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Simone Schönett ist eine messerscharfe Beobachterin unserer seltsamen Welt. Sprachlich virtuos wie präzise macht sie in ihren Erzählungen die menschlichen Kipppunkte fest. Dabei zeigt sie keine Gnade mit ihren Figuren, auch wenn diese es noch so sehr wollen. Die Sommelière Karin behält nur einmal keinen klaren Kopf und stürzt sich in ein folgenschweres Abenteuer. Die rätselhaften Einreichungen einer Autorin geben Faustas Job als Sachbearbeiterin im Kunstministerium eine ungeahnte Wendung. Die Journalistin Ida und ihre Kolleginnen müssen sich mit ihrem übergriffigen und manipulativen Chef herumschlagen, und Lizzie verliert angesichts der weltpolitischen Lage jeden Mut. Ganz anders die ehemalige KZ-Aufseherin Hermine Braunsteiner, die sich trotz unzähliger Beweise auf ihre Täterinnenschaft selbst als Opfer sieht.
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Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Simone Schönett
Erzählungen
Schwesternneid
Casa Mia
Hausdiamant
Beim Barte der Prophetin
Odo
Kalani Koda
Neues Leben
Leider nein
Es ist nicht so, wie es aussieht
Ich war nie im Leben nur Hausfrau
Ira
Das Schnarchen meiner Schwester klingt fast schon melodisch, doch ein schöner Anblick ist das nicht.
Ich würde sie zu gerne zeichnen, komme hier dummerweise aber weder an Stift noch Papier.
Während Rita schläft, sitze ich da und nehme ihr Bild tief in mich auf. Bis morgen Früh werde ich mir jede Einzelheit eingeprägt haben.
Gestern Abend, bei der Benefizveranstaltung, da hätten wir uns besser zurückgehalten. Aber wer rechnet denn mit so was? Wie konnten wir uns nur in diese Lage bringen – nein, falsche Frage, wie konnte es nur so weit kommen, dass ein privates Gespräch im öffentlichen Raum zum Verhängnis wird?
Meine Schwester Rita und ich sind in einer Zeit aufgewachsen, in der man nicht ständig belauscht und kontrolliert wurde. Unsere Kindheit am Land fand unbeobachtet von den Erwachsenen statt.
»Wenn es dunkel wird, habt ihr wieder daheim zu sein. Und pass ja gut auf Pauline auf!
Dass Rita mich, die um fünf Jahre Jüngere, in freier Wildbahn gar nicht so bemuttert hatte, wie unsere Mami glaubte, war ebenso selbstverständlich wie Ritas tägliches Geige-Üben. Wegen ihrer außergewöhnlichen musikalischen Begabung spielte meine große Schwester schon als Vierjährige; ich habe sie immer nur übend gekannt. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.
Rita ist vor Kurzem sechzig geworden. Sie zählt zu den besten Geigerinnen Europas. Das war ein langer Weg. Und eigentlich sollte man meinen, sie gehöre zu den großen Namen, die doch alle kennen. Zu denen, die größere Hallen füllen. Doch meiner Schwester ist der Durchbruch – was für ein martialischer Begriff – verwehrt geblieben.
Im Gegensatz zu mir kümmert das Rita wenig. Sie mache Musik, ohne Unterschied, ob ihr drei Menschen oder dreitausend zuhören, so lautet ihr ständiges Credo.
Kompromisse gehen wir beide von jeher eher selten ein. Wäre es anders, wären wir heute Nacht auch nicht hier.
Unsere Mami würde angesichts unserer Lage eventuell kurz ihren Humor verlieren, ihren Humor, ohne den sie es nicht vermocht hätte, als Alleinerziehende zwei Künstlerinnen großzuziehen – eine Tochter Musikerin, die andere Malerin, das hätten weder Rita noch ich nervlich geschafft.
Wir wurden beide jung Mutter – und sind noch immer mit den Vätern unserer Kinder zusammen, ihr Sohn ist jetzt achtunddreißig, meiner sechsunddreißig. Enkel haben wir leider noch keine. Wenn die Männer und Söhne von unserer Situation erfahren, können wir uns auf eine Menge Spott gefasst machen.
Dass es bei mir die bildende Kunst sein würde, hat sich zwar auch schon früh gezeigt, aber ich bin im Lauf meines Lebens einige Umwege gegangen, bevor ich das gefunden habe, was einfach für mich bestimmt war.
Mit meiner figurativen Malerei war ich zu jener Zeit auf der Kunsthochschule niemand, den man ernst genommen hätte. Ich habe mich aber nicht von meinem Weg abbringen lassen. Es gab genug Steine, auch jene, die ich mir selbst zwischen die Füße warf. Aber heute weiß ich: Ich war einfach immer zu früh dran.
Vielleicht hätten wir beide eine große Karriere gemacht, wenn die eine das Temperament der anderen besessen hätte.
Rita ist ein Typ, der mit allen Menschen umgehen kann. Und reden, aber so was von leichtfüßig. Sie hat das, was mir ganz eindeutig fehlt: die Beherrschung des Smalltalks. Und die Fähigkeit, lustige Anekdoten aus ihrem bunten Musikerinnenleben zu erzählen.
Mich erfreuen Einladungen zu Abendessen oder – noch schlimmer – Partys nicht, mich versetzen sie in Aufruhr, Nervosität und Unbehagen. Ich brauche das nicht, ich kann wunderbar leben ohne gesellschaftliches Drumherum. Von meinen eigenen Vernissagen einmal abgesehen.
»Pauline war schon als Kind schüchtern, aber keine Sorge, nach ein paar Gläsern taut sie dann auf.«
Mit diesen Worten hat meine Schwester mich vor einigen Wochen einem Ehepaar vorgestellt, das ich bei dem Abendessen in Ritas Wohnung nicht erwartet hätte. Er war ein alter Arzt und seine Frau, wie sich herausstellte, eine Sammlerin. Die beiden waren inzwischen auch schon bei mir im Atelier und haben sich noch nicht ganz entschieden. Aber sie werden es bald. Eines der beiden Bilder, für die sie sich interessieren, werden sie jedenfalls kaufen. Das Geld, das ich dafür bekommen werde, wird mich dann wieder eine Zeit lang tragen.
Künstlerisches Können lässt sich natürlich weder messen noch vergleichen. Was das Finanzielle betrifft, da ist Rita eindeutig die Erfolgreichere. Aber so viel unterwegs zu sein wie sie, das würde mich wahnsinnig machen. Ich brauche die tägliche Arbeit im Atelier. Oder vielleicht ist es auch umgekehrt, die Arbeit verlangt es von mir – und zeigt mir das auch jedes Mal, wenn ich sie verlasse, und sei es auch nur für einen oder gar zwei Tage. Dass sie mich dann nicht mehr hineinlässt. Dass sie mich mindestens so lange ausschließt, wie ich ihr ferngeblieben bin. Das mag für andere verrückt klingen. Aber Rita versteht das, sie kann ja auch nicht ohne diese tägliche Routine, das Üben, auskommen. Wo diese Routine stattfindet, ist ihr aber egal; mit ihrem Instrument ist sie ortsungebunden. Während ich mit den großen Leinwänden fest verankert bin.
Rita würde verrückt werden, wenn sie so lange an einem Ort sein müsste und nicht herumkommen und Leute treffen könnte, die sie inspirieren oder amüsieren oder ihr etwas erzählen.
Ich brauchte das alles nicht. Oder wenn, dann in ganz anderem Rahmen und vor allem in viel geringeren Dosen.
Ich könne doch Menschenkontakt nicht mit Medikamenteneinnahme vergleichen – Ritas Worte. Aber ich finde immer noch, das schiefe Bild passt.
Auf gewisse Art sind wir Schwestern durchaus immer wieder in Konkurrenz gestanden. In jungen Jahren, weil immer klar war, was aus Rita werden würde. Wohingegen man sich bei mir lange nicht sicher war. Mami hat nie verstanden, warum ich die Kunstakademie, auf die ich um jeden Preis wollte, so kurz vor dem Diplom verlassen habe.
Mir bedeuten akademische Titel oder sonstige Abschlüsse bis heute nichts, ich brauche diese Schubladen oder Etiketten nicht. Sicher, auf die Erfahrungen in dem Milieu möchte ich nicht verzichten. Aber ganz ehrlich – ich war auch dort die Außenseiterin. Nicht nur wegen meiner figurativen Bilder, ich war Mutter – und verheiratet. Das ideale Feindbild für die angehenden Artists, viele davon waren reicher Leute Kinder – Sich-auserwählt-Fühlende, die sich das durch Exzesse aller Art bestätigten und auf »Aus-der-Zeit-Gefallene« wie mich hinabblickten.
Aber wo sind die denn heute? Diese Namen, die ich noch kenne, aber sonst kaum jemand, diese damals so gehypten Protektionskinder, von denen man heute nichts mehr hört und sieht, weil es keine Werke dieser ach so Auserwählten gibt. Sie sind alle an ihrer Hybris und ihren Exzessen gescheitert. Zwei sind tot, die anderen haben nach ihren Abstürzen keinen Fuß mehr in die Kunstwelt bekommen.
Ich stehe zu mir – und zu dem, was vorgefallen ist. Ich wünschte nur, es gäbe hier drin Stift und Papier; Ritas Melodieschnarchen macht mich langsam mürbe.
Wieso entkomme ich all diesen Gedanken nicht, warum ärgere ich mich über das, was ich zu Otti Sahr gesagt habe, aber nicht heute Abend, nein, damals, bei der ersten und letzten gemeinsamen Ausstellung. So in der Art: »Ich habe schon etwas länger den Fuß drinnen oder bin schon länger in dem Betrieb!« Ich sehe bis heute – das ist etwa zwanzig Jahre her – Ottis Reaktion darauf, ihre Mimik, von erstaunt über spöttisch bis verächtlich. Sie hat gar nicht darauf geantwortet. Lag wohl unter ihrer Würde. Ihrer »Würde«, ha.
Schon damals wurde um Otti Sahr großes Aufheben gemacht, ihre langweiligen Porträts waren von Anfang an völlig überschätzt, und das nur, weil sie sich bei dem Galeristen Kamer eingeschmeichelt hat.
Kamer, ein grässlich von sich eingenommener, hässlicher alter Mann, ohne dessen Wohlwollen in diesem Land keine Künstlerkarriere voranging. Inzwischen ist er tot, aber Zeit seines Lebens hat er Otti Sahr ungefähr jede Auszeichnung, die es in diesem Land gibt, zukommen lassen.
Man würde meinen, wenn die einfachsten Parameter wie Licht, Schatten und Raum in einem Bild nicht stimmen, sei es unmöglich, zu der Malerfürstin erklärt zu werden. Ha! Ich hingegen, eines der größten Talente der Figurative, werde immer noch unter »ferner liefen« eingestuft. Und das nur, weil ich dem Kamer immer die kalte Schulter gezeigt habe.
Auch Rita hat eine Lieblingsfeindin.
Ich glaube zwar nicht, dass die große Anna Pecher von der Konkurrenz weiß, in der meine Schwester seit Jahrzehnten mit ihr steht. Doch gut möglich, dass es ihr nun doch zu Ohren kommen wird, weil sich Rita besonders kunstvoll über sie ausgelassen hat. Wäre verlockend, die Reaktion der berühmten Geigerin zu erleben. Ich sähe zu gerne ihr Gesicht und gäbe viel für die Gedanken der Anna Pecher hinter ihren schwarzen Brillen.
Wie dumm und peinlich, in diese Lage geraten zu sein. Aber zu verdanken haben wir das, genau betrachtet, unseren Männern.
Bei einem Abendessen zu viert habe ich Rita von dieser Benefizveranstaltung erzählt. Omnipräsent sei diese Pecher, schimpfte sie. Und »nein«, schrie Rita dann, als ich die andere Akteurin nannte. Wir wollten gar nicht lästern, aber bei dem Essen gerieten Rita und ich so richtig in Fahrt, ließen kein gutes Haar an diesen beiden Künstlerinnen, die eines jedenfalls verbindet: dass man sie überschätzt.
Frauen würden ihren Konkurrentinnen ganz anders begegnen als Männer, darüber haben wir vier wild diskutiert.
Ich weiß nicht mehr, ob wir zu einer Antwort fanden. Aber am Ende jenes langen Abends bekamen wir Schwestern ein zweifelhaftes Geschenk. In ihrer unverfrorenen Art hatten unsere Männer zwei Tickets online gekauft. Für besagte Benefizveranstaltung.
Anfangs waren Rita und ich uns einig, dass wir uns das sicher nicht anhören und bestimmt nicht ansehen würden. Doch dann war es eine Mischung aus der männlichen Provokationsecke, »Na, doch nicht so mutig?«, und weiblicher Sensationsgier. Denn Otti Sahr würde – erstmals, Weltpremiere, was für eine Sensation! – live vor Publikum malen, und Anna Pecher dazu Improvisationen spielen.
Das hieß für uns: programmiertes Scheitern! Das konnten wir uns leider einfach nicht entgehen lassen.
Die Ausstellungshalle der P-Fondation war voll. Voller schlechter Bilder von Otti Sahr, voller Menschen, wichtige und weniger wichtige Leute: Kollegen, Sammler, Hundertschaften, die sich drängten und schoben, um dann endlich an den Ort des Geschehens zu gelangen.
Es war wirklich ein genialer Schachzug von Otti Sahr.
Sich als eines der scheusten Wesen in der Kunstwelt zu verkaufen, aber sich dann – für den guten Zweck – doch zu überwinden und sich inmitten der Besucher so zu platzieren, dass man an ihr vorbeidefilieren musste. Das hatte weniger mit der Huldigung an die Malerfürstin zu tun, sondern gab dieser vielmehr die Sicherheit, dass niemand länger verweilen konnte, dass ihr niemand länger auf die Finger schauen konnte. Ich hätte dieses Erlebnis sowieso nicht gebraucht, ich wusste ja schon davor, wo ihre Schwächen liegen. Aber als Marketing-Gag: genial.
Rita brauchte schon gar nicht den Blick auf die Finger der Anna Pecher, um zu wissen, woran es bei ihr mangelt.
Vorerst sagten wir natürlich kein Wort, gaben die ehrfürchtig Teilnehmenden an dem, was die beiden Akteurinnen wohl als Performance verstanden, beeilten uns aber, wieder hinauszukommen.
»Was meinst du?«, fragte Rita dann draußen. »Ziehen sie sich vielleicht am Ende aus? Oder doch nur eine? Und wenn, welche der beiden?«
Ich nahm den Faden von Ritas antifeministischer Stichelei zwar nicht auf, aber ich verstand, was sie meinte.
Es war gähnend langweilig, wäre es wahrscheinlich auch in der Version gewesen, die Rita stänkernd erwähnt hatte.
Natürlich wäre alles anders gekommen, wenn Rita nicht an einer der vielen Bars eine Flasche Wodka geklaut hätte.
Ich lasse mir den weiteren Verlauf des gestrigen Abends noch einmal durch den Kopf gehen. Wie ein Film läuft das ab, was uns hierhergebracht hat: Während drinnen in der Ausstellungshalle unseren Konkurrentinnen gehuldigt wird, verziehen wir Schwestern uns in eine stille Ecke des prächtigen Gartens.
Es ist Ende Oktober, relativ kühl, bis auf uns sieht man draußen eigentlich nur ab und zu ein paar Raucher.
Wir setzen uns auf eine Bank im Garten der P-Fondation, es ist keine laue Nacht, wie wir feststellen. Aber der Wodka hilft gegen das Frösteln. Und unser Ärger darüber, wie man es mit so wenig Können so weit bringen kann.
Manchmal muss man einfach sticheln und über andere herziehen, das hat eine befreiende Wirkung; wir machen das ja auch nicht zum ersten Mal.
Und doch ist es anders, weil Rita sich, Schluck für Schluck, immer mehr vertieft in die Details dessen, was die große, die überall so gehypte Anna Pecher, sich an Fehlgriffen – im wahrsten Sinn – allein an diesem Abend geleistet hat. Das sei doch ungeheuerlich, sei ein Niveau, wie sie es beim Üben nicht unterschreite. Und die werde … Und dies alles bloß, weil sie eben die Anna Pecher mit ihrer schwarzen Brille sei.
»Wir bechern besser«, unser Trinkspruch; dann steigern wir uns immer mehr hinein in das Nichtkönnen unserer drinnen noch immer »performenden« Kolleginnen, sodass wir im Dunkel des Gartens ganz vergessen, dass wir die lauten Mädchen sind, die wir schon immer waren, draußen, in den Gärten, den Feldern, im Wald. Allein. Fernab von den »Erwachsenen«.
Was ich nicht alles über Otti Sahrs Bilder sage. Welche Überlegungen über ihr Verhältnis mit dem ekelhaften Kamer ich anstelle. Und was für vernichtende Vergleiche ich zu ihrem Werk ziehe.
Ritas bitterböse Bemerkungen zum musikalischen Können der Anna Pecher sind auch nicht von schlechten Eltern.
»Allein die Idee, sie könne nach einem gerade vor ihr entstehenden Bild spielen, also bitte.«
Genüsslich zerlegt sie Pechers falsche Fingerhaltung, ihre schlechte Bogenführung, um dann ihre wahre Behinderung daran, und nicht an ihrem Sichtfeld festzumachen. Das sei doch sonnenklar, wo das tatsächliche Handicap liege, nur traue sich das in dieser woken Blase keiner auszusprechen, und genau das sei falsche Vorsicht, die allen schade.
Mir ist das ja nicht neu. Ich weiß auch, wie sie es meint.
In Ritas Augen ist es diskriminierend, das Können der blinden Geigerin an ihrer Blindheit zu messen. Bloß deswegen die Latte so tief unten anzulegen, das sei doch eine Demütigung. Wäre sie, Rita, sehbehindert, sie würde nicht deswegen bevorzugt werden wollen.
Ich kenne diese Leier bestens und amüsiere mich über den Furor.
Sie hat ja recht. Allein diese Idee, eine Blinde auf ein gerade entstehendes Bild musikalisch reagieren zu lassen, das ist doch eigentlich eine Frechheit. Und eine Zumutung. Vielleicht aber auch eine Anmaßung. Auf jeden Fall kommt das Nicht-sehen-Können den Bildern von Otti Sahr mehr als entgegen.
Wie wir so dasitzen und trinken und lästern und laut lachen und alles beim Namen nennen und um uns herum vergessen, im Schein des bald vollen Mondes und der Gartenlaterne.
Und wie sich dann dieses sehr junge Paar vor uns aufpudelt. Die beiden müssen wohl schon eine Zeit lang in unserer Nähe gestanden haben.
Rita und ich sind mehr als verblüfft, als die junge Frau und der junge Mann uns schroff belehren und uns tatsächlich erklären, dass wir das mit den Sehbarrieren so nicht sagen dürfen.
Zuerst der Schreck – wie ein Überfallkommando tauchen die aus dem Dunklen auf, wie aus dem Nichts. Und jetzt belästigen sie uns mit ihrer Besserwisserei und ihren kindischen Vorwürfen und Fragen, die uns aber so was von nicht interessieren.
»Haut doch einfach ab«, empfiehlt ihnen Rita.
Ich kenne den warnenden Unterton in ihrer Stimme bestens, doch diesem uns völlig fremden Paar ist nicht klar, auf welch dünnem Eis sie sich bewegen.
Im Gegenteil, sie fühlen sich so sicher, vollkommen auf der richtigen Seite, und bedrängen uns regelrecht mit ihren Handys, die sie gezückt wie Waffen halten, während Rita sich immer mehr ärgert und prompt wiederholt, sie pfeife auf Korrektheit, das sei falsche Schonung und schade der Musik: »Bloß weil sie ein Handicap hat, ist sie nicht automatisch ein Genie. Geht doch rein, überzeugt euch selbst. Nur weil sie blind ist, spielt sie nicht automatisch in der Oberliga.«
Die junge Frau beginnt zu schreien, das sei doch ungeheuerlich, und: »Sag das noch einmal, sag das noch einmal.«
Rita und ich sehen uns an und müssen lachen, dann wird uns klar, dass das Paar ja mit seinen Handys nicht nur alles filmt und natürlich auch den Ton aufzeichnet, sondern uns auch – wie geht das eigentlich gleichzeitig? – wohl gegoogelt hat.
Denn jetzt sprechen sie uns ständig mit Namen an. Und drohen, uns fertigzumachen, es sei ein Riesenskandal, wenn man Menschen mit Handicap mobbe.
Mobbing?
Wir haben doch einfach nur eine Flasche Wodka und eine Menge Spaß am Lästern. Und dann mischen die sich ein. Und die junge Frau schreit uns dauernd an: »Wiederholt, was ihr gesagt habt.«
Wie ein Papagei, in Endlosschleife.
Ich sehe, wie Rita, wie in Zeitlupe, sich von der Gartenbank erhebt und dem weiblichen Plappertier dann rasch das Handy aus der Hand schlägt, nicht gerade sanft.
Dass die Kleine jetzt schreit, verstehe ich. Doch was soll das, der junge Mann stürzt sich wütend auf meine Schwester; das kann ich doch nicht zulassen.
Meine letzte Rauferei hatte ich als Kind. Rita auch.
Aber anscheinend verlernt man das nicht.
Wir haben uns ganz gut geschlagen. Geschlagen. Keiner ist verletzt. Das ist die gute Nachricht.
Wieso sind wir beide so ausgerastet, als die Polizei uns aufforderte, uns zu beruhigen? Weil wir uns da schon längst beruhigt und die Sache fast vergessen hatten. Und dann tauchen die Bullen auf, wie immer erst dann, wenn schon alles vorbei ist, und wollen uns mitnehmen? Wie die Furien haben wir uns der Festnahme widersetzt.
Das war doch nur eine kleine, betrunkene Rauferei, die wir Schwestern ganz sicher nicht begonnen haben. Wir wollten bloß, dass unsere private Lästerei privat bleibt. Damit, dass ein paar Leute das wirklich nicht mehr zeitgemäße Vokabular mitgehört haben, kann man leben. Aber wenn das dann via Social Media verbreitet wird, ist man erledigt.
Genau das wollte Rita verhindern.
Wir haben das den Polizeimenschen doch zuerst ganz ruhig und genau so erklärt. Und wurden trotzdem in Gewahrsam genommen.
Inzwischen kursieren darüber bestimmt zahlreiche Aufnahmen.
An Schaulustigen hat es ja wirklich nicht gemangelt.
Eine Nacht in der Ausnüchterungszelle hätte ich als Erfahrung nicht unbedingt gebraucht. Aber Rita wird das wohl anders sehen. Und diese Geschichte bestimmt gerne und oft erzählen.
Als sie noch wach war, haben wir uns vor Lachen über unsere Lage die Altfrauenbäuche gehalten. Sich aufführen wie Jugendliche, Wodka stehlen, lästern, provozieren, und nicht weiter nachdenken.
»Werdet endlich erwachsen!« Den Rat unserer Mami haben wir uns in den vergangenen Stunden wieder und wieder gegeben. Und dann geantwortet, wie wir es früher auch immer taten: »Eher niemals.«
In meinem Blut kreist zwar immer noch der Wodka, aber es ändert nichts daran: Ich muss hier sitzen und weiter alles, was ich wahrnehme, auf meinem inneren Skizzenblock festhalten.
Meine liebe große, wilde Schwester, in aller Ruhe schläft sie nun ihren Rausch aus. Noch immer kein schönes Bild. Aber klangvoll.
Wollte man die Geschichte aufschreiben, müsste man sie wohl so beginnen: Es war nur ein kurzer, unbedachter Moment, ein Augenblick, aber gefolgt von einer Wucht, die das Leben dreier Menschen mit einem Wimpernschlag zersplitterte.
Mir wäre es allerdings lieber, das Geschehene unter Verschluss zu halten, weder darüber zu reden noch davon zu erzählen, denn in der Story bliebe mir immer nur die Rolle der Bösen.
Doch ganz so einfach ist das mit Gut und Böse selten.
In meinem Beruf ist Diskretion oberstes Gebot; darin perfektioniert habe ich mich zuletzt in der Schweiz, in meiner Arbeit dort.
Es heißt ganz zu Recht, die Schweizer können sich nur auf eine Sache konzentrieren, das aber gründlich! Vielleicht sollte ich mich daran orientieren, es gemächlich angehen, mich nicht aus der Ruhe bringen lassen – die Schweizer Präzision ist ja auch das Resultat einer Umgebung, in der es stets ruhig, friedlich und vorhersehbar ist.
Ich mag den schweizerischen Modus: Man gerät nicht ungewollt aus dem Tritt, ist eigentlich offen und herzlich, aber auf eine Weise, die sich nicht schnell erschließt; schnell geht dort nur wenig. Das Langsame und das Verhaltene, in keiner Weise den Hang zum Übertreiben zu haben, das Zu-Diskrete, womöglich habe ich das schon zu sehr verinnerlicht.
Wenn ich jetzt, wieder zurück in meiner Heimatstadt Wien, daran denke, erscheint mir das Ganze nicht nur sehr weit entfernt, sondern in gewisser Weise auch banal, beinahe ein wenig lächerlich. Meine wenigen Freunde, die ich hier habe, die würden sich darüber bestimmt köstlich amüsieren. Und ihrerseits mit Storys aufwarten. Aber weder habe ich das Bedürfnis, mit ihnen durch die Cafés zu ziehen, noch die Lust, mir von ihnen in mein schlechtes Gewissen blicken zu lassen. Denn ja, das habe ich, auch wenn es so gar nicht zu dem Bild passt, das ich gerne von mir zeichne: eine selbstbewusste, zielstrebige Solo-Sommelière, eine, die es beruflich immer an andere Orte der Welt zieht, eine, die gerne und fast ausschließlich in den besten Häusern arbeitet, weshalb für ein Privatleben nur sehr knappe Momente übrig bleiben.
Es ist mitunter irritierend, was das Unbewusste so aus- und einblendet.
Ich erinnere mich so gut an das erste Mal, als ich die Casa Mia in Winterthur betrat, an diese Harmonie, die mich aus jedem kleinen Detail des Lokals regelrecht überfiel.
Vom Interieur war ich gleich angetan. Und von der Freundlichkeit des Besitzerpaars, die mir beim Vorstellungsgespräch gleich das Du-Wort samt einem kleinen Calvados anboten.
Mia, die Chefin, managte die Bar. Martin, ihr Mann, war der Koch und arbeitete in der Küche, nur unterstützt von Koko, der japanischen Küchenhilfe, und von Hamid, dem syrischen Abwäscher.
Was für sympathische Menschen; ich spürte sofort die angenehme, leichtfüßige Arbeitsatmosphäre und habe dann sehr rasch zugesagt.
Casa Mia, der ins Italienische irreführende Name des Bistros, war Martins Idee und ein Geschenk an seine Frau gewesen.
Mia, mit der er seit über vierzig Jahren glücklich verheiratet war und die ihm zwei Söhne geboren hatte. Mia, ohne die er nie auf die Idee gekommen wäre, seine Laufbahn als Sänger, die nie besonders gut lief, aufzugeben, um dafür das zu machen, was er wirklich gut konnte: kochen. Und zwar französisch-elsässisch.
Weil er Elsässer ist und ich sehr frankophil bin, sprach ich nicht nur seinen Namen französisch aus, wir unterhielten uns auch oft und gerne in der geliebten Sprache.
Mia selbst war tatsächlich Italienerin. Römerin, wie sie immer betonte. Sie sprach ausgezeichnet Schweizerdeutsch, verstand aber kein Wort Französisch, doch, wie sie oft betonte, hörte sie diesen so eleganten Klang sehr gerne.
Von meinem schlechten Gewissen bin ich, in der Darstellung meiner Geschichte, zu meinem allerersten Mal im Bistro abgeschweift. Und jetzt wieder, von mir zu Mias geschmackvollen Blumenarrangements, den dunkelroten Lederbänken und den roten Sesseln aus demselben Leder.
Ein Bistro? Das war tiefgestapelt. Nicht nur vom Interieur her, auch von dem, was Martins Küche bot. Die Casa Mia war in Wirklichkeit viel mehr als nur ein Bistro.
Aber Martin hatte von Anfang an gesagt, genau das sei ihr gemeinsames Lokal: ein Bistro – und damit basta!
So erzählte Mia es mir. Und natürlich war es gleichgültig, wie man eine Gaststätte letztendlich nannte. Trotzdem, ein wenig mehr aufgeblasene Männlichkeit hätte Martin nicht geschadet. Aber davon war er so weit entfernt wie ich von einem soliden Familienleben – das er zweifellos hatte; während ich immer schon wusste, was ich konnte und mich selten scheute, dies auch zu zeigen und direkt auszusprechen. Diese Unbescheidenheit kommt nicht gut an, weder bei Männern noch bei Frauen, das ist mir klar.
Aber ums Gefallen-Wollen ist es mir nie gegangen. Das verbindet mich übrigens mit Mia. Das Erste, was ich über Mia dachte, war: Der Name passt nicht zu ihr! Sie war, nein, ist, nun ja, keine Schönheit, aber aufrecht, stolz und wunderbar spröde.
Eine tolle Frau, wie ich bald feststellte. Beim Zusammenarbeiten lernt man einen Menschen ja schnell und fast am besten kennen. Mia hat diese offen-freundliche und dennoch distanzierte Art, mit der ich bestens umgehen kann, sie ist vorausschauend, mitdenkend, flink und humorvoll. Und ich habe es geliebt, mit Mia Hand in Hand zusammenzuarbeiten.
Es war von Anfang an so, als hätten wir nie etwas anderes getan.
Einmal in der Woche, immer am Donnerstag, stand Mia in der Küche.
An den Italo-Tagen, wie wir sie nannten, wurde Martin zu meinem Arbeitspartner.
Ich war nicht nur beeindruckt von seinen umfangreichen Weinkenntnissen, sondern auch von der völlig anderen Atmosphäre, die an den Donnerstagen im Lokal herrschte. Das legere, angenehm leichtfüßige Gefühl in der Casa Mia hatte nur zum Teil mit Mias Küche zu tun – sie kochte traditionell-römisch, sehr einfach, oft deftig, aber köstlich.
Ich schätzte Mias Essen ebenso wie unsere Gäste. Aber anders als ich, schätzten diese noch viel mehr das, was Martin an Bedienung und Unterhaltung bot – ganz das Gegenteil der zurückhaltenden Mia.
Beim ersten Italo-Abend fand ich es noch richtig peinlich: Martin sang beim Arbeiten vor sich hin, wie er es in der Küche auch immer tat, nur: Dort passte es hin, dort hörten es die Gäste nicht. Bitte aufhören, hätte ich gerne gesagt, wagte es aber natürlich nicht.
Damals wusste ich noch nicht, dass eben dieses glückliche Vor-sich-hin-Singen, sein unbekümmertes Wesen, das Leichte und das Wohlbehagen im Raum erzeugten. Am liebsten hätte ich mich bei den Gästen für sein Verhalten entschuldigt. Dabei sang er weder falsch noch schlecht, es war einfach – wie aber nur ich fand – der falsche Ort für seine Chansons.
Eigenartig, wie schnell man sich von Kleinigkeiten irritieren lässt. Und seltsam, wie rasch man sich daran gewöhnt. Bis man kaum mehr weiß, was einen anfangs irritiert oder gestört hat.
Wenn es um das Taxieren oder nennen wir es Einschätzen von Männern geht, also hinsichtlich ihrer erotischen Ausstrahlung meine ich, dann lügen Frauen oft und tun so, als würden sie weder diese Art Blick auf Männer werfen noch daran denken. Aber bitte, wieso sollte man das als erwachsene Frau nicht zugeben? Ich stehe dazu.
Was Martin betrifft, wusste ich sofort: Nein, wirklich nicht infrage kommend! Weil: mir viel zu alt. Zu sehr aus der Form geraten. Das Haar zwar noch blond, aber so licht.
Sicher, Martin war ein lieber Kerl. Ein Guter. Einer, der als Kind vielleicht in eine Art Zaubertrank gefallen war, wie Obelix im »Asterix«, nur dass es bei ihm ein Glückselixier gewesen sein muss.
Vielleicht hat er als junger Mann ganz gut ausgesehen, aber jetzt war er ein unscheinbarer, europäischer Durchschnittstyp, von seiner Frohnatur einmal abgesehen.
Wenn man in der Gastronomie arbeitet, schadet ein durchschnittliches Äußeres keineswegs. Ich bin da auch nicht die große Ausnahme.
Gut, verglichen mit Mia sehe ich besser aus. Aber in Bezug auf meine Eben-nicht-Schönheit sehe ich klar.
Den Wunsch nach einem Leben, wie Mia und Martin es führten, Ehe, Kinder, Haus und so weiter, den habe ich nie gehabt. Nicht einmal als ganz junges Mädchen.
Mir war immer klar, dass ich mich an keinen Mann binden würde. Kinder waren sowieso nie vorgesehen. Ich habe nichts dagegen, mich beruflich um Menschen zu kümmern, aber im Privaten die Fürsorge für zwanzig Jahre übernehmen? Nein danke, das kam für mich nie infrage.
Ich komme aus kleinen Verhältnissen, mein Vater war Dachdecker, meine Mutter hauptberuflich und lebenslänglich Hausfrau. Gelegentlich putzte sie schwarz bei fremden Leuten.
Mein kleiner Bruder hat den Aufstieg über Bildung geschafft; heute ist er ein wohlhabender Anwalt, der die Eltern zwar finanziell unterstützt, aber sie von seinem Leben fernhält.
Ich bin da anders. Ich besuche sie gelegentlich. Im Altenwohnheim, wo es vielleicht nicht ganz so schlimm zugeht wie in den staatlichen Einrichtungen, wo es aber trotzdem derart deprimierend ist, dass ich mich nach diesen Besuchen immer betrinken will.
Diese Schuldgefühle in Bezug auf meine Eltern habe ich erst, seitdem die beiden wie auf dem Abstellgleis leben.
Davor, solange sie ein selbstbestimmtes Leben führten, habe ich sie fast nie besucht.
Es war einfach immer zu weit weg, ihr Leben von meinem.
Ich bin durch die Welt getingelt, wie sie es nannten. Und war nahezu ausschließlich erfüllt von meinem Beruf, dem ich mit Leidenschaft nachging.
Allerdings: Leidenschaft war das Letzte, woran ich damals, am Anfang meiner Lehrzeit, gedacht habe.
Meine Eltern hatten mich mit fünfzehn zur Kellnerlehre gezwungen. Meine drei Jahre Lehrzeit musste ich in einem gutbürgerlichen Gasthaus absolvieren. Das Haus in der Gumpendorfer Straße in Wien wurde längst abgerissen, und ich trauere dem Gasthaus wirklich nicht nach, auch nicht diesen Lehrjahren, die ja bekanntlich keine Herrenjahre sind.
In meiner ersten Sommersaison, am Wörthersee, im Parkhotel in Pörtschach, wurden meine zunächst noch diffusen Wünsche nach einem besseren Leben, einer besseren Arbeitsstelle und anderen Lebensorten immer greifbarer. Die alte Chefin dort hat mich gefördert, ihr verdanke ich viel: das Lernen und Weiterlernen, meinen beruflichen Aufstieg in immer größere Häuser, bis zum Kulm in St. Moritz. Auch im Palace und dem Royal Savoy in Lausanne war ich. Dort habe ich ganz gut Französisch gelernt.
Die Casa Mia in Winterthur war mir empfohlen worden von meinem damaligen Liebhaber Urs, der nichts anderes im Sinn hatte, als mich in seiner Nähe haben zu wollen.
Urs, ein Baumwollhändler, der es praktisch fand, die Ehefrau in Zürich, und die Geliebte im nahen Winti zu haben.
Doch seine Motive waren mir damals beim Vorstellungsgespräch noch nicht bewusst. Auch ahnte ich nicht, dass Mia und Martin mir so gute Freunde werden würden.
Die Casa Mia lag natürlich einen ganzen Sprung unter den Spitzenlokalen, in denen ich davor gearbeitet hatte. Manche würden vielleicht sagen, es war ein beruflicher Abstieg, ich sehe das anders. Im Hochsegment des Gastgewerbes zu arbeiten, egal ob in der Küche oder am Gast, ist vergleichbar mit Spitzensport. Und Spitzensport kann man auch nicht ewig machen.
Über zwanzig Jahre als Profi lagen damals hinter mir, und ich hatte einfach nicht mehr genug Kondition für die oberste Liga. Ich war nicht körperlich, sondern mental erschöpft. Zuletzt habe ich keine Millionäre, sondern nur noch Milliardäre bedient. Wenn man für solche Leute arbeitet, muss man sich bis zur Unkenntlichkeit verbiegen. Aber irgendwann hatte ich einfach genug vom Verbiegen.
In der Casa Mia war das Gekünstelte so weit weg; die Gäste waren fast durch die Bank wohlhabende, aber bescheidene, freundliche und angenehme Leute.
Mittags gab es nur eine kleine Karte, da kamen vor allem Geschäftsleute. Abends wurden nie mehr als dreißig Gäste angenommen. Außer bei meinem Einstand.
Mein Einstand war das Geburtstagsfest der Polizeipräsidentin von Winterthur.
Ich sehe noch Mia und mich beim Eindecken der Tische für sechsundvierzig Leute, beim Apéro-Ausschenken. Auch an die dazu servierten Happen erinnere ich mich bis heute: geräucherte gesalzene Mandeln, Minifladenbrote, gefüllt mit Melanzanicreme, Kichererbsenbälle orientalisch, Spinatküchlein mit Pinienkernen, warme Feigen mit Ricotta, Minibörek gefüllt mit »Rübli« (also Karotten), die mit Ingwer und Kardamom gewürzt waren – es brauche manchmal so Spitzen im Geschmack, meinte Martin, er fände es langweilig, wenn alles immer so geschmeidig daherkomme.
Das eigentliche Abendessen bestand aus Kürbisgnocchi mit Salbei, Ricotta und Kernöl, Peperonata, etwas Eintopfartigem mit Gemüse, Kartoffeln, Tomaten und Grün vom Schlangenkürbis; Steinpilzrisotto, später Fleisch, danach Dessertbüffet, Schokokuchen mit Safran, Parfait, Beeren mit Mascarpone.
Mia hatte mich bei der Weinbestellung schon vorgewarnt. Das sei eine Gesellschaft mit einer Menge öffentlicher Personen, Politikern und so weiter. Aber ich war doch erstaunt, wie wenig Alkohol konsumiert wurde. Schon beim Apéro nahmen nur wenige ein zweites Glas Champagner. Zum Abendessen wurden dann genau zwölf Flaschen Rotwein konsumiert. Von sechsundvierzig Personen!
Meine Weinauswahl zu meinem Einstand im Casa Mia habe ich immer noch präsent:
2018, Weingut Davaz, Pinot Noir, Fläsch, Grisons, Schweiz – eine Flasche.
2019 Gagliole, »Rubiolo«, Chianti Classico, Toskana, Italien – neun Flaschen.
2016 Ambrosia de Tupungato Malbec, Mendoza, Argentinien – eine Flasche.
2016 Santa Camila, »Terra Noble«, Carmenère, Gran Reserva, Maule Valley, Chile – eine Flasche.
Ich sehe mich noch beim ungläubigen Nachzählen, sehe meine damalige Fassungslosigkeit und dass Martin so herzlich über mein Erstaunen lachte.
Man stelle sich vor, sagte er, wir hätten sechsundvierzig Künstler und Künstlerinnen hier gehabt. Da hätte es wohl mehr als hundert Flaschen gebraucht!
Natürlich trinke ich auch das, wovon und wofür ich lebe. Aber meistens lasse ich es nach ein paar Gläsern dann doch wieder sein.
In meiner Arbeit ist es wichtig, einen klaren Kopf zu behalten. Das Bacchantische, das Orgiastische am Wein, das überlasse ich den Gästen, stehe ihnen dabei aber dienstbeflissen zur Seite.
Urs zog mich manchmal damit auf, dass ich eine Art »Hexe« oder »Rauschbegleiterin« sei. Man kann es nennen, wie man will, es ist, so oder so, eine sehr vertrauensvolle Aufgabe, denn ich habe eine Verantwortung für die Frequenzen, die das Verabreichte – der jeweilige Tropfen – auslösen kann. Das ist schwer zu beschreiben, es ist eine Art metaphysische Information der Rebe, die sie in sich gespeichert hat. Ich kann das ziemlich rasch schmecken, brauche keine Überdosis, um das herauszuschmecken. Es gibt durchaus Weine, die schreien förmlich nach Streit. Andere wiederum schmiegen sich an die Freundlichkeit der Menschen an wie ein Haustier.
Für gewöhnlich rede ich wenig von meiner Arbeit. Ich mache sie, ich liebe sie, ich lebe dafür. Gibt es noch mehr zu sagen? Vielleicht.
