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Wie die Titel Psychologie des Bildes und Historiologische Diskussionen andeuten, handelt es sich bei diesen Essays um Reflexionen über Themen, die in die Bereiche Psychologie beziehungsweise Geschichtsschreibung zu fallen scheinen. Aber in beiden Aufsätzen verfolgt der Autor dasselbe Ziel, nämlich den Grundstein für die Entwicklung einer allgemeinen Theorie des menschlichen Handelns zu legen, einer Theorie, die bis heute noch nicht ausreichend begründet ist. In Psychologie des Bildes wird das Bild als eine aktive Weise des Bewusstseins des In-der-Welt-Seins aufgezeigt, eine Seinsweise, die nicht unabhängig von der Räumlichkeit sein kann. Die zahlreichen Funktionen, die das Bild erfüllt, hängen von der Lage ab, die es in dieser Räumlichkeit, das heißt in diesem Vorstellungsraum, einnimmt. Die Historiologischen Diskussionen beabsichtigen, die notwendigen Voraussetzungen für eine Begründung der Historiologie zu klären. Dieses Werk wird all jene interessieren, die danach streben, das Phänomen der Entstehung des menschlichen Handelns, seiner Bedeutung und seines Sinnes zu verstehen.
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Silo ist das Pseudonym von Mario Luis Rodríguez Cobos. Er wurde am 6. Januar 1938 in Mendoza, Argentinien, geboren, wo er bis zu seinem Tode 2010 lebte. Seine Werke umfassen ein breites Spektrum, das von Philosophie über Psychologie, Soziologie, Mythologie bis hin zur Fiktion und Spiritualität reicht. Er ist u.a. Verfasser der Werke Der Innere Blick (1972), Die Innere Landschaft (1979) und Die Menschliche Landschaft (1980), die später in der Trilogie Die Erde menschlich machen (1989) veröffentlicht wurden. Später verfasste er Geführte Erfahrungen (1989), Beiträge zum Denken (1990), Universelle Wurzelmythen (1991), Der Tag des geflügelten Löwen (1993), Briefe an meine Freunde (1993), Silo spricht (1996), Wörterbuch des Neuen Humanismus (1997), Silos Botschaft (2002) und Notizen zur Psychologie (2006). Seine Schriften erschienen als Gesammelte Werke I und II erstmals 2002 in Mexiko. Er gilt als Gründer der international als Neuer Humanismus (oder auch Universalistischer Humanismus) bekannten Denkströmung sowie als Wegbereiter einer neuen Spiritualität, welche die auf Gewaltfreiheit basierende, gleichzeitige persönliche Entwicklung und gesellschaftliche Veränderung hin zu einer „universellen menschlichen Nation“ fördert.
Beiträge zum Denken
Psychologie des Bildes Historiologische Diskussionen
Silo
Originaltitel Contribuciones al pensamientoErschienen im Verlag Virtual Ediciones, Santiago de Chile Segunda edición, abril 2021
Copyright der spanischen Originalausgabe © 1988, 1989 Silo Der Originaltext ist auf www.silo.net erhältlich.
Übersetzung aus dem Spanischen Daniel Horowitz
in Zusammenarbeit mit Gustavo Joaquin, Heike Steinbach und Ivetta Csongradi
Edition Pangea
Zürich - Berlin - Wien
September 2024
www.editionpangea.ch
Copyright der deutschen Ausgabe: © 2024 Pangea, Zürich Gestaltung: Mariana Garcia Morteo
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
ISBN 978-3-907127-24-7
Annäherungen anBeiträge zum Denken
Vorbemerkungen
Vortrag des Autors anlässlich der Buchvorstellung
Beiträge zum Denken
Psychologie des Bildes
Einleitung
Kapitel 1Das Raumproblem beim Studium der Bewusstseinsphänomene
1. Hintergrund
2. Unterscheidung zwischen Empfindung, Wahrnehmung und Bild
3. Die Idee des „In-der-Welt-Seins des Bewusstseins“ als beschreibende Vorsichtsmaßnahme gegenüber den Interpretationen der naiven Psychologie
4. Die innere Registrierung, dass sich das Bild an irgendeinem „Ort“ ergibt
Kapitel 2Die Lage des Vorgestellten in der Räumlichkeit des Vorstellens
1. Unterschiedliche Arten der Wahrnehmung und der Vorstellung
2. Wechselwirkung von Bildern, die sich auf unterschiedliche Wahrnehmungsquellen beziehen
3. Die Umwandlungsfähigkeit der Vorstellung
4. Erkennen und Nichterkennen des Wahrgenommenen
5. Wahrnehmungsbild und Bildwahrnehmung
Kapitel 3Die Konfiguration des Vorstellungsraums
1. Variationen des Vorstellungsraums in den Bewusstseinsebenen
2. Variationen des Vorstellungsraums in den veränderten Bewusstseinszuständen
3. Die Natur des Vorstellungsraums
4. Mitgegenwart, Horizont und Landschaft im Vorstellungssystem
Anmerkungen zu Psychologie des Bildes
Historiologische Diskussionen
Einleitung
Kapitel 1Die Vergangenheit aus der Sicht der Gegenwart
1. Die Verzerrung der mittelbaren Geschichte
2. Die Verzerrung der unmittelbaren Geschichte
Kapitel 2Die Vergangenheit ohne das zeitliche Fundament gesehen
1. Auffassungen von der Geschichte
2. Die Geschichte als Gestalt
Kapitel 3Geschichte und Zeitlichkeit
1. Zeitlichkeit und Prozess
2. Horizont und zeitliche Landschaft
3. Die menschliche Geschichte
4. Die Vorbedingungen der Historiologie
Anmerkungen zu Historiologische Diskussionen
Anmerkung des Übersetzers
Für besondere Begriffe haben wir den von Silo verwendeten Originalbegriff nach der jeweiligen deutschen Übersetzung kursiv aufgeführt und in eckige Klammern gesetzt.
Beispiel: Binnenkörper [intracuerpo]
Obwohl sie sich auf verschiedene Bereiche beziehen, sind diese beiden Werke eng miteinander verbunden und in einem gewissen Sinne erklären sie sich wechselseitig. Deswegen erscheint ihre Veröffentlichung unter dem übergreifenden Titel Beiträge zum Denken völlig angemessen.
Die Betrachtungen in Psychologie des Bildes und Historiologische Diskussionen sind charakteristisch für die philosophische Reflexion und entspringen nicht dem Kern der Psychologie oder der Geschichtsschreibung. Trotzdem richten sich beide Arbeiten an die erwähnten Disziplinen, und zwar im Sinne einer Grundlegung derselben.
In Psychologie des Bildes wird eine neuartige Theorie über das, was der Autor „Vorstellungsraum“ nennt, dargelegt. Dieser Raum zeigt sich, wenn Objekte der Vorstellung (und nicht einfach der Wahrnehmung) deutlich werden. Ohne ihn kann man nicht verstehen, wie es möglich ist, dass das Bewusstsein sich sowohl an die sogenannte „Außenwelt“ als auch an die „Innenwelt“ richten und die beiden unterscheiden kann. Wenn die Wahrnehmung andererseits der wahrnehmenden Person Auskunft über die Phänomene gibt, wo platziert sich diese Person gegenüber den Phänomenen? Denn wenn man – in Übereinstimmung mit der Äußerlichkeit des wahrgenommenen Phänomens – sagen würde, dass man sich in der äußeren Räumlichkeit befindet, wie könnte man dann den Körper „von innen“ bewegen und ihn in dieser Äußerlichkeit führen?
Mittels der Wahrnehmung kann man erklären, wie die Daten zum Bewusstsein gelangen, aber man kann durch sie nicht die Bewegung des Körpers begründen, die durch das Bewusstsein ausgelöst wird. Kann der Körper in der Außenwelt handeln, wenn nicht eine Vorstellung dieser beiden Begriffe existiert? Offensichtlich nicht. Deswegen muss diese Vorstellung an irgendeinem „Ort“ des Bewusstseins stattfinden. Aber in welchem Sinne kann man von einem „Ort“, einer „Farbe“ oder einer „Ausdehnung“ im Bewusstsein sprechen? Das sind einige der Schwierigkeiten, die im vorliegenden Essay treffend zur Sprache gebracht werden, dessen Ziel es war, folgende Thesen zu untermauern: 1. Das Bild ist eine aktive Seinsweise des Bewusstseins in der Welt und nicht einfach Passivität, wie frühere Theorien behauptet haben; 2. Dieser aktive Modus kann nicht unabhängig von einer inneren „Räumlichkeit“ sein; 3. Die zahlreichen Funktionen, die das Bild erfüllt, hängen von der Lage ab, die es in dieser „Räumlichkeit“ einnimmt.
Wenn das, was der Autor behauptet, stimmt, muss die menschliche Handlung neu interpretiert werden. Dann ist es nicht mehr die Idee, oder ein vermeintlicher „Wille“ oder das „objektive Bedürfnis“ selbst, die den Körper in Richtung der Dinge bewegen, sondern das Bild und dessen Platzierung im Vorstellungsraum. Die Idee oder das „objektive Bedürfnis“ können folglich die Tätigkeit in dem Maße leiten, wie sie sich - als Bilder sowie in einer Vorstellungsperspektive - in einer geeigneten inneren Landschaft platzieren. Aber nicht nur Bedürfnisse oder Ideen besitzen diese Möglichkeit, sondern auch Glaubensgewissheiten und sogar in Bilder umgewandelte Gefühle. Die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, sind enorm und der Autor scheint sie am Ende seiner Arbeit mit diesen Worten anzudeuten: „Wenn die Bilder uns ermöglichen, wiederzuerkennen und zu handeln, dann werden sie dazu neigen, die Welt umzuwandeln, und zwar je nachdem, wie sich die Landschaft in den Individuen und Völkern strukturiert und je nach ihren Bedürfnissen oder dem, was sie für ihre Bedürfnisse halten.“
In Historiologische Diskussionen werden die verschiedenen Auffassungen überprüft, die der Autor unter der Bezeichnung „Geschichte ohne Zeitlichkeit“ zusammenfasst. Wie kommt es aber, dass der Mensch in der menschlichen Geschichte bis heute als Epiphänomen oder als „bloßes Zahnrad, in dem er die Rolle eines passiven Empfängers äußerer Faktoren erfüllt“, betrachtet wird? Was hat diesen Mangel an ausreichender Erklärung über die Zeitlichkeit motiviert und welcher Natur ist sie? Der Autor erklärt, dass die Historiologie nur in dem Maße zu einer Wissenschaft wird, wie sie diese Fragen beantworten und die notwendigen Voraussetzungen jeder historischen Überlegung klären kann, nämlich: Von welcher Geschichtlichkeit und von welcher Zeitlichkeit sprechen wir?
In der Einleitung zu diesem Werk heißt es: „Das Ziel in unserer Arbeit besteht darin, die notwendigen Voraussetzungen für eine Begründung der Historiologie zu klären. Es versteht sich, dass ein Wissen über die Zeitangaben geschichtlicher Ereignisse keine ausreichende Grundlage darstellt, um den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit zu erheben […]“. Die Historiologie kann nicht ohne ein Verständnis der Struktur des menschlichen Lebens auskommen, da die Historiologen und Historiologinnen, selbst wenn sie einfache Naturgeschichte schreiben wollten, gezwungen wären, sie aus menschlicher Sicht und mit einer menschlichen Interpretation zu strukturieren. Aber gerade das menschliche Leben ist Geschichtlichkeit, Zeitlichkeit, und das Verständnis dieser Zeitlichkeit ist der Schlüssel zu jeder historischen Konstruktion. Aber wie folgen die menschlichen Ereignisse aufeinander? Wie werden die einen zu anderen?
Es sind die Generationen, die in ihrer zeitlichen Akkumulation die Triebkräfte jedes historischen Prozesses darstellen, und obwohl sie in ein und demselben Moment koexistieren, sind ihre Prägungslandschaft, ihre Entwicklungslandschaft und ihre Landschaft des Kampfes unterschiedlich, da die einen vor den anderen geboren wurden. Scheinbar leben sie in derselben historischen Zeit wie die Kinder und die Alten, aber obwohl sie nebeneinander existieren, repräsentieren sie unterschiedliche Landschaften und zeitliche Akkumulationen. Andererseits entstehen die einen Generationen aus den anderen in einem biologischen Kontinuum, aber was sie kennzeichnet, ist ihre soziale und zeitliche Konstitution.
Beiträge zum Denken präsentiert sich uns als eine Struktur, in der die Kategorien von Raum und Zeit aus einer noch nie dagewesenen Perspektive betrachtet werden. In diesem Werk geht es nicht nur um eine begriffliche Sichtweise, sondern um die Rechtfertigung des menschlichen Handelns, das je nach den Antworten, die man auf die Fragen nach den beiden Grundkategorien gibt, einen unterschiedlichen Sinn erhalten wird.
Centro Cultural San Martin, Buenos Aires, Argentinien 4. Oktober 1990
Das soeben erschienene Buch Beiträge zum Denken zu kommentieren, scheint ein eher technisches Unterfangen zu sein. Und obwohl dies sicherlich die Art von Ansatz ist, der diese Thematik erfordert, sollten wir klarstellen, dass wir in der heutigen Präsentation versuchen werden, die inhaltlichen Kernpunkte der Schrift hervorzuheben, ohne dabei auf übermäßige Strenge Wert zu legen. Im Übrigen wird es eine kurze Präsentation sein.
Wie wir bereits wissen, besteht dieses Buch aus zwei Essays: Psychologie des Bildes und Historiologische Diskussionen. Wie diese Titel andeuten, handelt es sich bei diesen Essays um Reflexionen über Themen, die in die Bereiche Psychologie bzw. Geschichtsschreibung zu fallen scheinen. Und wie wir sehen werden, verbindet diese beiden Aufsätze das gemeinsame Ziel, den Grundstein für die Entwicklung einer allgemeinen Theorie des menschlichen Handelns zu legen, einer Theorie, die derzeit noch nicht ausreichend begründet ist. Wenn wir von einer Handlungstheorie sprechen, meinen wir nicht einfach das Verständnis der menschlichen Arbeit, wie in der Praxeologie von Kotarbinski, Skolimowski oder der polnischen Schule allgemein, obwohl ihnen sicherlich das Verdienst zukommt, sich in extenso mit dem Thema beschäftigt zu haben. Wir streben vielmehr danach, das Phänomen der Entstehung menschlichen Handelns, seiner Bedeutung und seines Sinns zu verstehen. Selbstverständlich mögen einige einwenden, dass menschliches Handeln keiner theoretischen Rechtfertigung bedarf; dass die Handlung eben der reine Gegensatz zur Theorie ist; dass die Dringlichkeiten des Augenblicks in erster Linie praktischer Natur sind; dass die Ergebnisse des Handelns an konkreten Leistungen gemessen werden und schließlich, dass dies nicht die Zeit weder für Theorien noch für Ideologien sei, da beide bereits ihr Scheitern und ihren endgültigen Zusammenbruch demonstriert haben und damit endlich den Weg für die konkrete Realität selbst frei machen – ein Schritt, der darauf ausgerichtet sein muss, die am besten geeigneten Umstände für das Erreichen der effektivsten Aktion zu wählen.
Dieses Durcheinander von Einwänden zeigt zweifellos einen zugrunde liegenden Pragmatismus, der, wie wir wissen, eine Denkweise ist, die täglich von jener anti-ideologischen Haltung verwendet wird, die ihren Beweis von der Realität selbst bezieht. Aber die Verteidiger einer solchen Haltung sagen uns nichts über diese sogenannte Realität, auf die sie sich berufen, oder über die Parameter, die sie verwenden, um die „Effizienz“ einer bestimmten Handlung zu messen. Denn wenn der Begriff von „Realität“ auf nichts anderes als eine grobe Bestätigung durch die Wahrnehmung reduziert wird, dann bleiben wir unter dem Einfluss eines Aberglaubens, der von der Wissenschaft bei jedem ihrer Entwicklungsschritte widerlegt wird.
Und wenn von der „Effizienz der Handlung“ die Rede ist, dann ist es zumindest gut festzustellen, ob der vermeintliche Erfolg der Handlung unmittelbar gemessen wird, also im Ereignis selbst endet, oder ob er an den Folgen gemessen wird, die sich auch dann noch weiterentwickeln, wenn die Handlung beendet ist. Denn wenn wir nur das Erste bejahen, dann lässt sich nicht feststellen, wie eine Handlung mit einer anderen verbunden ist. Dies lässt dann den Weg für Zusammenhanglosigkeit oder Widerspruch zwischen unserem Handeln im Moment B und unserem vorherigen Handeln im Moment A frei. Wenn andererseits das Handeln Konsequenzen hat, dann ist klar, dass es im Moment A erfolgreich sein kann und im Moment B schon nicht mehr. Auf die Gefahr hin, abzuschweifen und sogar das Niveau dieser Darstellung herabzusetzen, muss ich, wenn auch nur kurz, auf diese Ideologie antworten, die vorgibt, keine zu sein. Denn sie hat sich trotz ihrer mangelhaften Argumentation als öffentlicher Glaube installiert, was zu gedankenlosen Vorurteilen gegenüber Ideen führt, über die wir heute sprechen.
Wir unsererseits schätzen den Wert theoretischer Formulierungen, die sich auf das Problem des menschlichen Handelns beziehen, und stufen unsere Ideen innerhalb der ideologischen Haltungen ein, wobei wir als „Ideologie“ jeden Gedankenkomplex – ob wissenschaftlich oder nicht – verstehen, der zu einem Interpretationssystem für eine bestimmte Realität wird. Von einer anderen Perspektive aus gewinnen wir für uns eine vollkommene Unabhängigkeit bezüglich der im 19. Jahrhundert entstandenen Theorien zurück, die ihr Scheitern nicht nur im praktischen Sinne, sondern vor allem auch in der Theorie bewiesen haben. Also beeinträchtigt der Zusammenbruch dieser Ideologien aus dem 19. Jahrhundert keinesfalls die neuen Auffassungen, die heute im Entstehen sind – ganz im Gegenteil.
Darüber hinaus sagen wir, dass sowohl das von Daniel Bell in den Sechzigerjahren angekündigte Ende der Ideologien als auch das von Fukuyama kürzlich angekündigte Ende der Geschichte überholten Wahrnehmungen entsprechen. Sie beabsichtigen damit die Beendigung einer Diskussion, die sich ideologisch bereits in den Fünfzigerjahren erschöpfte. Dies selbstverständlich lange bevor manch spektakuläre politische Ereignisse der jüngsten Zeit diejenigen erschreckten, die – von den Annahmen der praktischen Erfolge hypnotisiert – den Lauf der Geschichte erst mit Verspätung zur Kenntnis nahmen. Deshalb ist dieser innewohnende Pragmatismus, dessen Wurzeln wir um 1870 im Metaphysical Club of Boston finden und den William James und Charles Peirce mit ihrer charakteristischen intellektuellen Bescheidenheit dargelegt haben, auch ideologisch längst gescheitert. Es bleibt jetzt nur noch, die erstaunlichen Ereignisse zu beobachten, welche diese Annahmen vom Ende der Geschichte und vom Ende der Ideologien bald zunichtemachen werden.
Nachdem nun das Ziel dieses Buches klar ist, nämlich die Grundlagen zum Aufbau einer allgemeinen Theorie des menschlichen Handelns zu legen, gehen wir zu den wichtigsten Punkten der ersten Arbeit Psychologie des Bildes über. Diese Arbeit versucht, eine Hypothese zu begründen, nach der das Bewusstsein weder Produkt noch Spiegelbild der Umgebungseinwirkung ist. Vielmehr versteht sie das Bewusstsein als etwas, das ausgehend von den Bedingungen, die ihm von eben dieser Umgebung auferlegt werden, schlussendlich ein Bild bzw. eine Gesamtheit von Bildern aufbaut, die in der Lage sind, menschliches Handeln zur Welt hin in Gang zu setzen und durch dieses Handeln die Welt zu verändern. Der Urheber bzw. die Urheberin der Handlung wird durch diese selbst verwandelt, und in dieser ständigen Rückkoppelung zeigt sich eine Subjekt-Welt-Struktur und nicht zwei getrennte Begriffe, die nur gelegentlich interagieren. Wenn wir also von „Bewusstsein“ sprechen, tun wir dies in einfacher Übereinstimmung mit dem psychologischen Blickpunkt, der durch das Thema des Bildes auferlegt wird. Gleichzeitig verstehen wir aber das Bewusstsein als das Moment der Innerlichkeit in der Öffnung des menschlichen Lebens in-der-Welt. In Übereinstimmung mit dem soeben Gesagten muss der Begriff „Bewusstsein“ im Zusammenhang zum konkreten Dasein verstanden werden und nicht von ihm getrennt, wie es bei verschiedenen psychologischen Strömungen der Fall ist.
Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit, die wir heute besprechen, ist die Bestimmung der Vorstellungsphänomene in Bezug zur Räumlichkeit, weil sich eben dank diesem Phänomen der menschliche Körper fortbewegen und schließlich auf seine charakteristische Weise in der Welt handeln kann. Würde uns die reflexologische Erklärung überzeugen, so hätten wir das Problem zumindest teilweise gelöst, aber es bliebe das Problem der verzögerten Reaktion auf Reize, also der aufgeschobenen Antwort, und dies erfordert eine umfassendere Erklärung. Und wenn wir von einer Variante ausgehen, bei der das Subjekt eine Entscheidung trifft, in eine Richtung zu handeln und nicht in eine andere, dann wird der Begriff des Reflexes so verwässert, dass er am Ende nichts erklärt.
Wenn wir nach Vorläufern für das Studium des in Verhaltensweisen umgewandelten Bewusstseins suchen, treffen wir auf mehrere Gelehrte und Denker, unter denen Descartes hervorsticht. In einem bemerkenswerten Brief an Christina von Schweden spricht Descartes von der Verbindungsstelle zwischen Denken und körperlicher Beweglichkeit. Fast dreihundert Jahre später führt Brentano den Intentionalitätsbegriff in die Psychologie ein, den seinerzeit die Scholastik bei der Besprechung von Aristoteles wiederaufgegriffen hatte. Aber erst bei Husserl wird das Studium der Intentionalität vertieft, besonders in seinen Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. In bester Tradition strenger Reflexion stellt dieser Autor nicht nur die Informationen der Außenwelt, sondern auch der Innenwelt infrage und öffnet so den Weg zur Unabhängigkeit des Denkens hinsichtlich der Materialität der Phänomene. Bis dahin war das Denken in einen Schraubstock gezwängt, einerseits vom absoluten Idealismus Hegels und andererseits von den sich gerade rasant entwickelnden Naturwissenschaften. Husserl wird nicht beim bloßen Studium der hylischen, stofflichen Information stehen bleiben, sondern er wird eine eidetische Reduktion durchführen, von der aus es kein Zurück geben wird. In Hinblick auf die Räumlichkeit der Vorstellung im Allgemeinen muss diese als eine Form betrachtet werden, von der die Inhalte nicht unabhängig sein können. Indem er die Größe des Bildes variiert, stellt Husserl fest, dass in jedem visuellen Bild die Farbe nicht unabhängig von der Ausdehnung sein kann. Dieser Punkt ist von grundlegender Bedeutung, weil er die Form der Ausdehnung als Voraussetzung jeder Vorstellung festlegt. Von dort greifen wir diese Aussage als theoretische Grundlage zur Formulierung der Hypothese des Vorstellungsraums auf.
All dies bedarf jedoch einiger zusätzlicher Erklärungen, auf die wir nur am Rande eingehen werden. An erster Stelle verstehen wir die Empfindung als die Registrierung, die man beim Aufspüren eines aus der äußeren oder inneren Umgebung stammenden Reizes hat, welcher den Arbeitstonus des betroffenen Sinnes verändert. Darüber
