Beiläufige Begegnungen - Reinhard Rempp - E-Book

Beiläufige Begegnungen E-Book

Reinhard Rempp

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Beschreibung

... neue Mieter in dem Haus gegenüber, ein Einkaufszettel liegt im Wald, ein Paar Schuhe auf der Straße, High- Heels und die Reeperbahn, Begegnung mit Traugott Armbrüstle und dem Gaisburger Marsch, ein Stück vom Mond, Begegnung mit Beate Zschäpe und dem NSU, Schiff schwankt, eine Ente im SM-Studio, ein Zeit- und Glücksautomat für Donald Trump und eine Eintrittskarte in den Himmel. Beiläufige Begegnungen also, die der Autor bei seinen Beobachtungen und Streifzügen mit wachem Blick einsammelt, in seiner Fantasie ergänzt und mit Erinnerungen an vergangene Erlebnisse verknüpft.

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Seitenzahl: 135

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Neue Mieter in dem Haus gegenüber, ein Einkaufszettel liegt im Wald, ein Paar Schuhe auf der Straße, High-Heels und die Reeperbahn, Begegnung mit Traugott Armbrüstle und dem Gaisburger Marsch, ein Stück vom Mond, Begegnung mit Beate Zschäpe und dem NSU, Schiff schwankt, eine Ente im SM-Studio, ein Zeit- und Glücksautomat für Donald Trump und eine Eintrittskarte in den Himmel.

Beiläufige Begegnungen also, die der Autor auf seinen Streifzügen mit wachem Blick einsammelt, in seiner Fantasie vervollständigt und mit Erinnerungen an vergangene Erlebnisse verknüpft.

Reinhard Rempp, geboren 1952, Studium an der Akademie für Erkenntnis und Gestaltung A. L. Merz in Stuttgart. Nach dem Studium kurze Zeit als Grafik-Designer in der Werbung tätig. Nach der Ausbildung zum Heilpraktiker 35 Jahre Tätigkeit in eigener Naturheilpraxis. Dozent im Gesundheitsbereich.

Die Tätigkeit im kreativen Bereich, auch verbunden mit Ausstellungen zieht sich durch das ganze Berufsleben. Unter anderem Veröffentlichung von mehreren Kinderbüchern unter Pseudonym.

In der näheren Umgebung ist eine Katze entlaufen. An der Straßenlaterne, gegenüber von unserem Haus, haben die Besitzer der Katze, oder soll ich sagen die Bediensteten der Katze, einen Aushang angebracht. Auf dem Zettel steht, dass die Katze aus der Wohnung entwischt sei. Es handele sich um eine grau-weiße Perserkatze. Unten an dem Zettel steht auf abreißbaren Papierstreifen die Telefonnummer, mit der man den Besitzer oder die Besitzerin der Katze erreichen kann. Ein Streifen fehlt.

Ich stelle mir vor, dass ich die Katze finden könnte. Ich würde sie anlocken, vielleicht mit einem Stückchen Wurst, dann würde ich sie packen und in den Keller bringen. Was für einen Charakter die Katze hat, könnte ich dann gleich feststellen. Es gibt freundliche und unfreundliche und sehr unfreundliche Katzen. Wenn es sich bei dieser Katze um eine sehr unfreundliche handeln sollte, würde ich sie vielleicht sofort wieder laufen lassen.

In meiner Vorstellung handelt es sich um eine freundliche Katze. Bei vorsichtigem Streicheln würde die Katze laut schnurren, und dann würde ich die Telefonnummer, die auf dem Zettel steht, wählen. Wahrscheinlich würde sich dann eine Frauenstimme melden. Im Hintergrund könnte man vielleicht ein kleines Kind weinen hören. Nun könnte ich schnell sagen, dass ich die Katze gefunden und eingesperrt habe, und dass die Katze bei mir abgeholt werden kann. Ich stelle mir das freudige Gesicht der Frau vor und wie das kleine Kind lacht, und muss dabei schmunzeln.

Als ich nach einer Stunde nochmals aus dem Fenster sehe, ist der Zettel verschwunden.

In das Haus gegenüber werden neue Mieter einziehen. Die Familie, die vorher in dem Haus wohnte und denen es auch gehörte, waren auf einmal weggezogen, und das Haus stand einige Wochen leer. Eine Nachbarin erzählte, dass es verkauft worden wäre und vermietet werden solle.

Ich stelle mir vor, ich könnte die zukünftigen Mieter aussuchen. Würde ich ältere oder doch eher junge Menschen auswählen? Da das Haus drei Wohnungen hat, würde ich für das Erdgeschoss eine Familie mit einem kleinen Kind wählen. Der Mann würde bei Daimler arbeiten und deshalb einen Mercedes fahren. Jeden Samstag würde er auf der Straße sein Auto waschen und polieren. Die Frau, eine gelernte Erzieherin, könnte vielleicht nach einem Jahr, wenn das Kind in die Kita gehen würde, wieder in ihrem Beruf arbeiten.

Die Dachgeschosswohnung ist für ein junges Paar ohne Kinder am besten geeignet. Sie ist wahrscheinlich Verkäuferin in einem Einzelhandelsgeschäft oder bei einem Discounter und er versucht, sein Betriebswirtschafts-Studium zu beenden.

In die mittlere Wohnung könnte ein älteres Ehepaar am besten passen. Er hat als ehemaliger Beamter bei der Stadtverwaltung eine gute Pension und sammelt Briefmarken. Die Frau ist ehrenamtlich bei der Caritas tätig.

Dabei muss ich an meinen Vater denken, der schon Briefmarken sammelte, als ich noch ein kleines Kind war. Als er mit 95 Jahren verstarb, räumte ich mit meiner Mutter seinen Schrank aus und legte die Alben in den Kofferraum meines Autos. Der Kofferraum war zu klein und weitere Alben füllten den Rücksitz und den Boden meines Fahrzeugs.

Da ich mich mit Briefmarken nicht auskannte, bestellte ich den Mitarbeiter eines auf Briefmarken spezialisierten Auktionshauses, der stundenlang die Alben durchblätterte und bewertete. Die Zahl, die am Ende seiner Bewertung herauskam, war niedriger als erhofft. Bei der Auktion wurden die Briefmarken verkauft und nach Abzug der Provision bekam meine Mutter den Erlös.

Als Kind hatte ich auch Briefmarken gesammelt. Heute sammle ich Wörter. Wenn mir ein besonderes Wort einfällt oder ich ein seltenes Wort lese, schreibe ich es sofort in mein kleines Buch, das ich immer in meiner Tasche mitführe.

Vor einigen Tagen fiel mir zum Beispiel das Wort Sumsemann ein. Immer wieder sagte ich das Wort vor mich hin. »Sumsemann, Summsemann, Summmsemann.« Dann notierte ich es in meinem Buch und fügte es so meiner Wörtersammlung zu. Dabei überlegte ich, wo ich das Wort gehört habe. Ich erinnerte mich an ein Kinderbuch, ich glaube, es hieß Peterchens Mondfahrt, aus dem mir meine Mutter immer vorgelesen hatte.

Die neuen Mieter sind nun vor einigen Tagen eingezogen. Auf der Ladefläche eines winzigen Autos, ich glaube, es war eine Piaggio Ape mit einer Deutschlandfahne an einer Stange, ein Sofa und ein Sessel. Ein junger Mann und eine Frau schleppten die Möbel ins Haus. Ein weißer Kastenwagen, der ungeschickt auf der Straße stand und den Verkehr behinderte, enthielt die Möbel der anderen Mieter.

Leider konnte ich nicht sehen, welche Wohnung sie bezogen und wie die Leute aussahen. Ich glaube aber, es war die Erdgeschosswohnung.

Als ich vor Kurzem mit meiner Frau auf unserer Terrasse stand, schauten die Bewohner der Dachgeschosswohnung, die inzwischen auch eingezogen waren, aus dem Fenster. Es handelt sich um ein junges Paar und ich winke ihnen freundlich zu, aber sie winken nicht zurück und schauen weg. Ich ärgere mich leicht und vermute, dass sie wahrscheinlich beim Einräumen der Wohnung Streit bekommen hatten und deshalb miese Laune hätten.

Die Wohnung im Erdgeschoss hat Vorhänge, die anderen Wohnungen nicht. Bei Dunkelheit sind die Fenster hell erleuchtet. Die junge Frau im Dachgeschoss trägt einen schwarzen BH. Dann zieht sie ihn aus und wäscht sich den Oberkörper.

Nachts um 0.30 Uhr stehe ich auf der Terrasse und rauche eine Zigarre. Die Frau telefoniert bei geöffnetem Fenster aufgeregt mit lauter Stimme und läuft in der Wohnung hin und her. Sie hat die Haare zusammengebunden.

Dann halten zwei Polizeifahrzeuge an der Kreuzung vor dem Haus, aus dem einen Fahrzeug steigen zwei Polizisten, das andere fährt weiter. Die junge Frau kommt zur Haustür und die Polizisten reden mit ihr. Ich höre, wie einer sagt, dass eine nicht näher bezeichnete Person nun sicher nicht mehr auftauchen würde, und wenn doch, solle sie sich sofort bei der Polizei melden.

Die Frau geht zurück ins Haus, die beiden Polizisten laufen einige Schritte auf der Straße hin und her und leuchten mit einer Taschenlampe in die Vorgärten hinein. Dann fahren sie davon. Im Haus gegenüber ist es nun still und dunkel.

Am nächsten Morgen gehe ich, um Brezeln zu kaufen, zu Fuß zum Bäcker. Auf der Straße finde ich einen vergilbten Zettel, darauf steht: 1 Slip Valentino Perle 82,- DM, 1 Strumpfhalter Valentino Perle 82,-DM.

Ich stelle mir die Frau vor, die diesen Zettel vermutlich verloren hat. Wahrscheinlich ist sie nicht mehr ganz jung, denn der Betrag ist ja in DM aufgeführt. Wenn sie Dessous in der Farbe Perle trägt, stelle ich mir vor, hat sie vermutlich dunkle Haare und ich bin sicher, dass sie einen eleganten Rock trägt.

Ich blicke mich um, aber leider ist keine Frau in der Nähe zu sehen, die ich mir in dieser Unterwäsche vorstellen kann. Ich beschließe, in den nächsten Tagen alle in Frage kommenden Frauen genau zu beobachten. Den Zettel stecke ich ein und füge das Wort Valentino meiner Wörtersammlung zu.

Leider muss ich zugeben, dass diese Geschichte so nicht stimmt und frei von mir erfunden wurde. Warum ich die Geschichte erfunden habe, kann ich nicht sagen, ich glaube, es hat mir einfach großen Spaß gemacht. Tatsächlich habe ich den Zettel in meiner Brieftasche gefunden, als ich beim Bäcker einen Geldschein aus ihr nehmen wollte, oder vielleicht habe ich ihn auch in der Schatulle mit meiner Zettelsammlung gefunden?

Auf jeden Fall kaufte ich den Slip und den Strumpfhalter für meine Frau, da ich eine Vorliebe für Strapse und Nylons habe, und gerne und mit Vergnügen denke ich daran, wie sie nur mit Slip, Strumpfhalter, Nylons und einer Perlenkette bekleidet auf dem Bett lag, wie die Farbe Perle auf der leicht gebräunten Haut, zur Wirkung kam, und wie die rot lackierten Finger- und Fußnägel sowie die rot geschminkten Lippen einen Kontrast dazu bildeten. Das Wort Valentino habe ich tatsächlich meiner Wörtersammlung zugefügt.

Viermal in der Woche fahre ich mit dem Auto nach Sindelfingen in meine Praxis. Ich bin Heilpraktiker und verdiene mein Geld mit dem Betreiben einer Naturheilpraxis. Meine Haupttherapien sind Akupunktur und klassische Homöopathie. Nebenbei schreibe ich noch Bücher, fotografiere und sammle Wörter und beiläufige Begegnungen.

Drei Kinderbücher habe ich bisher geschrieben und gezeichnet. Sie handeln von einem Hund mit Namen Terry und einem Kater mit dem Namen Mikesch, sowie von dem Dackel Waldemar, der Katze mit den drei Beinen und der Maus, die hinter dem Busch wohnt.

Meine Frau Sanne, die Journalistin ist und einen kleinen Verlag betreibt, hat die Bücher veröffentlicht. Der Verkauf könnte etwas besser gehen, aber ich gebe zu, dass das Schreiben und Zeichnen mir großen Spaß gemacht hat.

Wie fast immer am Montag ist wieder Stau und ich stehe in einer langen Autoschlange. Hinter mir in einem BMW sitzt eine junge Frau, die es eilig zu haben scheint. Sie telefoniert aufgeregt mit ihrem Handy und fährt ganz dicht auf, vermutlich mit der Hoffnung verbunden, den Verkehr dadurch beschleunigen zu können.

Ich muss schmunzeln und denke an mein erstes Auto zurück, ein weißes BMW 700 Cabriolet. Schon vor der zu bestehenden Führerscheinprüfung hatte ich das alte Auto auf dem Hof der Fahrschule entdeckt und, da mein Vater davon nichts erfahren durfte, mit dem Geld der Mutter gekauft.

Von einem Freund, der eine Malerlehre machte, ließ ich mir ein Bild von Che Guevara auf die Motorhaube pinseln. Dazu wurde aus einem Poster die Figur ausgeschnitten, sodass es als Schablone verwendet werden konnte.

Das Auto hatte einen kleinen Nachteil. Das Verdeck war defekt, oder vielmehr war es gar nicht vorhanden, und der dritte Gang ließ sich nur sehr schwer einlegen.

Als ich mit meiner zukünftigen Frau damals die erste Ausfahrt unternahm, hatten wir, weil es regnete, zwei Regenschirme aufgespannt, und neben der Gangschaltung lag ein Hammer, um den dritten Gang einlegen zu können.

Das erste richtige Auto war dann ein hellblauer 2 CV, eine sogenannte Ente. Wenn man den Anlasserknopf betätigte, erwachte der Motor, meistens schnurrend wie eine Nähmaschine, zum Leben. Im Winter, wenn es richtig kalt war, musste man den Motor oft mit einer Kurbel ankurbeln. Schön war es, wenn man im Sommer das Verdeck aufrollen konnte. An einem Hebel konnte man die Fahrzeughöhe einstellen und es machte besonderen Spaß, auf Feldwegen herumzufahren.

Inzwischen hat sich der Stau aufgelöst und es geht langsam weiter.

In Sindelfingen parke ich auf meinem Parkplatz und gehe über den Markt zu meiner Praxis. Eine ältere Frau scheint ein Problem zu haben. Ich habe sie schon öfters gesehen, und wie immer steht sie mitten auf dem Marktplatz und verkündet mit lauter Stimme den Weltuntergang und dass das Weltgericht auf ihrer Seite sei und sie alle verklagen würde. Sie hat einen grauen Mantel an, eine große Tasche umgehängt und hält ein Blatt Papier in der Hand.

Ich bleibe stehen und höre ihr eine Zeit lang zu. Sie fängt an, die vorbeigehenden Passanten zu beschimpfen, und ich überlege, ob ich eingreifen soll. Ich beschließe aber, mich nicht in diese Angelegenheit einzumischen.

Vermutlich hat jemand die Polizei verständigt, denn ein Streifenwagen hält an, eine junge Polizistin und ein älterer Polizist steigen aus und gehen auf die schimpfende Frau zu. Sie reden beruhigend auf sie ein, und ich vermute, dass sie das nicht zum ersten Mal machen. Die junge Polizistin legt den Arm fast schützend um die Frau und führt sie zum Streifenwagen. Dann fahren sie davon.

Ich stelle die Überlegung an, aus welchem Grund die Frau so verbittert ist. Vielleicht ist sie einsam und wohnt in einer kleinen Wohnung. Als sie jung war, hat sie geheiratet und der Mann arbeitete am Band bei Daimler. Sie kauften sich eine zu teure Wohnung, die Schulden nahmen überhand, der Mann begann zu trinken, sie wurde schwanger und der Mann verließ sie, bevor das Kind geboren wurde.

Da sie mit dem Kind nicht zurechtkam und verwahrloste, nahm ihr das Jugendamt das Mädchen/ den Jungen ab und gab das Kind in eine Pflegefamilie. Wahrscheinlich kam sie dann anschließend in die Psychiatrie. Vielleicht ist es aber auch einfach nur eine Frau, die wütend ist und ein wenig spinnt.

Ich gehe weiter und komme zu dem Haus, in dem meine Praxis sich im zweiten Stock befindet. Die erste Patientin ist heute eine Frau, die ein kleines Kind dabei hat. Der Junge fragt seine Mutter, warum der Mann so lange Haare hätte. Mit dem Mann meint er mich, und tatsächlich trage ich lange Haare, die im Nacken zusammengebunden sind.

Dass ich so lange Haare habe, hat einen Grund. Viele Jahre ging ich zu demselben Friseur, der meine Wünsche kannte und ohne lange zu fragen, die Haare wie gewohnt nach meinen Vorstellungen schnitt. Auch war das Wasser beim Waschen der Haare nie zu heiß.

Der Friseur war ein schmächtiger, kleiner Mann mit auffallend langen, fast schon weißen Haaren, der Tag und Nacht zu arbeiten schien. Auch hatten wir viele Gesprächsthemen, da der Friseur gerne Kreuzfahrten unternahm und oft von seinen Reisen erzählte.

Als ich an einem Donnerstag von der Praxis zurückfuhr, auf dem Weg komme ich an dem Friseurgeschäft vorbei, standen Rettungswagen und ein Polizeifahrzeug vor dem Geschäft. Auf dem Platz vor dem Laden saßen zwei Frauen und weinten.

Am nächsten Tag erfuhr ich, dass mein Friseur sich das Leben genommen hatte. Er kam wie gewohnt am Morgen zu seinem Geschäft, schloss dort die Eingangstür auf und hinter sich gleich wieder zu. Dann begab er sich in den Keller und hängte sich dort an einem Deckenbalken auf.

Eine Kundin, die um 9 Uhr einen Termin hatte, stand lange vor der verschlossenen Tür, bis sie in die sich daneben befindende Bäckerei ging und sich erkundigte, ob jemand etwas von dem Friseur gehört habe. Der Bäcker wunderte sich auch, da der Friseur sonst immer pünktlich seinen Laden öffnete, ging dann in den gemeinsamen Keller und fand dort den erhängten Friseur.

Warum er sich das Leben genommen hat, weiß ich nicht. Ein Mensch muss sehr verzweifelt sein, wenn er keinen anderen Ausweg sieht, als sich das Leben zu nehmen, oder er leidet an schweren Depressionen. Angemerkt hatte ich ihm nie etwas und ich frage mich, ob meine Menschenkenntnis so schlecht ist oder ob er sich so gut verstellen konnte.

Seitdem habe ich keinen Friseurladen mehr betreten und lasse meine Haare wachsen. Meine Frau rasiert mir gelegentlich den Nacken aus und stutzt die zu lang gewordenen Koteletten. Warum ich momentan zu keinem Friseur mehr gehen möchte, kann ich nicht sagen. Ich glaube nicht, dass es aus Sentimentalität oder im Gedenken an den verstorbenen Friseur ist, sondern ich möchte es einfach so. Inzwischen befindet sich in dem Laden ein anderes Friseurgeschäft.

Während ich schreibe, klingelt es an der Haustür. Eigentlich will ich nicht öffnen, aber dann überlege ich, dass es ja vielleicht der Postbote mit einem von mir bestellten Buch sein könnte. Vor der Tür steht ein junger Mann in weißer Malerkleidung.

Er sagt, er heiße Frederic und betreibe mit seinem Vater eine Malerwerkstatt. Auf der Visitenkarte, die er mir in die Hand drückt, steht »Maler & Gebäudereinigung - Pauschalpreise«. Eine Adresse ist nicht angegeben. Als ich ihn frage, wo denn die Werkstatt sei, antwortet er, sie kämen aus Straßburg, aber hätten hier, in Leo oder so ähnlich, ein Lager.

Als ich frage, ob er mit Leo Leonberg meine, bejaht er eifrig. Dann bietet er mir an, unsere Fensterläden zu streichen. Wir haben viele Fenster und deshalb auch viele Fensterläden, die in keinem sehr guten Zustand sind. Die Farbe blättert ab, und schon seit über zwei Jahren schiebe ich die Arbeit, die Läden abzuschleifen und dann wieder zu streichen, vor mir her.