Collected oder Der Nachgeschmack des kurzen Ruhms - Jan Gillsborg - E-Book

Collected oder Der Nachgeschmack des kurzen Ruhms E-Book

Jan Gillsborg

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Beschreibung

Berlin: Ein Mann will sich selbst verbrennen. Er ist kein Unbekannter – es ist Joseph-Adolf Simpel, 85 Jahre, der "Held von Willenberg", weil er kürzlich eine Katastrophe in jener (fiktiven) Stadt verhinderte. Von den Medien dafür in den Himmel gehoben, vor allem im fiktiven Boulevard-Blatt "XYZ", fällt er tief und wird nun von den Medien verdammt, als seine Stasi-Mitarbeit und der Vorwurf einer früheren Vergewaltigung bekannt werden. Er sucht Vergebung im Heiligen Land und entlarvt – zurück – einen Mörder. Parallel zur Handlung ziehen seine fünfundachtzig Jahre an ihm vorbei – mit all den Erlebnissen, Erfahrungen und gemachten Fehlern. Er erinnert sich an Kriegs- und Nazizeit, die Jahre in der DDR und die Einheit, gibt Einblicke in die SED-Parteiarbeit und die Propaganda der Partei. Auch ein kritischer Blick auf den DDR-Journalismus fehlt nicht. Es sind Einblicke in drei politische Systeme. Ungewohnt: Während meist die DDR-Bürger nur als Opfer oder Täter oder Mitläufer eingeordnet werden, ist der Romanheld Simpel alles zugleich. Ein Roman, der vor allem auch jüngeren Lesern viel zu sagen hat.

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Seitenzahl: 670

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Jan Gillsborg

Collected oder Der Nachgeschmack des kurzen Ruhms

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Jetzt – 13:37 Uhr

Die Selbstverbrennung

TEIL EINS – die Heldentat

PROLOG

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

PLAYBACK

„Ich heiße Joseph-Adolf Simpel…“

Der Verführer

Kindheitstage

Der „Führer“ lehrt mich laufen

Nachts fallen die Bomben

TEIL ZWEI – Die berühmten fünfzehn Minuten

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

PLAYBACK

Über meine Biografie wird entschieden

Ostgeld, Westgeld, Schiebereien

Abschluss der Grundschule

Gemischte Klasse

Erste Liebe

Götterdämmerung

Zwischen Kindheit und Jugend

Mein Freund Erhard

Besuch im Gestern

Mit Gott und Staat ins Leben

Ein Todesfall und Geldsorgen

Rock’n Roll und Politik

Ärgernisse

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Ich bitte zum Tanz

Erste Auslandsreise

Ich will Journalist werden

Das „Rote Kloster“

Regine

Wiedersehen mit Sophie

TEIL DREI – Eitelkeit

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

TEIL VIER – Ich studiere „Parteijournalismus“

„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“

Die „Arbeiterfaust“

Schäden fürs Leben

Die Einen und die Anderen

Absolventen

Im Auftrag der Partei

Die Schere im Kopf

Blinddärme

„Anleitung“ von oben

Beatmusik und andere Ärgernisse

Schalmeien-Erich

Einer will fliehen

Hoch auf den Fernsehturm

Protokolltexte

Etwas Sehnsucht nach Freiheit

Prager Frühling

Kündigung

TEIL FÜNF – Vergebung?

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

TEIL SECHS - Veränderungen

Kamera läuft

Melanie

Die WPO

Solche und solche Genossen

Zwei Meinungen in mir

Ein böser Fehler

Horch und Guck

Ein „Polizist“

Seltsame Besucher

Falsche Ratschläge

Angebote

Ordnung und Sicherheit?

Urlaub in Mangalia

Lob aus dem Westen

Geschäftsleute

Reisen im Osten

Weltfestspiele

Gulasch-Kommunismus

Erlebnisse mit der Polizei

Die Stasi schnüffelt am Balaton

Kaffee-Mix

Biermann

Hoffnung auf bessere Zeiten

TEIL SIEBEN – Beschuldigungen

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

TEIL ACHT - emporgeschwemmt

Wunderwaffe der Partei

Die Mitarbeiter

Ein buntes Häufchen

„Wer nicht trinkt…“

Mit Hasselblad und Kodak-Film

Arbeitsplatz DDR

Als die Grünen protestieren

Kaffeestunde beim KGB

Eine mutige Tat

Komfort, aber nicht für das Volk

Rangordnungen und Alltagsprobleme

Familie kann man sich nicht aussuchen

TEIL NEUN – unruhige Tage

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

TEIL ZEHN - Umbrüche

Tage, die alles verändern

Gewalt

Wende ohne Wandel

Parteilinie?

Abschied von Staat und Partei

Wenn Mauern fallen

Ein „Selbstläufer“

Das Fahrrad kippt um

Nach „drüben“

Im Übersiedlerheim

Ort der Hoffnungen

Versteckspiele der Partei

Sturm auf die Stasi

Alles wird anders

Sex-Spezialisten

Der Kanzler aller Deutschen

Übergriffe

In Erichs Sonderzug

Einheit

Ende eines Parteiverlags

Veränderungen und Illusionen

Und noch einmal Sophie

Abschied für immer

Reisen zu Wasser und zu Lande

Windstärke 10

Stets unterwegs

Mein Weltbild

Willenberg

TEIL ELF – der Entschluss

63. Kapitel

64. Kapitel

65. Kapitel

66. Kapitel

EPILOG

Zu diesem Buch

Vom selben Autor sind noch folgende Thriller erschienen:

Impressum neobooks

Jetzt – 13:37 Uhr

Berlin, City-Ost. Alexanderplatz. Vier Minuten vor dem Gewitterregen

Die Selbstverbrennung

„Unerhört“, rief einer. Andere schrien kochend vor Wut auf den alten Mann ein, der allein vor seiner großen beschrifteten Tafel in der Nähe des U-Bahneingangs saß. „Faschist! Nazi! Putin-Troll! Frevel! Hau ab nach Russland!“

Jemand rief: „Recht hat er!“

„Ein Irrer!“, blökte ein Mann im Anzug.

Doch auch einige Leute klatschten Beifall für den Alten, hinter dem auf einer großen Pappe untereinander aufgeschrieben stand: „Sofort Verhandlungen im Ukraine-Krieg! Keine Waffenlieferungen mehr! Schluss mit dem gegenseitigen Töten! Macht einen Kompromissfrieden. Fordert Putin und Selenskyj zum Verhandeln auf!“

Und ganz darunter: „Ein Atomkrieg droht!“

Ein bärtiger Mann schwenkte seinen zusammengerollten Regenschirm und machte Anstalten, auf den einsamen Demonstranten einzuschlagen. Seine Frau hielt ihn zurück. Von der Alex-Wache kamen Polizisten herübergestürzt. Der Himmel war pechschwarz, und erste Blitze zuckten am Himmel.

Der Alte griff in den abgetragenen Rucksack, der neben ihm stand. Entnahm ihm eine Flasche. Öffnete sie und goss ihren Inhalt über seine Kleidung. Die Umstehenden rochen, was es war. „Benzin!“, rief jemand. Alle standen da wie erstarrt. Und sahen dem Dasitzenden zu, der jetzt ein Feuerzeug in der Hand hielt. Mehrere Neugierige hatten ihre Handys herausgeholt, um genüsslich für ihre Follower in den sozialen Netzwerken festzuhalten, wie hier ein Mensch gleich in Flammen aufgehen würde.

Die Kleidung des Alten brannte im Nu lichterloh.

Doch im gleichen Moment öffnete sich der Himmel, und eine Sturzflut ergoss sich von oben auf alle herab. Auf die Neugierigen. Auf die Schockierten. Auf die Empörten. Und auch auf die Gleichgesinnten des Alten. Auf die Hilfsbereiten, die angesichts des Feuers nur zögernd näherkamen, weil ihnen die Flammen entgegenschlugen. Und auch auf die Kleidung des Selbstmörders selbst, der plötzlich zusammensackte.

Hilfe!“, schrie eine Frauenstimme. „Warum hilft denn keiner?“

TEIL EINS – die Heldentat

„Ein Held ist nicht mutiger als jeder andere Mensch,

aber er ist es fünf Minuten länger!“

Ralph Waldo Emerson

PROLOG

Willenberg (dpa). Rüstiger Rentner rettet Kleinstadt vor Katastrophe

Die Innenstadt Willenbergs, Land Brandenburg, entging nur durch den Mut und die Kaltblütigkeit eines 85jährigen Rentners aus Berlin einer Katastrophe, als ein Tankwagen mit 35.000 Litern Benzin mitten im Stadtzentrum bei einem Zusammenstoß mit einem Gefriertransporter in Brand geriet. Der Fahrer des Tankzuges flüchtete in Panik. Der Senior aus Berlin, der in Willenberg zu einem Tagesausflug weilte, kletterte mühsam auf den Fahrersitz und fuhr den brennenden 360 PS starken Truck aus der Gefahrenzone, in der sich zwei Kindergärten, eine Schule sowie ein stark besuchter Supermarkt und viele Wohnhäuser befanden. Er stellte die „Benzinbombe“ auf einem riesigen freien Grundstück in der Nähe ab und konnte sich gerade noch selbst in Sicherheit bringen, ehe der beim Unfall beschädigte brennende Tankwagen mit einer etwa vierzig Meter hohen Feuersäule explodierte. „Ohne ihn hätte es unzählige Tote und große Schäden gegeben. Er hat eine so furchtbare Katastrophe wie damals in Herborn verhindert. Wir werden diesen mutigen Berliner zum Ehrenbürger unserer Stadt ernennen“, sagte Roland Wiedel, der Bürgermeister von Willenberg.

„Was hältst du denn davon?“, fragte Jörg Hinzmann, der Chefredakteur der „ XYZ aktuell“, sein Gegenüber – eine junge Frau, die mit übergeschlagenen Beinen vor seinem Schreibtisch saß. Sie warf einen Blick aus dem abgeteilten Glaskasten hinaus in den Großraum, in dem die Redakteure vor ihren Bildschirmen hockten und die morgige Print-Ausgabe oder die ständig neueste Online-Version des Blattes zusammenbastelten.

„Er ist zu alt für einen Helden auf unserer Titelseite. Unsere Leser wollen junge Leute vorgesetzt bekommen, die coole Sprüche von sich geben und fetzig aussehen“, sagte Louisa Kandt in sachlichem Ton. „Aber als Eintagsfliege gibt er jetzt in der Saure-Gurken-Zeit vielleicht etwas her.“

„Sechzig Prozent unserer Leser sind Senioren. Die möchten gern so sein wie er. Ihm nacheifern. Ihn bewundern. Auch im Alter kühne Taten vollbringen. Und vielleicht redet er auch cooles Zeug und läuft nicht in beigen Klamotten herum.“ Er grinste sie an. „Ohnehin ist jetzt gerade Flaute, wie du selbst sagtest. Nicht mal die C-Promis aus dem Privatfernsehen geben im Moment was her. Ich mache dir einen Vorschlag. Lass dir im Rathaus von Willenberg seinen Namen und seine Adresse geben. Ruf dort mal an. Besorge dann ein paar Fotos von ihm. Vielleicht ist er schon wieder zu Hause in Berlin. Dann klopfe an seine Tür und hole ein paar Informationen aus ihm heraus. Warum er das gemacht hat, obwohl er selbst in tausend Teilen in die Luft hätte fliegen können. Wie er sich dabei gefühlt hat – naja, du bist ja schon lange im Geschäft und weißt selbst, was zu tun ist.“

Hm!“, sagte sie. Mehr nicht. Aber das war ein „ja“.

Er blickte ihr nach, als sie den Glaskasten verlassen wollte. Einssiebzig. Schlank. Gute Figur. Hübsche Beine.

„Ach übrigens“, sie blieb in der geöffneten Tür stehen und wandte sich noch einmal um. „Was war in Herborn?“

„Da ist vor Jahren ein Sattelschlepper mit Benzin in ein Café gerast, umgekippt, und dann gab es eine höllische Explosion. Fünf oder sechs Tote, fast vierzig Verletzte, Häuserfassaden sind eingestürzt, Autos hat es erwischt, und selbst im nahen Fluss hat es gebrannt.“

„Dann müssen ja die Willenberger unserem Rentner dankbar sein“, sagte sie. Zog die Stirn kraus. Parodierte eine imaginäre Titelseite: „Alter Sack rettet niedliche Kleinstadt“.

Hinzmann lächelte noch, als sie schon hinausgegangen war. Er schätzte ihre Arbeit. Als Reporterin war sie ein As. Die Konkurrenz von „BILD“ und von der „B.Z.“ hatte schon mehrmals versucht, sie abzuwerben. Aber sie war „XYZ aktuell“ treu geblieben. Dem Blatt, dessen Niveau zwar oft weit unter dem seriöser Zeitungen lag. Das angeblich kein gebildeter Mensch las, aber dessen Auflage gar nicht hoch genug sein konnte, weil Millionen Deutsche täglich darauf warteten, den neuesten Tratsch und Klatsch aus der Welt der Prominenten, der Schönen, der Reichen und der Kaputten zu erfahren.

Aus dem noch anderen Blatt mit ebenfalls Riesenbuchstaben auf der Titelseite.

1. Kapitel

Das Krankenzimmer sah trostlos steril aus. Genauso wirkte die Ärztin, die an seinem Bett saß. Blass, müde, verschlissen und im Gesicht so weiß wie ihr Kittel. Wahrscheinlich hatte sie einen Doktor nötiger als ihr Patient. Denn der saß putzmunter und aufgerichtet auf seiner Matratze und grinste vergnügt.

„Bin davongekommen“, krächzte er. Nicht ohne Blessuren, denn seine Stirn wies blutrote Schrammen und eine dicke Beule an der linken Seite auf. Auch der linke Unterarm war bandagiert.

„Hoffentlich!“, sagte die Ärztin. Sie bat ihn, abwechselnd das eine und dann das andere Auge zu schließen. Leuchtete ihn mit einer stabförmigen kleinen Lampe an, um seine Pupillen zu kontrollieren. Hielt ihm Finger vors Gesicht.

„Wie viele sind es?“, fragte sie.

„Drei“, antwortete er und wusste, dass sie gleich mit der Frage nach seinem Namen kommen würde. Das war Scheiße. Denn die Vornamen waren Scheiße. Er hatte sein ganzes Leben lang mit herumschleppen müssen, was ihm seine Eltern, stramme Nazis, damit eingebrockt hatten.

„Wissen Sie, wie Sie heißen?“ fragte die Frau im weißen Kittel auch prompt.

„Ja!“, antwortete er. Mehr nicht.

„Na, dann verraten Sie es mir doch!“

Pause.

„Simpel“, druckste er dann herum. „Joseph-Adolf Simpel.“

„Geboren?“

„Am 20. April 1938!“

Also an „Führers“ Geburtstag. Die Ärztin verzog keine Miene. Aber sie dachte sich sicherlich ihren Teil über seine Eltern.

„Der Wievielte ist heute? Können Sie mir sagen, wo Sie sich jetzt befinden?“ Die Fragen prasselten auf ihn herab. Ihm war klar, dass sie herausfinden wollte, ob er nach dem Unfall ein Ding an der Birne eingefangen hatte oder in Ordnung war. Die starken Kopfschmerzen und den Druck oberhalb des linken Auges gab er zu. Schließlich war sie fertig mit ihm. Die zweite Ärztin hier und heute. Sie nahmen es sehr genau.

„Sie haben sich auch eine Gehirnerschütterung geholt. Aber im Großen und Ganzen scheinen Sie noch einmal davongekommen zu sein. Ich würde Sie gern noch ein paar Tage zur Beobachtung hierbehalten. Wie denken Sie darüber?“

„Ich halte gar nichts davon“, sagte Simpel. „Am liebsten würde ich jetzt gleich heimfahren.“

„Mindestens eine Nacht noch“, verkündete sie mit müdem Gesicht. „Und morgen dann auf eigene Verantwortung.“

Als er allein war, schloss er die Augen. Sah alles noch einmal vor sich. Die brennenden Fahrzeuge. Den Riss, den der Tankwagen rechts in der Seite bekommen hatte. Das auslaufende Benzin. Die Flammen, die den Sattelzug mit dem Treibstoff umgaben wie eine feurige Wand. Wie er trotz seiner Knieschmerzen und der kaputten Bandscheibe hinüberlief zu dieser tickenden Zeitbombe und mühsam hinauf auf den Fahrersitz geklettert war.

Warum hatte er sich das angetan? War nicht einfach abgehauen wie die schreienden Leute überall auf dem Platz und am Ende der Straße? Er wusste es nicht, und er wusste es doch.

„Besuch!“, riss ihn die Stimme der Krankenschwester aus seinen Grübeleien.

Schon wieder, dachte er verärgert. Davon hatte er heute genug gehabt. Zuerst hatte ihn eine dünne, lange Ärztin mit Brille begutachtet und versorgt. Dann waren die zwei Neugierigen von der Polizei aufgetaucht, die genau wissen wollten, wie das geschehen war. Dabei hatte die Frau Doktor gesagt, er müsse Ruhe haben. Aber die Krankenschwestern hatten niemand abgewiesen. Auch nicht am frühen Nachmittag den aufgekratzten Bürgermeister, der kam, um ihm zu danken. Mit Blumen im Arm. Nach ihm, gerade als Simpel ein Schläfchen machen wollte, erschien die Leiterin des städtischen Kindergartens, ebenfalls mit einem bunten Blumenstrauß. Auch sie wollte gar nicht aufhören, ihn als Retter der Stadt und insbesondere ihrer kleinen Schützlinge zu lobpreisen. Mit Puckern hinter den Schläfen und schmerzendem Kopf konnte der Patient gar nicht erwarten, dass sie wieder ging. Der Ärztliche Direktor hatte zu ihm hereingeschaut wegen des Statements für die wartenden Journalisten. Simpel hatte seinem Entwurf zugestimmt.

Dann hatte das Telefon an seinem Bett geläutet. Ein Anruf aus Potsdam, von der Landesregierung. Irgendein Staatssekretär überschüttete ihn mit Dankesworten. Und zuletzt, als er dachte, dass endlich Schluss sei, war diese andere Ärztin erschienen, um zu sehen, wie es ihm jetzt ging.

Besuch? Nein, den wollte er nicht. Er setzte gerade an, um das der Krankenschwester, einer drallen Blondine, beizubringen, doch da schlüpfte auch schon eine junge Dame in einem bunten Oberteil mit Strichen und farbigen Ornamenten und dunklen Skinny-Jeans geschickt an jener vorbei. Ein aufgesetztes Lächeln auf den Lippen. Den unvermeidlichen Blumengruß in der Hand. Ovales, angenehmes Gesicht. Dichtes dunkles Haar mit ein paar blonden Strähnen. Graue Augen. Gute Figur.

„Na, ist das nicht schön, dass Ihre Enkeltochter so schnell hergefunden hat?“, flötete die Schwester. Und ließ beide allein.

Simpel scannte seine Besucherin von oben bis unten, während sie an sein Bett trat und sich einen Stuhl vom kleinen Tisch in der Ecke des Zimmers heranzog. Wenn er noch jung gewesen wäre, hätte er sie angebaggert. In seinem Alter blieb ihm nur der schöne Anblick. Besser als gar nichts.

„Kandt!“, stellte sich die Besucherin vor. „Louisa Kandt. Von „XYZ aktuell“. Verzeihen Sie mir den Enkeltrick?“ Sie kramte in ihrer Umhängetasche und brachte ein kleines Diktiergerät zum Vorschein.

2. Kapitel

Er hatte den Ärztlichen Direktor vorhin gebeten, die Journalisten abzuweisen, die zu ihm vordringen wollten. Es war dem Krankenhauspersonal tatsächlich gelungen, sie aus dem Trakt zu verscheuchen, in dem Simpel lag. Der Krankenhauschef hatte dem „Geschmeiß“, wie er die Medienfritzen insgeheim nannte, das bewusste kurze Statement vorgelesen. Dass es dem Patienten gut gehe, trotz leichter Verletzungen und einer offensichtlichen Gehirnerschütterung, und dass er bald nach Hause entlassen werden würde. Fragen beantwortete er nicht. Und so waren sie alle mehr oder weniger befriedigt abgezogen – bis auf Louisa Kandt, die sich von der Pressemeute abgesondert hatte, um nicht vorzeitig aufzufallen. Die Idee mit der Enkeltochter war nicht neu. Sie hatte sie schon ein paar Mal bei den verschiedensten Gelegenheiten angewendet. Auch diesmal klappte es hervorragend. Ein besorgtes Gesicht. Tränenverschleierte Augen, weil es den lieben Opa erwischt hatte. Ein scheues „bitte, bitte“. Und da hatte man ihr gesagt, wo er lag und dass sie ihn besuchen könne. Aber nicht zu lange. Damit es dem Opa nicht zu viel würde.

„Eine Pressetussi…“, sagte Simpel gedehnt. Seine Hand tastete schon nach dem Klingelknopf neben dem Bett, um die Schwester herbeizurufen. Aber dann überlegte er es sich anders.

„Setzen Sie sich“, er richtete sich auf. Fuhr sich mit den Fingern durch das zerwuschelte Haar. Jedenfalls durch das, was ihm im Alter noch übriggeblieben war. Er steckte gottlob nicht in einem dieser Krankenhausnachthemden, die hinten offen sind und bei denen Rücken und Hinterteil gnadenlos herausgucken. Sondern man hatte für ihn ein graues Shirt aufgetrieben, das ihm leidlich passte. Sein eigenes war bei dem, was er „den Vorfall“ nannte, draufgegangen.

„Wir wollen über die Explosion in Willenberg in der morgigen Ausgabe berichten“, setzte Louisa Kandt an. „Sie haben dabei eine geradezu heldenhafte Rolle gespielt. Und dazu beigetragen, unsagbares Unheil zu verhüten. Darf ich Ihnen deshalb ein paar Fragen stellen?“

„Heldenhaft? Was ist heldenhaft?“, brummte Simpel. „Das ist sehr nahe an der Dummheit. Hätte ich auch nur ein Fünkchen Verstand im Kopf gehabt, dann hätte ich mich auch wie alle anderen sofort aus dem Staub gemacht, anstatt diese rollende Bombe zu besteigen.“ Er räusperte sich. „Stellen Sie die Blumen in eine der Vasen, die noch frei sind – ja, hier auf dem Nachttisch.“

„Sie sind fünfundachtzig? Ein ziemlich starkes Stück, was Sie sich in Ihrem Alter da geleistet haben!“, sagte sie dann, nachdem sie ihren Strauß untergebracht hatte. „Es wäre auch für einen Jüngeren eine tolle Leistung gewesen. Was ist in Ihnen vorgegangen, als Sie die brennenden Fahrzeuge sahen?“

Simpel dachte nach. Er wusste es nicht. Er war seinem Instinkt gefolgt.

„Irgendetwas müssen Sie sich doch dabei gedacht haben, als Sie von Ihrem Tisch vor dem Café am Markt aufgesprungen und zu dem brennenden Tankwagen hinübergerannt sind. Ziemlich schnell sogar für Ihr Alter, wie Zeugen bestätigen.“

„Aufgesprungen ist geprahlt. “, knurrte ihr Gegenüber. „Rennen auch!“ Er war eher hinübergehinkt. „Tja, was habe ich mir gedacht? Ich wusste nur, dass das Ding in die Luft gehen könnte. Und alles ringsum ausradieren würde. All die Menschen, die eben noch so fröhlich hier umhergewuselt waren. Die Kinder vor der Kita. Dass es einen fruchtbaren Knall geben und dann hier alles brennen und zusammenstürzen würde. Ich habe die große freie Fläche hinter der Baustelle gesehen. Dort würde die Explosion ins Leere verpuffen.“

„Und da sind Sie am Sattelschlepper, ins Fahrerhaus gestiegen und haben den Tanklaster über die Baustelle ins leere Gelände gefahren?“

Simpel nickte stumm.

„Was haben Sie dabei gefühlt?“, fragte sie und warf einen Blick auf ihr Aufnahmegerät. Es lief noch mit.

Er überlegte lange.

„Angst!“, sagte er dann. „Ich bekam plötzlich furchtbare Angst.“

„Sie hatten Angst?“, fragte sie nach.

„Ja! Ganz plötzlich überfiel sie mich, während ich mit dem Tankwagen über das Baustellengelände rollte. Ich hätte mir die Ohren zuhalten mögen – der große Knall konnte ja jeden Moment kommen. Er kam ja dann auch. Aber da hatte ich mich schon aus dem Staub gemacht. Trotzdem hat mich die Druckwelle regelrecht weggeblasen, in den Dreck geworfen und mit Trümmerteilen bombardiert.“

Louisa Kandt nickte zufrieden. Sie hatte ihre Schlagzeile für morgen.

Oben: Der Held von Willenberg gesteht:

Und darunter in riesiger Schrift:

ICH hatte ANGST!

„Was sind Sie eigentlich von Beruf?“, fragte die Journalistin. „Ich meine – was waren Sie, ehe Sie Rentner wurden?“

„Das ist nicht so weit entfernt von Ihrem Job“, jetzt grinste Simpel geradezu. „Fotograf. Einer, der Land und Leute geknipst hat. Habe später auch als Bildjournalist gearbeitet. In der DDR. Und auch im wiedervereinigten Königreich.“

Die Reporterin lächelte professionell herzlich. „Dann werden wir uns prima verstehen. Ich möchte Ihnen nämlich einen Vorschlag machen. „XYZ“ könnte über Sie und Ihr Leben eine Serie auf Seite Drei machen – eine Woche lang. „Der Held von Willenberg“. Oder so ähnlich. „Der Mensch hinter der Heldentat“. Sie erzählen uns alles. Oder schreiben uns markante Erlebnisse aus ihrem Leben auf. Wir überarbeiten das und drucken es. Bezahlen es mit einem anständigen Honorar.“ Sie nannte die Summe, und Simpel hielt die Luft an. Das würde seine Rente wohlgefällig aufstocken. Und etwas davon würde er würde verdummen. Kreuzfahrten. Andere Reisen. Nochmals die Welt sehen. Und dann fiel ihm ein, dass er damit auch die Kosten der geplanten Scheidung bezahlen könnte.

„Einverstanden!“, nickte er, wobei ihm der lädierte Kopf wehtat.

„Dann setzen Sie mal hier Ihren Adolf darunter!“. Sie holte flink wie ein Eichhörnchen zwei beschriebene Blätter Papier aus ihrer Umhängetasche. „Eins für Sie, eins für unsere Redaktion.“

Er überlegte noch einmal, ehe er zum Stift griff, den sie ihm hinhielt. Auf der Bettdecke wurde die Unterschrift etwa krakelig. Aber lesbar.

„Toller Vorname“, stellte sie sachlich fest. „Wie sind Ihre Eltern bloß darauf gekommen?“

3. Kapitel

„Unsere Scheidung sollten wir erst mal in die Ferne verschieben“, sagte Verena Simpel am nächsten Tag, während sie die Sachen auspackte, die sie für ihren Mann mit ins Krankenhaus gebracht hatte.

„Verstehe ich nicht!“, sagte Joseph-Adolf. „Wir waren uns doch einig. Du bekommst deinen Gisbert und ich meine Freiheit.“ Er kletterte in eine schwarze Jeanshose und zog sich ein maisgelbes T-Shirt über. „Weshalb bist du überhaupt ins Krankenhaus gekommen, um mich abzuholen? Was haben wir noch miteinander zu tun?“

Sie lächelte überlegen. „Jetzt ist alles ganz anders. Wir müssen umplanen. Eine große Frauenzeitschrift…“ sie nannte den Namen „…hat uns fünfzehntausend Euro geboten, wenn sie über uns eine Home-Story machen dürfen. So unter dem Motto: Die glückliche Ehe des Helden von Brandenburg.“

Simpel zuckte zusammen. Gestern war er noch der Held von Willenberg gewesen. Jetzt schon der von Brandenburg. Morgen wäre er vielleicht der Held der deutschen Nation. Was solche Wurstblätter doch aus einem machen konnten.

„Fünfzehntausend?“, fragte er.

„Dafür sollten wir gern das liebende Paar spielten“, überzeugte sie ihn. „In der Not frisst der Teufel Fliegen!“

„Und was sagt dein Gisbert dazu?“

„Der hat den Mund zu halten und sich nicht einzumischen!“ Sie hieb mit der Hand durch die Luft – das war, als käme ein Fallbeil herunter.

Natürlich. Das hatte er einst an ihr ganz besonders gemocht. Dass sie so taff war. Inzwischen hatte er sie satt. Inzwischen hatten sie sich beide satt. C’est la vie!

„Fünfzehntausend“, er ließ sich die Summe auf der Zunge zergehen. „Das reicht für den Scheidungsanwalt. Und es bleibt vielleicht noch ein kleiner Klacks übrig für jeden von uns.“ Von dem üppigen Honorar der „XYZ“ sagte er erst mal nichts.

„Gebongt?“, fragte sie und hob die Hand.

„Gebongt!“, sagte er und klatschte ab.

So präsentierten sie sich dem wartenden Lokalreporter am Ausgang des Krankenhauses als liebendes glückliches Paar. Strahlegesichter. Eng umarmt. Der lädierte Held noch etwas blass. Als sie dann unbeobachtet in Verenas Polo saßen, fiel das gemeinsame Glück von ihnen ab.

„Nichts wie nach Hause“, knurrte Joseph-Adolf und rückte von ihr ab. Sie grinste und startete den Motor.

In einer guten Stunde kamen sie zu Hause an. Berlin. Pankow, der Bezirk mit den 400.000 Einwohnern. So viele wie auf ganz Malta.

„Wie sieht’s denn hier aus?“, verblüfft blieb Joseph-Adolf an der Tür im Wohnzimmer stehen. Papiere lagen auf dem Teppich herum, Fotoalben waren auf dem Tisch ausgebreitet, Urkunden auf einem der Sessel verstreut.

„Eine Frau Kandt war heute Morgen hier“, erklärte Verena. „Sie hat die heutige Ausgabe ihrer Zeitung mitgebracht.“ Tatsächlich lag auch ein Exemplar von „XYZ“ auf dem Fußboden herum. „Der Held von Willenberg. ICH hatte ANGST“.

Sie wusste es also doch. Oder ahnte, dass es auch hier Geld regnen würde. Die Kandt hatte es bestimmt erzählt. Daher die neue Gemeinsamkeit.

Simpel bückte sich und hob die Zeitung auf. Ein Bild von ihm groß aufgemacht. Soweit er sich erinnerte, hatte das Verena mal im Urlaub gemacht. In Frankreich. Oder in der Toskana. War ja egal, wo. Und dann noch ein Foto, das die Pressetussi gestern mit ihrem Handy im Krankenhaus aufgenommen hatte. Er selbst im Bett, mit Schrammen und Wunden an der Stirn. Den einen Arm verbunden.

„Sie wollen ihre Serie mit deiner Kindheit und Jugend beginnen“, plapperte Verena. „Ich habe alles mitgegeben, was an Bildern aus dieser Zeit da existierte. Und dieses Buch, das du mal für die Kinder ausgefüllt hast. „Opa erzähl‘ mal“, oder so ähnlich. Sie suchen sich was raus.“ Überlegte einen Augenblick. „Ach ja – und die olle Bombe, die damals in eure Küche geknallt ist, hat sie fotografiert.“ Sie zeigte auf ein armgroßes Stück Schrott, das wie eine moderne Skulptur in einem Fach der Schrankwand herumlag. „Tolle Story, hat sie gesagt, als ich ihr das erzählt habe.“

„Du warst doch gar nicht dabei“, Simpel holte Luft. „Damals!“

4. Kapitel

„Erzählen Sie doch einmal etwas von Ihrer Familie“, bat Louisa Kandt am Spätnachmittag. Sie hatte Simpel besucht und ihm noch einmal mitgeteilt, wie hoch zusätzlich die Summe sei, die man für eine tägliche Serie auf Seite Drei als Informationshonorar zahlen wollte. Seine sogenannte Heldentat erwies sich immer mehr als melkende Kuh. Als Goldesel, wenn man es so sagen will. Auch andere Zeitungen und Zeitschriften hatten gute Angebote gemacht. Aber „XYZ“ hatte noch mehr Geld versprochen, wenn die Simpels nur bei ihnen unter Vertrag stehen würden. Louisa Kandt legte dann auch prompt ein entsprechendes Papier auf den Tisch, das ihn und Verena dazu verdonnerte, „XYZ“ exklusiv zu bevorzugen. Die Homestory mit der Frauenzeitung, zu der Verena „ja“ gesagt hatte, ließ sie zähneknirschend durchgehen. Und auch alles, was das Fernsehen betraf. Aber ansonsten keine weiteren Alleingänge. Natürlich stellte trotzdem die übrige Presse eigene Recherchen an – bei ehemaligen Kollegen, Freunden oder Nachbarn. Schon am ersten Tag stellte „Adi“, wie ihn die Medien jetzt nannten, fest, dass vieles, was gedruckt wurde, glatt aus den Fingern gesogen war. Das war ihm ein bisschen peinlich, aber andererseits spürte er, dass ihm die Rolle als Held von Brandenburg zunehmend gefiel.

Auch das Fernsehen meldete sich am Telefon. Das ist der Fluch, wenn man heutzutage noch Festnetz hat und im Telefonbuch steht. „Brisant“ bat um ein Interview, und auch „Prominent“ und „Explosiv“ klingelten an. „Adi“ war plötzlich ein Star. Aber dazu braucht es heutzutage nicht viel.

Was seine Familie und die alten Zeiten betraf, so fiel ihm gar nicht viel ein. Das ist doch so lange her gewesen, dachte er. Jetzt lagen alle unter der Erde.

„Ich bin in eine große Familie hinein geboren worden, die eng und fest zusammenhielt“, begann er. „Meine Mutter besaß noch vier Schwestern, und die Schwestern hatten Ehemänner, und dann gab es noch Kinder, und wenn eine Familienfeier stattfand, herrschte in der jeweiligen Wohnung bei uns oder den anderen ein Trubel wie auf dem Jahrmarkt. Im Krieg fehlten dann die Männer bei den Festen. Sie waren an der Front und schickten ab und an Feldpostbriefe, die an vielen Stellen geschwärzt, weil sie zensiert waren. Aber ungeachtet der Kriegslage feierten die Familienmitglieder wie besessen Geburtstage, Hochzeitstage und Anlässe jeder Art.“

Louisa Kandt lehnte sich zurück. Überlegte, wie sie das, was er erzählte, journalistisch verwursten könne.

Plötzlich fühlte er sich in meine Kindheit zurückversetzt. „Meine Mutter war die Zweitjüngste der Schwestern und gewissermaßen das „schwarze Schaf“ unter ihnen, denn sie rauchte als Einzige. Ferner war sie im Gegensatz zu ihren Schwestern, die bei jedem Familienfest das Klavier umringten und schöne, feierliche Lieder sangen wie „Gott grüße dich“ oder „Das ist der Tag des Herrn“, absolut unmusikalisch und konnte keinen Ton halten. Wenn sich ihr Mann Paul gar zu sehr über sie ärgerte, nannte er sie „Selma“. Das war der Name seiner Schwiegermutter.“

Louisa Kandt hatte ihr Aufnahmegerät auf den Tisch gestellt und machte sich zusätzlich Notizen, unterbrach ihn aber nicht. Sie hatte gemerkt, dass er jetzt in Fahrt gekommen war. Er erhob sich, ging zu einem Schrankfach und kam mit einem Wust von Papieren zurück, die er auf dem Tisch ausbreitete.

„Hier!“, sagte er und legte einen ab gegriffenen Stammbaum vor sich hin. „Im „Dritten Reich“ mussten meine Eltern nachweisen, dass sie keine jüdischen Wurzeln hatten, sondern von Grund auf „arisch“ waren. In ihren Hinterlassenschaften entdeckte ich später Berge von solchen Papieren meines Vaters „zum Zweck des Nachweises arischer Abstammung“, wie es in einem Schreiben heißt. Viele alte Registerauszüge hat er aufgetrieben sowie diese sorgfältig ausgefüllte Ahnentafel mit neunundzwanzig aufgeführten Personen, die gefühlt bis in die Steinzeit reicht.“

Uninteressant, dachte die Kandt, knipste aber einen interessierten Ausdruck auf ihrem Gesicht an.

„Es muss für meinen Vater eine unheimliche Pusselei mit viel Schreib- und Papierkram gewesen sein, das alles zusammenzutragen, um sein „Deutschtum“ exakt zu belegen.“

5. Kapitel

„Ihre Eltern waren nicht sonderlich wohlhabend?“ Sie blickte ihn erwartungsvoll an.

„Nein“, sagte er. „Die „Reichen“ in unserer Familie waren Baumanns, meine dicke Tante Elly und mein Onkel Herbert. Letzterer war der geborene Geschäftsmann, ich will nicht sagen „Schieber“. Er hatte es zu einigem Geld gebracht. Im Krieg schaffte er es bis zum Hauptmann. Im Zivilleben arbeitet er in der Textilbranche. Nach 1945 nutzte er als Prokurist einer kleinen unbedeutenden Stofffirma in Leipzig die undurchsichtigen Verhältnisse zwischen den vier Besatzungszonen, um mit seinen Stoffen noch weit undurchsichtigere Geschäfte zu machen. Er verschaffte sich einen Interzonenpass, mit dem er ständig von Ost nach West, West nach West und West nach Ost über die Zonengrenzen geschäftlich pendelte. Verschob Waren von hier nach dort und von dort nach hier. Seine große Stunde schlug mit der Einführung der D-Mark im Westen. Sein hauptsächliches Schlupf- und Eingangsloch zum Westgeld waren die Sektoren von Westberlin, in deren Wechselstuben er später ein gern und oft gesehener Besucher wurde.“

Was erzählt er da, dachte sie. Längst vergessener politischer Kleinkram. Davon will keiner mehr was wissen. Aber sie ließ ihn ungebremst weiterreden. Vielleicht kam noch etwas, dass sie verwenden konnte.

„Onkel Herberts Lieblingslied hieß „Lilli Marleen“; außerdem konnte er nicht oft genug das Lied „Das war die böse Schwiegermamama...“ hören. Wir mussten es bei jeder Familienfeier für ihn singen. Das warf natürlich ein Licht auf die Beziehung, die er zu meiner Großmutter gehabt hatte. Alle Familienmitglieder umschwänzelten Onkel Herbert, als sei er ein Halbgott. Er legte jahrelang für jeden von uns Sparbücher an und zahlte größere Summen darauf ein, um sein Vermögen zu verschleiern. Nach seinem Tod sollte jeder dieses Geld erben. Deshalb leckten ihm alle in der Familie die Schuhe.“

Simpel grinste, ehe er fortfuhr. „Natürlich kam alles ganz anders. Onkel Herberts Tochter und sein Schwiegersohn rissen sich nach seinem Hinscheiden die Sparbücher unter den Nagel und ließen sie auf ihre eigenen Namen umschreiben. Sie haben uns alle ganz einfach um unser Erbe betrogen. Niemand in der Familie wollte es auf eine Anzeige oder auf einen Prozess ankommen lassen. Dazu sind alle zu anständig gewesen. Jedenfalls gingen die Erbschleicher und ihre Kinder von nun an fast jeden Tag ins Interhotel vornehm speisen und reisten oft mit dem Reisebüro der DDR in den teuersten Urlaubsgebieten des sozialistischen Lagers umher.

Gott hat sich das eine Weile geduldig mit angesehen. Dann verkündete er das Strafmaß. Onkel Herberts Tochter litt immer heftiger unter Verfolgungswahn und konnte amerikanische Mikrofone auf der Gardinenstange sehen. Sie glaubte auch, jemand wolle ihr das viele Geld wegnehmen und musste oft in die Psychiatrie eingeliefert werden. Letztlich holte sie der Herr im Himmel noch in relativ jungen Jahren zu sich. Sie fiel plitzplatz eines Tages in ihrer Wohnung auf der Stelle um und war mausetot. Ihr jüngerer Sohn lernte Schornsteinbauer und übte diesen Beruf so lange aus, bis ihn ein höherer Wille aus luftiger Höhe herabfallen ließ. Und der ältere begabte Sohn, der schon als ganz junger Spund Karriere im diplomatischen Dienst der DDR machte, in Botschaften in Moskau, Paris und Rom eingesetzt wurde, galt nach der Wende als „staatsnah“ und bekam im vereinten Deutschland nirgendwo mehr einen Job. Er wurde manisch-depressiv, ein starker Trinker, erkrankte heftig und starb mit 40 Jahren. Sein Vater, Herberts Schwiegersohn, der sich mit seiner Frau unser Erbe in die Tasche gesteckt hatte, wurde auch nicht alt. Er war, wie seine Kollegen sagten, nicht der Angenehmste. Irgendwann musste er wegen einer Geschwulst im Bauch ins Krankenhaus. Damit der eigensinnige anstrengende Kranke seine absolute Bettruhe einhielt, brachte das Personal rechts und links an seiner Liegestatt stabile Seitengitter an. Doch das konnte den störrischen Patienten nicht davon abhalten, eigene Wege zu gehen. Er kletterte in einem unbeobachteten Moment einfach über das Gitter hinweg, stürzte dabei und brach sich das Genick. Können Sie sich das vorstellen? Aus nur einem Meter Höhe?“

6. Kapitel

Er blickte die Kandt an, und sie zog die Stirn kraus. Gewäsch, dachte sie. Aber vielleicht könnte man in der Serie über ihn aus dieser Scheiße noch etwas Kompott machen.

Verena Simpel erschien in der Wohnzimmertür. „Kommt – ich habe in der Küche etwas auf den Tisch gestellt.“ Belegte Brote, Tomatensalat, Wurst und Käse. Der Kaffee stammte aus der Glaskanne, die jetzt noch halbvoll in der Maschine stand.

„Wie alt sind Sie eigentlich?“, wollte Verena Simpel von der Kandt wissen.

„Aber Schatz – das fragt man doch nicht!“, ging er dazwischen. Bei „Schatz“ zog seine Frau die Stirnfalten kraus.

„Fünfunddreißig“, sagte die Reporterin. Manchmal fühlte sie sich viel jünger. Manchmal alt. Aber immer clever. Besonders, wenn sie Leute interviewen musste, deren Verwandte auf irgendeine krasse Art gestorben waren. Verunglückt. Ermordet. Oder sich umgebracht hatten. Dann kitzelte sie die Seelen der Hinterbliebenen mit so viel scheinbarem Mitgefühl, dass diese über die Verblichenen die intimsten Dinge erzählten. Und Fotos rausrückten, auf denen die teuren Toten zu ihren Lebzeiten festgehalten worden waren. „Witwenschütteln“ nannten sie sowas bei „XYZ“. Im Prinzip war das hier nicht anderes.

„Sind Sie schon lange bei der Zeitung?“, drehte die Gastgeberin den Spieß um.

„Vier Jahre“, nickte die Journalistin. „Vorher war ich bei einer Nachrichtenagentur.“ Sie nahm sich noch eine Schnitte mit Käse. „Das Essen schmeckt gut.“ Die Simpels nahmen das als Zeichen, dass sie nicht weiter über sich reden wollte.

„Und der Regierende Bürgermeister hat heute auch schon angerufen?“, fragte die Reporterin.

„Nach dem Mittagessen“, sagte Simpel. Er ließ offen, ob nach seinem Essen oder nach dem des Bürgermeisters. „Er hat mir den Dank der Stadt Berlin ausgesprochen. Mit professioneller Herzlichkeit und viel bla bla.“

„Sie sind Fotograf gewesen, ehe Sie in die Rente gegangen sind?“, wollte die Kandt wissen.

„Eigentlich ein Leben lang. Ich habe den Beruf in einer kleinen halbstaatlichen Klitsche in der Leipziger Innenstadt erlernt. Facharbeiterbrief. Dann wollte ich Bildreporter werden.“

„Wie schön – ein Kollege!“, täuschte sie Freude vor.

„Ja – ich habe es auch geschafft. Nach einem Journalistik-Studium in Leipzig.“

„Am „Roten Kloster“ – wie man die Fakultät wegen ihrer politischen Ausrichtung genannt hat?“

„Genau. Fünf Jahre Studium. Dann zur Zeitung. Später in einem DDR-Verlag. Nach Wende und Einheit habe ich für ein Reisejournal gearbeitet.“

„Waren Sie Mitglied der SED?“ Danach war er lange nicht mehr gefragt worden.

„Ja!“, gab er dann zu. „Ich war Genosse!“

7. Kapitel

Der nächste Tag brachte morgens etwas Regen und danach Sonnenschein. Simpel schlief bis halb acht. Verena war schon zur Arbeit gegangen. Sie war zwanzig Jahre jünger als Joseph-Adolf und verbrachte ihre Stunden im Büro eines Verbandes, der in den Neunzigern von Bonn nach Berlin gezogen war. Als er seinen Sitz in die Bundeshauptstadt verlegte, fing sie dort an. Mit dem Gehalt hatte sie leidlich Glück – mit ihrem Chef nicht. Er erwies sich als nörgliger Typ, der lange in einem piefigen Nest im tiefsten Westen gelebt hatte und immer Recht hatte, vieles vergaß und das dann auf Verena schob, die sich nur schlecht wehren konnte. Als nachteilig erwies sich für Verena auch, dass alle anderen aus dem Westen kamen – sie als Ossi wurde von ihnen ordentlich untergebuttert. Denn sie behandelten sie so, als hätten die Leute in der DDR nicht vermocht, mit Messer und Gabel zu essen. Die Wertschätzung, die die Mitarbeiter des Verbandes genossen, wurde daran gemessen, wie viele Fenster ihr Arbeitsraum besaß. Der Chef konnte aus vier von ihnen herausblicken. Andere hatten jeweils drei. Verena hatte man einen Raum mit nur einem Fenster zugestanden. So wartete Verena darauf, dass sie in die Rente gehen konnte und schob Dienst nach Vorschrift.

Joseph-Adolf trat ans Fenster. Auf der anderen Straßenseite stand ein Mann in der Tür des gegenüberliegenden Hauses. Alt, grauhaarig, in beigen Hosen und einer dunklen, halblangen Jacke. Er blickte zu ihm hinauf. Ohne wegzusehen. War dünn. Sah recht klapprig aus.

Simpel wandte sich ab. Schloss das Fenster und zog die Gardine vor. Schaute durch das gestickte Lochmuster noch einmal nach draußen. Der Alte stand noch da. So wie vorhin. Blickte immer noch zu seinem Fenster empor.

Der Lottoladen befand sich drei Straßenecken weiter, gleich neben dem Supermarkt, in dem Simpel gleich einkaufen wollte. Das Übliche. Wurst, Brot, Kaffeekapseln für die Maschine, zwei Flaschen Bier und eine Dose Gulaschsuppe. Und natürlich die neue „XYZ“. Mal sehen, was sie über ihn geschrieben hatten. Die Pressetussi hatte sich ja gestern noch sehr lange mit einigen persönlichen Dingen aus dem Leben der Familie beschäftigt. Ach, die Frau ist um so viel jünger? Arbeitet noch? Tja, was macht er denn da den ganzen Tag so alleine, wenn er nicht gerade eine Kleinstadt vor dem Untergang rettet? Wo haben Sie sich kennengelernt? Wann? Ich nehme an, es ist eine sehr glückliche Ehe? Und so weiter.

Sie hatten der Dame das perfekte liebende Ehepaar vorgespielt. Nichts von den Affären, die sie gehabt hatten. Nichts von seinen. Und erst recht nichts vom flotten Gisbert und der geplanten Scheidung. Sie hatten ihr wieder Fotos von sich mitgegeben. Auch das Hochzeitsbild.

Und das knallte ihm dann auch schon als Erstes von der Titelseite der „XYZ“ im Lottoladen entgegen, wo das Blatt mit den anderen Zeitungen auf dem Tresen lag. „Ihre LIEBE hält ihn JUNG!“ schrie es ihn an. Sein gealtertes faltiges Gesicht, das einer Schildkröte, glotzte ihm entgegen, eingeklinkt in das Foto von der Trauung, auf dem er unbeholfen im schwarzen Anzug mit verängstigtem Gesicht neben der glückselig grinsenden Braut in Weiß stand. Als hätte er damals schon gewusst, wie beschissen seine Ehe werden würde.

Fast wie in Trance gab er Achmed, dem Ladenbesitzer, seinen Schein ab, hatte natürlich wieder nichts gewonnen, und spielte für heute Abend die gleichen Zahlen. Kaufte sich „XYZ“, faltete die großformatige Zeitung zusammen und verstaute sie im Einkaufsbeutel. Ließ sich dafür den Beleg geben, damit niemand auf die Idee käme, er hätte sie nachher im Supermarkt aus dem Regal geklaut. Musste dabei schmunzeln – von wegen glücklicher Ehe.

Sein Lächeln über den Zeitungsartikel verging ihm aber sofort, als er wiederum den klapprigen dünnen Alten bemerkte, den er vorhin schon von seinem Fenster aus bemerkt hatte. Der Mann stand vor dem Laden, an einem Fahrradständer, und glotzte Simpel derart unverhohlen an, dass es schon eine Frechheit war.

„Ist was?“, fragte er deshalb.

„Noch nicht!“, zischte der Alte und seine Augen funkelten. Hasserfüllt oder vergnügt? Er konnte es nicht ausmachen.

Simpel zuckte die Achseln und ging nach nebenan zum Supermarkt. Nahm sich einen Einkaufswagen und arbeitete seine Liste ab, auf der er verzeichnet hatte, was er holen wollte. Wenn er sich nicht irrte, blickten ihn ein paar Leute neugierig an. Auch die Kassiererin, eine blonde Frau um die Vierzig, warf ihm einen scheuen Blick zu.

„Wie fühlt man sich denn, wenn man plötzlich berühmt ist?“, sagte sie dann doch. Sie kannte ihn von Ansehen schon seit Jahren. Aber diesmal war nicht nur Freundlichkeit, sondern auch Anerkennung in ihrem Blick.

Er zuckte die Achseln. „Wie immer!“, antwortete er. Aber das stimmte nicht. Irgendwie fühlte er sich seit dem Rummel, der um ihn gemacht wurde, einen Meter größer. Bildlich gesprochen. Selbst Verena benahm sich etwas respektvoller zu ihm. Naja, wenn selbst Bürgermeister, Staatsekretäre und der Regierende von Berlin seine Nähe suchten – das hebt gewaltig.

8. Kapitel

Dieses erhabene Gefühl ging ihm aber wieder verloren, als er den dürren Alten schon wieder draußen neben einem Straßenbaum stehen sah. Er ignorierte ihn, fragte sich aber, was das sollte. Verfolgte der ihn etwa? Ein Irrer? Berühmte Leute ziehen ja Verrückte an. Und er war ja jetzt berühmt. Er schaute sich nicht um, als er heimwärts ging, hatte aber das Gefühl, unterwegs bohrende Blicke in seinem Rücken zu spüren. Doch als er die Haustür öffnete und dabei über die Schulter schaute, war der Alte nicht zu sehen.

Er atmete auf. Ging nach oben. Packte das Eingekaufte aus und verstaute es. Ließ nur die Dose mit der Gulaschsuppe draußen. Das würde heute sein Mittagessen sein. Ausführlich studierte er nach dem Essen die mitgebrachte „XYZ“. Die Kandt hatte es wirklich fertiggebracht, ihn ihren Lesern als topfiten Alten zu präsentieren, der dank seiner glücklichen Ehe jung geblieben und daher noch zu solchen Heldentaten fähig war, wie er sie in Willenberg vollbracht hatte. „Seine junge Frau hält ihn auf Trab“, stand da beispielsweise. Dass die junge Frau inzwischen auch über Sechzig war, ging dabei unter. Typisch Boulevardpresse!

Topfit! Das sah anders aus. Die Kandt musste der Teufel geritten haben, ihn so darzustellen. Und die große Liebe in seiner Ehe hatte mit der Wahrheit überhaupt nichts zu tun

„Er würde seine Verena am liebsten auf den Händen tragen“, stand da im Zeitungsartikel. Ja, das würde er, um sie möglichst weit weg zu schleppen.

Er warf die Ausgabe in den Papierkorb neben dem Mülleimer. Ging ins Wohnzimmer und trat wieder ans Fenster. Stieß einen Fluch aus. Der Alte stand erneut gegenüber.

Simpel zog eine Jacke über und verließ die Wohnung. Seine Schritte klapperten die Treppe hinab. Er blieb einen Augenblick innen an der Haustür stehen, ehe sie öffnete, Fußweg und Straße überquerte und sich drüben dicht vor der dünnen Klappergestalt aufbaute.

„Was soll der Scheiß?“, zischte er.

Der Alte wich bis zur Hauswand zurück. Weiter ging es nicht.

Simpel presste ihn mit der Hand gegen die Wand. „Wer bist du? Was willst du von mir?“ Aber er bekam keine Antwort. Der andere blickte ihn nur seltsam an. Mit einer Mischung aus Trauer, Hass und Verängstigung.

„Na schön – dann eben so…“ Mit der freien Hand fasste Simpel in die Innentasche der offenstehenden Jacke seines Gegenübers. Zog die Brieftasche heraus. Klappte sie auf. Ein Stück Papier fiel ihm entgegen und segelte auf den Bürgersteig. Ein Stück Zeitung. Ausgeschnitten. Sein eigenes Gesicht sah ihn auf einem Foto an.

Mit etwas Mühe fischte er auch den Personalausweis des Dünnen aus dessen Brieftasche. Frank hieß der mit Vornamen. Geboren einundvierzig. Frank Fröhlich. So sah der aber jetzt nicht aus. Aber so etwas wie Genugtuung war in dessen Stimme zu hören, als der alte Mann ganz ruhig sagte: „Ich rechne noch mit dir ab!“

„Was ist hier los?“ Eine barsche Stimme hinderte Simpel den Fremden weiter in die Mangel zu nehmen. Er drehte sich um. Ein Polizeiwagen hatte am Bordstein gestoppt. Zwei Beamte standen hinter ihm und wollten eingreifen. Er ließ sein Opfer los und gab ihm die Brieftasche zurück.

„Hat er Sie überfallen?“, wandte sich der eine Polizist an Fröhlich. „Angegriffen? Belästigt?“ Der Beamte blickte Simpel grimmig an. Sein Kollege tastete schon nach den Handschellen, die hinten am Gürtel befestigt waren.

„Nein!“, sagte Fröhlich und grinste verbissen. „Alles in Ordnung. Eine kleine Meinungsverschiedenheit unter Freunden.“

„Ich kenne Sie doch“, mischte sich der zweite Beamte ein und starrte Simpel an. „Natürlich – sind Sie es wirklich?“

„Ich bin es“, sagte jener lustlos.

„Wir sehen uns!“, lächelte ihn Fröhlich an. Nutzte die Gunst der Stunde. Und huschte in ziemlicher Eile nach rechts davon.

„Wer ist der hier?“, fragte der erste Beamte, offenbar kein Leser von „XYZ“.

„Na „Adi“ Simpel – der Held von Willenberg“, lachte der andere. Und er klopfte dem Helden auf die Schulter. „Starke Leistung. Ich weiß nicht, ob ich den Mut dazu hätte.“

„Dürfen wir ein Selfie mit Ihnen machen?“, setzte er hinzu.

Sie stellten sich neben ihn und nahmen ihn in die Mitte.

Und merkten gar nicht, dass einer von ihnen auf den Zeitungsausschnitt mit dem Helden-Foto trat, der aus Fröhlichs Brieftasche gefallen war. Nur Simpel sah es.

So schnell wird man in den Dreck getreten, ging es ihm ironisch durch den Kopf.

Ohne dass er wusste, was noch kommen würde.

9. Kapitel

Es war Hinzmanns Idee gewesen, Simpel zur „Fashion Gala“ zu schleppen. Abendkleidung? Den schwarzen Anzug, weißes Oberhemd, Krawatte – das hatte die Kandt dem „Helden von Willenberg“ ausgeredet. Es wäre schließlich keine Beerdigung. Sondern ein aufregendes Event, bei dem sich die geladenen Gäste aus dem Show-Business und anderen Resten der guten Gesellschaft vergnügen würden.

„Was macht man da?“, hatte Joseph-Adolf gefragt.

„Man zeigt sich“, sagte die Kandt. „Viele von denen, die da sein werden, sind allein dadurch berühmt geworden, dass sie sich überall zeigen und man deshalb von ihnen redet. Mehr können manche auch gar nicht.“

„Ah ja!“, sagte er. Schon manches Mal hatte er sich gewundert, was für Typen im Fernsehen vorgezeigt wurden. Früher, vor langer Zeit, bewunderten die Menschen solche Leute, die etwas Hervorragendes geleistet hatten. Das waren Vorbilder für sie. Große Dichter und Denker, hervorragende Wissenschaftler. Große Schauspieler. Heute – so war sein Eindruck – beteten sie irgendwelche Nichtsnutze an, die ihre Karriere fragwürdigen Fernsehsendungen zu verdanken hatten, und ahmten sie nach. Das war jedenfalls seine Meinung. Vielleicht war er zu alt, um diese Welt zu verstehen.

Jedenfalls entschied er sich für dunkle Jeans, ein hellblaues Shirt mit dem Bild von Jimi Hendrix, das er noch aus jüngeren Jahren im Schrank liegen hatte, und seine gute schwarze Jacke darüber. Die Kandt meinte, er sehe „in“ aus damit. „Genau das Richtige“, sagte sie, als sie ihn abholte. „Nur der Blazer sieht altmodisch aus. Aber das ist andererseits recht cool und retro!“

Während sie zum wartenden Auto gingen, einem schwarzen Audi A8, fragte sie, ob seine Frau böse sei, dass sie nicht mit eingeladen worden war. Simpel murmelte, sie sei ohnehin heute etwas unpässlich und dass sie nicht der Typ sei, der zu solchen Events gehen würde, aber er wusste es besser. Sie war bei Gisbert, ihrem G‘schpusi, den sie vor zwei Jahren im Chor kennen gelernt hatte, in dem sie einmal in der Woche abends mitsang. Gisbert zeichnete sich nicht gerade durch Schönheit aus. Kahler Kopf. Abstehende Ohren. Schiefe Zähne. Aber die Frauen im Chor standen auf ihn. „Sein Schwanz ist wie eine Dampframme“, hatte die etwas altbackene Trudi gesagt, die beim Singen in der ersten Reihe stand und vor der jüngeren Verena Simpel seine Gespielin gewesen war. Joseph-Adolf scherte das alles nicht. Seine Ehe war schon seit Jahren am Ende. So sehr kaputt, dass es ihnen jetzt Mühe machte, der Presse das glückliche Paar vorzugaukeln. Aber irgendwie schafften sie diese Show.

„Hallooo“, schallte es ihm entgegen, als er sich hinten im Audi in die Ledersitze fallen lassen wollte, während die Kandt vorn neben dem Fahrer Platz nahm und ausrief: „Darf ich Ihnen Ihre Begleitung für heute vorstellen?“ Denn auf der Rückbank saß schon jemand. Eine Frau um die Fünfzig, auf blutjung getrimmt in ihrem kurzen knallroten Kleid mit bauchtiefem Ausschnitt und ebenso viel Luftfreiheit am Rücken. Verführerische rote Lippen. Blaue Augen, die an einen tiefen See erinnerten. Ein glattes Gesicht, wie es die Natur in diesem Alter nicht mehr zustande bringen würde. Als sie lächelte, verzog sich darin nicht viel.

Jede Menge Botox, dachte Joseph-Adolf, während er der Dame neben sich artig die Hand reichte. „Simpel“, stellte er sich vor. Sie erwiderte seinen Händedruck auf angenehme Art, strahlte ihn erwartungsvoll an und gab dann nach einer kurzen Pause ihren Namen preis.

„Ana Patricia“, hauchte sie. In einer Art, als müsse sie jeder kennen.

Er überlegte, wo er diesen Namen schon einmal gehört haben könnte. Aber es fiel ihm nicht ein.

„Harystbüler“, gab ihm die Kandt von vorn ein Stichwort, während der Audi losfuhr und sich in der abendlichen Reihe der Autos in der vollen Seitenstraße langsam vorwärts schob.

Ach ja – bei dem Namen fiel es ihm wieder ein. Das war ja die geschiedene Frau der Schauspiellegende Fred Harystbüler, der sich mit Fünfundsechzig eine Achtzehnjährige angelacht und seine Ehefrau ins Abseits gestellt hatte. Naja, nicht gerade ins Elend. Sie hatte ihn vors Gericht gezerrt und einige Millionen von seinem Geld einsacken können. Obwohl sie nur die Ehefrau und Hausfrau gewesen war, stellte sie jetzt immer noch etwas dar. War alle Nasen lang auf gesellschaftlichen Events zu sehen, wo sie im Fernsehen interviewt wurde, wenn sie auf dem Red Carpet erschien, dem roten Teppich, oder sich in Partylaune zu Themen äußerte, von denen sie nichts verstand. Nannte sich jetzt Designerin. Neuerdings sang sie auch. Hatte eine Single aufgenommen, die wie Blei in den Läden lag.

„Darf ich Sie heute an meiner Seite sehen?“, Ana Patricia rückte näher. Ihr Parfüm roch gut. Sie tätschelte Joseph-Adolfs Hand.

„Warum nicht!“, sagte er wortkarg. Möglicherweise lag seine Zurückhaltung auch in seinen Kopfschmerzen begründet, die seit dem „Ereignis“ – wie er das Geschehene in Willenberg selbst nannte – nicht weggegangen waren. Die Verletzungen am Kopf und vermutlich auch die Gehirnerschütterung machten sich noch bemerkbar.

Sie schwiegen sich an, bis sie am Ort des festlichen Ereignisses angekommen waren. Auch die Kandt hielt den Mund, so gern sie sonst redete. Sie wirkte müde. Und der Fahrer, ein Mann mittleren Alters im dunklen Anzug, sagte sowieso nichts.

Das Hotel, in dem die „Fashion Gala“ stattfand, hatte einen guten internationalen Ruf. Es lag in der City West. Präsidenten und Königliche Hoheiten wohnten hier schon, wenn sie in der deutschen Hauptstadt weilten. Stars sowieso. Und heute war auch wieder ein großer Herdenauftrieb von A-, B- und C-Promis. Das Event fand anlässlich einer Modewoche statt, die heute gerade zu Ende gegangen war. Eine letzte Gelegenheit - vor der nächsten Gelegenheit - sich zu zeigen, unter sich zu sein und Presse, Funk und Fernsehen neue Bilder und Statements zu schenken, die Susi und Max Mustermann gierig in sich aufsaugen würden.

10. Kapitel

Die Fans und Groupies drängten sich hinter den Absperrseilen, als Ana Patricia, Joseph-Adolf und die Kandt vorfuhren. Die Leute schrien und kreischten, weil gerade zuvor ein gealterter Star über den roten Teppich gehumpelt war. Der meiste Radau galt allerdings dessen neuer Freundin, die früher niemand gekannt hatte und die jetzt plötzlich in aller Munde war. Als die Neuankömmlinge ausstiegen, Ana Patricia zuerst, dann Simpel und die Kandt, da ging das Geschrei von Neuem los.

„Ana, Ana…“ Es ging durch Mark und Bein. Die Leute hinter den Seilen hatten teilweise ihre erste Jugend hinter sich gebracht. Und neben ihnen tobten auch die Kücken, die zur Schule gingen und noch feucht hinter den Ohren waren. Jetzt waren sie ganz feucht nach VIPs.

„Ana, Ana…“ Und als Joseph-Adolf erkannt wurde, schrie es aus der Menge, wenn auch recht dünn: „Adi, Adi…“ Der Chor vereinte sich schließlich zu einem rhythmischen „Ana, Adi – Ana, Adi…“ Dem Helden von Willenberg lief es kribbelnd über den Rücken herab. Aber er genoss es.

Ana Patricia nahm ihn an der Hand, als sei das eine Selbstverständlichkeit, und zerrte ihn lustvoll auf den roten Teppich, auf dem eben noch eine Sportlegende mit seiner neuen Flamme posiert hatte. Sie machten einige Schritte vorwärts und blieben dann vor der großen Wand mit den Logos der Sponsoren des Abends stehen. Ana Patricia winkte und lachte in die Kameras, während Simpel aufgrund des Blitzlichtgewitters erstarrte. Als Fotograf hatte er zweimal eine ähnliche Szene auch schon erlebt. Aber auf der anderen Seite des Teppichs. Hinter der Kamera. Jetzt zeigten die Objektive auf ihn. Verschlüsse klickten. Licht blendete seine Augen.

„Lächeln!“, zischte Ana Patricia, zeigte ihre blendend weißen Zähne und legte ihre Hand liebevoll auf Joseph-Adolfs Schulter. Wandte den Kopf. Er spürte ihre Lippen auf seiner Wange und war verdutzt über diesen gehauchten Kuss. Sie verharrte in dieser Pose, bis sie annahm, dass auch der letzte Fotograf und alle Kameras der Fernsehteams davon genug aufgenommen hatten. Dann griff sie wieder nach seiner Hand, um ihn wegzuziehen und Platz zu machen für einen Comedian, der mit einem grellen Hut und einer mit Würfeln übersäten Hose diese Bühne der Eitelkeiten betrat.

„Sekt, Orangensaft, Wasser?“ Junge Damen, nett anzusehen in ihren blau-weißen Kleidern, hielten den Eintretenden Welcome-Drinks entgegen. Eine andere Dame, in dunkelblauem Kostüm, hielt sie kurz auf, um ihnen ein pinkfarbenes Band ums Handgelenk zu legen. Damit sie sich vom popligen Volk der normal im Haus eingecheckten Hotelgäste unterschieden, die natürlich nicht an dieser speziellen Abendveranstaltung in den drei Sälen des Gebäudes teilnehmen durften. Auch in den Gängen, an den Saaleingängen und drinnen sowieso blitzte es unaufhörlich, liefen junge Männer mit Videokameras auf der Schulter und junge Damen mit Mikrofonen in der Hand umher.

„Wie lange kennen Sie sich schon?“, „Hat dieser Mann Ihr Herz erobert?“, „Was schätzen Sie an Adi Simpel?“ Von allen Seiten prasselten Fragen auf sie herab, nachdem sie entdeckt worden waren. Die meisten musste die geschiedene Harystbüler beantworten. Auch ob sie noch ihrem früheren Mann nachweine. Ob der prozessieren wolle, nachdem sie in einer „Brisant“-Sendung ein paar recht hässliche Bemerkungen gemacht hatte. Ana Patricia zog sich jedes Mal mit ein paar nichtssagenden Floskeln aus der Affäre und schob dann Joseph-Adolf vor die Kameras und Mikrofone. „Das ist der Mann des Tages!“, sagte sie professionell bescheiden. „Ich bin ihm dankbar, dass er mich mit hierher genommen hat. Ich bewundere ihn so sehr.“

Simpel, der nicht wusste, wie ihm geschah, stotterte ein paar Worte in die Mikrofone.

Auf die Frage, weshalb er mit Ana Patricia und nicht mit deiner Ehefrau Verena hergekommen sei, wusste er nicht viel zu sagen. „Sie fühlt sich nicht“, lautete seine lahme Antwort.

„Würden Sie solch eine Heldentat noch einmal begehen?“, fragte eine kleine Blonde von RTL. Aber sie wartete die Antwort nicht ab, sondern stürzte mit allen anderen davon und auf einen neuen Gast zu, der die Meute mit einem gewinnenden Lächeln um sich scharte. „Der Brexinger“, flüsterte Ana Patricia in Simpels Ohr. Der zuckte die Achseln. Er hatte keine Ahnung, wer das sein sollte.

„Bester Darsteller bei den Serienschauspielern“, zischte sie. „Hat neulich die Goldene Kamera bekommen. Ist jeden Nachmittag im TV zu sehen. Verdammt, schauen Sie sich so was gar nicht an?“

Er hatte einmal eine Folge gesehen. Nicht mal bis zu Ende. Schwachsinn für geistig Armselige. Wahrscheinlich würde das jahrelang laufen bis zur zweitausendsten Folge. Da wäre er längst tot. Ein Trost, dass es im Grab keine Glotze gab. Überhaupt kein Fernsehen. Im Himmel auch nicht. Vielleicht in der Hölle. Dort soll es ja wesentlich fetziger zugehen.

Nachdem sich die Pressemeute nicht mehr für sie beide interessierte, verabschiedete sich Ana Patricia mit ein paar dürren Worten von ihm. Plötzlich stand er allein da neben einem kleinen runden Stehtisch, auf dem andere Gäste ihre leeren Sektgläser abgestellt hatten. Überall standen Grüppchen zusammen. Leute, die sich kannten oder kennenlernen wollten. Simpel kannte niemand. Und er wollte auch niemand kennenlernen. Er griff sich bei einem vorbeikommenden Servierer ein Glas Sekt vom Tablett und verzog sich in die hinterste Ecke des Saales an einen leeren Tisch. Jemand vom Personal bot ihm Häppchen an. Er nahm sich zwei und mampfte vor sich hin. Auf einer Bühne an der Seite des Saales hatten sich drei Musiker zu ihren Instrumenten gesellt. Sie spielten etwas. Aha, sie üben noch, dachte Simpel und nahm einen Schluck aus dem Sektglas. Aber als einer von den Dreien auch noch sang, wusste er, dass diese Katzenmusik ernst gemeint war. Er lehnte sich zurück und überlegte, was er hier sollte. Zuhause wäre es gemütlicher gewesen. Als Fünfundachtzigjähriger brauchte er Nestwärme.

Die hatte er schon als Kind benötigt und bekommen, so schlecht die Zeiten gewesen waren.

PLAYBACK

Das Gestern ist nie vorbei, auch wenn man das noch so fest glaubt

„Ich heiße Joseph-Adolf Simpel…“

„Joseph“, der Vornahme des Reichspropagandaministers, und „Adolf“, der Name des „Führers“ – das schien meinen Eltern genau das Richtige für mich zu sein. Denn ich wurde am 20. April geboren, dem Geburtstag Adolf Hitlers, und sie waren beide überzeugte Nationalsozialisten. Entsprechend spiegelte sich das in meiner Kindheit wider. Ich wuchs als Joseph-Adolf Simpel auf.

Die Lieder, die ich noch kenne und deren Melodie und Text ich noch mit 85 Jahren bis ins Detail beherrsche, stammen auch aus dieser Zeit, die längst vergangen ist. Von unserer Nationalhymne, die genau genommen nur die dritte Strophe des verpönten „Deutschlandliedes“ ist, kenne ich kaum eine Zeile – dafür umso besser die heute verbotene erste Strophe „Deutschland, Deutschland über alles“, die in meiner Kindheit von meinen Eltern inbrünstig gesungen wurde.

Ich brauche nur die Augen zu schließen und daran zu denken, wie ich an ihren Händen auf meinen dünnen Beinchen durch den Täubchenweg in Leipzig spaziert bin, und schon sehe ich vor mir, wie uns die Hitlerjugend entgegenkam, in ihrer Kluft, singend und trommelnd. Und da höre ich – ein Dreivierteljahrhundert später – immer noch ihren Gesang in meinem Kopf, das Lied „Unsere Fahne flattert uns voran“.

Meine ganze erste Kindheit ist von Adolf Hitler mitgeprägt gewesen. Er war - so entnahm ich den Gesprächen der Erwachsenen – jemand, der schützend seine Hand über uns hielt. Eine übermächtige Kraft, die von „der Vorsehung“ dazu ausersehen worden war, unsere Geschicke zu lenken und zu bestimmen. Unser „Führer“! Ich wuchs mit dem Glauben an die Unfehlbarkeit und Allmächtigkeit Adolf Hitlers auf, weil meine Eltern oft darüber miteinander sprachen. Sie glaubten unbesehen an den GRÖFAZ, den „größten Führer aller Zeiten“.

Mein Vater war aus Glauben an den „Führer“ in die NSDAP eingetreten. Auf Fotos, die ich noch von ihm habe, prangt an seinem Jackenrevers ein enorm großes Parteiabzeichen mit dem Hakenkreuz, auf das jeder immer zuerst starrt, ehe er sich das Bild richtig ansieht. Er war von Beruf Buchhalter und hatte nach der Weltwirtschaftskrise 1928 seine Arbeit verloren. Danach war er viele Jahre arbeitslos. Wenn ich mich nicht irre, hat schon 1931 die Arbeitslosenzahl bei mehr als 5 Millionen gelegen, später stieg sie noch an. In Deutschland herrschten Chaos und Elend. Die unterschiedlichen Parteien bekämpften sich bis auf Messer, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Lösungen für eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der Menschen, vor allem für Arbeitsbeschaffung für die verelendeten Massen, hatte jedoch keine zu bieten.

Es war Hitler, der den Menschen Brot und Arbeit, Beseitigung des Elends und der Not versprach. Seine Partei führte Spendensammlungen durch und finanzierte damit Einrichtungen und Heime, in denen Arbeitslose kostenlos Unterkunft und Essen bekamen. Damit fing sich die NSDAP unzählige neue Mitglieder ein, die hofften, nach einer Machtergreifung des „Führers“ würde endlich alles besser für sie werden. Auch mein Vater hat das geglaubt. Allerdings trat er erst nach 1933 in die Partei ein, also nachdem die Nationalsozialisten die Macht ergriffen hatten – er war halt ein Mitläufer, nach 1945 wurde er „entnazifiziert“, und dann dauerte es gar nicht lange und er war Mitglied der SPD und bald der SED. Jedenfalls bekam er unter Hitler wieder Arbeit, konnte dadurch wieder finanziell auf festen Beinen stehen und wem – so glaubte er – hatte er das zu verdanken? Richtig. Es ist typisch, dass in jenen Jahren in Fabriken und auf Baustellen überall große Plakate zu sehen waren, auf denen geschrieben stand: „Dass wir hier arbeiten, verdanken wir dem Führer!“

Der Verführer

Hitler führte auch eine Reihe sozialer Maßnahmen ein, die besonders den sogenannten kleinen Leuten zugutekamen. Dass er vorgaukelte, angeblich die Klassenschranken im Volk beseitigen zu wollen, um so einen „sozialen Staat“ zu schaffen, brachte ihm viele Punkte ein. Dabei war das natürlich nur gedacht fürs dumme Volk. Die Nazis führten das Kindergeld ein und das tarifliche Urlaubsgeld. Sie schufen einen weitgehenden Mieterschutz und entlasteten alle mit geringeren Einkommen steuerlich. Es stimmt nicht, was man uns nach dem Krieg in der DDR erzählt hat, dass die Mehrheit des deutschen Volkes von Anfang an gegen Hitler gewesen sei.

Hitler wusste, was der kleine Mann aus dem Volke außerdem noch wollte. Etwas, das dem persönlichen Ehrgeiz des deutschen Michel schmeichelte. Womit er sich selbst den Bauch pinseln konnte. Eine Position, die ihn hervorhob aus der Bedeutungslosigkeit. Ein Amt oder einen Posten. Eine Uniform. Schulterstücke. Tressen. Einen Titel. Einen Orden. Der „Führer“ gab es ihnen. Die Jugendlichen wurden Fähnleinführer, die Älteren Blockwarte, Amtswalter oder politische Leiter. Der eine wurde z.B. Gausachbearbeiter – der andere Untertruppführer. Frauen bekamen das Mutterkreuz. Natürlich war das psychologisch geschickt durchdacht. Mein Vater war bei einem Unfall schwer verletzt worden. Er hatte ein großes Loch in der Hüftgegend und musste ein spezielles Bruchband tragen. Das hinderte den „Führer“ nicht, ihn bei Kriegsbeginn zu den Fahnen zu rufen. Er diente als Zivilangestellter bei der Wehrmacht, landete in einem kleinen Nest in Belgien, wo er die Belange des Deutschen Reiches verwaltete, war dort „wer“ und durfte eine Pistole sowie Handgranaten bei sich tragen. Ich weiß nicht, was für eine Position er dort hatte - er hat nie darüber gesprochen. Nach dem Krieg schickte ihm der Ort, in dem er stationiert war, ein Schreiben, das zu seiner Entnazifizierung beitrug. Er hat wohl verhindert, dass der Ort bei den Kämpfen vor dem Abzug der Wehrmacht Schaden genommen hat. Jedenfalls sieht man ihn auf Fotos von damals immer in Zivil gemeinsam mit uniformierten Wehrmachtsoffizieren sitzen, schicke Sekretärinnen an der Seite der Männer. In seiner Dienststellung hatte er eine relativ niedrige Position inne, aber immerhin eine Position. So etwas und diverse Abzeichen, Orden, Ämter und Ränge streichelten das Selbstwertgefühl des einfachen deutschen Volksgenossen – viele waren auf einmal das, was sie ein Leben lang nie zuvor gewesen waren: der Kamerad Wichtig! Und das verdankten sie dem „Führer“. Und weil der „Führer“ das so gut gemacht hatte, würde er auch alles andere gut hinbekommen. So rauschten die Deutschen, und mit ihnen meine Familie, mit vollen Segeln in einen verbrecherischen Krieg.

Mein Vornamens-Vetter Goebbels schrieb noch Ende 1944 in der Zeitung „Das Reich“: „Hitler ist die größte unter den Persönlichkeiten, die heute Geschichte machen. Ihnen allen steht er weit voran in der Voraussicht der Dinge, die kommen...Er hat den sechsten Sinn, das heißt die Gabe, zu sehen, was den Augen anderer Menschen verborgen bleibt...“