Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Fantasiegeschichte Was passieren kann, wenn man bedenkenlos einen Stein aus dem Urlaub mit nach Hause nimmt. Hugo Glückstein tat es und erlebte anschließend Folgendes …
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 67
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Ich widme dieses Buch
Nicole Besinski,
David Bresinski,
Marilen und Jutta
Hugo Glückstein schaute hüstelnd auf das Fieberthermometer. „39,8 Fieber“ krächzte er seiner Frau Emma entgegen, während diese beschäftigt war, ihm Wadenwickel umzulegen. Nach getaner Arbeit schaltete sie die kleine Nachttischlampe an und er nahm bereits unklar wahr, dass Emma später wieder nach ihm schauen würde. Als sie gegangen war, döste er vor sich hin, sein Kopf dröhnte.
Plötzlich erschreckte ihn ein gleichmäßig, polterndes Geräusch. Als er den Kopf hob, um nach der Ursache zu schauen, traute er kaum seinen Augen: Es war ein gewöhnlicher, mit etwas Erde behafteter Pflasterstein, der sich mit Schwung plötzlich auf das Nachttischen schwang. Dabei baumelten seine Beinchen, die aus Kordeln bestanden, die so aussahen, wie der Große und herunter hingen. Glückstein war fassungslos und dachte: Nicht die Nerven verlieren jetzt, das ist das Fieber, das mich phantasieren lässt. Was passierte hier? Plötzlich wuchsen dem Pflasterstein auch kleine Arme, Augen öffneten sich und Glückstein verharrte vor sich hinstarrend, regungslos. „Gestatten, dass ich mich vorstelle“, sprach es aus dem Pflasterstein mit dunkler Stimme. Dabei verbeugte er sich leicht und etwas ungeschickt, so dass er plötzlich das Gleichgewicht zu verlieren drohte. „Ich bin Bel Anatole, den Du letztes Jahr aus seiner Heimat entführt hast“, schrie er plötzlich laut, mit kehliger Stimme. „Was soll das?“ Glückstein krächzte und nieste zur Bekräftigung. „Das werde ich Dir gleich sagen: Ich halte es in Deinem kahlen Garten nicht mehr aus! Die anderen Steine sind so anders als ich und wir können uns sprachlich nicht verständigen. Ich habe Heimweh“, jammerte er. „Ständig werde ich gebürstet, das, was Deine Frau kehren nennt und nass bin ich auch oft. Los ist auch hier selten etwas“. Mit verträumtem Blick fuhr er fort. „In meiner Heimat wärmte mich jeden Tag die Sonne und ich hatte ständig etwas zu schauen. Mittwochs z.B. trug die hübsche Francesca ihr Obst und Gemüse zum Markt. Meist wurde sie von den anderen Pflastersteinen lange vorher freudig angekündigt. Sie konnte so wunderschön singen, dass wir bedauerten, nicht dazu tanzen zu können. Auch des Nachts herrschte über unseren Köpfen rege Betriebsamkeit. Da gingen die Menschen aus und verbreiteten gute Laune unter uns. Manche Herren hatten hübsche Frauen bei sich und andere steckten ihnen diskret Münzen zu, die wir Sesterzen nannten. Wenn einer ungeschickt war, fiel ab und an eine der Münzen hin und wir ließen sie rasch zwischen den Rillen verschwinden. Sie kam dann direkt in die unterirdische Pflastersteinbank, die mein Onkel seit Jahrhunderten in der 8. Generation verwaltet“. Aha, dachte Glückstein benommen, Banker haben die auch! „Ich will nach Hause, verstehst Du“, brüllte Bel Anatole, der entführte und so unglückliche Pflasterstein, so dass Glückstein vor Schreck zusammenzuckte!
Nun schluchzte der Pflasterstein auch noch laut. „Jahrelang litt ich unter unsäglichem Reisefieber und sah manchem Reisenden sehnsüchtig nach, wünschte mir auch, irgendwohin zu müssen. Jahrein, jahraus fuhren sie über meinem Kopf hinweg und der Pflasterstein-Gott schien wohl eines Tages meine Gebete erhört zu haben, weil er Dich auf meinen Lebensweg schickte. Würde ich doch nur wieder die liebliche Heimatluft riechen, die Menschen lachen und schimpfen hören, den Mädels unanständig unter die Röcke schauen und mich respektvoll bei Beerdigungskonvois mit den anderen Pflastersteinkumpels bekreuzigen. Ach, bring mich doch zurück!“
Bel Anatole rollte mit den Augen, aus denen eine Träne kullerte. Diese löste dann etwas Erde auf und die Mischung verbreitete sich auf dem Nachttischchen. Glückstein schaute verstohlen auf den Schaden, wagte aber nicht, sich zu bewegen. „Ich gehöre hier nicht her, ich will in meiner Heimat begraben werden“, schluchzte er weiter. Dass er dabei an „Piedrina“ dachte, seine große Liebe, verschwieg er. Es hatte vor 30 Jahren zwischen ihnen gefunkt und es hätte nur noch 25 Jahre gedauert, bis sie hätten heiraten können, um kleine Pflastersteine zu bekommen. Sein steinernes Herzchen schmerzte. Sentimental und voller Mitgefühl musste auch Glückstein schluchzen und versprach unter Tränen, ihn während der nächsten Italienreise wieder dort in der Via Appia einzubuddeln, wo er ihn als Souvenir bedenkenlos geklaut hatte. „Liebling, was hast Du?“ Emma, seine Frau, stand unerwartet im Türrahmen, kam besorgt auf ihn zu und küsste zärtlich seine verschwitzte Stirn. „Ach nichts“, antwortete Glückstein weinerlich. „Aua, mein Kopf“, dabei schielte er verstohlen dahin, wo Bel Anatole soeben noch, mit den Beinchen baumelnd, gesessen hatte. „Morgen wird es Dir besser gehen“, flüsterte Emma, löschte das Licht und schlich sich auf leisen Sohlen aus dem Zimmer.
Der nächste Morgen! Glückstein blinzelte verstohlen zur Uhr. 9 Uhr! „Herrjeh!“ Jäh fuhr ihm der Schreck in die Glieder. „Verschlafen!“ Bevor er hastig seine Bettdecke zurückschlagen wollte, linste er verstohlen zu Emmas Bett. Die schien jedoch noch tief und fest in Morpheus Armen zu verweilen. „Ach ja, überlegte er, „es ist ja Samstag“. Durch diese Erkenntnis entspannt, schlug er die Beine hoch wieder ins Bett und atmete erleichtert auf. Das mollige Gefühl zwischen den Bettlaken steigerte sein Wohlbefinden, obwohl ihm immer noch die Knochen wehtaten. Die Halsschmerzen waren nicht mehr so intensiv. Emma hatte ihm gestern, bevor er einschlief, eines ihrer Seidentücher umgelegt. Sie schwor auf diese Methode und blieb bei ihrer Meinung, dass sich sein Gesundheitszustand dadurch bessern würde. Den Rat hatte sie einst von ihrer Großmutter Friederike, die in einer Epoche lebte, als man sich noch nicht bei jedem Wehwehchen eine Pille einwarf.
Bevor er sich wieder ein weiteres Schläfchen gönnte, erinnerte er sich plötzlich an den Pflasterstein auf seinem Nachttisch, der sich als „Bel Anatole“ vorgestellt hatte.
„Hm, Bel Anatole, klingt doch eher französisch“, sinnierte er. Übersetzt würde das „schöner Anatole“ bedeuten. Was Glückstein nicht wissen konnte, war, dass Bel Anatole einst im Mittelalter, als die Römischen Soldaten ein Land nach dem anderen eroberten, auf dem Rückweg durch die Meeresalpen, die man heute Côte d’Azur nennt, und zwar im damaligen Monoicos, er schon einmal von ihnen als Souvenir aus seiner Heimat ausgebuddelt wurde. Dass Bel Anatole vor einer anderen Tragödie aus seinem Leben, die Dir später offenbart wird, auch ein italienischer Soldat war, der unter Julius Cäsar gedient hatte, konnte niemand ahnen.
Da Bel Anatole, dem römischen Soldaten der ihn trug, auf dem Heimweg zu schwer und lästig geworden war, vergrub dieser ihn unbemerkt und schnell zwischen den anderen Pflastersteinen der „Via Appia“, wo er genau hineinpasste. Da er noch einige Flaschen köstlichen regionalen Wein in seinem Gepäck trug, entschied er sich dafür, den Wein zu behalten und den Stein loszuwerden. Nach längeren Integrationsprozessen verweilte Bel Anatole Jahrhunderte bis heute an dem Platz und wäre nicht Piedrina gewesen, die ihn sprachlich unterstützte und über die Gepflogenheiten der Pflasterstein-Wohngemeinschaft aufklärte, hätte es sicher noch hunderte von Jahren gedauert, bis er sich endgültig integriert hätte.
Durch den Zwangsumzug von Monoicos nach Rom entwickelte sich das, was man heute Fernweh nennt. In Junkersdorf jedoch, siegte dieses Gefühl bei Bel Anatole völlig und er entdeckte zum ersten Mal in seinem steinernen Herzchen Heimweh. Insgeheim ärgerte er sich über den Tag, an dem Glückstein ihn von dort entführt hatte. Dieser hatte dem Charisma von Bel Anatole, das er einst auch als Mensch besaß, nicht widerstehen können und ihn unbedingt nach Hause mitnehmen wollen.
Auch Steine haben so etwas wie eine Bindung an ihre Heimat. Egal, wo es auf der Welt ist. Viele gedankenlose Touristen wissen nicht, was sie anrichten, wenn sie Steine als Souvenir einstecken, die Jahrtausende an einem Ort lagen. Es ist wie bei Menschen, die aus völlig unterschiedlichen Kulturen plötzlich umziehen, sei es freiwillig oder zwangsläufig. Neues Klima, neue Sprache etc. Und glaube nicht, dass Steine auch untereinander, wenn ein Fremder plötzlich zwischen ihnen verweilt, anders reagieren als wir Menschen. Das Fremde ist für sie ebenso eine Bedrohung. Auch Steine verfügen an verschiedenen Orten über Möglichkeiten der Kommunikation. Ebenso sowie Rangordnungen und Gesetze.
Bel Anatole war auf der langen Reise quer durch Europa gespannt, wo er denn nun dieses Mal genau landen würde. Er war neugierig und weil Steine unsterblich sind, malte er sich aus, dass er von dort aus, sollte es ihm nicht gefallen, er immer wieder durch Gelegenheiten, die sich ergeben würden, wegkäme. Genau diese Erkenntnis machen Steine zu den geduldigsten Wesen auf unserem blauen Planeten.
