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Die Wochen vor den Landtagswahlen. Ein Psychopath will die ehemaligen Liebhaber seiner Frau ermorden. Einer von jenen ist der Journalist Thomas Webb, der unabhängig davon schon bei einem Anschlag auf ein Restaurant angeschossen wurde. Webb kommt damit noch relativ gut weg – ein Vorstandsmitglied der (fiktiven) neuen aufstrebenden rechtspopulistischen Partei der Aufrechten Patrioten Deutschlands, PAPD, wird getötet. Leipzig wird ein heißes Pflaster für Webb, als er für ein Berliner Magazin recherchiert, weshalb es in letzter Zeit zu unerklärlichen gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Asylsuchenden und Einwohnern der Stadt gekommen ist. Sind radikale Islamisten am Werk? Anhänger des IS? Hamas-Sympathisanten? Außerdem befasst sich der Journalist mit der PAPD, die den Asylsuchenden und anderen Migranten nicht wohlgesonnen ist und gerade jetzt vor den Wahlen angesichts der Gewalt sagenhaft gute Umfragewerte einfährt. Ein Terroranschlag verschreckt die Leipziger. Was steckt hinter all dem Terror und der Gewalt? Oder genauer: Wer steckt dahinter? Der Journalist gerät in tödliche Gefahren, und als er denkt, alles ist gut und vorbei, da will der psychopathische Mörder seine alte Rechnung begleichen. Ein Glück, dass Webb die attraktive rothaarige Polizistin Carola an seiner Seite hat. (Leipziger Internet Zeitung: "Gillsborgs Thriller ist eine Versuchsanordnung, die etwas durchspielt, was so weit ab von der Wirklichkeit nicht liegt.")
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Seitenzahl: 308
Veröffentlichungsjahr: 2024
Jan Gillsborg
Leipzig kann sehr tödlich sein
Überarbeitete Neuauflage
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Auf ein Wort:
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
Zwischenspiel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
Zwischenspiel
8. Kapitel
9. Kapitel
Zwischenspiel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
Zwischenspiel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
Zwischenspiel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
Zwischenspiel
25. Kapitel
26. Kapitel
Zwischenspiel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
Zwischenspiel
31. Kapitel
Epilog
Anmerkung des Autors
Noch erschienen vom gleichen Autor:
Impressum neobooks
Die Handlung dieses Buches spielt in Leipzig, aber so gesehen ist Leipzig überall. Das alles könnte der Autor auch nach Thüringen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder nach Sachsen-Anhalt verlegt haben – vielleicht sogar auch in noch ganz andere Bundesländer.
Natürlich haben die hier geschilderten Ereignisse so nicht stattgefunden.
Aber hätte es nicht so sein können?
Ihn wollte er als ersten töten. Die anderen vier würden auch daran glauben müssen. Keiner von ihnen hätte damit je gerechnet. Es war doch schon so lange her. Und für sie längst belanglos. Bloß für ihn nicht.
Vorsichtig schlich er durch den dichten Wald hinab zum See. Den Wagen, heute früh gestohlen, hatte er weit weg am Waldrand abgestellt. Er hatte schon im Auto die Taucherklamotten und die Gummihandschuhe angezogen, in denen er sich jetzt bis zum Wasser bewegte. Schwarze Kleidung. Kaum sichtbar. Außerdem befand sich um diese Zeit und an einem Wochentag niemand weit und breit. Außer seinem Opfer.
Der ältere Mann saß einsam in seinem Schlauchboot und angelte.
Der Mann, der sein Mörder werden wollte – nein, sein Richter und ein Rächer -, legte die Schwimmflossen an und tauchte am anderen Ende des Sees ins dunkle Wasser. Er öffnete das Ventil am Ansatz der Flasche auf seinem Rücken, steckte sich das Mundstück des Atemgerätes ins Gesicht und zog sich die Taucherbrille über die Augen. Er spürte die niedrige Temperatur des Sees kaum und konnte unter Wasser nur wenige Meter weit sehen. Nach vielleicht acht Minuten befand er sich unter dem Schlauchboot, das wie ein dunkler Schatten über ihm schwebte. Er zog das Tauchermesser aus der Scheide am Gürtel und schnitt eine lange Linie in die dicken Gummiwülste über ihm. Nun musste er nur noch warten.
Der Angler hatte sich ziemlich weit auf den See hinausgewagt. Umso größer war sein Schreck, als das Boot plötzlich sank. Er konnte nicht gut schwimmen und warf die Angel weg, kippte die schon gefangenen Fische aus dem Eimer und versuchte, das Wasser zu seinen Füßen mit ihm auszuschöpfen. Umsonst. Ein vergebliches Unterfangen. Das sah er wohl auch sofort ein. Er zog seine Jacke aus und sprang in den See. Der Mörder sah seine Beine seitlich über sich. Er schwamm dort hin. Packte mit beiden Händen die Füße seines Opfers und zog den Körper des Überraschten tief nach unten ins Wasser hinab. Der Angler zappelte und schlug mit den Händen um sich. Der Mörder hatte Zeit und viel Luft in der Flasche auf seinem Rücken. Er war stärker als sein Opfer, aus dessen Mund Luftblasen blubberten. Es dauerte seine Zeit, bis der Körper des Anglers schlaff wurde. Dann ließ der Mörder los. Der Tote schwebte eine Handbreit unter der Wasserlinie über ihm und sank dann weiter hinab.
Genau vierzehn Minuten später saß der Mörder wieder im gestohlenen Wagen. Er hatte keine DNA-Spuren hinterlassen. Keine Fingerabdrücke. Keine Spuren, die auf ihn deuten würden. Den nassen Taucheranzug und die Gummihandschuhe behielt er auch im Wagen an. Er würde die Karre irgendwo auf ein freies Feld fahren und mit dem Sprit aus den Benzinkanistern im Kofferraum anzünden. Sich dann umziehen, die Taucherklamotten in einem großen Rollkoffer verstauen und sich verdrücken. Und dann zu seinem eigenen Auto marschieren. Schwupp, weg war er dann!
Der Erste war tot! Bestraft! Jetzt musste er zusehen, wie er die anderen umbringen konnte. Er hatte schon ziemlich gute Vorstellungen, was er anstellen würde. Jeder würde auf eine andere Weise und an einem anderen Ort getötet werden – die Polizei käme dadurch niemals auf die Idee, dass es sich um ein und denselben Täter handelte.
Der Mörder lachte vor sich hin.
Jeder Mensch hat ein Lebensziel.
Fünf Männer zu töten war sein Ziel!
Und er sah sich nicht als Mörder.
Eher als Rächer. Oder als Richter.
Ehrlich – diesen furchtbaren Tag würde ich für immer in Erinnerung behalten. Als die Hölle losbrach, saß ich bei meinem Kalbsbraten mit Bohnengemüse im „Tratino“, einem gepflegten Restaurant in der Innenstadt von Leipzig. Alles im Raum war hell und freundlich gehalten, mit einer gewissen Eleganz – das Personal zuvorkommend, aber die Preise ziemlich heftig.
Die drei Täter stürmten durch die Eingangstür, an der Garderobe vorbei, wo ich meinen Koffer abgestellt hatte, zogen sich ihre Halstücher über das Gesicht hoch, um nicht erkannt zu werden, und feuerten gleich aus ihren Pistolen los. Ich spürte einen heftigen Schmerz am linken Arm. Sah, dass mein Oberhemd blutig wurde. Ließ mich sofort vom Stuhl fallen und kroch unter den Tisch, nur halbwegs verborgen von der Tischdecke.
„Scheiß Deutsche!“, rief jemand mit starkem Akzent.
Schüsse, Schreie, das Klirren von Geschirr und Glas. Die Angreifer schrien in einer fremden Sprache laut herum. Ich hätte geschworen, dass es Arabisch war, denn ich war mehrmals in Nordafrika gewesen. Schritte, Getrampel, umstürzende Tische und Stühle. Und plötzlich wieder Ruhe. Dann erst die Schreie der Opfer.
Ich wartete ab. Erst nachdem ich feststellte, dass der Spuk tatsächlich vorbei war und im Raum die entsetzten Rufe der Servierer und der verwirrten Gäste zu hören waren, kroch ich aus meinem Versteck hervor Es sah schlimm aus um mich herum. Blutende Menschen. Verstört dreinblickende Kellnerinnen an den Wänden. Gäste, die verletzt in ihren Stühlen hingen. Und ein Mann, der tot am Boden lag. Ein anderer Gast beugte sich über ihn, erhob sich dann und schüttelte den Kopf.
Es dauerte ziemlich lange, bis die Polizei eintraf. Sie kam dann mit zahlreichen Wagen angebraust, Blaulicht flackerte durch die Scheiben des Restaurants zu uns herein, und das ohrenbetäubende Sirenengeheul war schon aus der Ferne zu hören gewesen. Im Schlepptau brachten sie das SEK mit, vermummte Gestalten mit Maschinenpistolen und Schutzschilden, die das „Tratino“ stürmten und die erschrockenen Gäste damit noch viel mehr erschreckten.
Man trieb uns in einer Ecke wie Schafe zusammen und ein Uniformierter informierte uns, dass wir warten sollten, bis wir unsere Aussagen zu diesem schrecklichen Vorfall, offenbar einem Terroranschlag, gemacht haben würden. Emilio Rosante, der Besitzer des „Tratino“ durfte uns mit Getränken versorgen – das geht aufs Haus, verkündete er, immer noch schreckensbleich.
Auch die Notärzte der Feuerwehr waren inzwischen eingetroffen. Sie hatten alle Hände voll zu tun, um uns zu versorgen. Ein junger Helfer schnitt mein Oberhemd auf und verband meinen Arm. „Es ist Gott sei Dank nur ein leichter Streifschuss, gewissermaßen ein Kratzer!“, tröstete er mich. „Das sieht schlimmer aus, als es ist.“
Ich setzte mich in eine Ecke zu anderen Gästen, die heftig miteinander schwatzten, trug aber nichts zu ihrem Gespräch bei.
Erst zwei Stunden später wurde ich vernommen.
Der Polizist, ein Hauptkommissar Schlüter, hatte eine rothaarige Kollegin mitgebracht, die schweigend neben ihm saß und den Eindruck machte, als ginge sie die Sache gar nichts an. Sie hatte sich zwar mit ihrem Namen vorgestellt, aber ich hatte ihn nicht verstanden, Er interessierte mich auch nicht. In mir wütete noch das soeben Erlebte und wahrscheinlich hatte ich einen leichten Schock. Schlüter war vielleicht Fünfzig, etwas korpulent und mit einer enormen Glatze gesegnet. Er versuchte, nett zu mir zu sein, aber lange Jahre Polizeidienst machen sich natürlich bemerkbar. Seine Kollegin war ausgesprochen attraktiv. Schulterlanges rotes Haar, ein hübsches Gesicht. Märchenhafte Augen.
„Ihr Name ist?“, fragte Schlüter.
„Webb – Thomas Webb“, sagte ich. „Journalist!“
„Von der Leipziger Volkszeitung?“
„Nein, Berlin – ich bin hier für das Große Magazin!“
Schlüter atmete aus. „Da haben Sie ja gleich wieder Stoff für eine fette Story.“ Es klang sehr ärgerlich.
„Nicht doch“, entgegnete ich. „Schließlich machen wir keinen Boulevard-Journalismus, sondern graben gesellschaftlich relevante Themen aus. Und ich bin eigentlich nur wegen der Sehenswürdigkeiten der Messestadt hier. Für die Reiseseiten.“
Schlüter schwieg einen Moment. Dann streichelte er sein Kinn, als hätte er dort einen Bart.
Seine Kollegin betrachtete scheinbar gelangweilt ihre Fingernägel. Ich schätzte, sie war der Geier, der plötzlich loshacken würde, wenn ich mich bei meinen Aussagen irgendwie verheddern würde.
So spuckte ich dann doch exakt aus, dass mehr hinter meinem Aufenthalt in Leipzig steckte. Ich ließ nichts aus, denn es war eine kurze Geschichte.
„Hochneder sollte nach Leipzig fahren“, hatte mir Lienhardt, der Chefredakteur des Großen Magazins, wie die Zeitschrift allgemein genannt wurde, in Berlin eröffnet. „Aber der ist momentan in der Hauptstadt unabkömmlich. Die jüngste Regierungskrise, verstehst du! Es sieht wieder mal aus, als würde die Koalition auseinanderplatzen wie eine obergärige Frucht. Unsere Spitzenpolitiker hacken sich wieder mal gegenseitig die Beine weg. Also musst du für ihn einspringen.“
„Hochneder ist Spezialist für politische Themen“, hatte ich abgewehrt. „Ich bin Reisejournalist. Also kein guter Ersatz für ihn.“
„Mein Gott, das wirst du doch hinkriegen, wenn du ohnehin in die Messestadt fährst. Außerdem wird Hochneder nachkommen, wenn es in der Bundeshauptstadt wieder ruhiger zugeht. Also kannst du doch unterdessen auch neben den Recherchen für deinen Reisebericht einen Beitrag über die Zustände in Leipzig machen. Da gibt es doch neuerdings jede Menge unerklärliche Reibereien zwischen den Einwohnern und gewaltbereiten Flüchtlingen. Überfälle. Schlägereien. Bisher waren Rechtsextreme die Täter, die Migranten angriffen. Jetzt hat sich das Blatt gewendet. Es gibt zahlreiche Vorfälle mit aggressiven Flüchtlingen gegen harmlose Einwohner. Das Ganze spielt der neu gegründeten PAPD in die Hände, der Partei der Aufrechten Patrioten Deutschlands. Und das alles unmittelbar vor Beginn des Wahlkampfes in Sachsen. Ich schicke dir zur Verstärkung noch Boland runter, gleich morgen oder übermorgen. Ihr könntet die Sache gemeinsam recherchieren und schreiben.“
Das also zusammen, so verklickerte ich Schlüter, war Anlass für meine Reise nach Leipzig gewesen. Dass ich im „Tratino“ gelandet war, verdankte ich meinem knurrenden Magen. Ich hätte natürlich an einem Stand in der Grimmaischen Straße einfach bloß eine Bockwurst essen können, aber danach war mir nicht. Das Große Magazin bezahlte die Spesen. Deshalb wollte ich vernünftig essen. Dass ich dabei in einer Schießerei verletzt werden würde, hatte nicht auf der Speisekarte des „Tratino“ gestanden.
Was ich gesehen hätte bei diesem Überfall, wollte Schlüter gern wissen.
Es war nicht viel, was ich darüber berichten konnte. Denn die Täter hatten sofort beim Hereinkommen ihre Gesichter mit Tüchern verhüllt. Ich hätte niemand identifizieren können. Und die restliche Zeit hatte ich unter dem Tisch gehockt. Eine nicht sehr tapfere, aber sehr kluge Entscheidung, wie sich gezeigt hatte. Arabisch hatten sie gesprochen. Das hätte ich beschwören können.
„Kleidung? Und wie viele waren es?“
„Jeans. Langärmelige Shirts. In dunklen Farben. Grau oder braun – ich weiß nicht! Es müssen drei gewesen sein. Mehr habe ich nicht gesehen, denn ich hatte mich sofort unter den Tisch fallen lassen, nachdem mich der Schuss getroffen hatte.“
„Gute Reaktion!“, sagte Schlüter. „Gut für Sie. Aber nicht für uns, weil Sie nichts weiter wissen. Na schön - viel mehr werden wir von Ihnen nicht erfahren.“
„Aber ich habe eine Frage!“, warf ich ein. „Warum hat es so lange gedauert, bis die Polizei hier war?“
Die Rothaarige sah mich etwas missbilligend an. „Wissen Sie, was heute los ist?“ Sie hatte für einen Moment strenge Augen. „Hamburg spielt gegen RB Leipzig. Da ist fast die gesamte Polizei im Stadion auf den Beinen. Und auf dem Hauptbahnhof. Dort haben die Hamburger Fans bei ihrer Ankunft eine Schneise der Verwüstung gezogen. Die Kollegen hatten alle Hände voll zu tun. Wir hatten alle Kräfte dort konzentriert.“
„Glauben Sie…“, fragte ich. „Glauben Sie nicht, dass die Täter davon gewusst und das ausgenutzt haben? Dass sie bewusst ihren Anschlag zu diesem Zeitpunkt ausgerechnet hier verübt haben, wo weit und breit kein Polizist zu sehen war?“
Ich erhob mich. „Kann ich das Restaurant verlassen?“
„Wo werden Sie wohnen?“, fragte Schlüter zurück.
„Im Leipzig Marriott Hotel, gleich nahe am Hauptbahnhof“, sagte ich. Und beugte mich vor, um der rothaarigen Kollegin in die Märchenaugen zu schauen. „Sie wissen, wo Sie mich finden!“
Irrte ich mich? Oder glitt doch ein leises Lächeln über ihre Lippen?
Wenn ich nicht unterwegs bin, mache ich es mir in meiner Wohnung in Berlin-Pankow gemütlich. Das ist ein nordöstlicher Bezirk in der Hauptstadt, in dem heute mehr als 400.000 Leute leben. Das sind ungefähr so viele wie auf Malta. Ich wohne in einem Mietshaus in der Elsa-Brändström-Straße in der ersten Etage. Die Wohnung ist geräumig und fast zu groß für mich, denn ich lebe allein. Oft steht sie leer, denn ich bin beruflich viel auf Reisen. Komischerweise war ich lange nicht in Leipzig. Dabei verbindet mich viel mit der Messestadt. Früher einmal habe ich hier studiert. Noch vor der Wende. An der Fakultät für Journalistik, einer politischen Betonfabrik. Dieser ideologische Ableger der Abteilung Agitation im SED-Zentralkomitee wurde aus gutem Grund von vielen „das Rote Kloster“ genannt. Und ich hatte in Leipzig eine aufregende Affäre mit einer gewissen Alicia gehabt, ehe ich meine erste Ehefrau kennen lernte.
Meine Eltern waren viel zu früh verstorben, beide gemeinsam bei einem Autounfall. Mein Großvater hat sich dann um mich gekümmert. Nachdem er in seinem Leben zuerst der NSDAP, also der Nazipartei, angehört hatte, weil er an den Führer geglaubt hatte, wurde er nach 1945 zuerst überzeugtes SPD- und dann überzeugtes SED-Mitglied. Als Genosse impfte er mir von Kindheit an eine gewisse Gläubigkeit an den Sozialismus der DDR ein. Von klein auf paukte er mir ein, dass die Menschen unvollkommen, aber der Sozialismus gut sei und die Partei immer recht habe. Das hat mich mehr geprägt als der rote Holzhammer in der Schule und in der FDJ. Deshalb kam ich an der Fakultät für Journalistik auch ganz gut zurecht. Der Eintritt in die SED gehörte dann einfach mit dazu. Aber schon damals kamen mir Zweifel an Vielem, was die Partei- und Staatsführung uns, dem unwissenden Volk, verkündete. Geistig emigrierte ich in meiner Freizeit zum Westfernsehen und debattierte mit Freunden bei Rotwein und Kerzenlicht manche lange Nacht - da schon in Berlin - wie gut es wäre, wenn die alten Männer im SED-Politbüro und Erich Honecker endlich abtreten würden. Bei der großen Demonstration am 4. November 1989 ging ich mit auf die Straße und war begeistert von der Aufbruchsstimmung auf dem Alexanderplatz. Mit der schnellen Einheit hatte ich nicht gerechnet – im vereinten Deutschland hatte ich zuerst einige Anlaufschwierigkeiten als ehemaliger DDR-Journalist, konnte mich aber bald sehr gut als Reisejournalist etablieren.
Seit 1990 bin ich parteilos. Ich werde auch nie wieder in irgendeine politische Gurkentruppe eintreten. Was Parteien betrifft, so bin ich für immer geheilt.
Ich war zweimal verheiratet. Die erste Ehe mit einer kleinen blonden Germanistikstudentin ging in die Brüche, weil Laura im Zug nach Leipzig einen Glückspilz kennen lernte, der einen ordentlichen Batzen Geld geerbt hatte. Sie ließ sich von mir scheiden, nahm ihn zum Mann, aber ihr gemeinsames Glück war zu Ende, als sie ihn verließ. Ihr blieb sein Grundstück mit Haus. Sie versumpfte dann in vielen Männergeschichten, bei denen sie aber jedes Mal kräftig finanziell absahnte. Einer der Dummköpfe, ein Zahnarzt, hängte sich am Fensterkreuz seiner Praxis auf, weil er Lauras Geldwünschen nicht mehr gewachsen war. Sie erbte seinen Mazda und was von seinem Vermögen übriggeblieben war. Heute ist sie – es wundert mich nicht – mit einem Millionär zusammen. Sie reist im privaten Düsenjet so selbstverständlich um den Erdball, wie andere mit dem Fahrrad von Berlin-Pankow nach Stadtmitte oder Kreuzberg strampeln. Ich habe den Millionär einmal gegoogelt. Er ist uralt und von Beruf Pornoproduzent. Sein Gesicht ist faltig wie eine Ziehharmonika, und als Gott die Schönheit verteilt hat, wurde er vergessen. Ich schätze, dass Laura jedes Mal nach dem Sex mit ihm üble Albträume hat.
Meine zweite Frau hieß Sylvie. Wir hatten ziemlich schnell geheiratet, der Teufel allein weiß warum. Ich glaubte damals, sie sei meine große Liebe. Vielleicht war sie es auch. Sylvie war zwanzig Jahre jünger als ich. Die meisten Bekannten von uns glaubten nicht, dass das gutgehen würde. Es ging auch auf die Dauer nicht gut. Aber nicht wegen des Altersunterschieds. Sondern nach mehr als zehn Jahren einer mehr oder weniger glücklichen Ehe traf Sylvie zufällig ihre große Jugendliebe wieder. Udo, in den sie mal unsterblich verschossen gewesen war. Er hatte sie einst von einem Tag zum anderen sitzenlassen, und sie hatten sich all die Jahre aus den Augen verloren. Schnee vom überletzten Jahr, hatte ich gedacht, wenn sie ihn mal erwähnte. Eine Jugendliebe, die so tief begraben war, dass man schon lange buddeln musste, um sie noch zu finden.
Sylvie traf diesen Udo zufällig in der S-Bahn wieder. Sie fragte ihn, warum er sie verlassen hatte. Und er gestand ihr, das sei die größte Dummheit seines Lebens gewesen. Sie sei für ihn die größte Liebe seines Lebens gewesen.
Kurz und gut. Zuerst trafen sie sich heimlich. Dann verließ mich Sylvie und zog zu Udo. Sie hat ihn längst geheiratet und zwei Kinder mit ihm.
Meine Ehen waren also alle beide nicht das Gelbe vom Ei. Später spielten einige andere Frauen eine Rolle, aber das waren nur kurzlebige Geschichten. Mit Heike war ich länger zusammen, die ich bei einer etwas abenteuerlichen Geschichte kennengelernt hatte. Aber sie bekam eines Tages ein unwahrscheinlich gutes berufliches Angebot aus den USA, und so war auch das dann vorbei.
Jetzt, wo ich in Leipzig weilte, musste ich wieder an Alicia denken. Mit ihr hatte ich viel Spaß gehabt, als ich noch Student war. Vor allem im Bett. Sie war zwar verheiratet gewesen, aber ihr Mann, ein reisender Vertreter für eine volkseigene Pharmafirma, war praktisch nie zu Hause, und sie brauchte unbedingt jemand zum Kuscheln, Knuddeln und Liebe machen. Ich musste immer ordentlich futtern, um genügend bei Kräften zu sein, ihren Wünschen im Bett, auf dem Tisch und auf dem kalten Fußboden nachzukommen. Wir waren etwa ein halbes Jahr zusammen. Dann verdrückte ich mich, weil der Reiz des Neuen vorbei war und man sich mit ihr außerhalb des Bettes über nichts unterhalten konnte. Das ist jetzt fast exakt dreißig Jahre her, aber manchmal – wenn auch ganz selten – denke ich an sie. Natürlich hatte sie mich benutzt. Weil ihr Mann immer unterwegs war. Ihr fehlte das eben. Eigentlich war sie auch ganz lieb gewesen. Was mochte sie jetzt machen? Wie würde es ihr gehen? Ob sie noch mit ihrem Mann zusammen war?
Leipzig – ja, an dieser Stadt hingen schon ein paar persönliche Erinnerungen. Jetzt würde es eine mehr sein – die Schüsse im „Tratino“, die Wunde an meinem Arm. Ich war schon einmal in Lebensgefahr geraten, als ich seinerzeit in Finnland einen alten Studienkameraden besuchen wollte, in seinem Haus zwei tote Killer und meinen Freund sterbend in der Küche fand. Offenbar zog ich solche Dinge wie ein Magnet an.
Ich sollte auf mich aufpassen.
Und erst mal zum Marriott gehen, um mich im Hotel einzuchecken.
Das Hotel befand sich Am Hallischen Tor, wie die Straße hieß. Also direkt am Hauptbahnhof und in idealer Straßenbahn-, Bus- und S-Bahn-Nähe. Ich checkte ein und fuhr mit dem Lift hinauf, fand auch im Gang schnell die richtige Zimmernummer und stand gleich darauf in meinem neuen Domizil für die nächste Woche. Der Raum war nicht zu klein – natürlich auch nicht groß genug, um darin Fußball zu spielen. Aber für den Preis durchaus erstklassig. Minibar, WLAN, Kaffee- und Teekocher und ein Bügeleisen mit Bügelbrett warteten darauf, in Betrieb genommen zu werden. Schrank, Schreibtisch und Nachtschränkchen sowie ein breites Doppelbett, das ich für mich allein hatte, füllten das Zimmer aus. Und natürlich war im Zimmer auch ein großer Fernseher, den ich sofort einschaltete, nachdem ich den Koffer auf die Ablage gehoben hatte.
„Willkommen, Thomas Webb“, rief mir der LCD-Bildschirm entgegen. Ich switchte weiter zu den Fernsehprogrammen und blieb an einem regionalen Sender hängen. Er hatte gerade ein Interview mit einem Gesundheitsapostel beendet und brachte jetzt die Nachrichten aus dem Land Sachsen.
„Leipzig: PAPD-Vorstandsmitglied Rudolf Hilsebein erschossen“, wurde groß eingeblendet. Und dann legte auch schon der Nachrichtensprecher los. Er bezog sich auf die Auseinandersetzungen zwischen Leipzigern und Flüchtlingen in den letzten Wochen und orakelte, dass die Krise jetzt mit einem Terroranschlag auf ein Restaurant in der Innenstadt auf einem Höhepunkt angekommen war. Im Prinzip wusste der Nachrichtensprecher auch nicht mehr als ich, aber er wand sich in Andeutungen und Hinweisen, dass Polizei und Stadtverwaltung wahrscheinlich in den nächsten Stunden eine Pressekonferenz abhalten würden. Außerdem war vom Landesvorstand der Partei der Aufrechten Patrioten Deutschlands zum Mord an ihrem Vorstandsmitglied in Kürze eine Stellungnahme zu erwarten.
Ich ahnte schon, wie die Stellungnahme aussehen würde: „Ausländer raus!“ Sie würden das nicht so krass sagen. Sondern mit „Bitte raus“ und ein paar netten Worten.
Das Geschehen würde der PAPD unmittelbar vor Beginn des Wahlkampfes ordentlich Wasser auf ihre Mühlen geben, die anderen Parteien in Verlegenheit und unter Zugzwang bringen und den Patrioten wahrscheinlich tausende von neuen potenziellen Wählerstimmen einbringen. Jetzt so kurz vor der Landtagswahl.
Angesichts Rudolf Hilsebeins Tod ging in der Nachrichtensendung beinahe unter, dass zwölf weitere Personen verletzt worden waren, einige schwer, und dass sich unter den Betroffenen auch der bekannte Reisejournalist Thomas Webb befunden hatte. Ich zuckte zusammen, als mein Name fiel - gern hätte ich darauf verzichtet. Weiß Gott, wer das wieder von den Journalisten ausgegraben hatte. Sicher stand das morgen auch in den Zeitungen und im Internet. Ich mag es nicht, irgendwie im Mittelpunkt zu stehen. Ich schreibe über Themen, aber ich selbst will nicht das Thema sein.
Ich schaltete um zur ARD-Tagesschau und erwischte gerade noch den Schluss des Beitrags über die neuesten Ereignisse in Leipzig. Man hielt sich hier seriös bedeckt, ließ sich aber offen, ob in der Messestadt die Verhältnisse zwischen Flüchtlingen und Leipzigern endgültig aus dem Ruder gelaufen waren.
Kaum hatte ich den Fernseher ausgeschaltet, läutete das Telefon. Lienhardt, der Chef des Großen Magazins, war selbst dran. Ob es mir gut gehe. Überall werde gemeldet, ich sei bei einem Terroranschlag verletzt worden.
„Es ist nur ein Kratzer!“, beruhigte ich ihn.
„Bleib mal an der Sache mit Hilsebein dran“, schärfte er mir ein. „Und grab tief nach, was da mit dem Verhältnis zwischen den Leipzigern und den Migranten nicht stimmt. Oder umgekehrt Weshalb es in der letzten Zeit zu den gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen gekommen ist. Es soll heute wegen des Anschlags noch eine Pressekonferenz der Polizei geben. Geh hin. Verpasse das nicht! Wie ist überhaupt die Lage?“
„Das Chaos hat einen Namen“, sagte ich. „Leipzig. Sie haben die ganze Innenstadt abgesperrt und fangen jeden ab, der nur ein bisschen ausländisch aussieht. Sie suchen die Nadeln im Heuhaufen!“
„Wann trifft Boland ein?“ fragte ich dann noch. Er würde den aktuellen Kram machen müssen. Die Online-Berichterstattung. Während ich Zeit hatte, gründlich für einen Beitrag in der nächsten Print-Ausgabe zu recherchieren.
„Ist angesichts der Lage jetzt schon unterwegs. Wir haben ihn gleich ins Auto gesetzt, als die ersten Meldungen über den Anschlag bei Twitter auftauchten.“
„Gut“, sagte ich. Mehr nicht. Ich mag Boland nicht besonders. Zu DDR-Zeiten war er ein Schoßkind der Abteilung Agitation des Zentralkomitees der SED. Sie hatten ihn und seine Frau nach Paris geschickt. Ihn als Korrespondenten für das Zentralorgan „Neues Deutschland“, sie für die Nachrichtenagentur ADN. Nach Wende und Einheit arbeitete Boland freiberuflich für mehrere Zeitungen und jetzt auch für das Große Magazin. Er sollte bei uns fest angestellt werden, wollte aber nicht. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass er bei einer Festanstellung auf eine eventuelle Zusammenarbeit mit der Stasi überprüft worden wäre. Boland spricht auch nicht mehr über seine Vergangenheit, sondern tritt auf, als hätte er immer schon im Westen gelebt. Ich mag ihn nicht, aber das zählt nicht. In unserem Job muss man teamfähig sein.
„Die Pressekonferenz!“, wiederholte Lienhardt. „Geh unbedingt hin. Und schicke uns einen Beitrag. Frag mal, was die Polizei unternehmen will, damit wieder Ruhe in Leipzig einkehrt.“
Ich versprach ihm, mich dahinterzuklemmen. Er gab mir noch ein paar gute Ratschläge, die ich mir hinter den Spiegel stecken konnte, und legte dann auf.
Ich zog mich um, befummelte dabei den Verband am Arm und überlegte, was ich als Nächstes tun sollte. Vor allem musste ich erst mal einen Bissen in den Mund bekommen. Den Kalbsbraten im „Tratino“ hatte man mir ja vom Tisch geschossen. Ich wusste, dass es im Hotel ein Restaurant gab. Da würde ich wenigstens eine Kleinigkeit essen. Vorher würde ich noch die Presseseite der Polizeidirektion Leipzig googeln, um zu erfahren, wann und wo die PK stattfinden sollte. Ich holte den Laptop aus meinem Koffer und klappte ihn auf. Erfuhr gleich darauf, dass die Konferenz in einem Saal des Neuen Rathauses geplant war, 18:00 Uhr, also hatte ich noch Zeit.
Danach nahm ich mir erst einmal einige Minuten, in mich selbst hineinzuschauen. Erst jetzt kam der Schreck über das Erlebte so richtig nach. Ich hatte es vorhin verdrängt. Bin wohl auch etwas abgebrüht durch Dinge, die früher einmal in meinem Leben passiert sind, als ich es einmal mit russischen Agenten zu tun gehabt hatte. Aber die Furcht stirbt nie ganz, egal, was man je durchgemacht hat. Wer etwas anderes erzählt, lügt. Oder hat eine Seele aus Eis. Jedenfalls war ich wieder einmal davongekommen. Durch den Zufall und einen Schuss Geistesgegenwart. Ich war vor einiger Zeit in Israel an den heiligen Stätten gewesen. Vielleicht hatte mich daher Gott beschützt. Wer sonst kümmert sich heute noch um unsereins!
Ich schaute auf meine Armbanduhr.
Bis 18:00 Uhr war noch ausreichend Luft. Schnell noch hinunter ins Restaurant in der ersten Etage. Sie hatten ihm den Namen „Creme BRÜHLé“ gegeben. Vielleicht nach der Straße Brühl, die gleich nebenan lag. Witzig. Leipziger Humor. Eine Anspielung auf die Süßspeise mit der gebrannten Karamellkruste. Aber sicher hatten sie auch Kalbsbraten. In einem guten Hotel gibt’s alles.
Diesmal würde ich nicht unter dem Tisch sitzen müssen.
Während ich mein Kalbsschnitzel mit Preiselbeeren und Süßkartoffelstäbchen zu mir nahm und dazu ein Ur-Krostitzer Pils trank, war ich in Gedanken bei den Vorfällen, die es bereits in den letzten Wochen in Leipzig gegeben hatte. Nachdem mir Lienhardt den Auftrag zur Reise in die Messestadt gegeben hatte, machte ich meine Schularbeiten. Recherchierte, was da plötzlich aufgekommen war. Wie aus dem Nichts. Und die braven Bürger Leipzigs erschreckt hatte.
Bis vor sechs bis acht Wochen war das Verhältnis zwischen den Leipzigern und den in verschiedenen Bereichen der Stadt untergebrachten Flüchtlingen völlig unbelastet gewesen. Wenn es mal zu seltenen Gewalttaten kam, dann nur in dieser oder jener Gemeinschaftsunterkunft der Asylanten. Die nämlich waren sich untereinander nicht immer grün. Religiöse Motive und ethnische Probleme spielten eine Rolle, wenn gelegentlich einige von ihnen aufeinander losgingen. Aber, wie gesagt, sie machten das in ihrem Heimen aus, und den Rest erledigte die herbeigerufene Polizei.
Problematisch wurde es, als es vor etwa zwei Monaten zu unerklärlichen Angriffen von Flüchtlingen auf Leipziger Einwohner kam. Vor einem Einkaufszentrum wurde eine Familie von jungen Afrikanern attackiert. Am Völkerschlachtdenkmal griffen Nordafrikaner eine Gruppe junger Leute an. Jugendliche Syrer schlugen sich mit halbwüchsigen Deutschen vor dem Kino Capitol in der Petersstraße. Am Schwanenteich zwischen Oper und Hauptbahnhof tauchten Dealer auf, die in den Abend- und Nachtstunden auch schon mal Leipziger verbal und in zwei Fällen tätlich angriffen. Die Zahl solcher Übergriffe nahm ständig zu. Die freundliche Stimmung gegenüber Migranten in der Messestadt kippte um.
Daran war natürlich auch die Partei der Aufrechten Patrioten Deutschlands nicht ganz unschuldig. Erst im Laufe des vergangenen Jahres gegründet, hatte die PAPD inzwischen einen Riesenzulauf. Auch weil Leipzigs Stadtväter das neue Ausmaß an Gewalt in der Stadt nicht stoppen konnten. Und natürlich zehrte die neue Partei auch von der großen Politik im Bund, von der Art und Weise, wie sich in Berlin die regierende Koalition ständig blamierte. Eine Truppe, in der sich alle Partner dauernd gegenseitig etwas auswischen wollten anstatt gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Ein großer Prozentsatz der Bundesbürger fand diese Kompromiss-Regierung in vielen Dingen unsäglich, besonders die Machtkämpfe in deren eigenen Lagern. Kein Wunder, dass sich viele Menschen der PAPD in die offenen Arme stürzten. Nicht unbedingt als Mitglieder, aber als Sympathisanten und potenzielle Wähler. Nicht ganz so rüpelig wie manche anderen Politiker im rechten Spektrum, zogen die Gallionsfiguren der Aufrechten Patrioten besonders viele Sachsen auf ihre Seite. Der Landesvorsitzende Rudger Marquart war eine charismatische Figur, sprachgewaltig und seriös wirkend. Erst Fünfundvierzig. Gut aussehend. Klug. Früher war er Wissenschaftler gewesen, nun strebte er an, seine Partei bei den Wahlen zum Landtag mit an die Macht zu bringen. Tatsächlich sagten jetzt schon, noch ein gutes Stück vor dem Wahltag, die Prognosen der Meinungsforschungsinstitute ein hohes zweistelliges Ergebnis für die PAPD voraus. Die AfD spuckte inzwischen Gift und Galle gegen diese Konkurrenz, die ihr Feld beackerte und ihr tüchtig zu schaffen machte. Auch die anderen Parteien ließen keinen Tag aus, um Giftpfeile auf die Patrioten abzuschießen. Umsonst. Deren Umfragewerte stiegen wie die Quecksilbersäule des Thermometers im Sommer.
Das Thema Flüchtlinge war einer der Kernpunkte im Programm der Patrioten. Die PAPD plädierte schon seit ihrer Gründung dafür, künftig die Asylzentren in Nordafrika zu belassen. Das Gros der in Deutschland lebenden Asylsuchenden solle dorthin wieder zurückgebracht werden. Immer wieder wurde betont, dass auf diese Weise den Schleppern jeder Boden entzogen würde und niemand mehr im Mittelmeer ertrinken müsste. Von der EU-Asylreform hielten sie aber nicht viel. Gegen kriminelle Flüchtlinge solle man rigoros vorgehen, sie verurteilen, einsperren und schnell abschieben. Familiennachzug nein – den Deutschen würden dadurch die mietgünstigen Wohnungen weggenommen. Eine trickreiche Partei. Keine Sprüche im Nazi-Jargon. Nichts, womit sie mit dem Grundgesetz anecken konnten. Trotzdem rechtspopulistisch bis rechtsnationalistisch. Mit jedem Tag gewann die Partei neue Anhänger, vor allem nachdem es in Leipzig zu diesen gewalttätigen Vorfällen mit Flüchtlingen gekommen war. Man konnte sich ausrechnen, dass sie siegreich in den sächsischen Landtag und auch später ins Leipziger Stadtparlament einziehen würde. Der heutige Terroranschlag mit dem Mord am Vorstandsmitglied Hilsebein würde noch einmal ganze Scharen von braven, empörten Bürgern ins Lager der PAPD spülen. Dessen war ich gewiss!
Ich war so in Gedanken, dass ich gar nicht spürte, wie gut das Essen war. Erst der Kellner, der wie ein Geist aus der Flasche plötzlich an meinem Tisch auftauchte, brachte mich wieder in die Realität zurück.
„Alles in Ordnung?“, fragte er.
Ich sagte, dass alles gut sei und dass ich gleich zahlen wolle. Da verschwand er und kam pünktlich, nachdem ich aufgegessen hatte und mein Bierglas leer war, mit der Rechnung. Ich warf einen Blick darauf. Mit dem Trinkgeld etwas über einen Zwanziger.
Eine Viertelstunde später befand ich mich schon auf dem Weg durch die Innenstadt. Das Neue Rathaus befindet sich am Martin-Luther-Ring. Ich brauchte also einfach nur immer der Nase nach zu gehen. Natürlich hätte ich am Hauptbahnhof auch die Straßenbahn nehmen können. Aber ein paar Schritte nach dem Essen tun immer gut.
Sie hatten im Rathaus ein paar Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Man konnte nicht einfach hineinspazieren. Taschenkontrolle, Detektor, wachsame Blicke von Polizisten. Die Pressekonferenz sollte in einem Saal im ersten Stockwerk stattfinden. Ich lief im Pulk der zahlreich erschienenen Kollegen mit die Treppe hinauf und betrat dann den Raum. Auch hier Polizei. Dicht neben der Tür entdeckte ich die attraktive rothaarige Kommissarin, die neben Hauptkommissar Schlüter im „Tratino“ gesessen hatte, als er mich befragte. Die Stille, die Hübsche. Ich ging zu ihr und lächelte sie an. Sie erschien mir noch reizvoller als Stunden zuvor. Ich hütete mich, ihr dies zu sagen. Denn die Zeiten sind für Männer nicht mehr so lustig wie früher. Ich erinnerte mich an den einst bekannten FDP-Politiker, der sich nach einigen Drinks an einer Bar scherzhaft-lobend über das Dekolleté einer Journalistin geäußert hatte. Es gab bundesweit einen Aufschrei. Die FDP-Größe verschwand danach in der Versenkung. Der Mann hatte nicht begriffen, dass wir nicht mehr in einem vergangenen Jahrhundert leben, wo sich Frauen noch alles gefallen lassen mussten. Es war, so glaube ich, am Hof Ludwig XIV., als die Kavaliere einer Frau damit ein Kompliment machten, indem sie ihr in den Busenausschnitt griffen. Ich weiß nicht, wie sich die Damen dabei fühlten. Heutzutage sollte man das jedenfalls nicht tun. Man käme als Mann aus dem Ärger gar nicht mehr heraus.
Also ließ ich meine Hände von der Polizeidame, auch als sie zurücklächelte und mir sagte: „Ach – der Herr Webb! Wissen Sie, dass ich Ihre beiden Reisebücher gelesen habe? Ich bin heute noch begeistert. Und natürlich lese ich auch Ihre Reisereportagen, wenn ich sie in irgendeinem Magazin entdecke.“
Das gefiel mir ungemein, und ich fing doch an, etwas Süßholz zu raspeln. Irgendwie knisterte es plötzlich zwischen uns. Doch ich musste zusehen, dass ich einen Platz im Saal erwischte. Der war nämlich inzwischen prallvoll geworden.
„Rufen Sie mal an! Vielleicht können wir mal in Ruhe miteinander ein Schwätzchen machen“, sagte die Polizistin. Sie drückte mir ihre Visitenkarte in die Hand. Ich warf einen Blick darauf. Carola! Eine Rothaarige! Echtes Rot!
Minuten später saß ich inmitten der Journalistenmeute, konnte aber Boland noch nicht entdecken. Neben mir hockte ein dicklicher Kollege um die Vierzig auf seinem Stuhl. Er hatte einen dichten Bart wie Karl Marx. Er beugte sich zu mir herüber und sagte: „Viel werden die jetzt auch nicht erzählen können.“ Sein Bart streifte mein Gesicht.
Ich erhob mich wieder, nahm meinen Laptop und quetschte mich durch die Reihe und suchte einen anderen noch freien Platz. Es war mir unangenehm gewesen. Denn ich hatte irgendwo gelesen, die meisten Krankheitskeime findet man auf Computer-Tastaturen, an Einkaufswagen und in Bärten.
Ganz hinten, außen, war noch ein Platz frei. Ich setzte mich hin. Fast zeitgleich erschienen vorn die Herrschaften, die uns berichten sollten, was heute eigentlich geschehen war, wie weit man mit den Ermittlungen war und was sonst noch für uns interessant sein würde. Der Polizeipräsident war natürlich dabei und der Oberbürgermeister – wie immer, wenn Fotografen und das Fernsehen erschienen. Zwei Leute, die ich nicht einordnen konnte, die sich aber gleich vorstellen würde. Und der Pressesprecher der Stadt, der zugleich Leiter des Referats Kommunikation war. Hauptkommissar Schlüter war nicht dabei.
Die Fotografen eröffneten die Pressekonferenz mit einem Blitzlichtgewitter. Einige Journalisten tippten schon in ihre Laptops. Andere machten sich Notizen. Hinter mir hatten sich die Fernsehfritzen aufgebaut. MDR, TV Leipzig, ZDF, RTL, n-tv, Welt und sogar CNN. Ein Kollege mit einer TV-Kamera auf der Schulter nahm uns Journalisten schräg von vorn auf. Ich versuchte, ein einigermaßen akzeptables Gesicht zu ziehen, denn da war plötzlich das Objektiv direkt auf mich gerichtet.
Der Pressesprecher stellte die anwesenden Persönlichkeiten am Präsidiumstisch vor. Das LKA saß auch mit da vorn. Offensichtlich hatten sie ganz schnell das Polizeiliche Terrorismus- und Extremismus-Abwehrzentrum des Landeskriminalamtes mit eingeschaltet. Der Sprecher redete von einem einschneidenden Ereignis in der Geschichte der Messestadt, von tiefer Trauer um den Politiker Rudolf Hilsebein und dass alles getan würde, um die Täter so schnell wie möglich zu ergreifen.
Dann gab er das Wort dem Polizeipräsidenten, der damit anfing, dass es elf Verletzte und einen Toten gegeben hätte. Sofort hätte die Polizei der Stadt Leipzig alle Maßnahmen ergriffen…
Ich hörte aufmerksam zu. Und mir wurde klar: Sie hatten nichts, sie wussten nichts und sie hatten keine Vorstellung, wie sie die Täter erwischen konnten. Dass es der IS gewesen sein konnte oder Hamas-Sympathisanten, schlossen sie nicht aus. Aber es konnte auch jeder andere getan haben.
Einen Hinweis hatten sie, der eventuell zu den Tätern führen konnte. Am Tag zuvor hatte es Streit mit Migranten im „Tratino“ gegeben. Zwei arabisch aussehende junge Männer hatten sich in das Restaurant begeben, um zwischen den Tischen umher zu laufen und Rosen zum Kauf anzubieten. Einige Gäste fühlten sich belästigt. Die Migranten hatten die kaufunwilligen Speisenden verärgert als Rassisten bezeichnet, als sie ihnen keine Blumen abnahmen. Das Personal hatte sie daraufhin nicht gerade zartfühlend behandelt und mit Brachialgewalt vor die Tür gesetzt. Einer der Rosenverkäufer hatte gedroht, sie würden wiederkommen, ihre Brüder, Väter und Onkels mitbringen und dann würde man ja mal sehen. Die Araber, wenn sie solche gewesen sein sollten, waren offensichtlich mächtig auf Krawall gebürstet gewesen. Phantombilder von ihnen würden nachher verteilt.
Ich sollte ja dem Großen Magazin einen Bericht über die PK schicken. So gab ich im Laufe der nächsten Stunde das Wichtigste in meinen Laptop ein und versuchte, jedes Mal möglichst intelligent dreinzuschauen, wenn der Kollege von n-tv seine Kamera auf mich und das übrige Publikum richtete.
Der Mörder weilte gerade in der Sparkassenfiliale und zählte sein abgehobenes Geld, als die Pressekonferenz begann. Er blätterte die Scheine noch einmal durch, ehe er sie einsteckte, und sah dann auf zum Bildschirm an der Wand, auf dem die Live-Sendung von n-tv übertragen wurde.
Und erstarrte!
Das war doch Thomas Webb, der dort im Saal des Neuen Rathauses zu sehen war. Ihn hätte der Mörder hier nicht erwartet. Er hatte geplant, nach Berlin zu fahren, um Webb umzubringen.
Umso besser! Der Reisejournalist war hier. Da konnte er sich Fahrt, Zeit und Kosten sparen. Auch beim Durchführen eines Mordes ist die Kosten-Nutzen-Rechnung wichtig.
Der Mörder lachte fröhlich auf.
„Haben Sie über mich gelacht?“, fragte eine ältere Dame in einem zeltartigen Kleid.
„Nicht doch!“, sagte der Mörder, und sah sie davon walzen.
