ordentlich arbeiten. Deshalb wurde mir alles aufgebürdet. Ich zog die Reißleine, als ich im Lotto gewann. Beschloss, mir keinen neuen Job zu suchen, sondern mich als Schriftsteller auszuprobieren. Ich schrieb meinen ersten Krimi und fand auch einen Bezahlverlag, der ihn gegen eine gewisse Summe auf den Markt bringen wollte. Seitdem wollen die Exemplare in den Läden leider Schimmel ansetzen, weil sie niemand kauft. Ich komme mir vor wie der arme Poet. Nur dass ich Geld wie Heu besitze, nicht in einer undichten Dachwohnung lebe, sondern in einer schicken Eigentumswohnung am Rande der Stadt nahe Berlin. Vier Zimmer, Balkon, Sonnenseite, erste Etage, zweites Bad und Gästeklo. Irgendwann werde ich mir ein Haus kaufen. Aber ich habe noch nichts Passendes gefunden.

Mein schriftstellerisches Dasein dümpelt etwas vor sich hin. Im Moment bastle ich mir einen tollen Anfang für meinen zweiten Krimi zusammen. Im ersten Kapitel überrascht der Protagonist den Schwiegersohn eines reichen Mannes in einer Jagdhütte, wie jener soeben mit einer Axt den Kopf seines Schwiegervaters abgeschlagen hat. Axt ist besser als Säbel oder Kettensäge. Ist doch ein irrer Einstieg! Oder?

Leider ist das auch alles, was mir zu meinem zweiten Buch eingefallen ist. Wenn ich bloß wüsste, wie es weitergehen könnte. Aber kommt Zeit, kommt Rat, und was nicht ist, kann noch werden.

In Gedanken an meine weitere schriftstellerische Tätigkeit lief ich dem Wohnviertel zu, in dem sich mein Zuhause befindet. In mich tief versunken, prallte ich versehentlich mit jemandem zusammen. Es war inzwischen später Abend geworden, und im Dämmerlicht sah ich eine etwa gleichaltrige Frau in einem gelben Sommerkleid, die auf ihr Handy gestarrt und mich auch nicht gesehen hatte.

„Natürlich!“, röhrte ich. „Immer aufs Smartphone glotzen und dann andere anrempeln.“

Die Frau ließ die Hand sinken und blickte mich an. Ihre blonden Haare waren raspelkurz geschnitten. Ihre Augen braun, soweit ich das sehen konnte. Und ihr Mund verzog sich zu einem spöttischen Lächeln. Ich kannte diesen Mund sehr gut.

„Immer noch die große Fresse – der liebe Benjamin mit der gutschmeckenden Zunge!“

Ich starrte ihr Gesicht an. Erkannte sie. Erinnerte mich, wie wir bei einer Party mal rumgeknutscht hatten und im Studentenheim im Bett gelandet waren. Breitete dann die Arme aus, um sie abzudrücken. „Herr im Himmel – Laura Blumrich, der Schrecken der Dozenten!“

Sie umarmte mich auch. Ließ mich wieder los. „Ist ja ein paar Lichtjahre her, dass wir uns zuletzt gesehen haben. Weißte was? Ich habe noch eine halbe Stunde Zeit. Komm, Ben – da vorn ist ein Imbiss. Da können wir schnell `nen Kaffee trinken und ein bisschen quatschen.“

Ich dachte an den vielen Wein, den ich vorhin in mich hineingeschüttet hatte und der noch in mir drehte.

„Ja“, sagte ich. „Ein starker Kaffee wäre gut!“

KAPITEL ZWEI

„Aus welchem Zweig unserer Familie stammen Sie?“ hörte Kevin Wolf direkt hinter sich. „Mütterlicherseits oder väterlicherseits?“

Er unterdrückte einen Fluch. Natürlich – irgendwann musste das ja mal so kommen. Nun gut, er war auch darauf eingerichtet. Langsam wandte er sich um. Und bemerkte zu seiner Erleichterung, dass die Worte nicht ihm gegolten hatten. Einer der Trauergäste, ein glatzköpfiger Mann mit einem grauen Bart, hatte sich an eine Dame gewandt, die hinter Wolf stand und ein Glas Orangensaft in der Hand hielt. Als er das mitbekam, bewegte er sich rasch einige Schritte von dem neugierigen Alten weg. Nicht, dass der noch auf die Idee kommen würde, auch ihn anzuquatschen.

Aber er wusste, dass das nicht der Fall sein würde. Kevin Wolf war stets und immer nur ein Nichts für seine Umgebung. Der Fünfunddreißigjährige fiel nie und nirgendwo auf. Weder im Guten noch im Bösen. Dazu war er zu unbedeutend mit seinem nichtssagenden Gesicht, das jeder, der es erblickte, sofort wieder vergaß. Schon in der Schule hatten die Lehrerinnen und Lehrer Mühe gehabt, ihn nicht zu übersehen. Er hätte eine Bank ausrauben können, aber weder das Personal noch anwesende Kunden hätten sich über eine Täterbeschreibung einigen können.

Doch er raubte keine Banken aus. Er hatte seine Lebensaufgabe längst gefunden. Kevin Wolf war – simpel gesagt – ein Dieb!

Auch zu dieser Trauerfeier für den im Alter von achtundsiebzig Jahren verstorbenen Unternehmer Friedemann Gutsche war er aus beruflichen Gründen gekommen. Wolf hatte mehrere Tageszeitungen abonniert, obwohl eigentlich heutzutage kaum noch jemand solche Blätter las. Aber er interessierte sich für die Anzeigenseiten, die sich meistens im hinteren Teil dieser Druckerzeugnisse befanden – und dort einzig und allein für die Todesanzeigen. In ihnen war fast immer angekündigt, wann und wo das Begräbnis stattfinden sollte.

Nein, Kevin gehörte nicht zu den Schlimmen, die es auch gab, die während der Bestattung ins leere Haus des teuren Toten einbrachen und alles mitnahmen, was lieb und teuer war, ehe sie wieder verschwanden. Das schien ihm eine Nummer zu groß und zu gefährlich. Einbrecher hinterließen stets Spuren am Tatort, und die Justizvollzugsanstalten waren voll von Verbrechern, die es nicht rechtzeitig geschafft hatten, sich mit ihrer Beute in ein anderes Land abzusetzen. Als unscheinbare Person, besonderes Kennzeichen: keine, nicht allzu groß und nicht allzu klein, schlich sich Kevin in die Gruppen trauernder Angehöriger ein, die sich auf dem Friedhof zum Grab bewegten – sich immer dabei schön im Hintergrund haltend, mit Leichenbittermiene mittrottend, um anschließend – wenn es den gab – auch am Leichenschmaus in diesem oder jenem Restaurant unbemerkt teilzunehmen. Die Angehörigen des Toten, jetzt bei Speis‘ und Trank auftauend und fröhlich miteinander plaudernd, hielten ihn höchstens für ein entferntes Familienmitglied oder einen ehemaligen Kollegen des oder der Verblichenen. Selten fragte jemand, wer und was er sei, und auch da war er nie um eine Antwort verlegen. Natürlich musste die Trauergemeinde entsprechend groß und umfangreich sein, damit er sich einschleichen konnte. Aber das merkte er ja schon auf dem Friedhof, und wenn es sich nur um einen kleinen, überschaubaren Familienkreis handelte, zog er schnell die Reißleine. Heute hatte er eine Trauerfeier mit fast vierzig schwarzgekleideten Gästen erwischt, die wie ein Haufen Krähen nach dem Essen im Restaurant herumhockten und ihn nur mit flüchtigen Blicken wahrnehmen. Auch heute würde er scheinbar ziellos durch den Raum streunen, um mit flinken Fingern auf abgelegte Blazer und abgestellte Handtaschen zu achten. Wenn er die Brieftaschen und Portemonnaies hatte, nahm er nur einen Teil des Geldes heraus, ehe er geschickt die gestohlenen Börsen wieder dort verstaute, wo er sie hergenommen hatte. Die Bestohlenen würden sich wundern, dass sie weniger Geld bei sich hatten als sie dachten, aber höchstens an sich selbst zweifeln. Er vergriff sich auch nie an mehr als zwei Personen. Und deshalb war er nie erwischt worden.

Leise, getragene Musik erklang aus dem Lautsprecher in der Ecke des Saales, in dem die Trauergäste wild durcheinander redeten. Beflügelt vom Alkohol, hatten sie sich vom gebotenen Trübsinn gelöst und erzählten nun einander von alten Zeiten mit und ohne den Verstorbenen. Zwei Servierinnen räumten die Teller ab und schleppten neuen Wein herbei, den sich die Männlein und Weiblein hastig in die Kehlen gossen, als wäre auch für sie der jüngste Tag angebrochen. Im Raum war stickige Luft, obwohl niemand geraucht hatte – das war ja auch verboten. Aber es waberte eine Ausdünstung von Essen und Körperschweiß zwischen den braunen Holzwänden des im Landhausstils eingerichteten Restaurants, sodass jemand endlich die Fenster aufgerissen hatte.

In diesem Augenblick hatte Kevin zugeschlagen. Bei einem Mann, etwa fünfzig, mit einem länglichen und etwas grob geschnitzten Gesicht, der dunkle Augen, einen Bart und einen harten Zug um den Mund hatte. Der Trauergast hatte sich erhoben, um auf die Toilette zu gehen und hatte seine Jacke über der Lehne des gepolsterten Stuhles hängengelassen. Man war ja unter sich. Alles ehrliche Leute.

Kevin ging mit einem leeren Glas vom Bufett zum Tisch, beugte sich über die Stuhllehne und schenkte sich aus einer Flasche Weißwein etwas ein. Als er mit dem Glas wieder zu einem der Stehtische verschwand, gehörte die Brieftasche des Mannes ihm.

Der Bestohlene kam ihm auf dem Weg zum Herrenklo entgegen. Er war schon leicht angegangen von zu viel Alkohol, ebenso wie die meisten der Anwesenden, und ließ sich auf seinen Platz fallen, während Kevin schon die Tür mit der Aufschrift „Pups-Zone“ öffnete. Es gab dort drinnen drei Pissoirs und drei Kabinen. Er schloss sich in jener ganz hinten eins, setzte sich auf die Brille und begutachtete seine Beute. Am liebsten hätte er einen Pfiff ausgestoßen. Unterließ es aber. Achthundert Euro. In bar. Weshalb schleppte der so viel mit sich herum? Aber das ging ihn nichts an. Er nahm sich dreihundert und schob die restlichen Scheine wieder in die Brieftasche. Wollte schon aufstehen und gehen. Aber da kam noch jemand. Es waren zwei Leute.

„Wenn uns jemand erwischt…“ Eine Frauenstimme.

„Hab‘ dich nicht so! Komm hier rein!“ Ein Mann, leicht lallend.

Die Tür der vordersten Kabine knallte zu. Dann Gekicher und halblaute Geräusche, die in lautes Stöhnen übergingen. Die beiden krachten immer wieder gegen die Wände der Kabine, während sie über sich herfielen.

Kevin überlegte. Wenn er jetzt rausging, könnten sie ihn sehen, falls sie mit ihrem Quickie fertig waren. Also blieb er sitzen, ließ die lustvollen Geräusche der zwei Angetrunkenen über sich ergehen und schaute gelangweilt in die Brieftasche, die er in seinen Händen hielt. Der Perso. Paskowiak hieß der also. Wohnte Flossstraße zehn. Er wusste nicht, wo das war. Etliche Karten im Scheckkartenformat, die er nicht anfasste. Zwei Fotos, auch nicht größer als die Geldkarten. Auf dem einen eine Frau um die dreißig. Er drehte es um. „Blumrich“ stand da in kleinen Druckbuchstaben. Und ein Bild von einem Mann mit der Aufschrift „Bauer“ hinten drauf. Er steckte beides zu dem anderen Zeug wieder hinein, pinkelte und wartete, dass die beiden endlich mal fertig waren. Als es ihm zu lange dauerte, erhob er sich und drückte die Spülung. Ging raus. Wusch sich gar nicht erst die Hände. Hörte noch, wie die Frau „ach, du meine Scheiße – hoffentlich war das nicht mein Mann“ sagte. Und war dann wieder im Saal. Sah sich nach Paskowiak um. Der stand an einem der Fenster und quatschte mit einem Dicken, dessen Jacke so prall auf dem Bauch saß, dass es aussah, als ob die Knöpfe gleich abplatzen würden.

Es war für ihn eine Kleinigkeit, die Brieftasche wieder in die innere Tasche der schwarzen Jacke zu zaubern, die am Stuhl hing. Verstohlen grinste er. Dreihundert waren gut. Vielleicht sollte er es dabei belassen.

Fünf Minuten später spazierte er die Kreuzstraße entlang, zur Bushaltestelle. Dort stand bereits eine junge Frau, keine fünfundzwanzig, blond, Pferdeschwanz, rote Lippen. Sie würdigte den unscheinbaren Mann keines Blickes, als er sich dazustellte.

Kevin Wolf biss sich auf die Lippen.

Manchmal ärgerte es ihn doch.

KAPITEL DREI

„Du brauchst einen Fachberater, wenn du vernünftige Krimis schreiben willst“, hatte Laura Blumrich gestern Abend zu mir gesagt, als ich ihr bei unserem halben Stündchen im „Park-Imbiss“ erzählte, was ich neuerdings für Zeug verzapfte. „Du kannst dir nicht einfach alles aus den Fingern saugen.“

Sie hatte auch sofort jemanden parat, als ich fragte, woher ich einen nehmen sollte. „Mike Bauer“, sie nannte mir seine Adresse. „Ackerstraße 22. Im Süden unserer Stadt.“ Und nach einer Pause: „Er ist Privatdetektiv, und er erledigt auch einige Dinge für mich. Ermittlungen in der Szene, über die ich gerade eine Reportage vorbereite. Ein heißes Ding übrigens, wenn ich soweit bin, dass ich es veröffentlichen kann.“

„Du bist Journalistin?“, fragte ich. „Bei welcher Zeitung?“

„Freiberuflich!“, antwortete sie und nippte an ihrer Kaffeetasse. „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.“

„Was hast du für einen dicken Hund in der Pfanne?“, wollte ich neugierig wissen.

Sie fuhr sich mit den Fingern der rechten Hand quer über den Mund. Reißverschluss zu. „Du wirst es schon rechtzeitig aus den Medien erfahren, wenn es soweit ist. Ich kann dir nur so viel sagen: Da werden Köpfe rollen in unserer schönen Stadt. Und nicht nur hier.“ Sie lachte munter, und das gefiel mir an ihr. Sie hatte immer schon, auch während unseres gemeinsamen Studiums an der Humboldt-Uni in Berlin, diese zielstrebige Art draufgehabt. War keine Schönheit, aber irgendwie sexy. Wir waren übrigens nur einmal zusammen in der Kiste gelandet. Wie das so manchmal vorkommt.

„Hast du’s dir gemerkt?“ rief sie mir zu, nachdem wir uns etwas später vor dem Imbiss voneinander verabschiedet hatten. „Bauer und Krebbs heißt die Detektei.“

„Ah ja, klar. Ackerstraße. Danke nochmals für den Tipp.“ Ich umarmte sie kurz.

„Hat mich nichts gekostet“, lächelte sie, gab mir einen Kuss auf die linke Wange und lief dann im Schein der Schaufensterbeleuchtung davon.

Ihr Vorschlag fiel mir beim Frühstück in meiner Küche wieder ein. Ein Privatdetektiv als Fachberater für mein nächstes Buch? Nicht die schlechteste Idee. Sicher würde das Geld kosten. Aber ich hatte es ja. Noch während ich an meinem Marmeladenbrot herumkaute, suchte ich mir seine Telefonnummer bei Google heraus. Bauer und Krebbs. Diskrete Ermittlungen. Ich tippte sie ins Handy ein, aber erwischte nur den Anrufbeantworter. Na schön, dachte ich, fahre ich nachher einfach mal hin und besuche ihn.

Es war gegen zehn, als ich mich in meinen Range Rover setzte, die Ackerstraße 22 ins Navi eingab und losfuhr. Unterwegs war nicht viel Verkehr. Und nach zwanzig Minuten war ich schon dort.

Die Nummer 22 befand sich auf der rechten Straßenseite. Ich parkte auf einer unebenen Freifläche neben dem Gebäude, die hinten von einem scheinbar verlassenen alten Ziegelbau begrenzt wurde. Der aussah, als würde er einfallen, wenn ich laut hustete.

Das Haus, in dem Bauer wohnte, war ein Dreistöcker mit zwei Eingängen. Der erste gehörte zu einer kleinen Pension, die den größten Teil des Gebäudes einnahm. Der zweite links daneben führte zu vier Wohnungen, wie ich anhand der Klingeltafel sehen konnte. Die Detektei Bauer und Krebbs befand sich im Erdgeschoss. Als ich läutete, kam weder eine Antwort aus den Schlitzen der Klingelanlage, und auch der Türsummer schwieg. Mit gerunzelter Stirn versuchte ich noch vier-, fünfmal mein Glück. Vergeblich! Weder Mike Bauer noch sein Partner Krebbs schienen zuhause zu sein.

Nachdenklich wollte ich schon wieder zu meinem Wagen zurückkehren, als mir noch eine Idee durch den Kopf schoss. Ich begab mich zum Eingang der benachbarten Pension und trat durch die Glastür in den Erdgeschossraum. Vorn standen Tische und Stühle. Drei ältere Damen saßen direkt am Fenster einander gegenüber und redeten fast gleichzeitig aufeinander ein. Es ging wohl um einen gewissen Dieter, der allen dreien den Kopf verdreht hatte. Sie hackten auf einander los, dass es nur so eine Art hatte.

Die Frau mittleren Alters, die weiter hinten an einem Tresen saß und sich mit einem Computer beschäftigte, störte sich nicht an dem Krawall, den die eifersüchtigen Damen veranstalteten. An der Decke hing über ihr eine Leuchttafel, auf der oben „Pension Ackerstraße“ stand und darunter in riesigen Lettern das Wort „Reception“. Es gab da noch Regale mit Fächern für allerlei Zeug an der einen Wand, und an der anderen war ein Büffet aufgebaut mit verschiedenen Wurst- und Käsesorten, Joghurt, Marmelade und all dem, was der hungrige Gast gern morgens zu sich nimmt. Das Angebot sah jetzt nach zehn Uhr etwas ausgedünnt aus. Wahrscheinlich hatten die meisten Gäste der Pension schon zugeschlagen, ehe sie das gastliche Haus nach ihrer Übernachtung verlassen hatten.

„Der Mike?“, fragte die Rezeptionistin nachdenklich, als ich nach dem Privatdetektiv fragte. „Jetzt, wo Sie es sagen, fällt es mir auch auf, dass er heute Morgen nicht erschienen ist. Er kommt nämlich fast jeden Tag rüber zu uns, um hier zu frühstücken, wenn er nicht gerade unterwegs ist. Meistens sitzt er doch spätestens um Neun am Tisch dort in der Ecke.“

„Kann es sein, dass er nicht zuhause ist? Ich habe mehrmals bei ihm geklingelt“, fragte ich.

„Er hat nicht erwähnt, dass er unterwegs ist. Nur dass Krebbs in Schweden ist, hat er mir erzählt“, erklärte sie. „Mike sagt meist Bescheid, wenn er Aufträge hat, wegen denen er fort sein muss.“ Sie blickte mich an. „Er ist doch Privatdetektiv. Sind Sie gekommen, um ihn zu engagieren?“

„So etwa“, antwortete ich unbestimmt.

„Heute kurz nach Acht hat auch schon jemand nach ihm gefragt. Wollte wissen, wo der wohnt. Jemand, der einen Auftrag für ihn hat.“ Sie räusperte sich. „Unangenehmer Typ. Ich will ja nichts sagen, aber der Mann war mir unheimlich.“

„Unheimlich?“

„Irgendwie finster. Wirkte nicht sehr vertrauenerweckend. Vielleicht ein Ausländer…“ Sie hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Entschuldigung – sowas soll man ja nicht sagen. Da ist man ja schnell ein Nazi!“

Ich beruhigte sie. „Keine Sorge, ich habe schon verstanden. Wie sah der Mann aus? Groß? Klein? Trug er einen Bart? Südländischer Typ? Oder schätzungsweise Osteuropäer?“

„Bart. Dunkle Haare. Etwa fünfzig. Längliches Gesicht. Durchdringender Blick und eine harte Mundpartie. Er kam mir so unheimlich vor, so wie er mich anschaute. Als wolle er mich mit seinen Augen durchbohren. Ich hätte den ungern als Gast in meiner Pension.“

Unentschlossen lehnte ich mich an den Tresen.

Sie beugte sich zu mir. „Gehen Sie doch noch mal rüber. Vielleicht hat er sich gestern Abend etwas zugeschüttet und heute früh nicht aus dem Bett gefunden.“

Aber ich sah ihr an, dass sie selbst nicht daran glaubte. Denn sie sagte gleich darauf: „Hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen.“ Sie zog eine Schublade unter dem Tresen auf, holte etwas heraus und legte es auf die polierte Holzplatte. „Mike hat einen zweiten Schlüsselbund bei mir deponiert. Für den Fall, dass er seinen verbummelt. Oder sich mal ausschließt.“ Sie schob ihn mir hin.

Ich nahm ihn. „Ok – dann sehe ich mal nach und gebe Ihnen dann gleich Bescheid, ob er noch oben in der Falle liegt oder gar nicht zuhause ist.“ Ich griff nach den Schlüsseln. „Welcher ist für die Haustür?“

„Der mit den beiden Zacken“, sagte sie. „Der andere ist für seine Wohnung, die zugleich sein Büro ist.“ Ich nahm sie, nickte stumm und verließ die Pension.

Es gab keine Probleme mit der Tür. „Bauer und Krebbs – Ermittlungen“ stand an der Haustafel ganz unten und an einem Messingschild über dem Klingelknopf. Ich läutete Sturm, aber in der Wohnung rührte sich nichts. Gegenüber rappelte es hinter der gegenüberliegenden Tür. Sie besaß einen Spion, und unter Garantie stalkte mich gerade der Nachbar von Nebenan. Ich seufzte und klopfte bei ihm, weil seine Glocke nicht funktionierte. Der gute Mann, welcher nun öffnete, hieß laut Namensschild „E. Streit“, und er machte seinem Namen sofort alle Ehre.

„Was soll das Gehämmere an meiner Tür?“, tobte er los, als er mich sah. „Geht das schon wieder weiter?“ E. Streit musste etwa in den Fünfzigern sein. Er hatte ein rundes Gesicht mit wabbeligen Wangen, und die wenigen Haare auf seinem Kopf hatte er quer über den Schädel gekämmt. Irgendwie wirkte er, als würde er sich mit Pudding ernähren – weichlich und formlos. Mit seinem Bademantel und den abgewetzten Pantoffeln an den Füßen sah er wie seine eigene Karikatur aus. Missmutig starrte er mich an. „Reicht der Krawall von heute früh nicht? Ich werde mich beim Vermieter über Bauer und Krebbs und ihre Besucher beschweren.“

Ich kniff meine Augen zusammen. „Es hat heute Morgen nebenan drüben mächtig Krach gegeben? Also ist Herr Bauer zuhause?“

„Wo soll er sonst sein!“, knurrte E. Streit.

„Ich habe bei ihm geläutet, aber er öffnet nicht.“

„Nicht mein Problem!“, sagte Streit und wollte mir seine Tür vor der Nase zuschlagen.

„Nichts da!“, schüttelte ich den Kopf und stellte meinen Fuß in die Spalte. „Ich befürchte, Herrn Bauer könne etwas passiert sein und will deshalb mal nachsehen. Die Pensionswirtin hat mir seine Schlüssel gegeben. Ich möchte Sie bitten, mit in Herrn Bauers Wohnung zu kommen – als Zeuge, dass alles korrekt ist und ich seine Bude nicht ausräume.“

„Nun schön – in Gottes Namen, weil ich gerade nichts zu tun habe“, meinte Bauers Nachbar. „Aber nicht in diesem Aufzug. Was soll denn Herr Bauer von mir denken…“ Er setzte hinzu: „Falls er doch da ist.“ Ich trampelte ungeduldig auf dem Treppenabsatz hin und her, bis Streit richtig angekleidet in Erscheinung trat. Er hatte sich ordentlich fein gemacht. Modische weite Hosen. Schicke Schuhe.

„Na, dann schließen Sie schon mal auf.“

Ich machte das, und dann traten wir ein.

„Ach, du Scheiße!“, rief Streit aus. Auch mir blieb die Spucke weg. Schon im Flur sah es aus wie bei Hempels unterm Sofa. Von den Wänden gerissene Bilder lagen auf dem Fußboden. Die Schubladen der Flurgarderobe waren aufgezogen worden, und ihr Inhalt häufte sich auf den abgeschliffenen Holzdielen.

„Herr Bauer?“, rief ich.

Aber niemand antwortete.

Wir tappten durch die Unordnung zu einem Zimmer, das offenkundig als Büro diente. Das Fenster stand offen. Überall Regale, Aktenschränke. Bloß dass die Ordner jetzt wild durcheinander auf dem Fußboden herumlagen. Ich voran, der Nachbar wie mein Schatten hinterher. Im Rahmen der Zimmertür blieb ich stehen. Neugierig blickte Streit über meine Schulter. Er sagte plötzlich schon wieder: „Oh, Scheiße!“!

Mike Bauer war anwesend. Aber in keinem guten Zustand. Jemand hatte ihn mit einem heißen Bügeleisen bearbeitet, das jetzt ausgeschaltet auf dem Couchtisch stand.

Er hatte das wohl nicht überlebt.

Ich holte mein Handy aus der Jackentasche und machte Fotos.

Ich hörte, wie sich E. Streit hinter mir übergab.

„Das wird die Spurensicherung erfreuen!“, sagte ich nur.

KAPITEL VIER

Es war die Witwe Lisabeth Wurz, welche die Tote am Vormittag fand, etwa zur gleichen Stunde. Die Fünfundneunzigjährige fuhr mit ihrem SUV, den ihr der verstorbene Regierungsbeamte Alfred Wurz hinterlassen hatte, wie üblich früh zu dem entlegenen Parkplatz, um ihrem Hund Otfried etwas Auslauf zu gönnen. Sie fuhr vorsichtig, denn auf dem linken Auge konnte sie wegen ihrer Makuladegeneration nicht viel sehen – sie hielt es sich mit der Hand zu, wenn ihr ein Wagen entgegenkam, um den Abstand besser einschätzen zu können. Auch mit dem rechten Bein hatte sie ein Problem. Es wurde öfter so merkwürdig steif, von ganz allein. Deshalb hatte sie manchmal beim Einfahren in ihre Garage Bremse und Gas verwechselt, wovon einige Dellen und Beulen am Auto zeugten. Aber bis jetzt war noch nie etwas Schlimmes passiert. Sie würde noch hinter dem Lenkrad sitzen bis zu ihrem Tod – der Herr lasse sie noch lange leben und die Wege anderer Autofahrer kreuzen.

Die Sonne knallte schon tüchtig vom Himmel, und die Witwe nahm sich vor, nicht zu lange hier zu verweilen. Die kommende Mittagshitze jetzt im Sommer würde nichts für sie sein. Das Herz und der Kreislauf. Aber einige Schritte würden nichts schaden. Und Otfried brauchte auch etwas Bewegung. Er wurde allmählich fett und träge.

Erstaunt stellte Lisabeth Wurz fest, dass bereits ein anderes Auto auf dem einsamen Waldparkplatz stand. Wo doch sonst niemand außer ihr hier war. Sie quälte sich aus ihrem Wagen, nahm Otfried an die Leine und ging langsam auf den dastehenden PKW zu. Ein Golf. Das Wagenfenster an der Fahrerseite herabgelassen. Drinnen hinter dem Steuer eine Frau, die scheinbar bewegungslos vor sich hinstarrte.

„Guten Morgen!“, grüßte die Witwe, denn sie war wohlerzogen. Als sie keine Antwort bekam, trat sie näher, um der unhöflichen Dame auf dem Fahrersitz etwas Benehmen beizubringen. In ihrer Jugend war das alles anders gewesen. Aber die heutige Generation mit ihrem Instagram, Threads und ihren Kopfhörern in den Ohren war – wie ihr seliger Alfred salopp gesagt hätte – der letzte Husten vom vergangenen Jahr.

„Man sagt Guten Tag!“, belehrte sie die Frau hinter dem Lenkrad und beäugte sie missbilligend. Jene war jung, höchstens dreißig. Sah gut aus, wenn auch jetzt scheinbar erstaunt dreinblickend. Die Schüsse hatten sie durch das heruntergelassene Wagenfenster schräg von vorn in die Brust getroffen, und ihre weiße Bluse war rot vom Blut. Unter dem Beifahrersitz lugte die Ecke einer bedruckten Visitenkarte hervor.

Zuerst begriff die alte Dame nichts. Es dauerte zwei Minuten, bis sich die Zahnräder in ihrem leicht verkalkten Gehirn drehten. Dann machte es „klick“ bei ihr. Die Fünfundneunzigjährige holte tief Luft. Jetzt schrie sie los, so laut es ihre Lungen hergaben. Sie griff in die Tasche ihrer Wolljacke, selbst gestrickt, und holte ihr Handy hervor. Hielt es in der Hand und überlegte krampfhaft, wie die Nummer der Polizei sein könnte. Es war etwas mit einer Null am Ende, das wusste sie noch. Aber was kam davor?

Ihr wurde eiskalt. So hatte es auch bei ihrem Alfred angefangen. Alzheimer im Anfangsstadium. Er hatte immer alles vergessen. Sie ließ die Hand mit dem Handy sinken, ließ die Leine mit Otfried los, der sofort wegrannte, und starrte hilflos auf die Tote im Golf.

Und fing an bitterlich zu weinen.

KAPITEL FÜNF

Seit ich die Leiche von Mike Bauer entdeckt hatte, wurde ich die Bullen nicht mehr los. Ich hatte die 110 gerufen, und dann war zuerst ein Streifenwagen gekommen. Die dunkelhaarige Polizistin und ihr Kollege sahen sich die Bescherung an, vertrieben uns ins Treppenhaus, und wir mussten warten, bis die Mordkommission kam oder wie sich die Truppe nannte. Es waren aber zuerst bloß zwei - wieder ein Mann und eine Frau, diesmal in Zivil, die einen Blick in Bauers Wohnung warfen. Dann erschienen die Typen von der Spurensicherung in ihren weißen Kostümen. Sie brachten alles Mögliche mit, das sie ins Mordzimmer mit hineinschleppten und machten sich vermutlich überall in den Räumen des Toten breit. Währenddessen nahmen sich die beiden Kriminalpolizisten uns vor – in der Wohnung von Streit, der sich erst mal mit ihnen herumärgerte, weil sie nicht gewillt waren, beim Betreten seines Flurs die Straßenschuhe auszuziehen. Schließlich folgten sie doch meinem guten Beispiel, und es zeigte sich, weshalb zumindest der Kripo-Mann nicht in Strümpfen herumlaufen wollte – er hatte in beiden Socken große Löcher, aus denen uns die Zehen anstarrten.

„Vögele!“, stellte er sich vor, „Hauptkommissar Vögele.“ Er zeigte auf die Frau in seiner Begleitung. „Und das ist Kommissarin Hübscher.“

Vögele war etwas korpulent und hatte schiefe Zähne. Sein Anzug hing locker an ihm wie ein Zelt bei Wind. Die vier verbliebenen Haare auf seinem ansonsten kahlen Kopf hatte er quer über seine Glatze gekämmt. aaHHHHHHHHHHKommissarin Hübscher hingegen war spindeldürr, aber trotz ihres Namens nicht hübscher als er. Sie steckte in einer hellen Sommerjacke und einer grauen Jeans. Der Hauptkommissar notierte sich unsere Namen, ehe er von uns wissen wollte, warum wir in Bauers Wohnung gewesen waren und wie wir den Toten vorgefunden hatten. Dann fotografierte er mit seinem Handy unsere Personalausweise.

„Was wollten Sie dort? Beide?“

„Meine Güte!“, sagte Streit. „Das haben wir doch schon vorhin alles den beiden Streifenhörnchen erzählt.“

„Ich verbitte mir…“, Kommissarin Hübscher setzte eine strafende Miene auf.

„Schon gut“, meinte Streit.

Ich gab zum Besten, weshalb ich Bauer aufsuchen wollte. „Eine Bekannte hatte mir den Tipp gegeben, ich solle mir als Kriminalschriftsteller fachliche Beratung suchen und hatte mir den Privatdetektiv als Ansprechpartner genannt.“

„Soso – Kriminalschriftsteller“, brummte Vögele. „Was haben Sie denn schon veröffentlicht?“

„Erst ein einziges Buch, leider. „Mondscheinmord im Sonnenschein“. Es ist… Ich redete nicht weiter, weil die Hübscher losprustete. Wandte ihr den Kopf zu. „Finden Sie das komisch?“

„Auf so einen Titel muss man erst einmal kommen“, sie grinste über ihr ganzes hageres Gesicht.

„Hat einer von Ihnen nebenan etwas berührt? Oder etwas hinterlassen?“, wollte Vögele wissen.

„Rührei mit Schinken!“, sagte Streit. Ich musste lachen.

„Wie? Was?“

„Herr Streit musste sich beim Anblick des Toten übergeben“, klärte ich den Hauptkommissar auf.

Beide Polizisten stellten uns noch eine Reihe Fragen, und dann nahm Hübscher von jedem von uns mit einem Stäbchen eine DNA-Probe. Auch Fingerabdrücke mussten wir abgeben.

„Ist schon ein bisschen komisch, Herr Resch, dass Sie hier auftauchen und prompt einen Toten finden“, Vögele blickte mich etwas schief an. „Als Kriminalschriftsteller!“

„Falls Sie mich festnehmen möchten…“ Ich grinste.

„So weit ist es noch nicht“, sagte er. Streit verzog sich aus seiner Sichtweite in seine Küche.

„Sollten Sie auf solche Gedanken kommen, kann ich Ihnen zu Ihrem Fehlgriff nur gratulieren“.

„Mein Gott – sind Sie scharf drauf, verhaftet zu werden?“, mischte sich die Hübscher ein.

„Ihr Bullen wollt doch rasche Ergebnisse. Wegen eurer Statistik“, sagte ich fröhlich. „Und gleich werden Sie fragen, ob ich mit einem Bügeleisen umgehen kann.“

„Das Wort „Bullen“ nehmen Sie zurück“, mauzte die Hauptkommissarin scharf.

„O.k, o.k. – ich hab’s nicht gesagt“, gab ich nach.

„Ich habe den verdammten Verdacht, wir sehen uns noch mal in einem Verhörraum“, Vögele warf mir einen bösen Blick zu.

Sie nahmen mich nicht mit und wollten schon gehen, als mir noch etwas einfiel: „Da war übrigens in der Pension ein Mann, der fragte nach…“

„Ihr Gequatsche hängt mir zu den Ohren raus“, unterbrach mich Vögele. „Ich will nichts mehr hören.“ Er folgte seiner Kollegin hinüber in die Mordwohnung und knallte Streits Wohnungstür hinter sich zu, dass es nur so krachte. Nachdem sie weg waren, kam jener mit einer Flasche und zwei Gläsern aus der Küche zurück. „Einen Cognac?“

Ich sagte nicht nein.

Als ich mittags wieder zuhause war, legte ich eine Pizza aus dem Frost in den Herd. Aber so richtig wollte sie mir nicht schmecken. Ich hatte das Bild vor mir, wie der tote Privatdetektiv festgebunden und mit furchtbaren Brandwunden übersät auf dem Stuhl zusammengesunken war. Wie konnte so etwas in unserer friedfertigen Stadt vorkommen?

Hier leben etwa dreißigtausend Einwohner. Von ihnen ist nur ein geringer Bruchteil kriminell. Ja, es gibt Schlägereien und Ladendiebstähle, Fahrräder werden geklaut, und im Suff gehen manchmal Karl und Klaus mit dem Messer auf sich los. Aber in der Polizeistatistik von Brandenburg steht unsere Stadt gut da. Vier, fünf Morde im Jahr. Mehr nicht. Meist ist ein Ehepartner der Täter oder die Täterin. Es gibt kaum Probleme mit Zugezogenen oder mit Migranten. Nur dort, wo die Plattenbaukasernen der Südstadt stehen, gibt es Ärger mit Dealern und Drogensüchtigen. Hier werden am schnellsten mal Messer gezückt.