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Vincent Roper ist der Letzte, den Maeve Maloney in ihre Pension am Meer sehen will. Nach fast 50 Jahren steht er vor ihrer Tür und lässt sich nicht abweisen. Sie beide verbindet eine gemeinsame Jugend - und das Wissen um Maeves Zwillingsschwester: Edie, die singen konnte wie eine Nachtigall und berühmt geworden wäre, hätte sie die gleichen Chancen wie Maeve gehabt. Widerwillig gesteht Maeve sich ein, wie viel ihr Vince noch immer bedeutet. Wie ist es, zu lieben und geliebt zu werden? Jahrelang hat Maeve die Frage verdrängt, jetzt aber stellt sie sich wie nie zuvor ...
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Seitenzahl: 516
Veröffentlichungsjahr: 2018
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Zitate
1. Teil
Kapitel eins
Kapitel zwei
Kapitel drei
Kapitel vier
Kapitel fünf
Kapitel sechs
Kapitel sieben
Kapitel acht
Kapitel neun
2. Teil
Kapitel zehn
Kapitel elf
Kapitel zwölf
Kapitel dreizehn
Kapitel vierzehn
Kapitel fünfzehn
Kapitel sechzehn
3. Teil
Kapitel siebzehn
Kapitel achtzehn
Kapitel neunzehn
Kapitel zwanzig
Kapitel einundzwanzig
Kapitel zweiundzwanzig
Epilog
Die Geschichte hinter der Geschichte von »Beim Ruf der Eule«
Dank
EMMA CLAIRESWEENEY
Aus dem Englischen vonUlrike Werner
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2016 by Emma Claire Sweeney
Titel der englischen Originalausgabe: »Owl Song at Dawn«
Originalverlag: Legend Press Ltd
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Alexandra Kranefeld, Hamburg
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Alexandra Kranefeld, Hamburg
Titelillustration: © Yeongha son/shutterstock; Maria Sem/shutterstock (2); Eisfrei/shutterstock; ollen/shutterstock
Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München
eBook-Erstellung: Olders DTP.company, Düsseldorf
ISBN 978-3-404-17713-4
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Für Lou, die unser Leben mit Musik erfüllt,und für Elaine, Phil und Sarah,
Die menschliche Sprache gleicht einem gesprungenen Kessel, auf dem wir Melodien wie für Tanzbären trommeln, während wir uns danach sehnen, die Sterne zu rühren.
Gustave Flaubert, Madame Bovary
Mit den Eulen begann mein Lied.Mit den Eulen endet es.
William Wordsworth,
An dem Tag, als Vincent Roper zurückkehrte, befand ich mich im Geißblatt-Zimmer und bezog die Betten. Die vertrautesten Einzelheiten erscheinen mir plötzlich wichtig: die Barbershop-Band, die in unserer Lounge probte, das blasse Gelb des Deckenbezugs, das Aroma des Wäscheschranks, in dem es nach Lavendelsäckchen, Kupferrohren und warmer Wolle roch – ein Duft, der ein wenig an Milch kurz vor dem Sauerwerden erinnert, der Tribut, den die Arbeit von meinem Rücken forderte.
Vielleicht wurde ich ja wirklich langsam zu alt für all das. Vielleicht hatte Zenka recht, wenn sie mich wieder einmal drängte, die Hausarbeit doch ihr zu überlassen. Aber wie üblich war sie in hochhackigen Schuhen und Minirock erschienen, um in Sea View Lodge zu putzen, und ich hatte sie zur Küchenarbeit verdonnert, damit unsere Gäste sie nicht zu Gesicht bekamen.
Ich gönnte mir eine Atempause, denn das Geißblatt-Zimmer bietet eine herrliche Aussicht auf die Morecambe Bay: taubengrauer Sand, der sich über viele Meilen erstreckt, ehe er die kohlschwarzen Wellen erreicht; ein Himmel in allen Grauschattierungen.
Als ich den älteren Herrn sah, der auf unsere Haustür zukam, dachte ich zunächst, es handele sich um einen Franzosen. Etwas am Schnitt seines Jacketts, dem legeren Schal und der rechteckigen Form seiner Brille ließ darauf schließen. Sein glänzend polierter Gehstock jedoch und die Art, wie er in einer Mischung aus Angriffslust und Kapitulation den Kopf gegen den Wind neigte, waren unverkennbar englisch.
Lange blieb er mit der Hand am Tor vor dem Haus stehen und betrachtete Sea View Lodge. Vielleicht war ihm aufgefallen, dass die Wände wieder einmal gestrichen werden müssten oder dass die Regenrinne einer Reparatur bedurfte.
Als der Mann direkt zum Geißblatt-Zimmer hinaufblickte, überkam mich eine Erinnerung: ein Mädchen, das seine Schwester über die Wellen hielt, bis das Wasser die Zehen der Kleinen benetzte, das Staunen im elfenhaften Gesicht des Kindes, als sich schaumige Gischt in seinen Locken verfing.
Ich erstarrte am Fenster. Vincent Roper blickte zu mir hinauf. Seine blauen Augen sahen jetzt, wo sein Haar so weiß wie Möwengefieder war, noch viel heller aus.
»Steph!«, rief ich. »Len!« Ich schüttelte den Kopf, um die Erinnerung loszuwerden, versuchte, die Panik in meiner Stimme zu unterdrücken, und fügte hinzu: »Würde bitte einer von euch herkommen?«
Steph erschien schnaufend an der Tür. In der Hand hielt sie die zusammengefaltete, malvenfarbene Tagesdecke aus dem Flieder-Zimmer. »Probleme?«, fragte sie. Ihre Hand öffnete und schloss sich – wie immer, wenn sie abgelenkt oder bedrückt ist.
»Tut mir leid, Liebes«, sagte ich, als sie besorgt zu mir aufblickte. »Ich wollte dir keinen Schrecken einjagen.«
Len polterte gerade ins Zimmer, als die Türglocke läutete.
»Würdet ihr unserem Besucher bitte sagen, dass ich nicht zu Hause bin?«
»Aber du bist doch zu Hause, Maeve!«, widersprach Steph.
»Erinnerst du dich, wie wir es vor dem Spiegel geübt haben, Liebes?«, fragte ich und versuchte, meine Panik zu verbergen.
Steph nickte und stellte sich gerade hin. »Willkommen in Sea View Lodge. Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Ganz genau so, Liebes. Und jetzt los.«
Len strahlte sie an. »Du bist die beste Empfangsdame der ganzen Welt.«
»Das bist du wirklich«, bestätigte ich. »Und wenn der Herr mich sprechen möchte, sagst du, ich wäre nicht da.«
»Du wärst nicht da?«
»Genau.«
»Aber das stimmt doch nicht!«, rief sie, als ob wir für ein Theaterspiel probten.
»Im Augenblick ist Ehrlichkeit aber nicht angebracht«, erwiderte ich kurz angebunden. Menschen mit Down-Syndrom – so nennt man es heutzutage – fällt das Lügen oft schwer.
Len begutachtete sich im Spiegel und schob den Ärmel seines knallbunten Weihnachtspullovers ein Stück höher, um seine angespannten Muskeln zu zeigen. »Ich kann die Koffer tragen«, erklärte er. »Ich bin ein gut gebauter Mann.«
»Aber ihr müsst den Herrn wieder wegschicken, hört ihr? Er darf nicht hier ins Haus.«
Stephs pummelige Hand begann sich wieder zu öffnen und zu schließen. Ich machte mir Vorwürfe, weil ich gereizt reagiert hatte.
Es klingelte zum zweiten Mal. Offenbar war Vincent Roper mit zunehmendem Alter ungeduldiger geworden.
»Ihr würdet mir einen großen Gefallen tun«, sagte ich so ruhig wie möglich, »wenn ihr ihm erklärt, dass ich nicht gestört werden möchte.«
Steph und Len trollten sich, und ich musste mich erst einmal setzen.
Die Barbershop-Band begann in der Lounge mit einer ihrer Gesangsübungen. Ich wartete eine gefühlte Ewigkeit im Geißblatt-Zimmer, konnte aber kein Wort von dem verstehen, was unten gesagt wurde. Ich ließ den Gartenweg nicht aus den Augen und erschrak jedes Mal, wenn die Bass-Stimme die hohen Noten in ihrer Interpretation von Auld Lang Syne anstimmte. Innerlich bereitete ich mich schon darauf vor, dass Vincent Roper an die Zimmertür klopfen könnte.
Wieder überrumpelte mich die Erinnerung. Es war dein Elfengesicht, das ich sah, Edie. Dein Gesicht, das ich – Gott, vergib mir – mit Müh und Not für einige Zeit ausgeblendet hatte. Im Koffer draußen im Gartenhaus war ein Foto von mir, wie ich dich über die Wellen halte. Es stammt aus der Zeit, bevor du anfingst, dich vor Wasser zu fürchten. Auf dem Bild siehst du höchstens wie fünf aus, aber in Anbetracht meiner Größe waren wir mindestens schon zehn Jahre alt.
Als ich sah, wie Vincent Roper das Haus wieder verließ und gegen den Sturm ankämpfte, schien mein Körper in sich zusammenzufallen. Meine Hände wurden feucht, das Blut rauschte in meinen Ohren und ich atmete laut aus, als ob sich alles in mir angespannt hätte, bis ich sicher sein konnte, dass Vincent Roper Sea View Lodge ein weiteres Mal verlassen hatte.
***
Liebe Maeve,
entschuldige, dass ich so unangemeldet auftauche, aber nachdem ich von Franks Tod erfahren hatte, musste ich oft an dich denken.
Es war wunderbar, Sea View Lodge unverändert vorzufinden, und dass alles noch von dir geleitet wird und wie immer seinen Gang geht. Ich muss zugeben, ich hatte ein wenig Angst zurückzukommen.
Ich habe mir die Freiheit genommen, mich für eine Woche einzumieten. Steph hat mir freundlicherweise erlaubt, meinen Koffer dazulassen, obwohl sie mir mitgeteilt hat, dass ich erst ab vier einchecken kann. Ich werde also einen Spaziergang durch die Stadt machen und vielleicht die Messe in St. Mary’s besuchen, aber ich freue mich darauf, dich später zu sehen.
Liebe Grüße von deinem alten FreundVince
***
Der Wind pustete mir ins Gesicht und blähte meinen Mantel, aber ich zwang mich, aus dem Haus zu gehen. Vincent Roper konnte höchstens bis zum Alhambra gekommen sein. Ich würde ihn schnell einholen.
Der Frontmann von Aspy Fella A Cappella – wie sämtliche Bandmitglieder Asperger-Autist – folgte mir an die Tür.
»Entschuldigen Sie, Maeve«, sagte er mit seiner roboterartigen Stimme, »tut mir leid, wenn ich Sie aufhalte.«
»Geht gerade nicht, mein Lieber!«, rief ich über die Schulter zurück, während ich den Gartenweg entlangeilte. »Wir reden, wenn ich zurück bin.«
Obwohl Vincent Roper auf einen Gehstock angewiesen war, marschierte er ganz schön flott die Marine Road West hinauf. Ich konnte es mir nicht leisten, seine Spur zu verlieren. Bis ich die Promenade erreicht hatte, war er bereits an der Bowlingbahn angekommen und vergrößerte seinen Vorsprung mit jedem Schritt. Wer hätte geahnt, dass er sich von uns allen am besten halten würde? Meine eigenen Schritte wurden wahrscheinlich durch die Wut beflügelt, denn normalerweise wäre ich zu einer solch außergewöhnlichen Übung nicht mehr in der Lage: Immerhin war ich heute bereits wie ein Jo-Jo treppauf, treppab gelaufen – jedes Mal dreiunddreißig Stufen – und hatte fünf Quilts und sieben Decken aus dem Wäscheschrank geschleppt.
Am Midland Hotel, das über und über mit Weihnachtsbeleuchtung geschmückt war, hielt Vincent Roper inne. Bei den wenigen Gelegenheiten, zu denen ich Sea View Lodge verließ, ging ich immer am Midland vorbei. Heute jedoch fielen mir unsere Kleider wieder ein. Mein meerblaues Kleid und deine pfirsichfarbene Bluse. Die seidigen Dessous von Wood’s. Und die Brosche mit den türkisfarbenen Steinen.
Die Erinnerung ließ mich meine Schritte beschleunigen, bis mir der Mann vom Coffee Pot über den Weg lief, der einen Zwillingskinderwagen die Promenade entlangschob. »Guten Morgen, Miss Maloney«, sagte er. »Es ist schön, Sie einmal hier draußen zu sehen.«
Im Gegensatz zu einigen anderen Nachbarn war er ein anständiger Kerl, aber ich würde ihn kurz abfertigen müssen, denn ich war inzwischen auf Rufweite an Vincent Roper herangekommen.
»Ich wollte eigentlich schon längst einmal bei Ihnen vorbeischauen und Ihnen meine Enkelinnen vorstellen«, hielt der Mann mich weiter auf.
Er strahlte einen derartigen Stolz aus, dass ich nicht gut einfach weiterlaufen konnte, ohne kurz stehen zu bleiben und die Babys zu bewundern. Ich hatte gehört, dass seine Tochter es viele Jahre lang versucht hatte. Ehe ich in den Kinderwagen schaute, spähte ich hastig die Promenade entlang, aber Vincent Roper schien sich vor dem Midland Hotel ein Päuschen zu gönnen.
»Das hier ist Diza«, erklärte mir der Mann. »Sehen Sie das Grübchen in ihrer rechten Wange? Auf diese Weise kann ich sie auseinanderhalten.«
Für mich sahen die beiden kleinen Mädchen mit ihren dunklen Locken, den großen schwarzen Augen, den winzigen Mündern und den Falten unter dem Kinn völlig identisch aus.
»Und dies hier ist Dorra«, fuhr er fort.
Vincent Roper schlenderte noch immer vor dem Midland herum. Wahrscheinlich hatte er vor, sich in der Rotunda Bar vor dem schneidenden Wind in Sicherheit zu bringen und sich dort einen horrend teuren Kaffee zu leisten. Vermutlich war er jetzt so – immerhin hatte er in Cambridge studiert und später diesen Chor in Paris geleitet. Sein Vater hatte von Blackpool bis Barrow mit ihm geprahlt.
»Da, wo meine Frau herkommt«, fuhr der Mann fort, »bedeutet Diza ›Geschenk‹, und Dorra heißt ›Freude‹.«
Haut, Haare und Augen der beiden Babys wiesen auf die Heimat ihrer Großmutter hin – ein Land, das die beiden Kleinen vielleicht niemals sehen würden. Eigentlich gehöre ich nicht zu den Frauen, die Kindern nicht widerstehen können, aber ich ertappte mich bei dem Wunsch, Diza und Dorra in die Arme zu nehmen, ihr Gewicht und ihre Wärme zu spüren.
Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Vincent Roper sich wieder in Bewegung setzte. Hastig entschuldigte ich mich und steuerte das Midland an.
»Mr. Roper!«, rief ich, doch er ging weiter, und der Wind riss mir die Worte von den Lippen und trieb sie auf das Meer hinaus.
Als ich die Straße überquerte, bog er in die Pedder Street ein. Ich folgte ihm ins Rotlichtviertel – eine Gegend, in die ich schon lange keinen Fuß mehr gesetzt hatte. Frank, so hatte ich gehört, muss hier einige Techtelmechtel mit Frauen gehabt haben. Früher waren die Straßen mit Bildern draller Mädchen verunstaltet, jetzt gab es lauter kleine Läden mit Kunsthandwerk und Geschenkartikeln.
Vincent Roper bewegte sich noch immer mit beachtlicher Geschwindigkeit, und obwohl ich mich bemühte, schien sich der Abstand zwischen uns nicht zu verringern.
»Vince!«, rief ich und schlug mir danach sofort die Hand vor den Mund, als könnte ich das Wort wieder hineinstopfen. Ich hätte schwören können, dass er mich hörte, aber er ging weiter, und ich hatte keine Ahnung, was ich als Nächstes hätte sagen sollen. Wie konnte er es wagen, nach all den Jahren zurückzukommen und sich einen alten Freund zu nennen?
Unmittelbar über mir wurde quietschend ein Fenster geöffnet, und ein rothaariges Mädchen lehnte sich über die Brüstung. Ihre Haut war bläulich weiß wie entrahmte Milch. Obwohl sie mit wehenden Haaren direkt auf mich hinunterblickte, schien sie kaum zu bemerken, dass ich da war. Sie wandte sich kurz nach innen und sagte etwas, das ich aber nicht verstand. Zweifellos hatte sie einen Mann bei sich im Bett, und das mitten am Tag.
Mit Anbruch der Dunkelheit würden hier vermutlich immer noch Autos entlangschleichen und Mädchen wie dieser Rotschopf aus den Gassen auftauchen – spindeldürr, mit hochhackigen Schuhen und im Minirock. Viel dürfte sich nicht verändert haben, außer dass sie jetzt aus Rumänien, Lettland und von Gott weiß woher stammten. Zenkas Aufmachung hätte auch besser in ein Bordell gepasst. Keine Ahnung, was Stephs Vater an ihr fand. Als sie sich um die Stelle der Hausdame in der Pension bewarb, hatte ich eigentlich nur Mitleid mit dieser glücklosen Frau gehabt, die ihrer Heimat so fern war. Ich hatte ihr viele Folgen von Coronation Street übersetzen müssen und ihr meine Rezepte für Shepherd’s Pie und Biskuitkuchen verraten. Sie hatte sich als wirklich schwer in Ordnung herausgestellt, lebte inzwischen mit Dave zusammen und verhielt sich, als wäre sie Stephs leibliche Mutter.
Die Rothaarige erinnerte mich an meine Jugend, als auch mein Haar so rot und dicht gewesen war. Aber bei diesem Gedanken fühlte ich mich irgendwie unbehaglich, wie nach einem zu früh verstummten Gespräch.
Als ich schließlich die Augen von dem Mädchen abwendete, sah ich Vincent Roper auf dem Weg zur Kirche St. Mary.
Ich musste ihm sagen, dass er nicht in Sea View Lodge bleiben konnte. Genau das hatte ich gemeint, als ich ihm vor vielen Jahrzehnten sagte, dass er nie zurückkommen solle. Aber nun stand ich ernüchtert da und war nicht einmal in der Lage, ihm in die Kirche zu folgen.
***
Der Pfarrer, der die Messe für die Rundfunkübertragung hält, schwafelt etwas von »geistig behindert« und der »Gnade Gottes«, während wir mit Vince im Chorgestühl von St. Mary’s stehen und auf das Signal für deinen Einsatz warten.
Während der Pfarrer Vince’ Vater nach seiner Rolle als Chorleiter fragt und danach, wie er deine Stimme ausgebildet hat, zupfst du immer wieder am Ärmel von Vince’ Pfadfinderhemd: »Wie macht eine Edie?«, hörst du nicht auf zu fragen. Und jedes Mal, wenn du fragst, flüstert Vince: »Edie Maloney singt wie ein Star.«
Mum und Dad beugen sich in ihrer Bankreihe vor, als ob sie jeden Augenblick nach vorn kommen und dich holen wollten.
»Schluss jetzt, Edie, leg eine andere Platte auf«, flüstere ich in Anlehnung an einen von Dads Lieblingssätzen.
Vince versucht, dich mit einem stummen Kinderreim zu besänftigen, bei dem er mit dem Finger Figuren in deine Hand zeichnet, aber du entziehst sie ihm. »Tschüs, Pfarrer«, rufst du und winkst. »Jetzt singen.«
Einer vom Aufnahmeteam hinten in der Kirche lacht laut auf, aber Chorleiter und Pfarrer tun so, als hätten sie nichts gehört. Mum blickt dich streng an, weil sie möchte, dass du dich ruhig verhältst, aber Dads Schultern beben. Ich muss wegschauen, sonst steckt er mich mit seinem Lachen an.
Als schließlich euer Duett an die Reihe kommt, herrscht erwartungsvolles Schweigen in der Kirche.
Vince singt die erste Strophe. Seit dem Stimmbruch klingt seine Stimme wie warme Hefeteilchen mit Butter und Mirabellenkonfitüre. Niemand hätte vermutet, dass man ihn erst im allerletzten Augenblick, kurz vor Beginn der Sendung, gebeten hat, als Sänger einzuspringen.
Aber bei deinem Einsatz zum Refrain stehst du stumm und mit geschürzten Lippen da.
In der Kirche ist es so still, als ob niemand zu atmen wagte.
Ich versuche, dich anzustupsen und dich zum Singen zu bewegen, aber deine Lippen bleiben fest verschlossen.
Ich schicke ein Stoßgebet an die Jungfrau Maria: Bitte, Mutter Gottes, mach, dass Edie singt.
Der Organist erreicht das Ende des Refrains, und Vince beginnt mit der zweiten Strophe, ohne dass du einen Ton gesungen hast.
Dad drückt Mums Hand. Beide starren zu Boden. Vermutlich schluckt er seine Tränen hinunter, und sie blinzelt verbissen, damit ihr Make-up nicht verläuft. Que sera sera, würde sie nach dem Ende der Messe sagen.
Als Vince zum Ende der zweiten Strophe kommt, öffnet sich knarrend die Hintertür der Kirche. Frank Bryson steht mit windzerzausten Haaren und einer Zigarette im Mund da, als ob er kein Wässerchen trüben könnte.
Ich spüre, dass Vince dich herausfordert. In der Kirche rascheln die Gesangbücher. Er stupst dich an und räuspert sich.
In diesem Moment fühle ich, wie du tief Luft holst, deinen Mund öffnest und singst.
Erhör unser Flehen, wir bitten dich sehrFür jene, die leiden im wilden Meer.
Während Vince die nächste Strophe singt, hängen deine Augen an Mum und Dad. Als du wieder an der Reihe bist, triffst du auf Anhieb jede Note und artikulierst die Worte so klar, wie es deine schlaffe Zunge zulässt.
Erhör unser Flehen, wir bitten dich sehrFür jene, die leiden im wilden Meer.
Selbst die ältesten und penibelsten Gemeindemitglieder stehen stocksteif und halten die Luft an, als ob sie dir damit helfen könnten, dein Solo ohne Schwierigkeiten hinter dich zu bringen. Mum und Dad sehen aus wie Statuen von Maria und Josef. Sie blinzeln nicht einmal.
Unsere Lieder klingen zu dir emporÜber See und Land bis an dein Ohr.
Nachdem der letzte Ton verklungen ist, erstrahlt dein Gesicht zu einem breiten Lächeln. »Edie Maloney singt wie ein Star!«, rufst du. Die Gemeinde klatscht begeisterten Beifall.
***
Edie Maloney singt wie ein Star. Backe, backe Kuchen, der Bäcker hat gerufen. Wo ist dein Bäuchlein? Da unten. Das ist richtig. Wo sind deine Zehen? Zehn kleine Zappelmänner zappeln hin und her, zehn kleinen Zappelmännern fällt das gar nicht schwer. Wie macht ein Hund? Nein! Du willst mich nur verulken, Edie. Du weißt es. Wau, wau. Genau! Das machst du ganz toll. Un, deux, trois, quatre, cinq, six, sept, huit, neuf, dix. Herzlichen Glückwunsch! Hipp, hipp, hurra! Maeve und Edie, die pfiffigsten Zwillinge der sieben Weltmeere.
***
Die Eltern von Edith Maloney berichten von mangelndem Muskeltonus und verzögerter Entwicklung. Die Mutter litt während der Schwangerschaft an keiner Krankheit, galt jedoch mit einunddreißig Jahren als späte Erstgebärende. Die Zwillinge kamen fünf Wochen zu früh in der fünfunddreißigsten Schwangerschaftswoche zur Welt. Für die Nahrungsaufnahme braucht Edith doppelt so lang wie ihre Zwillingsschwester; darüber hinaus kann das Kind im Gegensatz zu seiner Schwester bisher weder krabbeln noch laufen. Im Vergleich der beiden Kinder zeigen sich bei Edith unkontrollierte Zungenbewegungen, verkrampfte Finger und Zehen sowie unterentwickelte Reflexe, die auf eine spastische Störung hinweisen. Edith wird aller Voraussicht nach gelähmt, stumm und inkontinent bleiben.
Die Patientin wurde in die Orthopädie überwiesen. Untersuchungen eines Augenarztes und eines Hals-Nasen-Ohren-Arztes werden zeigen, ob auch Probleme hinsichtlich der Sehkraft und der Hörfähigkeit bestehen. Die nächste Untersuchung zur weiteren Beobachtung der geistigen Behinderung erfolgt in sechs Monaten.
Den Eltern wurde geraten, das Kind in eine Anstalt zu geben.
gez. Dr. A. Rosenthal, 3. Februar 1935
***
Vincent Roper war noch nicht zurückgekommen, obwohl es bereits auf sechs Uhr zuging. Ich versuchte, mich abzulenken, indem ich zunächst den Geschirrspüler ausräumte und anschließend die Tische für das Frühstück eindeckte, obwohl dies eigentlich zu Zenkas morgendlichen Aufgaben gehörte. Sie würde mir nicht einmal dankbar für meine Mühe sein, denn ich war so nervös, dass ich einen Teller anschlug und eine Vase mit weißen Rosen umwarf.
Die Barbershop-Band kam mit ihrer Probe nicht weiter. Ich überredete die Sänger, mir und Steph stattdessen bei den ersten Dekorationen zu helfen. Der Frontmann hielt die Leiter fest, der Bass befestigte Girlanden an der Deckenleiste. Ich begann, Weihnachtskarten zu schreiben, obwohl ich immer wieder Fehler machte, während Steph und die beiden anderen Sänger am Tisch saßen und Papierketten fabrizierten. Auch die Betreuerin von der Wirral Autistic Society, die die Band immer begleitete, beteiligte sich an den Bastelarbeiten. Die Jungs sangen dabei Weihnachtslieder, wir anderen summten mit.
Ich entspannte mich gerade ein wenig, als es draußen plötzlich hell wurde. Entweder hatte sich die Außenbeleuchtung eingeschaltet, oder ein Auto war vorbeigefahren. Mit einem Mal fiel mir siedend heiß wieder ein, dass Vincent Roper noch kommen würde. Ich möchte mich für das Durcheinander entschuldigen, nahm ich mir vor zu sagen. Aber ich würde ihn nicht über die Schwelle lassen.
»Vincent Roper ist ein guter alter Freund von dir, nicht wahr, Maeve?«, fragte Steph. »Ein bisschen so wie ich und Len.«
»Wie kommst du darauf, Liebes?«, gab ich zurück. Mir fiel auf, dass die Betreuerin von ihrer Papierkette aufblickte.
»Er hat es mir gesagt.«
»Aber das stimmt absolut nicht.« Trotzdem ertappte ich mich dabei, die Hand in die Tasche zu stecken, als ob ich mich vergewissern müsste, dass Vincent Ropers Zettel noch immer dort war.
»Ist Vincent Roper ein böser Mensch?«, wollte Steph wissen.
Als Vincent das letzte Mal seinen Fuß in die Sea View Lodge gesetzt hatte, war ich von zersplitterten Sherrygläsern und Porzellantassen umgeben gewesen, und mein meerblaues Kleid lag achtlos auf dem Koffer.
»Ist Vincent Roper unser Feind?«
In Wahrheit verhielt es sich so, dass Vince und ich früher einmal wirklich ein wenig wie Steph und Len gewesen waren. Er hatte meine Schultasche heimgetragen, und wir hatten gemeinsam zu erraten versucht, mit welchen Gaumenfreuden du und Mum uns überraschen würdet – Kartoffelscones? Rote-Bete-Aufläufe? Karamellisierte Möhren? Anschließend saßen wir gemeinsam in der Küche und machten Hausaufgaben oder spielten mit dir, bis sein Vater von der Arbeit kam.
»Das hört sich aber ziemlich melodramatisch an, Liebes«, wandte ich ein. Ich war mir der Blicke der Sozialarbeiterin und der Bandmitglieder bewusst, die mich jetzt alle anschauten. »Es ist nur so, dass er das letzte Mal, als er hier war, eine Menge Scherben hinterlassen hat.«
Ach, Edie, hätte Vince damals nicht die Kirche verlassen, wären du und ich vielleicht zusammen alt geworden. Unsere Haut wäre gleichzeitig erschlafft, unsere Handrücken wären faltig geworden und die Adern hervorgetreten. Unser Haar hätte im Lauf der Jahre seinen Kupferglanz verloren und wäre silbrig geworden. Wir hatten das gleiche Haar und die gleichen Augen. Dad behauptete, dass wir eineiig wären, weil alles gleich war. Aber so einfach war es natürlich nicht.
In diesem Moment warf die Außenbeleuchtung einen breiten Lichtstrahl auf den Vorgarten. Vincent Roper stand am Tor, machte aber zunächst keine Anstalten, es zu öffnen.
Bei dem Gedanken, ihm entgegentreten zu müssen, drehte sich mir der Magen um. Seine Schritte kamen näher, dann klopfte es.
Ich zwang mich, durch den Flur zu gehen und die Tür zu öffnen.
Und dann stand er am Eingang zur Sea View Lodge. Jetzt, wo Frank kalt in seinem Sarg lag, war Vincent der einzige noch lebende Mann, der mich in guten und in schlechten Zeiten gekannt hatte.
Trotzdem war er mir fremd – dieser Mann mit den glänzend gebürsteten Lederschuhen, dem Strickschal und einer Kopfbedeckung, die einer Baskenmütze ähnelte; dieser alte, immer noch vitale Mann mit den selbstsicheren, entschlossenen Bewegungen.
»Maeve«, sagte er.
Er klang genau wie sein Vater.
Ich stand im Flur und fühlte mich kalt und taub, als wäre eine Welle über mich hinweggerollt.
Vincent Roper rührte sich nicht, hielt dem eisigen Wind stand, lächelte und wartete darauf, dass ich ihn hereinbat.
»Mr. Roper, ich bin …«
Mit einer mühelosen Bewegung beugte er sich zu mir hinunter und küsste mich auf die Wange. Sein Gesicht rieb sich wie Sandpapier an meiner Haut. Ein Zuschauer hätte eher den Eindruck gehabt, sich am Set eines alten französischen Films zu befinden als in einer Pension am Strand von Morecambe. Vincent Roper roch nach Zedern und Bergamotte. Nie hätte ich gedacht, dass aus ihm ein Mann werden würde, der an einem ganz normalen Werktag Aftershave auftrug. Dad hatte eine Flasche Eau de Toilette besessen, die fast zehn Jahre überdauerte, weil er sie nur zu besonderen Gelegenheiten benutzte: zur Christmette, am Hochzeitstag oder an unserem Geburtstag.
Vincent Ropers Duft ließ mich wünschen, ich hätte meine beste Bluse oder gar das Button-Down-Kleid angezogen, das meine Büste betonte und von meiner Taille ablenkte. Aber wenigstens hatte ich mein Make-up aufgefrischt.
»Vince bitte«, antwortete er und stellte seinen Gehstock unter die Garderobe. Schweigend lächelte er mich an, doch sein Lächeln schaffte es nicht, die Eigenartigkeit seines Wiederauftauchens nach all diesen Jahren vergessen zu machen.
Ich weigerte mich, ihm in die Augen zu schauen.
»Mir ist klar, dass es fast ein Leben lang her ist, aber du kannst mich immer noch Vince nennen.«
»Es tut mir unendlich leid, Sie enttäuschen zu müssen, Mr. Roper …«
Er neigte seinen Kopf leicht zur Seite, als höre er auf einem Ohr nicht mehr gut. Sein Gesicht wirkte plötzlich so verletzlich, dass ich mich zusammennehmen und tief einatmen musste.
»Ich fürchte, hier liegt eine Verwechslung vor«, erklärte ich und versuchte, seinen enttäuschten Ausdruck zu ignorieren. »Wir haben im Augenblick nichts frei.«
»Doch, haben wir wohl!«, trumpfte Steph auf, die zusammen mit dem Barbershop-Bass an der Tür zum Aufenthaltsraum aufgetaucht war. »Willkommen in Sea View Lodge«, fügte sie freundlich und ganz im Arbeitsmodus hinzu.
»Wer sind Sie?«, wollte der Bass wissen. »Nicht, dass ich unhöflich sein will, aber eigentlich sollten Sie sich erst einmal vorstellen, oder? Ich bin der Bass von Aspy Fella A Cappella.«
Man musste Vincent Roper zugutehalten, dass er nicht mit der Wimper zuckte, als er von einem Sänger mit Asperger-Syndrom und einer Rezeptionistin mit schwerer Zunge und Katzenaugen begrüßt wurde. Man konnte Steph beinahe für eine dieser armen chinesischen Muschelsammlerinnen halten, die auf unserem endlosen Strand schwer für ihren Unterhalt arbeiteten. Kurz nach ihrer Geburt hatte ich ihre Mum und ihren Dad fast zum Heulen gebracht, als ich Steph als mongoloid bezeichnete. Danach achtete ich darauf, das Wort nie mehr zu benutzen, obwohl ich es immer noch für hübsch halte, denn es klingt nach über Steppen galoppierenden Pferden. Ich habe nie begriffen, warum Leute wie Trish und Dave ihrem Kind lieber ein Syndrom anhängen wollen und es vorziehen, Doktor Down die Ehre zu geben, der Leute in eine Anstalt einsperrte.
Der Bass tätschelte Vincent Roper den Rücken und hieß ihn in Sea View Lodge willkommen. »Hier wird es Ihnen verdammt gut gefallen«, sagte er. »Nicht, dass ich unhöflich sein will. Man darf nicht fluchen, oder?« Zwischen dem Jungen, der viel fluchte und zu Umarmungen, Händeschütteln und Rückentätscheln neigte, und dem Frontmann der Gruppe bestand ein himmelweiter Unterschied.
»Schön, Sie kennenzulernen«, warf Steph ein, weil sie sich nicht von dem Bass übertreffen lassen wollte.
»Ich freue mich auch, Sie kennenzulernen – zum zweiten Mal«, lachte Vincent Roper.
»Darf ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen?« Steph nahm seinen Koffer. »Normalerweise trägt Len das Gepäck, aber er ist nur tagsüber hier.«
Vincent Roper blieb stehen und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte.
»Steph, mein Schatz«, griff ich ein, »du machst einen Fehler. Wir haben nichts frei.«
»Was ist mit dem Krokus-Zimmer?«
Sofort begann der Bass, laut zu singen: »Hokuspokus reckt der Krokus seine Nase schon ans Licht …«
Der Teppich im Krokus-Zimmer war ziemlich fadenscheinig, und ich wollte nicht, dass Vincent Roper ihn zu sehen bekam. »Mir ist klar, dass es schon recht spät ist«, versuchte ich, das Kinderlied zu übertönen. »Soll ich vielleicht im Balmoral anrufen? Dort dürfte noch etwas frei sein.«
Vincent Roper räusperte sich. Mehr brauchte es nicht, um dich wieder zurückzubringen und dich aufrecht neben ihm stehen zu sehen – mit vorgewölbter Brust und einem Lied auf den Lippen.
»Tante Maeve?«, fragte Steph. Sie wedelte mit der Hand vor meinem Gesicht herum und versuchte, mit ihrer Stimme den Bass zu übertönen.
»Was ist, Liebes?«
»Soll ich Mr. Roper zum Krokus-Zimmer bringen?«
Vincent Roper stand einfach nur da und wartete auf meine Antwort. Der Bass sang weiter.
»Ich fürchte, das Zimmer ist wirklich nicht geeignet, Mr. Roper. Es hat nicht einmal ein eigenes Bad.«
»Das stört mich absolut nicht«, sagte er. Er versuchte, meinen Blick festzuhalten, und fügte hinzu: »Wie schön, dass in Sea View Lodge noch immer gesungen wird.«
»Manche Dinge ändern sich nie«, sagte ich und rang mir ein Lächeln ab. Wir scharten uns tatsächlich immer noch bei jeder Gelegenheit um das Klavier, ganz wie in den alten Zeiten mit Dad und Vince und dir. Und genau wie Mum sorgte ich dafür, dass Zenka jeden Morgen das Parkett wischte, jeden Freitag die Lampenschirme abstaubte und die Chintzvorhänge am ersten Montag des Monats wusch.
»Ich glaube, ich habe in meiner letzten Weihnachtskarte erwähnt«, sagte Vincent Roper und neigte sich zu mir, als wolle er meine Antwort mit seinem guten Ohr hören, »dass mein Sohn und seine Familie in die Staaten gezogen sind.«
Ich hatte mit ihm gefühlt, als ich das las, aber ich verstand nicht, was es mit der gegenwärtigen Situation zu tun hatte. Und doch ertappte ich mich dabei, wie ich seinen Zedernduft einatmete und darauf wartete, dass er weitersprach.
»Und dass ich in eine Seniorenwohnanlage gezogen bin.«
Plötzlich fiel mir seine Freundlichkeit wieder ein: die Art, wie er gejubelt hatte, als du gehen lerntest und dein Körper krumm und schief über den Weg zur Kirche schwankte; wie er dir jede Woche ins Chorgestühl half, oder wie er dir Milch in ein Sherryglas goss, damit du uns zuprosten konntest.
»Wir werden beide nicht jünger«, sagte er und fummelte an seinem Hörgerät herum, während sein Blick auf der alten Statue der Madonna mit dem Kind ruhte, die Mum gehört hatte. Er sah mich traurig an, als wüsste er, dass mein Leben ins Stocken geraten war.
»Maeve Maloney«, fügte er leise hinzu, »es würde mir so viel bedeuten, wenn wir uns wieder vertragen könnten.«
Noch vor Sonnenaufgang weckten mich Geräusche von unten. Ich stand auf und lauschte. Ich war schon fast zu der Überzeugung gekommen, ich hätte nur geträumt, als ich einen weiteren Schlag hörte. Mit einem Mal wurde mir wieder bewusst, dass Vincent Roper zurückgekehrt war. Ein Wasserhahn lief, ich hörte Schritte von der Küche zum Speisesaal und eine Tür, die geöffnet und wieder geschlossen wurde. Kein Zweifel, der Mann schnüffelte hier herum. Während ich die Treppe hinunterlief, hörte ich Geschirrklappern, ein schleifendes Geräusch, unterdrücktes Lachen und dann Steph, die zu Len sagte, er solle nicht so viel Lärm machen. Ich muss ziemlich albern ausgesehen haben mit meinen neunundsiebzig Jahren und meinem um die Knöchel wehenden Nachthemd, bereit, Vincent Roper eine Standpauke zu halten. Gott sei Dank waren die Sänger noch nicht auf. Ich ging weiter durch den Flur und rief in die Küche: »Was ist da los?«
Steph kam angeflitzt.
»Was hat Len zu dieser unchristlichen Zeit hier zu suchen? Er soll doch erst nachmittags kommen.« Steph ballte die Fäuste, schüttelte sie und schaute von mir zur Küchentür. »Len ist nicht da«, sagte sie, aber just in diesem Moment rief Len: »Morgen, Maeve!« In den fünfzehn Jahren, die Steph bei mir arbeitete, hatte ich sie noch nie bei einer Lüge erwischt.
»Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt.«
Ich ging zielstrebig auf die Küche zu, doch kurz bevor ich die Tür erreichte, stellte sie sich mir in den Weg.
»Das ist nicht das Verhalten, das ich von meinem Patenkind erwarte«, begann ich, doch dann sah ich aus dem Augenwinkel eine Vase mit Schneeglöckchen auf einem der Tische. Für Len gab es offenbar einen Anlass, der Schnittblumen seiner geliebten Frühblüher würdig war.
Steph wurde emsig: »Bitte, setz dich«, sagte sie und machte eine Handbewegung zum Tisch hinüber, wie sie es auch mit unseren Gästen tat.
»Was hat das hier zu bedeuten?«
Stephs Gesichtsausdruck hätte sich sowohl in Lachen als auch in Tränen verwandeln können.
»Hör zu, Liebes, ich kann nicht zulassen, dass du und Len unbeaufsichtigt in der Küche herumhantiert. Euch könnte alles Mögliche passieren.«
Obwohl Stephs Oberlippe zitterte und sie mich erneut aufforderte, mich zu setzen, machte ich mich auf den Weg in die Küche. Es wäre weder ihnen noch ihren Eltern gegenüber richtig, sie gewähren zu lassen. Außerdem konnten wir uns nicht noch mehr Scherben leisten: Seit sich die Band im Haus aufhielt, waren schon eine Kaffeekanne zu Bruch gegangen und ein Teller zersprungen.
Ich kam gerade dazu, als Len kochendes Wasser in die Teekanne goss. »Hör sofort auf! Du könntest dich verbrühen.«
»Hallo, meine Liebe«, rief er. »Was willst du hier?«
»Das Gleiche könnte ich dich fragen, junger Mann.«
Der Teelöffel klirrte gegen den Porzellanrand der Teekanne. Während Len hochkonzentriert rührte, zeigte sich seine Zunge im Mundwinkel. Schließlich setzte er den Deckel auf die Kanne und sah mich an. »Gleich wird das Frühstück serviert, gnädige Frau. Bitte nehmen Sie im Speisesaal Platz.« Er verbeugte sich übertrieben, und ich musste lächeln, als er versuchte, mich aus der Küche zu scheuchen.
»Was würde wohl deine Mum sagen, wenn sie wüsste, dass ich dich allein in die Küche gelassen habe?«
Er schaute mich an, als wäre ich ein wenig zurückgeblieben. »Es war Mums Idee«, erklärte er. Es sah seiner Mutter ähnlich, dass sie keine Bedenken hatte, ihn auf eigene Faust von seinem Zuhause bis zu uns durch die ganze Stadt laufen zu lassen. Vermutlich heizte er dort auch den Ofen an und setzte den Wasserkessel auf.
Als ich einsah, dass ich auf verlorenem Posten kämpfte, ließ ich mich von Steph zurück in den Speisesaal führen. Obwohl ich jeden Tag Stunden damit zubrachte, Eier und Speck zu braten, Pilze und Tomaten unter den Grill zu werfen und hausgemachte Marmelade in kleine Gläser zu füllen, konnte ich mich nicht erinnern, mich je zu einem unserer Gäste an den Frühstückstisch gesetzt zu haben. Aus dieser Perspektive sah der Raum ganz anders aus. Durch die Fenster konnte ich bis zum Ende des Gartens sehen. Len hatte sich wirklich selbst übertroffen: In der Farbe wilden Thymians sah der Zaun viel hübscher aus. Außerdem hatte er die Rabatten mit Heidekraut bepflanzt und das Moos von den Pflastersteinen geschrubbt.
Len war schon ein außergewöhnlicher junger Mann – obwohl ich gewisse Zweifel hatte, als er und seine Mum eines Tages aus heiterem Himmel vor meiner Tür standen. Ich erkannte ihn sofort, denn seit seiner Schulzeit mit Steph hatte Len sich nicht verändert. Er sah immer noch unglaublich gesund aus mit seinen rosigen Wangen, dem dichten blonden Haar und den hellen blauen Augen. Seine Mutter hingegen wirkte wie ein welkes Herbstblatt, das bei Berührung sofort zu Staub zerbröseln würde. Sie saß auf unserer Gartenbank und wickelte ihren Mantel fest um ihren dünnen Körper.
»Len langweilt sich zu Tode, seit wir das Café geschlossen haben«, sagte sie. »Die Tagesstätte ist unterbesetzt, sodass er die halbe Zeit nur herumsitzt und Däumchen dreht.« Ihr Atem bildete feinen Dunst vor ihrem Mund, als sie weitersprach. »Er gärtnert ganz hervorragend – meine Beete hat er komplett verwandelt.«
Ich sagte nichts, weil ich nicht wusste, worauf das Gespräch hinauslaufen sollte. Aber der Klang gefiel mir ganz und gar nicht.
»Er hat ein städtisches Zertifikat für Gartenbau. Der Oberbürgermeister hat es ihm im Rathaus überreicht.«
Niemand konnte von mir erwarten, dass ich alle Streuner und verlorenen Seelen der Stadt bei mir aufnahm.
»Wissen Sie, ich bin sehr krank.«
Und so ging es nun schon seit einem Jahr.
»Einen Penny für deine Gedanken«, sagte Len. Er stand an der Tür und brachte auf Mums bestem Silbertablett, das ich nur zu besonderen Gelegenheiten und an Feiertagen benutzte, einen Teller verkohlten Toast herein. Über seinen rechten Arm hatte er ein Geschirrtuch drapiert.
Steph schenkte mir Tee ein, ließ Zuckerwürfel hineinfallen und rührte länger als notwendig. Meinem Blick wich sie dabei aus.
Ich schaute von einem zum anderen, stellte aber schnell fest, dass keiner von beiden mit der Sprache herausrücken wollte. In meiner Jugend hatte ich mir vorgestellt, dass Frank nach unserer Hochzeit an besonderen Tagen das Frühstück machen würde. An Geburtstagen hätte er ein Tablett mit Speck und Eiern vorbereitet, einen Becher Tee für mich, Porridge für die Kinder und ein Glas Milch für dich.
Steph stellte mir den Toast vor die Nase, dann setzten sie sich beide mir gegenüber. Dass sie Butter und Marmelade vergessen hatten, erwähnte ich nicht. Len stützte die Ellbogen auf, Steph hielt den Rücken sehr gerade. Beide blickten mich mit so viel Vorfreude an, dass ich mich gezwungen fühlte, wenigstens von dem verbrannten Brot abzubeißen. Sie waren so still, dass ich jeden Bissen krachen hörte.
»Nun sagt schon, ihr beiden«, sagte ich schließlich. »Was wollt ihr?«
Len öffnete und schloss den Mund und rückte seine Fliege zurecht.
»Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Zenka wird jeden Augenblick hier sein, und das Frühstück der Band muss vorbereitet werden – ganz zu schweigen davon, dass wir uns auf eure verflixte Sozialarbeiterin vorbereiten müssen.«
Ich hörte, wie Vincent Roper sich räusperte, und erschrak. Gott allein wusste, wie lange er schon an der Tür gestanden hatte. Und ich war noch ohne Make-up und trug nichts als mein Nachthemd. Ich streckte meine Füße unter dem Tisch aus. Gewöhnlich trug ich dunkle Strümpfe, um meine geschwollenen Knöchel zu verbergen.
»Es tut mir leid, ich komme offenbar ungelegen«, sagte er errötend und senkte den Blick – wohl eher aus Höflichkeit als aus Nervosität, vermutete ich, obwohl er in unserer Jugend immer schrecklich nervös gewesen war. »Als ich den Toast roch«, sagte er, »dachte ich, dass vielleicht nur du schon auf wärst.«
»Ich hatte doch gestern Abend erwähnt, dass das Gästefrühstück heute erst später serviert wird.« Während ich sprach, bemerkte ich etwas, das aus Vincent Ropers Tasche lugte: Es sah aus wie rotes, etwas verblasstes Metall. »Kommen Sie bitte gegen zehn Uhr zurück«, fuhr ich fort. »Bis dahin sollten auch die Bandmitglieder wach sein.«
Vincent Ropers Gesicht war ein Bild für die Götter. Sicher war seine Frau eines jener Geschöpfe mit strähnigem Haar, die sich nicht trauten, den Mund aufzumachen. Gott sei Dank besaß ich noch einen ziemlich dichten Haarschopf. Die Leute sagten, dass der Silberton zu meinem Teint passte und dass mein neuer Kurzhaarschnitt meine großen Augen betonte. Letzte Woche, als Franks Trauerzug an der Sea View Lodge vorübergekommen war, hatte ich Cheryl gesehen. Sie hatte ihr Haar pechschwarz getönt – ein großer Fehler in unserem Alter.
»Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen«, verkündete Len und schüttelte Vincent Ropers Hand.
Mein Blick wanderte wieder zu dem Metallgegenstand in seiner Tasche. Er kam mir in Form und Farbe seltsam vertraut vor.
»Sie kommen gerade richtig für eine Tasse Tee«, bot Len an. »Mum sagt, ich koche sehr guten Tee. Und außerdem bin ich natürlich galanthophil. Das ist mein eigentliches Fachgebiet.«
Das Wort galanthophil war mir bis zu jenem Tag vor fast einem Jahr, als Len und seine Mutter hier auftauchten, noch nie begegnet. Er hatte sich vor einem Büschel Schneeglöckchen auf alle viere niedergelassen und die Blüten aus nächster Nähe betrachtet: »Solche habe ich bisher nur ein einziges Mal gesehen.«
So viel zu seiner Gartenbauqualifikation. »Das sind Schneeglöckchen, Schätzchen.«
Nie würde ich vergessen, wie Len über meine Erklärung lachte – er bekam kaum noch Luft. »Aber das sind Galanthus elwesii!«, erklärte er. »Weißt du, wie selten die sind? Einmal habe ich welche bei der Galanthus-Gala 2009 in Hatfield gesehen.«
Dot richtete sich auf und glättete ihr Kopftuch. »Leonard ist Gründungsmitglied der Nordwest-Niederlassung der Gesellschaft für Galanthophilie.«
»Wir sammeln Schneeglöckchen«, fügte Len hinzu und ersparte mir die Demütigung, fragen zu müssen. »Es gibt über hundertvierzig Arten, und bei dir wachsen einige der seltensten. Ich wusste nicht, dass es die auch außerhalb von Schottland gibt.«
Sie waren schon zwei nette Menschen, Len und seine Mum – beide stolz wie Oskar auf seine Schneeglöckchen-Gesellschaft.
Vincent Roper war eindeutig mit dem Begriff der Galanthophilie vertraut, denn er erklärte Len, dass er selbst ebenfalls ein begeisterter Gärtner war.
»Das ist ja alles sehr schön«, sagte ich, nachdem Steph einen Teller mit verbranntem Toast vor Vincent Roper hingestellt hatte. »Aber ich muss mit dem Frühstück für die Band anfangen.«
Als ich meinen Stuhl zurückschob, holte Len tief Luft. Steph nickte ihm ermutigend zu. »Ich liebe Steph!«, verkündete er und nahm sie fest in die Arme.
»Natürlich, mein Lieber. Ich doch auch.«
»Nicht auf diese Art«, sagte er und schüttelte den Kopf, als wäre bei mir Hopfen und Malz verloren. »Ich liebe sie, wie ein Mann eine Frau liebt.«
Vincent Roper wirkte ehrlich begeistert, obwohl er die beiden doch kaum kannte. »Glückwunsch!«, sagte er und klopfte Len auf den Rücken.
Ich fühlte mich, als hätte man mich dabei ertappt, über einen Witz zu lachen, den ich nicht begriff.
»Len und ich sind ein Paar«, sagte Steph zu Vincent Roper.
»Und ich muss sagen, ein wirklich schönes«, erwiderte er.
»Sind Sie auch ein Paar, Mr. Roper?«
»Meine Frau ist vor zehn Jahren gestorben«, antwortete er, »aber Hélène und ich hatten eine gute Zeit.«
Als er es aussprach, huschte sein Blick zu mir hinüber.
Ich spürte, wie ich errötete, und wandte den Blick ab. Vincent Roper hatte geheiratet, ebenso wie Frank. Diese abgedroschenen Tatsachen vermochten es noch immer, mich kalt zu erwischen. Den jährlichen Weihnachtskarten nach zu urteilen, hatten Vincent Roper und seine Frau ein ereignisreiches Leben geführt. Bis in meine Zwanziger hinein wäre es mir nie in den Sinn gekommen, dass ich niemals heiraten würde, bei dir jedoch, Edie, kam es niemandem in den Sinn, auch nur infrage zu stellen, dass du bis ans Ende deiner Tage ledig bleiben würdest.
»Meine Mutter stirbt auch«, sagte Len. »Sie schläft jetzt im Wohnzimmer, und ich helfe der Krankenschwester, die elf Pillen abzuzählen, die sie morgens nehmen muss, und die acht Pillen für den Abend.« Er hielt inne, biss sich auf die Unterlippe, und eine dicke Träne rollte ihm über die Wange. »Ich bin jetzt der oberste Teekocher.«
Ich umarmte ihn. Vincent Roper hätte nicht den Tod erwähnen dürfen, als Len gerade dabei war, eine Liebeserklärung zu machen.
»Es tut mir wirklich leid, das zu hören, Len«, sagte Vincent Roper. Meinen Blick ignorierte er.
Len löste sich aus meiner Umarmung und putzte sich die Nase. »Mum sagt, dass Steph und ich das beste Paar sind, das je auf Gottes Erde gewandelt ist.«
»Sie hat absolut recht«, sagte ich und fand das Kompliment unerwartet vergnüglich.
»Ich habe meinen Lohn gespart«, fuhr Len fort, »und habe jetzt genug für ein Essen im Fayre and Square. Wir können Scampi essen oder einen kleinen Burger oder Schweinshaxe oder etwas anderes, woran ich mich nicht mehr erinnere. Zum Nachtisch können wir uns einen Eisbecher oder eine Biskuitrolle aussuchen, und trinken können wir Radler oder Limonade. Mum sagt, die Vorspeise sollen wir uns sparen, weil ich nicht so viel Geld habe und wir danach vielleicht keinen Hunger mehr haben.«
Frank hatte mich unmittelbar nach eurem Duett zu unserem ersten Rendezvous eingeladen. Während die Gemeinde noch um euch herumwuselte und dir und Vince gratulierte, zog Frank mich in die Seitenkapelle, sagte aber nichts, sondern drückte mir nur ein herausgerissenes Blatt aus seinem Gesangbuch in die Hand. Meine Haut kribbelte angesichts seiner auf mich gerichteten Augen und der Wärme seiner Hand. Er lächelte, zwinkerte mir zu und ging. Allein in der Kapelle las ich, was er an den Rand von Für jene, die leiden im wilden Meer gekritzelt hatte: Brucciani’s, Freitag. Ich hole dich um sechs Uhr ab.
Als Len Luft holte, stieß Steph ihn an. Einen Augenblick lang sah er verwirrt aus, doch dann schien ihm etwas zu dämmern: »Stephs Vater hat nichts dagegen und Zenka auch nicht, aber sie sagten, ich sollte dich fragen, ob du irgendwelche Bean …«
Steph nickte eifrig.
»Bean-standi-gun-gen?«
»Beanstandigungen hast«, wiederholte Steph und lehnte ihren Kopf an Lens Schulter.
»Aber nein, ihr Lieben«, sagte ich. Nicht, dass meine Meinung noch zählte; immerhin erfuhr ich offensichtlich als Letzte von dem Plan. »Warum sollte ich eine so nette Idee beanstanden?« Aber als ich ihnen meinen Segen gab, musste ich unwillkürlich an Dot, Dave und Zenka denken, die anscheinend hinter meinem Rücken beraten hatten, wie sie mir die Neuigkeit am besten beibringen sollten. Selbst Len und Steph hatten demnach gefunden, was ich schon lange entbehrte.
***
Meine Zukunft als Ehefrau bricht zusammen, als ich gerade einundzwanzig bin. Ein Leben als alte Jungfer steht mir vor Augen. Ich sitze auf dem Boden, meine Aussteuer ist rings um mich verstreut. Ich stopfe die neue Baumwollbettwäsche zurück in meinen Koffer. Der Stoff riecht noch nach dem Lavendelwasser, mit dem ich ihn gebügelt habe. Eines der Laken ist zerrissen, als ich es aus dem Bett zerrte, das Frank und ich hätten teilen sollen.
Dad wollte mir folgen, als wir aus der Kirche zurückkamen, aber die Nonnen hatten gemeint, er solle mich gehen lassen, weil ich Zeit für mich brauche. »Hier können Sie sich nützlicher machen«, hatten sie gesagt und ihn überredet, ins Foyer zu kommen. »Edie muss beruhigt werden.«
Eine Träne fällt auf einen Kissenbezug und hinterlässt einen dunklen Fleck auf dem unbenutzten Bettzeug. Es ist die erste Träne, die ich heute vergieße, und es ist eine wahre Erleichterung, endlich dem Schmerz nachzugeben. Wildes Schluchzen entringt sich meiner Kehle. Ich greife nach einem der Sherrygläser und werfe es durch das Zimmer. Als Nächstes folgen eine Untertasse, eine Gabel, eine Teetasse und ein Teller. Bei jedem Wurf schreie, weine und heule ich – es sind Geräusche, die man eher von dir als von mir erwartet.
Meine Wut verraucht so schnell, wie sie gekommen ist. Schluchzend sitze ich da, umgeben von Glas- und Porzellanscherben. Mein meerblaues Kleid liegt auf dem geöffneten Koffer.
In diesem Moment erscheint Vince an der Tür. Ich hatte ihn nicht kommen hören und kann kaum fassen, dass Dad ihn hereingelassen hat.
»Wie konntest du das nur tun?«, frage ich.
»Es tut mir unendlich leid«, sagt Vince und sucht sich einen Weg durch die Scherben.
Ich schlage seine Hand fort, als er versucht, mich in den Arm zu nehmen. »Wie konntest du nur?«
»Ich musste es tun«, sagt er und weicht meinem Blick aus. »Alles andere hättest du mir nicht gedankt.«
»Dir nicht gedankt?«, frage ich mit tonloser Stimme. »Frank und ich wollten heute Nacht hierher zurückkommen. Wir wollten uns um Dad und Edie kümmern. Wir wollten alles wieder zum Laufen bringen.«
Ungefähr um diese Zeit hätte Frank mich in seinen starken Armen halten und mich zu unserem ersten Tanz durch das Foyer geleiten sollen.
Vince setzt sich neben mich und beginnt, mit der Mundharmonika zu spielen, die du zusammen mit den anderen Sachen – dem chinaroten Lippenstift, dem Gesangbuch und der Dose Bienenwachs – aus dem Kloster mitgebracht hast. Irgendwann sagt Vince: »Ich mag dich, Maeve.«
»Du magst mich?« Ich spucke ihm die Worte geradezu entgegen.
»Ich mag auch Edie.«
»Das hättest du dir früher überlegen sollen. Wie soll ich mich ganz allein um sie und Dad und die Pension kümmern?«
Dein Wimmern aus dem Foyer ist bis hier zu hören. »Nee!«, weinst du immer wieder: »Nee!« Ich weiß, dass du jetzt hin und her schaukelst, deine geballten Fäuste an die Ohren hältst, und ich vermute, dass du nach jedem schlägst, der versucht, dich zu beruhigen.
»Ich helfe dir, dich um sie zu kümmern«, sagt Vince.
Seine Worte lassen mich innehalten. Morgen beginnt sein Wehrdienst. Er wird Dirigent einer Militärkapelle. Wie soll er uns da nützlich sein?
»Heirate mich«, sagt er und reibt noch immer die Mundharmonika zwischen Daumen und Zeigefinger.
Ich möchte, dass er mir direkt ins Gesicht blickt, um seine Miene besser deuten zu können. Aber er spielt weiter mit deiner Harmonika und wagt es nicht, mir in die Augen zu schauen.
»Verschwinde«, schreie ich ihn schließlich an. Sein Mitleid macht mich wütend. »Und komm niemals wieder.«
***
Wo ist dein Fuß? Stimmt! Du machst das ganz toll! Wo ist dein Mund? Welches Geräusch macht eine Schnuten-Dose? Wie macht ein Pferd? Nee! Es wird keine schicke Hochzeit werden, hab kein Geld für Kutsche und Pferde. Wen liebst du mehr, Frank oder Edie? Welches Geräusch macht eine Edie? Edie Maloney singt wie ein Star. Welches Geräusch macht ein Vince? Und Formulare für die Ware, und Geständnisse schüchterner Liebespaare. Tschüs, Frank. Jetzt Vince. Nimm niemals Abschied. Abschied bedeutet fortgehen. Fortgehen bedeutet vergessen. Mein Name ist Edith Mary Maloney, Sea View Lodge, 31 Marine Road West. Nach Hause, James, und schonen Sie die Pferde nicht. Wie macht ein Pferd?
***
23. April 1947
Sehr geehrte/r Mr. und Mrs. Maloney,
ich hoffe, Sie gestatten mir die Bemerkung, dass ich Ihre heitere Gelassenheit angesichts beträchtlicher Widrigkeiten immer bewundert habe. Meinem Sohn ist aufgefallen, dass Ihre junge, bedauernswerte Tochter eine überraschend schöne Stimme hat. Ich habe Edith neulich während der Messe ganz bewusst zugehört, und es hat mir große Freude gemacht, in diesen schweren Zeiten ihre engelsgleiche Stimme zu vernehmen. Als Chorleiter hoffe ich, dass ich Ediths noch brachliegendes Talent schulen darf. Vincent meint, dass ihr eine Mitgliedschaft im Chor von St. Mary’s vielleicht Freude bereiten könnte, daher hoffe ich, Sie verzeihen mir, dass ich schon mit Father O’Reilly über eine solche Möglichkeit gesprochen habe. Weder der Pater noch ich gehen davon aus, dass es diesbezüglich rechtliche Einwände geben könnte, allerdings werden wir uns noch mit der Diözesankurie beraten. Ich bin sicher, dass unser ehrwürdiger Bischof ein großes persönliches Interesse an den unglücklichen Umständen Ihrer Tochter zeigen wird. Bis zum endgültigen Entscheid ist Edith jedoch herzlich beim alljährlichen Tanztee des Chors am kommenden Samstag und danach zu unseren wöchentlichen Proben mittwochabends um 18 Uhr willkommen. Ich schlage vor, dass Maeve sie begleitet, um Ediths Wohlbefinden und das der anderen Chormitglieder sicherzustellen. Wie Sie wissen, ist Vincent ein sehr verantwortungsvoller junger Mann und würde sich freuen, Edith beim Betreten und Verlassen des Chorgestühls behilflich zu sein. Machen Sie sich bitte keine Sorgen wegen irgendwelcher Unannehmlichkeiten oder dass unter den Chorsängern oder der Kirchengemeinde Verlegenheit aufkommen könnte.
Mit aufrichtiger BewunderungIhr Gerald Roper, Esq.
***
Wir tragen beide unsere gelben Twinsets und taillenhoch geschnittene Hosen, als Vince und seine Mutter uns zum jährlichen Tanztee abholen. Mum erlaubt mir nicht, ihren scharlachroten Lippenstift zu benutzen, aber sie steckt mir einen ihrer Schildpattkämme ins Haar. Deine rotbraunen Locken sähen sicher auch hübscher aus, wenn sie dein Gesicht weniger verdeckten, aber du schiebst Mums Hände weg, als sie mit einer Haarklammer auf dich zukommt.
Mum stellt sicher, dass ich deine Trinkflasche nicht vergessen habe, und Dad fordert Vince auf, sich von Barbary Coast fernzuhalten, weil sich in diesem Teil der Stadt immer Betrunkene herumtreiben. Sollte uns jemand dumm kommen, soll Vince ihn vor der Schlagkraft von Mr. Maloney und seinen Kumpels warnen. Außerdem soll er uns vor Einbruch der Dunkelheit zurückbringen. Als wir schließlich gehen, stehen Dad Tränen in den Augen. »Sind sie nicht schön, meine Mädchen?«, sagt er zu Vince und seiner Mutter. »Meine kleinen Streuner und Vagabunden. Gebt gut auf sie acht.«
»Streuner und Vagabunden«, wiederholt Vince’ Mutter mit ihrem starken französischen Akzent, doch sie klingt, als hätte sie Dad nicht verstanden. Sie hat Dad nicht verstanden. Fröhlich wirbelt sie herum und hebt die Arme über den Kopf. In jeder Hand hält sie ein Glas Mirabellenmarmelade.
Dad und Mum blicken sich an – ich kann ihren Blick nicht recht deuten. Vince’ Mutter verlangsamt ihre Drehung und beugt sich so weit nach vorn, dass ihre wilden schwarzen Haare fast den Boden berühren. Ihr grüner Satinunterrock rutscht über ihre nackten Beine nach oben. Solche Wäsche kenne ich sonst nur von den Schaufensterpuppen bei Wood’s.
Ich bin sicher, dass Vince’ Mutter mir den Lippenstift erlauben würde, und sie würde bestimmt auch nicht dauernd darauf bestehen, dass ich mich warm genug anziehe. Ich würde sie gern nach französischem Essen fragen und danach, was die Frauen in Paris tragen, deshalb bin ich ein bisschen enttäuscht, als Mum ihr vorschlägt, zum Tee zu bleiben, anstatt uns zur Kirche zu begleiten.
Als wir Sea View Lodge schließlich verlassen, winken uns die drei Erwachsenen von der Haustür aus nach. »Au revoir, mes petits choux!«, ruft Vince’ Mutter. »Tanzt eure Socken durch«, lacht Dad. »Wir sind stolz auf euch«, sagt Mum.
Zu dritt gehen wir die Promenade entlang. Vince und ich laufen rechts und links von dir und halten deine Hände.
»Mein Name ist Edith Mary Maloney, Sea View Lodge, 31 Marine Road West«, erklärst du ihm. »Wie heißen Sie?«
»Du kennst seinen Namen, kleiner Schlawiner!«, lache ich. »Du siehst Vince jeden Sonntag.«
Bis wir das Brucciani’s erreichen, vergnügst du dich mit »Wie macht eine Wespe? Wie macht eine Schlange? Wie macht ein Löwe?« Und jedes Mal antwortet Vince: »Ich weiß nicht recht, Edie, was für ein Geräusch machen sie denn?« Und du summst, zischst und brummst mit großem Vergnügen. Vince und ich tun so, als hätten wir Angst.
Während wir mit dir spielen, stelle ich Vince Fragen über seine Mutter: Ist sie aus Paris? (Ich weiß bereits, dass sie auf der Île Saint-Louis aufgewachsen ist, aber ich wünsche mir, dass er mir noch einmal die Touristenschiffe beschreibt, die Lichter, die sich im Fluss spiegeln, und die Cafés mit Tischen im Freien.) Was wird bei Vince zu Hause gegessen? (Enttäuscht erfahre ich, dass es bei ihnen ebenfalls Frühstücksfleisch, Blumenkohl und Käse gibt, allerdings erwähnt er auch einen Eintopf namens boeuf bourguignon.) Hat sie ihn Französisch gelehrt? (Mais oui!)
Als wir uns dem Festgelände nähern, wird Vince langsamer und wirft einen Blick auf seine Uhr. »Möchtest du dir die Kirmes anschauen, Edie?«, fragt er, als könntest du tatsächlich antworten.
Du übst weiter deine Lieblingssätze: »Was magst du lieber, die Muh-Kuh oder Eiscreme?«, »Wen liebst du mehr, Eiscreme oder Edie?«, »Wen hast du lieber, Edie oder Maeve?«
Ich weiche Vince’ Augen aus.
»Wen liebst du mehr?«, fährst du unbeirrt fort, »Maeve oder Cheryl?«
Vince wird puterrot.
Ich versuche, dich abzulenken, indem ich dein Gesicht in die Hände nehme und deine Aufmerksamkeit zu erzwingen suche: »Edie … Edie?« Endlich siehst du mich an. »Möchtest du dir die Kirmes anschauen? Ja oder nein?«
»Nein.«
»Bist du sicher?«
»Nein.«
»Möchtest du die Drehorgel hören, Edie? Nein oder ja?«
»Ja!«
Über der Kirmes schwebt der Duft von gerösteten Kastanien. Man hört Tingeltangel-Musik und die Geräusche des Puppentheaters. Aber es ist nicht so viel los wie während des Krieges, als Soldaten in langen Schlangen für Karussellfahrten anstanden und Krankenschwestern ihre Patienten in Rollstühlen durch die Menge schoben.
Vince hat dir deine liebsten Kinderlieder mindestens sechsmal vorgesungen. Weil ich der Meinung bin, dass er auch mal eine Pause braucht, versuche ich zu übernehmen. Aber Vince und ich greifen gleichzeitig nach deiner Hand, und unsere Hände berühren sich. »Entschuldigung«, sagen wir beide gleichzeitig und ziehen die Hände zurück.
Als wir uns dem Karussell nähern, bleibt Vince stehen und kramt in seiner Geldbörse, die an seinem Pfadfinder-Gürtel hängt. Er hält einen Penny hoch und sprudelt hastig hervor: »Ich habe genug für eine Fahrt – ich meine, nur wenn du willst – ich weiß nicht, ob ihr beide so etwas mögt.«
»Lieber nicht«, sage ich. »Edie könnte schlecht werden.«
»Natürlich.« Er nickt. »Daran hätte ich denken sollen.«
Wir schlendern weiter über die Kirmes. Das Kreischen aus den Autoscootern bringt dich zum Lachen, das Donnern der Achterbahn lässt den Boden unter uns erzittern.
Wir sind schon fast wieder beim Ausgang, als du stehen bleibst und deine Nägel in unsere Hände krallst. »Schnuten-Dose«, rufst du. »Schnuten-Dose!«
Ein Junge zupft am Ärmel seines Vaters und zeigt auf dich. »Die Deutschen haben doch einige Dinge richtig gemacht«, murmelt der Vater.
Vince und ich starren den Mann lange und bitterböse an. Wie fast immer, wenn Leute über dich herziehen, wendet er als Erster den Blick ab.
Weder Vince noch ich sprechen darüber, und ich kann nicht sagen, ob du überhaupt bemerkt hast, was passiert ist. Wieder bleibst du stehen und gräbst deine Nägel noch tiefer in unsere Handflächen. »Schnuten-Dose!«, rufst du. »Schnuten-Dose!« Ich habe keine Ahnung, was du damit meinst oder ob es irgendetwas mit diesem Mann und seinem Sohn zu tun hat.
»Was ist los, Edie?«, frage ich. Du entwindest dich unserem Griff und läufst zu einem der Stände.
Es ist Vince, der die Mundharmonika entdeckt. Ihr Gehäuse ist rot wie ein Briefkasten, das Mundstück aus Metall auf Hochglanz poliert. Vince leert sein Portemonnaie und verhandelt mit dem Inhaber des Stands. Vince hat verstanden, was du meinst.
Es war deine Schnuten-Dose, die ich in Vincent Ropers Tasche gesehen hatte. Die Briefkastenfarbe war zu einem Braunton verblasst. Ich hatte immer angenommen, dass sie zusammen mit dem Rest des Krams aus unserer Jugend im Schuppen eingeschlossen war. Als Vincent Roper sah, dass mein Blick zu deiner Mundharmonika wanderte, zog er sie langsam aus der Tasche. Der Rost auf dem metallenen Mundstück verursachte mir ein leichtes Schwindelgefühl.
»Was ist das?«, fragte Len, als ich mich wieder hinsetzte.
»Du und Steph, ihr macht euch jetzt vom Acker«, wies ich die beiden an. »Wenn die Küche immer noch so aussieht wie vorhin, macht Zenka euch nämlich zur Schnecke, wenn sie gleich kommt.«
»Es tut mir so leid, Maeve«, sagte Vincent, nachdem Len und Steph gegangen waren. »Ich bin auf das Instrument gestoßen, als ich mein Haus ausgeräumt habe, aber ich wollte nicht, dass du es so siehst. Ich hatte gehofft, es dir in einem etwas günstigeren Moment geben zu können.«
Er hielt mir die Mundharmonika auf der flachen Hand hin; ich konnte kaum den Blick davon wenden. Du hast das Ding abgöttisch geliebt. Dein Lieblingswort war Schnuten-Dose, und du hast vor Freude aufgeschrien, wenn du die Mundharmonika zu Gesicht bekamst. »Na los, Hosenscheißer«, pflegte Dad zu scherzen, hielt das Instrument an deinen Mund, und du hast gepustet und gepustet, bis ein Ton herauskam. Aber deine Harmonika war für mich untrennbar mit Vince’ Heiratsantrag verbunden, mit der Art, wie er das Gehäuse zwischen Daumen und Zeigefinger gerieben hatte, während er versprach, mir mit Sea View Lodge zu helfen und auf dich aufzupassen.
Ich war stolz auf Sea View Lodge und unsere jährlich wiederkehrenden Besucher – Misfits Comedy, Mencap Musical, Manchester Young Carers –, und doch wäre es viel schöner, wenn ich unsere Gäste mit einem Mann an meiner Seite hätte begrüßen können.
»Es fühlt sich nicht richtig an, dass ich sie habe«, fuhr Vincent Roper fort. »Sie gehört dir.«
Ich brachte es nicht übers Herz, sie zu berühren.
»Ich habe das alles falsch gemacht, Maeve. Es tut mir leid.«
Ich starrte weiter auf deine Mundharmonika, die sich gemütlich in Vincent Ropers große Handfläche kuschelte.
Als Frank krank wurde, hatte ich mir oft vorgestellt, an seinem Bett zu sitzen, seine Hand in meine zu nehmen und die Narbe an seiner Daumenwurzel zu streicheln. Ich hatte davon geträumt, endlich den Mut aufzubringen, ihn zu fragen, warum er uns verlassen hatte.
»Ich packe meine Sachen und verschwinde«, sagte Vincent Roper.
»Das passt zu dir«, gab ich zurück. »Einfach so abzuhauen.«
Gestern Abend hatte ich ihm nahegelegt, gleich nach dem Frühstück auszuchecken, und vor langer Zeit hatte ich ihm gesagt, er solle nie wieder herkommen. Aber den Gedanken, er könne jetzt abreisen, ertrug ich nicht.
Steph war sicher aus dem Weg, als die Sozialarbeiterin kam. Obwohl Lens Mum und ich ihn gewarnt hatten, er müsse Stillschweigen über ihre Romanze bewahren, trauten wir ihm zu, dass er Steph in die Arme nehmen oder ihr einen Kuss auf die Wange drücken könnte. Der Sozialdienst würde Lens Umzug in die Sea View Lodge vielleicht nicht zulassen, wenn herauskam, dass er in Steph verliebt war. Ich hätte Zenka am liebsten auch nicht dabeigehabt, aber die Sozialarbeiterin hatte darauf bestanden, dass unsere Hausdame gemeinsam mit Dot und mir an dem Treffen teilnahm.
»Du siehst fantastisch aus, Len!«, rief die Sozialarbeiterin. »Und wie geht es Ihnen heute?«, erkundigte sie sich bei Dot.
»Steph findet, dass ich der schönste Mann auf der ganzen weiten Welt bin!«, prahlte Len und rückte seine orangefarbene Fliege zurecht.
»Sie hat eben einen guten Geschmack«, erklärte Zenka und zwinkerte ihm zu. Bei der Menge an Wimperntusche, die sie aufgetragen hatte, konnte sie von Glück sagen, dass ihre Wimpern nicht zusammenklebten. Als sie noch bei mir wohnte, tauschten wir oft Schönheitstipps aus. Ich lackierte ihr die Nägel und versuchte, sie zu überzeugen, einige meiner natürlicheren Schattierungen auszuprobieren. Sie mischte aus Rosenwasser, Honig und Hafer Gesichtsmasken für mich.
