3,49 €
Eine mörderische Angelegenheit - so bezeichnet der frischgebackene DDR-Journalist Thomas Webb seine Arbeit in einem SED-Verlag, in dem er 1987 aushilfsweise gegen seinen Willen von der Partei eingesetzt worden ist. Ein Serienmörder, der "Sonntagabend-Mörder", hat sich Mitarbeiter des Verlags für Propaganda, Agitation und Information als Opfer ausgewählt. Ist der Täter einer von ihnen? Oder hat hier der böse Klassenfeind aus dem Westen seine Hand im Spiel? Beides fragt sich nicht nur die Stasi. Und letztlich kann sich auch Thomas Webb gerade noch seiner Haut wehren, um zu überleben. Auch durch seine Affäre mit der schönen, aber verheirateten Isabella hat Webb einige Probleme.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 353
Veröffentlichungsjahr: 2022
Jan Gillsborg
Auch sterben kann sehr tödlich sein
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
PROLOG
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL DREIUNDZWANZIG
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
DREISSIGSTES KAPITEL
EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL
ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL
FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL
SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL
SIEBENUNDDREISSIGSTES KAPITEL
EPILOG
NACHWORT DES AUTORS
VOM GLEICHEN AUTOR NOCH ERSCHIENEN:
Impressum neobooks
Der Nebel an diesem Abend war so dicht, dass Börner dachte, man könnte den Fog in Scheiben schneiden. Der dicke Dunst hüllte alles ein – die Büsche und Bäume im Park, die Statue links im Hintergrund, die einsame Laterne am Wegesrand und auch die schemenhafte Gestalt, die sich dem Wartenden langsam näherte.
„Bist du das?“, fragte Börner zögernd, versuchte mit seinen Blicken den Nebel zu durchdringen und zog den Kragen seiner Jacke fröstelnd etwas dichter am Hals zusammen.
„Wer sonst!“, sagte der Andere. Er trat näher und wurde zu einer erkennbaren Gestalt, die sich dicht vor Börner aufbaute. Beide waren jetzt einander so nahe, dass sie sich hätten berühren können.
„Ich warte schon seit einer halben Stunde“, Börners Ton klang vorwurfsvoll und etwas zänkisch. „Ich hoffe, das Herumstehen hat sich gelohnt. Mit mir kannst du das nämlich nicht machen. Du weißt, was für dich auf dem Spiel steht. Hast du was für mich?“
„Aber ja doch!“, lachte der Ankömmling. „Genau das, was du verdient hast…“ Seine Hand schoss nach vorn, und Börner sah die Klinge im matten Licht aufblitzen, ehe er begriff, was geschah.
„Arschloch!“, sagte der Mörder einige Minuten später und blickte auf das Bündel, das auf dem Sandboden des Parks vor ihm lag. Er holte mit der Linken eine Plastiktüte aus seinem Mantel. Verstaute in ihr das blutige Messer. Steckte die Tüte in die Manteltasche. Bückte sich und griff in die Jackentasche des Toten. Nahm aus ihr einen Ausweis heraus und steckte ihn ein. Blieb noch einen Moment reglos stehen, um zu horchen, ob jemand in der Nähe war. Nichts. Kein Geräusch. Er war mit seinem Opfer hier allein.
Zufrieden lächelte er. Das hatte gut geklappt. Den war er los. So ein Idiot, sich mit ihm anzulegen. Er holte tief Luft. Drehte sich abrupt herum. Schlenderte geradezu langsam davon. Wie jemand, der sehr zufrieden mit sich ist.
Der dichte Nebel verschluckte den Mörder schon nach Sekunden.
Und auch Börners Leiche wurde vom weißen Dunst zugedeckt.
Es war der Rentner Hubert Haase, der den Toten fand. Genaugenommen war es sein Hund Günther gewesen. Der rannte nämlich plötzlich beim abendlichen Gassi-Gehen los und verschwand im Nebel. Hätte ich ihn bloß mal an die Leine genommen, dachte Haase. Dann hörte er Günther winseln und jaulen. Ging diesen Tönen nach. Und fand den Hund schnüffelnd an einem Etwas, das da am Erdboden lag.
Hubert Haase brauchte einige Minuten, ehe er begriff, was sie da entdeckt hatten. Einen Toten. Etwa vierzig, fünfundvierzig. Mit erstauntem Gesicht und gläsernen Augen zu ihm emporblickend. Windjacke, Cordhose, Halbschuhe und ein helles Hemd, auf dem sich in der Herzgegend ein Blutfleck ausbreitete. Mehr konnte Haase im Halbdunkel nicht erkennen, als er sich zu der Leiche hinabbeugte und Günther daran hinderte, weiter an dem Toten herumzuschnuppern.
„Mein Gott!“, entfuhr es dem Rentner, als ihm bewusst wurde, was hier los war. Er nahm Günther an die Leine und eilte mit ihm zum Ausgang des Parks, wo sich eine Telefonzelle befand. „Fasse dich kurz“, stand an ihr auf einem Schild.
Daran hielt sich Hubert Haase auch. Er wählte die 110, und als sich die Volkspolizei meldete, schilderte er kurz und knapp den Sachverhalt. Es vergingen höchstens zehn Minuten, bis er schon von weitem das Blaulicht auf einem näherkommenden Auto sah. Dann hielt der Toni-Funkwagen der VP neben der Telefonzelle.
„Volkspolizei-Meister Wagner“, sagte einer der beiden Uniformierten, die zu ihm traten. „Sie haben einen Toten gefunden?“
Der Rentner führte ihn zur Stelle, an der die Leiche lag. Mit seiner Taschenlampe leuchtete der Volkspolizist dorthin, wo der verkrümmte Körper eines Menschen lag. Dann wandte VP-Meister Wagner den Kopf zu seinem Funkgerät, das an einem Riemen seitlich an der Schulter seiner Uniformjacke befestigt war.
„Die MUK muss her, einschließlich der Techniker der operativen Einsatzgruppe“, gab er seinem Genossen im Toni-Wagen durch. „Informiere bitte gleich die Zentrale.“
Und zu Hubertus Haase: „Sie müssen noch hierbleiben. Die Genossen brauchen Ihre Aussage. Inzwischen können Sie auch mir schon sagen, wie Sie heißen und wer Sie sind…“
Der Rentner nickte beglückt. Das war doch mal was! Seine Freunde bei der wöchentlichen Skat-Runde im Klub der Volkssolidarität würden riesengroße Augen machen, wenn sie erfuhren, was er und Günther heute erlebt hatten.
Was für ein zufriedenstellender Abend.
Na gut – der Tote würde es vielleicht anders sehen!
Nachdem ich zweimal um den Häuserblock fuhr, war ich mir sicher, dass ich verfolgt wurde. Sie saßen in einem hellgrauen Wartburg 353, der hinter mir her war wie Hatscheks Hund hinter einem Wurstzipfel. Seufzend gab ich das Spielchen erst mal auf und bog in die Greifswalder Straße ein. Die Verkehrsampeln waren schon ausgeschaltet – auf den Kreuzungen der Magistrale zur Innenstadt Ostberlins standen Verkehrspolizisten in weißen Mänteln, die mit ihren schwarz-weißen Stäben die Fahrbahn freigaben. In Wirklichkeit waren diese Uniformierten keine „Weißen Mäuse“ der Volkspolizei, sondern Angehörige der Staatssicherheit. Sie sollten den Verkehr so regeln, dass jetzt um diese Zeit, am Nachmittag, die Politbüromitglieder in ihren extralangen schwarzen Volvos auf ihrem Heimweg vom „Großen Haus“, dem Gebäude des ZK der SED, in ihr Ghetto in der Waldsiedlung Wandlitz ohne jeden Halt vorbeibrettern konnten. Ich blickte beim Vorbeifahren einen der jungen Männer in der Uniform der Verkehrspolizei an. Ja - Stasi, dachte ich. Und die Burschen, die hinter mir her waren, gehörten mit ziemlicher Sicherheit zum gleichen Verein.
Ich wusste nur nicht, weshalb sie mich verfolgten. Ich hatte ein reines Gewissen. Obwohl das in der Diktatur des Proletariats nicht unbedingt etwas zählen mochte. Ein politischer Witz, den falschen Leuten erzählt. Mit einer Verwandten in Westberlin telefoniert. Zu einem Konzert in die Kirche gegangen. Das würde schon reichen, um jemanden ans Kreuz zu nageln.
Nur erzähle ich aus Prinzip nie Fremden politische Witze. Ich hatte auch keine Verwandten in Westberlin oder sonstwo im Westen. Und in der Kirche bin ich zum letzten Mal als Baby gewesen, als mir der Pfarrer dieses Wasser auf den Kopf gespritzt hat. Ich bin kein Dissident, kein Oppositioneller, keiner, der am Stuhl der Partei sägt, sondern ein hoffnungsvoller junger Genosse der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland. Der SED! Na gut, manchmal meckere ich herum, weil in diesem Land vieles schlecht ist. Aber ich kratze nicht am System. Obwohl in der DDR manches fragwürdig und verbesserungsbedürftig ist, würde ich meinen Staat nie verlassen. Weshalb also war die Stasi hinter mir her? Womit hatte ich Erich Mielkes Schnüffler an der Galle gekitzelt?
Es war mir schon in den letzten Tagen aufgefallen, dass gewisse Kreise neuerdings an mir Interesse zeigten. Die alte Paschke aus unserem Haus hatte mir erzählt, sie hätte Besuch gehabt. Von zwei Herren, die sich nach mir erkundigt hätten. Und auch Lehmann aus dem Zigarrenladen im Erdgeschoss hatte gepetzt – dass nämlich auch bei ihm jemand aufgetaucht war, um sich über mich und meine Gewohnheiten zu informieren.
Was dahinter steckte, war mir rätselhaft. Ich habe keinen Ausreiseantrag gestellt und auch nicht gegen Gesetze der DDR verstoßen. Es machte mich unruhig, dass offenbar die Staatsmacht an mir mehr Interesse zeigte, als mir lieb sein konnte.
Mein Name ist Thomas Webb. Bis vor einem Jahr noch habe ich Journalistik in Leipzig studiert. Nach dem Diplomabschluss wurde ich bei der Zeitschrift „Für mich“ in Berlin als Mitarbeiter eingesetzt. Journalistik-Studenten können sich in der DDR nicht ohne weiteres ihren künftigen Job aussuchen. Die Abteilung Agitation im Zentralkomitee der SED spricht ein entscheidendes Wort mit, wohin man kommt. Denn die Genossen im „Großen Haus“ sehen in uns nicht die objektiven Berichterstatter, sondern den verlängerten Arm der Partei. Ich hatte mir das früher mal alles anders vorgestellt, als ich Journalist werden wollte. Wollte die Welt bereisen. Über alles frei meine Meinung verkünden. Mich nur der Wahrheit verpflichtet fühlen und nur der Wahrheit. Wollte Ungerechtigkeiten aufdecken und aufsehenerregende Reportagen schreiben. Aber als ich meinen Abschluss als Diplomjournalist in der Tasche hatte, war ich nur zum Marktschreier der SED geworden.
Die „Für mich“ war eine Zeitschrift, die sich vorwiegend an Frauen wendete, aber die auch von Männern gern gelesen wurde. Eine bunte Zeitschrift, die sich zwar streng an die Linie der Partei hielt, aber unter ihrer Chefredakteurin auch möglich machte, interessante Aspekte des Lebens in unserer Republik zu schildern. Ich kam in ein gutes Kollektiv, in dem die Frauen in der Überzahl waren. Redakteurinnen, Reporterinnen, Fotografinnen. Und eine Handvoll Männer, die auch viel von ihrem Job verstanden. Ich arbeitete mich schnell ein. Einige Kolleginnen und Kollegen standen mir auch persönlich mit Rat und Tat zur Seite, als mich meine Frau verließ, und trösteten mich arme Seele. Meine Gattin hatte einen Kerl kennengelernt, der reich geerbt hatte. Für mich hieß das dann: Aus die Maus! Ich hatte meine Frau während des Studiums kennengelernt und mich damals in sie verliebt. Sie studierte auch an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Nicht wie ich Journalistik, sondern Germanistik. Vor Gericht gab sie als Scheidungsgrund an, ich hätte ein Verhältnis mit einer Kommilitonin gehabt und sie betrogen. Das war stark übertrieben. Sowohl die bewusste attraktive Studentin als auch ich hatten bei einer Feier an der Uni einfach nur zu tief in die Flasche geguckt und danach Lust auf ein bisschen Sex gehabt. Wir wurden ebenso schnell und problemlos geschieden wie wir ratzpatz geheiratet hatten. In der DDR brauchte man dazu keinen Rechtsanwalt. Man ging zum Gericht, sagte „ich will nicht mehr mit dem oder mit der“, und eins, zwei, drei war man wieder ledig. Jedenfalls war ich nach dem Fehltritt und der Scheidung wieder allein und mied seitdem die holde Weiblichkeit wie der Teufel das Weihwasser. Ausnahmen bestätigten die Regel.
Jetzt war ich auf dem Weg in die Redaktion. Der Motor meines gebrauchten Trabbi schnurrte wie ein Uhrwerk, als ich durch die Greifswalder Straße Richtung Alexanderplatz fuhr. Ab und zu warf ich einen Blick in den Rückspiegel. Sie hingen immer noch an mir dran wie Kletten. Als ich über die Kreuzung Dimitroffstraße rauschte, hob der weißgekleidete Uniformierte seinen Zebrastab. Doch der Wartburg hinter mir blinkte zweimal mit seinen Scheinwerfern und da ließ ihn der Verkehrsposten noch hinter mir durch.
Ich fuhr nicht direkt zum Berliner Verlag, in dem sich die Redaktion der „Für mich“ befand, sondern bog am Alex schwungvoll rechts in eine Seitenstraße beim S-Bahn-Bogen ein. Dort gab es zahlreiche schräge Parkstreifen, bei denen ich mich einordnete. Ich ließ den Motor laufen und wartete.
Prompt kam der Wartburg 353 um die Ecke. Er wurde langsamer. Dann scherte auch er in einen der Parkplätze ein.
Ich öffnete die Fahrertür. Kletterte aus dem Trabbi. Der Motor lief immer noch.
Aus dem Wartburg stiegen zwei Männer aus. Etwa dreißig. Handgelenkstaschen. Kurzer Haarschnitt. Scheinbar gleichgültige Gesichter, die sie von mir abwandten, als sie auf den Bürgersteig traten. Sie blieben stehen und warteten ab.
Ich tat das nicht. Sprang wieder ins Auto. Tür zu. Rückwärtsgang rein. Und raus aus dem Parkstreifen. Dann Vollgas und weg. Ich sah nur, wie beide Kerle kehrt machten und auf ihren Wagen zustürzten. Aber ich war schon um die Ecke in der nächsten Straße, ehe sie ihren Motor gestartet hatten.
Ich fuhr einmal um den Häuserblock und parkte dann wieder dort, wo ich zuvor gestanden hatte. Von meinen Verfolgern war nichts mehr zu sehen.
Ich ließ meinen Trabbi stehen, wo er war, griff nach meiner Tasche und spazierte gemütlich die wenigen Meter hinüber zum Berliner Verlag.
Als ich in der dritten Etage des Verlags ankam, stürzte in der Redaktion schon die dicke Banz, eine Kollegin aus dem Ressort Wirtschaft, auf mich zu. „Wo bleibst du denn? Wir suchen dich alle!“
Erstaunt blieb ich stehen. „Was ist denn los? Hab‘ ich was angestellt?“
„Die Chefin verlangt nach dir“, sagte sie.
Mir blieb fast das Herz stehen.
Hatte ich etwas verbockt?
Josephine Kant war schon seit acht Jahren Chefredakteurin der „Für mich“. Die Genossin galt als linientreu, durchsetzungsfähig bis zum Geht-nicht-mehr, penibel, streng, aber auch als verständnisvoll für die Belange ihrer Mitarbeiter. Sie residierte nicht im Großraumbüro, sondern in einem Zimmer am Ende des langen Ganges, der sich über die ganze Etage entlang zog.
Ich klopfte etwas zaghaft an.
„Komm rein!“, ihre Stimme klang immer ein bisschen heiser. Sie qualmte wie ein Schlot. Vor ihr stand ein voller Aschenbecher. Das Zimmer war spartanisch schlicht eingerichtet. Schreibtisch mit Stuhl dahinter und davor. Zwei Aktenschränke. Ein Glasschrank mit irgendwelchem Zeug darin. Eine Zimmerpalme. An der Wand Womackas Bild „Paar am Strand“. Kein Honecker und kein Stoph im vergoldeten Rahmen. Als gäbe es beide nicht. Jedenfalls hier nicht in diesem Raum.
Nachdem ich in das Allerheiligste eingetreten war, bemerkte ich, dass die Chefin nicht allein war. Am Fenster stand ein Mann im grauen Anzug, der mir den Rücken zukehrte. Er wandte sich mir zu, als ich nähertrat und Josephine Kant mich mit einer Handbewegung aufforderte, vor ihrem Schreibtisch Platz zu nehmen. Ich setzte mich mit weichen Knien. Was ging hier ab? Ich wusste, wer der Typ war. Schmales Gesicht. Scharfe Augen. Nach hinten gekämmtes Haar. Parteiabzeichen am Revers.
„Den Genossen Forster kennst du ja schon“, sagte die Kant, griff nach einer Schachtel „Duett“, die vor ihr lag und zündete sich eine Zigarette an. „Schließlich hat er dich in Leipzig dazu verdonnert, in unserem Weiberladen anzufangen.“ Sie lachte bronchitisch rasselnd über ihre Bemerkung, mit der sie mich auflockern wollte, weil sie merkte, dass ich völlig verkrampft vor ihr saß und kurz davor war, mir vor Beklemmung in die Hosen zu machen.
Der Genosse Forster also. Von der Abteilung Agitation im ZK der SED. Der beim Einsatzgespräch nach dem Diplom das Sagen gehabt hatte, wohin einen die Partei künftig verfrachten wollte. Zu einer Betriebszeitung in Posemuckel oder zu einer großen Illustrierten in der Hauptstadt der DDR. In die Lokalredaktion eines SED-Bezirksblattes oder in den Großraum der staatlichen Nachrichtenagentur der DDR.
Ich hatte gar nicht nach Berlin gewollt, sondern wäre gern in Leipzig bei der „LVZ“ geblieben. Bei der „Leipziger Volkszeitung“ hatte ich, nachdem ich in Eggesin den „Ehrendienst“ in der Nationalen Volksarmee absolvierte, mein Praktikum gemacht und für das Blatt auch während des Studiums auf Honorarbasis regelmäßig irgendwelche Beiträge geschrieben. Über Theateraufführungen, fleißige Werktätige in verschiedenen Leipziger Betrieben sowie große und kleine Kulturveranstaltungen in der Messestadt. Natürlich hatte ich mich angesichts des Honorars auch nicht geekelt, politischen Schrott zu verfassen, wenn man es von mir verlangte. „Dieter wird Soldat auf Zeit“ oder „Wo ein Genosse ist, da ist die Partei: Heinz Willert wird Kandidat der SED“. Beiträge, die ich zwischen den Vorlesungen und Seminaren mühelos aus den Ärmeln schüttelte. „Polit-Porno“ hat mal ein Hausbewohner verächtlich dazu gesagt, als er mitbekam, dass der Schund auf der Stadtseite seiner Zeitung von mir stammte. Natürlich kann ich auch anders, und das bewiesen andere Artikel in der „LVZ“, die aus meiner Schreibmaschine kamen.
Hier in Ostberlin, bei der „Für mich“, zu der mich der Wind und der Genosse Forster katapultiert hatten, wurden zwar auch Porträts über vorbildliche Frauen und Männer geschrieben, aber da verlangte Josephine Kant wesentlich mehr als politische Floskeln und Parteikauderwelsch. Dass ich dazu in der Lage war, bewiesen in den letzten Monaten einige Beiträge von mir über Frauen in der Landwirtschaft oder über eine kinderreiche Familie, in der die Mutter trotz ihres Berufs alles andere stemmte, weil sie von ihrem ebenfalls berufstätigen Mann gut unterstützt wurde. Um nur zwei Beispiele für meine Arbeiten zu nennen!
„Genossin Kant ist mit dir sehr zufrieden“, sagte denn auch Forster zu mir. „Du hast dich gut eingearbeitet. Auch die Parteigruppe hat an dir nichts auszusetzen. Trotzdem werden wir dich sofort aus dem Kollektiv der „Für mich“ herausnehmen…“
Er redete weiter, aber mir war, als hätte ich einen Schlag in die Magengrube bekommen. Sie wollten mich nicht mehr? Was konnte der Grund sein? Ich war mir keiner Schuld bewusst.
„Genosse Webb – hörst du noch zu?“
„Entschuldigung!“, sagte ich leise. „Ich komme da nicht mit.“
„Du musst woanders sozialistische Hilfe leisten“, erklärte mir die Chefin. „Wie Genosse Forster eben sagte, wird im parteieigenen Verlag für Propaganda, Agitation und Information dringend ein guter Journalist benötigt, weil es dort…tja…“ Sie stockte.
„Zwei Abgänge gegeben hat“, setzte Forster fort, „plötzliche Todesfälle. Außerdem soll ein weiterer Genosse in einigen Wochen zu uns ins ZK berufen werden. Es fehlt also dort an guten und zuverlässigen Mitarbeitern. Die Abteilung, die es betrifft, arbeitet an einer wichtigen Broschüre, auf die unser Genosse Erich Honecker persönlich Wert legt. Ein Projekt zum bevorstehenden 750. Jahrestag Berlins. Der Verlag hat sich an uns im „Großen Haus“ gewandt mit der Bitte um redaktionelle Verstärkung. Wenigstens einer oder eine wird dringend benötigt. Wir haben überlegt, wen wir delegieren können. Und da fielst du mir ein, Genosse Webb. Beim Einsatzgespräch in Leipzig hast du einen zuverlässigen und kompetenten Eindruck hinterlassen. Und die „Für mich“ kommt ohne einen Mitarbeiter weniger vorerst aus.“
Meine Beine fühlten sich wie Pudding an. Hätte ich nicht den Stuhl unter meinem Hintern gehabt, dann hätte ich mich setzen müssen. Eine Delegierung zu einem Parteiverlag. Dem Verlag für Propaganda, Agitation und Information. Ein Laden, der – wie ich gelegentlich mitbekommen hatte – direkt ans ZK der SED angebunden war. Wo furztrockene Texte in langweiliges Parteichinesisch gepresst wurden. Nie und nimmer wollte ich den interessanten Job hier bei dieser Illustrierten gegen einen Arbeitsplatz in einer solchen politischen Betonfabrik tauschen. Nein, das würde ich niemals tun.
„Ich möchte aber…“
Forster und Josephine Kant unterbrachen mich sofort.
„Das ist ein Parteiauftrag!“, sagten beide fast gleichzeitig.
Und dem konnte ich als Genosse schlecht widersprechen.
Börners Mörder spazierte fröhlich durch Marzahn. Er war bester Laune. Es war der letzte Freitag im Monat, und da würde Pieter Kelling kommen. Der Mann, den er liebte. Sie hatten vor einiger Zeit schon bestimmte Tage ausgesucht, an denen sein Freund aus Westberlin für einige Stunden in die Hauptstadt der DDR kommen würde. Und daran hielten sie sich eisern. Denn sie wollten nichts telefonisch vereinbaren. Gespräche aus Westberlin wurden von der Stasi abgehört. Und es gab einige Gründe, dass sie den Mitarbeitern des MfS nicht auffallen wollten. Gewichtige Gründe.
An Tafeln und Litfaßsäulen bejubelten bunte Plakate des Verlags für Propaganda, Agitation und Information das 750. Jahr der Hauptstadt der DDR. Natürlich wurde auch der Westen der geteilten Stadt jetzt genauso alt. Aber das ließ man hier unter den Tisch fallen. Die farbigen Poster hübschten den Stadtteil etwas auf. Denn die grauen Plattenbauten in diesem Stadtbezirk verliehen der Gegend eine triste Atmosphäre. „Arbeiterschließfächer“ sagten manche zu diesen aneinandergereihten Wohnkästen, in denen tausende Werktätige ihr Zuhause gefunden hatten. Die Leute meckerten nicht über die Tristesse. Sie hatten das Glück gehabt, eine zentralbeheizte Wohnung mit Bad und manchmal mit Balkon zu bekommen. Etwas, worauf andere hofften, aber stattdessen in verschlissenen Altbauhäusern ihr Domizil hatten.
Der Mörder öffnete mit einem Schlüssel die Haustür eines Gebäudes, das in der Mitte eines Wohnkomplexes lag. Im Flur standen Kinderwagen. An einem schwarzen Brett waren Mitteilungen der Kommunalen Wohnungsverwaltung angepinnt. Am Fahrstuhl hing ein Schild: „Außer Betrieb“.
Der Ankömmling seufzte. Dann musste er eben die vier Etagen emporsteigen. Er hoffte, niemandem zu begegnen. Es war nicht nötig, dass sich jemand sein Gesicht einprägte. Nur wenige im Haus kannten es. Oben angekommen, schloss er die Wohnungstür auf und trat in einen kleinen Flur. Es roch muffig in der Wohnung, so wie es immer in Räumen riecht, die längere Zeit nicht benutzt und auch nicht gelüftet worden sind.
Klaus Eberhard hieß der Wohnungseigentümer. Er war schon lange nicht mehr hier gewesen, sondern baute in der Sowjetunion mit anderen jungen Arbeitern aus der DDR an der Erdgas-Trasse herum. Die Drushba-Trasse existierte schon seit Jahren, aber es gab dort immer noch viel zu tun. Eberhard gehörte zu denen, die von Anfang an bei diesem Zentralen Jugendobjekt der FDJ mitgearbeitet hatten. Zwischendurch war er mal ein paar Jahre daheim gewesen, aber angesichts der finanziellen Vorteile für die Trassenbauer hatte es ihn wieder in die SU gezogen. Börners Mörder war ein alter Bekannter von ihm. Deshalb hatte ihm Eberhard seine Wohnungsschlüssel anvertraut. Er möge sich während seiner Abwesenheit um die verlassene Bude und die Post kümmern. Es war das ideale Liebesnest für den Mörder und seinen Westberliner Freund Kelling, der einen bundesdeutschen Pass besaß und damit jederzeit Ostberlin besuchen konnte.
Börners Mörder hatte eine Flasche Sowjetskoje Schampanskoje mitgebracht und einige Leckerbissen aus dem Delikat-Laden in der Leipziger Straße. Pieter würde aus dem Westen etwas mitbringen für den kleinen Hunger zwischen ihren Küssen und Streicheleinheiten. Auch wenn sie sich schon viermal hier getroffen hatten – zu mehr war es zwischen ihnen nicht gekommen. Pieter war in dieser Hinsicht scheu und ein bisschen puritanisch. Wahrscheinlich würde es auch diesmal keinen heißen Sex zwischen ihnen geben. Oder doch endlich? Egal, der Mörder mochte ihn auch so. War fasziniert von seinem schönen, markanten Gesicht. Von Pieters kräftiger Figur, an der alle Kleidungsstücke perfekt saßen, ganz gleich. was er trug. Von seiner angenehmen Stimme. Und das Schönste waren Pieters himmelblaue Augen. Wie alt er war? Gerade mal vierzig. Und blond.
Was für ein Zufall, dass sie sich Unter den Linden begegnet waren. Der Mörder hatte ihn nicht bemerkt, ihn angerempelt, und Pieters Tasche war zu Boden gefallen. Er hatte mit dem Fremden einige entschuldigende Worte gewechselt. Ihn dabei angesehen, und plötzlich schlug sein Herz schneller. Er lud ihn in ein Restaurant in der Französischen Straße ein, wo sie stundenlang miteinander redeten und sich sympathisch fanden. Instinktiv spürten sie schon da, dass sie noch mehr verband als eine auf sie zukommende Männerfreundschaft. Ja, so hatte es angefangen.
Der Mörder deckte den Tisch. Feines Porzellangeschirr aus Eberhards Schrank. Teller, Tassen, Sektgläser. Das Besteck. Einen Kerzenleuchter mitten auf dem Esstisch.
Dann hieß es warten. Es war noch zeitig am Tag. Der Mörder ließ sich in einen Sessel im Wohnzimmer fallen, nachdem er den Fernseher in der Hellerau-Schrankwand eingeschaltet hatte. Im Ersten Programm West lief die Wiederholung einer Ratesendung. Gerade, als es auf dem Bildschirm bei den Kandidaten um die Wurst ging, schrillte die Wohnungsklingel. Wie elektrisiert sprang der Mörder auf. Sein Herz schlug schneller. Er stürzte in den Flur.
Nahm den Hörer der Haussprechanlage ab. „Jaa?“ In seiner Stimme war freudige Erwartung.
„Ich bin’s“, sagte unten Pieter aus Westberlin.
„Ich bin froh, dass wir in dir einen gut ausgebildeten Mitarbeiter als Verstärkung in der Redaktion bekommen haben“, sagte Dr. Werner Schlicht zu mir, als ich zum ersten Mal vor ihm saß. Er hatte ein graues Gesicht, graue Augen, graue Haare und trug einen grauen Anzug. Einen winzigen Farbfleck brachte das Parteiabzeichen an seiner Jacke ins Spiel. Sein Zimmer war groß genug, um darin Tennis zu spielen. Aber es standen nur wenige Möbel darin. An den Wänden waren Plakate aus dem eigenen Parteiverlag angepinnt – Poster, auf denen fröhliche DDR-Menschen zu sehen und kämpferische Losungen zu lesen waren. Auch die Parole „Wo ein Genosse ist, ist die Partei!“. Zwei Fahnen ragten in einem Ständer neben dem Schreibtisch auf. Jene der DDR und eine rote Fahne. An der Zimmerfront, seitlich, hing Erich Honecker. Nicht persönlich, sondern ein Bild von ihm.
Dr. Schlicht fühlte sich verpflichtet, mir die Situation im Verlag zu erklären. „Leider sind uns zwei verdiente Genossen durch unglückliche Umstände ausgefallen und in Kürze wird einer der Besten uns ebenfalls verlassen.“ Der Chefredakteur knipste eine betrübte Miene auf seinem Gesicht an.
„Oh!“, sagte ich. „Hat er eine schlimme Krankheit?“ Dann fiel mir ein, dass der Funktionär Forster vom ZK im Gespräch mit Josephine Kant und mir bemerkt hatte, einer der Mitarbeiter vom Parteiverlag würde ins „Große Haus“ berufen werden. „Äh!“, setzte ich verlegen hinzu, „ich habe nicht daran gedacht. Du meinst den Genossen, der drüben am Werderschen Markt anfangen wird?“
„So ist es. Auch er wird uns bald fehlen. Deshalb brauchen wir jeden Mann“, nickte Dr. Schlicht. „Du wirst in der Abteilung Wissenschaftlicher Sozialismus eingesetzt und mit an der Festbroschüre arbeiten, die dem Genossen Honecker persönlich vorgelegt werden soll.“
Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, aber ich hütete mich, das zu zeigen.
„Du solltest bei dieser Arbeit nicht auf die Idee kommen, dich bei der Erarbeitung des Textes mit eigenständigen Formulierungen profilieren zu wollen“, fuhr der Chefredakteur fort. „Nimm gestandene, bewährte Formulierungen aus den Dokumenten der Partei. Dann liegen wir richtig.“
Am liebsten wäre ich aufgestanden und gegangen. Ich halte mich für einen guten aufstrebenden Journalisten. Wo man mich hier einbefohlen hatte und was man von mir verlangte, ließ mir den Hut hochgehen. Man verlangte von mir, ich solle langweilige Schreibe in unverständliches Parteichinesisch zusammenbasteln, mit dem sich die Mehrheit der Leser höchstens den Hintern abwischen würde. Wenn ich mir vor dem Studium und mit Einschränkungen danach eine erfolgreiche journalistische Zukunft erträumt hatte – hier in diesem Verlag war es meilenweit davon entfernt. Ein politischer Schrottplatz, schoss es mir durch den Kopf.
Sollte ich das jetzt sagen?
Besser nicht! Man würde mich zur Strafe in die Produktion stecken. Als Hilfsarbeiter. Gabelstapler fahren auf dem Werkhof eines Volkseigenen Betriebes. Oder die Straße kehren. Beides ehrenwerte Tätigkeiten. Aber dafür hatte ich nicht studiert.
Ich warf einen Blick auf das Porträt des Genossen Honecker. Er sah mich an, hatte den Mund etwas zusammengekniffen und schaute staatsmännisch drein. Oder was er für staatsmännisch hielt.
Mir wurde klar, was ich nur sagen konnte. Kein „nein“, sondern den Mist erst mal mitmachen und zusehen, dass ich so schnell wie möglich hier wieder weg und zur „Für mich“ zurückkam.
„Ich habe verstanden, Genosse Dr. Schlicht.“ Ich hob leicht den Hintern auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch an. Verharrte in dieser Haltung, als mich der Chef noch einmal ansprach.
„Übrigens – wir sprechen uns hier mit Vornamen an. Du bist also Thomas. Das weiß ich ja. Und mich kannst du ganz simpel Werner nennen. Ohne Doktor und Pipapo. Und mit deinen Arbeitskollegen wirst du sicher auch gut auskommen. Sie sind alle recht umgänglich.“
Ich versicherte ihm, dass ich auch recht pflegeleicht im Umgang mit anderen sei. Das gefiel ihm.
„Du wirst sie alle in einigen Tagen näher kennenlernen. In einem zwanglosen Rahmen“, lächelte der Chefredakteur. „Am Freitag findet bei uns im Thälmann-Saal unsere alljährliche Frauentags-Feier statt, an der auch die Männer teilnehmen. Ein paar Ansprachen. Auszeichnung einiger Mitarbeiterinnen. Ein Büffet mit schmackhaften Sachen. Und natürlich gibt es auch Musik zum Tanzen. Du bist also heute schon dazu eingeladen.“
„Danke, Werner!“, sagte ich und erhob mich endgültig. Blieb noch einen Moment stehen. Ich hatte noch eine Frage: „Halte mich bitte nicht für neugierig.“
„Nur zu!“, sagte er.
„Woran sind denn die beiden Genossen gestorben, die jetzt ausgefallen sind?“
Sein Gesicht verdüsterte sich. „Dumme Geschichten!“, meinte er. „Unser Genosse Selbigkeit aus deiner Abteilung hat samstags seine Frau vom Friseur abholen wollen. Der geht also in den Laden der PGH „Figaro“ hinein, sieht seine Frau mit der neuen Frisur sitzen und fällt tot um.“
Mein Gott – wie beschissen musste denn diese Frisur gewesen sein?, ging mir durch den Kopf. Aber ich hütete mich es zu sagen. Ich musste unwillkürlich grinsen, deshalb hielt ich mir die Hand vor den Mund, damit es mein höchster Vorgesetzter nicht bemerkte.
„Ich sehe, du findest das auch entsetzlich“, sagte Dr. Schlicht. „Selbigkeit war gerade mal sechzig.“
„So jung gestorben - unglaublich“, ich schüttelte den Kopf. „Und der andere Genosse?“
Der Chefredakteur schwieg einige Sekunden. Dann antwortete er doch.
„Ist ermordet worden“, sagte er leise. „In einem Park. An einem Sonntag. Weiß der Teufel, was er dort abends noch gewollt hatte. Bei einem ausgesprochenen Sauwetter. Kühle. Nebel. An jenem Abend konnte man die Hand nicht vor Augen sehen.“
„Er wollte halt mal frische Luft schnappen“, gab ich meinen Senf dazu. „Wie ist das geschehen?“
„Jemand hat ihn abgestochen. Einfach so“! Jetzt klang er grimmig. „Die Tat eines Verbrechers, untypisch für unsere sozialistische Gesellschaft.“ Dr. Schlicht schlug mit der Faust auf seinen Schreibtisch. „Aber unsere Volkspolizei wird den Täter fassen. Unter uns: Sogar die Staatssicherheit hat sich eingeschaltet. Weil unser Genosse Börner ein Mitarbeiter des Parteiverlages war, der unmittelbar dem ZK der SED untersteht.“
„Dann werden sie ihn bald kriegen“, sagte ich. „Wenn sogar die Genossen von Erich Mielke mitmischen.“
Dr. Schlicht sah mich mit strengem Blick und großen Hundeaugen an. „Kein Wort davon an jemand außerhalb unseres Hauses. Das eben war vertraulich.“
Natürlich. Sowas durfte sich nicht in der Öffentlichkeit herumsprechen. Raub. Mord. Unmöglich! Im sozialistischen Staat gab es keine kriminellen Elemente. Und deshalb hatte über diese Tat auch kein Wort in irgendeiner Zeitung gestanden.
„Ich werde schweigen wie ein Grab“, versprach ich und fuhr mit dem Zeigefinger quer über den Mund, als würde ich einen Reißverschluss zumachen.
Als ich wieder draußen im Sekretariat stand, blickte mich die grauhaarige Chefsekretärin über ihre herabgerutschte Brille an. Sie hieß Alma und sah so alt aus, als ob sie Marx und Engels noch persönlich gekannt hätte. „Na – wie war’s?“
„Er ist ganz nett“, sagte ich.
„Er kann auch anders sein“, sagte sie. „Na, dann willkommen im Club. Ich hoffe, du fühlst dich bei uns wohl.“
„Sicher!“, entgegnete ich.
Auch wenn in diesem Verlag offenbar die Redakteure wegstarben wie die Fliegen, dachte ich ironisch.
Ich ahnte nicht, wie zutreffend das noch sein sollte.
Freitag, der 8. März, war kein freundlicher Tag. Das Wetter hatte noch mal umgeschlagen. Schneeschauer fegten durch die Straßen, und die Leute hatten sich in dicke Kleidung eingemummelt. Ich war früh in meinem Wintermantel zur Arbeit gekommen, unter dem ich meinen schwarzen Anzug trug. Auch die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Parteiverlages hatten sich tüchtig aufgebrezelt. Denn heute nach Feierabend startete ja die alljährliche Betriebsfeier anlässlich des Internationalen Frauentages. Der Parteisekretär persönlich würde am Eingang des Thälmann-Saales stehen, in dem die Fete stattfinden würde, und jeder der eintretenden Genossinnen oder Kolleginnen eine rote Rose überreichen. Wie in jedem Jahr am 8. März. Das hatte man mir Neuling im Verlag schon Anfang der Woche erzählt.
Ansonsten begann die Feier recht unspektakulär. Chefredakteur Dr. Schlicht und der Parteisekretär Arno Hockenvelde hielten ein paar langatmige Reden. In ihnen ging es um die Verantwortung jedes einzelnen Verlagsmitarbeiters bei der Durchsetzung des bewährten Kurses, den der letzte SED-Parteitag beschlossen hatte. Mehr bekam ich nicht mit, denn nach dem letzten Arbeitstag in der Woche war ich redlich müde und das Wortgesäusel plätscherte an mir vorbei. Den meisten Anwesenden schien es genauso zu gehen. Sie schielten hinüber zum kalten Buffet, das an einer Seite des Saals aufgebaut war mit ausreichend Speisen und Getränken. Wahrscheinlich tropfte ihnen schon der Zahn.
Ich saß an einem langen Tisch bei den Mitarbeitern der Abteilung, in die es mich verschlagen hatte. Wissenschaftlicher Sozialismus. Jetzt sahen sie aus wie Kleinbürger in ihren Anzügen der Marke „Präsent 20“. Schicker waren die parfümierten Genossinnen und parteilosen Kolleginnen, die nach „Idris“ oder anderem Zeug aus dem Exqusisit-Laden in der Innenstadt rochen. Ich war ja der Neuling, und wir hatten uns etwas beschnüffelt, seit ich da war. Aber so richtig kannte ich niemanden von ihnen. Neben mir rechts hockte Möller, etwa fünfzig, moppelig und glatzköpfig, auf dem Nachbarstuhl, völlig mit seinen Fingernägeln beschäftigt und nicht auf das Gerede da vorn hörend. Der Platz neben mir blieb leer.
Wie Möller nahm ich auch die Auszeichnung von fünf Frauen aus verschiedenen Bereichen der Redaktion nur gelangweilt zur Kenntnis, als der Chefredakteur sie zu „Aktivisten der sozialistischen Arbeit“ ernannte. Ihnen den zugedachten Orden überreichte, während Chefsekretärin Alma den so Geehrten hübsche Nelkensträuße in die Arme legte. Eine der Ausgezeichneten, ein Braunhaarige namens Lilo Brenner, gehörte zu meiner Abteilung, in die ich eingetopft worden war. Eine andere kam aus jener Truppe, die bei uns im Betrieb diese kämpferischen Plakate entwarf, die überall in der DDR an Wänden und Litfass-Säulen klebten. „Vorwärts zu neuen Taten“. Oder „Unser Arbeitsplatz – ein Kampfplatz für den Frieden“. Die dritte war die Buchhalterin des Verlags. Worin ihre Verdienste bestanden, sagten die Chefs nicht – vielleicht konnte sie Eins und Eins zusammenzählen. Oder sie war einfach mal wieder mit einem kleinen Orden und einer Prämie drangewesen. Bei einer Parteiarbeiterin in einem Verlag des ZK der SED zählten nicht unbedingt berufliche Verdienste – Hauptsache, man war lange genug dabei. So viel hatte ich auch schon mitgekriegt. Die weiteren zwei Frauen gehörten zu den Abteilungen Wissenschaft und Technik sowie Geschichte / Politik aus unserer Redaktion – die eine mochte etwa vierzig sein und sah ganz proper aus, die andere war mir auf Anhieb unsympathisch, weil sie mich vom Aussehen her an meine geschiedene Frau erinnerte. Sie alle lächelten geschmeichelt, als sie ihre Ehrung in Empfang nahmen und blickten rundum in den Saal, um sich zu versichern, dass auch jeder sehen würde, wie sie hier gerade gebauchpinselt wurden.
Die Anwesenden sparten tatsächlich nicht mit Beifall, während sich die „Aktivistinnen“ noch einmal für den Verlagsfotografen nebeneinander aufstellten, der sie mehrmals anblitzte. Noch während sie so dastanden, drückte ein junger Mann in der Saalecke, den ich beinahe samt seinem technischen Equipment übersehen hätte, eine Taste auf seinem Regiepult.
Musik brandete auf aus den Lautsprechern in den Saalecken. Das Lied von der Partei, die immer recht hat.
Einige ältere Genossinnen und Genossen im Saal sangen enthusiastisch mit. Manch andere, jüngere guckten etwas betreten stumm drein angesichts des Textes, den ich schon ziemlich penetrant fand, als ich das Lied zum ersten Mal gehört hatte.
Als es zu Ende war, trat Alma vorn in die Saalmitte, klatschte einmal in die Hände und rief aus: „Das Buffet ist eröffnet!“
Die Verlagsmitarbeiter machten viel Lärm, als sie ihre Stühle rückten, um aufzuspringen und hinüber zum Büffet zu walzen. Manche behinderten sich gegenseitig beim Sturm aufs Essen, als hätten sie seit Wochen hungern müssen. Ich blieb erst mal sitzen und beobachte dieses Treiben. Es war da drüben so viel aufgetafelt worden, dass noch genügend da sein würde, wenn ich erst dann hinginge, wenn sich der Pulk der fressgierigen Meute wieder zerstreut hatte und die meisten an den Tischen saßen, um ihre eroberten Speisen in sich hineinzustopfen.
Ich ging zum Buffet, als sich dort alles gelichtet hatte. Nahm mir von hier was und etwas von dort. Vom Schinken und dem Käse, den Würstchen und dem Fleischsalat. Brachte das alles zu meinem Platz und ging dann noch mal zurück, um mir eine Flasche Margon-Wasser zu holen. Ich hätte auch mir auch einen Goldbrand einschenken können oder ein Bier mitnehmen, aber ich hatte den Trabbi draußen auf dem Parkplatz stehen und wollte bei der Heimfahrt nicht in eine zufällige Alkoholkontrolle der Volkspolizei kommen. Die VP verstand da keinen Spaß, und da wären die Papiere gleich weggewesen.
Als ich mit der Flasche und einem Glas in den Händen zu meinem Platz zurückkehrte, sah ich, dass auch der andere Stuhl neben mir nun besetzt war. Ein spitznasiger Kerl im hellen Anzug saß da. Quer über den Kopf gekämmte aschblonde Haare. Breiter Mund. Wache dunkle Augen.
„Frank Haubold“, stellte er sich vor. „Und du bist der Neue? Ich hatte ein paar Tage Urlaub, deshalb kennen wir uns noch nicht.“ Er grinste über das ganze Gesicht.
Ich sagte ihm artig, wer ich war, und setzte mich wieder, um in Ruhe zu essen. Aber daraus wurde nicht. Denn Haubold redete unentwegt auf mich ein.
„Du wirst es nicht bereuen hier zu arbeiten“, sein Mundwerk ging wie aufgezogen. „Das Gehalt ist in unserem Parteiverlag überdurchschnittlich hoch, gemessen an anderen Betrieben der DDR. Wir dürfen die billigen Ferienplätze in den Heimen des Zentralkomitees zwischen Ostsee und Thüringer Wald nutzen. Mensch – manch anderer DDR-Bürger erhält nie im ganzen Leben einmal einen Urlaubsplatz an der Ostsee. Ja, und gesundheitlich werden wir von der Poliklinik des ZK der SED versorgt.“ Er holte Luft, um weiterzureden. „Was auch nicht schlecht ist: Die Dienstwagen unseres Verlags dürfen wir als Selbstfahrer auch privat in unserer Freizeit benutzen. Ist besonders an den Wochenenden große Klasse.“ Er schlug mir mit der Rechten derart begeistert auf die Schulter, dass mir die Gurke auf dem Wurstschnittchen in den Schoß fiel.
„Du kennst noch kaum jemand“, fuhr der Genosse Redselig fort, „dann kläre ich dich mal auf, mit wem du dich gutstellen musst und mit wem nicht. Da ist beispielsweise jener dort…“
Ich seufzte. Es gab kein Entkommen.
Ich erfuhr von Haubold einige Dinge, die zu wissen gar nicht so schlecht waren. So dass ich mich vor Günter Mettenmann hüten sollte, der gerade mit einem leeren Teller wieder zum Buffet schlurfte. Der ältere Genosse, kurz vor Eintritt in die Rente, natürlich in die lohnenswerte Parteirente, die es wie anderswo für gehobene SED-Funktionäre auch hier in diesem ZK-Verlag gab, ging nicht zu den Speisen, sondern griff sich eine der Weinbrand-Flaschen und nahm sie mit an seinen Tisch.
„Er verhehlt nicht, dass er Trinker ist“, sagte Haubold. „Er hat auch oft eine Fahne während der Arbeit, aber niemand sagt etwas. Denn er ist IM der Stasi, war schon einmal in Westberlin als feindlicher Agent im Knast. Weil sie ihn bei der Anwerbung eines Agenten geschnappt hatten. Seitdem denkt er, er sei eine große Nummer. So wie James, der Bond! Hört alles, sieht alles, verpetzt alles.“
Interessiert betrachtete ich den grauhaarigen Mann mit der Brille, der sich gerade sein Glas mit Nordhäuser „Goldbrand“ füllte, es an den Mund führte und auf einmal austrank.
„Du solltest übrigens auch nicht nur beim Margon-Wasser bleiben, wenn wir hier feiern. Unser Parteisekretär ist der Meinung, wer bei Betriebsfeiern nicht trinkt, der möchte nicht im Suff einen falschen Zungenschlag machen und hat etwas zu verbergen.“
Unwillkürlich huschte mein Blick durch den Saal und blieb an dem Genannten hängen. „Wie ist er denn so, unser Genosse Hockenvelde? Einer, mit dem man auskommen kann oder ein…“ Ich verkniff mir das Wort „Betonkopf“. Es wäre hier in diesem Parteibetrieb nicht gut angekommen. Sicher auch nicht bei Frank Haubold.
„Er hat früher im Meinungsforschungsinstitut für das ZK gearbeitet. Als Genosse Honecker und andere Politbüromitglieder erfuhren, wie die Stimmung der Bevölkerung wirklich ist, änderten sie nicht ihre Politik, sondern lösten das Institut auf.“ Haubold lachte krächzend. Dann stockte er. Vielleicht hatte er zu viel gesagt. Schließlich kannte er mich nicht.
„Hm – so sagen manche“, wollte er das Gesagte wieder geraderücken. „Ich gehe davon aus, dass sich die führenden Genossen etwas dabei gedacht haben.“
„Und das ZK hat Hockenvelde in diesen Verlag verfrachtet, damit er weiterhin eine schöne, gutbezahlte Stelle hat?“
„So kann man es sagen. Stellvertretender Chefredakteur. Parteisekretär. Dem geht’s nicht schlecht und das Sagen hat er auch.“
„Mit wem quatscht er da die ganze Zeit?“, fragte ich interessiert. Denn der Parteisekretär stand mit einem Mitarbeiter zusammen, der schätzungsweise zwischen vierzig und fünfzig war, mittelgroß, sehr gut gekleidet, dunkles Haar und ein ebenmäßiges Gesicht. Der Andere redete auf Hockenvelde ein, und der Parteisekretär hörte mit geradezu unterwürfigem Gesicht zu.
„Vor dem musst du auch aufpassen“, sagte Haubold und trank einen Schluck aus dem Bierglas, das vor ihm stand. „Jens-Dieter Treberling! Aus unserer Abteilung.“ Er sprach leiser. „Der Genosse Treberling ist mit der Tochter vom großen Baumann verheiratet. Der Kerl kann Hockenvelde oder Dr. Schlicht, wenn sie ihm in die Quere kommen, ganz schön was auswischen. Das wissen die und fassen ihn an wie ein rohes Ei.“
„Baumann, Baumann – was für ein großer Baumann?“ Ich hatte keine Ahnung, wer das sein sollte.
„Mensch, bist du blöde“, zischte Haubold, „und schreie das nicht so herum. Karl Baumann ist der Leiter der Abteilung Propaganda im ZK der SED. Ihm untersteht direkt unser Verlag und unsere Chefs sind seine Marionetten. Wenn die nicht so hopsen, wie der will – na dann, danke!“
„Und deshalb haben die Schiss vor diesem Jens-Dieter?“ Ich musste unwillkürlich grinsen.
„Was denkst du, weshalb sie so froh sind, dass Baumanns Schwiegersohn in einige Wochen ins „Große Haus“ berufen wird. Er soll dort in der Abteilung Agitation einen Posten bekommen. Dann sind unsere Chefs und dann sind wir ihn los. Denn ehrlich – tüchtig Dampf haben wir alle vor ihm wegen seiner Beziehungen nach ganz oben.“
Haubold neigte sich ganz dicht zu mir. „Bei uns hat der steile Jens hinter vorgehaltener Hand den Spitznamen „Streberling“. Er lachte glucksend.
„Nicht alle aber sind unterwürfig zu ihm“, ich zeigte ihm, was ich meinte. Treberling war weitergegangen und sprach jetzt mit einem anderen Mitarbeiter. Der fuchtelte mit den Armen, und es sah nicht so aus, als ob er Jens-Dieter sonderlich respektieren würde.
„Ach, das ist Mellerich. Leiter der Abteilung Naturwissenschaft/Technik. Der ist immer so. Fred kann es sich leisten, Jens-Dieter etwas härter anzufassen. Beide sind eng befreundet. Gehen in den gleichen Sportklub. Und laufen auch manchmal am Wochenende gemeinsam ein paar Runden auf dem Sportplatz. Die sind beide dicke Tunke.“
Ich nickte. „Ich sollte also vorsichtig sein, was Jens-Dieter betrifft?“
„Unbedingt!“, sagte Haubold. „Auch wenn du nur eine kurze Zeit als Verstärkung bei uns bist, musst du das tun. Der hat genug Einfluss durch seinen Schwiegervater, um dir deine journalistische Laufbahn bis ans Ende deiner Tage zu versauen.“
Sein Zeigefinger schwenkte in eine andere Richtung. Deutete auf einen faltigen Mann mit einem griesgrämigen Gesicht, das aussah, als hätte er gerade Essigwasser getrunken.
„Harald Janz!“, sagte Haubold. „Weiß der Himmel, wie der durch die Überprüfungen durch die Stasi und in unseren Parteiverlag gekommen ist. Parteilos, so alt wie Methusalem, und er war zur Nazi-Zeit als junger Spund beim Reichsrundfunk.“
„Immer im Dienst der deutschen Propaganda“, spottete ich. Dann wurde ich wieder ernst. Denn mir fiel etwas ein. Das Interesse, das die Stasi neuerdings an mir gezeigt hattr. „Wird hier jeder, der beim Verlag für Propaganda anfängt, noch einmal vom MfS überprüft?“
Haubold lachte. „Natürlich!“, sagte er. „Die checken dich durch, wenn du hier arbeiten willst. Ob du politisch zuverlässig bist. Keinen Dreck am Stecken hast. Vor allem keine Westverwandtschaft. Deshalb befragen sie Leute, die dich kennen. Hausbewohner. Verwandte. Bekannte. Und sie laufen dir auch mal hinterher, wenn sie wissen wollen, was du so treibst.“
Ich nickte nachdenklich. Jetzt wurde mir klar, weshalb mir die Jungs von Mielke im Auto gefolgt waren, als ich in die Innenstadt fuhr. Und in der Nachbarschaft über mich Auskünfte eingeholt worden waren. Zu diesem Zeitpunkt hatte schon festgestanden, dass mich der Verlag des ZK zu sich holen wollte. Nur ich hatte das da noch nicht gewusst.
„Was ziehst du denn für ein Gesicht?“ Mein Tischnachbar sah mich fragend an. „Egal, was du hast – heute wird unter uns Männern mal ein Fass aufgemacht. Auch wenn es eigentlich um die holde Weiblichkeit gehen soll.“ Er machte eine kreisende Handbewegung. „Sieh dich um. Alle sind bester Laune. Sogar Lothar Thiele – der da drüben. Obwohl der gar nicht auf Frauen steht. Ist vom anderen Ufer. Eine Tunte.“
